„Schwierige Neupositionierung des Militärs in Tunesien, Ägypten und Libyen“

Hanspeter Mattes in GIGA Focus Nahost, aus unser losen Reihe deutsche think tanks

Der ägyptische Präsident Mursi plädierte Anfang Mai 2013 für eine stärkere „Integration“ von Staat und Armee. Im Februar 2013 verlangte Libyens Großmufti Al-Ghariani, dass die primäre Loyalität der Streitkräfte nicht dem Staat, sondern Gott gelten müsse, und in Tunesien ist die Armee seit Jahresanfang 2013 im Grenzgebiet zu Algerien in Kämpfe mit bewaffneten Islamisten verwickelt. Solche Herausforderungen hatte es für das Militär unter den 2011 gestürzten Regimen nicht gegeben.

Nach dem Ausbruch der Proteste in Nordafrika 2010/2011 war das Verhalten der Streitkräfte entscheidend dafür, ob ein schneller Machtwechsel (Tunesien, Ägypten) stattfinden oder ein Bürgerkrieg (Libyen) ausbrechen würde. Auch nach den Umstürzen ging das Militär bei der Neugestaltung der zivilmilitärischen Beziehungen unterschiedliche Wege. Generell blieb offen, wofür es sich in der anhaltend instabilen Transformationsphase entscheiden wird: für politische Neutralität/Passivität oder für ein aktives Eingreifen zugunsten von einem der zahlreichen neuen Akteure.

- Vor 2011 bestand die Hauptaufgabe der Streitkräfte in der Sicherung der staatlichen Souveränität, während die Regimesicherung primär anderen Organen oblag ‒ in Libyen den Revolutionskomitees, in Tunesien und Ägypten den Staatssicher-heitsbehörden.

- In Tunesien ist das Militär seit dem Sturz von Präsident Ben Ali mit internen Sicherheitsaufgaben befasst; in der zunehmend gewaltförmigen Polarisierung zwischen Islamisten und Säkularen verhält es sich bislang politisch neutral.

- In Ägypten bewahrte das Militär nach dem Sturz von Präsident Mubarak seine zentrale Rolle als politische Vetomacht und Wirtschaftsfaktor. Die Interessen des Militärs wurden vom neuen islamistischen Präsidenten nicht angetastet. Die Armeeführung ignorierte umgekehrt Aufrufe der Opposition zur Entmachtung der Islamisten.

- In Libyen wird die Sicherheitspolitik von bewaffneten Milizen und nicht von der im Aufbau befindlichen neuen Armee bestimmt. Diese ist zu schwach, um die von der Regierung angestrebte Demobilisierung der Milizen durchzusetzen.

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„Israelischer Militär warnt vor Krieg mit Syrien“

Stuttgarter Zeitung

Tel Aviv – Zwischen Israel und Syrien kann nach den Worten des israelischen Luftwaffenchefs, Generalmajor Amir Eschel, jeden Augenblick ein Krieg ausbrechen.

„Wenn Syrien morgen zusammenbricht, – ich sage nicht, dass das passiert – könnten wir sehr schnell und sehr tief (in einen Krieg) hineingezogen werden“, zitierte ihn die „Times of Israel“ am Mittwoch bei einer Sicherheitskonferenz in Herzlija.

„Das große Waffenarsenal dort, das nur darauf wartet, geplündert zu werden, könnte sich in alle Richtungen verteilen, und dann müssten wir sehr schnell und in großem Umfang reagieren“, habe Eschel hinzugefügt. Erst am Vortag hatte Israels Generalstabschef Benny Gantz nach einem Schusswechsel mit syrischen Einheiten auf den Golanhöhen vor einem Krieg gewarnt.

Luftüberlegenheit sei der Schlüssel für einen Sieg, sagte Eschel. Deshalb habe der syrische Machthaber Baschar al-Assad auch große Summen für Luftabwehrsysteme ausgegeben. Das von Russland zu liefernde hochmoderne Abfangsystem vom Typ S-300 ist nach Eschels Worten „bereits unterwegs“ nach Syrien. „Wir müssen uns auf Raketen aus dem Gazastreifen, aus dem Libanon und von weiter entfernt gefasst machen.“

„Jihad, Niqab, Tyrannei“

Die tunesische Polizei hat einen Kongress von Ansar al-Sharia verhindert, die Ideologie der Salafisten verbreitet sich weiter.

Bernd Beier in der jungle world

Für die salafistisch-jihadistische Organisation Ansar al-Sharia war es ein Test, wie weit sie gehen kann: Am Sonntag wollte sie trotz eines vom tunesischen Innenministerium ausgesprochenen Verbots einen Kongress in Kairouan abhalten, wie bereits 2011 und 2012. Beim letzten Mal waren etwa 5 000 Personen anwesend, es erklangen Sprechchöre wie »Obama, Obama, wir sind alle Ussama« – eine Reminiszenz an Ussama bin Laden von al-Qaida.

Dieses Mal kam es nicht so weit. Eine beeindruckende Streitmacht der Polizei machte sich in Kairouan breit und verhinderte den Kongress. Aber in Ettadhamen, einer Banlieue von Tunis mit starker salafistischer Präsenz, versuchten Anhänger von Ansar al-Sharia, den Kongress zu improvisieren. Schwere Straßenschlachten waren die Folge, mindestens eine Person kam dabei ums Leben. Daran beteiligten sich neben einem harten Kern von Ansar al-Sharia – schätzungsweise 700 Personen – Jugendliche aus dem Stadtteil, insgesamt waren es 3 000 bis 5 000.

Nach Angaben des Innenministeriums wurden zwischen dem 17. und dem 19. Mai im ganzen Land 274 Personen verhaftet. Das steht in einem auffallenden Kontrast zur Politik, die die von der islamistischen Partei al-Nahda dominierte Übergangsregierung bislang gegenüber Ansar al-Sharia verfolgte. Die eher säkulare Opposition beschwerte sich regelmäßig über eine »laxe Haltung« oder ein »heimliches Einverständnis« der Regierung gegenüber den Salafisten, die sie als Sturmtruppen für die Islamisierung der Gesellschaft nutzen wolle. Tatsächlich hatte Ansar al-Sharia regelmäßig bei entsprechenden Vorfällen die Hand im Spiel – etwa bei der Verwüstung des Kinos Afric’Art in Tunis oder bei der Kampagne, an der geisteswissenschaftlichen Fakultät von Manouba den Niqab in Vorlesungen und Prüfungen durchzusetzen. Am 6. Februar wurde der linke Politiker Chokri Belaïd, ein Gegner der Islamisten, erschossen, die Regierung wurde in der Folge umgebildet, Schlüsselressorts wie das Innenministerium wurden mit Unabhängigen besetzt.

Doch die Lage eskalierte weiter. Nahe der algerischen Grenze verfolgen seit drei Wochen Nationalgarde und Militär zwei Gruppen von Jihadisten, etwa 15 Angehörige der Ordnungskräfte wurden durch Minen verletzt. Einem Kommissar wurde kürzlich, nachdem er gefoltert worden war, die Kehle durchgeschnitten, offenbar von Salafisten. Ansar al-Sharia versuchte derweil im ganzen Land, Propagandazelte aufzubauen, und verschärfte die Rhetorik: Al-Nahda und die Ordnungskräfte seien eine Verkörperung der gegen den Islam gerichteten »Tyrannei«, gegen die auch der bewaffnete Kampf legitim ist.

Der Honeymoon zwischen al-Nahda und Ansar al-Sharia scheint durch die Ereignisse in Kairouan einen Schlag erlitten zu haben. Aber die Positionen der Salafisten verbreiten sich weiter. Vorige Woche befand der Übergangspräsident Moncef Marzouki, ein ehemaliger Menschenrechtler, es sei für ihn nicht akzeptabel, dass Frauen Prüfungen nicht unter dem Niqab ablegen dürften. Am selben Tag legte die Staatsanwaltschaft gegen den Freispruch des Dekans der Fakultät in Manouba, Habib Kazdaghli, Berufung ein. Für die Opposition ist dies ein Testfall, inwieweit die Justiz sich gegen Säkulare funktionalisieren lässst

„Amina in Tunesien verhaftet – Femen auf Arabisch geht zu weit“

Einer tunesischen Femen-Aktivistin droht Haft. „Wir akzeptieren dieses Außenseiterverhalten nicht“, sagt ein Sprecher des Innenministeriums.

Reiner Wandler in der taz

Mut hat sie, die 19-jährige Tunesierin, die sich Amina Tyler nennt. Die als erste arabische Femen-Aktivistin bekannt gewordene Tunesierin begab sich am Sonntag ausgerechnet nach Kairouan. Dort hatte die salafistische Gruppe Ansar al-Scharia zu ihrem verbotenen Jahreskongress aufgerufen. Sie malte das Wort „Femen“ auf eine Friedhofsmauer unweit des geplanten Tagungsortes der Salafisten, der Moschee Oqba-Ibn-Nafaa.

Mut hat sie, die 19-jährige Tunesierin, die sich Amina Tyler nennt. Die als erste arabische Femen-Aktivistin bekannt gewordene Tunesierin begab sich am Sonntag ausgerechnet nach Kairouan. Dort hatte die salafistische Gruppe Ansar al-Scharia zu ihrem verbotenen Jahreskongress aufgerufen. Sie malte das Wort „Femen“ auf eine Friedhofsmauer unweit des geplanten Tagungsortes der Salafisten, der Moschee Oqba-Ibn-Nafaa.

Amina, deren echter Nachname nicht bekannt ist, wollte anschließend eine Femen-Fahne am Gebäude anbringen. Bevor sie einer Meute aufgebrachter junger Männern in die Hände fiel, wurde sie verhaftet. Die umstehende Menge beschimpfte die junge Frau mit blondgefärbtem Haar und kurzen Hosen als „Schlampe“.
In Kairouan waren am Sonntag insgesamt 11.000 Polizisten im Einsatz, um das Salafistentreffen zu verhindern. In der heiligen Stadt und in Tunis kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen, bei denen ein Anhänger der Salafisten ums Leben kam.

„Die junge Frau wurde unter Anweisung des Innenministeriums in Haft genommen. Unsere Gesellschaft ist islamisch. Wir akzeptieren dieses Außenseiterverhalten nicht“, sagte ein Sprecher des Innenministeriums.

Jetzt drohen Amina wegen „unmoralischem Verhaltens“ bis zu sechs Monate Gefängnis. Die Tunesische Vereinigung Demokratischer Frauen (ATFD) kündigte an, die Verteidigung von Amina übernehmen zu wollen. Ihre Aktion stelle keinen Gesetzesverstoß dar, sondern „verteidigt die Bürgerrechte“, sagte ATFD-Vorsitzende Ahlem Belhaj.

Islamisten drohen ihr mit dem Tod
Amina hatte schon im März Oben-ohne-Fotos ins Internet gestellt. Ihr Körper zierte der Spruch „Mein Körper gehört mir, er ist niemandes Ehre“ und „Fuck your morals“. Tyler bekannte sich zur ukrainischen Bewegung Femen, die immer wieder durch Oben-ohne-Auftritte für Schlagzeilen sorgt. Seit der Veröffentlichung der Fotos wird die junge Tunesierin von radikalen Islamisten mit dem Tode bedroht. Ihre Familie verschleppte sie und hielt sie im Haus ihrer Großmutter in Kairouan fest, bis ihr vor wenigen Wochen ein Fluchtversuch gelang.

In einem Videogespräch mit einer der Femengründerinnen berichtete Amina nach ihrer Flucht von Schlägen seitens eines Cousins und eines Onkels. Außerdem hätten sie die Frauen der Familie gewaltsam einem Jungfräulichkeitstest unterzogen. „Ich lese nicht den Koran. Ich bin Atheistin. Sie legten mir die Hand auf den Kopf und lasen mit aus dem Koran vor. Sie brachten mich jeden Tag zum Imam“, berichtet die junge Frau. Sie kündigte weitere Aktionen an, „bevor ich Tunesien verlasse“.

Das Schicksal Aminas hat internationale Solidarität hervorgerufen. Dutzende von Frauen stellten eigene Topless-Fotos mit Solidaritätsparolen ins Netz. In Paris verbrannten drei barbusige Femen-Aktivistin mit verhülltem Gesicht vor der Großen Moschee eine schwarze Fahne mit der Aufschrift „Es gibt keinen Gott außer Gott und Mohammed ist sein Prophet“, wie sie von de Salafisten benutzt wird. Fotos von der Aktion und von Übergriffen seitens der beiden Moschee-Wächter auf der Seite der Nachrichtenagentur AFP wurden von Facebook zensiert. Es handle sich um einen Verstoß gegen die Regeln hinsichtlich Nacktfotos, hieß es.

Berlin: Veranstaltung Grenzregime im Mittelmeerraum

Info- und Diskussionsveranstaltung zum Grenzregime im Mittelmeerraum 20 Jahren nach der faktischen Abschaffung des Grundrechts auf Asyl in Deutschland sind viele Abschottungsmechanismen gegenüber flüchtenden Menschen in bedeutendem Maße europäisiert worden. Die Zustände in zypriotischen und tunesischen Transit- und Abschiebelagern sind ein Gradmesser für die sozialen Folgen dieser Entwicklung. Sie stellen die ethische Fundierung der EU grundsätzlich in Frage.

Aus unterschiedlichen Perspektiven wollen wir das EU-Grenzregime im
Mittelmeerraum bei unserer Info- und Diskussionsveranstaltung am 27. Mai
(19:30 Uhr) im taz Café beleuchten. Nach einem Überblick über die
jüngsten asyl- und sicherheitspolitischen Entwicklungen an den
Außengrenzen der Europäischen Union durch den Journalisten Matthias
Monroy werden zwei weitere Referent_innen ihre jeweiligen
Grenz-Erfahrungen schildern: Der Menschenrechtsaktivist Emmanuel Gatoni
musste selbst anderthalb Jahre lang in einem Transitlager an der
libysch-tunesischen Grenze leben, wird von seinen persönlichen
Erfahrungen mit dem Grenzregime und der aktuellen Situation im Lager
Choucha berichten. Nora Brezger vom Flüchtlingsrat Berlin wird von einer
Recherchereise berichten, mit der die Kontakt- und Beratungsstelle für
Flüchtlinge und MigrantInnen (KuB) die Lebensbedingungen von
Asylsuchenden in Zypern untersucht hat.

Es diskutieren:
Emmanuel Gatoni: Menschenrechtsaktivist
Nora Brezger: KuB e.V. & Flüchtlingsrat Berlin
Matthias Monroy: Journalist

Die Podiumsbeiträge werden in Deutsch und Französisch gehalten. Es wird
eine Übersetzung in die Sprachen Englisch, Französisch und Deutsch
stattfinden.

Die Veranstaltung findet statt im taz Café (Rudi-Dutschke-Straße 23,
Kreuzberg, U-Bhf. Kochstraße).

27. Mai
19:30 Uhr

Eine Veranstaltung der Gruppe FelS – Für eine linke Strömung
im Rahmen der Kampagne „Fight Racism Now!“

„Jordanien macht Grenze für syrische Flüchtlinge dicht“

Seit sechs Tagen würden an den vier inoffiziellen Übergangsstellen zur süd-syrischen Provinz Deraa keine Flüchtlinge mehr ins Land gelassen

Der Standard

Amman – Jordanien hat vor der internationalen Syrien-Konferenz in seiner Hauptstadt Amman die Grenze für syrische Flüchtlinge dichtgemacht. Seit sechs Tagen würden an den vier inoffiziellen Übergangsstellen zur süd-syrischen Provinz Deraa keine Flüchtlinge mehr ins Land gelassen, berichteten Diplomaten und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen am Dienstag. Der offizielle Grenzübergang Dschaber sei weiter offen. Nach Angaben eines syrischen Mitarbeiters einer Flüchtlingshilfe lässt Jordanien nur noch verletzte Syrer ins Land. In dem von Rebellen gehaltenen Grenzort Nasib seien mindestens 1000 Flüchtlinge gestrandet, berichtete der Mitarbeiter per Telefon aus dem Ort. Die jordanischen Grenzsoldaten hätten sie ohne Angaben von Gründen zurückgewiesen.

Ein westlicher Diplomat sagte, die Maßnahme hänge mit dem Treffen der „Freunde Syriens“ am Mittwoch in Amman zusammen. Dort wollen die Außenminister der Unterstützerstaaten der Rebellen über Möglichkeiten für eine politische Lösung des Syrien-Konflikts beraten. Seit mehr als zwei Jahren kämpfen verschiedene Rebellengruppen gegen Präsident Baschar al-Assad. Rund 1,5 Millionen Menschen sind seither auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg. Jordanien hat über 470.000 Flüchtlinge aus dem Nachbarland aufgenommen. „Die Jordaniener sind besorgt um ihre Sicherheit und wollen mit solchen Signalen die internationale Gemeinschaft darauf aufmerksam machen, welch große Last sie mit den Flüchtlingen schultern“, sagte der Diplomat.

„Viele junge Araber haben sich völlig von der Religion abgewandt“

Thomas Pany auf telepolis

Arabischer Atheismus: Eine wachsender Gegentrend, der sich die Revolution zurückholt?

Sie sind klar in der Minderheit, aber sie existieren: Atheisten in arabischen Ländern. Mit dem Aufkommen von sozialen Netzwerken haben sie eine Plattform gefunden, um der Zensur zu entgehen. Zwischen 2009 und 2010 wurde das Arab Atheist Network gegründet. Auf Facebook findet sich beispielsweise die Arab Atheist Alliance. Die Gegnerschaft der militanten Glaubenseiferer ist groß und die Atheisten haben in manchen Ländern bei Entdeckung die Todesstrafe zu befürchten.

Laut einem saudi-arabischen Atheisten bieten Twitter und Facebook die Gelegenheit, Treffen zu organisieren: „Auch wenn sie wirklich kaum zu bemerken sind, wenn Sie sich einmal zu einem solchen Treffen begeben, werden Sie schockiert sein, wie viele es sind und welche Gesellschaftsschichten sie repräsentieren.“

Es sei unwahrscheinlich, dass die westlichen Medien davon Notiz nehmen, aber es scheint ganz so, als ob der arabische Atheismus derzeit eine Erneuerung erfahre, beobachtet der in den USA lebende arabische Autor und Professor für politische Wissenschaft As‘ad AbuKhalil in seiner Kolumne für die Zeitung Al-Akhbar. Auch er verweist darauf, dass sich das Phänomen längst im Internet zeige, wo entsprechende Seiten immer populärer würden.

Angry Arab: Ahnungslose Medien

Der Autor, bekannt unter dem nom de guerre „Angry Arab“ – durch das gleichnamige Blog –, wird seinem Namen gerecht, indem er seinen Zorn auf die von politischen Interessen und Beschränkungen verstellte Berichterstattung im Westen wie in arabischen Ländern äußert. Die westlichen Medien seien diesbezüglich wieder einmal ahnungslos und die, entweder vom saudi-arabischen oder vom katarischen Herrscherhaus dominierten, arabischen Medien würden den missliebigen Trend ignorieren.

Ob es Wunschdenken ist oder genaue Beobachtung, wird sich zeigen. Jedenfalls sieht AbuKhalil, dem eine gewisse Sympathie zu Hegel in seinen Publikationen abzulesen ist, eine Dialektik am Werk, die angesichts der gegenwärtigen Lage in Ägypten, Syrien oder Tunesien nicht jedem ersichtlich ist. Die Haupthese seiner Kolumne lautet nämlich, dass die Machtübernahme der Muslimbrüder in Ägypten und Tunesien (!) von kurzer Dauer sein wird, weil sie, ebenso wie die öffentlichen Auftritte der Salafisten in vielen arabischen Ländern, einen „gegenläufigen Effekt gehabt haben“. Die Vergangenheitsform hat AbuKhalil mit Bedacht gesetzt. Nach seiner Auffassung hat die Wirkung schon eingesetzt, hat sich das Rad der Geschichte bereits in die andere Richtung bewegt:

Viele junge Araber haben sich völlig von der Religion abgewandt.

Ob die Aktion der tunesischen Femenaktivistin Amina („Man muss gegen diese Plage kämpfen, um unsere jungen Mädchen zu retten“), die in der symbolträchtigen Stadt Kairuan ihre Brüste entblößte und angeblich die Mauer der berühmten Moschee mit einem Graffiti um ein neues Symbol bereichern wollte, tatsächlich ein signifikantes Zeichen für den neuen Aufbruch ist und keine sporadische Einzelaktion ist, sei dahingestellt. AbuKhali nimmt sich die Freiheit des Kolumnisten und erkennt, ohne dies deutlich belegen zu müssen, in den Nacktprotesten, die es auch in Ägypten gebe, trotz deren Oberflächlichkeit ein Zeichen für einen mutigen Trend, der sich von der Religion nicht einschüchtern lässt.

Die zivilen, säkularen Mobilisatoren der Aufstände

Auch die Aussage eines ägyptischen Aktivisten, der davon spricht, dass es einen weit verbreitete Abneigung gegen religiöse Personen und sogar bärtige Personen gebe, dass säkulare und kommunistische Bücher von jüngeren nachgefragt würden, dass sich Bauern in seinem Dorf kategorisch weigern, den Bärtigen oder Religiösen eine Stimmezu geben und das Facebookseite Arab atheists kürzlich 347 Zugänge aus Ägypten verzeichnete, ist die Stimme eines Einzelnen, die von AbuKhalil als Teil einer größeren Bewegung gesehen wird.

Aber der Politikprofessor trifft einen interessanten Punkt, wenn er auf etwas aufmerksam macht, was in den letzten Monaten völlig aus den Medien verdrängt wurde: Dass die Aufstände in den arabischen Ländern zu einem wesentlichen Teil von Personen und Organisationen, z.B. in Tunesien wie in Ägypten von Gewerkschaften, getragen wurden, die keine religiöse Weltanschauung im Gepäck hatten. Die Revolution sei später gekapert worden, entrüsteten sich ägyptische Aktivisten schon vor vielen Monaten und die Empörung in Tunesien flammte die letzten Tage noch einmal hoch, als Islamisten Sätze äußerten, die die Revolution für sie reklamierten.

Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen – die nächste Welle?

Dass hier – in der Rivalität zwischen den Muslimbrüdern und der Jugend sowie den säkularen Bewegungen, die die Aufstände initiiert und weitergetragen haben, das letzte Wort noch nicht gesprochen ist, davon dürfte nicht nur AbuKhalil überzeugt sein. Auch sein Verweis auf eine gar nicht so alte säkulare Tradition in arabischen Ländern, auf die kommunistischen Parteien z.B. in Ägypten und im Irak, auf kommunistische oder linke Widersacher Baschar al-Assads („(in Syria, those communists suffered early imprisonment and repression by the regime, which prefers to face Islamists of the various kinds“), auf Gewerkschaftsbewegungen, auf den Nasserismus zeugt von einer nicht-religiösen politischen Kraft, die der gegenwärtigen islamistischen Welle gegengerichtet ist. AbuKahlil traut ihr mehr zu als ihren linken Vorgängern im letzten Jahrhundert:

The new leftists and communists, and secularists in general, are far more brave and daring than the discredited class of orthodox Stalinist Marxists who — under strict orders from Moscow — did not wish to challenge religious authorities and did not wish to spread atheist beliefs.

Ob und in welcher Stärke diese Gegenbewegung sich politisch aufzurichten versteht, ist schlecht auszumachen. Der Angry Arab, der in seinem Kommentar auf eine große klassisch-moderne Tradition säkularer Denker in arabischen Ländern Anfang des 20.Jahrhunderts hinweist, die den säkularen Bewegungen in den 1960ern voranging, gibt sich selten mit dem Mittelmaß der Gegenwart zufrieden – er sieht die nächste große Welle am Horizont aufziehen:

Es gibt Zeichen, dass die arabischen Aufstände und der Aufstieg zur Macht der Islamisten in einigen arabischen Ländern den Anfang zu einer neuen politischen und intellektuellen Ära gelegt haben: die (zweite) Epoche des modernen arabischen Atheismus.

„Wir sollten mit Russland nach Syrien hineingehen“

Der frühere US-Senator Richard Lugar macht im „Welt“-Interview einen spektakulären Vorschlag: Washington und Moskau sollten eine gemeinsame Militäraktion starten, um syrische C-Waffen zu zerstören.

Ansgar Graw , Washington in der WELT

Die Welt: Senator Lugar, sind die USA eine Supermacht im Niedergang – oder für die überschaubare Zukunft die einzige Weltmacht?

Richard Lugar: Ich denke, sie sind für die überschaubare Zukunft die einzige Weltmacht. Vor allem, weil die USA über eine Marine verfügen, die die Freiheit der Seewege für den Handel sichert, und zwar für alle Länder. Das ist entscheidend für die Weltwirtschaft.

Die Welt: Aber davon profitieren in der Tat alle. Die Vereinigten Staaten bezahlen für das Wachstum der anderen?

Lugar: Ja. Aber der zweite Aspekt ist, dass die USA als einzige Nation Truppen in großer Zahl in jeden Winkel der Erde transportieren können. Viele europäische Verteidigungsetats werden zurückgefahren. Unsere Schiffe können hingegen überall präsent sein. Wir haben damit das Sagen auf hoher See – oder aber doch zumindest die Fähigkeit, jederzeit und überall die Situation zu kontrollieren, wenn wir den politischen Willen und das Interesse haben.

Die Welt: Dann kommen wir zum politischen Willen. Amerika will sich offenkundig nicht in Syrien engagieren und stoppt den Iran nicht bei seinem offenkundigen Versuch, Atomwaffen zu entwickeln. Untergräbt das nicht die Glaubwürdigkeit der USA?

Lugar: Aus meiner Sicht ist das keine Frage von Glaubwürdigkeit. Es ist eine Frage von wohlüberlegter Diplomatie und wohlüberlegter Außenpolitik. Um zunächst zum Iran zu kommen: Wir sind seit langer Zeit besorgt über die dortige Entwicklung und greifen vor allem mit unseren europäischen Verbündeten zu harten ökonomischen Sanktionen, die der Wirtschaft des Iran massiv zusetzen.

Die Welt: Ist der Iran so dicht an der Atombombe, dass ein Militärschlag unausweichlich wird?

Lugar: Ich will jetzt nicht auf Details eingehen. Aber unsere Geheimdienste verfolgen, gemeinsam mit verbündeten Diensten, die Fortschritte dort ausgesprochen exakt. Das ist wichtig. Denn wir erinnern uns, dass seinerzeit selbst jemand mit dem Wissen von Colin Powell vor dem UN-Sicherheitsrat aussagte, der Irak verfüge über Massenvernichtungswaffen, und auf dieser Basis autorisierte der Kongress Präsident Bush zu einem Krieg, der fast zehn Jahre dauern sollte.

Saddam Hussein war ein schrecklicher Diktator, er unterdrückte sein Volk und bedrohte andere – aber er hatte keine Massenvernichtungswaffen. Darum denken in der aktuellen Situation die USA und andere Nationen sehr aufmerksam über einen möglichen Krieg oder Konflikt und über deren Konsequenzen nach – auch für uns und Israel.

Die Welt: Sie sind optimistisch, dass die Sanktionen ausreichen, um den Iran von seinen Atomplänen abzubringen?

Lugar: Es sind ja nicht nur Sanktionen. Hinzu kommen die bevorstehenden Präsidentenwahlen. Ich glaube keineswegs, dass deren Ergebnis alles ändern wird. Aber wir haben bei der vorigen Wahl gesehen, wie die Menschen auf die Straßen drängten, was im Internet los war und in den sozialen Netzwerken. Derartige Aktivitäten könnten diesmal zu einem tatsächlichen Wandel in der Politik führen.

Zudem wissen Sie ja, dass es auch recht erfolgreiche Cyber-Attacken gab, um das Nuklearprogramm zumindest zu verzögern. Es könnte weitere geheimdienstliche Operationen geben, die keinen massiven Truppeneinsatz erfordern.

Die Welt: Im Falle Syriens stellen Sanktionen keine Lösung dar.

Lugar: Die USA könnten sich von ihrem militärischen Potenzial her erneut engagieren, wie wir das im Irak oder in Afghanistan taten. Wir könnten erneut versuchen, die verfeindeten Parteien, von der sunnitischen Mehrheit über die bislang regierende alawitische Minderheit bis zu Schiiten und Christen, zusammenzubringen und Demokratie und Infrastruktur zu entwickeln. Aber das wäre wohl keine weise Entscheidung.

Wir sollten stattdessen gemeinsam mit den Vereinten Nationen und einigen europäischen Staaten versuchen, die Katastrophe zu mildern durch Nahrung und sonstige Hilfe für die Flüchtlinge. Ich persönlich glaube nicht, dass wir uns einen Weg erkämpfen könnten zu einer funktionierenden Regierung, die die Rechte aller dort Lebenden respektieren würde.

Die Welt: Ein Engagement in Syrien könnte der Glaubwürdigkeit der USA also mehr schaden als Tatenlosigkeit?

Lugar: Ja, das glaube ich. Ungefähr 70.000 Menschen sind bislang im syrischen Bürgerkrieg gestorben, und das ist schlimm. Aber im Irak starben während der Zeit unseres Engagements 300.000 Menschen. Wir versuchten, die Menschen dort voreinander zu schützen, aber das Problem war, dass die Sunniten weiterhin die Schiiten attackierten und umgekehrt. Wir waren mit 100.000 Soldaten vor Ort, doch das stoppte die Kämpfe nicht. Als wir abzogen, ging der Krieg im Land immer noch weiter. Und das infiziert Syrien, um zu Ihrer Frage zurückzukehren.

Die schiitischen Regierungen beider Länder identifizieren sich miteinander, und die Sunniten im Irak mit den Rebellen in Syrien. Daneben gibt es in beiden Ländern die Kurden. Diese Situation stellt nicht nur den Bestand Syriens infrage, sondern könnte den Irak und andere Staaten infizieren.

Die Welt: Umso wichtiger, sagen viele Beobachter, ist eine Intervention zum Schutz der Menschen.

Lugar: Es wirkt gewissenlos zuzusehen, wenn Menschen einander töten. Aber das Dilemma ist, dass die Menschen dort aufeinander schießen, weil sie aufeinander schießen wollen. Keine Militäraktion könnte das stoppen, fürchte ich.

Die Welt: Sollten die USA zumindest Waffen an die Rebellen liefern?

Lugar: Das ist eine Frage mit internationalen Auswirkungen, wie wir gesehen haben. In Libyen haben wir den Aufständischen schließlich Waffen geliefert – und manche davon geistern immer noch durchs Land und vielleicht andere afrikanische Länder. Die könnten beispielsweise in Mali auftauchen. Wir haben unsere Geheimdienste nach Libyen geschickt, um die Fährten zu verfolgen. Es ist problematisch, Waffen an disparate Gruppen zu liefern, die nicht die Fähigkeit haben, sie zu kontrollieren.

Die Welt: Kommt eine Flugverbotszone unter Einsatz der US Air Force infrage?

Lugar: Nein, auch in diesem Fall würden wir amerikanische Piloten in Gefahr bringen, ohne eine sinnvolle Lösung des Problems erwarten zu können. Im Falle Libyens ging das, weil Gaddafi keine starke Luftwaffe besaß. Im Falle Syriens ist das anders.

Die Welt: Wenn den USA so wenig Spielraum bleibt, war es dann ein Fehler von Präsident Obama, den Einsatz von C-Waffen als „rote Linie“ zu definieren?

Lugar: Wahrscheinlich. Obama fühlte sich wahrscheinlich unter Druck gesetzt durch Äußerungen einiger ihm nicht wohlgesinnter Politiker…

Die Welt: …Senator John McCain zum Beispiel?

Lugar: …ja, ein gutes Beispiel, die von Obama ein stärkeres Engagement forderten. Möglicherweise deswegen zog der Präsident die rote Linie in Bezug auf die Chemiewaffen. Aber auch da bleiben viele Fragen. Wurden Chemiewaffen eingesetzt? Und wenn ja, von den Regierungstruppen oder von den Rebellen? Oder von beiden?

Die Welt: Chemiewaffen wären besonders gefährlich, wenn sie etwa in die Hände von Dschihadisten fielen.

Lugar: Das ist eine reale Gefahr. Als ich im August in Russland Gespräche über die Fortsetzung verschiedener Abrüstungsprogramme führte, habe ich meinen Partnern gesagt, die syrischen Chemiewaffen seien ein internationales Problem. Die Vereinigten Staaten und Russland haben viel Erfahrung in der wechselseitigen Vernichtung ihrer Chemiewaffenarsenale. Darum sollten wir, das ist mein Vorschlag, zusammen mit Russland nach Syrien hineingehen, die Chemiewaffen sicherstellen und zerstören.

Die Welt: Eine solche Mission könnte während des Bürgerkrieges stattfinden?

Lugar: Der Bürgerkrieg könnte sich zu einem lang anhaltenden Konflikt entwickeln. Es wäre problematisch zu warten, bis er aufhört.

Die Welt: Haben Sie diesen Vorschlag Außenminister John Kerry gemacht?

Lugar: Wahrscheinlich hörte er von meinem Vorschlag, als ich in Russland war. Aber ich habe mich nie mit John speziell darüber unterhalten.

Die Welt: Kerry und sein russischer Amtskollege Sergej Lawrow wollen eine Syrien-Konferenz unter Beteiligung von Vertretern der Rebellen und der Regierung. Bedeutet das nicht, dass das Assad-Regime in den Augen auch der USA ebenso sehr wie die Rebellen legitimiert ist, für Syrien zu sprechen?

Lugar: Unabhängig von der Frage, wer am Ende teilnimmt, begrüße ich John Kerrys konstruktiven Vorschlag, die Russen einzubinden, und wir wissen, dass sie das syrische Regime unterstützen. Aber es bleiben viele Fragen. Wenn Vertreter der Rebellen zur Konferenz kämen, würden sie sicher dort getroffene Vereinbarungen mittragen. Aber daneben gibt es andere Rebellengruppen, die sich an derartige Absprachen nicht halten würden.

Sie führen Krieg nicht nur gegen Assad, sondern auch gegen andere Fraktionen der Rebellen. Und dann sind da die Alawiten, die sagen: „Wir werden auf Leben und Tod kämpfen, weil wir wissen, dass nach dem Kampf auf uns die Vernichtung wartet.“

Die Welt: Vor der Präsidentenwahl 2008 zählte der damalige Senator Barack Obama Sie zu den wenigen Personen, die seine außenpolitischen Ideen geformt hätten. Er sagte, Sie würden im Falle eines Wahlsieges zu den Leuten gehören, die ihn im Weißen Haus umgeben. Wie oft bat er um Ihren Rat?

Lugar: Tatsächlich gab es nur sehr, sehr wenige Anrufe. Dennoch haben wir ein gutes Verhältnis.

Die Welt: Wir bewerten Sie Obamas außenpolitische Bilanz?

Lugar: Das Resultat ist aus meiner Sicht ausgewogen. Der Präsident hat eine recht stabile internationale Lage geschaffen. Das Problem aber liegt, und das ist nicht allein der Fehler des Präsidenten, in der festgefahrenen Situation im Kongress. Wohl deswegen ist der Präsident in der Außenpolitik mehr und mehr dazu übergegangen, einseitig zu entscheiden. Ein Beispiel ist der Libyen-Einsatz, und da hatte er mich in der Tat konsultiert.

Wir waren unterschiedlicher Meinung. Ich fragte den Präsidenten: „Was ist das nationale Sicherheitsinteresse der USA, wenn wir Waffen, Truppen oder Geld nach Libyen schicken wollen?“ Der Präsident sagte: „Das ist nicht der Punkt. Es geht um die humanitäre Situation. Muammar al-Gaddafi wird wahrscheinlich seine Leute von Haus zu Haus schicken, um Menschen zu töten. Und unsere Nato-Verbündeten bitten um unsere Unterstützung.“

Die Welt: Nicht alle Verbündeten. Deutschland stand abseits.

Lugar: Ja. Aber Franzosen und Italiener hatten beträchtliche Interessen in Libyen. Und die Arabische Liga verfasste eine Resolution. Darum sagte der Präsident: „Keine Bodentruppen und keine Air Force im libyschen Luftraum. Aber wir können die Flugzeuge unserer Verbündeten betanken und humanitäre Hilfe leisten.“ Das machte er dann, ohne den Kongress einzubinden. Es gab keine Kriegserklärung oder zumindest Resolution, die den Präsidenten zu irgendetwas autorisiert hätte. Als der Kongress auf den War Powers Act verwies…

Die Welt: …das Gesetz von 1973, das den Einsatz der Streitkräfte durch den Präsidenten regelt…

Lugar: …schickte der Präsident seine Leute rüber, die argumentierten, das Gesetz komme hier nicht zum Tragen, weil es um die Vermeidung einer drohenden humanitären Katastrophe gehe. Das wurde dann zunehmend zur Regel. Der Präsident ist der Meinung, er kann diese Entscheidungen ohne Einbindung des Kongresses treffen,

Die Welt: Obama, der Bush vorwirft, er habe unilateral ohne Einbindung der Vereinten Nationen gehandelt, agiert unilateral ohne Einbindung des Kongresses?

Lugar: Er würde widersprechen und sagen: „Ich habe die Führer im Kongress informiert und das Verteidigungsministerium um das Geld gebeten.“ Ich glaube aber, das macht ihn im Fall Syriens vorsichtiger bei der Frage militärischer Aktionen jeder Art. Ich denke, er fühlt, dass er nicht die Unterstützung des Kongresses hätte und erst recht nicht die des amerikanischen Volkes.

Die Welt: Sollten die USA aber doch in den Syrien-Krieg hineingezogen werden, würde es ihnen dann an Kräften fehlen, um im Falle eines möglicherweise parallel ausbrechenden israelisch-iranischen Konfliktes Jerusalem zu unterstützen?

Lugar: Das muss ein Aspekt unserer Überlegung sein. Ich habe zu Beginn unseres Gespräches betont, dass wir das einzige Land sind, das in der Lage ist, Truppen in jeden Winkel der Welt zu schicken. Aber auch unsere Ressourcen sind nicht unbegrenzt. Zudem ist unsere Öffentlichkeit skeptisch gegenüber der Idee, nach Afghanistan und den Irak eine weitere Militäraktion zu starten mit neuen Risiken – mal ganz abgesehen von den Haushaltsproblemen des Verteidigungsministeriums.

Die Welt: Beeinträchtigen die Etatkürzungen infolge der Sequestration die militärischen Fähigkeiten der USA?

Lugar: Wir müssen das berücksichtigen. Andererseits möchte ich das nicht überbewerten. Wenn Kriege oder Konflikte unvermeidbar sind, bringen wir Geld auf für die Streitkräfte, die wir brauchen. Das haben wir nach dem Al-Qaida-Angriff von „9/11″ gesehen. Die Amerikaner haben sehr schnell reagiert.

Was wir tun müssen, tun wir. Aber derzeit versucht das Pentagon in Übereinstimmung mit der gesamten Regierung, unser Haushaltsdefizit zu vermindern. Das bedeutet, dass wir aktuell einige Waffenprogramme stoppen und einige Leute weniger auf den Gehaltslisten des Pentagon haben werden.

Die Welt: Ein US-Engagement in Syrien wird vor allem diskutiert unter dem Blickwinkel des Schutzes von Menschen- und Minderheitenrechten. Aber im Irak und in Ägypten sahen wir, dass der Sturz von Diktatoren nicht die Einhaltung aller Menschen- und Minderheitenrechte durch die neuen Machthaber garantiert.

Lugar: In der Tat, es ist schwer vorauszusagen, ob sich Menschenrechte verbessern oder nicht. Im Nahen Osten, in dem Demokratie nur bedingt auf Geschichte und Kultur aufbauen kann, wird es einige Zeit und Bildung brauchen, bis Stammesgegensätze und religiöse Animositäten überwunden sind. Und bislang ist nicht klar, ob dies zu unseren Lebzeiten der Fall sein wird.

„Was passiert in Al-Qusayr?“

Nils Metzger auf zenith online

Gewinnt das Regime in Syrien die Oberhand? Fakt ist, dass der Kampf um das Grenzstädtchen Al-Qusayr für Assad strategische Bedeutung hat. Am militärischen Patt und der geografischen Fragmentierung ändert das jedoch wenig.

Seit mehreren Wochen forciert die syrische Armee Operationen gegen Aufständische in den Provinzen Homs, Hama und dem Küstenstreifen um die Hafenstadt Baniyas. Aus vielen Teilen des restlichen Landes hat sich die Armee Baschar al-Assads weitgehend zurückgezogen, die Verteidigung hunderter Dörfer sogenannten Volkskomitees mehrheitlich christlicher und schiitischer Parteianhänger überlassen. Die reguläre Armee konzentriert sich darauf, mit steigender Unterstützung durch die libanesische Hizbullah, strategisch wichtige Städte zu halten oder von der Freien Syrischen Armee zurückzuerobern.

Seit Mitte Mai wird die nahe der libanesischen Grenze gelegene Kleinstadt Al-Qusayr aus der Luft bombardiert. Bei Häuserkämpfen und durch Sprengfallen sollen inzwischen mindestens 50 Hizbullah-Milizionäre getötet worden sein, ebenso mehr als 100 Zivilisten. Über die Zahl der getöteten Rebellen gibt es bislang keine verlässlichen Angaben. In der libanesischen Bekaa-Ebene fanden bereits mehrere Begräbnisfeiern für Hizbullah-Angehörige statt.

Der Vorsitzende der oppositionellen »Syrischen Nationalen Koalition«, George Sabra, rief Rebellengruppen im ganzen Land auf, die belagerten Kämpfer in Al-Qusayr zu unterstützen. »Ihr, in den Dörfern um Aleppo und nördlich von Homs, beeilt euch, Al-Qusayr zu retten. (…) Sendet eure Waffen- und Munitionsvorräte, um den Widerstand zu stärken.«

Der Schlacht um Al-Qusayr könnten weitere Vergeltungstaten folgen

Darüber, wie weit die Armee in Al-Qusayr vorrücken konnte, liegen unterschiedliche Angaben vor. Ein Kamerateam des iranischen Auslandssenders PressTV begleitete Soldaten an den Ausläufern des Ortes. Das örtliche Medienzentrum der Aufständischen veröffentlicht auf Youtube noch immer Videos von Opfern und den andauernden Kämpfen, ebenso dem Absturz eines Kampfflugzeugs. Demnach befindet sich das Stadtzentrum noch nicht unter Kontrolle der Assad-Truppen.

Gleichzeitig sind die in zahlreichen Videos auftauchenden Rebellen offenbar nicht mit schweres Waffen ausgerüstet – Sturmgewehre, einzelne RPG-7 und »Duschka«-MGs reichen nicht aus, um den Angriff, für den die Armee zahlreiche gepanzerte Fahrzeuge einsetzt, abzuwehren. Einem regimenahen Analyseportal zufolge kreisen Armee und Hizbullah-Kämpfer Al-Qusayr gegenwärtig ein und nehmen die Stadt unter Artilleriebeschuss.

In einem Interview mit dem saudi-arabischen Satellitensender Al-Arabiya warnte Colonel Abdel-Hamid Zakaria, einer der Sprecher der Freien Syrischen Armee, davor, dass Rebellengruppen aus Vergeltung für den anstehenden Fall Al-Qusayrs schiitische Dörfer im ganzen Land zerstören würden. »Wir möchten nicht, dass es dazu kommt, doch Dinge können außer Kontrolle geraten.«

Bereits jetzt hält die Regierungsoffensive tausende Flüchtlinge davon ab, die Lager in Jordanien sicher zu erreichen, so ein UNHCR-Vertreter gegenüber der Washington Post. Syrische Aktivistengruppen warfen der jordanischen Regierung jedoch ebenfalls vor, Flüchtlinge an den Grenzübergängen bewusst abzuweisen, um vor der heute anstehenden Konferenz der »Freunde Syriens« in Amman politischen Druck aufzubauen. Gegenwärtig nimmt das Königreich mehr als 400.000 Syrer auf, die Kosten dafür belasten den Staatshaushalt enorm. Sämtliche Anschuldigungen wies die Führung des jordanischen Grenzschutzes zurück.

Weder der BND noch einzelne, vor Ort recherchierende Journalisten können den Kriegsausgang vorhersagen

Auswirkungen hat die Offensive in Al-Qusayr auch auf das Nachbarland Libanon. Der anhaltende Konflikt zwischen der sunnitischen und alawitischen Bevölkerung von Tripolis eskalierte abermals. Bislang starben zehn Personen, Dutzende wurden verletzt. Die libanesische Zeitung The Daily Star berichtet von dem Versuch salafistischer Kämpfer aus Bab al-Tabbaneh das benachbarte Jabal Mohsen-Viertel zu stürmen. Mehrere hundert Milizionäre sollen an der nächtlichen Aktion beteiligt gewesen sein. Mehrere Geschäfte brannten aus, Banken und Schulen der größten Stadt im Norden Libanons bleiben seit drei Tagen geschlossen.

Einen militärischen Wendepunkt stellt in der aktuellen Militärkampagne jedoch lediglich die offene Beteiligung der Hizbullah dar. Dass die syrischen Streitkräfte sich in Auflösung befunden hätten, war in den vergangenen zwei Jahren niemals zutreffend. Die über Jahrzehnte hochgerüsteten Arsenale der Armee wurden geöffnet, das Regime konzentriert sich inzwischen weitgehend auf die Provinzen, in denen sie die meisten Anhänger hat. Der Osten und Norden des Landes sind fest in Hand der Aufständischen. Verhindern möchte Assad, dass seine Soldaten, wie zuletzt beim Massaker von Baniyas, im Kerngebiet alawitischer Macht agieren müssen.

Die Bedeutung des Waffenschmuggels aus dem Libanon hat seit dem vermehrten Auftauchen kroatischer Panzerabwehrwaffen abgenommen. Diese werden von Saudi-Arabien über die jordanische Grenze nach Deraa gebracht und anschließend im Land verteilt. Selbst Gebietsgewinne in Homs und Hama machen einen Sieg der Regierungsarmee nur wenig wahrscheinlicher. Noch immer kommt es in den Vororten von Damaskus zu heftigen Kämpfen. Das militärische Patt hält an. Wie der Krieg tatsächlich ausgehen wird, vermag aktuell weder der BND, noch ein einzelner, vor Ort recherchierender Journalist zu sagen.

„Sorge über Hizbullah-Unterstützung für Assad“

Die schweren Kämpfe um den Grenzort Qusair dauern an. Einheiten der dschihadistischen Al-Nusra-Front stehen Assad-Truppen und Einheiten der Hizbullah gegenüber. Die Bundesregierung fordert EU-Sanktionen gegen die Hizbullah.

FAZ

Der amtierende Vorsitzende der oppositionellen Nationalen Koalition, George Sabra, hat die Kämpfer der Freien Syrischen Armee am Mittwoch „zur Rettung von al Qusair“ aufgefordert. Die für das Assad-Regime und die Aufständischen strategisch wichtige Stadt ist seit Tagen heftig umkämpft. Einheiten der dschihadistischen Al-Nusra-Front stehen dort den Kräften des Assad-Regimes und Einheiten der libanesischen Hizbullah gegenüber. Die internationale Gemeinschaft müsse zudem einen „humanitären Korridor“ einrichten, um die Verwundeten zu versorgen, forderte Sabra.

Amerikanische und britische Regierungsmitglieder äußerten am Mittwoch ihre Besorgnis über die andauernde Beteiligung der von Iran unterstützten Hizbullah an den Kämpfen um Qusair, das zehn Kilometer von der libanesischen Grenze und dreißig von der einstigen Oppositionshochburg Homs entfernt liegt. Der britische Außenminister William Hague sagte vor einem Treffen der Kontaktgruppe der Freunde Syriens in Amman, die Unterstützung Irans und die Beteiligung der Hizbullah an dem Bürgerkrieg hätten negative Auswirkungen auf die gesamte Region.
Keine Einigung über Lockerung des europäischen Waffenembargos

Die Staats- und Regierungschefs der EU berieten am Mittwoch in Brüssel wieder über die Lage in Syrien, ohne dass eine Einigung darüber in Sicht war, ob das europäische Waffenembargo zugunsten der Aufständischen gelockert werden soll. Der britische Premierminister David Cameron verlangte abermals eine Aufhebung des Embargos, wofür nun auch die neue italienische Regierung Sympathie erkennen ließ. Österreich und Schweden sprachen sich weiterhin strikt dagegen aus. Nun wird damit gerechnet, dass eine Entscheidung auf einem Außenministertreffen am kommenden Montag in Brüssel fällt.

Die Aussicht auf eine neue Syrienkonferenz in Genf hat die Meinungsunterschiede in der EU offenbar nicht verschwinden lassen. London und Paris, die die Debatte über das Embargo in Gang gebracht hatten, argumentieren jetzt, seine Aufhebung wäre ein wichtiges Signal an Assad und dessen Verbündete, dass das Regime nicht auf einen militärischen Sieg hoffen solle und sich in Genf an der Suche nach einer politischen Lösung beteiligen müsse. Auf deutscher Seite hält man eine Aufhebung aber gerade wegen der jüngsten diplomatischen Bemühungen für kontraproduktiv. Sie könne insbesondere Russland darin bestärken, wie angekündigt Luftabwehrraketen an das Regime zu liefern. Die Bundesregierung beschreibt ihre Haltung seit längerem als skeptisch, möchte aber gerne einen Kompromiss in der EU herbeiführen. Sie hat ausgeschlossen, dass Deutschland selbst Waffen liefern würde.
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Ein zerstörtes Stadtviertel von Qusair am Dienstag

Die Zeit drängt, weil die bestehenden Sanktionen der EU gegen Syrien nur bis zum 1. Juni gelten. Werden sie bis dahin nicht mit einstimmigem Beschluss aller 27 Mitgliedstaaten erneuert, dann laufen sie aus. Der Auswärtige Dienst der EU hat ein Optionenpapier erarbeitet, das die verschiedenen Möglichkeiten aufzählt: Sie reichen vom Wegfall aller Sanktionen (auch der politischen und wirtschaftlichen) über die Genehmigung zur Lieferung einzelner oder aller Waffensysteme an die Rebellen bis zu einer Verlängerung aller Sanktionen (also auch der militärischen); Letzteres sei auch für kürzere Zeit vorstellbar, etwa bis zur Genfer Konferenz. Das Papier enthält keine Empfehlungen. Als Kompromiss die militärischen Sanktionen auslaufen zu lassen und alle anderen zu verlängern, lehnen die Briten ab. In dem Fall könnte nämlich auch das syrische Regime von Europa aus wieder mit Waffen beliefert werden. Diplomaten erschien es am wahrscheinlichsten, dass man sich am Montag auf eine kurzzeitige Verlängerung der Sanktionen verständigen wird.
Washington: Senat stimmt für Waffenlieferung an Rebellen

Briten und Franzosen lassen offen, ob sie wirklich Waffen an die Aufständischen liefern würden, sollte das EU-Embargo entfallen. Seine Aufhebung sei nur ein Mittel, das Ziel sei eine politische Lösung für das Land, sagte ein Sprecher des französischen Außenministeriums. „Es wäre eine Entscheidung, das Embargo aufzuheben. Damit wird ein Verbot beendet, aber das ist keine Entscheidung darüber, dieses oder jenes Waffensystem zu liefern.“

Der Außenausschuss des amerikanischen Senats stimmte derweil mit großer Mehrheit einem Gesetzentwurf zu, der die Lieferung von Waffen, Munition und Ausrüstung an ausgesuchte Oppositionsgruppen in Syrien vorsieht. Für den gemeinsam von dem demokratischen Vorsitzenden Robert Menendez und dem Republikaner Bob Corker eingebrachten Entwurf stimmten 15 Mitglieder des Ausschusses, drei stimmten mit Nein. „Es ist an der Zeit zu handeln“, sagte Menendez. „Die Vereinigten Staaten müssen eine wichtige Rolle dabei spielen, das Kräfteverhältnis zugunsten der Opposition zu wenden und den Aufbau eines freien und demokratischen Syrien voranzutreiben.“ Corker begründete die Gesetzesinitiative mit dem Argument, in Syrien tobe schon „ein zweiter Krieg“ darum, wer am Tag nach dem Sturz des Assad-Regimes die Macht übernehmen werde. Wenn Washington weiter nichts unternehme, „dann ist es so gut wie sicher, dass Al Qaida oder Extremisten mit einer ähnlichen Weltsicht das Land kontrollieren werden“, sagte Corker.

Präsident Barack Obama lehnt Waffenlieferungen an die Aufständischen in Syrien ab, weil nach seiner Ansicht die Waffen in die falschen Hände fallen könnten und der Krieg mit zusätzlichen Waffenlieferungen aus den Vereinigten Staaten auf die Nachbarstaaten und auf die ganze Region übergreifen könnte. Im vergangenen Jahr hatten Außenministerin Hillary Clinton, CIA-Direktor David Petraeus und Verteidigungsminister Leon Panetta einen Plan zur Bewaffnung gemäßigter Oppositionsgruppen vorgelegt, der von Obama, seinen Beratern im Weißen Haus und seinem Wahlkampfstab jedoch zurückgewiesen wurde. Die vom Weißen Haus als Argumente gegen Waffenlieferungen vorgebrachten Szenarien sind alle eingetreten, ohne dass Washington den gemäßigten Rebellen Waffen geliefert hätte.



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