Aufstand, ein Raunen

…Nicht mehr zu warten heißt, auf die eine oder andere Weise in die aufständische Logik einzutreten. Es bedeutet, aufs Neue das leicht erschreckte Zittern in der Stimme unserer Regierenden zu hören, das sie nie verlässt. Denn regieren war niemals etwas anderes als mit tausend Listen den Moment, wo die Menge sie aufhängen wird, zu verschieben, und jeder Akt des Regierens ist nichts als die Weise, die Kontrolle über die Bevölkerung nicht zu verlieren.

aus Der kommende Aufstand
Eine Wellen von Demonstrationen, Revolten, Aufständen überrollt den Magreb, Iran, das was die Westeuropäer den arabischen Raum nennen, Ausläufer erreichen die Peripherie Europas.
In Athen kursierte anläßlich des letzten Generalstreik der Aufruf den zentralen Platz vor dem Parlament zu besetzen, was von den Bullen mit massiven Angriffen durch Tränengas, Schockgranaten, motorisierten Spezialeinheiten (Teheran, Athen, wie sich die Bilder gleichen, nur der Aufschrei der bürgerlichen Medien unterbleibt, wer hätte anderes erwartet) verhindert wird.
Hilflos hechelt der Westen hinterher, eben noch Ben Alis Partei würdiges Mitglied der Sozialistischen Internationalen, Merkel Arm in Arm mit Mubarak, müssen diese Bilder getilgt, aus dem Gedächnis der Menschen gebannt werden. Westerwelle eilt nach Kairo und entblödet sich nicht vom Tahir Platz als Brandenburger Tor der Ägypter zu sprechen. Man begrüsse die friedliche Revolution, die an die deutche Wiedervereinigung erinnere. Kein Wort von der Ausbildungshilfe für die ägyptische Polizei, deren Polizeiwachen landesweit zu dutzenden nieder gebrannt wurden.
Die bewaffneten Auseinandersetzungen in Lybien ermöglichen es dem Westen dann wieder so etwas wie Handlungsfähigkeit zu demonstrieren.
Ghadaffi ist wieder der Verrückte, der Despot, der an einen nicht mehr machbaren Endsieg glaubt, wärend sein Sohn mit der Maschinenpistole made in Germany den Goebbels gibt.
Selbst Berlusconi muss sich von seinen Freund aus tausendundeiner Nacht schweren Herzens lossagen, während die US Marine ihre Flugzeugträger in Marsch setzt und über die Durchsetzung von Flugverbotszone diskutiert wird, alles im Namen der Humanität. Man hofft auf neue Herren im Lybien, denen man sich andienen kann, auf das alles so bleibe, wie es war.
Für uns aber bleibt nichts wie es war.
In Ohnmacht mussten wir die Verkündung des totalen Triumphes der Kapitalismus nach dem Untergang des „Staatssozialismus“ hinnehmen, während wir uns dem faschistischen und völkischen Mob entgegen stellten, der hier im Zuge der Wiedervereinigung Jagd auf alles machte, was ihm minderwärtig und störend erschien. Begeistert brüllten wir Ya Basta, als der Sub und seine Getreuen erste Farbflecken im neoliberalen Grau hinterliessen, um dann Jahr für Jahr gegen die Absperrungen der Roten Zone anzurennen. Dann ging zuerst ein Flüstern, später ein Raunen durch unsere Reihen. Von einem nahenden Aufstand wurde kundgetan, wofür wir im besten Fall verlacht wurden. Bis ein Bullen eines Nachts in völliger Selbstverständlichkeit in Athen einen Fünfzehnjährigen erschoss, und ein Aufstand der Jugend sich mit Steinen und Brandsätzen in die Einkaufstrassen der Metropolen und vor die Polizeiwachen des Landes begab.
Während eine europäische Linke fassungslos zu begreifen versucht, wie einfache Arbeiter, perspektivlose Jugendliche, wie man sie hier wohl nennen würde, und massenhaft Frauen (ja, schaut Euch die Bilder an, lest die Reportagen, und ermesst den emanzipatorischen Charakter, der diesen Revolten innewohnt) ohne eine selbsternannte Avangarde und Anfüher innerhalb von Tagen einen scheinbar übermächtigen Repressonsapperat in die Knie zwingen, wird im medialen Rauschen eine facebook Revolution kreiert , als ob Karriere orientiertes networking und die Organisierung eines Aufstandes nur verschiede Varianten eines konsumorientierten Freizeitverhaltens wären.

Wir auf jeden Fall erkennen uns wieder, in dieser grundsätzlichen Haltung gegenüber dem Bestehenden, das uns keine Zukunft zubilligt, außer ein Leben auf den Knien und in Hoffnung auf ein paar Brotkrümel. Alles muss anders werden, oder wie es ein Graffiti auf den Strassen Athens verkündte: WIR SIND EIN BILD AUS DER ZUKUNFT.