Haltungen und Bequemlichkeiten, der Aufstand im Magreb und Nahost

Eine Begegnung, eine Entdeckung, eine große Streikbewegung, ein Erdbeben: jedes Ereignis erzeugt Wahrheit, indem es unsere Art verändert, auf der Welt zu sein. Umgekehrt hat sich eine Feststellung, die uns gleichgültig ist, die uns unverändert lässt, die zu nichts verpflichtet, noch nicht den Namen Wahrheit verdient. In jeder Geste gibt es eine unterschwellige Wahrheit, in jeder Praxis, in jeder Beziehung und in jeder Situation. Die Gewohnheit ist, dem auszuweichen, das zu verwalten, was die charakteristische Verwirrung der Allermeisten in dieser Epoche produziert. In Wirklichkeit verpflichtet alles zu allem. Noch das Gefühl, in der Lüge zu leben, ist eine Wahrheit. Es geht darum, es nicht loszulassen, davon sogar auszugehen. Eine Wahrheit ist nicht eine Sicht auf die Welt, sondern das, was uns auf unreduzierbare Art mit ihr verbunden hält. Eine Wahrheit ist nichts, was man besitzt, sondern etwas, das einen trägt. Sie stellt mich her und sie löst mich auf, sie macht mich als Individuum aus und sie zersetzt mich als solches, sie entfernt mich von vielen und verbindet mich mit jenen, die sie erkennen. Das vereinsamte Wesen, das sich daran bindet, trifft unausweichlich auf seinesgleichen. Im Grunde genommen geht jeder aufständische Prozess von einer Wahrheit aus, von der wir nicht abrücken.
… aus Der Kommende Aufstand

Die Konterrevolution marschiert im eigentlichen Wortsinn. Die Truppen des Golfkooperationsrates sind in Bahrain eingerückt, um die dortigen Proteste nieder zu schlagen. Als sich gegen diese Intervention ein Protestzug von mehreren zehntausend Menschen formierte, wurde dieser massiv angegriffen, es gab mehrere Tote.
In Libyen ist die strategisch gelegende Stadt Adschdabija heftig umkämpft, Ghaddafis Truppen setzen in die Kämpfen massiv auf Luftangriffe und den Einsatz von Panzern und Artillerie. Es gibt widersprüchliche Berichte über die Situation, sollten es den Truppen Gaddafies gelingen, die Stadt einzunehmen. droht ein Angriff auf Bengasi. Über die drohenden Massaker zu reden, erscheint uns ebenso überflüssig wie naheliegend.
In der veröffentlichten Diskussion der deutschen Linken, staatstragend wie staatsfern, wird fast ausschließlich in historisch überkommenden Begrifflichkeiten von Antiimperilismus und Zugang zu den Rohstoffvorräten gedacht und geschrieben, als ob die Blockdualität nicht schon längst aufgehoben wäre und es heute nur noch darum geht, ob chinesiche oder französiche Ölmulis sich den Rohstoffreichtum unter den Nagel reissen. Besonders anwidernd sind diese Verlautbarungen dort, wo sich die Nichteinmischungspolitik Merkels mit der Politik der selbsternannten Anführern einer real nicht existierenden „Friedensbewegung“ trifft, die mal eben die TV Fernbedienung kurz aus der Hand legt, um nonchalent allerschärfste Sanktionen gegen Gadaffi zu fordern. Um im selben Atemzug umso lauter gegen eine „Einmischung der Nato“ zu protestieren.
Aus der Sicht der Aufständischen würde nur die Einrichtung der viel diskutierten Flugverbotszone und die Lieferung schwerer Waffen Sinn machen, beides wird wohl nicht kommen.
Dies, während die israelische Tageszeitung Yediot Ahronot, berichtet, dass Saif al-Islam, der Sohn Muammar al-Qaddhafis, zu einem Kurzbesuch in Tel Aviv weilte . Israelische Sicherheitsfirmen seien im Tschad aktiv zur Rekrutierung von Söldnern für Qaddhafi, meldet die Zeitung in diesem Zusammenhang.
Die Passivität der radikalen Linken zum Aufstand im Magreb und Nahost ist bestimmt auch ebenso dem Einsickern antiislamischer Diskurse in die eigenen Weltbilder und Begrifflichkeiten wie dem Verlust internationalistischer Perspektiven infolge der gesellschaftlichen Marginalisierung geschuldet.

Für uns gibt es nur eine Perpektive des, nennen wir es hilfweise, Internationalismus der Aufstände. Wir glauben, das dabei z.B. die Lektüre von Jean Genets Ein verliebter Gefangener hilfreicher ist, etwas über das Wesen der Aufstände und ihrer geschichtlichen Verortung zu erfahren, als die stereotype Verlautbarungsjournalismus der jungen welt (um hier nur ein Beispiel zu nennen) zum Aufstand in Libyen. In diesem Zusammenhang begrüssen wir ausführlich die Aktionen in Bremen http://thecaravan.org/taxonomy/term/42 und Bochum http://autonomelinkeruhr.wordpress.com/2011/02/23/autonome-libyen-soliaktion-in-ruhrbo/

Wir sind ein Bild aus der Zukunft