Zur Situation der syrischen Füchtlinge in der Türkei

FAZ:

Gefangen in der Zeltstadt
Im Grenzort Güvecci kommen immer mehr Syrer an, die Schutz vor dem Regime suchen. Die türkische Regierung schirmt die Flüchtlinge aus dem Nachbarland ab, von denen sie nur als „Gäste“ spricht. Doch die „Gäste“ fühlen sich eher wie Gefangene.

Von Yasemin Ergin, Güvecci

Viele Syrer ziehen provisorische Lager den professionell organisierten in der Türkei vor, weil sie dort ihre Bewegungsfreiheit einbüßenViele Syrer ziehen provisorische Lager den professionell organisierten in der Türkei vor, weil sie dort ihre Bewegungsfreiheit einbüßen

Mit Ferngläsern und Kameras beobachtet die kleine Gruppe von Leuten die Truppenbewegungen auf den Hügeln jenseits der Grenze. Das Dach des Hauses am Rand des türkischen Dorfes Güvecci ist in diesen Tagen der zentrale Treffpunkt für Einheimische und Journalisten, denn von hier aus hat man den besten Blick auf das nur wenige hundert Meter entfernt liegende Syrien. Seit die Truppen des Regimes in Damaskus vor wenigen Tagen in Khirbet al Dschouz einmarschierten, einem verlassenen Ort nahe der Türkei, ist die Stimmung angespannt. Erstmals seit Ausbruch der Unruhen im März bewegte sich das syrische Militär so nah an der Grenze. „Dort wehte bis vor kurzem noch die türkische Flagge“, sagt ein alter Bauer und deutet auf den Aussichtsturm auf der Spitze des Berges. Syrische Oppositionelle hatten dort die Flagge aus Dank für die türkische Unterstützung gehisst, am Donnerstag ersetzten Soldaten sie durch die syrische.

Vom Dach des Hauses war gut zu sehen, wie syrische Soldaten und Panzer in Richtung der syrischen Grenzdörfer vorrückten und Scharfschützen auf dem Aussichtsturm Stellung bezogen. Dem Einmarsch in Khirbet al Dschouz folgten in den vergangenen Tagen weitere Angriffe auf Grenzdörfer. Am Wochenende rückten nach Angaben syrischer Menschenrechtler Panzer in das Dorf Nadschia ein. Syrische Oppositionelle berichten von Massenfestnahmen, mehrere Bauern seien direkt von ihren Feldern abgeführt worden und würden nun von Sicherheitsbeamten wegen angeblicher Verbindungen zu den Dissidenten verhört. Von neuen Toten ist die Rede – auch von Gewalt in anderen Regionen wie etwa dem Grenzgebiet zum Libanon und der Stadt Homs.
„Sie wollen ein Syrien ohne das syrische Volk“

Syrische Flüchtlinge: Gefangen in der Zeltstadt

Solche Berichte laufen in Güvecci meist als erstes im Haus der Brüder Erdogan und Turhan Tomak ein. Hier versammeln sich Dorfbewohner und Flüchtlinge aus Syrien, die in Güvecci bei Verwandten untergekommen sind, um Informationen auszutauschen. Seit Anfang Juni, als blutige Gefechte in der nahegelegenen Protesthochburg Dschisr al Schughur eine Massenflucht syrischer Flüchtlinge in die südtürkische Provinz Hatay auslösten und Journalisten aus aller Welt in die Grenzregion kamen, fungiert das Haus der Tomaks als eine Art Informationszentrum. Die Türen sind immer offen, in dem dunklen, verrauchten Wohnzimmer gehen ständig Leute ein und aus. Während im Hintergrund „Al Dschazira“ oder der arabische Dienst der BBC läuft, sitzen junge Männer auf dem Boden und schauen sich auf ihren Laptops in Syrien heimlich aufgenommene Videos an.

Hierher wurden am Donnerstag auch die ersten verwackelten Aufnahmen vom Einmarsch der Truppen Assads in Khirbet al Dschouz gebracht. Einer der Flüchtlinge, die in den vergangenen Wochen regelmäßig heimlich die Grenze überquerten, hatte sie mitgenommen. Inzwischen sei das zu gefährlich, sagt Nasir al Abdul, ein junger Mann, der aus Khirbet al Dschouz stammt und bis zum Ausbruch der Proteste in der nahegelegenen Hafenstadt Latakia studierte. Jetzt ist er auf der Flucht. Sein Bruder Baschir und er hatten sich an Protesten beteiligt, kurz danach verschwand der Bruder. „Ich weiß nicht, ob er noch lebt“, sagt Nasir. „Ich weiß nur, dass Assads Leute am liebsten alle töten würden, die sich gegen sie auflehnen. Sie wollen ein Syrien ohne das syrische Volk.“
Fast wie im „Gefangenenlager“

Nasir lebte bis vor wenigen Tagen noch in einem der provisorischen Flüchtlingslager in der Nähe von Khirbet al Dschouz. Das kleine Dorf war bislang wegen seiner unmittelbaren Nähe zur türkischen Grenze vom syrischen Militär unbehelligt geblieben. Die meisten Bewohner harrten dennoch bis vor kurzem in provisorischen Lagern im angrenzenden Waldgebiet aus. Gut 2000 Personen hätten in diesen Lagern gelebt, sagt Dschamel Saeb, ein politischer Aktivist aus Dschisr al Schughur, der seit Beginn der Unruhen zum Sprecher der Flüchtlingsgruppen aus der Region geworden ist. Als die Truppen näherrückten, floh der 35 Jahre alte Mann über die Grenze. „Es war kaum jemand im Dorf, aber das Militär wusste, dass die Bewohner in der Nähe sind. Sie sind mit Panzern und Scharfschützen eingerückt und schossen um sich. Das sind Terrormaßnahmen, sie wollen uns einschüchtern, weil sie Angst haben, dass wir von den Lagern aus den Widerstand organisieren“, sagt er. Tatsächlich hatte Saeb von den Lagern aus mit seinen Mitstreitern Videoaufnahmen von den Übergriffen in Dschisr al Schughur und anderen Städten im Nordwesten Syriens über die Grenze geschmuggelt. Auf denselben Schleichwegen versorgten sich die Flüchtlinge mit Lebensmitteln aus Güvecci oder es kamen Verwandte und Freunde aus dem türkischen Dorf zu Besuch.

Nach den jüngsten Militärrazzien in den syrischen Grenzdörfern sind diese Lager leergefegt. Kurz nach Beginn der Offensive rasten Busse des Türkischen Roten Halbmondes in Richtung Grenze, um die Flüchtlinge einzusammeln und in Sicherheit zu bringen. Dass so viele Syrer überhaupt so lange in den provisorischen Lagern ausharrten, statt in die gut ausgestatteten und sicheren Zeltlager des Türkischen Halbmondes zu ziehen, hat vor allem einen Grund: Wer erst einmal in einem der türkischen Lager ist, büßt seine Bewegungsfreiheit ein. Die Flüchtlinge werden zwar gut versorgt – es gibt genug zu essen, medizinische Betreuung und sogar Spielplätze für die Kinder –, aber die Lager verlassen, um etwa Verwandte in den türkischen Dörfern zu besuchen, oder mit Fremden sprechen, durften sie bislang nicht. Die türkische Regierung setzt alles daran, die Syrer abzuschirmen. Die Flüchtlingslager sind deshalb auch schon als „Gefangenenlager“ bezeichnet worden.
„Gäste“ keine „Flüchtlinge“

Der Präsident des Roten Halbmondes, Tekin Kücükali, empfindet solche Vorwürfe als unfair. Die Maßnahmen dienten einzig und allein dem Schutz dieser Menschen, man wolle sie davor bewahren, nach ihrer Rückkehr in Syrien Schwierigkeiten zu bekommen. „Wir zwingen niemanden, zu uns zu kommen“, sagt Kücükali, aber die Sicherheit der syrischen Flüchtlinge habe Priorität. In den fünf Zeltlagern, die von der Hilfsorganisation in Hatay verwaltet werden, leben inzwischen mehr als 12.000 Personen. Ein sechstes Lager mit Platz für 10.000 Flüchtlinge wird gerade aufgebaut. Etwa 17.000 Personen warteten immer noch entlang der syrisch-türkischen Grenze auf eine Gelegenheit in die Türkei zu gelangen, schätzt Kücükali – dem das Wort „Flucht“ nicht über die Lippen kommt. Denn die türkischen Behörden legen großen Wert darauf, dass die Syrer, die zur Zeit in Hatay versorgt werden, nicht als „Flüchtlinge“, sondern als „Gäste“ bezeichnet werden. Untergebracht seien sie nicht in „Flüchtlinglagern“, sondern in „Zeltstädten“. Mit geduldigem Lächeln unterbricht Kücükali immer wieder Journalisten, die sich nicht an diese Sprachregelung halten. „Diese Menschen sind unsere Nachbarn. Sie sind nur für eine begrenzte Zeit zu Besuch hier und werden, sobald die Lage es erlaubt, wieder zurück in ihre Heimat gehen“, sagt er.

Doch die sprachlichen Empfindlichkeiten zeigen, dass die Vorgänge im Grenzgebiet der türkischen Führung Unbehagen bereiten, und dass der Glaube an die baldige Rückkehr der syrischen „Gäste“ wohl nicht ganz so fest ist, wie es Kücükali glauben machen will. Bei einem Treffen am vergangenen Freitag machte der türkische Außenminister Davutoglu seinem syrischen Amtskollegen Walid Muallim klar, dass die Türkei die syrischen Militäroperationen nahe der Grenze „sehr genau“ beobachte.
Untätigkeit für manche unerträglich

In Hatay machen weiterhin von Flüchtlingen verbreitete Berichte von Massakern an der Zivilbevölkerung die Runde, von neu eingerichteten Folterzentren in den aufständischen Regionen und von systematischen Vergewaltigungen. Bestätigen lassen sich diese Berichte nicht, aber fast jeder hier an der Grenze erzählt solche Geschichten. Abidin Sadiq zum Beispiel hat vor wenigen Wochen sein Haus und sein Geschäft in Latakia zurückgelassen und ist mit seiner Frau und seinen beiden Kindern geflohen, als die Unruhen in der Hafenstadt zunahmen. Die Familie fand Zuflucht in einem der Lager und hörte in den Tagen danach immer neue Schauergeschichten aus der Heimat. Er selbst habe „nur“ zwei Männer sterben sehen, sagt Sadiq. Einer seiner Verwandten, ein 17 Jahre alter Junge, sei während einer Demonstration angeschossen worden und läge nun mit einer Kopfverletzung im Krankenhaus von Antakya.

Abidin Sadiq kann in Güvecci unbehelligt mit Journalisten sprechen, weil er als Sohn einer türkischen Mutter zwei Pässe hat. Seine Frau und die Kinder seien immer noch im Lager, erzählt er. Er besuche sie jeden Tag. Dort bleiben wollte er aber nicht, denn er habe die Untätigkeit nicht mehr ertragen. Von Güvecci aus beteiligt er sich schon seit Wochen an den heimlichen Lebensmitteltransporten über die Grenze. Sobald es wieder möglich ist, wollen er und andere junge Männer über die Grenze gehen. Denn noch immer gebe es Menschen dort drüben, die ihr Land nicht verlassen wollten und sich in den unwegsamen Wäldern in der Nähe ihrer Dörfer versteckten, sagt er. Menschen, die angewiesen seien auf die Hilfe aus Güvecci.