Katars neue Rolle

FAZ

Mit dem Regimewechsel in Libyen ist das umtriebige Qatar endgültig in die kleine Gruppe der führenden Staaten der arabischen Welt aufgestiegen. Schon vor dem Ausbruch der „Arabellion“ hatte kein anderes arabisches Land mehr zur Beilegung von Konflikten beigetragen als Qatar.

In diesem Jahr hat es dieses Engagement noch einmal gesteigert, so dass es nun zur Neugestaltung der arabischen Welt beiträgt. Qatar ist dabei zwar nur doppelt so groß wie Zypern. Allerdings verfügt es nach Sibirien und Iran aber über die drittgrößten Gasreserven der Welt – und hat einen Herrscher, der nach mehr strebt, als nur den phantastischen Reichtum seines Landes zu verwalten.

In Abwandlung einer Charakterisierung des früheren zyprischen Staatspräsidenten Erzbischof Makarios durch den früheren amerikanischen Außenministers Henry Kissinger könnte man die Talente des Staatsoberhaupts, Emir Hamad Bin Chalifa Al Thani, weit größer als sein nur kleines Land nennen. Gemeinsam mit seinem Cousin und Ministerpräsidenten Hamad Bin Dschassim Al Thani spielt er daher nicht mehr allein auf der Arabischen Halbinsel eine prägende Rolle, sondern zunehmend auch in der arabischen Welt und selbst darüber hinaus.

Bindeglied zwischen Nato und Rebellen
Zugute kommt den beiden die Schwäche der traditionellen Führungsstaaten Arabiens, die – wie Ägypten und Saudi-Arabien – mit sich selbst beschäftigt oder – wie Syrien und der Irak – geschwächt sind. In dieses Vakuum stößt Qatar, das erste arabische Land, das offen ein internationales militärisches Eingreifen gegen Gaddafi gefordert hat. Qatar setzte diese Position in der Arabischen Liga durch und beteiligte sich an der Mission der Nato auch mit sechs eigenen Kampfflugzeugen. Damit bombardierten auch Araber Stellungen Gaddafis.

Zudem schickte Qatar Bodentruppen nach Libyen, die – nach qatarischen Angaben – der Nato als Bindeglied zu den Rebellen dienten. Kein Land entsandte mehr humanitäre Hilfsgüter und finanzielle Unterstützung nach Libyen, Qatar übernahm auch die Vermarktung des von den Rebellen exportierten Erdöls. Zudem richtete Qatar den ersten Fernsehsender für die Rebellen ein, der aus der Hauptstadt Doha sendet und für Gaddafis Sturz ebenso entscheidend war wie die Nato.

Gaddafi hatte unter den Ölmonarchien auf der Arabischen Halbinsel nie Freunde. Mit seinem Auftritt beim Gipfeltreffen der Arabischen Liga am 30. März 2009 in Doha zerschnitt er das Tischtuch aber vollends. Unter dem Vorsitz von Scheich Hamad Bin Chalifa ließ Gaddafi eine Suada ab, wie sie es bei den an Verbalattacken reichen arabischen Gipfeltreffen zuvor nicht gegeben hatte. Zu Ende ging sie erst, als der Gastgeber dem, der sich als „König der Könige Afrikas“ und als „Imam der Muslime“ bezeichnete und der es nach eigenen Angaben ablehnte, sich auf das Niveau der anderen Anwesenden herab zu begeben, den Strom abschaltete.

Zu dem Zeitpunkt hatte sich Qatar noch damit begnügt, Konflikte in der arabischen und islamischen Welt zu schlichten. Die Bandbreite der Konflikte, in denen qatarische Diplomaten eingegriffen haben, reicht vom Libanon über die innerpalästinensischen Rivalitäten bis in den Jemen, von Darfur über Eritrea zu Djibouti. Qatar wollte sich als neutraler Schlichter unentbehrlich machen, um damit als kleines Land ohne große Armee weniger angreifbar zu sein.

Dazu hat Qatar auch Gäste eingeladen, die nicht zueinander passten. In Qatar hat etwa der amerikanische Central Command seinen Sitz, aber die Regierung hat auch Beziehungen zu den Taliban unterhalten. Israelis bewegen sich in Qatar ebenso wie die Angehörigen des Hamasführers Khaled Meschal. Amerikanische Eliteuniversitäten lehren in Doha, von dort aus predigt aber auch der einflussreichste arabisch-islamische Prediger Yusuf al Qaradawi.

Umfangreiche Investitionen in Ägypten
In diesem Jahr verhält sich Qatar nun unverhohlen als Regionalmacht, die auch gestaltet. Gaddafi ist gestürzt, nun betreibt der qatarische Fernsehsender Al Dschazira den Sturz von Syriens Diktator Baschar al Assad. Qatars Staatsfonds haben umfangreiche Investitionen in Ägypten angekündigt, um die Wirtschaft dort zu stabilisieren. Der wichtigste Staatsfonds, die Qatar Investment Authority, erwirbt nicht mehr als passiver Investor Anteile an weltbekannten Unternehmen, die gute Dividenden versprechen, sondern will als strategischer Investor zunehmend Einfluss nehmen. Zuletzt war er beim größten spanischen Stromversorger Iberdrola eingestiegen.

Finanziell kann sich Qatar diese Muskelspiele erlauben, weil es das Land mit dem höchsten Einkommen je Einwohner weltweit ist, reicher selbst als Luxemburg. Auch in diesem Jahr soll die Wirtschaftsleistung wieder um 20 Prozent steigen. Im Sport hat Qatar für Aufsehen gesorgt als es den Zuschlag für die Ausrichtung der Fußballweltmeisterschaft im Jahr 2022 erhalten hat. Bis dahin will Qatar in den Ausbau seiner ohnehin modernen Infrastruktur die sagenhafte Summe von 100 Milliarden Dollar investieren. Medial ist Qatar über seine „soft power“ von Al Dschazira präsent. Der Sender wird zunehmend ein Instrument der Politik der herrschenden Familie. So trat im September der Generaldirektor Wadah Chanfar von seinem Posten zurück. Ihm folgte ein Mitglied der Herrscherfamilie.

Die hat das kleines Land fest im Griff. Zwar propagiert die First Lady, Scheicha Mouza Bint Nasser, eine bessere Bildung und stärkere Präsenz der Frauen in der Öffentlichkeit. Im Mai fanden zudem Lokalwahlen statt, bei den Frauen wählen und sich zur Wahl stellen durften. Dennoch gibt es wohl kein anderes Land auf der Arabischen Halbinsel, in dessen Öffentlichkeit Politik eine so geringe Rolle spielt. Die „Arabellion“ verebbte daher außerhalb der Landesgrenzen. Die Herrscherfamilie ist aber politisch agil und hat die Chance des Umbruchs genutzt, Qatar als Regionalmacht zu etablieren.