Archiv für Januar 2012

Proteste und Auseinandersetzungen nach versuchter Selbstverbrennung in Tiaret (Algerien)

Missoum Hicham, ein junger Mann, 22 Jahre alt, wohnhaft in Oued Stadtteil-Tolba der Stadt Tiaret hat einen Selbstmordversuch am Donnerstag (26.01.) auf einem öffentlichen Platz durch Selbstverbrennung unternommen.

Der Vorfall ereignete sich nur wenige Schritte von dem Platz des 17. Oktober entfernt, als der Jugendliche von einem Polizisten angehalten wurde, seinen improvisierten Verkauftisch zu installieren, um wie gewöhnlich Sonnenbrillen zu verkaufen.
Nach einer Auseinandersetzung kam es schließlich zur Tragödie. Die Schockwellen breiteten sich schnell aus. Kurz danach kam es zu einem großen Treffen von aufgeregten und wütenden Jugendlichen, die „böse“ Parolen gegen die lokalen Behörden gerufen haben.

Der verbrannte Körper dritten Grades des jungendlichen Mannes wurde ins Krankenhaus Youcef-Damardj transportiert. Noch auf der Transporttrage sprach der arme Junge zu den Bürgern, die ihn helfen wollten: „ich konnte die „Hogra“ (=Verachtung) dieses Mannes in Uniform nicht mehr ertragen“. Später wurde er an die Universitätsklinik von Oran evakuiert.

Nach dieser Tragödie hat sich das Klima in der ganzen Stadt sehr stark angespannt, wie ein Pulverfass. Eine Masse von Jugendlichen hat ihre Ärger und Wut mit brennnenden Reifen und Plastik-Müllcontainern zum Ausdruck gebracht. Durch das gewaltsame Eingreifen der Polizei hat sich die Situation noch stärker eskaliert. Eine große Massenbewegung hat sich in der Nähe der Residenz des Walis (=Ministerpräsident) gebildet und gegen die Ungerechtigkeit und die Unfähigkeit der lokalen Verantwortlichen demonstriert, die Probleme des Wohnungsnots und der Arbeitslosigkeit von jungen Menschen zu lösen.

veröffentlicht auf

http://algerien-heute.com/

Die Regierung der VAR erlässt Bürgern halbe Milliarde Schulden

der standard

Geld soll aus speziellem Fonds genommen werden
Kairo – Geldsegen vom Scheich: Der Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) erlässt einkommensschwachen Bürgern Schulden in Millionenhöhe. Scheich Khalifa bin Zayed al-Nahayan ordnete am Mittwoch an, dass die Schulden von 6.830 Emiratis in Höhe von insgesamt zwei Milliarden VAE-Dirham (rund 480 Millionen Euro) aus einem speziellen Fonds beglichen werden sollen, wie die staatliche Nachrichtenagentur WAM berichtete.

Gefängnisinsassen kommen frei

Von dem Geldsegen würden Bürger mit begrenztem Einkommen profitieren, hieß es. Ihre Kredite dürften je eine Million VAE-Dirham nicht überschreiten. Auch Emiratis, die wegen unbeglichener Schulden im Gefängnis sitzen, würden freikommen, ihre Geldschuld werde beglichen.

Der Fonds war im November auf Wunsch des Scheichs eingerichtet worden, um einkommensschwache Bürger zu unterstützen. Er ist mit zehn Milliarden VAE-Dirham ausgestattet.

Heute 2 Dokumantarfilme zum ägyptischen Aufstand auf 3Sat

22.25 Uhr

Aufbruch in Ägypten

„Drei Künstlerinnen und die Revolution
Laila, Hala und Karima waren im Zentrum des Sturms, als im Januar 2011 der Tahrir-Platz in Kairo bebte, und die alte Ordnung Ägyptens zu wanken begann – drei junge Frauen, drei Künstlerinnen. Die Theater-Regisseurin Laila Hassan Soliman, die Filmemacherin und Künstlerin Hala Elkoussy und die Choreografin Karima Mansour sind typische Repräsentantinnen einer neuen und jungen Generation, die mit all ihren Sinnen und mit ihrem Verstand längst in einer globalisierten Welt beheimatet sind. Sie wollen den Stillstand der ägyptischen Gesellschaft nicht länger akzeptieren.

Sie standen als Aktivistinnen mitten im Veränderungsprozess. Ein Jahr lang haben Eduard Erne und Ahmed Abdel Mohsen die Künstlerinnen auf dem schwierigen Prozess der Veränderung begleitet.“

und im Anschluss um 23.15

Tahrir 2011

„Am 25. Januar 2011 hatten die Proteste auf dem Tahrir-Platz in Kairo begonnen, nur 18 Tage später war es geschafft, und eine 30 Jahre dauernde verhasste Diktatur war am Ende. Mit dem Rücktritt Husni Mubaraks schien ein neues Ägypten zum Greifen nahe. In dem Dokumentarfilm von Tamer Ezzat, Ayten Amin und Salama Amr kommen Protagonisten des Aufstands zu Wort. Ein Frau hält die ägyptischen Fahne auf einem Balkon über dem Tahrir-Platz, auf dem sich Zehntausende Demonstranten versammelt haben. Ein Aktivist der Muslimbruderschaft, ein Fotojournalist, ein Plakatkünstler und eine Ärztin berichten neben anderen von dem Kriegszustand, der auf dem Tahrir Platz herrschte, von ihren Ängsten und Hoffnungen. An den Protesten waren mehr als eine Million Ägypter beteiligt, aus vielen Schichten und Gruppierungen. Auf dem Platz riefen sie den „Tahrir Staat“ aus – als einzige freie Zone des Landes. Die Versorgung mit Lebensmitteln und Wasser, die Müllbeseitigung und sanitäre Anlagen mussten organisiert werden. Ein improvisiertes Notarzt-Zentrum leistete nicht nur medizinische Soforthilfe, sondern auch psychologischen Beistand….“

Die Situation an den Unis in Tunesien

gefunden auf Transit

http://blog.goethe.de/transit/

Die Revolution vom 14. Januar 2011 hat die jungen Tunesier geeint – durch das Ziel, das Regime des damaligen Präsidenten Ben Ali zu stürzen. Seither ist über ein Jahr vergangen, und nun zeigt sich, wie sehr die tunesischen Studenten gespalten sind. Ideologische und politische Meinungsverschiedenheiten verwandeln die Universität in ein Pulverfass.
Diese Spaltung wurde durch die Entstehung zweier großer Blöcke innerhalb der Universität offensichtlich. Ein Block schart sich unter dem Banner des Islam. Er unterstützt die islamistischen Bewegungen, die durch die ersten freien Wahlen an die Macht gekommen sind. Der andere Block rechnet sich dem nationalstaatlichen Lager zu und unterstützt linke Bewegungen.
Beide Seiten organisieren sich in zwei gewerkschaftlichen Organisationen, die sich der Verteidigung der studentischen Rechte verschrieben haben. Die erste ist die 1952 gegründete Generalunion der Tunesischen Studenten. Sie blieb in der Ära des abgesetzten Präsidenten Zine el-Abidine Ben Ali aktiv und vereint heute die linksgerichteten Studenten. Die zweite Organisation ist die 1985 gegründete Tunesische Studentenunion. Sie stellte ihre Aktivitäten nach Ben Alis Machtergreifung ein, da ihre Anhänger von seinem Regime massiv unterdrückt wurden. Heute bildet sie das Sammelbecken für islamistisch eingestellte Studenten.
Die Polarisierung in „religiös“ und „links“ wurde dadurch verschärft, dass die Tunesische Studentenunion zurück an die Universitäten strebt, von wo sie unter Ben Ali verbannt war. Die Generalunion der Tunesischen Studenten lehnt jedoch den gewerkschaftlichen Pluralismus innerhalb der Universität ab. Sie argumentiert, dass sie als einzige Ben Alis Regime Widerstand geleistet hätte. Diese Haltung hat zu teilweise gewalttätigen Auseinandersetzungen geführt, zum Beispiel am 16. Januar 2012 an der Universität von Sousse.
Man kann die politische Spaltung der Studenten aber ebenso auf die politischen Parteien zurückzuführen, die mit aller Macht versuchen die jungen Menschen auf ihre Seite zu ziehen. Den Studenten kommt eine besondere Rolle zu, angesichts ihres hohen gesellschaftlichen Einflusses und weil sie die Kraft haben, die Revolution fortzusetzen. Durch sie hoffen die Parteien an die Macht zu kommen.
Diese Politisierung führt zwischen den Studenten zu Entfremdungen und Konfrontationen, ein Großteil der Studenten lehnt sie daher vehement ab. Vieles von dem, was jetzt passiert, erinnert sie an Ben Alis Politik, „Teilen und Herrschen“. Ben Ali hatte in den Universitäten regimetreue studentische Zellen gründen lassen, die der Einheitspartei „Konstitutionelle Demokratische Sammlung“ hörig waren. Sie erhielten jede erdenkliche Unterstützung – Ben Ali setzte sogar die Geheimpolizei zu ihrem Schutz ein.
Ferner behindert die Zerspaltung der Studenten, dass andere, grundlegendere Probleme gelöst werden, wie zum Beispiel die Reform des Bildungssystems, um den Studenten einen Abschluss mit echten Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu garantieren. Allgemein sollen die Studenten auch darüber wachen, dass die formulierten Ziele der Revolution eingehalten werden; ein Prozess, der immer noch ungewiss ist.
Darauf hinzuweisen ist, dass manche Menschen die islamistische El-Nahda-Partei, die heute die Regierung stellt, für die Spaltung der Studenten mitverantwortlich machen. Sie meinen, dass die El-Nahda-Partei die Politik des alten Regimes kopiert – sie hat bereits die Gründung von El-Nahda-Jugendgruppen an den Universitäten angekündigt.

Ghazi Mabrouk, 21, Student am Institut für Presse- und Informationswesen in Tunis, hat nach der Revolution vom 14. Januar 2011 zusammen mit Kommilitonen das Online-Magazin „Kalima Hurra“ („Freie Rede“) gegründet: „Wir haben das Projekt selbst finanziert und mussten dazu etwas vom Studiengeld abzweigen, das wir von den Eltern bekommen. Manchmal waren wir gezwungen, Abstriche beim Essen zu machen, damit wir in verschiedene Landesteile reisen konnten, um von dort zu berichten. Eine wunderbare Erfahrung.“ Das Projekt musste inzwischen aus finanziellen Gründen eingestellt werden.

„Für Syriens Präsident Assad wird es eng“

Interview im Schweizer Rundfunk

„Der Weltsicherheitsrat berät am Dienstag abend an einer Sondersitzung über die Lage in Syrien. Dort rückt der Aufstand gegen Präsident Assad immer näher an die Hauptstadt Damaskus heran. Allein in den vergangenen Tagen seien hunderte von Menschen getötet worden. Weshalb eskaliert die Gewalt jetzt? Das haben wir die Journalistin und Syrien-Kennerin Kristin Helberg gefragt.“

http://www.drs.ch/www/de/drs/sendungen/drs-4-aktuell/5728.sh10210611.html

„Saudischer Hacker soll Assads Mailbox geknackt haben“

berichtet die Berliner Morgenpost

Osama Salman al-Ansi hat einem Zeitungsbericht zufolge E-Mails des syrischen Präsidenten gestohlen. Er soll vier Gigabyte heruntergeladen haben – und Assad damit jetzt erpressen.

Einem Hacker aus Saudi-Arabien soll es gelungen sein, E-Mails des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad herunterzuladen. Das berichtete die saudische Zeitung „Al-Madina“ am Dienstag. Der Hacker namens Osama Salman al-Ansi habe Daten im Umfang von vier Gigabyte gestohlen, darunter Material, das zur Enthüllung etlicher „Skandale“ beitragen könnte.

Unter anderem gehe es dabei um die Rolle des Iran bei der Niederschlagung des Aufstandes in Syrien. Der Hacker habe dem Präsidenten eine Botschaft übermittelt, in der er ihm gedroht habe, die Informationen zu veröffentlichen, falls er die Gewalt gegen die Protestbewegung nicht einstellen sollte.

Die Zeitung berichtete außerdem, Al-Ansi habe mehrere Websites der syrischen Regierung gehackt. Allerdings funktionierten diese am Dienstag schon wieder normal.

Zu den anhaltenden Protesten in Bahrain

Über die anhaltenden Proteste in Bahrain wird in den deutschsprachigen Medien sogut wie garnicht berichtet.
Unter

http://www.facebook.com/Bahrain.Feb14?ref=pb

werden Informationen auf englisch/ arabisch veröffentlicht.

Auf zenithonline fand sich gestern folgende Meldung:

Die bahrainischen Sicherheitskräfte gehen weiterhin hart gegen Demonstranten vor. Im Zuge der jüngsten Zusammenstöße sollen durch exzessiven Tränengaseinsatz bis zu einem dutzend Menschen ums Leben gekommen sein. Das berichtet die britische Sektion von Amnesty International und rief die Regierung des Vereinigten Königreiches auf, seine Exportbestimmungen für Tränengas nach Bahrain einer Revision zu unterziehen.

Die Protestbewegung im Inselstaat am Golf war im Zuge des Arabischen Frühlings im Februar gestartet, wurde von bahrainischen Sicherheitskräften sowie Truppen des Golfkooperationsrates gewaltsam niedergeschlagen. Am von König Hamad Al Khalifa in Aussicht gestellt Versöhnungs- und Reformprozess beteiligt sich die größte Oppositionsgruppierung »al-Wefaq« nicht, nachdem in einer Reihe von Prozessen zahlreiche Demonstranten zu teils hohen Haftstrafen verurteilt worden waren. Beobachter kritisierten die Gerichtsverfahren als teils plump inszenierte Schauprozesse.
Eine internationale Kommission unter Vorsitz des ägyptischen Völkerrechtlers Sharif Bassiouni kam Ende November zu dem Ergebnis, dass Folter und Misshandlung seitens der bahrainischen Sicherheitskräfte »systematischer Natur« seien. Die bahrainische Führung, ebenso wie die internationale Gemeinschaft, hat die Erkenntnisse der Kommission bisher lediglich zur Kenntnis genommen, konkrete Folgen hatte sie bisher allerdings nicht.

Ganz im Gegenteil forderte Innenminister Raschid Al Khalifa am Montag höhere Haftstrafen von bis zu 15 Jahren für »Angriffe auf Personale der Sicherheitskräfte«. Ein entsprechender Gesetzesantrag wurde dem Parlament in Manama bereits zur Vorlage übersandt worden.

„Nie habe ich uns so viel Mut zugetraut“

Berichte von Augenzeugen in Syrien

von Seif Al-Shishakli in der taz

Der Aufstand der Rebellen hat die Vororte von Damaskus erreicht, die Lage ist unübersichtlich. Menschen aus der syrischen Hauptstadt erzählen von ihren Hoffnungen und Ängsten.

„Es gibt immer wieder Schießereien“

Ein westlicher Diplomat berichtete der taz am Montagmorgen: „In den Vororten von Damaskus hat es heftige Kämpfe gegeben, besonders in Harasta und Duma. Es schien am Wochenende, als sei der Kreis der Vororte rings um die Hauptstadt von der Armee der Desertierten, der Free Syrian Army, eingenommen worden, dann startete die Regierungsarmee aber eine Offensive. Die Free Syrian Army kämpft seit Neuestem auch mit Panzerfäusten, wie man auf mehreren Videos im Internet sehen konnte.

Panzer stehen in Damaskus noch nicht, aber es herrschen hohe Sicherheitsvorkehrungen. Trotzdem gibt es immer wieder Schießereien. Auch aus den feinen Bezirken und nahe der Französischen Botschaft, wo extreme Sicherheitsvorkehrungen herrschen, habe ich von Gewalt gehört. Meist beginnt es am frühen Abend und geht bis in die Nacht hinein, in den letzten Tagen kam es allerdings auch tagsüber vermehrt zu Gefechten.

Internet und Funktelefon werden in Syrien mehrfach am Tag abgestellt, ebenso gibt es oft über Stunden keine Elektrizität. Da Heizöl sehr teuer geworden ist, können viele Familien nicht heizen. Grundnahrungsmittel scheint es allerdings noch in ausreichenden Mengen zu geben.“

„Christen haben Angst vor einem Bürgerkrieg“

Eine weitere diplomatische Quelle berichtet von der Lage der Christen, die offiziell zum Großteil weiter hinter dem Präsidenten stehen: „Unter der Hand hat ein hoher Kleriker unlängst von konkreten Drohungen durch das Regime gesprochen. Sollten die Christen die Seiten wechseln, so könnten durchaus auch Kirchen brennen, wurde gewarnt. Die große Angst vor einem Bürgerkrieg ist besonders unter den Christen verbreitet, da sie als Minderheit stets vom Regime geschützt wurden und offiziell weiter hinter ihm stehen. Sie haben Angst, dass religiöse Säuberungskommandos sie im irakischen Stile vertreiben könnten.“

„Syrien leidet unter einer Verschwörungskampagne“

Maher, 23, ist Wirtschaftsstudent und Jungunternehmer in Damaskus. Er bereitet sich auf seine Examen in zwei Wochen vor: „Ich habe gerade mit meinen Freunden eine Eventmarketingfirma gegründet. Wir produzieren HipHop, veranstalten Konzerte, Hochzeiten und Breakdancemeisterschaften und hoffen, bald die Lizenz für eine eigene Radiostation zu erhalten.

Syrien leidet unter einer internationalen Verschwörungskampagne, die ausländischen Medien sind stark, aber sie beeinflussen das Leben in Syrien nicht.

Als ich Teenager war, wurde Baschar Präsident, und alles wurde besser. Mein Vater konnte einen Kredit aufnehmen, sich selbstständig machen. Ich bekam ein Handy, habe jetzt einen Apple-Laptop, überall Internet. Heute kann ich die Musik machen, die ich will, ich kann tanzen, Geld verdienen. Früher war Breakdance verboten und galt als ,Teufelsanbeterei‘. Letztes Jahr veranstalteten wir die erste syrische Meisterschaft mit Unterstützung des deutschen Goethe-Instituts. Ich hoffe, das dieses Gerede vom Terrorismus aufhört und alles normal weitergeht.“

„Am Sonntag dachte ich, Damaskus wird befreit“

Asisa, 28, kommt aus Daraa, lebt allein und zurückgezogen in Damaskus: „Seit April war ich kaum noch auf der Straße, aus Angst, dass ein Agent mich beim Sprechen mit Verdächtigen sehen könnte. Jeder ist verdächtig. Und auch wer unverdächtig ist und zur falschen Zeit am falschen Ort, kann wie so viele einfach verschwinden. In den Unis werden Leute sogar aus Hörsälen geholt, manchmal Aktivisten, manchmal aber auch Leute, die noch nie was gemacht haben. Zunächst glaubte ich an eine Verschwörung, floh dann aber den Sommer über zu Bekannten in den Libanon.

Als ich wieder zu meinen Eltern nach Daraa ging, hörte ich das erste Mal Panzereinschüsse in die Häuser der Nachbarn. Sah, dass sie echt sind und von der eigenen Armee abgefeuert wurden. Mittlerweile informiere ich mich ständig im Internet über sichere Proxy-Server und dachte am Sonntagabend, dass Damaskus befreit wird. Ich wurde ganz euphorisch.

Dass sich mein Leben einmal so um 180 Grad drehen würde wie in diesem Jahr, hätte ich nie gedacht. Ich bin immer davon ausgegangen, dass alle arabischen Herrscher fallen könnten, nicht aber unser Präsident. Nie habe ich den Syrern so viel Mut zugetraut, aber ich bin stolz auf mein Volk und will jetzt auch wieder rausgehen und schauen, ob es Frauen und Kinder gibt, denen ich helfen kann. Jetzt scheint die Regierungsarmee aber wieder Land zu gewinnen, also bleibe ich noch zu Hause.“

„Das Regime muss offen angegriffen werden“

Die Aktivisten Amer aus Dail und Saif aus Daraa, zwei Orten südlich von Damaskus, berichten: „Wir werden die friedlichen Demonstrationen fortsetzen, Seite an Seite mit der Freien Syrischen Armee. Denn sie beschützt die Proteste der Zivilisten. Wir werden also zweigleisig arbeiten und uns wie in den letzten elf Monaten auf unsere eigene Stärke verlassen. Der Arabischen Liga können wir nicht mehr trauen. Wir können auch nicht warten, dass die internationale Staatengemeinschaft aktiv wird. Unsere Strategie wird das Regime schwächen, indem sie die Wirtschaft beeinträchtigt und mehr Soldaten dazu bewegt zu desertieren.

Außerdem müssen wir unseren Kampf zur letzten Hochburg des Regimes verlegen: nach Damaskus. Wir dürfen uns nicht nur selbst verteidigen, wenn die Regierungstruppen in unsere Städte eindringen und die Demonstrationen auflösen. Das Regime muss mit riesigen Protesten offensiv angegriffen werden. Diese Aktionen werden zum Sturz des Regimes führen.“

„Es ist nicht einfach schwarz und weiß“

Christian Streib, Kameramann für CNN: Ich habe gemerkt, dass die Situation nicht einfach schwarz und weiß ist. Ein großer Teil der Bevölkerung sympathisiert weder mit der Regierung noch der Opposition. Ja, sie wollen zwar Veränderung, und sie wollen, dass der Präsident geht, aber sie sind sehr besorgt aufgrund der Sicherheitslage. Und sie haben Angst vor der sektierischen Spaltung, und davor, dass sich einzelne religiöse Gruppen radikalisieren und bereit sind, sich zu bewaffnen. Das könnte in einem Bürgerkrieg enden.

Als Journalist, der im benachbarten Libanon lebt, war ich schockiert, dass eine Möglichkeit besteht, dass das „libanesische Szenario“ wieder wahr werden könnte. Der libanesische Bürgerkrieg zwischen 1975 und 1990 kostete mehr als 150.000 Menschen das Leben. Die Parallelen derzeit sind offensichtlich: der Niedergang der zivilen Ordnung, die Militarisierung von Teilen der Gesellschaft, das Zerwürfnis der Bevölkerung entlang der religiösen Grenzen und die Radikalisierung der Sekten.

In Damaskus war es ruhig, trotz einer unterschwelligen Spannung. Ich fühlte mich sicher in der Stadt. Abhängig von der Windlage konnte man nachts manchmal Schüsse hören, aus den Vororten, aber das waren bisher Ausnahmen. Die Regierungsinstitutionen sind geöffnet, alles wirkt normal, bis auf das die Preise spürbar gestiegen sind. Manche staatlich subventionierten Waren, wie z.B. Heizöl sind fast nicht mehr zu finden. Die Währung hat rund 40 Prozent gegenüber dem Dollar verloren. Aufgrund des Embargos funktionieren westliche Kreditkarten nicht mehr.“

Infoveranstaltung

„Ein Jahr danach: Arabischer Frühling – Was bleibt vom erhofften Umbruch?“

Montag, 30.01.2012 um 19.30 Uhr
Berlin – Festsaal Kreuzberg (Skalitzer Str. 130)

Am 25.1.2011 besetzten 15.000 Aktivistinnen und Aktivisten in Kairo den Tahrir-Platz. Inspiriert von der Revolte der Menschen in Tunesien entwickelte sich auch in Ägypten eine starke Protestbewegung, die in dem Sturz des seit 30 Jahren herrschenden Machthabers Mubarak gipfelte. Die Besetzung des Tahrir-Platzes war der Auftakt einer globalen Protestwelle, die sich am Plaza del Sol und bei Occupy fortsetze. In Syrien begann im März 2011 ebenfalls eine breite Protestbewegung, die immer noch brutal unterdrückt wird.

Ein Jahr nach dem Beginn der „Arabellion“ wollen wir Aktivist_innen aus Ägypten und Syrien einladen, um ihnen ein Forum zu geben und zu erfahren, welche Ursachen die Proteste haben und welche Erfahrungen die Aktivist_innen beim Kampf gegen die Regime gemacht haben. Wir wollen diskutieren, welche Selbstermächtigungsprozesse in den Bewegungen entstanden sind, aber auch welche Niederlagen zu verzeichnen sind.

Mit: Ola Shahba, Youth for Justice and Freedom (Kairo), Aktham Abazzid (Syrischer Aktivist, LIEN e.V.), Moderation Elias Perabo (adopt a Revolution). Präsentiert von Avanti Berlin. Eintritt: Spende.

Soziale Bewegungen und Konflikte in Tunesien & Algerien

Bernard Schmid auf http://www.trend.infopartisan.net:

Auch unter einer von „moderaten Islamisten“ angeführten Regierungskoalition in Tunesien dauern die sozialen Auseinandersetzungen fort

Die göttliche Hilfe, die sich die regierenden Islamisten in Tunesien vielleicht erwarteten, vermochte die gesellschaftlichen Konflikte nicht wegzuzaubern. Diese sind vielmehr in den vergangenen Tagen und Wochen mit unverminderter Härte neu aufgebrochen. (mehr…)