Archiv für August 2012

„Syrien: Rebellenausflug in Assads Raketenlager“

Stefan Binder im Standard

Ein Video aus Dayr az-Zawr zeigt den Absturz eines syrischen Kampfjets Mitte August. Die Rebellen behaupteten, die Maschine abgeschossen zu haben. Das Regime spricht von einem technischen Defekt.

Innerhalb von drei Wochen stürzten drei Fluggeräte der syrischen Streitkräfte ab. Die Eroberung von Waffenlagern könnte dabei geholfen haben
„Gott ist groß, Gott ist groß, Gott ist groß“ – der Jubel auf dem Video ist unüberhörbar. Es wurde am 27. August aufgenommen und zeigt den Absturz eines Hubschraubers der syrischen Armee in einem Vorort von Damaskus.

Es war bereits der dritte bestätigte Absturz eines Fluggeräts der syrischen Streitkräfte innerhalb von drei Wochen. Schon Mitte August stürzte in Dayr az-Zawr im Nordosten des Landes ein Jet ab. Am Donnerstag veröffentlichte der Fernsehsender Al-Arabiya ein Video, das erneut den Absturz einer syrischen Maschine zeigen soll. Der Pilot konnte sich mit dem Fallschirm retten. In allen drei Fällen behaupteten die Rebellen, sie hätten die Maschinen abgeschossen.

„Das Lager ist voller Raketen“
Ob dies tatsächlich der Fall war, kann nicht überprüft werden. Doch nährten die Abstürze Spekulationen in Medien, wonach die Rebellen aus dem Ausland unter anderem mit Stinger-Raketen beliefert werden. Die Möglichkeit, dass etwaige Luftabwehrraketen aus syrischen Beständen stammen, wurde medial kaum in Erwägung gezogen – bis jetzt.

Denn wie neu aufgetauchte Videos zeigen, haben syrische Rebellen offenbar ein Lager mit SA-5-Boden-Luft-Raketen erobert. „Durch den Willen Gottes wurde die Iftrees-Basis von der Volksverteidigungsgruppe, einer Einheit aus Ost-Ghouta in der Provinz Damaskus, gestürmt“, verlautbart die Stimme in einem der Videos. „Sturm auf das Raketenarsenal, zehn Raketen, Gott ist groß! Das Lager ist voller Raketen.“

Oppositionsangaben zufolge befindet sich die die Iftrees-Raketenbasis außerhalb von Damaskus. Unabhängig überprüfbar wäre diese Information selbst in Friedenszeiten nicht, gelten doch sämtliche militärischen Einrichtungen in Syrien als geheim. Dass es allerdings viele derartige Basen gibt, ist unbestritten: Syrien ist einer der fleißigsten Importeure sowjetischer und russischer Waffensysteme.

Auch ein Video einer anderen Gruppe von Kämpfern, der Liwaa al-Islam (Islam-Brigade), zeigt die eroberte Basis und das gut gefüllte Raketenarsenal:

Tragbare Boden-Luft-Raketen
Doch selbst wenn die Raketen unbeschädigt und vollständig in die Hände der Rebellen gefallen sein sollten, dürften sie für die Kämpfer nur von geringem Nutzen sein. Denn die SA-5 ist ein hoch komplexes Waffensystem, das aus deutlich mehr als nur einer Rakete und der dazugehörigen Startrampe besteht. Wichtige Komponenten sind Suchradar, Zielsuch- und Zielverfolgungsgeräte, Höhenmess- und Feuerleitradar.

Den Piloten des Assad-Regimes weitaus gefährlicher könnten die SA-7-Raketensysteme werden. In der langen Herrschaftszeit der Familie Assad wurden vermutlich Tausende dieser hitzesuchenden tragbaren Raketensysteme an Syrien verkauft. Die Waffe wurde in den 50er und 60er Jahren in der Sowjetunion entwickelt und tauchte danach in vielen Ländern der Welt auf. Einige der Waffen dürften bereits Mitte August in die Hände von Rebellen gefallen sein. Wie, ist unbekannt, in einem Bericht des US-Magazins „Time“ wird gemutmaßt, dass libysche Rebellen die SA-7 nach Syrien geschmuggelt haben könnten. Ein Video, das am 15. August veröffentlicht wurde, zeigt jedoch, dass Rebellen die begehrten Waffen aus syrischen Beständen erbeutet haben:

Eine Aufnahme aus der Grenzstadt Abu Kamal zeigt ebenfalls Rebellen mit einer SA-7 auf der Schulter:

Einsatzbereit
Der Stolz und die Freude der Rebellen über die Beute sind groß. Doch möglicherweise haben sich die oppositionellen Kämpfer zu früh gefreut. Einerseits ist die SA-7 ein relativ altes Raketensystem, die meisten modernen Kampfjets können ihr mit Gegenmaßnahmen entkommen. Andererseits benötigen Kämpfer auch für die vergleichsweise einfach zu bedienenden SA-7-Raketen intensive Übung (zum Beispiel, aus welchem Winkel man das Fluggerät am besten angreift), um die Waffe einsetzen zu können.

Und trotz der zahlreichen Videos ist Vorsicht geboten, denn anhand der Aufnahmen kann nicht festgestellt werden, ob die Waffen überhaupt einsatzbereit sind. Ob die erbeuteten Waffen letztlich verwendbar sind, wird sich damit wohl erst in Zukunft zeigen – falls vermehrt syrische Jets und Kampfhubschrauber unerwartet schnell und unsanft die Erde erreichen.

Erneute Grossdemo in Bahrain trotz Verbot

Meldung dazu aus der WAZ:

Großdemonstration in Bahrain

Tausende Menschen haben im Golfstaat Bahrain am Freitag an einem von der Regierung genehmigten Protestmarsch teilgenommen. Obwohl von offizieller Stelle genehmigt, war es eine regierungskritische Protestkundgebung. Einige Demonstranten forderten die Freilassung des Menschenrechtsaktivisten Nabeel Radschab, der wegen des Aufrufs zur Gewalt zu drei Jahren Haft verurteilt wurde.

Tausende Menschen haben im Golfstaat Bahrain am Freitag an einem von der Regierung genehmigten Protestmarsch teilgenommen. Obwohl von offizieller Stelle genehmigt, war es eine regierungskritische Protestkundgebung. Einige Demonstranten vor den Toren der Hauptstadt Manama forderten die Freilassung des Menschenrechtsaktivisten Nabeel Radschab, der wegen des Aufrufs zur Gewalt zu drei Jahren Haft verurteilt wurde.

Die bahrainische Regierung hatte vor kurzem ein vorübergehendes Demonstrationsverbot verhängt. Dennoch wurde protestiert und es kam zu Zusammenstößen mit Sicherheitskräften. Die Protestaktionen gegen die bahrainische Monarchie begannen im Februar 2011, inspiriert vom Arabischen Frühling.

„Fußball in Ägypten: Zurück zur Normalität “

Sieben Monate mussten die Fußballfans in Ägypten vor den Toren der Stadien bleiben. Vergangene Woche verkündete der ägyptische Fußballverband, erstmals wieder Fans bei einem Spiel zuzulassen. Morgen spielt Zamalek endlich wieder vor Publikum.

Helen Staude auf Nahost Fussball

Seit achtzehn Monaten herrscht in Ägypten der Ausnahmezustand. Die Revolution am Nil überraschte alle, den Westen, Mubarak, das Militär. Für viele war es eine Facebookrevolution, dabei war es genau genommen eine Fußballrevolution. Gleich zu Beginn der Proteste ließ Mubarak die Fußballliga unterbrechen, sagte alle Spiele ab. Zu groß war die Angst, dass sich in den Stadien die Massen gegen ihn zusammen tuen könnten. Bereits zu diesem Zeitpunkt brauchten die Anhänger keine Stadien mehr. Die Straße war ihr Stadion. Treibende Kraft vor Mubaraks Umsturz waren vor allem die Ultras der beiden größten Vereine Kairos: Al Ahly und Zamalek. Im Dasein als Fußballfan sind sie Feinde, während den Aufständen begruben sie ihre Rivalität.

Die Kräfte Al Ahlys und Zamaleks zeichnen die Gesellschaft der Prä-Mubarak-Ära wieder. Eine Zeit in der die Massen mundtot gemacht wurden, die Bühne des Fußballs instrumentalisiert wurde. Fans nutzen die 90 Minuten um ihre politische Agenda zu demonstrieren, Mubarak nutzte die Minuten um der Welt da draußen Normalität zu zeigen. Aber die Ultras wurden für ihre Macht bestraft. Im Februar starben 74 Menschen, Anhänger Al-Ahlys, während eines Spiels in Port Said. Der Ort brannte sich in das Gedächtnis der Menschen und steht für die Tragödie. Die Behauptungen halten sich aufrecht, Anhänger Mubaraks hätten dies inszeniert – um die Anhänger Al-Ahlys zu bestrafen, ihnen Angst zu machen.

„Fußball ohne Fans ist wie eine Hochzeit ohne Gäste“

Bestraft wurde eine ganze Nation: Der Vorfall ging als schwärzester Tag in die Geschichte des Fußballs ein, niemals zu vor starben so viele Menschen bei einem Fußballspiel. Die Liga wurde umgehend abgebrochen, Spieler standen kurz vor dem Karriereaus, wollten alles hinschmeißen. Aufgehört hat keiner, alle Spieler sind mittlerweile wieder Teil der Nationalmannschaft und ihrer Vereine. Dennoch, der Fußball hat sich verändert: die Fans müssen seitdem draußen bleiben. Viele der Spiele werden nun im Ausland ausgetragen, oder aber im Militärstadion, mit Offizieren als Publikum. Dies hat eine verheerende Konsequenz: die einst so starken Ägypter rutschten international in den Keller. Zum zweiten Mal in Folge verpasste das Land die Teilnahme am Afrika Cup.

In der afrikanischen Champions League ist Zamalek mit null Punkten Gruppenletzter in Gruppe B, Al-Ahly aber führt die Gruppe an. Letzten Monat spielten endlich auch wieder die Erzrivalen, Al Ahly und Zamalek als Gegner in der Champions League gegeneinander. Was sonst ein Großereignis in Kairo ist, geschah hinter geschlossenen Türen, ohne Fans. „Fußball hinter verschlossenen Türen zu spielen, ist wie eine Hochzeit ohne Gäste“, klagt Khaled Mortagey, Mitglied des Al-Ahly Vorstandes. „Die Atmosphäre ist nicht gut für die Spieler, dies alles beeinträchtigt ihre Spielweise.“ Al Ahly konnte dennoch dank Spielmacher Mohamed Aboutrika mit 1:0 siegen.

Ultras üben erneut Druck aus

Wieder waren es die Ultras Zamaleks und Al-Ahlys, die sich ihrem Schicksal nicht einfach ergeben wollten. Beide Fangruppen übten massiven Druck auf den Ägyptischen Fußballverband (EFA) aus – sie wollten ihre Mannschaften unterstützen, bei den Spielen dabei sein. Ihre Bemühungen zahlten sich aus. Zuerst wurde El-Amry Farouq als neuer Sportminister ernannt. In einer Presseerklärung erklärte Farouq, den Fußball ganz oben auf seine Agenda zu setzen. Er habe gesehen, welchen Nachteil Al Ahly, Zamalek und die anderen Vereine erdulden, welche finanzielle Belastung es für den ägyptischen Fußball bedeute. Bereits vor seiner Ernennung fanden zahlreiche Treffen und intensive Gespräche zwischen Al-Ahly Mitgliedern und Ägyptens neuem Innenminister Ahmed Gamal Edin statt. Er beharrte, keine Fans zu den spielen zuzulassen solange nicht die Clubs und Stadien seinen Sicherheitsvorschriften entsprechen würden. Man einigte sich nun: die Spiele finden vorerst weiter im Militärstadium statt. Fans werden zu ausgewählten Spielen mit Beschränkung zugelassen. Auch das nächste Champions League Spiel am 14 September zwischen Al-Ahly und Zamalek gehört zu diesen. Verlaufen diese Spiele friedlich, werden weitere Spiele freigegeben.

Der Schritt ist ein kleiner Sieg des neuen Präsidenten Mohamed Morsis in seinem eigenen Kampf gegen die Sicherheitskräfte des Landes. Erst gerade erzielte er einen Sieg, als er die oberste Riege des Militärs einfach ersetzte. Lange war es ihm nicht gelungen, die Fans zurück in die Stadien zu bringen um endlich wieder ein Stück Normalität zu erreichen. Und fast hätte ihm das Militär wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht. Nach der Einigung zwischen Ministerium, Ultragruppen und Militär, zogen die Verantwortlichen des Militär Stadiums das Angebot zurück, die kommenden Spiele dort auszutragen. Angeblich würde das Stadion renoviert werden. Premierminister Hisham Qandil befahl umgehend Verteidigungsminister Abdel-Fattah El-Sisi, das Problem zu lösen. Zamalek hätte keinen neuen Austragungsort für das morgige Spiel gegen das Team Berekum Chelsea aus Ghana gefunden. Das Spiel – gerade für die Fans – wäre ausgefallen. Der Druck auf El-Sisi war zu groß, die Absage wurde zurückgezogen. Auch wenn das Spiel für Zamalek als Gruppenletzter keine Bedeutung mehr hat, für Ägypten ist es ein großer Tag.

Morsi belohnt die Ultras für Mubaraks Sturz

Die aktuelle Debatte in Ägypten zeigt, wie politisch motiviert und gefärbt die Diskussion um den Fußball ist. Die Bemühungen des Präsidenten Morsi stehen im starken Kontrast zu seinem Vorgänger Mubarak. Dieser benutzte den Fußball um von der Politik abzulenken, um sein Image aufzupolieren. Morsi setzt sich dafür ein, den Fußball von Korruption zu säubern, den Sport frei und fair zu gestalten. Kürzlich erst formte die Regierung die EFA neu, organisiert innerhalb von 60 Tagen eine Wahl des Sportgremiums. Drei Listen – Anhänger der Mubarak-Ära, Islamisten und unabhängige Reformer – treten gegeneinander an. Morsi weiß, dass sich die Fans nicht mehr von den Stadien fernhalten werden. Das Problem muss gelöst werden, jetzt, an den Tischen mit Ministerien, Vereinen und Ultras. Sonst gehen diese wieder auf die Straße und erkämpfen sich ihre Rechte.

Der Ägyptische Fußballverband rief die Fans Zamaleks auf, sich morgen friedlich zu verhalten. Gerade erst hat der Afrikanische Fußballverband (CAF) Tunesiens Etoile Sahal aus der Champions League geworfen. Vergangene Woche stürmten die tunesischen Fans aufgrund der schlechten Leistung der Mannschaft den Platz, während des Gruppenspiels gegen Esperance in Sousse, 22 Polizisten wurden verletzt.

„Wir zählen auf die Fans von Zamalek, sich sportlich zu verhalten. Sie sollen eine Nachricht in die ganze Welt schicken, dass Ägypten sicher ist“, sagt EFA-Sprecher Azmy Megahed. Das Spiel soll den Weg für die nationale Liga ebnen. Am 17. September soll diese endlich wieder beginnen, hoffentlich auch mit den Fans.

“ Aussöhnung zwischen alten Feinden“

Ägyptens Präsident gibt der “Islamischen Republik“ die Ehre und zeigt damit die Entschlossenheit zur Rückkehr in eine aktive Führungsrolle der Region

Birgit Cerha auf IFAMO

Zutiefst irritiert und in banger Erwartung der Folgen beobachten Kairos alte Bündnispartner in der arabischen Welt und im Westen den ersten Besuch eines ägyptischen Präsidenten in der „Islamischen Republik“. 33 Jahre lang hatte der gestürzte Präsident Mubarak den Iran politisch boykottiert und nur ein Minimum an diplomatieschen Beziehungen aufrechterhalten. Nun gibt sein freigewählter Nachfolger Mohammed Mursi heute, Donnerstag, den Führern des schiitischen „Gottesstaates“ die Ehre, um ihnen persönlich beim Gipfel der Blockfreien Staaten die dreijährige Führung der Organisation zu übertragen.

„Schande für Ägyptens Präsidenten“, empört sich ein Kommentator in der „New York Times“ und wirft Mursi vor, dem iranischen Regime, das eine Demokratiebewegung vom Schlage jener, die ihn selbst nun in Ägypten an die Macht gespült hat, brutal unterdrückt, „Legitimität verleiht“ und den demokratiehungrigen Iranern damit die Hoffnung raubt, doch noch eines Tages Ähnliches zu erringen. Dass Teheran die Vertreter aus 118 Ländern, darunter zahlreiche Präsidenten, vor allem aber auch jenen des wichtigsten arabischen Verbündeten Washingtons , Ägyptens, empfangen kann, schmerzt jene westlichen Führer, die seit Jahren um totale internationale Isolation des Irans wegen des umstrittenen Atomprogramms ringen. Iranische Politiker betrachten den Gipfel als „einen Misserfolg der USA“. Das gelte vor allem für Mursis Besuch, der „einen Meilenstein“ setze. Parlamentssprecher Ali Larijani rühmt die „Schlüsselrollen“, diese beiden, eng miteinander verbundenen Länder in der Geschichte der islamischen Zivilisation gespielt hätten.

Die „Islamische Revolution“ 1979 hatte die engen Bande zwischen beiden abrupt zerrissen. Revolutionsführer Khomeini verdammte den Friedensschluß zwischen Ägypten und Israel im selben Jahr als „Verrat des Islams“ und rief zum Sturz des damaligen Präsidenten Sadat auf. Dessen Mörder Khaled Islambouli 1981 ehrt das Regime bis heute, indem es eine Straße nach ihm benannte. Mubarak stufte den Iran als Gefahr für die regionale Stabilität ein und auch für die nationale Sicherheit Ägyptens. Eine jüngst von Wikileaks publizierte US-Diplomatenbotschaft vom 28.4.2009 zitiert Mubarak, der den Iran als „die größte Gefahr für den Mittleren Osten“ einschätzt und die dominierende Sorge seiner Bündnispartner Saudi-Arabien und anderer Golfstaaten vor iranischem und schiitischem Expansionismus in der Region teilt. Diese Angst quält auch die radikale und sehr einflußreiche salafistische Bewegung in Ägypten, die den Schiismus als Häresie verdammt und die „Islamische Republik“ damit als Erzfeind. Mursi verrate mit seinem Besuch in Teheran die durch Irans Bündnispartner, den syrischen Präsidenten Assad, blutig verfolgten Sunniten in Syrien, empören sich Salafisten-Führer. Er schwäche die Allianz der Sunniten in der Konfrontation mit dem Schiismus. Mursi hingegen ist bestrebt, die Kluft zwischen den islamischen Glaubensrichtungen zu überbrücken.

Teheran hatte denn auch seinen Aufstieg zur Macht am Nil hoffnungsvoll begrüßt, und zum erstenmal seit 1979 durften jüngst zwei iranische Marineschiffe durch den Suezkanal fahren. Offensichtlich mit Blick auf Ägyptens alte Bündnispartner versucht das Regime unterdessen die Bedeutung von Mursis Besuch herunterzuspielen. Der Ägypter bliebe nur vier Stunden in Teheran, um seine Funktion auf dem Gipfel zu erfüllen, auf dem Heimflug aus China, wo er seine erste Visite in einem nicht-arabischen Land angetreten und sich Finanzhilfe gesichert hatte. Beide Reisen besitzen zweifellos starken Symbolcharakter. Während Mursi als Signal an Washington durch seine Gespräche in Peking die Absicht unterstreicht, Chinas wachsende Rolle in der arabischen Welt – als Gegengewicht zu den USA – zu fördern, halten es diplomatische Kreise für wenig wahrscheinlich, dass der Ägypter rasch volle Beziehungen zum Iran aufnehmen werde. Vorerst zeichnet sich noch keine klare politische Linie gegenüber dem Iran ab. Mursi ist ein vorsichtiger Pragmatiker. Er kann es nicht riskieren, das Wohlwollen seiner strategischen Verbündeten und Finanziers – allen voran die USA und Saudi-Arabien – aufs Spiel zu setzen. Anderseits aber zeigt er Entschlossenheit, Ägyptens alte, von Mubarak lange vernachlässigte, Führungsrolle in der Region wieder aufzunehmen und sich dabei wohl mehr und mehr aus der totalen Abhängigkeit von den USA zu lösen. „Wir wollen ausgewogene Beziehungen mit jedem Land#“, erläutert denn auch sein Sprecher Yasser Ali. „Wir gehören keiner politischen Achse an.“ In solcher Funktion versucht Mursi schon jetzt eine neue Vermittlungsmission unter Einbindung des Iran für ein Ende des Blutbads in Syrien.

Ausnahmezustand in Tunesien verlängert

Radio Stimme Russland

In Tunesien wurde bis Ende September das Regime des Ausnahmezustands verlängert, das nach der Revolution im Januar 2011 verhängt worden war. Dies gab der Präsident Monsef Marzuki bekannt.

In diesem Sommer brachen in Tunesien periodisch Volksunruhen aus, die in Zusammenstöße mit der Polizei übergingen. Anfang Juni zwangen die von ultra-konservativen Islamisten-Salafiten landesweit organisierten Krawalle die Behörden, die Ausgangssperre zu verhängen, die zwei Tage später aufgehoben wurde.

Im August eskalierten in der Stadt Sidi Bouzid Manifestationen mit Forderungen nach einem Rücktritt der Regierung in eine Kampagne des Ungehorsams. Die Polizei musste Tränengas und Gummigeschossen einsetzen, um die Demonstranten zu zerstreuen.

Telepolis zu SWP/ Syrien

Die kleine Revolution von Wilmersdorf

Harald Neuber auf telepolis, dort mit zahlreichen links im Artikel

Wie Bundesregierung und die Berliner Stiftung für Wissenschaft und Politik das neue Syrien nach Baschar al-Assad mitzugestalten versuchen
Während Frankreich und Großbritannien im Zuge der Syrien-Krise offen für ein aggressiveres Engagement gegen die Regierung von Präsident Baschar al-Assad eintreten, hielt sich die deutsche Bundesregierung lange bedeckt. Bis zum Dienstag dieser Woche. In Berlin stellten an diesem Tag Vertreter der syrischen Opposition einen 122 Seiten starken Plan für die Zeit nach der Assad-Führung vor. Den „day after“, so der Titel des Programms, mochte allerdings niemand terminieren. Am Ende blieb vieles vage, bis auf eine Erkenntnis: Berlin mischt im Ringen um den Einfluss in Syrien offensichtlich stärker mit, als man es offiziell zugeben möchte.

Seit Anfang des Jahres waren rund 50 Gegner Assads in den Räumen der regierungsnahen Stiftung für Wissenschaft und Politik (SWP) im Berliner Stadtteil Wilmersdorf zusammengekommen. In insgesamt sechs Treffen von jeweils bis zu zwei Tagen seien zahlreiche Themen des staatlichen Übergangs diskutiert worden, hieß es bei der Präsentation des „The day after“-Berichts. Genannt wurden die angestrebte Einsetzung einer Übergangsjustiz und die Einberufung einer verfassunggebenden Versammlung auf der Basis des alten Grundgesetzes aus dem Jahr 1950.

„Aus einem Staat, der in Willkürherrschaft von Einzelnen regiert wird, muss ein Rechtsstaat werden“, zitiert die Nachrichtenagentur dpa den führend beteiligten Amr al-Azm, der an der Shawnee State University im US-Bundesstaat Ohio Archäologie lehrt. Vor allem, fügte al-Azm hinzu, solle nach einem möglichen Sturz der aktuellen politischen Führung ein Machtvakuum verhindert werden.

Wer genau an dem Konferenzzyklus in Berlin teilnahm, blieb bis zuletzt unklar. In dem im Internet veröffentlichen Bericht werden nur knapp zwei Drittel der Teilnehmer genannt. Nach ersten Berichten über die Treffen Ende Juli in der Süddeutschen Zeitung und der Wochenzeitung Die Zeit war von ehemaligen Generälen, Wirtschafts- und Justizexperten sowie Vertretern der Volksgruppen und Konfessionen die Rede. SWP-Direktor Volker Perthes legte Wert auf die Feststellung, dass sich die Teilnehmer „selbst rekrutiert“ hätten. Es sei nicht die Aufgabe der SWP, „eine neue syrische Regierung auszuwählen“.

Das deutsche Syrien-Engagement

Dabei bestehen kaum Zweifel daran, dass die SWP-Konferenzen – vorsätzlich oder in wohlwollender Akzeptanz – Teil der Regierungsstrategie für ein Post-Assad-Szenario sind. Offiziell engagiert sich die Bundesregierung bislang in erster Linie in der humanitären Hilfe für Flüchtlinge aus Syrien. Nach jüngsten Angaben des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sind dafür gut 10,7 Millionen Euro aus verschiedenen Ministerialetats zur Verfügung gestellt worden. Unklar ist, inwieweit sich die deutsche Bundesregierung neben den indirekt unterstützen SWP-Konferenzen auch direkt an den Plänen zum Regimewechsel beteiligt.

Dem Vernehmen nach ist das BMZ federführend an einer Arbeitsgruppe der US-dominierten Konferenz der Freunde Syriens zur wirtschaftlichen und politischen Zukunft des arabischen Staates beteiligt. Still geworden ist es nach einem Bericht des Spiegels und halbherzigen Dementis um den Einsatz des Flottendienstbootes „Oker“ in internationalen Gewässern vor der Küste Syriens (Darf der BND in Syrien spionieren und die Informationen an die Rebellen weitergeben?). Die rund 40 Soldaten des Elektronischen Kampfführungsbataillons der Bundeswehr können von dem FD-Boot aus bis zu 600 Kilometer weit nach Syrien hineinhorchen. Nicht abschließend geklärt ist bislang, welches Ziel der Einsatz hat und was mit den Daten geschieht.

Die Syrien-Konferenzen der Stiftung für Wissenschaft und Politik, die mutmaßliche Teilnahme an den Treffen der „Freunde Syriens“, der Marineeinsatz vor der Küste Syriens – vieles deutet darauf hin, dass sich außenpolitisch eine neue Doktrin durchsetzt, die weitaus zielbewusster ausgerichtet ist, als dies der offizielle Diskurs vermuten lässt. Immerhin waren die SWP-Konferenzen mit dem Auswärtigen Amt abgestimmt. Erleichterungen bei der Visa-Vergabe für die Teilnehmer wurden vom Außenamt bestätigt, Gelder sollen nicht geflossen sein. Diese Aussage relativiert sich aber angesichts der Tatsache, dass die SWP seit 1965 weitgehend aus Bundesmitteln finanziert wird.

Gezielte Aufrüstung regionaler Partner

Ist die Syrien-Politik also Teil der außenpolitischen „Merkel-Doktrin“, die der Spiegel unlängst erkannt haben will? Eine gezielte Aufrüstung bestimmter Akteure zur Durchsetzung geopolitischer Ziele lässt sich im arabischen Raum partiell tatsächlich nachweisen. Die kontrovers diskutierten Exporte von Kampfpanzern des Typs Leopard 2 sollen nämlich nicht nur an Saudi-Arabien und Indonesien gehen, sondern auch an das Emirat Katar. Dessen westlich orientierter Emir, Scheich Hamad bin Khalifa al-Thani, hatte während des Aufstandes in Libyen bereits Waffen an die dortigen Rebellen geliefert und unterstützt nach Medienberichten auch jetzt zusammen mit Saudi-Arabien die regierungsfeindlichen Kräfte im immer blutiger ausgefochtenen syrischen Bürgerkrieg.

Den syrischen Teilnehmern der Berliner SWP-Konferenzen schienen diese Zusammenhänge klar zu sein. Im Interview mit Deutschlandradio forderte Ferhad Ahma, der Konferenzteilnehmer für die Gruppe „Syrischer Nationalrat“ und Berliner Grünen-Politiker, die Bewaffnung der Aufständischen. Man müsse „auch alle anderen Optionen in Erwägung ziehen und die internationale Staatengemeinschaft auch an ihre Verpflichtung erinnern – und dazu zählt auch die Unterstützung im Waffenbereich für die Opposition“, sagte Ahma.

Ungeachtet der Planungen und Forderungen in Berlin laufen auch andernorts die Vorbereitungen für ein Post-Assad-Szenario. In Syrien selbst wollen am 12. September Oppositionsgruppen zu einer „Konferenz zur Rettung Syriens“ zusammenkommen. An dem Treffen, das bisher ohne Probleme in Damaskus vorbereitet wird, wollen Reformkräfte wie das „Nationale Koordinationskomitee für Demokratischen Wandel“ und verschiedene kurdische Parteien teilnehmen. Ziel sei ein „grundsätzlicher Wandel des aktuellen Regimes mit friedlichen Mitteln und ohne ausländische Einmischung“.

Neben dieser Initiative sorgte in dieser Woche vor allem der französische Vorstoß zur Anerkennung einer Übergangsregierung für Furore. Die USA widersprachen dem Ansinnen offen, die EU-Mitgliedsstaaten hielten sich bedeckt. Am Ende ist nur eines klar: Verschiedene internationale Führungsmächte versuchen derzeit ihre Kontakte für die Zeit nach einem möglichen Ende der Assad-Herrschaft in eine möglichst günstige Position zu bringen.

SWP-Direktor Perthes: Keine bewaffneten Kräfte mit am Tisch

Während die Koordination der Oppositionszirkel in deutschen Medien kaum hinterfragt wurde, protestierte die Linkspartei gegen die Unterstützung durch die SWP. Nach Ansicht der linken Bundestagsabgeordneten Heike Hänsel wurden auch Vertreter der „Freien Syrischen Armee“ als Gesprächspartner akzeptiert. Diese militärische Gruppierung verübe nach eigenen Angaben Attentate und Bombenanschläge „und wird gemeinsam mit weiteren Rebellen ebenso wie das syrische Regime vom UN-Menschrechtsrat und verschiedenen Menschenrechtsorganisationen für zahlreiche Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantwortlich gemacht“, schrieb Hänsel, die dem Unterausschuss Vereinte Nationen des Bundestags vorsteht.

Indem Vertreter der FSA als Gesprächspartner akzeptiert würden und die Bundesregierung dies „mit Interesse“ verfolge, würden die von der FSA begangenen Verbrechen und Terrorakte de facto toleriert, kritisierte die Abgeordnete: Dies sei mit nationalem und internationalem Recht unvereinbar.

Gegenüber Telepolis trat SWP-Direktor diesem Vorwurf entgegen: „Tatsächlich haben keine Vertreter bewaffneter Gruppierungen an den Treffen in Berlin teilgenommen.“ Die Projektteilnehmer hätten allerdings mit vielen Gruppierungen im Land Kontakt, so auch mit der FSA. Nach Perthes Angaben waren sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Projekts keineswegs einig darüber, „was der beste Weg ist, um die Herrschaft Bashar al-Assads zu beenden“. Einige seien überzeugte Anhänger rein zivilen Widerstands, andere unterstützen auch den bewaffneten Kampf der FSA; einige riefen nach internationaler Intervention, andere hielten dies für schädlich.

„Uns ist wichtig, dass sich alle ungeachtet ihrer sonstigen Differenzen einig darüber sind, auf eine politisch gestaltete Transition zu einem demokratischen und inklusiven System hinzuarbeiten“, so Perthes. Dazu diene der in Berlin erarbeitete Bericht.

EU-Staaten weiter uneinig

Während also die Planungen für die Zeit nach al-Assad andauern, erhöhen führende westliche Staaten den Druck auf Russland und China. Beide Staaten sprechen sich bislang beharrlich gegen ein direktes und in Folge womöglich militärisches Engagement ausländischer Mächte aus.

Ende Juli stellten Vertreter des Europäischen Auswärtigen Dienstes (EAD) in Brüssel einen Briefentwurf an Moskau und Beijing vor. Bei den internen Beratungen mit Vertretern der EU-Mitgliedsstaaten wurden die Missionen direkt aufgefordert, die Botschaft „zur Beendigung der Blockade im UN-Sicherheitsrat“ direkt an die jeweiligen Botschaften Russlands und Chinas zu übermitteln. Je mehr EU-Regierungen dieser Aufforderung folgten, desto effektiver könne der Druck aufgebaut werden, hieß es seitens des EAD nach Informationen aus Teilnehmerkreisen. Damit schwenkte der Auswärtige Dienst der EU auf die Forderung Frankreichs und Großbritanniens nach einer offeneren Kritik an Russland und China ein. Wenige Tage zuvor hatten sich EAD-Vertreter noch gegen ein solches Vorgehen ausgesprochen.

Trotz aller Konferenzen und Planungen bleibt die EU in der Syrien-Frage uneinig, in der Tendenz aber ist sie den Aufständischen zugeneigt. Nach den Bombenanschlägen der FSA auf Regierungsgebäude und Hotels in Damaskus Mitte Juli verhinderte Frankreich eine direkte Erwähnung der Attentate in einem EAD-Bericht. Schließlich hätten die Angriffe dem Militär und Sicherheitsapparat gegolten und keine zivilen Opfer gefordert, hieß es bei der internen Aussprache. Unterstützt wurde diese Position von Großbritannien, den Niederlanden und Spanien. Zugleich schrecken die EU-Staaten vor einer zu offenen Haltung zurück. In einem später verworfenen Entwurf eines EAD-Syrien-Berichtes hieß es: „Die EU ist bereit, auf die Situation im Land zu reagieren und ihre Rolle wahrzunehmen.“ Der Satz, so der Einwand mehrerer Diplomaten, könne dann doch als zu offensiv missverstanden werden.

„Trotz Gefechten demonstrieren wieder Zehntausende in Syrien

Stern

Ungeachtet der anhaltenden Kämpfe sind in Syrien wieder zehntausende Menschen gegen die Staatsführung um Präsident Baschar al-Assad auf die Straße gegangen. Die seit 17 Monaten anhaltenden Demonstrationen waren diesmal Daraja gewidmet, einem Vorort von Damaskus, wo nach einer Armeeoffensive hunderte Leichen gefunden worden waren. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon forderte abermals ein Ende der Gewalt.

Die Demonstrationen in Damaskus fanden trotz zahlreicher Straßensperren statt, mit denen Sicherheitskräfte die Zufahrt zur Innenstadt versperrten. In Damaskus waren etwa ein Dutzend Bombenexplosionen zu hören. Im ganzen Lande demonstrierten Menschen nach dem Freitagsgebet, wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mitteilte.

Der Chef der in London ansässigen Beobachtungsstelle, Rami Abdel Rahman, sagte, dass seit 90 Tagen hunderte Zivilisten in Homs eingeschlossen seien. Die Armee habe die Stadt umstellt und rücke unter dem Einsatz schwerer Waffen gegen von Rebellen kontrollierte Viertel der vor. Es fehle vor allem an Nahrungsmitteln und Lebensmitteln. Zwei Zivilisten in Homs bestätigten diesen Angaben der Nachrichtenagentur AFP via Internettelefonie-Dienst Skype.

In der Provinz Idlib lieferten sich Armee und Aufständische heftige Gefechte um die Luftwaffenbasis Abu al-Suhur. Am Vortag hatten die Rebellen nach eigenen Angaben ein Militärflugzeug kurz nach dem Start abgeschossen. Bei den Gefechten starben laut der Beobachtungsstelle sechs Menschen.

UN-Generalsekretär Ban kam im Rahmen des Gipfels blockfreier Staaten in der iranischen Hauptstadt Teheran mit dem syrischen Regierungschef Wael al-Halki zusammen. Bei einer anschließenden Pressekonferenz forderte Ban beide Parteien zu einem Ende der Gewalt in Syrien auf. Die syrische Armee solle vor allem den Einsatz schwerer Waffen beenden. Ban nahm auch Assads engen Verbündeten Iran in die Pflicht, zu einem Ende der Gewalt beizutragen.

Irans geistlicher Führer Ayatollah Ali Chamenei machte die USA und Israel für den blutigen Konflikt in Syrien verantwortlich. Beide Staaten seien „die verdeckten Hauptverantwortlichen der schmerzhaften Probleme in Syrien“, sagte Chamenei laut seiner Webseite leader.ir. Die syrische Regierung sei „in dieser Angelegenheit das Opfer“.

Frankreich rief insbesondere die europäischen Staaten auf, für die syrischen Flüchtlinge zu spenden. Die Regierungen in Paris und London hatten zuvor eigene Spenden in Millionenhöhe angekündigt. Nach UN-Angaben wurden innerhalb Syriens 1,2 Millionen Menschen vertrieben. Mindestens 229.000 seien in die Nachbarländer geflohen.

„Frankreich hilft ‚befreiten Zonen‘ “

Frankreich will einen großen Teil seiner Finanzhilfen für Syrien gezielt „befreiten Zonen“ zukommen lassen, die von den Rebellen kontrolliert werden. Dort müsse nun eine Verwaltung eingerichtet werden, sagte Außenminister Fabius.

Christoph Ehrhardt in der FAZ

Frankreich will den Rebellen in Syrien gezielt Hilfe zukommen lassen. Gemeinsam mit der Türkei habe man „befreite Zonen“ im Norden und Süden ausgemacht, die nicht mehr von Machthaber Baschar Al Assad kontrolliert würden, sagte Außenminister Laurent Fabius nach einem Treffen des UN-Sicherheitsrates in New York. „Wir wissen, dass die Opposition im Norden und Süden starke Stellungen aufgebaut hat“, sagte er. Dort müsse nun eine Verwaltung eingerichtet werden. Von den fünf Millionen Euro an geplanter Syrien-Hilfe werde Frankreich einen großen Teil in diese Gebiete umleiten.

Die Regierung in Ankara warnte vor einem „humanitären Desaster“ in Syrien und bekräftigte ihre Forderung nach Einrichtung von Sicherheitszonen für die Zivilbevölkerung. „Wie lange werden wir zusehen, wie eine ganze Generation mit willkürlichen Bombardements ausgelöscht wird?“, sagte der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu an die Mitglieder des UN-Sicherheitsrats gerichtet, wo Russland und China eine härtere Gangart gegenüber dem Assad-Regime verhindern.

Der Sicherheitsrat hatte am Donnerstag über den andauernden Bürgerkrieg in Syrien und die steigende Zahl an Flüchtlingen beraten. Der deutsche UN-Botschafter Peter Wittig kritisierte die andauernde Blockade in der Syrien-Frage. „Wir sind zur Untätigkeit verdammt worden“, sagte Wittig der Nachrichtenagentur AFP. Derzeit sei „keine Resolution oder robuste Reaktion“ des Sicherheitsrates zu erwarten.

„Was wir über den Syrien-Krieg wissen“

Al-Kaida-Kämpfer, Massaker, ausländische Milizen: Was stimmt, was ist Propaganda? Der Reporter D. Etter, immer wieder in Syrien unterwegs, geht den Fragen nach.

Zeit

In den vergangen 14 Monaten habe ich Syrien immer wieder bereist und mit vielen Leuten dort gesprochen. Flüchtlingen, Rebellen, Regierungsanhängern, Christen, Alawiten und Sunniten. Zugang zur Regierungsseite hatte ich, wie viele andere Journalisten, nicht. Die Assad-Regierung hat nur sehr restriktiv Journalistenvisa vergeben. Und wer ein Mal illegal ins Land gereist ist, dem ist der legale Weg versperrt. Daher ist es in Syrien extrem schwer, ein objektives Bild der Situation zu bekommen, noch schwieriger abschließende Urteile zu fällen.

Das große Bild sieht ungefähr so aus: Die Regierung hat auf anfangs größtenteils friedliche Proteste mit unverhältnismäßiger Gewalt reagiert. Langsam haben sich die Oppositionellen bewaffnet und schließlich eine schlagkräftige Rebellenarmee gebildet. Sie geht teils skrupellos gegen die staatlichen Sicherheitskräfte und deren vermeintliche Kollaborateure vor. Das Regime schlägt im verzweifelten Kampf um das eigene Fortbestehen immer brutaler zurück und nimmt dabei wenig Rücksicht auf Zivilisten, die zwischen die Fronten geraten sind. Einige Minderheiten – vor allem Alawiten, zu denen auch Präsident Baschar al-Assad und seine engsten Vertrauten gehören – machen ihr Schicksal vom Überleben des Regimes abhängig. Ethnische und religiöse Gräben sind im Laufe des Konfliktes tiefer geworden.

Es ist nicht alles schwarz oder weiß in Syrien, vieles ist unklar. Doch wie in jedem Krieg werden Gerüchte als Fakten verkauft, beide Seiten kämpfen eben auch an der Medienfront. Was wissen wir über den Syrien-Krieg, was nicht? Im Folgenden sollen einige Punkte aufgeführt werden, mit denen die Kriegsparteien Propaganda machen:

Ausländische Verschwörungen

Syrien ist geostrategisch enorm wichtig. Für den Iran ist die Assad-Regierung einer der wenigen Verbündeten in der arabischen Welt. Das gleiche gilt für Russland. Für die USA würde das Ende Assads dagegen eine Schwächung des vermeintlich großen Feindes Iran bedeuten. Die Türkei und die Golfstaaten stehen der Opposition nahe – sie alle sind sunnitisch dominiert. Israels Verhältnis zu Syrien ist komplex. Auf der einen Seite steht die syrische Regierung Iran und der Terrororganisation Hisbollah nahe – beides Erzfeinde Israels –, und Assad hat Israel immer wieder gedroht die israelisch besetzten Golanhöhen zurückzuerobern. Auf der anderen Seite fürchtet sich Israel vor einem weiteren muslimischen Gottesstaat in der Nachbarschaft. Dementsprechend macht das Assad-Lager Israel für die Gewalt im Land verantwortlich und die Opposition Israel dafür, dass der Westen nicht eingreift. Natürlich haben all diese Länder Interesse daran, den Konflikt in ihrem Sinne zu lenken und in Abstufungen machen sie es auch. Das sollte aber nicht zu dem Schluss führen, dass der Aufstand Resultat einer ausländischen Verschwörung war. Vielmehr waren die Demonstrationen, mit denen der Aufstand vor mehr als einem Jahr begann, inspiriert durch die Ereignisse in Tunesien und Ägypten, wie uns auch Aktivisten damals erklärt haben.

Al-Kaida

Laut amerikanischen Geheimdiensten sollen bis zu 1.500 Al-Kaida-Kader in Syrien kämpfen – gemeint sind damit Syrer, die aus dem Irak in ihr Heimatland zurückgekehrt sind sowie ausländische Kämpfer. Es gib tatsächlich Kämpfer in Aleppo, die sich als Mitglieder der Terroroganisation bezeichnen. Allerdings ist das kein Beweis, dass Al-Kaida als Organisation in den Konflikt in Syrien signifikant eingreift und ihn in ihrem Sinne lenken kann. Die Führung im Irak um Ayman Zawahiri, hat zwar zur Unterstützung der Rebellen aufgerufen, aber darüber hinaus gingen seine Aussagen nicht. Die meisten Rebellen, selbst aus radikalislamischen Gruppierungen, distanzieren sich von Al-Kaida.

Ausländische Kämpfer

Von Beginn an war es die Linie der Regimepropaganda, dass der Aufstand nicht aus Syrien selbst komme: Ausländische Terroristen würden die Gewalt nach Syrien bringen, das Regime verteidige das eigene Volk. Die Kämpfer der Opposition seien zum großen Teil Ausländer. Tatsächlich gibt es in Syrien ausländische Dschihadisten, etwa Pakistani, Libyer und Marokkaner. Das aber ist eine neue Entwicklung, erst seit diesem Jahr treffen wir Journalisten zunehmend auf sie. Der weit größte Teil der Opposition sind Syrer, der Aufstand nahm im Land selber seinen Ursprung. Die tatsächliche Zahl ausländischer Glaubenskämpfer dürfte im niedrigen einstelligen Prozentbereich liegen. Immer wieder heißt es auch, auf Seiten des syrischen Regimes kämpften iranische Milizen. Das aber sind bislang unbestätigte Gerüchte. Bekannt ist aber, dass der Iran syrische Milizen trainiert.

Islamismus

Der Aufstand in Syrien ist, vereinfacht gesagt, ein Aufstand der wirtschaftlich marginalisierten, konservativen, sunnitischen Landbevölkerung. Dort ist der Koran die einzige Konstante, die unbeirrbare Hoffnung auf Gerechtigkeit. Die vergleichsweise säkulare Regierung Assads wird mit Korruption, Ausbeutung und seit Beginn des Aufstandes mit Schüssen auf unbewaffnete Demonstranten und scheinbar willkürlichen Luftangriffen auf Zivilisten in Verbindung gebracht. Daher ist es wenig verwunderlich, dass die Opposition unter dem Banner des Islam kämpft und das Allahu Akbar, Gott ist groß, zu ihrem Schlachtruf geworden ist. In meinen Gesprächen mit Dutzenden Oppositionellen, Kämpfern und Zivilisten, wurde die Religion aber so gut wie nie als Motivation für den Aufstand genannt. Fast immer steht die Würde an erster Stelle. Innerhalb der Opposition gibt es aber sicherlich radikalislamistische Gruppierungen, die den Aufstand in Syrien als Glaubenskampf begreifen.

Waffenlieferungen

Seit Monaten wird darüber geredet, dass die Golfstaaten Waffen nach Syrien liefern wollen. Zahlreiche Rebellenkommandeure haben vor Journalisten zwar zugegeben, dass es Hilfe aus den Golfstaaten gibt, bislang aber nur finanzielle. Waffenlieferungen gab es nur in einem so geringen Ausmaß, dass sich an den Kräfteverhältnissen am Boden nichts geändert hat. In Aleppo hat die Freie Syrische Armee Kalaschnikow und veraltete Panzerfäuste, die gegen Kampfflugzeuge und Hubschrauber wenig ausrichten können. Vereinzelt gibt es Flugabwehrgeschütze, allerdings kaum Munition. Abschüsse von Flugzeugen oder Hubschraubern durch die Rebellen sind bisher mehr Zufall als Anzeichen militärischer Stärke.

Massaker

Das syrische Staatsfernsehen hat vergangenes Wochenende die vermutlich verstörendsten Bilder des Bürgerkrieges in Syrien gezeigt. Eine Reporterin geht durch die Stadt Daraya, wo Hunderte Tote in den Straßen liegen – bis zu 400 sollen es sein. Sie interviewt Überlebende, darunter Kinder neben deren toter Mutter. Die Reporterin stellt das Massaker als Tat der Opposition dar. Die Opposition sagt, dass es die Regierung war. In Daraya gab es bisher noch keine unabhängigen Berichte. Anders in der Stadt Hula, wo laut UN 108 Menschen getötet wurden. Dort haben die Vereinten Nationen und Recherchen von Journalisten das Regime als Urheber ausgemacht. In der Stadt Tremseh hat die Opposition zunächst von einem weiteren Massaker mit bis zu 200 Toten berichtet. Allerdings hat sie die Zahl später auf etwas über 100 korrigiert, von denen der Großteil Männer im Kampfesalter waren.

Schabiha

Wohl kein anderes Wort steht innerhalb der syrischen Opposition so sehr für die Brutalität des Regimes wie Schabiha – arabisch für Geister. Früher wurden mit diesem Namen kriminelle Banden in der Küstenregion um die Stadt Latakia bezeichnet. Es waren vor allem Alawiten, die dem Regime nahe standen. Sie konnten ihren Machenschaften straflos nachgehen. Als Baschar al-Assad an die Macht kam, hat er die Schabiha klein gehalten. Seit Beginn des Aufstandes 2011 werden sie aber wieder vom Regime unterstützt und benutzt, um die Demonstranten einzuschüchtern. Sie wurden inzwischen zu paramilitärischen Einheiten. In Aleppo, wo es kaum Alawiten gibt, sind viele Schabiha Sunniten. Inzwischen wird das Wort innerhalb der Opposition inflationär benutzt. Es bezeichnet alle bewaffneten Regimeloyalisten – teils sind es tatsächlich Mörderbanden, teils Regimeanhänger, die sich und ihre Familie vor einem tatsächlichen oder vermeintlichen Feind schützen wollen.

Ethnische und religiöse Spannungen

Syrien hat eine enorm komplexe Gesellschaft, vielfältig wie keine zweite im Nahen Osten. Neben der konservativen sunnitischen Landbevölkerung, die die Mehrheit stellt, gibt es unzählige Minderheiten: Christen, Drusen, Kurden, Tscherkessen, Ismailiten, Schiiten. Die Opposition spiegelt diese Vielfalt nur ansatzweise wieder. In der Vergangenheit gerierte Assad als Garant für den Frieden zwischen diesen Gruppen. Tatsächlich hat er sich das komplexe Gesellschaftsgefüge in Syrien zunutze gemacht und vor allem Alawiten, zu denen er gehört, im Staatsdienst und im Militär bevorzugt. Daher fürchten sich viele Minderheiten vor Racheakten in einer Zeit nach Assad. Auch wenn viele Oppositionelle betonen, dass der Aufstand sich nur gegen die Regierung und ihre Anhänger richtet, sind diese Sorgen nicht unbegründet. Vor allem Alawiten dürften es nach Assad schwer haben, daher klammern sie sich an sein Überleben.

Iranische Medien zensieren Morsis Syrien-Kritik

Zenith

Iranische Medien begegnen der offenen Kritik des ägyptischen Präsidenten Mohammed Morsi an der syrischen Führung auf unterschiedliche Weise. Zuschauer des iranischen Staatsfernsehens dürften sich gewundert haben, warum die syrische Delegation verärgert das Plenum während des Gipfels der Blockfreien Staaten (Non-Aligned Movement, NAM) verließ, als Morsi das Wort ergriff.

Denn die Simultanübersetzer veränderten den Originalwortlaut an einer entscheidenden Stelle, wie der Iran-Blog der französischen Zeitung Le Monde heute berichtet. »Die Revolution in Ägypten war eine Säule des Arabischen Frühlings, die ein paar Tage nach Tunesien startete, nach Libyen und Jemen folgte und nun in die Revolution in Syrien gegen das repressive Regime mündet«, verkündete Morsi – die Dolmetscher ersetzen »Syrien« allerdings einfach durch »Bahrain«.

Kreativer interpretierte Farda den ägyptischen Präsidenten – und erfand in seinem Bericht über die Rede einfach Passagen wie diese: »Wir müssen Hoffnung haben, dass das populäre Regime in Syrien durchsteht und wir werden unser Bestes tun, um sicherzustellen, dass die Reformen in Syrien durchgeführt werden. Das syrische Volk ist frei und kann den Verschwörungen widerstehen.«

Einzig die Nachrichtenagentur ISNA berichtet über Morsis verbaler Unterstützung für die syrische Opposition, andere konservative Zeitungen wie Jahan News entschieden sich ebenfalls dafür, Morsis Rede als »unausgegoren«, »Sinnlos« oder »bizarr« zu bezeichnen, anstatt sie zu zensieren.