Morddrohungen gegen Laghziaui

Wer sich mit radikalen Salafisten anlegt, muss mit heftigen Reaktionen rechnen. Das zeigt der Fall eines Journalisten aus Marokko besonders drastisch.

Andreas Mönnich auf stern-blogs

Spätestens seit diesem Frühjahr ist die deutsche Öffentlichkeit für das Thema Salafismus sensibilisiert. Uns hat vor allem die Salafistenszene in Deutschland sehr beschäftigt, etwa als Anhänger der Gruppierung kostenlos Koran-Exemplaren in Fußgängerzonen verteilten. Oder als der Konflikt zwischen Salafisten und der rechtsextremen Partei „Pro NRW“ zu eskalieren drohte. Als wir darüber berichteten, hagelte es wochenlag Beschimpfungen und Beleidigungen.

Doch das sind Kleinigkeiten im Vergleich zu der Bedrohung, der ein Kollege aus Marokko gegenwärtig ausgesetzt ist. Der radikale sunnitische Prediger Abdallah Nahari aus Oujda spricht im Kreise seiner Fangemeinde einen Aufruf zum Mord gegen den Journalisten Laghziaui aus, der für eine antiislamistische Tageszeitung arbeitet. Wenig später erscheint das Video auf youtube. Führende Salafisten Marokkos, die bereits wegen Attentaten verurteilt sind, schlagen sich via Facebook sofort auf die Seite des radikalen Predigers. Diese Dimension ist erschreckend. Was muss der Kollege verbrochen haben, dass er mit dem Leben bezahlen soll?

Er hat von seinem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch gemacht, hat sich öffentlich an einer Debatte über die sexuelle Freiheit unverheirateter Frauen beteiligt. Darüber wird in Marokko derzeit heiß diskutiert. Laghziaui befand in einer Diskussion im libanesischen TV, dass Frauen das Recht auf Beziehungen vor der Ehe haben, schloss seine eigene Familie sogar ausdrücklich dabei ein. Laut marokkanischer Menschenrechtsorganisationen ist das übrigens längst usus in Marokko, aber leider gegen die Vorstellungen radikaler Salafisten. Auch unbequeme Standpunkte zu vertreten, das machen Journalisten schon mal, das ist ihr Job. Und das reicht offensichtlich, um Laghziaui die Lebensberechtigung abzusprechen.

Marokko ist ein Land, in das zwar liberale Winde aus Europa herüberwehen und der König oft schlichtend eingreift. Andererseits regiert derzeit eine islamistische Regierung, deren Innenminister vor Jahren sogar noch salafistische Attentäter vor Gericht verteidigte. Immerhin wurde zwischenzeitlich gegen Nahari ermittelt. Aber offenbar wird die Situation in Marokko nicht einfacher – für die Pressefreiheit und auch für die freie Meinungsäußerung insgesamt.