Saudi Arabien und die Türkei

Arabischer Frühling: Steht Saudi Arabien ein Umbruch bevor?

Deutsch-Türkische Nachrichten.de

Die Jugend in Saudi Arabien ist vom arabischen Frühling in anderen Ländern ermutigt. Sie werden sich Unterdrückung und fehlende politische Freiheit im Land nicht ewig gefallen lassen. Wie die Wirtschaftsdaten aus Tunesien, Ägypten oder Libyen zeigen, hätte ein Umbruch
auch gravierende Folgen für die Türkei.

Die Jugend in Saudi Arabien ist vom arabischen Frühling in anderen Ländern ermutigt. Sie werden sich Unterdrückung und fehlende politische Freiheit im Land nicht ewig gefallen lassen. Wie die Wirtschaftsdaten aus Tunesien, Ägypten oder Libyen zeigen, hätte ein Umbruch auch gravierende Folgen für die Türkei.

Von den 15 Ländern mit dem weltweit größten Wirtschaftswachstum – darunter auch China und Russland – herrscht in Saudi-Arabien nach Angaben des US-Instituts Maplecroft die unsicherste politische Lage. In zwölf dieser Länder stabilisiere sich die politische Situation zunehmend, während sie vor allem in Saudia Arabien, der Türkei und in Vietnam unsicherer werde, so Maplecroft-Sprecherin Alyson Warhust. Saudi Arabien kämpfe mit drei Problemen, so Warhust: „Eine gebildete und aufgebrachte Jugend, die vom Erfolg des arabischen Frühlings in anderen Ländern ermutigt ist, Wasser- und Energiesicherheit sowie die allgemeine Unterdrückung und die mangelnde politische Freiheit.“

In Ägypten, Libyen und Tunesien ließ sich die aufgebrachte und gebildete Jugend eben diese Unterdrückung und fehlende Freiheit nicht mehr gefallen. Der so genannte „Arabische Frühling“ brachte damit ganze Regime zu Fall.

Der demokratiepolitische Ausgang ist noch ungewiss. Fest steht aber, dass die Wirtschaftsleistung dieser Länder stark beeinträchtigt wurde: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Tunesiens ist 2011 um 1,8 % geschrumpft, berichtet der Economist. Der Internationale Währungsfonds (IMF) spricht immerhin „nur“ von einer Stagnation des Wirtschaft. Das ägyptische BIP ist 2011 anstatt um 5 % nur um 1 % gewachsen. Und die Wirtschaftsleistung in Libyen schrumpfte 2011 um mehr als 50 %.

Ebenso steigen die Inflationsrate und die Zahl der Arbeitslosen kontinuierlich, auch wenn dazu keine exakten Zahlen zu haben sind. In Ägypten ist die Arbeitslosenrate von 10 % auf 15 % angestiegen, bei Jugendlichen soll sie bei mindestens 25 % liegen. Am schlimmsten hat die Region 2011 der Rückgang an ausländischen Investitionen getroffen.

Ein tunesischer Analyst sagte gegenüber dem Economist, dass sich mindestens 120 ausländische Unternehmen aus Tunesien zurückgezogen haben. Damit sind 40.000 Arbeitsplätze verloren gegangen. Ausländische Direktinvestitionen sind 2011 um mindestens ein Viertel eingebrochen: In Ägypten von 6,4 Milliarden US-Dollar 2010 auf 500 Millionen US-Dollar 2011. Und in Libyen sogar von 3,8 Milliarden US-Dollar auf fast null.

Saudi Arabien ist sich der wachsenden revolutionären Gefahr im Land bewusst. König Abdullah hat 130 Milliarden Dollar für soziale und Wohnungsbau-Projekte zur Verfügung gestellt, um soziale Unruhen zu verhindern. Langfristig ist es jedoch schwer, die Jugend angesichts der Situation im Land ruhig zu stellen (aus Protest fahren immer mehr Frauen Auto, obwohl sie es nicht dürfen – mehr hier).

Ein Umbruch in Saudi Arabien hätte auch gravierende Auswirkungen auf die wirtschaftlichen Beziehungen mit der Türkei. Das Handelsvolumen zwischen den beiden Staaten betrug 2010 um die 4,65 Milliarden US-Dollar, sagt das türkische Außenministerium. Die Türkei exportiert Autoteile, Textilien, Eisen und Stahl. Bei 80 % aller türkischen Importe aus Saudi Arabien handelt es sich um Rohöl. Zwischen 2004 und 2009 haben 173 saudische Unternehmen 1,3 Milliarden US-Dollar in der Türkei investiert.

Auch wenn die Türkei derzeit an einer Energiewende arbeitet, um die Abhängigkeit von ausländischen Gas- und Öllieferungen zu verringern (mehr dazu hier), könnte ein Wirtschaftseinbruch in Saudi Arabien zu einer Ressourcenverknappung in der Türkei führen. Und wie von Maplecroft aufgezeigt, verschlechtert sich die politische Situation auch in der Türkei: Das Problem besteht in der Macht der Justiz, willkürlich erscheinen die unzähligen Verhaftungen der vergangenen Jahre. Durch die lang angekündigte Reform der Justiz und der Verfassung könnte die Bevölkerung in der Türkei wieder zufriedener werden lassen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Versprechungen der Regierung nicht nur Worte bleiben (und das forderte auch der Europarat –