Archiv für Dezember 2012

Mordanschlag auf Aktivisten am Tahrir Platz

Auf Mohannad Samir, einem Aktivisten der Bewegung des 6. April, ist heute morgen ein Mordanschlag verübt worden.
Er befindet sich derzeit in einem sehr kritischem Zustand auf der Intensivstation.

Gegen sechs Uhr früh stiegen vier Männer aus einem Fahrzeug am Rande des Tahrir Platzes, plauderten zuerst mit den dortigen Strassenhändler und eröffneten dann das Feuer, als sie Mohannad Samir erblickten. Augenzeugen gehen von einem gezielten Angriff aus.

Mohannad Samir ist ein in Kairo allseits bekannter Aktivist, der wegen seinen Aktivitäten schon 11 Monate im Knast gesessen hat.

Seit Mitte Dezember ist der Tahrir Platz wieder von Aktivisten besetzt, sie haben dort ein Zeltlager errichtet.

„Von Syrien nach Kiskunhalas“

Die Flucht in ein besseres Leben (Teil I)

Simon Welte auf alsharq.de

Sari,ein 29-jähriger Syrer aus Deir ez-Zor im östlichen Teil Syriens, ist einer von tausenden desertierten Soldaten des vom Bürgerkrieg geplagten Landes. Nach einer monatelangen Flucht wird er mittlerweile im Haftzentrum im ungarischen Kiskunhalas festgehalten. Seine Geschichte steht exemplarisch für viele Syrerinnen und Syrer mit ähnlichem Schicksal. Mitte Dezember 2012 besuchten Simon Welte und Michael Hegenloh Sari in Kiskunhala. Mit im Gepäck hatten sie Kleiderspenden, welche sie zuvor gesammelt hatten, um sie dort an Sari, seine Freunde und weitere Flüchtlinge zu übergeben. Die folgenden kleine Artikelserie gibt Saris Schilderungen von seiner Flucht aus Syrien nach Europa und sein gegenwärtiges Leben wieder.

Die Desertion aus der syrischen Armee

Rund 3 Monate nach Beginn der Aufstände in seinem Land im März 2011 ist Sari desertiert. Vor seiner Flucht war er Panzerführer eines sowjetischen Modells T72, ein Panzer, der bereits 1982 im libanesischen Bürgerkrieg zum Einsatz kam. Sein letzter Befehl, die Aufständischen in Homs mit Waffengewalt zu stoppen, kam für ihn unverhofft. Ein Kollege seiner Einheit kam bereits in einem früheren Gefecht mit Aufständischen ums Leben. So entschied er sich in der Nacht des Angriffs – gegen den Befehl seiner Vorgesetzten und ohne das Mitwissen seiner Kameraden, zu fliehen. Was das für ihn bedeutete wusste er natürlich: bei Festnahme droht ihm im schlimmsten Falle die Todesstrafe unter Folter.

Was nach seiner Flucht passierte ist ebenso schlimm. Sein Bruder wurde kurze Zeit später verhaftet und gefoltert, um dem Regime Saris Aufenthaltsort zu verraten, bis heute fehlt von dem Bruder jede Spur. Sari hat es mit gefälschten Papieren über die Grenze nach Jordanien geschafft und daraufhin weiter mit mit dem Flugzeug in die Türkei. Einen eigenen Pass hatte er nicht – der wurde ihm zu Beginn seines Armeedienstes abgenommen, eine Standard-Prozedur der syrischen Armee. Zur Identifikation besitzen Soldaten deshalb nur eine „Soldier-ID“.

In Istanbul arbeitete er mit gefälschten Papieren als Englischlehrer, um etwas Geld zu verdienen. Währenddessen wurden die Aufstände und Kämpfe in Syrien täglich verheerender und es erreichten ihn fast wöchentlich Nachrichten aus seinem Heimatort Muhassan, 15 Kilometer südlich von Deir ez-Zor, dass Verwandte und Freunde ihr Leben durch Angriffe des Regimes verloren haben. Der 26.April 2012 hat jedoch sein Leben schlagartig verändert. Bei einem Raketenangriff der Armee wurde das Haus seiner Eltern getroffen und sein Vater tödlich verletzt. Nach diesem und weiteren Vorkommnissen aus seiner Verwandtschaft entschied sich Sari zur Fortsetzung seiner Flucht nach Europa.

Von Istanbul nach Griechenland

Die Reise beginnt in Istanbul. Sari und vier Freunde, alle aus Muhassan, haben sich im Sommer 2012 in der türkischen Metropole nach ihrer Flucht wiedergefunden. Jeden der Freunde begleitet mit der Flucht aus Syrien ein eigenes, tragisches Schicksal. Der Verlust von Verwandten und Freunden hat sich in tiefer Trauer und Hass auf das Regime festgesetzt.

Sari lebt seit seiner Flucht aus Syrien bereits fast ein Jahr in Istanbul und kennt die Kontaktleute, an die man sich wenden kann, wenn man die Flucht in Richtung Westeuropa antreten möchte. Das große Problem bei dieser illegalen Flucht nach Europa ist, dass sie einige Tausend Euro kostet, viel Geld für Sari und seine Freunde. So zapfen sie bereits frühzeitig unterschiedlichste Geldquellen an – Verwandte in den Golfstaaten, Freunde in Europa und eigene Ersparnisse. Für die komplette Reise nach Europa reicht das Geld anfangs nicht aus. Allerdings ist es für die Flüchtlinge ohnehin ein zu hohes Risiko, viel Bargeld dabei zu haben. Daher entscheiden sich die Freunde, das Geld in Etappen aufzutreiben. In jedem Land sammeln sie wieder zuerst Geld, bevor sie die nächste Grenze überqueren.

Los geht es also in einer Gruppe von sieben Flüchtlingen mit dem Bus von Istanbul nach Edirne, die letzte große Stadt im Grenzgebiet zu Bulgarien und Griechenland. Für jeden Flüchtling, den sie von Istanbul aus illegal über die Grenze nach Griechenland bringen, verlangen die Schleuserbanden 1250 Euro. Ab Edirne geht es zu Fuß in Richtung Evros-Fluss, dem Grenzfluss zwischen Griechenland und der Türkei. Bevor die nächtliche Flussüberquerung ansteht, verteilen die Schleuser schnell noch gefälschte griechische Papiere aus, eine sogenannte „Asylum-Seeker-ID“. Einen der Freunde haben die Fluchthelfer dabei allerdings vergessen, er geht ohne gefälschte Papiere über die Grenze.

Die nächtliche Flussüberquerung in Begleitung eines Schleusers verläuft ohne Probleme, auf der griechischen Seite wird die Gruppe getrennt, für Sari und zwei Freunde geht es im Zug weiter, die anderen beiden fahren mit dem Bus. Die Polizei, welche die Ausweise im Zug kontrollierte, nimmt den Freund ohne gültige Papiere fest und schickt ihn zurück in die Türkei. Bestimmungsort für die Flüchtenden ist Alexandroupoli, eine griechische Hafenstadt nahe der türkischen Grenze und zugleich Hochburg für den internationalen Flüchtlingsverkehr. Frei in Griechenland können sich Sari und seine Freunde dennoch nicht bewegen, da die Polizei in Alexandroupoli ständig kontrolliert und selbst der Fußweg zum nächstgelegenen Kiosk eine große Gefahr darstellt. Leider gibt es in Alexadroupolis noch 2 weitere Festnahmen in seiner Gruppe als sie in eine Polizeikontrolle geraten und die gefälschten Papiere enttarnt werden.

Demo für die politischen Gefangenen in Marokko

Thüringer Allgemeine

Freilassung politischer Gefangener in Marokko gefordert

Etwa 200 Mitglieder der aus dem sogenannten Arabischen Frühling hervorgegangenen Bewegung des 20. Februars haben in Marokkos Hauptstadt Rabat für die Freilassung politischer Gefangener demonstriert. „Freiheit und Würde“, skandierten die Demonstranten in einem Vorort Rabats und schwenkten Protestbanner. Zahlreiche Polizisten beobachteten die Kundgebung.

Die Demonstranten forderten von der Regierung, alle politischen Gefangenen freizulassen. Insbesondere kritisierten sie die Festnahme des Aktivisten Driss Bouterrada vor zwei Wochen. Der Straßenhändler wird des Drogenhandels beschuldigt. Seine Mitstreiter halten die Anschuldigungen jedoch für erfunden und bemängeln, dass er keinen Anwalt bekomme. Den Aktivisten zufolge befinden sich derzeit bis zu 60 politische Gefangene in marokkanischen Haftanstalten.

Anmerkung von uns: Die Demo fand am 23.12. statt

„Heftige Proteste im Westirak“

Mit Demonstrationen und Sitzstreiks protestieren Teile der sunnitischen Bevölkerung gegen die schiitische Regierung in Bagdad. Diese hat mehrere Wachen des Finanzministers festgenommen. Die Sunniten sehen darin eine Provokation.

Inga Rogg in der NZZ

In der westirakischen Provinz Anbar demonstrieren seit Tagen mehrere tausend Sunniten gegen die von den Schiiten dominierte Regierung in Bagdad. In Anlehnung an die Proteste in der arabischen Welt fordern sie in Sprechgesängen und auf Bannern den Rücktritt der Regierung von Nuri al-Maliki. Dabei blockierten die Demonstranten in den letzten Tagen zeitweise auch die wichtige Autobahn in Richtung der jordanischen und syrischen Grenze, über die ein Gutteil des Warenverkehrs abgewickelt wird.

Hintergrund des Protests ist die Festnahme von mehreren Wachen des Finanzministers Rafi Issawi, dessen Stamm der Albu Issa in Anbar stark ist. Am Donnerstag vor einer Woche hatten Sicherheitskräfte, die Maliki unterstellt sind, das Büro und die Residenz von Issawi im Regierungsviertel in der grünen Zone gestürmt und laut dem Finanzminister Dutzende seiner Mitarbeiter festgenommen. Die Razzia erfolgte nur wenige Stunden nachdem der erkrankte Präsident Jalal Talabani, ein Kurde, zur Behandlung nach Deutschland geflogen worden war und fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem Haftbefehl gegen den stellvertretenden Präsidenten Tarik al-Hashemi, einen Sunniten. Hashemi, der sich in die Türkei absetzte, und Dutzende seiner damals festgenommenen Leibwachen wurden inzwischen von irakischen Gerichten zum Tode verurteilt. Wie den Wachleuten von Hashemi wirft die Regierung auch Issawis Männern die Verwicklung in Terroranschläge vor.

Obwohl Maliki betonte, die Razzia und die Festnahmen seien eine rein juristische Angelegenheit, sehen nicht nur Sunniten darin einen politischen Schachzug. Der Vorfall sei Teil der politischen und konfessionellen Kontroversen, sagte der prominente kurdische Abgeordnete Mahmud Osman. Dabei hatte nach anfänglichem Zögern gerade Issawi dafür gesorgt, dass die Regierung nach dem Haftbefehl gegen Hashemi nicht auseinanderbrach. Deshalb sehen viele Sunniten in dem Vorgehen gegen ihn eine Provokation. Die Demonstrationen in Anbar werden Maliki kaum in Gefahr bringen. Doch die allgemeine Frustration könnte in der ehemaligen Hochburg des Untergrunds an der Grenze zu Syrien sunnitischen Extremisten Auftrieb verleihen.

Fussball-Liga in Ägypten

Die Wiederaufnahme des Spielbetriebs ist schon mehrmals angekündigt worden, zuletzt für Mitte Dezember, nun meldet DRadio:

Erste Fußball-Liga in Ägypten geht im Februar wieder an den Start – Spiele ein Jahr ausgesetzt
Nach einem Jahr Pause soll in Äypten im kommenden Jahr wieder der Fußball der Ersten Liga weitergehen.

Die Spiele waren im Feburar ausgesetzt worden, nachdem bei schweren Ausschreitungen in einem Stadion in der Stadt Port Said 74 Menschen getötet und hunderte verletzt worden waren. Jetzt haben sich Innenminister, Sportminister und der Chef des äyptischen Fußballverbandes getroffen und den 1. Februar 2013 zum neuen Saisonstart erklärt. Wegen Straßenprotesten extremer Ultas war der Saisonbeginn zuvor mehrfach verschoben worden.

Ägypten gilt als wichtige Fußballnation auf dem afrikanischen Kontinent. Allerdings wurde der Spielbetrieb nicht nur von den Krawallen unterbrochen, sondern auch durch die politische Revolution 2011. Um nicht völlig den Anschluss an das internationale Niveau zu verlieren, hielt die Nationalmannschaft in diesem Jahr mehrere Qualifikationsspiele ab.

„“Revolution und Autonomie“

Andre Find über den kurdischen Nordosten Syriens auf adopt a revolution

Mitte November kam es in der Kleinstadt Ras al Ain (kurdisch: Serê Kaniyê) zu Schießereien zwischen Kurden und Freier Syrischer Armee (FSA). Zuvor hatte Assad die Stadt bombardieren lassen, nachdem FSA-Kämpfer aus der Türkei heraus die Grenzstadt eingenommen hatten. Nach heftiger oppositions-interner Kritik an dem FSA-Vorstoß in die kurdischen Gebiete zogen sich die meisten Einheiten wieder zurück. Die radikal-islamistische Ghuraba al Sham Brigade blieb aber und kämpfte gegen eine breite Koalition kurdischer Parteien um die Vormacht.

Die syrisch-kurdische Partei der demokratischen Union (PYD), eine Schwesterpartei der PKK, hatte im Juli 2012 die Kontrolle im kurdischen Nordwesten übernommen. Zuvor hatten sich Assads Sicherheitskräfte weitgehend aus den Städten zurückgezogen. Damit hatten sie kalkuliert Platz gemacht für den ehemaligen Staatsfeind PYD, der fortan versuchte, die kurdischen Gebiete selbst zu verwalten und die Lage ruhig zu halten. Viele arabische Oppositionelle glauben deshalb an einen Pakt zwischen Regime und kurdischen Parteien. Die äußern sich zwar solidarisch zur Revolution, lehnen aber den bewaffneten Kampf gegen das Regime ab. Auch eine Präsenz der arabisch dominierten FSA im kurdischen Nordosten Syriens dulden sie nicht, schon weil die PYD selbst über bewaffnete kurdische Kämpfer verfügt.

Viel mehr als die etablierten Parteien, die der arabischen Opposition wegen mangelnder Unterstützung des kurdischen Aufstands von 2004 skeptisch begegnen, fühlt sich die kurdische Jugend als Teil der syrischen Revolution. Sie organisiert sich in BürgerInnenkomitees und appelliert an die Einheit arabischer und kurdischer AktivistInnen. Damit geraten die Komitees häufig in Konflikt mit der autoritären Führung der PYD, die immer wieder AktivistInnen verfolgen und festnehmen lässt, sowie Demonstrationen der Komitees auflöst.

Entsprechend waren es in erster Linie die jugendlichen AktivistInnen, nicht die Bewaffneten der PYD, die den FSA-Vorstoß nach Ras al Ain zum Anlass nahmen, die letzten verbliebenen Assad-Einheiten aus mehreren kurdischen Städten zu vertreiben. Einigkeit herrschte jedoch unter den KurdInnen, deren Minderheit etwa zehn Prozent der Bevölkerung ausmacht, bei dem Versuch, die radikal-islamistischen Einheiten aus Ras al Ain zu vertreiben. Denn diese wollten die Verwendung der kurdischen Fahne als oppositionelles Zeichen unterbinden. Den Konflikt mit den Islamisten schürten auch das liberale Religionsverständnis und die Position der Frau in der kurdischen Gesellschaft – die PYD etwa hat eine feste Frauenquote von 50 Prozent.

Moskau kündigt trilaterales Treffen zu Syrien für Januar an

RIA Novosti

Ein Treffen des UN-Sonderbeauftragen für Syrien, Lakhdar Brahimi, sowie von Vertretern Russlands und der USA wird möglicherweise im kommenden Januar stattfinden.

Das teilte Russlands Vizeaußenminister Gennadi Gatilow am Sonntag im Kurznachrichtendienst Twitter an. „Brahimi ist zur Fortsetzung seiner Pendelmission zur Beilegung des Syrien-Konflikts bereit“, hieß es.

Am Sonntag hatte Brahimi mitgeteilt, dass er einen Plan zur Beendigung des Bürgerkrieges in Syrien hat. Die internationale Gemeinschaft werde diesen Plan möglicherweise akzeptieren. Zugleich schloss der algerische Diplomat „gewisse Änderungen“ zu den in Genf erzielten Syrien-Vereinbarungen nicht aus.

„Vielleicht eine Decke“

Seit Monaten herrscht Bürgerkrieg in Syrien, ein Ende ist nicht in Sicht. Was sich die Menschen dort für das kommende Jahr wünschen.

taz

Ich bin mir ganz sicher, dass unser Sieg gleich am Anfang des neuen Jahres kommen wird. Sobald Assad weg ist, müssen sofort die großen Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen ins Land kommen, um alle Daten und Zahlen zu erfassen: die der Flüchtlinge, der Verhafteten, der Toten und der Verschwundenen. Das ist das Erste, worum wir uns kümmern müssen. Vorher können wir unser Land nicht neu aufbauen. Das muss als Erstes passieren. Sonst habe ich keinen Wunsch.

Außer vielleicht eine Decke. Es ist jetzt sehr, sehr kalt hier geworden, und wir haben nicht genug Decken. Im Moment verstecke ich mich im Umland von Homs, bleibe aber nie lange an einem Ort. Das ist zu gefährlich. Ich habe auch kaum Zeit zu schlafen, denn ich bin immer mit der Kamera unterwegs, um die Verbrechen des Regimes zu dokumentieren.

Oft mache ich Späße vor der Kamera, die Videos sollen ja lustig sein. So ist das bei uns Homsern, es liegt in unserer Natur, witzig zu sein.

Ich will, dass alle sehen, dass wir trotz allem unsere Lebensfreude nicht verloren haben. Doch die Situation ist hart. Wir haben Hunger, die Internetverbindung ist oft sehr schlecht, meistens reicht es gerade mal, um die Videos hochzuladen.

Ich bin nicht besonders gebildet, ich bin nicht einmal auf eine Sekundarschule gegangen. Vor dem Aufstand habe ich in einem Elektrowarenladen gearbeitet. Wenn ich nach dem Sturz des Regimes die Chance habe, dann würde ich gern Abitur machen, vielleicht sogar studieren und als richtiger Journalist arbeiten. Dann würde ich unsere neue Regierung überwachen, denn es soll nie wieder jemand seine Macht in Syrien missbrauchen können. ABU JAAFAR, 31, ist Bürgerjournalist und Youtube-Performer in Homs

„Ich will einen säkularen Staat“

Syrien steht eine schwierige Übergangsphase bevor. All die sektiererischen Konflikte, die vom Regime unterdrückt wurden, werden nur mit sehr viel Energie zu lösen sein. Trotzdem ist Versöhnung möglich, allerdings nur, wenn die neue Regierung den einzelnen Gruppen vermitteln kann, dass das Regime ja auf ihre Konflikte gebaut hat – und dass ihr Streiten untereinander zu nichts führen wird.

Ich träume von einem säkularen Syrien, in dem alle Bürger die gleichen Rechte und Pflichten haben. Ich träume von einem pluralistischen demokratischen Staat, denn nur er garantiert die gleichen Rechte für ethnische Minderheiten.

Als syrischer Christ begreife ich mich zwar eigentlich nicht als Minderheit, denn wir stammen aus diesem Land. Also wollen wir gleichberechtigte Partner sein, nichts anderes werden wir akzeptieren. Es ist unser Recht, für unsere Recht im neuen Syrien zu kämpfen. HANADI*, syrischer Christ

„Ich will einen islamischen Staat“

Leider kann ich im Moment nicht viel tun. Ich bin in der Türkei, um mich behandeln zu lassen. Nicht, dass ich im Kampf verletzt worden bin: Ich habe Munition nach Deir Assur gebracht. Das ist nicht leicht, weil Assads Truppen die Stadt umstellt haben. Deshalb müssen wir zu Fuß gehen, mit den schweren Kisten, oft über 20 Kilometer. Dabei habe ich mir dann blöderweise den Rücken verrenkt.

Ich sehne mich danach, dass wir endlich in Frieden leben können. Das geht natürlich erst, wenn wir Assad besiegt haben. Was außerdem passieren muss, ist, dass jeder, der an dem Blutvergießen beteiligt war, vor Gericht gestellt wird. Das gilt für beide Seiten. Aber eigentlich hat ja nur eine Seite Verbrechen begangen: das Regime. Sicher, wir richten Gefangene hin, das ist das Gesetz des Schlachtfeldes. Was sollen wir sonst machen? Sollen wir unseren Feinden vielleicht ein Glas Wein servieren?

Was für ein Land Syrien in Zukunft sein wird, sollen die Syrer entscheiden. Aber warum sollten wir kein islamischer Staat werden? Was wäre daran falsch? Wir sind doch Muslime, die Religion ist für uns wichtig. Ich denke, wenn es uns gelingt, einen islamischen Staat aufzubauen, könnten wir Vorbild für die ganze Welt sein. Denn die Syrer sind kreative Menschen: Wir würden für jedes Problem eine Lösung finden. AMER*, 25, Rebellenkämpfer aus Deir Assur

*Name geändert

Die Moslembrüder und der Neoliberalismus – Mursi kommt nach Berlin

Am 29. Januar wird „Bruder Mursi“ gemeinsam mit einer hochrangigen Wirtschaftdelegation Berlin besuchen. Der Staatsbesuch erfolgt auf Einladung der Bundesregierung, die sich bisher allerdings zu Einzelheiten der Visite in Schweigen hüllt. Bekannt ist bisher lediglich die Teilnahme Mursis an einem Symposium über die wirtschaftliche Zusammenarbeit beider Länder.

Während Entwicklungsminister Niebel Mitte Dezember im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen in Ägypten um die Dekrete Mursis zur Machterweiterung und der neuen Verfassung öffentlichkeitswirksam die Gespräche mit der ägyptischen Regierung um die weitere Entwicklungshilfe für Ägypten aussetzte und auch den geplanten Schuldererlass von immerhin fast einer viertel Milliarde Euro infrage stellte (obwohl dieser ja garnicht in seinen Zuständigkeitsbereich fällt), sollen nun in den Gesprächen mit den laut Regierungssprecher Seibert „ersten demokratisch gewählten Präsident Ägyptens“ die strategischen Weichen für eine engere Kooperation der EU mit Ägypten gestellt werden.

Mursi und die Moslembrüder haben eine solche strategische Partnerschaft auch bitter nötig.
Bereits der Militärrat unter Tantawi musste nach dem Sturz Mubaraks mehr die Hälfte der Devisenvoräte Ägyptens aufwenden, um die ägyptische Währung vor dem totalen Crash zu bewahren.
Das Wirtschaftwachstum Ägyptens wird im laufende Jahr wahrscheinlich garnicht stattfinden, die Kapital- und Devisenflucht hält trotz zwischenzeitlicher Hochs an der Kairoer Börse nach dem Wahlsieg Mursis ungebrochen an.
Kairo erzielt seine Deviseneinnahmen aus der Förderung und dem Export von Erdöl und Erdgas, dem Tourismus, sowie den Überweisungen von ägyptischen Arbeitsmigrantinnen im Ausland (immerhin fast 50 Millarden US Dollar jährlich ), bedeutend ist außerdem noch die Einnahmequelle Suezkanal.

Während die Ölförderungen fast ausschliesslich den Eigenbedarf decken, sind die Gasvorkommen mittlerweile für Europa, auch aufgrund der geografischen Lage Ägyptens, von strategischer Bedeutung, die geschätzten ägyptischen Vorkommen umfassen mehr als ein Prozent der weltweiten vorhandenen Quellen.
Die Landwirtschaft hingegen, in der mehr als ein Drittel aller Ägypter beschäftigt sind, ist in weiten Teilen immer noch Subsistenzwirtschaft, Ägypten ist zur Versorgung auf wesentliche Nahrungsmittelimporte angewiesen.

Zwar sind nach dem Sturz Mubaraks bereits einige zugesagte Kredite der Golfstaaten (Katar mit 2 Milliarden, die saudische Islamic Development Bank mit 1 Milliarde), sowie z.b. Chinas mit 200 Millionen realisiert worden, bzw. sind erste Tranchen bereits überwiesen worden, umfangreichere Kredite und Investionen werden aber von dem Zustandekommen einer Vereinbarung Ägyptens mit dem IWF abhängig gemacht.

Bereits der Militärrat hatte mit dem IWF Vereinbarungen über 3 Milliarden US Dollar getroffen, die Moslembrüder hatten sich jedoch erfolgreich dagegen gewehrt, dass das Abkommen vor den Präsidentschaftswahlen unterzeichnet wird.
Im August diese Jahres reiste dann IWF Chefin Legrade perönlich nach Kairo, um die Einzelheiten eines Abkommens über mittlerweile aufgestockte 4,8 Milliarden US Dollar zu verhandeln (1). Ein eigenes IWF Team wurde nach Kairo entsandt, um die Rahmenbedingungen der berüchtigten „IWF – Strukturanpassungsprogramme“" zu klären.

Was diese Strukturanpassungsprogramme bedeuten werden, wird vor den Hintergrund der Lage des ägyptischen Staatshaushaltes deutlich. (2)
Über ein Viertel der Staatsausgaben geht für Schuldenregulierung und den öffentlichen Dienst drauf. Jobs in diesem Bereich sind relativ priviligiert und werden wie unter Mubaraks an die eigenen Klientel vergeben.
Mit einem Anteil von über 10 Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Subventionen gehört Ägypten weltweit zu den Spitzenreitern und das bei einem enormen Bevölkerungswachstum. Jedes Jahr kommen 700.000 Menschen im erwerbsfähigen Alter hinzu, um nur das vorhandene Beschäftigungsniveau zu halten, müsste die ägyptische Wirtschaft theoretisch um über 7 Prozent pro Jahr wachsen.

An der sozialen Lage der verarmten Massen hat sich sich dem Sturz Mubaraks nichts wesentliches geändert. Fast die Hälfte aller Ägypter muss mit weniger als 2 US Dollar am Tag auskommen, die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei geschätzten 30 Prozent, nach wie vor sind fast ein Drittel der Ägypter Analphabeten.

Kam es bereits unter dem Mubarak zu sozialen Kämpfen, darunter die mittlerweile legendären Arbeitskämpfe in der Textilindutrie 2006 und 2008 (3), so explodierten diese Arbeitskämpfe nach dem Sturz des Diktators.
Streikwellen überziehen seitdem alle Bereiche, vom öffentlichen Dienst, den industriellen Zonen bis hin zum strategisch bedeutenden Suezkanal, überall wird in erster Linie um Partikularinteressen gerungen.

Unzählige unabhängige Gewerkschaften sind entstanden, die aber in konkurierenden Förderationen organisiert sind und unterschiedliche politische Ausrichtungen haben, soweit wie überhaupt über die Wahrnehmung der engsten Eigeninteressen hinaus politische Ambitionen haben. So werden etliche neue, unabhängige Gewerkschaften von den Moslembrüdern kontrolliert, was unter anderem bei den Auseinandersetzungen um die neue Verfassung zu Strassenschlachten eben jener Gewerkschaftler mit Aktivisten führte. In der ehemaligen „offiziellen“ Gewerkschaft ETUF geben wiederum Funktionäre den Ton an, die noch zu den alten Mubarakgetreuen gehören.
Mit dem Dekret 97 (4), das hier im Gegensatz zu den anderen erweitereten Machtbefugnissen für Mursi kaum wahrgenommen wurde, versuchen die Moslembrüder ihren Einfluss auf eben jene ETUF auszubauen.

Die Zersplitterung der „Gewerkschaftsbewegung“, der Einfluss der diversen politischen Akteure auf eben jene, sowie die Orientierung der Beschäftigten selber auf ihre jeweiligen Partikularinteressen dürften die Ursache dafür sein, dass die Kämpfe um einen radikale Erhöhung der Mindestlöhne trotz der Unmengen an Arbeitskämpfen bisher so wenig erfolgreich waren.

Trotzdem schrecken die Moslembrüder bisher vor den unvermeidlichen Einschnitten bei den staatlichen Subventionen zurück, weil sie in diesem Fall (wohl zu Recht) soziale Unruhen fürchten, die sie ihre Macht kosten könnte.
Zeitgleich zu seinen Dekreten im Vorfeld des Durchpeitschens der neuen Verfassung hatte Mursi („moderate“) Preiserhöhungen für Alkohol, Zigaretten und Kraftstoffe angekündigt.
Nach den miltanten Auseinandersetzungen rund um den Präsidentenpalast, die sich gegen seine neue Machtfülle richteten, ruderte er innerhalb von 24 Stunden zurück und widerrief diese Entscheidungen. Auch wurde das Abkommen mit dem IWF nicht wie vorgesehen in Kraft gesetzt. Auch nach einer einer vermittelnen Intervention der US Regierung gibt es noch keinen neuen Zeit-und- Fahrplan für den krisendeln ägyptischen Staathaushalt. Auch ist bisher noch nicht öffentlich bekannt, was für Grausamkeiten sich die „technische Kommision“ des IWF für Ägypten überhaupt ausgedacht hat.

Nach den blutigen Kämpfen gegen die Post – Mubarak- Militärdiktatur, dem Massaker im Stadion von Port Said als Rache an den Ultras von Al Ahly, dem Tod aberdutzender Aktivisten und Unbeteiligter, nachdem es den politischen Aktivisten nicht gelungen war, ihren Kampf mit den sozialen Kämpfen im Land zu verbinden, beispielhaft der gescheiterte Aufruf zum Generalstreik (5), folgten den Aufrufen der diversen Gruppen und Organisationen zu Aktionen und Protesten in der Regel nur noch wenige hundert Menschen.

Erst mit der Demo Ende August 2012 unmittelbar nach dem Besuch von IWF Chefin Legarde gelang es wieder eine grössere Aktion durchzuführen. (6).
Das nun ausgerechnet an diesem Punkt wieder ein neuer Bewegungszyklus begann, ist keinem Zufall geschuldet, sondern spiegelte die Vorwegnahme des neuen Antagonismus wieder.

Die Moslembrüder haben ihre Halbwertzeit erreicht. Angetreten mit dem Image einer „wohltätigen“ Organisation, deren Aktivisten unter Mubarak selber zu hunderten im Knast gessen hatten, verspielen sie derzeit ihren Kredit, weil sie aufgrund der Sachzwängen garnichts anderes als eine neoliberale Wirtschafts-und- Sozialpolitik realisieren können.
Im Gegensatz zu den Theokraten im Iran haben sie keine Ölmilliarden zu verteilen, das Bündnis der Islamisten, mit dem sie ihre neue Verfassung durchgepeitscht haben, ist ein äußerst fragiles.
Zwar haben die diversen salafistischen und sonstigen radikalislamistischen Gruppierungen zu den Demos zur Unterstützung von Muris und für die neue Verfassung mitmobilisiert, wären ohne den Schutz durch die Kader dieser Gruppen landesweit wohl noch wesentlich mehr Büros der Partei für Freiheit und Gerechtigkeit, dem politischen Arm der Moslembrüder, niedergebrannt worden.

Die massgeblich von Saudi Arabien finanzierte „Partei des Lichts“, bei den Parlamentswahlen noch zweitstärkste Kraft, ist allerdings nur noch ein Schatten „alter“ Zeiten und in sich tief gespalten. Die Hazemoun-Bewegung hat sich gegen die neue Verfassung ausgesprochen, weil sie ihr nicht „islamistisch“ genug ist. Und sollten die Moslembrüder auf die Idee kommen, die Vorstellungen iher derzeitigen Bündnispartner allzusehr in die Realität umzusetzen, dürfte die wirtschaftlich bedeutende Tourismusindustrie, die sich gerade erst erholt hat, wohl endgültig kollabieren.

Zwar haben „die Islamisten“ die Abstimmung über die neue Verfassung bei einer extrem niedrigen Wahlbeteligung gewonnen, doch angesichts der alten und neuen sozialen Verwerfungen, dürfte dies ein Pyrrhussieg sein. Auf der Strasse haben sie den oppositionellen Kräften zumindestens in Kairo nichts mehr entgegen zu setzen, dass zeigte sich schon bei der „Rückeroberung des Tahrir“ (7) im Oktober dieses Jahres. Bei dem landesweiten Aufstand gegen die neue Machtfülle Mursis und die neue Verfassung wurde ihnen selbst in „ihrem Kernland“ im Nildelta arg zugesetzt.
Und die Militärs, denen von den Moslembrüdern in der neuen Verfassung weiterhin ein Staat im Staate zugestanden wurde, haben während der jüngsten Auseinandersetzungen deutlich gemacht, dass sie weiterhin zu intervenieren bereits sind, sollten sie den Bestand des Staates für gefährdet halten.

Die „ägyptische Revolte“ hat neues Feuer gefangen, dass allein in Kairo innerhalb von einem Tag mehrere hunderttausend Menschen zu mobilisieren waren, hat wohl auch nicht zuletzt mit dem Mut und der Unnachgiebigkeit all jener Aktivisten zu tun, die schon in den Tagen zuvor anlässlich des Jahrestages der Kämpfe in der Mohamed Mahmoud Strasse gegen die Bullen und den Staat gekämpft haben. Einige verloren dabei ihr Leben, so wie unser Gefährte Jika (8). Ihnen gilt unsere Verbundenheit und Solidarität.

In den Zyklen der ägyptischen Revolte gab es schon mehrere Aufrufe zur internationalen Unterstützung, die Gefährten des Tahrir Platzes haben in ihrem Brief an die amerikanische occupy Bewegung (9) ihre Verbundenheit und Solidarität in einer Sprache verkündet, die man nicht an den Schreibtischen findet. Der Besuch Mursis in Berlin ist eine Gelegenheit, ihnen nun unsere Verbundenheit und Unterstützung zu bekunden.

(1) Legarde in Kairo, Bericht der NZZ

http://www.nzz.ch/aktuell/wirtschaft/wirtschaftsnachrichten/lagarde-verspricht-aegypten-hilfe-vom-waehrungsfonds-1.17511288

(2) Bericht der Wirtschaftwoche

http://www.wiwo.de/politik/ausland/aegypten-subventionen-verschlingen-milliarden/6846116-3.html

(3) Dokumentation von al jazeera

http://youtu.be/uo1Fytmjlmw“ rel=“external“>http://youtu.be/uo1Fytmjlmw

(4) Dekret 97, Bericht von Egyptian Independent

http://www.egyptindependent.com/news/labor-activists-new-decree-eyes-brotherhoodization-unions

(5) Bericht von recherchegruppe aufstand

https://linksunten.indymedia.org/en/node/54692

(6) Video von der Demo

http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=e8-WxtZ_wzo

(7) Text der recherchegruppe aufstand: Die Rückeroberung des Tahrir – Revolution 3.0

http://uprising.blogsport.de/2012/10/13/die-rueckeroberung-des-tahrir-revolution-3-0/

(8) Jika in Kairo von den Bullen ermordet

https://linksunten.indymedia.org/de/node/71969

(9) Brief aus Kairo an occupy

https://linksunten.indymedia.org/de/node/49394

„Ob er Märtyrer ist, wird Gott entscheiden“

Kälte, Stromausfälle und kaum Geld für Nahrung machen das Leben der Menschen in Syrien noch schwerer – und über allem hängt die Ungewissheit. Eine Reportage aus der umkämpften Stadt Aleppo.

Peter Steinbach in der WELT

Jussef sticht mit der Schaufel, Hassan mit der Spitzhacke in die feuchte, rote Erde. Gerade ist eine neue Leiche angekommen. Schnell muss ein neues Grab her. Wie das aussieht, ist nicht so wichtig. Ästhetik spielt in diesen Tagen keine Rolle und bei Dauerregen ist dies auch unmöglich.

Die Erde ist ein tiefer, schwerer Matsch. Die beiden Totengräber kommen dennoch gut voran. Sie sind ein eingespieltes Team, obwohl sie dies erst seit drei Monaten machen. Der Krieg hat sie in kürzester Zeit geschult.

Rebellen sind neben Regierungstruppen beerdigt

Der überwiegende Teil des Märtyrer Friedhofs in Aleppo ist mit neuen Gräbern übersät. Es sind lieblose Erdhaufen mit abgebrochenen Stücken von Steinplatten, schief in den Boden gesteckt, auf die Namen geschrieben wurden. Oft kann man sie nicht mehr lesen.

Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA) und Soldaten der Regierungstruppen liegen hier friedlich nebeneinander. „Da haben wir Amar Sedar, der bei der Eroberung einer Militärschule in der Nähe von Aleppo getötet wurde“, erzählt Hassan. Gleich daneben liegt ein Offizier des Regimes. „Unbekannt“, steht auf dem Schild seines Grabes. „Er war ein Christ“, mischt sich Jussef ein. „Wir haben ihn nicht in eine Decke gewickelt. Er könnte ja ein Märtyrer sein, was aber Gott entscheiden wird.“ Jussef deutet mit dem Finger in Richtung Himmel.

Letzte Alternative „Totengräber“

Der Beruf Totengräber war für die beiden Männer Mitte dreißig die letzte Alternative. „Durch den Krieg gibt es keine Arbeit mehr“, meint Hassan, der sich wie sein Kollege mit einem roten Palästinensertuch über dem Kopf gegen den Regen schützt. „Hier haben wird zwar kein Gehalt“, ergänzt Jussef. „Aber die Trauernden geben uns Trinkgeld. Es ist nicht viel, aber es hilft zu überleben.“

Hauptsache „Überleben“ ist die Devise der meisten Bewohner von Aleppo. In einem Imbiss in Tarik al-Bab brutzeln zwar Hühnchen am Grill, Döner dreht am Spieß, Pommes sieden im Fett, Hackfleischbällchen sind zu haben, auch Salat und Brot. Nebenan kann man auf dem Markt frisches Obst und Gemüse kaufen. Selbst Benzin ist überall und reichlich zu haben. Aber nur wenige Menschen können sich das noch leisten. Die Preise sind bis aufs zehnfache gestiegen.

Brot in Olivenöl oder Tomatensoße

Am Imbiss schnappen sich verschmutzte Kinder die Reste, die Gäste zurücklassen und stopfen sie gierig in sich hinein. In dem Wust von Müll, der sich an allen Ecken der Stadt sammelt, suchen Männer und Frauen nach Verwertbarem.

Einige Stadtteile sind wegen der Kämpfe abgeschnitten oder schwer zugänglich. Dort gibt es immer noch Warteschlangen vor den Bäckereien. Brot ist in diesen trostlosen Zeiten Hauptnahrungsmittel – eingetunkt in Olivenöl oder in Tomatensoße aus der Dose. „Die Schlangen sind jedoch nicht mehr so lang wie früher“, sagt Suhed, ein Ingenieurstudent. „Man muss auch nicht mehr acht Stunden warten.“

Schulbänke als Feuerholz

Zur schlechten Versorgungslage kommt die Kälte. Im Winter sinken die Temperaturen um den Gefrierpunkt. „Wenn der Regen aufhört, gibt es Frost“, sagt Mohammed, ein Englischlehrer. In seiner Grundschule hat man die Bänke aus den Klassenzimmern geholt und zu Brennholz verarbeitet. Elektrische Heizgeräte sind sinnlos. Denn Strom gibt es nur wenige Stunden am Tag, wenn überhaupt.

Da der Strom ausgefallen ist, wärmen sich zwei Männer im Stadtteil Bab al-Hadid in Aleppo an einem kleinen Holzofen. Öl zum Heizen können sie sich nicht leisten „Und Wasser hatten wir seit vier Tagen nicht mehr“, fügt der Englischlehrer schmunzelnd hinzu, als sei das Elend nur mehr mit einer Selbstironie zu ertragen. Die 220 Euro, die er verdiente, reichten vor dem Bürgerkrieg kaum aus. „Nun habe ich gar kein Einkommen mehr.“

Der Tod droht überall

In Bab al-Hadid, einem von neun antiken Toren zur Altstadt von Aleppo, gibt es genügend Brennholz zu kaufen. „Schnell, schnell“, ruft der Taxifahrer. „Bis zum Tor müssen wir laufen.“ Die Zitadelle ist in Sicht. Dort sind Scharfschützen der Syrischen Armee postiert, die Straße und Platz vor dem Bab al-Hadid überblicken und jederzeit feuern können.

Ein Eisenwarenhändler in einer Gasse der Altstadt zeigt das Einschussloch am Holm der Fahrerseite seines Wagens. „Hier ist die Kugel des Scharfschützen durchgegangen und hat meinen Bruder getötet“, erzählt der Geschäftsbesitzer. „Schreiben Sie seinen Namen auf. Er hieß Ahmed Kaschi und wurde nur 39 Jahre alt.“

Unter den Gewölben der Altstadt brennen Feuer, auf denen Tee gekocht wird. Mohammed, der Englischlehrer, kauft sich ein Beil, um zu Hause Holz zu hacken. Er würde gerne einige der Plastiksäcke kaufen, die mit geschnittenem Brennholz gefüllt sind. „Viel zu teuer“, sagt er. „Ich suche lieber auf dem Land und schneide Olivenbäume ab.“

Gewöhnt an den Alltag des Todes

Hundert Meter weiter kommt die Zitadelle wieder in Sicht. Man sieht zahlreiche Löcher der Schüsse, die von dort abgefeuert wurden. Einige Passanten kümmert es wenig, ob sie in der Feuerlinie sind oder nicht. „Hier starb mein Freund“, sagt ein älterer Herr und zeigt auf die alte Steinwand mit mehreren Einschüssen. „Dahinten starben 20 Menschen bei einem Mörserangriff“, ruft ein anderer Mann und verweist zum Ende der Gasse.

Dass beide jeden Moment von einer Kugel in den Kopf oder in den Hals getroffen werden können, scheint ihnen vollkommen egal zu sein. Defätismus nach 21 Monaten Krieg. Man hat sich an den Alltag des Todes gewöhnt. Sogar an die Möglichkeit, selbst jederzeit zu sterben. Zum Glück trinken die Scharfschützen oben auf der Zitadelle entweder gerade Tee oder sitzen beim Mittagessen, vielleicht sind sie eingeschlafen oder haben auch einfach gerade keine Lust, jemand zu erschießen.

Angst erkannt zu werden

In einem Krankenhaus der Stadt empfängt der Manager und leitende Operateur in seinem Büro. Normalerweise lässt er keine Journalisten ins Haus und besteht darauf, keine Namen zu nennen und besonders keine Fotos zu machen. Jemand könne das Hospital vielleicht über die Möbel wiedererkennen. „Journalisten sind für die Zerstörung des Dar al-Schifa Hospitals verantwortlich“, sagt der Arzt mit Nachdruck, jedoch ohne vorwurfsvollem Ton. „Ich möchte nicht, dass das Gleiche mit unserer Einrichtung passiert. Ich bin für meine Mitarbeiter verantwortlich. Wir sind eine Familie.“

Am 22. November hatten Kampfflugzeuge der syrischen Luftwaffe das größte Krankenhaus auf dem von Rebellen kontrollierten Teil der Industriestadt bombardiert. 15 Menschen, darunter zwei Kinder und ein Arzt, wurden getötet. 40 weitere unter den Trümmern begraben.

Seit September hatten internationale Journalisten aus aller Welt über das Dar al-Schifa berichtet. Fotos von hunderten von verletzten und toten Zivilisten gingen um die Welt. Eine schlechte Publicity für das Regime von Präsident Baschar Assad. Bereits mehrfach war das Krankenhaus, in dessen unmittelbarer Nähe auch eine Brigade der FSA untergebracht war, angegriffen und mehrfach beschädigt worden. Nachdem das Hospital zum Hauptanziehungspunkt der Presse wurde, scheint man die Entscheidung getroffen zu haben, das Hospital ganz zu zerstören.

Schweigen zum Schutz

Ein spanischer Fotograf hatte im August noch seine internationalen Kollegen gebeten, doch keinen Namen und Fotos des Gebäudes von Dar al-Schifa zu veröffentlichen. Aber kaum einer hielt sich daran. „Wie sollen wir über das Elend und die Ungerechtigkeit berichten, wenn wir alles geheim halten müssen“, meinte ein französischer Fotograf.

Unmittelbar nach der Bombardierung des Krankenhauses musste die FSA die Journalisten vor einer aufgebrachten Meute schützen. Sie warf Steine auf Fotografen und Reporter. Der Volkszorn hatte die Schuldigen für den Tod der Landsleute und des Krankenhauses sofort ausgemacht.

„Sie werden verstehen“, sagt der Leiter des noch bestehenden Hospitals, „dass mein Personal und die Sicherheitsleute vor der Tür die Anweisung haben, jedes Foto zu verhindern und Journalisten abzuweisen.“ Diese Pressepolitik sei erfolgreich gewesen. „Um uns herum wurden viele Gebäude bombardiert, aber nicht unser Krankenhaus. Je weniger Aufmerksamkeit, desto besser.“

Der Manager des Hospitals, der lange Zeit in Großbritannien arbeitete, versichert, dass man für Trauma-Patienten bestens ausgerüstet sei. Aus aller Welt träfen Hilfslieferungen ein. Der vor zwei Monaten gegründete Medizinische Rat von Aleppo habe die Koordination übernommen und würde sie auf alle Krankenhäuser verteilen.

60 Prozent der Verletzen sind Zivilisten

„Bei uns sind 60 Prozent aller Patienten Zivilisten“, erläutert der Klinikleiter weiter. Ein großer
Teil der Verletzungen rührten von Scharfschützen her. „Viele davon sind sehr professionell und schießen direkt ins Herz oder in den Kopf und man kann nur noch den Tod der Opfer feststellen.“ Aber es gäbe auch Glücksfälle, wie den eines zehnjährigen Jungen. „Die Kugel ging in den Hals und auf der anderen Seite wieder heraus, ohne etwas Nennenswertes zu verletzten. Ich konnte ihn sofort wieder nach Hause schicken.“

Angst macht dem leitenden Arzt offensichtlich die Möglichkeit eines Einsatzes von chemischen Waffen. Die USA berichtete mehrfach darüber, dass das syrische Militär Sprengsätze mit dem tödlichen Kampfstoff Sarin versehen würde. „Eine schreckliche Vision, auf die wir vorbereitet sein müssen“, meint der Chefarzt. Wie er sich, sein Personal und das Krankenhaus darauf vorbereite, bleibt sein Geheimnis. „Über unsere Arbeit und unsere Ärzte gebe ich keine Informationen.“

Pattsituation in Aleppo

In Seif al-Daula, unweit der Frontlinie, sitzt Abu Mustafa im Freien vor einem brennenden Ofen und trinkt Tee. Er ist der Kommandeur einer Brigade von 1200 Mann. „Die Bewohner von Aleppo hassen uns“, sagt er selbstkritisch. „Wir haben ihnen den Krieg gebracht und ein baldiges Ende ist nicht abzusehen.“ Im Juli begann die FSA mit der Befreiung von Aleppo, einer reichen Industriestadt, in der es dem überwiegenden Teil der Bevölkerung besser ging, als in vielen Landstrichen Syriens. „Es war ein schlecht vorbereiteter Vorstoß, ohne sorgfältige Planung und ausreichend Munition.“

Abu Mustafa zündet sich eine Zigarette an und nippt an seinem Teeglas. Seiner Meinung nach hätte man einige Monate noch warten sollen. Aber aus dem Ausland, besonders von Saudi-Arabien und Katar, seien damals große Waffenlieferungen versprochen worden. „Sobald wir uns in Aleppo festgesetzt hätten“, erinnert sich der Kommandant. „Aber gekommen ist nur so viel, dass wir uns halten konnten.“

Gott sei dank habe man in den eroberten Kasernen der syrischen Armee reichlich Munition und Waffen erbeutet. „Trotzdem kann es noch einige Zeit dauern, bis wir die Stadt ganz einnehmen.“ Weder Regierungstruppen noch die Rebellen konnten in den letzten sechs Monaten entscheidende Geländegewinne für sich verbuchen. Es ist eine Pattsituation entstanden, in der ein Stadtteil mal in die eine Hand, am nächsten Tag wieder in die andere fällt.

Zermürbende Ungewissheit

Für die Bevölkerung ist es diese Ungewissheit, wie lange der Krieg und das verbundene Elend weiter andauern, die sie quält. „Es ist kein Ende in Sicht“, sagt Mohammed der Englischlehrer. „Viele von uns wissen nicht, wie sie noch Monate überstehen sollen.“ Tag und Nacht ist das Dröhnen von Geschützfeuer, Panzern und der Abschuss von Mörsern zu hören. Bei gutem Wetter können jederzeit Bomben von Kampfjets fallen. Im Winter, bei Kälte und Regen, scheint keine Entscheidung in Sicht. „Es ist weniger die Angst vor dem Tod, die uns zermürbt“, fügt Mohammed an, „sondern diese völlige Ungewissheit“.

Darüber zerbrechen sich die beiden Totengräber Hassan und Jussef nicht den Kopf. Für sie gibt es in nächster Zeit genug zu tun. „Wir haben ein krisenfestes Auskommen, auch wenn es nicht viel ist“, sagt Hassan mit der Spitzhacke in der Hand. Sie haben immer 25 freie Gräber in Reserve, falls es schnell gehen muss. „Für einzelne Tote benutzen wir die nicht. Da heben wir schnell ein neues aus.“ Im strömenden Regen machen sie sich wieder ans Werk. Hassan mit der Schaufel, Jussef mit wuchtigen Schlägen seiner Spitzhacke. An ihren Gummistiefeln hängen dicke Erdklumpen.