„Schwarzsehen, schwarz tragen“

In der ägyptischen Protestbewegung hat sich ein gewaltbereiter „Schwarzer Block“ gebildet. Mitglieder der Verfassungspartei von El Baradei halten dessen Entstehen aber für keine beunruhigende Erscheinung.

Markus Bickel, Kairo in der FAZ

Die Demokratische Front wollte ganz in Schwarz kommen. Eine Woche nachdem vermummte junge Männer in schwarzer Kleidung erstmals auf den Straßen Ägyptens auftauchten, ging es den Revolutionären der ersten Stunde darum, ein Zeichen der Solidarität zu setzen. Sie lehnten die Manipulationen durch die Muslimbruderschaft ab, „die die Schuld für Gewalt anderen in die Schuhe schieben“, hieß es in ihrem Demonstrationsaufruf für die neuen Protestmärsche zum Tahrir-Platz am Freitag. Friedlich werde der Protest sein, kündigten die aus der 6.-April-Bewegung hervorgegangenen Aktivisten an, die im Februar 2011 entscheidend zum Sturz Husni Mubaraks beigetragen hatten. Deshalb würde man sich wie die Vermummten des „Black Block“ schwarz anziehen.

Auch Mitglieder der Verfassungspartei von Friedensnobelpreisträger Mohammed El Baradei halten das Entstehen eines schwarzen Blocks, der an den Ausschreitungen in Alexandria und Kairo vergangene Woche beteiligt war, für keine beunruhigende Erscheinung. „Sie haben das Gefühl, das es an der Zeit ist, die Gleichung zu ändern“, sagt ein Führungsmitglied der Jugendbewegung der Partei.

Auch Ultras gehören zu den Vermummten
Eine offizielle Internetseite haben die Aktivisten des „Schwarzen Blocks“ nicht, sie tun sich spontan zusammen. Zwei Jahre nach dem Sturz Mubaraks sehen die jungen Männer, die sich seit einer Woche Straßenschlachten mit den Sicherheitskräften lieferten, noch immer keine Perspektive – deshalb setzten sie Gewalt ein, heißt es immer wieder. Auf 3000 bis 4000 schätzt Akram Ismail, Aktivist der Sozialistischen Volksallianz, die Zahl der jungen Männer, die bereit seien, in Straßenschlachten „alles zu geben“. Schon im vergangenen November kamen in den Straßen rund um das Innenministerium in Kairo Jugendliche bei Protesten gegen Muhammad Mursi um, nur fünf Monate nach dessen Wahl.

Unter den schwarz Vermummten, die zum zweiten Jahrestag der Revolution in Alexandria Straßenbahnen blockierten und durchs Zentrum der Hauptstadt mit ägyptischen und schwarzen Fahnen mit Anarchie-Zeichen zogen, befinden sich auch Ultras, sagen Kenner der Szene. Die im Straßenkampf erfahrenen Ultras des Kairoer Fußballklubs Al Ahly hatten entscheidend dazu beigetragen, dass während der Revolution die Schergen des Mubarak-Regimes zurückgedrängt werden konnten. Aber auch Kommunisten und Sozialisten gehören dem „Black Block“ an. Wie die gesamte Revolutionsbewegung sei die neue Gruppierung zudem sehr lose zusammengesetzt – in Gruppen von drei oder fünf zögen sie oft nur los, ehe sich größere Ansammlungen bildeten, heißt es.

Die Sicherheitskräfte sollen entlarvt werden
Die von Generalstaatsanwalt Talaat Abdullah angeordnete Verhaftung der Mitglieder der „terroristischen Gruppe“ hat eher zu Solidarisierung geführt als zu Abgrenzung; auch wenn Aktivisten nicht abstreiten, dass sich Schläger des alten Regimes unter die Krawallmacher gemischt hätten. „Die Muslimbrüder wissen sehr genau, wie man die Revolution diskreditiert“, sagt ein Mitglied von Baradeis Verfassungspartei.

Sieben Monate nach dem Amtsantritt Muhammad Mursis, der Talaat Abdullah im vergangenen Oktober gegen erhebliche Proteste der Justiz eingesetzt hatte, erfüllen die Aktionen der gewaltbereiten Protestbewegung aber noch eine andere Funktion: Sie zielen darauf ab, die nun den Befehlen des von Mursi eingesetzten Innenministers Muhammad Ibrahim folgenden Sicherheitskräfte zu entlarven – als Leute, die dieselben Methoden einsetzen wie Mubaraks Sicherheitsapparat. „Sie bringen die zentralen Forderungen der Revolution zurück auf die Agenda von Gesellschaft und politischen Kräften, zahlen dafür aber auch den höchsten Preis“, sagt Akram Ismail von der Sozialistischen Volksfront.