Archiv für März 2013

Kämpfe in mehreren Städten Ägyptens – neue Repression

Die „Revolutionären Sozialisten“ und die „Sozialistische Volksallianz“ haben für heute zu neuen Protesten vor dem Obersten Gericht in Kairo aufgerufen, nachdem mehrere prominente Mitglieder der Gruppen, sowie vier Anwälte (!!) unter dem Vorwurf festgenommen wurden, für die gestrigen Angriffe auf eine Bullenstation in Alexandria mitverantwortlich zu sein.

In Alexandria war es gestern zu schweren Auseinandersetzungen mit den Bullen und den Islamisten gekommen, als Letztere eine oppositionelle Demo mit Steinen und Molotovs angegriffen hatten.

Die Bullen in Alexandria haben mehrere der Festgenommenen misshandelt, Aktivistinnen wurden Opfer von sexuellen Übergriffen.
In Alexandria versammelten sich deshalb schon heute Mittag mehrere hundert Menschen, um gegen die Gewalt der Bullen und für die Freilassung des Aktivisten zu demonstrieren.

Auch in anderen ägyptischen Städten kam es gestern zu Zusammenstössen.
In Zagazig gingen die Bullen gegen eine Menge vor, die versuchte ein Büro der Moslembrüder zu stürmen, in Mahalla schützen die Milizen der Islamisten das Büro der Moslembrüder, das letzte Woche bei Protesten in Brand gesetzt wurde, hier kam es zu militanten Aktionen gegen die Bullen.

In Kairo war es gestern Nachmittag bei der Kundgebung vor dem Obersten Gericht, an der sich nur einige hundert Menschen beteiliget hatten, ruhig geblieben. Allerdings war es am Vormittag vor dem Haus der Innenministers zu Kämpfen zwischen den Bullen und mehreren hundert Anhängern der Bewegung des 6. April gekommen, von den dabei Festgenommenen bleiben vier vorerst in Haft.

„Arsenal für Terroristen: Waffenbasar Libyen“

Raniah Salloum auf spiegel online

Kein arabischer Despot hatte so viele Waffen wie Gaddafi. Seit seinem Sturz tauchen libysche Raketen, Minen und Sturmgewehre in der ganzen Region auf – in der Hand von Terroristen. In Washington fürchtet man, dass sich die Extremisten als Nächstes am syrischen Arsenal bedienen.

Tripolis/Damaskus – In Bunkern und Lagerhäusern hatte Muammar al-Gaddafi quer durchs Land Waffen gehamstert. Panzerfäuste, Sturmgewehre, Granaten, Plastiksprengstoff, Raketenwerfer, Flugabwehrraketen und Panzerabwehrminen – sein Arsenal galt als eines der größten im Nahen Osten.

Für moderne Armeen mögen die Waffen bescheiden klingen. Doch sie sind der Traum jeder Terrorgruppe. Zwei Jahre nach Beginn der Aufstände in Libyen hat sich Gaddafis tödliches Erbe über Schmuggler bereits in der gesamten Region ausgebreitet.

■Mali: Tuareg-Rebellen und Islamisten konnten mithilfe der libyschen Waffenflut die malische Armee zurückdrängen, bis Frankreich intervenierte. Nun haben sich die Dschihadisten vorerst zurückgezogen.

■Algerien: Im Januar nahmen mit al-Qaida verbündete Dschihadisten rund 800 Menschen auf dem Gasfeld von Amenas als Geiseln – mit Gaddafis Waffen.

■Sinai-Halbinsel: Im August 2011 starteten Islamisten vom Sinai aus einen Angriff auf einen israelischen Bus – mit Waffen, die wohl aus Libyen stammten. Ein Jahr später töteten Dschihadisten 16 ägyptische Grenzpolizisten.

■Gaza: Ägypten hat mehrfach Schmuggler mit libyschen Waffen im Sinai aufgreifen können, die wohl für Gaza bestimmt waren. Die dortige radikalislamistische Hamas paradierte am 2. Oktober mit den Sturmgewehren „F2000″ und „AK-103″. Beide sind sehr selten, nur im Arsenal von einigen wenigen Ländern zu finden. Beides – sowohl das belgische „F2000″ als auch die russische „AK-103″ – hatte nur Gaddafi.

■Syrien: Libysche Waffen sollen per Schiff über den Libanon nach Syrien gekommen sein. Sicher ist dies nicht. Gaddafis und Assads Arsenal ähneln sich, was einen möglichen Nachweis erschwert. Sicher ist, dass libysche Kämpfer in Syrien sind.

In Libyen selbst wurden Gaddafi-Waffen bei dem Angriff auf das US-Konsulat in Bengasi eingesetzt, bei der US-Botschafter Christopher Stevens und drei weitere Menschen ums Leben kamen.

Noch nie verschwanden mehr Waffen als in Libyen

„Dies ist die größte Verbreitung von Waffen, die wir jemals gesehen haben“, sagte Peter Bouckaert von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch SPIEGEL ONLINE. „In den kommenden Jahrzehnten wird das für die Region eine Gefahr darstellen.“

Bouckaert hatte während der Aufstände die Waffenbestände dokumentiert und bereits im April 2011 vor einem libyschen „Waffenbasar“ gewarnt. Er erinnerte an den Irak, wo nach dem Sturz Saddam Husseins Waffen verschwanden – und später einen brutalen Bürgerkrieg und Terror befeuerten.

Doch Libyens Rebellenrat und die intervenierenden Nato-Länder hatten das Problem wohl anfangs unterschätzt. Der Westen konzentrierte sich schließlich auf die Sicherstellung der tragbaren Flugabwehrraketen (Manpads). Davon will man 5000 gefunden haben – von 20.000, die im Umlauf sind. Der Großteil der Gaddafi-Bestände blieb verschwunden.

Zusätzlich hat Katar Waffen an die libyschen Rebellen geliefert – aber die stellen nach Ansicht der Experten keine große Gefahr dar. Ob davon überhaupt welche in die Hände von Terrorgruppen gelangten, ist bisher nicht erwiesen.

Assads Arsenal bereitet den USA Sorgen

Syrien könnte zum künftigen Waffenbasar werden. Bisher waren auf Seiten der gemäßigten Rebellen Waffen knapp. Aber nun fällt eine Militäranlage nach der nächsten. An vorderster Front ist dabei oftmals Dschabhat al-Nusra, eine Miliz mit internationalen Dschihadisten, die als Ableger von al-Qaida im Irak gilt.

Die Gemengelage in Syrien ist noch gefährlicher als in Libyen: Baschar al-Assads Arsenal gilt nicht nur ebenfalls als riesig – der syrische Diktator hat auch biologische und chemische Waffen. Noch dazu ist Syrien kein nordafrikanischer Randstaat, sondern liegt mitten in der Region an den Grenzen der Türkei, Israels, des Libanons und des Irak.

„Die Waffen, die aus diesen Nahost-Ländern herauskommen, stellen für uns eine der größten Bedrohungen dar“, sagte die damalige US-Außenministerin Hillary Clinton im Januar bei einer Anhörung vor dem US-Senat. „Es ist die Büchse der Pandora.“

Islamisten auf dem WSF in Tunis

Christian Jakob in der taz

Saddam-Poster und Scharia-Aufrufe
Treffen der Vielfalt: Islamistische Gruppen waren eine Minderheit auf dem Weltsozialforum in Tunis, aber eine sehr lautstarke.

Francisco Whitaker Ferreira, genannt Chico, ist kleiner Star an diesem Tag. Vor dreizehn Jahren hat der freundliche ältere Mann in Brasilien das Weltsozialforum (WSF) aus der Taufe gehoben.

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Am Freitag läuft er über den brechend vollen Campus der El-Manar-Universität in Tunis, die Sonne strahlt, und er kommt kaum voran. Alle kennen ihn, wollen Hände schütteln, Fotos machen. „Das Forum ist Demokratie“, sagt er: „Es ist Freiheit. Hier gibt es niemanden, der bestimmt, keine Leitung. Jeder, der die Grundsätze respektiert, ist willkommen.“

Die Grundsätze des WSF lauten: keine Regierungen, keine Parteien, keine Guerillas. Dass auch eine Reihe islamistischer Gruppen Stände aufgestellt hat, Flugblätter für die Einführung der Scharia verteilt und Veranstaltungen durchführt, ist für Whitaker kein Problem. Auch die Stände, an denen Fotos von Assad, Saddam Hussein, Hisbollah-Führern oder beschmierte Israel-Fahnen hängen, stören ihn nicht: „Es ist eben ein Forum der Vielfalt“, sagt er.

Zwischen Religiösen und Säkularen
Die harten Fundamentalisten sind eine Minderheit unter den Zehntausenden Globalisierungskritikern, aber ihre Präsenz ist nicht zu übersehen. Das Forum, einst geschaffen, um dem globalisierten Kapitalismus, der sich zum Weltwirtschaftsforum in Davos traf, den Entwurf eines Ausgleichs zwischen Nord und Süd entgegenzusetzen, steht in Tunis auch mitten in der Auseinandersetzung zwischen Religiösen und Säkularen.

Ein Forum am Vortag trug den Namen „Islamistische Regierungen und die Rechte der Frau“. Hunderte ZuhörerInnen waren in den Hörsaal Chemie 2 gekommen, die meisten von ihnen Frauen mit Kopftuch. Als Erste schilderte die Islamwissenschafsprofessorin Dalenda Larguech ihre Sicht auf die Politik der regierenden islamistischen Ennahda-Partei.

„Die Frau soll nur durch ihr Verhältnis zum Mann definiert werden“, kritisiert sie: „Jede Individualität und Staatsbürgerlichkeit wird ihr weggenommen.“ Ihre Rede wird immer wieder von wütenden Zwischenrufen unterbrochen.

Anders bei Maherzia Laabidi. Sie trägt ein Kopftuch, nach der Revolution hatte die Ennahda-Partei sie in die verfassungsgebende Versammlung geschickt. „Wir sind die Söhne und Töchter dieses Landes“, sagt sie. Der Islam, soll das heißen, sei nichts Fremdes, vor dem sich die Menschen fürchten müssen. Sie verstehe, dass es Ängste gebe, „aber ich bitte euch: Rationalisiert diese Ängste.“

Auch sei der Islam kein Feind der Revolution: „Die partizipative Demokratie und die Freiheit“, all das sei sehr wohl Teil des tunesischen, islamischen Projekts. Und auch den Frauen werde kein Platz zweiter Klasse in der Gesellschaft zugedacht: „Islamische Frauen haben Hoffnungen und Persönlichkeit. Wir sind Intellektuelle, wir sind Arbeiterinnen und Bäuerinnen,“ sie nimmt sogar das Wort „postfeministisch“ in den Mund. Die Frau im Islam sei nicht weniger wert als der Mann – sie habe eben nur eine „komplementäre Rolle“. Die Menschen im Hörsaal erheben sich zum Applaus.

Molka Sousi sieht das anders. Die junge Französischstudentin ist Sprecherin des linken Studierendenverbands Uget. Der hat seine Zelte während des Forums auf einer Wiese auf dem Campus aufgeschlagen. Die Präsenz der Religiösen auf dem WSF sei unvermeidbar, sagt sie, doch sie würden die Öffentlichkeit zu täuschen versuchen.

„Die Islamisten sind Manipulatoren, sie geben ein falsches Bild“, sagt sie. Erst vor Kurzem hätten salafistische Studierende an ihrer Fakultät eine Schlägerei angezettelt: „Es waren viele Leute darin verwickelt, es gab Verletzte. Das war schrecklich.“ An der Universität seien die Islamisten noch eine Minderheit, „aber ihr Einfluss wächst im ganzen Land erschreckend schnell, vor allem unter jungen Leuten“. Sie habe Angst vor einem islamistischen Kurs in Tunesien. „Die ganze Kultur wird sich dann ändern. Ich hoffe, dass ich das nicht erleben muss.“

Interview mit Aktivistin über WSF

„Ich habe Angst“

Molka Sousi, Sprecherin des Studierendenverbandes Union générale des étudiants de Tunisie, über den Einfluss der Religiösen in Tunesien und auf dem Weltsozialforum.

Auf dem Campus der El Manar Universität in Tunis läuft bis Samstag das Weltsozialforum. Das Treffen ist in diesem Jahr geprägt von der Präsenz religiöser und islamistischer Gruppen, die teils am Forum teilnehmen, teils ohnehin an der Universität vertreten sind. Auf dem Campus gibt es in diesen Tagen immer wieder heftige Diskussionen zwischen religiösen und säkularen Studierenden.

taz: Sind die islamistischen Studierenden eine starke Kraft an der Universität?

Molka Sousi: Bei den Wahlen zu den landesweiten Studierendenvertretungen am 23. März haben die Islamisten keine Mehrheit bekommen. Trotzdem sind sie auf dem Campus sehr präsent.

Sie lehnen das Programm der Religiösen strikt ab. Weshalb?

Wir haben nichts gegen die Religion oder gegen den Islam, aber die UGTE steht für islamistische Ideen, die mit Demokratie oder Fortschritt – politisch, sozial oder sonstwie – nicht das geringste zu tun haben. Sie wollen unter anderem die Burkapflicht und sie wollen die Separation: Getrennte Seminarräume für Männer und Frauen.

Wie ist zu erklären, dass Menschen mit solchen Wertvorstellungen das eher linke Weltsozialfoum ganz selbstverständlich für sich zu reklamieren versuchen?

Wir sind hier in Tunesien, dieses Land wird islamistisch regiert. Es ist normal, dass sie hier sind.

Molka Sousi, 21, studiert an der El-Manar Universität in Tunis Frankreichwissenschaften. Sie ist Sprecherin des Studierendenverbandes Union générale des étudiants de Tunisie.
Hat nicht eine gewisse politische Beliebigkeit des Forum ihr massives Auftreten hier begünstigt?

Das Motto des Forums ist Würde, alle sind für Würde und Gerechtigkeit. Die Islamisten sagen natürich, dass sie das auch sind. Aber das ist nicht wahr.

Warum nicht?

Vor den Wahlen am 23. Oktober haben die Islamisten viel von Frieden und Demokratie geredet. Jetzt sind sie gewählt und sie machen genau das Gegenteil. Der ganze Auftritt hier ist genauso verlogen: Sie sind Manipulatoren, sie geben hier ein falsches Bild. Wenn sie regieren, gibt es Verletzte und Gewalt, man hat es an dem Mord an Chokri Belaid gesehen.

Gibt es auch an der Universität Konfrontationen?

Ja, in meiner Fakultät zuletzt am 4. März. Sie wollten in dem Gebäude ihre Propaganda verbreiten. Es gab eine große Schlägerei mit Verletzten, es war schrecklich.

Wie verhalten sich die Professoren?

Sie unterstützen uns, sie sind größtenteils laizistisch.

Viele sagen, die Ennahda ist das kleinere Übel – sie verhindere, dass die wirkich harten Islamisten an die Macht kommen.

Die wirkich harten Islamisten gibt es auch in der Ennahda, sie ist im Kern islamistisch.

Wächst der Einfluss der Islamisten im Land?

Ja, er wächst, erschreckend schnell, vor allem unter jungen Leuten.

Die Universitäten sind aber eine Ausnahme? Weshalb?

Das hat mit dem Bildungsgrad zu tun: Mit höherer Bildung dechiffriert man ihren politischen Diskurs leichter.

Zehntausende Menschen haben sich in diesen Tagen hier versammelt und feiern die Revolution von vor zwei Jahren. Wie sehen Sie Tunesien in zwei Jahren?

Ich habe Angst vor dem was passieren kann, ich befürchte das Schlimmste. Wir versuchen, den Leuten zu helfen, das wahre Konzept der Ennahda zu verstehen. Sie sollen ihnen nicht glauben. Bei den letzten Wahlen sind wir damit aber gescheiert.

Wenn das so bleibt – wie könnte Ihr Leben in zwei Jahren aussehen?

Die ganze Kultur wird sich ändern. Ich hoffe, dass ich das nicht erleben muss.

Ägypten vor den heutigen Protesten

Schon vor den für heute nachmittag angekündigten neuen Protesten, die sich gegen die Repressionswelle gegen Aktivisten richten, gab es erste Aktionen und Zusammenstösse.
Bei einer Kundgebung der Bewegung des 6 April am Vormittag vor dem Innenministerium setzten die Bullen Tränengas gegen die Menge ein, es gab mehrere Verletzte und vier Festnahmen, es flogen auch einige Molotovs auf die Bullen.

Am Tahrir Platz kam es gestern abend erneut zu Auseinandersetzungen zwischen einer grösseren Gruppe von Angreifern und Aktivisten, beiden Seiten bewarfen sich über längere Zeit mit Steinen.

In der Stadt Badr im Nildelta wurde ein Büro der Moslembrüder mit Molotovs angegriffen und ging in Flammen auf.

In Alexandria ist derzeit ein Demonstrationszug in Richtung HQ der Moslembrüder unterwegs

„Jedem seine eigene Rebellengruppe“

Die Kämpfe haben auch die östliche Provinz al-Hasaka erreicht. Ein Besuch bei Rebellen, die mit der Freien Syrischen Armee nichts zu tun haben wollen.

Nils Metzger in der taz

Die Kommandozentren des syrischen Widerstandes sind unscheinbar. Einfache Wohnhäuser in ärmlichen Dörfern, versteckte Hinterzimmer in verschlafenen Seitenstraßen. Nach außen hin versucht die Freie Syrische Armee (FSA) professionell aufzutreten. Dabei hat ihr weitgehend in der Türkei stationiertes Oberkommando die Kontrolle über den Aufstand in vielen Landesteilen längst verloren. An seine Stelle sind informelle Netzwerke und Stammesverbände getreten, die das Land nach ihren mal islamistischen, mal säkularen Vorstellungen umgestalten.

An einem Nachmittag im März versammeln sich in einem Wohnzimmer der ostsyrischen Kleinstadt al-Schadadi etwa ein Dutzend Männer; einige in Flecktarn, andere tragen die klassische arabische Dschellaba. Sie vertreten Rebelleneinheiten, Katibas, die dem syrischen Diktator Baschar al-Assad den Kampf angesagt haben. Die Gäste kommen aus allen Teilen der Ostprovinz al-Hasaka, die während der ersten anderthalb Jahren des Bürgerkriegs kaum für Schlagzeilen sorgte, nun aber Schauplatz heftiger Kämpfe ist.

„Unsere Heimat ist arm. Zwar liegen auch die Ölquellen in der Umgebung unserer Städte, verkaufen tun das Öl aber Unternehmer des Regimes aus Tartus und Damaskus“, beklagt sich Abu Dschihad. Der 48-Jährige frühere Mathematiklehrer schloss sich vor einem Dreivierteljahr dem Aufstand an und stieg schnell in eine führende Position auf. Jetzt räkelt sich Abu Dschihad auf einem Sitzkissen. Ihm gegenüber holt Sheikh Saif, Medienbeauftragter der mächtigen Al-Tauhid-Brigade, zu einer Rede gegen das Regime aus. Alle Männer im Raum sind seit Jahren befreundet und gehören zur „erweiterten Familie“, wie es Abu Dschihad formuliert. Akademisch gebildet und aus dem einfachen Bürgertum kommend, stellen sie in al-Hasaka die Elite des Aufstands.

„Es gibt keine Freie Syrische Armee. Jede Katiba hat ihre eigenen Ziele, eigene Finanzierung und eigene Organisation. Riad al-Asaad (Oberbefehlshaber der FSA, d. Red.) verfügt über niemanden von uns“, betont Sheikh Saif. Allein seine Al-Tauhid-Einheit, eine der größten in Syrien, umfasst rund 3.000 Kämpfer. Die anwesenden Kommandeure vereinen Hunderte weitere Kämpfer. Sie bilden ein Netzwerk im Verborgenen, planen Militärkampagnen nicht gemeinsam mit anderen Aufständischen, sondern orientieren sich an etablierten Machtstrukturen ihrer Heimatprovinz. Ihre Einheiten belagern gegenwärtig die vom Regime gehaltenen Städte Deir al-Sor und al-Hasaka.

Friedensabkommen mit den Kurden
Vor Kurzem schloss der Oberste Militärrat der FSA in der Grenzstadt Ras al-Ain mit kurdischen Milizen ein Friedensabkommen. Vorausgegangen waren heftige Kämpfe zwischen islamistischen FSA-Einheiten und kurdischen Verbänden. Von Anfang an hatte sich die FSA-Führung gegen einen Angriff auf die kurdisch geprägten Städte des Nordostens ausgesprochen, er erfolgte dennoch.

Unter den Rebellen in al-Schadadi stößt das Abkommen auf keine große Gegenliebe: „Die Kurden kämpfen auf der Seite des Regimes, sie sind alle Kämpfer der PKK“, behauptet Abu Hamza, dessen Katiba Ayad al-Fahri in Ras al-Ain und al-Hasaka Position bezogen hat. „Der Frieden in Ras al-Ain wird vermutlich nicht halten. Zuerst befreien wir Al-Hasaka-Stadt, dann Amuda, dann Qamischli.“ Nach Auskunft kurdischer Kommandeure bereiten sich in Qamischli gegenwärtig Hunderte kurdische Milizionäre auf einen möglichen Angriff der FSA vor.

Bislang betonte die FSA stets, Frieden mit den Kurden anzustreben. Das Stammestreffen erweckt einen anderen Eindruck. Sheikh Saif reicht seinen Laptop herum, auf dem er Dutzende Präsentationen und Statistiken abgespeichert hat: Bevölkerungsdiagramme und strategische Karten der Provinz, jede einzelne Ortschaft als arabisch oder kurdisch eingestuft. Es ist die Unterwerfung der syrischen Kurden, die an diesem Nachmittag geplant wird. Von zwei Seiten wolle man die größte kurdische Stadt al-Hasaka angreifen, viele der Dörfer im Umland wurden bereits erobert.

„Es wird Jahre dauern, bis wir Syrien wieder aufgebaut haben. Aber es wird stärker sein als zuvor“, ist sich Abu Dschihad sicher. Sheikh Saif wirbt für eine islamische Verfassung und sein persönliches Anliegen, die Dschabhat Islami, ein loses Bündnis islamistischer Gruppen, auszubauen. Abu Dschihad möchte wieder mehr Zeit mit seiner Familie – für mehr als Skype-Gespräche war zuletzt kaum Gelegenheit. Dann wird das Zimmer dunkel. Der Strom ist wieder einmal ausgefallen.

„Türkei schiebt nach Unruhen syrische Flüchtlinge ab“

Tränengas und fliegende Steine: Weil sie angeblich gewaltsam gegen die Lebensverhältnisse im Zeltlager protestierten, schiebt die Türkei 700 syrische Flüchtlinge ab. Niemand sei gegen seinen Willen gegangen, heißt es.

Handelsblatt

Nach Unruhen in einem Lager für syrische Bürgerkriegsflüchtlinge hat die Türkei nach Darstellung örtlicher Vertreter Hunderte Bewohner in ihr Heimatland zurückgeschickt. Zeugen zufolge wurden die Flüchtlinge mit Bussen zur Grenze gebracht. Ein Vertreter des Lagers Suleymansah sagte, die abgeschobenen 600 bis 700 Personen seien an Gewalttaten beteiligt gewesen. Das türkische Außenministerium wies die Darstellungen zurück.

Hintergrund der Aktion waren Zusammenstöße in dem Lager. Dabei wurden Militärpolizisten am Mittwoch mit Steinen beworfen. Die Beamten setzten Tränengas und Wasserwerfer ein. Auslöser der Krawalle war Bewohnern zufolge eine Protestaktion gegen die Lebensverhältnisse in dem Lager. Aus Behördenkreisen verlautete dagegen, es sei zu den Zusammenstößen gekommen, nachdem Wachleute 200 Syrer an dem voll besetzten Lager abgewiesen hätten.

Es blieb zunächst unklar, wie viele Flüchtlinge aus dem Lager nach Syrien zurückgeschickt wurden. Ein Vertreter der örtlichen Behörden nannte die Zahl 400. Das Außenministerium erklärte dagegen, niemand sei gegen seinen Willen abgeschoben worden. Die Zahl der Rückkehrer liege eher bei 50 bis 60. Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR zeigte sich über die Berichte aus der Türkei besorgt. Derartige Abschiebungen würden gegen internationale Vereinbarungen verstoßen.

Seit Beginn des Konfliktes in Syrien sind nach UN-Angaben etwa 1,2 Millionen Menschen ins Ausland geflüchtet. Die Türkei hat mehr als 260.000 von ihnen aufgenommen. Das Lager Suleymansah in der Nähe der Stadt Akcakale ist mit 35.000 Bewohnern eines der größten. Die meisten Unterbringungen in der Türkei sind mit Heizungen ausgestattet. Flüchtlinge erhalten dort drei warme Mahlzeiten am Tag. Damit herrschen in den türkischen Lagern bessere Bedingungen als in anderen Nachbarländern Syriens. Weil aber immer mehr Menschen flüchten, haben die Behörden mit Überbelegungen zu kämpfen.

Bericht aus Salamiyya, Syrien

In der Kleinstadt Salamiyya im Governerat Hama leben mehrheitlich Ismailiten, wie die Alawiten eine schiitische Religionsgruppe. Bisher ging das Regime gegen die AktivistInnen in Salamiyya eher milde vor. Das hat sich in den letzten Wochen radikal geändert. Wurden die AktivistInnen bisher geschont, weil sie einer Minderheit angehören und das Regime sich als Schutzpatron der Minderheiten sehen möchte, wird ihnen nun Verrat vorgeworfen. Auf den letzten Demonstrationen wurden alle Teilnehmer verhaftet. Regimetreue Schabiha-Milizen und Sicherheitskräfte suchten Aktivisten zu Hause auf und nahmen sie mit. Die wenigen, die bisher zurück sind, sind auf’s Schrecklichste entstellt, einem Sprayer wurden alle Finger gebrochen.

Adopt a Revolution sprach mit einem Aktivisten des von uns unterstützten Komitees über die Lage.

Hier die Übersetzung des Telefongesprächs:

“Ich bin immer noch drin (in Syrien). Wir haben krasse Schwierigkeiten mit dem Internet, auch über Satellit (Astra) haben wir momentan kein Netz, und wir sind leider auf das syrische Netz angewiesen. Echt furchtbar.

In letzter Zeit haben die Sicherheitskräfte des Regimes fast jeden, der an Demos beteiligt war, festgenommen. Der Rest versteckt sich gerade. Sie haben erstmals nur zwei bekannte Oppositionellen (M. M. und N. Y.) freigelassen, damit sie die Botschaft des Regime übermitteln: Es werden ab heute absolut keine Demos mehr toleriert. Demonstrant werden bestraft wie FSA-Mitglieder, “weil euer Demonstrieren praktisch eine Einladung für die FSA zum Einmarschieren in die Stadt ist!”

.. die Sache ist folgendes: Das Regime hat Informationen, dass es in der Stadt und ihrem Umland versteckte „Schläfer Zellen“ gibt, aber sie wissen nicht, wie viele „Zellen“ und auch nicht, was diese anrichten können. Und deshalb, haben sie diese Razzia durchgeführt. Sie haben einige der Aktivisten nach vier Tagen wieder freigelassen. Die zwei bekannten Oppositionellen haben sie „gut behandelt“ – d. h. nicht gefoltert oder ähnliches. Nur diese beiden wurden so behandelt, alle anderen aber, haben sie schlimm zugerichtet. Und das natürlich vor den Augen der genannten zwei Aktivisten.

Obwohl alle Protestaktionen in Salamiyya friedlich waren, und es waren ausschließlich Zivilisten daran beteiligt, hat das Regime große Furcht davor, dass sich das Arraqq-Szenario in Al Salamiyya wiederholt. Arraqqa war relativ ruhig und friedlich, und auf einmal kamen Aktivisten und FSA-Kämpfer von überall her, und haben die Stadt befreit.

.. wichtig ist, dass ihre Botschaft, die sie den beiden mitgegeben haben, angekommen ist. Gestern haben sie einen der Jungs freigelassen; sein Gesicht war völlig entstellt. Die Jungs von den Demos und Sprayaktionen haben sie fast bis zu Tode gefoltert. Einem Aktivisten namens Tareq Addali, haben sie alle Finger gebrochenen, weil er ein bekannter Sprayer ist. Die anderen, wie gesagt, wären beinahe gestorben!
So krass haben sie die Jungs gefoltert, als wären sie tatsächlich FSA-Kämpfer.
Ich muss sagen, die Botschaft ist angekommen!

Die Aktivisten, die davon verschont blieben, verstecken sich, und viele von ihnen wollen sich der FSA anschließen.

..
Da war auch die Aktivistin Frau Rudainah. Sie wurde am 12. des Monats festgenommen; sie haben ihr Haus gestürmt. In diesem Haus haben wir viele Treffen abgehalten, denn wir planten eine große Aktion zum zweiten Jahrestag der Revolution.

Sie haben da 21 Revolutionsflaggen, 2 Laptops und einen Drucker, hunderte Flyer und Broschüren, alle Transparente und auch alle Spraydosen (zwei Kisten waren das) mitgenommen. Und jetzt verfolgen sie die übrigen Damen, die die Flaggen genäht haben, und auch die Kalligrafen, die unsere Transparent und Plakate beschriften. Eigentlich suchen sie jeden, der damit etwas zu tun hatte.

Auch die Freundin und Kollegin von Frau Rudainah haben sie inhaftiert; Frau Um Sabri Darwiesch. Frau Darwiesch war eine derjenigen, die vor dem Innenministerium am 16. Februar in Damaskus demonstriert haben.

… Was uns hier in der Stadt anbelangt, wir bewegen uns als wären wir Geister, um bloß keine Aufmerksamkeit auf uns zu erwecken! Wir versuchen unsere Freunde im Ismaeliten-Rat in der Stadt zu erreichen. Das Regime versucht den Rat zu schwächen, weil er eine wichtige Rolle gespielt hat, die sogenannten Volkskomitees (das sind vom Regime bewaffnete Zivilisten; Schabbiha also) im Zaun zu halten. Einige Mitglieder des Ismaeliten-Rates wurden bedroht; ein angesehenes Vorstandsmitglied haben sie inhaftiert und gefoltert, dann freigelassen. Er ist 65 Jahre alt. Somit wollten sie dem übrigen Vorstand auch eine Botschaft schicken: Haltet euch da raus!

Übrigens, als sie die Aktivisten verhört haben, wurde eine Frage ständig gestellt: Warum sind die Ismaeliten, oder die Mehrheit von ihnen, gegen das Regime? Obwohl die anderen Minderheiten entweder pro-Regime oder wenigstens neutral sind!

Tja, das nervt sie richtig! Sie sagen: Das Komitee in Mesyaf ist komplett ismaelitisch, und die meisten Aktivisten im Komitee von Salamiyya sind auch ismaelitisch.

Gestern haben wir uns getroffen. Viele Jungs überlegen, die Stadt zu verlassen, um sich der FSA anzuschließen. Sie wollen bei der Befreiung der Stadt dabei sein! Hier in der Stadt ist es für uns sehr gefährlich geworden. Um die 400 bewaffnete Schabbiha der Volkskomitees kontrollieren alle Straßen und Gassen. Wie gesagt, wir versuchen wie die Geister zu sein!

Alle werden gesucht. Ich werde seit Anderthalbjahren gesucht. Vor der Revolution saß ich 2 Jahre, 2 Monate und 5 Tage in Haft. Meine Anklage lautete: „Beeinträchtigung der nationalen Einheit“. Was auch immer das heißen soll!

Ich glaube, dass das, was das Regime macht, nur dazu beiträgt, die Befreiung der Stadt zu beschleunigen! Ich habe gestern mit Leuten gesprochen, die absolut gegen Bewaffnung waren. Jetzt wollen sie, dass die FSA die Stadt befreit!”

„Die Hölle der Straßenkinder von Kairo“

Gurdun Harrer im Standard

Die Artikel der Autorin Nelly Ali über sexuelle Gewalt an Straßenkindern münden in bittere Anklagen der ägyptischen Gesellschaft

Es war eine kurze Meldung in „Al-Masry al-Youm“ im Februar: Da war eine Gruppe von fünf Menschen zu einer Gefängnis- und Geldstrafe verurteilt worden, weil sie Straßenkindern in Kairo für eine Mahlzeit und ein paar Groschen Blut abgezapft und dieses am offenbar regen Schwarzmarkt weiterverkauft hatten. Meine Empörung – und die Reaktion eines ägyptischen Freundes darauf: Wenn diesen Kindern sonst nichts passiert, dann gehören sie zu den wirklich glücklichen unter ihresgleichen.

Solchermaßen eingestimmt, stießen ein paar Artikel der Autorin Nelly Ali bei mir auf mehr Aufmerksamkeit: Sie ist eine Dissertantin am Birbeck College der London University und das genaue Gegenteil einer distanzierten Wissenschafterin. Ihre Arbeit über die Straßenkinder in Kairo mündet in bittere Anklagen der ägyptischen Gesellschaft. Zur Diskussion über die immer aggressiver werdende sexuelle Gewalt gegen Frauen auf den Straßen Kairos schreibt sie: Was den Frauen der revolutionären Klasse jetzt passiert, ist nur die Vorstufe dessen, was den Mädchen und Buben auf den Straßen passiert. Mit Massenvergewaltigung fängt es bei ihnen erst an. Aber darüber spricht niemand, denn die Straßenkinder sind nichts, niemand.

In einem anderen Artikel erzählt Nelly Ali die Geschichte von Maya, die mit sieben der Gewalt in ihrem Elternhaus entflieht. Nach vier Tagen auf der Straße wird sie von vier Männern in den 30ern vergewaltigt. Mit 13 geht sie ins Gefängnis, dann heiratet sie einen Mann, der sie ihre gewalttätige „Stiefmutter vermissen und die Schläge des Vaters im Nachhinein wie Kitzeln aussehen lässt“. Und Nelly Ali erzählt auch, wie diese Maya später ihre eigene einjährige Tochter Samar quer durchs Zimmer schmeißt.

Fragwürdige „Rettung“
Wie Hohn klingt dann eine Meldung der ägyptischen Nachrichtenagentur, ebenfalls vom Februar, über eine Aktion der Polizei zur „Rettung der Straßenkinder“. Ein paar hundert wurden „gerettet“ und zu ihren Eltern zurückgebracht – von wo ja viele geflohen waren, um sich zu retten. Die verbotenen Aktivitäten werden aufgezählt, denen sich diese Kinder hingegeben hatten: betteln, Zigarettenkippen sammeln, als Straßenverkäufer arbeiten (das sind die Gutgestellten unter den Kindern). Diese Kinder seien, wenn sie auf der Straße schlafen, „verwundbar“, meldet die Agentur. Bei Nelly Ali liest sich das so, dass es kaum ein Kind gibt, das nicht vergewaltigt wird. Diese Kinder werden dann auch noch markiert: mit einer Messerwunde im Gesicht. So kann der nächste Interessent feststellen, dass es sich nicht um ein unberührtes Kind handelt. Bei jeder weiteren Vergewaltigung gibt es ein weiteres Messerzeichen am Körper. Dies ist sozusagen als Service angesichts der Aidsgefahr gemeint. Zu Alis Arbeit gehört, in Kairo großzügige plastische Chirurgen zu finden, die die Gesichtsnarben operieren.

Wie viele Kinder auf Kairos Straßen leben, hunderttausende oder zehntausende, ist nicht erhoben, aber auch Frage der Definition: Wenn ein Kind hin und wieder doch noch bei seiner Familie unterkriecht, ist es dann überhaupt ein Straßenkind? Die libanesische Journalistin Octavia Nasr schreibt von ihrer Begegnung mit der neunjährigen Rajaa (dieser Name ist, wie alle anderen auch, geändert), die sie einen Tag lang in Kairo begleitet: Dieses Mädchen behauptet, am Vormittag in die Schule zu gehen und nur am Nachmittag zu betteln. Sie habe eine wundervolle, aber kranke Mutter. Fantasie oder Wirklichkeit? Sie träumt davon, mit dem erbettelten Geld ein Spielzeug zu kaufen, mit dem Erlös zwei und so weiter. Und sie will Journalistin oder vielleicht doch lieber Kinderärztin werden. Octavia Nasr beschreibt dieses Kind – das ihr so sehr misstraut, dass sie kein Essen von ihr annimmt, nur Geld – als einen Lichtblick während ihres Aufenthalts in Kairo. „Rajaa wird vielleicht eines Tages Richterin, Ärztin oder ägyptische Präsidentin“, schreibt sie.

Mit neun vergewaltigt
Vielleicht ist sie jedoch auch mit elf schwanger oder wird mit zwölf weggeworfen wie Müll. Hazel Haddon schreibt in „Ahram Online“ über ein Frauenhaus der NGO „Hope Village Society“ in Mokattam im Südosten Kairos für minderjährige Mädchen zwischen zehn und 18: Keines davon hat keine sexuelle Gewalt erlebt, die meisten waren schwanger. Ihr wird von einer Neunjährigen erzählt, die von zehn Straßenbuben vergewaltigt wurde. Manchmal werden die Mädchen auch verschleppt und wochenlang gefangen gehalten: „Ein Mädchen wurde zwei Monate festgehalten und kam schwanger wieder zurück. Und sie sagt zu mir, jedes Mal, wenn ich meine Tochter anschaue, werde ich daran erinnert“, erzählt die Psychologin Shaimaa Abdel-Kader.

Wenn sich nicht Freiwillige und NGOs um die Kinder kümmern würden, wüsste man diese Dinge nicht einmal. Die Polizei ist zumindest nicht die allergrößte Gefahr für die Kinder, heißt es, obwohl auch Polizisten zu den Vergewaltigern gehören. Aber es gibt auch „gute“, die auf die Kinder in ihrem Bereich etwas aufpassen. Nicht nur die Armut sei es, berichten Streetworker, die meisten dieser Kinder kämen aus sozial zerrütteten Verhältnissen, oft sind Drogen im Spiel. Ein Problem ist, dass Schutzeinrichtungen Kinder eigentlich nicht aufnehmen dürfen, wenn es nicht die Unterschrift des Vaters dafür gibt – vor dem viele der Kinder aber davongelaufen sind.

Sündenböcke nach der Revolution
Ein weiteres Unrecht geschieht diesen Kindern, wenn sie von der neuen Obrigkeit zu Sündenböcken für die Unruhen und die Unsicherheit gestempelt werden, die Ägypten seit der Revolution heimsuchen. Im November 2011 ließ der ägyptische Militärrat, der nach dem Sturz Hosni Mubaraks die Macht übernahm (und später von den gewählten Muslimbrüdern abgelöst wurde) Kinder im Fernsehen vorführen, die gestanden, dass sie dafür bezahlt worden waren (mit Geld und Essen), an gewaltsamen Protesten teilzunehmen.

Das sind also die berühmten Gangster, die vom gestürzten Regime engagiert werden. Solche Fälle wird es gegeben haben – offenbar besonders, was Demonstrationen vor ausländischen Botschaften betrifft. Aber dass die schiefgegangene Übergangszeit nach der Revolution „bezahlten“ Kindern angelastet wird, ist natürlich mehr als absurd. Der hochgeachtete Justizminister Ahmed Mekki sagte im Februar, dass diese Straßenkinder „für alle Rückschläge verantwortlich sind“. Sie seien eine Gefahr für die Gesellschaft – nicht das Symptom der Krankheit der Gesellschaft.

Für die Straßenkinder war die Revolution noch etwas ganz anderes als für ihre bürgerlichen Kompatrioten gleich welchen Alters. Für sie wurde „die Straße“ durch die Revolution aufgewertet, erklärt Abdel-Kader. Viele machten aus einem neuen Gefühl der Selbstachtung bei den Demonstrationen und den Zusammenstößen mit: Ohne Straße war die Revolution doch nichts! Plötzlich waren sie Teil eines ganz anderen Ganzen – und die Menschen am Tahrir-Platz waren freundlich zu ihnen. „Sie hatten das Gefühl, dass diese Menschen ihre Gäste waren – denn die Straße gehört doch ihnen.“ Aber die Freundlichkeit hielt nicht an.

„Kraftprobe in Sanaa“

Schüsse auf Demonstranten haben den nationalen Dialog Jemens in Aufruhr versetzt. Die Gewaltstrategie alter Machtzirkel bedroht die Entwicklung eines neuen politischen Modells.

Jürg Bischoff, Sanaa in der NZZ

Am Mittwochmorgen ist im Plenarsaal des jemenitischen nationalen Dialogs, der seit zehn Tagen in Sanaa tagt, ein Tumult ausgebrochen. Während sich ein Teil der Delegierten um die Tribüne drängte, gab ein Delegierter bekannt, dass in der südlichen Hauptstadt Aden Sicherheitskräfte auf Demonstranten geschossen und mehrere von ihnen getötet und weitere verletzt hätten. «Wir können hier keinen Dialog führen, wenn in Aden Blut fliesst!», rief der empörte Redner und forderte den Innenminister auf, das Feuer einzustellen. Bis dann frören die Delegierten Südjemens ihre Teilnahme am Dialog ein.

Anschauungsunterricht
Die Menge vor der Tribüne forderte in Sprechchören Freiheit für den Süden und die Absetzung des Gouverneurs von Aden. Der Vorsitzende, selber ein Mann des Südens, suchte den Aufruhr zu beruhigen, indem er ankündigte, der Innen- und der Verteidigungsminister seien auf dem Weg zum Tagungsort, um sich zu erklären. Auf jeden Fall werde die Konferenz in einer scharfen Erklärung den Zwischenfall verurteilen. Darauf kehrte im Saal allmählich wieder Ruhe ein, und die Konferenz ging zur Tagesordnung über. Die zwei Minister haben sich bis zum Ende der Sitzung nicht blicken lassen.

Der Vorfall illustriert, mit welchem Selbstvertrauen jene Gruppen im Dialog auftreten, die bisher in der jemenitischen Politik keine Stimme hatten. Neben den südjemenitischen Autonomisten sind dies vor allem die zaiditischen Huthis aus dem Norden des Landes, aber auch die jugendlichen Aktivisten des Aufstandes im Frühjahr 2011 und die Frauen. Neben der Möglichkeit, ihre Forderungen zu stellen und über das Fernsehen im Land zu verbreiten, gibt ihnen der nationale Dialog auch die Möglichkeit, ihre Aktionen zu koordinieren und Allianzen zu bilden. Für die Machtzirkel, die bisher das Land beherrschten, ist dies bedrohlich. In einem Gespräch kaum eine Stunde vor dem Aufruhr im Konferenzsaal hatte Ali al-Bukhaiti, ein Vertreter der Huthi, den Mordanschlag auf einen Vertreter seiner Bewegung drei Tage zuvor als Versuch zur Sabotage des Dialogs erklärt. Abdelwahid Abu Ras entging den Schüssen, weil er sich nicht in seinem Wagen befand, doch wurden drei seiner Leibwächter getötet.

Anschlag auf einen Delegierten
Obwohl der Anschlag neben einer Strassensperre der Armee stattfand, konnten die Attentäter unbehelligt fliehen. Bukhaiti ist deshalb überzeugt, dass die staatlichen Sicherheitskräfte hinter dem Anschlag stecken. «Es war eine Provokation, die uns dazu bringen sollte, den Dialog aufzugeben und einen neuen Krieg anzufangen», erklärt Bukhaiti, «aber wir haben ihre Erwartungen nicht erfüllt. Wir bleiben.» Das Regime des entmachteten Präsidenten Saleh hat gegen die Huthi seit 2004 sieben Feldzüge geführt, ohne sie aus ihrer Hochburg in der Provinz Saada vertreiben zu können. Ende 2009 griff auch die saudiarabische Armee in den Konflikt ein, wurde aber zurückgeworfen. Heute nehmen die Huthi mit 35 von 565 Delegierten am Dialog teil.

Radikalisierung im Süden
Auch die Schüsse auf die Demonstranten in Aden vom Mittwochmorgen sehen die Vertreter der südjemenitischen Autonomiebewegung, kurz Hirak genannt, als Versuch der Sabotage des Nationalen Dialogs. Wie Murad al-Halimi, ein Hirak-Delegierter aus Aden, erklärt, kommt der Angriff allerdings von zwei Seiten: Der radikale Flügel der Autonomisten lehnt eine Teilnahme an der Konferenz ab, weil er einen kompletten Bruch mit dem Norden anstrebt. Mit Aktionen zivilen Ungehorsams und Demonstrationen setzen die Radikalen den «politischen» Flügel unter Druck, den Dialog zu verlassen. Die Machtzirkel des alten Regimes in Sanaa verfolgten das gleiche Ziel, sagt Halimi. Mit blutiger Repression suchten die Machteliten in Sanaa, den Hirak weiter zu radikalisieren. Dies trage einerseits dazu bei, die Autonomiebewegung in Jemen selbst und international zu isolieren. Diese Absicht stecke auch hinter den Anklagen, der Hirak werde von Iran mit Geld und Waffen unterstützt. Andererseits untergrabe die Radikalisierung der Autonomisten den nationalen Dialog, denn der Rückzug der Südjemeniten würde wohl dessen Scheitern bedeuten.

«In Jemen war Dialog bisher das Vorspiel zu Krieg», stellt ein Delegierter pessimistisch fest. Dass es dieses Mal anders sein wird, ist noch keineswegs sicher. Die neuen gesellschaftlichen und politischen Akteure suchen ein neues Modell für Jemen. Doch sind ihre Ideen stark genug, um der Gewaltstrategie und den Intrigen der alten Machthaber zu widerstehen?

„Bürgerkrieg in Syrien: Eine Landkarte der sexuellen Gewalt2

Auf der Website „Women under Siege“ können syrische Bürger sexuelle Angriffe melden, die in einer Datenbank gesammelt werden. Der Horror wird so sichtbar.

Johannes Thumfart in der taz

Brooklyn. South Slope. Lauren Wolfe sitzt auf dem Sofa in ihrer Wohnung. Neben ihr fläzt sich ein riesiger dunkelbrauner Labrador. Im Ofen schmort ein Hühnchen. Vom Fenster aus, Blick auf den Hafen. Es ist gemütlich. Wolfe ist im Krieg.

Ein Teil von ihr scheint woanders zu sein, während sie in ihrem Wohnzimmer über ihre Webseite spricht – an sich nicht mehr als ein paar Zeilen HTML-Code, durch Kabel verbunden mit einem Land, in dem sie nie war. Sie ist die Initiatorin von „Woman under Siege“, einer Seite, die Berichte über Vergewaltigungen in Syrien sammelt

„Was die Sicherheit betrifft, befinden wir uns in einer verzwickten Lage“, sagt sie nervös, während sie abwechselnd auf Tablet und Smartphone tippt. „Die bloße Existenz dieser Seite ermutigt dazu, zu twittern oder uns zu schreiben – aber es kann sein, dass wir gerade dadurch Leute in Gefahr bringen.“

Wenn sie mitbekomme, dass jemand gerade eine Mail von einem Internetcafé aus schicke, dann bitte sie den Absender, den Ort so schnell wie möglich zu verlassen. Angst und bang sei ihr in solchen Situationen. Den Leuten in Syrien sei ihr eigenes Überleben bisweilen weniger wichtig, als Informationen nach draußen zu schaffen.

42 Frauen auf einmal
Regierungstreue Schabiha-Milizen sollen im Januar in Homs Frauen vergewaltigt haben, berichten Rebellen. Zweiundvierzig Frauen auf einmal. Letztes Jahr sei ein Mann aus derselben Stadt von vierzig bis fünfzig Angehörigen der offiziellen Streitkräfte vergewaltigt worden. Zuvor habe er die Vergewaltigung seiner Frau und seiner Töchter mit ansehen müssen.

Die iranische Nachrichtenagentur Fars und das syrische Staatsfernsehen schreiben säkularen und islamistischen Rebellen zwar keine Massenvergewaltigungen zu, aber von einzelnen Fällen berichten auch sie. Wie in jedem Kriegsgebiet wird auch in Syrien sexualisierte Gewalt von beiden Seiten als Waffe eingesetzt. Genaue Informationen sind spärlich. Es ist schwer zu sagen, wie viel Gerücht, Propaganda und Wahrheit ist.

Das Webjournalismus-Projekt „Women under Siege“ selektiert Berichte über Vergewaltigungen in Syrien nicht, sondern sammelt sie in einer Datenbank mit Landkarte. Es ist das erste Mal, dass Vergewaltigungen in einem Krieg auf diese Weise dokumentiert werden. Die Vorfälle auf „Women under Siege“ lassen sich nach Kategorien wie Geschlecht der Opfer, Anzahl der Täter oder erfolgte Schwangerschaft filtern. So zeigt die Auswahl nach dem Geschlecht der Opfer beispielsweise, dass etwa zwanzig Prozent der Vergewaltigungen an Männern begannen wird.

„Women under Siege“ dient zur Dokumentation von Kriegsverbrechen, aber auch zur Information vor Ort. Wie bei ähnlichen Projekten mit der Kartensoftware kann die Bevölkerung per Twitter und Mail selbst melden, wenn sie etwas mitbekommt. So wird der Horror sichtbar, quantifizierbar, verortbar. Die Technik gibt dem Volk ein kleines Stück Kontrolle über die Situation zurück.

Keine hundertprozentige Sicherheit
Den SMS-Verkehr mit Syrien habe „Women under Siege“ aus Sicherheitsgründen eingestellt. Auf ihrer Seite empfiehlt sie die Verschlüsselungsprogramme „HushMail“ und „Tor“, verweist jedoch darauf, dass es keine hundertprozentige Sicherheit gibt. Länder wie China und Iran verfügen über Deep Packet Inspection, haben also die Möglichkeit zur Durchsuchung über das Netz verschickter Inhalte. Sie können auch „Tor“ blockieren. Die syrische Regierung hat genügend Kapital, sich diese Technologien ebenfalls zuzulegen. Die Verkäufer sind meist westliche Firmen.

Doch die virtuelle Nähe produziert auch andere Probleme als Netzsicherheit. Einmal, berichtet Wolfe, sei sie von einer syrischen Frau nach Tipps gefragt worden, um sich vor Vergewaltigungen zu schützen. Die Frau muss Wolfe für so was wie eine Expertin in Sachen Krieg und Vergewaltigung gehalten haben. Die gebürtige New Yorkerin ist zwar äußerst internetaffin, sie war jedoch selbst nie in einem Kriegsgebiet. Was sollte sie der Frau in Syrien schon antworten?

Sie wendete sich schließlich an eine NGO und leitete deren Tipps weiter. Ratschläge, nicht um sich zu schützen, sondern um mit den Folgen von Vergewaltigungen umgehen zu können, wie etwa ungewollte Schwangerschaft, Geschlechtskrankheiten und Traumata. Eine „traurige, unangemessene Antwort auf eine tragische Situation“ scheint Wolfe das heute.

Mehr Online-Krieger
Der Krieg, ungefiltert und in Echtzeit, auch das ist eine Errungenschaft des Internets. Es wird mehr Online-Krieger geben und mehr Online-Aktivisten – Leute wie Wolfe, die über das Netz tun, was sie können. Fast ein Massenphänomen war das schon bei den Anonymous-Aktionen in Ägypten. Wolfe benutzt für „Women under Siege“ die Ushahidi-Software, eine kenianische Entwicklung.

Als es 2007 nach Wahlen zu politischer Gewalt in Kenia kam, begann die Anwältin Ory Okolloh in ihrem Blog „Kenyan Pundit“ damit, über Gewalt in den Straßen zu berichten. Der Blog half vielen, sich zu schützen, Gewalt aus dem Weg zu gehen. Druckmedien waren zu langsam und zu unzuverlässig. Programmierer entwickelten daraufhin die Open Source Software „Ushahidi“ – zu Deutsch „Zeugnis“. Sie erzeugt Landkarten, die per SMS, MMS oder per Mail von jedem modifiziert werden können. Bisher wurde Ushahidi in Kongo, Libyen, Gaza und Indien eingesetzt.

Weil sie Schwarmintelligenz in konkrete Überlebensvorteile verwandeln, sind Ushahidi-Karten für den Philosophen und Bioethiker Allen Buchanan „Cognitive Enhancement“, kognitive Erweiterung. Wie leistungssteigernde Medikamente oder Implantate sollen sich Ushahidi-Systeme direkt auf die körperliche Wahrnehmung des Einzelnen auswirken. Die Karten bilden einen Mensch-Maschinen-Komplex, werden Teil des neuronalen Systems der Leute in den betroffenen Gebieten.

Plötzliche Wutanfälle
Aber gilt das auch für uns, für die Zuschauer der Gewalt? Immanuel Kant, der Königsberg bekanntlich so gut wie nie verlassen hat, hat geschrieben, das Weltbürgerrecht werde sich einstellen, wenn „die Rechtsverletzung an einem Platz der Erde an allen gefühlt wird“. Das scheint heute mehr denn je der Fall zu sein. Detaillierte Informationen konnten allerdings weder Ruanda noch Bosnien verhindern.

Zurück in Brooklyn. Lauren Wolfe sieht übermüdet aus. Auf Nachfrage hin erklärt sie, sie versuche, sich die Effekte ihrer Arbeit vom Leib zu halten. Sie fragt: „Wie oft kann man über Mäuse lesen, die einem jungen Mädchen in die Vagina eingeführt werden, und dabei emotional präsent bleiben?“ Das Abschalten gelinge letztlich nicht. Sie sei gereizt. Immer öfter leide sie unter plötzlichen Wutanfällen – wegen Dingen, die ihr früher egal gewesen seien. Die Gewalt, ihre Machtlosigkeit, die Untätigkeit der internationalen Gemeinschaft – all das nage an ihr.