Archiv für Juni 2013

Ägypten am Sonntagmorgen

In Beni Suef wurde ein Büro des politischen Arms der Moslembrüder von einer Gruppe mit Molotows angegriffen, anschliessend wurde ein weiteres Büro verwüstet. Zuvor hatten sich schon Hunderte Kämpfe mit den Islamisten geliefert, als sie versuchten, ein von den Salafisten genutztes Gebäude zu stürmen, in dem diese angeblich Waffen lagerten.

In Alexandria wurde ein weiteres Büro der Moslembrüder gestürmt und verwüstet, das Inventar flog auf die Strasse.

In Damietta griffen Islamisten, die mit scharfen Schusswaffen und Stichwaffen bewaffnet waren, ein Camp von Aktivisten an und versuchten, Zelte in Brand zu setzen, konnten jedoch zurückgeschlagen werden.

In Kairo wird es heute allein 14 Demozüge zum Präsidentenpalast geben, weitere vier werden zum Tahrir Platz ziehen.

Unterdessen sind Sondereinheiten der UA Marines in zwei Stützpunkten in Italien und Spanien in Alarmbereitschaft versetzt worden. Weitere 2000 Marines stehen auf einem Schiff im Roten Meer bereit, um in kürzester Zeit in Ägypten eingesetzt zu werden, sollte es zu Angriffen auf US Einrichtungen kommen oder um notfalls US Bürger evakuieren zu können (CNN Bericht) . Bei den Protesten der letzten Tage waren auch massiv die USA für ihre Unterstützung für die Moslembrüder kritisiert worden, es kursieren Aufrufe, die US Botschaft in Kairo zu stürmen.
Praktisch alle Botschaften in Kairo bleiben heute geschlossen, zahlreiche Länder haben Teile ihres Botschaftspersonals ausgeflogen, Armeeinheiten sind am Flughafen stationiert worden.

Ständig aktualisierte Berichte auf Al Ahram in englisch:

http://english.ahram.org.eg/NewsContent/1/152/75297/Egypt/Morsi,-one-year-on/Live-Updates-Egypt-braces-for-nationwide-antigover.aspx

„Neue Lieferungen: Syriens Rebellen bekommen bessere Waffen“

Sturmgewehre und Geschosse Marke Eigenbau gehören für Syriens Rebellen zum Standard, doch inzwischen rüsten die Aufständischen auf. Angesichts aktueller Armee-Attacken auf die Rebellenhochburgen liefern Unterstützer aus dem Ausland zunehmend stärkere Waffen. Auch radikale Dschihadisten profitieren.

Raniah Salloum auf spiegel online

In Syrien verändert sich Bewaffnung der Konfliktparteien zusehends. Noch sind die häufigsten Waffen auf Seiten der Gegner Assads Sturmgewehre und selbstgebaute Geschosse. Doch immer häufiger kommen syrische Kämpfer und internationale Dschihadisten in den Besitz von Panzerabwehrhandwaffen (auch Panzerbüchsen genannt), Panzerabwehrlenkraketen und schultergestützten Flugabwehrraketen.

Und das wird in Zukunft noch zunehmen: Am Samstag haben die „Freunde Syriens“ beschlossen, dass sie die Aufständischen gegen Baschar al-Assad mit Waffenlieferungen unterstützen wollen. Die wichtigsten Mitglieder dieser Gruppe sind neben den arabischen Golfstaaten Saudi-Arabien und Katar die USA, Frankreich, Großbritannien und auch Deutschland.

Mit den Waffenlieferungen hoffen die „Freunde Syriens“, den Druck auf Assad zu erhöhen und ihn doch noch an den Verhandlungstisch zu bringen. Hintergrund des Beschlusses dürfte auch die verstärkte Offensive Assads gegen Hochburgen der Rebellen im Westen des Landes sein. Ebenfalls am Samstag bombardierte die Armee mit Kampfjets und Artillerie die von den Aufständischen kontrollierte Altstadt von Homs. Die drittgeößte Stadt Syriens gilt als „Hauptstadt der Revolution“.

Die Unterstützung richtet sich vor allem an die gemäßigten syrischen Aufständischen. Diese haben kontinuierlich an Einfluss verloren gegenüber radikalen Gruppen und internationalen Dschihadisten. Die Radikalen scheinen weniger Geld- und Ausrüstungsprobleme zu haben als die gemäßigten Kräfte. Einige Kämpfer sind daher zu den Extremisten übergelaufen.

Seit 2012 kommen die ersten Lieferungen ins Land

Bis die ersten Waffenlieferungen aus dem Westen bei Syriens Rebellen eintreffen, dürften noch einige Wochen vergehen. Allerdings haben einige arabische Staaten längst mit Lieferungen begonnen. Diese machen sich inzwischen bemerkbar.

■Katar und Saudi-Arabien hatten bereits im Frühjahr 2012 angekündigt, Waffen liefern zu wollen. Seit Ende 2012 haben sie nach Erkenntnissen der „New York Times“ Handfeuerwaffen und Panzerbüchsen aus jugoslawischer und kroatischer Produktion geliefert. Der US-Geheimdienst CIA scheint über diese Lieferungen informiert und berät die arabischen Länder dabei, welche Rebellengruppen die Waffen bekommen sollen. Auch hat Washington nach Berichten der „Los Angeles Times“ seit Ende 2012 in Jordanien und in der Türkei syrische Rebellen im Umgang mit Panzer- und Luftabwehrraketen unterrichtet.

Rivale Iran hat mit seinem Verbündeten, der libanesischen Hisbollah, seine militärische Unterstützung des Assad-Regimes massiv ausgeweitet. Offenbar will nun auch Saudi-Arabien nachziehen und mehr an die Assad-Gegner liefern. Das Land soll den syrischen Aufständischen Panzerabwehrraketen des deutsch-französischen Modells Milan geliefert haben. Diese sollen nun erstmals in YouTube-Videos der Rebellen dokumentiert worden sein.

■Aus Libyen kommen immer wieder Lieferungen in Syrien an. Teils werden diese von Privatleuten organisiert, teils wohl von offiziellen libyschen Stellen, vermutet die Uno. In Libyen kam es 2011 zu Aufständen gegen den damaligen Machthaber Muammar al-Gaddafi. Viele der ehemaligen Aufständischen sympathisieren mit den syrischen Rebellen. Die Waffen, die aus Libyen nach Syrien kommen, stammen aus Gaddafis Waffendepots. Der ermordete Diktator besaß große Mengen Munition, Handfeuerwaffen, Panzerbüchsen und auch tragbare Flugabwehrraketen. In den Wirren des libyschen Bürgerkriegs kümmerte sich niemand um ihre Sicherstellung. Ein Teil der Ausrüstung Gaddafis taucht nun unter anderem in Syrien wieder auf.

Die Schmuggelrouten der Waffenhändler sind meist nur schwer nachvollziehbar. Mehrere Blogger und Journalisten haben sich hauptsächlich dieser Aufgabe verschrieben und tauschen ihre Beobachtungen aus, beispielsweise auf dem Waffen-Blog „The Gun“ eines „New York Times“-Reporters, der Syrien-Seite „Brown Moses“ des Bloggers Eliot Higgins und dem Waffen-Blog „The Rogue Adventurer“ des Sicherheitsanalysten N.R. Jenzen-Jones.

Internationale Dschihadisten haben nun Flugabwehrraketen

Woher die Flugabwehrraketen kommen, die nach einem Bericht des „Guardian“ in den Händen einer hauptsächlich tschetschenischen Dschihadistengruppe in Syrien aufgetaucht sind, ist unklar. Es soll sich bei ihnen um Raketen des sowjetischen Modells SA-16 handeln. Sie könnten ins Land geschmuggelt worden sein. Allerdings besitzt auch die syrische Armee diese Waffen. Assads Gegner konnten im Norden des Landes bereits einige syrische Militärbasen erobern und dabei die Waffendepots plündern.

Dass solche Waffen in die Hände von Dschihadisten fallen, ist eine der größten Sorgen des Westens. Sie könnten gegen westliche Kampfflugzeuge eingesetzt werden oder auch gegen die zivile Luftfahrt bei Terroranschlägen. Syrien grenzt an mehrere enge Verbündete der USA und der EU. Extremisten könnten von Syrien aus den Luftverkehr über Israel, Jordanien und der Türkei gefährden.

Experten gehen nicht davon aus, dass die Waffenlieferungen der „Freunde Syriens“ den Krieg entscheiden können. Zwar haben die Aufständischen immer wieder um Panzer- und Luftabwehrraketen gebeten, um sich besser gegen das Assad-Militär zur Wehr setzen zu können – der hochgerüstete Assad erhält weiterhin Waffenlieferungen von den Verbündeten Iran und Russland. Allerdings hat sich der Konflikt längst zu einem Bürgerkrieg mit einer Vielzahl von Fronten gewandelt. Vielerorts tobt ein brutaler Häuserkrieg verschiedener Milizen. Ein Ende der Gewalt ist nicht in Sicht.

Interview mit Mamdouh Habashi

Am Sonntag, den 30. Juni kann der ägyptische Präsident Mohammed Mursi auf ein Jahr Präsidentschaft zurückblicken, doch er hat keine Muse zu feiern, ihm steht einie riesige Protestwell ins Haus. Hektisch hat Mursi zwar ein paar Maßnahmen beschlossen, die die Wut dämpfen sollen, doch dafür könnte es zu spät sein. Mamdouh Habashi, einer der Gründer der Sozialistischen Partei Ägyptens berichtet über den Vertrauensverlust des Präsidenten aus der Sicht eines ägyptischen Linken.

Radio Dreyeckland

http://www.freie-radios.net/56824

Der Sturm vor dem Sturm (Ägypten)

Schon vor den angekündigten landesweiten Protesten am 30. Juni sind in ganz Ägypten weit über 100.000 Menschen gegen Mursi und die Herrschaft der Islamisten auf die Strasse gegangen.
Auf dem Tahrir Platz stieg die Zahl der Protestierenden im Laufe des Abends auf mehrere zehntausend (Video), nachdem die verschiedenen Demozüge auf dem Platz angekommen waren.

Gleichzeitig sammelten sich Zehntausende von Islamisten im Bezirk Nasr City, außer den Anhängern der Moslembrüder hatten sich auch über 40 andere islamistische Parteien und Gruppen dem Aufruf zur Unterstützung Mursis angeschlossen. Am Abend waren Milizen zu sehen, die in paramilitärischer Formation am Rande des Kundgebungplatzes im Laufschritt auftraten. Etliche der Islamisten waren mit Helmen und Knüppeln ausgerüstet.

Heute wurden auf den Tahrirplatz weitere Zelte aufgebaut, weitere Zelte und eine Bühne für die morgigen Proteste gegen Mursi wurden in unmittelbarer Nähe des Präsidentenpalastes errichtet.
Die Armee, die bereits gestern mit Schützenpanzern in die Innenstadt von Kairo eingerückt ist, hat mittlerweile starke Verbände mit zahllosen schweren Panzern sowohl an den Rändern von Kairo als auch an den Rändern von anderen Grosstädten deutlich sichtbar in Stellung gebracht.

Innerhalb des opposionellen Spektrums gibt es Spannungen, einige Aktivisten haben demonstrativ den Tahrir Platz verlassen, nachdem dort ungehindert Devotionalien von Mubarak verkauft werden konnten. Auch über das Verhältnis zum Militär gibt es Streit.
Während auf Spruchbändern „Das Volk und das Militär Hand in Hand“ gefordert wurde, haben in einer Erklärung, die u.a. von der „Bewegung des 6. April“ und den“Revolutionären Sozialisten“ unterzeichnet wurde, verschiedene Oppostionsgruppen erklärt, es gehe um den „Fortgang der Revolution“, die „nicht mit dem Sturz Mubaraks beendet worden sei“, außerdem wolle man weder „die Rückkehr der Alliierten von Mubarak noch des Militärs in die Politik“.
Das Militär selber spielt sich derzeit als „Beschützer aller Ägypter auf“, auf den in die Innenstadt von Kairo entsandten Panzer waren sogar Banner mit entsprechenden Losungen angebracht.

Außerhalb von Kairo war der gestrige Tag geprägt von zahlreichen Angriffen auf Büros des politischen Arms der Moslembrüder. Bei den schweren Kämpfen in Alexandria, die sich über den ganzen Tag erstreckten und mittlerweile ein drittes Todesopfer gefordert haben, setzten die Faschisten u.a. teilweise selbstgefertigte Handfeuerwaffen ein (Video).
Bei den Kämpfen rund um das örtliche Hauptquartier der Moslembrüder gelang es der wütenden Menge trotz der militanten Gegenwehr der islamistischen Milizen, Teile des Gebäudes zu verwüsten und in Brand zu setzen (Video) .
Die Bullen waren nicht ansatzweise in der Lage, die Situation in Alexandria unter Kontrolle zu bekommen, im Gegensatz zu den letzten Konfrontationen in Kairo, bei denen Bullen und Islamisten häufig eng verzahnt vorgegangen waren, griffen sie diesmal auch mehrmals die Islamisten an (Video).

Die Proteste gegen die Islamisten und die direkten Auseinandersetzungen mit ihnen waren gestern landesweit und dies noch bevor die eigentlichen Massenproteste am 30. Juni stattfinden werden. Eine unvollständige Übersicht.

Angriff auf das HQ der Moslembrüder in Al-Khanka am Freitag

Angriff auf das HQ der Moslembrüder in Zagazig am Donnerstag, dabei wird ein Mitglied der Moslembrüder erschossen

15 000 auf der Demo gegen Mursi in Damietta

Angriff auf das Büro der Moslembrüder in Gharbiya, verwüstet

Angriff auf das Büro der Moslembrüder in Kafr El-Sheikh, verwüstet

Angriff auf das Büro der Moslembrüder in Daqahliya, verwüstet und in Brand gesetzt

Angriff auf das Büro der Moslembrüder in Beheira, verwüstet – anschliessend Kämpfe mit den Islamisten

In Mahalla gingen tausende von Beschäftigten der Textilindustrie gemeinsam auf die Strasse. um die „Kampagne der Rebellion“ zu unterstützen. Das alte Regime sei nur durch ein neues Regime abgelöst worden, die Erklärung dazu auf englisch findet sich hier

4 000 auf oppositioneller Demo in Damanhour

Weitere Demos in Sharqiya am Freitag, am Donnerstag hatte es bei heftigen Kämpfen mit den Islamisten einen Toten gegeben

In Mansoura, wo es am Mittwoch und Donnerstag heftigste Kämpfe mit drei Toten gegeben hatte, beteiligen sich Tausende an vier Demozügen, während an einem zentralem Platz Zelte für ein sit in aufgebaut werden, dass mindestesn bis zum 30. Juni andauern soll. Die Islamisten haben sich von den Strassen zurückgezogen.

Demos auch in Suez, hier hat das Militär die Kontrolle übernommen, an allen wichtigen Punkten sind Einheiten stationiert.

Unterdessen gibt es auch die ersten Solidaritätsaktionen außerhalb von Ägypten.
Zu einer Kundgebung am Sonntag in Paris vor der ägyptischen Botschaft rufen Menschen aus der ägyptischen community gemeinsam mit französischen linken Gruppen auf.

Sammlung von News zu Ägypten

Dieser Tage schreiben zahlreiche Journalisten und blogger aus und über die Entwicklung in Ägypten. Wir haben einige deutschprachige Berichte jenseits der Agenturmeldungen gesammelt und verlinkt:

taz

http://taz.de/Bedrohliche-Stimmung-vor-Jahrestag/!118970/

Sofian Philip Naceur auf dergestiefeltekater

http://dergestiefeltekater.blogspot.de/2013/06/agyptens-polarisierung-am-zenit.html

Pedram Shahyar

http://pedram-shahyar.org/2013/06/agypten-vor-der-explosion.html

FAZ

http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/afrika/aegypten-nur-an-wut-herrscht-kein-mangel-12242422.html

Die WELT

http://www.welt.de/debatte/kommentare/article117564589/Aegypten-steht-kurz-vor-einem-Buergerkrieg.html

Die Zeit

http://www.zeit.de/politik/ausland/2013-06/aegypten-mursi-proteste/komplettansicht

Misereor

https://www.misereor.de/blog/2013/06/28/rebelliere-zeichen-der-tamarod-bewegung-in-agypten/

„Präsident Mursis letzte Hochburg ist sein Dorf“

Hihija sind die Leute stolz auf den berühmten Sohn, der seit einem Jahr an der Spitze Ägyptens steht. Doch auch hier regt sich Unzufriedenheit über Stromausfälle und Missmanagement. Ein Ortstermin.

Birgit Svensson in der WELT

Die besten Dattelkekse gibt es in Hihija, das früher al-Adwah hieß und Heimatdorf von Mohammed Mursi ist. Mitten in der grünen Lunge Ägyptens, dem Nildelta, liegt die 13.500-Seelen-Gemeinde, in der der ägyptische Präsident geboren wurde und aufgewachsen ist. Hier dominiert nicht der Wüstensand wie in mehr als 80 Prozent Ägyptens, sondern Wiesen und Felder.

Die Leute hier bauen Reis an, Baumwolle und Mais. Von der Hauptstadt der Provinz al-Scharkija, Zagazig, sind es nur wenige Autominuten bis Hihija. Kopfweiden stehen Spalier, der Bäcker liegt an der Hauptstraße, wie fast alle anderen Geschäfte auch. Natürlich kennen alle das Haus der Familie Mursi: Zweite Straße rechts und dann links.

Erst nach Sonnenuntergang kommt Leben in das Dorf. Die Einwohner sitzen am Straßenrand oder gehen einkaufen, die Blechtür an Mursis Elternhaus öffnet sich. Bruder und Neffe breiten eine Bastmatte auf einem Betonsockel aus und setzen sich im Schneidersitz darauf. Dicht an dicht stehen die zwei- und drei-geschossigen Häuser aus rotem Backstein. Man weiß hier, was der Nachbar macht und wie es ihm geht. „Wir sind alle für Mursi“, sagt die Herrenrunde vor dem Haus unisono. „Keine weiteren Auskünfte.“

Seit er Präsident ist, war er nur einmal da

Um die Ecke wohnt Adel. Er erzählt etwas anderes. Nur ein Mal seit seiner Amtseinführung vor einem Jahr sei der Präsident in Hihija gewesen, sagt der alte Mann mit brauner Galabija, dem bodenlangen Männerhemd, und der für ägyptische Bauern üblichen weißen Kopfbedeckung. Ansonsten habe er ja genug in Kairo zu tun.

Wie fast alle Familien auf dem Land, ist auch die von Mohammed Mursi umfangreich. Vier Brüder und zwei Schwestern, doch nicht alle wohnen noch in der Gemeinde. Eigentlich sei er im Dorf al-Adwah geboren, das jetzt ein Teil von Hihija ist. „Damals war alles noch viel kleiner.“

Während Adel erzählt, gesellen sich immer mehr Kinder und Jugendliche hinzu. Auch hier ist fast die Hälfte der Einwohner unter 25 Jahre alt. Ägypten hat eine junge Bevölkerung, die jährlich um mehr als eine Million Menschen wächst. Statistiker gehen davon aus, dass im Jahre 2025 die 100-Millionen-Marke überschritten sein wird. Heute leben etwa 85 Millionen Ägypter im Land am Nil.

„Wir stehen zu ihm“

Mursi habe auf der Straße Fußball gespielt, als er noch in Hihija wohnte, weiß ein Junge zu berichten, der ganz bestimmt noch nicht geboren war, als der heute 62-jährige Präsident das Dorf verließ und wegen seiner guten Schulnoten zum Studium der Ingenieurwissenschaften in Kairo zugelassen wurde.

Dass einer von ihnen, ein Bauernsohn, es geschafft hat so weit zu kommen, erfüllt alle hier mit stolz. „Wir stehen zu ihm ohne Wenn und Aber“, sagt Ibrahim, der an der Universität Zagazig Geschichte studiert und hofft, es einmal genauso weit zu bringen wie sein Vorbild Mohammed Mursi.

Soviel Zustimmung bekommt Mursi derzeit selten in Ägypten, denn rings um Hihija wächst die Kritik an ihm und den Muslimbrüdern, aus deren Reihen er kommt. Die Organisatoren einer Kampagne namens Tamarud (arabisch: Rebellion, Revolte) sammelten nach eigenen Angaben bereits 15 Millionen Unterschriften gegen Mursi.

Die Protestwelle rollt

Am Sonntag, dem Jahrestag seiner Amtseinführung, wollen die Unzufriedenen seinen Rücktritt und Neuwahlen fordern. Was als kleine, eher unscheinbare Aktion begann, weitete sich zur landesweiten Protestaktion aus.

Inzwischen haben sich alle Oppositionsgruppen Tamarud angeschlossen und den 30. Juni zum historischen Datum proklamiert. „Dann werden wir zum zweiten Mal einen Präsidenten stürzen“, heißt es in ihren Aufrufen. „Wenn nur jeder Zweite, der unterschrieben hat, auf die Straße geht, gibt es eine Massenbewegung“, meint Hassan Schahin, einer der Initiatoren der Kampagne.

„Es gibt schon auch Leute hier, die nicht alles gut finden, was er macht“, flüstert ein Mann mit weißer Galabija, was bedeutet, dass er kein Bauer ist. Nicht alle Einwohner Hihijas sind Fellachen. Einige arbeiten in der Provinzverwaltung in Zagazig, andere als Handwerker oder Händler. „Aber sie trauen sich nicht, etwas zu sagen“, sagt der weiß gewandete Mann. „Aus Angst, angefeindet zu werden.“

Er selbst kritisiert die mangelnde Sicherheit, die Lage habe sich unter Mursi verschlechtert. Die Kriminalität sei ein Riesenproblem geworden und habe auch bei ihnen im Dorf Einzug gehalten. Ein Phänomen, das sie früher nicht kannten.

In Mursis Ägypten herrscht Finsternis

Die Kunden im Dorfladen auf der Hauptstraße überlegen, wo sie sich vor dem Fernseher versammeln sollen, um die Rede ihres Präsidenten an das ägyptische Volk zu verfolgen. Es werden Stühle herbeigetragen, ein Tisch in die Mitte gestellt. Doch als der Präsident um 22 Uhr anhebt, fällt der Strom aus. Hihija verfällt in Dunkelheit.

Regelmäßige Stromausfälle sind ein großes Ärgernis und einer der Hauptkritikpunkte an Mursis Amtsführung. Das ganze Land ist davon betroffen, die Dörfer mehr als die Städte. Derzeit können nur etwa 70 Prozent des Bedarfs gedeckt werden.

In den großen Städten wie Kairo und Alexandria kann der Mangel verwaltet werden, indem mal eine Straßenseite Strom hat und dann die andere nicht. Im Wechsel. Doch die Vernetzung der Dörfer und Gemeinden ist zentralisiert. Fällt ein Strang aus, ist alles dunkel.

Investitionen bleiben aus

Die Regierung schreit: Sabotage! Konterrevolutionäre Kräfte würden die Versorgung unterbinden. Tatsächlich gab es zuletzt in den Nildelta-Städten Mahalla und Kafr El-Sheikh bereits Straßenblockaden und Sitzstreiks von Geschäftsleuten, Industriearbeitern und Handwerkern, die Verluste durch die Stromausfälle nicht mehr hinnehmen wollen. Zuweilen geht die Wut so weit, dass sogar Stromkabel durchschnitten werden.

Doch das begründet nicht den landesweiten Engpass. Hamed Emara, früherer Direktor der Elektrizitätsgesellschaft, die für die Versorgung ländlicher Gebiete zuständig ist, nennt andere Gründe. „Wir werden immer mehr Menschen, doch die Produktion bleibt gleich“, sagt der Mittsechziger.

Seit dem Umbruch seien keine neuen Stromquellen mehr erschlossen worden, obwohl einige Kraftwerke fast fertig seien, wie in Banha, unweit von Zagazig. Die alten Kraftwerke würden unzulänglich gewartet. Ihre Effizienz liege derzeit bei nicht mehr als 25 Prozent.

Die Devisenknappheit der Regierung schrecke ausländische Firmen ab und die Verbraucher nutzten gerade im Sommer Stromfresser wie Klimaanlagen, Luftkühler oder leistungsstarke Ventilatoren. Hinzu käme ein mangelndes Bewusstsein dafür, Strom zu sparen. Im bevorstehenden Fastenmonat Ramadan werde es noch dramatischer, prophezeit Emara. Dann spiele sich das Leben nachts ab und alle Lichtquellen seien ständig im Gebrauch.

„Tu‘ was gegen Korruption!“

Der einzige funktionierende Generator von Hihija steht im Kleidergeschäft. Zwischen Kleiderstangen und Schaufensterpuppen werden Bänke gerückt. Das Besitzerehepaar bittet herein und gruppiert die Gäste um den alten Fernseher, aus dessen knarrigem Lautsprecher die Stimme Mursis dröhnt. Der zieht eine Bilanz seiner einjährigen Amtszeit und versucht dem bevorstehenden Proteststurm mit einem Aufruf zum Dialog entgegenzuwirken.

Als er Fehler eingesteht und Besserung gelobt, nicken die Leute seines Dorfes wohlwollend. Er sei ein Universitätsprofessor und Wissenschaftler, sagt der berühmteste Sohn von Hihija. Wie bei wissenschaftlichen Recherchen sei es auch in der Politik. Manches führe zum Erfolg, anderes nicht. Doch diese „Trial and Error“-Taktik hat die Nation gespalten. Als er die Korruption anspricht, die es zu bekämpfen gelte, kommt Stimmung auf im Kleiderladen. „Dann tu doch etwas“, sagt einer der Zuschauer vertraut, „und rede nicht nur darüber.“

Die anfänglichen Prozesse wegen Korruption drohen nach und nach im Sande zu verlaufen. Letzte Woche wurde der letzte Premier unter dem gestürzten Präsidenten Husni Mubarak, Ahmed Nasif, gegen Kaution aus der Haft entlassen. Von allen hochrangigen Angeklagten sitzt lediglich noch Mubarak-Freund und Stahl-Magnat Ahmed Ezz hinter Gittern. Mubarak selbst und seine beiden Söhne stehen sowohl wegen Korruption, Amtsmissbrauchs und der Verantwortung für den Tod von Demonstranten vor Gericht.

Angriffe auf Büros der Muslimbrüder

Die Diskussion vor dem Fernseher zieht weitere Dorfbewohner an. Voll verschleierte, schwarz gekleidete Frauen blicken neugierig auf die Zuschauerbänke. Viele Mursi-Gegner werfen ihm eine drastische Islamisierung Ägyptens vor, doch die Frauen hier sagen, es sei wichtig, dass ein religiöser Mann Präsident von Ägypten geworden ist.

Plötzlich wird es hell, der Strom ist wieder da. Die Tochter des Ladenbesitzers kocht Tee. Der Vater kauft Dattelkekse beim Bäcker gegenüber. „Die Revolution geht weiter“, sagt Mursi am Ende seiner Rede. Alle nicken und gehen nach Hause.

Vor der Einfahrt in die Provinzhauptstadt Zagazig flattert ein Flugblatt auf den Beifahrersitz des Wagens. Darauf ist die geballte Kritik vieler Ägypter in ironischer Weise thematisiert: Wenn es genug Strom gibt, geht nicht zur Demonstration am Sonntag. Gibt es genug Benzin, bleibt ebenfalls Hause. Andere Missstände wie zu wenig Wasser, mangelnde Sicherheit, kaum Gas zum Kochen und die drastische Erhöhung der Lebensmittelpreise sind ebenfalls erwähnt. Unterzeichnet ist das Papier von Tamarud.

Schon am Freitag ist ein lokales Parteibüro der Muslimbrüder in Zagazig angegriffen und ein Mann erschossen worden. Damit steigt die Zahl der Toten innerhalb einer Woche auf fünf. Es steht zu befürchten, dass die Gewalt zunimmt und die Massen am Sonntag aufbegehren werden. Überall in Ägypten. Aber nicht in Hihija.

„Die dritte Option“

Wege aus der Hoffnungslosigkeit in Syrien: medico international stärkt zivilgesellschaftliche Initiativen

Auch im dritten Jahr des Aufstandes gegen das Baath-Regime ist ein rasches Ende der syrischen Krise nicht abzusehen. Die Konflikte wirken unlösbar. Auf den zweiten Blick sieht man jedoch ein neues Land erwachen: wenn sich Frauengruppen für mehr Mitsprache im öffentlichen Leben einsetzen oder kurdische Schüler in ihrer Muttersprache unterrichtet werden.

Martin Glasenapp im ND

Syrien versinkt jeden Tag tiefer in einem Bürgerkrieg, der keine Lösung verspricht. In Syrien gab es keinen zentralen Tahrir-Platz, keine unübersehbare Menge, die den republikanischen Monarchen Bashar al-Assad zum Abdanken zwingen konnte. Als jede Demonstration zu einem Begräbnis wurde und jedes Begräbnis eine Demonstration war, begann die Militarisierung und Barbarisierung einer ursprünglich sozialen Revolte. Durch die äußerst rücksichtslose Verfolgung der ersten Demonstrationen vor zwei Jahren hat das syrische Regime maßgeblich dazu beigetragen, den vormalig weitgehend friedlichen und mehrheitlich nicht bewaffneten Massenprotest in genau jenen Bürgerkriegsaufstand zu verwandeln, der Syrien nun an den Abgrund geführt hat und das Land endgültig zu zerreißen droht. Die menschliche Katastrophe hat mit geschätzten 100 000 Toten und Millionen von Flüchtlingen schon jetzt apokalyptische Züge angenommen.

Verschärfend kommt hinzu, dass die Situation in Syrien mehr umfasst als nur die Situation in Syrien – dass heißt, der innersyrische Konflikt wird mit unterschiedlichen Absichten gezielt externalisiert und damit instrumentalisiert. Ein demokratischer Aufstand gegen ein repressives Regime wandelt sich zu einem konfessionalisierten Endkampf zwischen der sunnitischen Mehrheit und der alawitischen Minderheitsbevölkerung. Die religionspolitisch aufgeladene Auseinandersetzung zwischen Schiiten und Sunniten hat einen sehr weltlich-rationalen Kern, in dem sich der Jahrzehnte alte Konflikt zwischen pro-iranischen Kräften und einer Negativkoalition niederschlägt, zu der die USA, Saudi-Arabien und Israel gehören. Würde das aktuelle Syrien zerfallen oder herausgelöst, wäre die schiitische Hisbollah im Libanon entscheidend geschwächt und das Filetstück, Iran, isoliert. Darüber hinaus deutet sich auf geopolitischer Ebene ein neuer »Kalter Krieg« an, der Russland, China und den Westen konfrontiert. Zugleich ist dieser mehrschichtige geopolitische Konflikt voller unerwarteter Widersprüche: etwa wenn eine formell eher säkulare syrische Exilopposition von absolutistischen Golfmonarchien gefördert wird, die ihrerseits radikalreligiöse Sunniten sind. Saudi-Arabien ist ohne Zweifel die hässlichste Kalifat-Diktatur der arabischen Welt, zugleich Großempfänger deutscher Waffen und Verbündeter der salafistischen Rebellenverbände in Syrien.

Weder Assad noch die Rebellen
Das Tragische dieser Gemengelage ist, dass es keinen Ausweg mehr zu geben scheint. Präsident Assad wird nicht gehen, und die Rebellen können nicht siegen. Es gibt aber auch keinen Weg mehr zurück in die alten Zeiten der syrischen »Berechenbarkeit«, die vor dem Hintergrund des US-gesponserten israelisch-palästinensischen »Friedensprozesses« von der internationalen Staatengemeinschaft jahrelang höher eingeschätzt wurde als die Kosten, mit denen die syrische Bevölkerung diese Stabilität bezahlen musste. Auch hier hat der umstürzlerische Freiheitswind des Arabischen Frühlings jede Rückkehroption zunichte gemacht.

Der syrische Aufstand gegen das Regime von Präsident Bashar al-Assad erhob sich in einer Gesellschaft, in der der Wohlstand nie zuvor derart ungleich verteilt gewesen war. 50 Prozent des Reichtums konzentrierten sich auf nur fünf Prozent der Bevölkerung. Eine ganze junge Generation war ohne wirtschaftliche Perspektive herangewachsen. All dies ist Folge dessen, dass Bashar al-Assad seit seiner Amtseinführung im Jahr 2001 die staatliche Wirtschaft dereguliert hat. Der ländliche Raum wurde vernachlässigt, der öffentliche Sektor abgebaut und die neu entstandene Privatwirtschaft von einer räuberischen Elite der New Economy kontrolliert. Dabei setzte die Baath-Partei, nachdem sie 1963 die Macht übernommen hatte, noch eine umfassende Bodenreform um. Größere Ländereien wurden enteignet, Pächter, landlose Bauern und Landarbeiter konnten den Boden preiswert erwerben. Es gehört somit zur historischen Ironie der syrischen Revolte, dass ein Regime seine erbittertsten Feinde unter den Nachkommen jener Bauernschaft findet, die vor 50 Jahren mit einem modernen Entwicklungsversprechen aus sklavereiähnlichen Arbeitsverhältnissen befreit worden war. Daher lag der Beginn der Protestbewegung 2011 nicht zufällig in jenem suburbanen Ballungsraum der größeren Städte Daraa, Hama, Homs und vor allem Damaskus, in dem sich in der Vergangenheit Hunderttausende von ehemaligen Bauern und nunmehr verarmten Neustädter niedergelassen haben.

Eine weitere »blutige« Wahrheit der syrischen Tragödie liegt darin begründet, dass ein Land mit einer dezidiert nicht-konfessionellen Verfassung durch einen sich zunehmend religiös aufladenden Konflikt, zu dessen Vermeidung die Verfassung entworfen worden war, begonnen hat, sich selbst zu zerstören. In Syrien zeigt sich, dass der große ideologische Kampf einer arabisch-nationalistischen Fortschrittsmoderne gegen das politisch-religiöse Projekt der Muslimbrüder verloren zu sein scheint. Da in Syrien seit dem Ausbruch der Proteste sämtliche Plätze von der Geheimpolizei und Armee abgeriegelt und kontrolliert wurden, schufen sich die Menschen in den Moscheen (und einzelnen Kirchen) einen neuen öffentlichen Raum. Wenn also junge syrische Rebellen rufen, »wir knien vor niemandem außer Gott«, ist dieses offensive Glaubensbekenntnis nicht nur eine demonstrative Zurückweisung des formell säkularen Regimes und eines quasireligiösen Familienkultes um den Präsidenten. Vielmehr wird die Religion unmittelbare Stütze eines Aufstandes und gibt dem massenhaften Aufruhr die Kraft, sich dem repressiven System entgegenzustellen. Ist es daher nicht auch verständlich, dass in einer Situation, in der alles Bestehende nur der staatlichen Willkür dient, der Rückgriff auf Traditionen und religiöse Institutionen erfolgt und damit zugleich auch auf rückwärtsgewandte und ausschließende Tendenzen?

Medico international solidarisierte sich von Beginn an mit den Protesten und versuchte Kontakte zu den Aktivistinnen und Aktivisten herzustellen, die für Freiheit, Demokratie und Würde demonstrierten. Bewusst begaben wir uns in eine praktische Suchbewegung, wie unsere Unterstützung von elementaren Bürgerrechten und der Idee von sozialer Gleichberechtigung im syrischen Geschehen manifest werden kann. Denn die universelle Idee der Aufklärung bedeutet auch, sich mit demokratischen Aufbrüchen zu solidarisieren, selbst wenn die Bewegungen nicht allein von einem säkularen oder klassisch »linken« Konsens geprägt sind. Jede entschiedene Kritik und politische Zurückweisung westlicher und saudischer Interventions- und Umsturzpläne muss daher notwendigerweise die Ablehnung der syrischen Gewaltherrschaft einschließen.

Für eine demokratische Gesellschaft streiten
Die linke Propagierung eines »Widerstands gegen den Imperialismus« zulasten einer ganzen Bevölkerung bzw. Bevölkerungsgruppe ist moralisch indiskutabel und wird zudem politisch scheitern. Eine solche Haltung kann mittelfristig nur ihr unbeabsichtigtes Gegenteil auslösen: So kann keine Perspektive der Freiheit verteidigt werden, sondern die bereits vorhandenen antiemanzipatorischen Tendenzen innerhalb der syrischen Opposition und der gesamten Region werden gestärkt. Die Menschen fordern ja nicht allein eine bessere Zukunft und ein gutes Leben, sie rebellieren auch gegen die monströse Ausgeburt einer autoritären Entwicklungsmoderne. Das galt für Tunesien, Ägypten und Jemen und gilt besonders für Syrien.

Konkrete Solidarität ist möglich und zugleich nötiger denn je. Noch immer gibt es Aktivistinnen und Aktivisten, die lokale Initiativen und medizinische Hilfsstrukturen unterstützen, die unbewaffnet für eine demokratische Gesellschaft in Syrien streiten. In den kurdischen Regionen des Landes haben sich autonome Strukturen gebildet, die nicht nur versuchen, eine kurdische Realität in ein zukünftiges demokratisches Syrien einzuschreiben, sondern lokale Strukturen der Verwaltung aufrechtzuerhalten. Trotz des eskalierenden Bürgerkriegs stehen sie weiter für eine dritte Handlungsoption, jenseits der bloßen Unterwerfung unter die herrschende Macht und den sich ausbreitenden konfessionalisierten Terror, jenseits der inneren wie äußeren Militarisierung – entgegen allen düsteren Zukunftsaussichten.

Martin Glasenapp arbeitet für die Frankfurter Hilfsorganisation medico international. Er bereiste Syrien zuletzt im Mai 2013.
Spenden für die solidarische Nothilfe von medico international unter dem Stichwort »Syrien«: Kontonummer 1800, Frankfurter Sparkasse, BLZ 500 502 01 oder online: www.medico.de/spenden

„Assads Kampfjets attackieren Rebellenhochburg Homs“

Mit Luft- und Artillerieangriffen hat die syrische Armee eine Offensive gegen die Rebellenhochburg Homs gestartet. Die Truppen von Präsident Assad wollen die Stadt wieder komplett kontrollieren – Rebellen sprechen von einem der „gewalttätigsten Tage“ seit Ausbruch des Kriegs.

spiegel online

Amateurvideos im Internet zeigen Explosionen und weiße Rauchwolken, das staatliche Fernsehen berichtet, die Einheiten machten „gute Fortschritte“: Die syrische Armee hat eine Offensive gegen die von Milizen der Rebellen gehaltenen Gebiete der Stadt Homs gestartet. Laut Agenturberichten wurden die Angriffe mit Kampfflugzeugen und Artilleriegeschossen geführt.

Der Stadtteil Chalidija sei von Bodentruppen direkt angegriffen worden, das Viertel Dschuret al-Schijja wurde nach Angaben von Aktivisten aus der Luft beschossen. Auch die Stadtteile Bab Hud, Hamidija und Bustan al-Diwan seien attackiert worden, erklärte die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Ziel der Truppen von Staatschef Baschar al-Assad sei es, „die ganze Stadt zu kontrollieren“.

Homs ist die drittgrößte Stadt Syriens und wurde nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs vor zwei Jahren von den Rebellen zur „Hauptstadt der Revolution“ erklärt. Die Armee kontrolliert zwar den Großteil der Stadt der 650.000-Einwohner-Stadt, versucht aber seit über einem Jahr vergeblich, auch die übrigen Viertel, insbesondere die Altstadt, einzunehmen.

„Gewalttätigster Tag“

Die jüngste Offensive folgt einer Reihe aktueller Vorstöße der Assad-Truppen in der Provinz, die an Libanon grenzt. Unterstützung erhalten Assads Militärs dabei von Kämpfern der radikalislamischen libanesischen Hisbollah-Miliz. Die Regierungstruppen kontrollieren inzwischen einen Korridor, der die Hauptstadt Damaskus wieder mit Assads traditionellen Hochburgen an der Mittelmeerküste verbindet.

Auch die Rebellen verzeichnen einige kleine Siege. Erst kürzlich entschieden sie eine zwei Wochen dauernde Schlacht um einen Militärstützpunkt nahe Daraa im Süden des Landes für sich. Die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz gilt als Geburtsstätte des Aufstands gegen Assad und ist daher von besonderer strategischer Bedeutung: Die Rebellen hoffen, zu gegebener Zeit von Daraa aus auf die Hauptstadt Damaskus zu marschieren.

Ein hochrangiger Vertreter der Sicherheitsbehörden bestätigte der Nachrichtenagentur AFP die heftigen Kämpfe in Homs. Es sei wichtig, „die Viertel von Homs aus den Händen bewaffneter Terroristen zu befreien“, sagte er. Die Armee rücke an allen Fronten vor, allerdings in unterschiedlichem Tempo. Vor einigen Tagen habe die Armee bereits die Region Kariatain südöstlich von Homs zurückerobert.

Die lokalen Koordinierungskomitees, ein Zusammenschluss von Aufständischen, erklärte, im Stadtteil Chaldija seien binnen einer Viertelstunde mehr als hundert Granaten niedergegangen. „Heute ist einer der gewalttätigsten Tage in Homs seit Beginn der Revolution“, sagte Aktivist Tarik Badrakhan der Agentur AP.

Seit dem Ausbruch der militärischen Auseinandersetzungen sind laut Uno-Angaben im syrischen Bürgerkrieg 93.000 Menschen getötet worden, 1,7 Millionen seien vor den Kämpfen in angrenzende Länder geflüchtet.

Erneut Zelte auf dem Tahrir Platz – Zusammenstösse in mehreren Provinzen

Während sich gestern Abend in Kairo an die zehntausend Menschen am Tahrir Platz sammelten, wurden bei stundenlangen Kämpfen in verschiedenen Städten über 200 Menschen so schwer verletzt, dass sie in den Krankenhäusern behandelt werden mussten, ein Mensch wurde bei den Kämpfen getötet. In Mansoura waren an die 5000 Islamisten zu einer Unterstützungskundgebung für Mursi zusammengekommen. Aktivisten und Anwohner kämpften mit Steinen und Molotows gegen den faschistischen Mob, es gab viele Verletzte durch Schrotmunition.

Dutzende Islamisten mussten sich in die Mansoura’s Al-Gamieya Al-Sharaiya Moschee zurückziehen, die trotz der Intervention der Riot Bullen über Stunden von Anwohnern und Bullen belagert wurde, um zu verhindern, dass diese an der Kundgebung der Islamisten teilnehmen konnten. Mehrere Fahrzeuge von Islamisten wurden zerstört, ein Supermarkt, der einem Mitglied der Moslembrüder gehört, wurde geplündert. Ein führendes Mitglied der Moslembrüder beschwerte sich heute öffentlich über „das Versagen des Innenministers“, weil die Bullen nicht in der Lage waren, die Islamisten bei den Zusammenstössen ausreichend zu unterstützen.

Auch in den Governoraten Gharbiya und Sharqiya kam es zu Zusammenstössen zwischen Aktivisten und den Islamisten, in Menoufiya kam es zu Kämpfen mit rund 3 000 Islamisten, in dem Governorate Kafr El-Sheikh zogen in verschiedenen Orten ebenfalls mehrere tausend Menschen nach der Ausstrahlung der zweieinhalbstündigen Rede von Mursi durch die Strassen.

In Kairo sind schon seit Tagen Einheiten der Riot Bullen an vielen strategischen Orten stationiert, Aktivisten veröffentlichten heute Photos von Schützenpanzern der ägyptischen Armee, die in die Innenstadt von Kairo einrücken, auch aus anderen Städten werden Truppenbewegungen gemeldet. Innerhalb des Machtapparates scheint es erhebliche Widerprüche zu geben, wie mit den Massenprotesten am 30 Juni umzugehen sei. Während ein Teil der Islamisten eine „Hamas- Lösung“ favorisiert, also die Opposition platt machen will, wollen andere Teile eine Konfrontation am 30 Juni vermeiden.
So gibt es eine Initiative von „islamischen Intellektuellen“, den Forderungen der Opposition entgegen zu kommen und Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres vorgezogenen Präsidentschaftswahlen abzuhalten.

Führende Militärs haben sich unterdessen mit wichtigen Vertretern aus Politik und dem Justizapparat getroffen, um die verschiedenen Szenarien zu besprechen. Wie es derzeit aussieht, scheinen sie grundsätzlich bereit zu sein, strategische Orte abzusichern, damit genügend Bullen bereitstehen, um Zusammenstössen zwischen den Islamisten und der Opposition zu verhindern.
Sollte es allerdings zu unüberschaubaren Situationen kommen, könnte es auch zu einer politischen Intervention der Militärs kommen.

So brachte der US Botschafter in Kairo diese Option in Hintergrundgesprächen mehrmals als mögliche Variante ins Gespräch, ob dies dann wieder eine vollständige Machtübernahme durch den SCAF bedeuten würde, oder die Macht von Mursi und den Moslembrüder nur beschnitten würde, bleibt eine offene Frage.
Bisher haben die Moslembrüder noch die Rückendeckung aus dem Westen, der US Botschafter traf sich jedoch dieser Tage demonstrativ mit führenden Oppositionspolitikern, auch die EU scheint noch hinter Mursi zu stehen, allerdings herrsche hier nach Angaben eines westlichen Diplomaten die Meinung vor, dass „er seine Karten nicht besonders gut ausspiele“.

Unterdessen veröffentlichten Aktivisten heute eine Liste von 217 Menschen, die von den Bullen seit dem Machtantritt Mursis umgebracht wurden, über die anhaltenden Folterungen und Vergewaltigungen in ägyptischen Bullenrevieren und Knästen haben in den letzten Monaten auch zahlreiche internationalen Menschenrechtsorganisationen ausführlich berichtet.
Seit heute vormittag bauten nun Aktivisten auf dem Tahrirplatz wieder Zelte auf……. Al-shaab yurid isqat al-nizam

„Mursi bezichtigt altes Regime, Schlägertrupps zu bezahlen 2

Ägyptens Präsident Mursi gesteht Fehler ein – und macht das alte Regime verantwortlich, hinter den Protesten zu stehen. In mehreren Provinzen kam es zu gewaltsamen Zusammenstößen.

Markus Bickel, Kairo in der FAZ

Ägyptens Präsident Muhammad Mursi hat Vertreter des alten Regimes für die anhaltende Krise in seinem Land verantwortlich gemacht. In einer Rede in der Nacht auf Donnerstag warf er Funktionären seines Vorgängers Husni Mubarak vor, Schlägertrupps zu bezahlen, um die Polizei anzugreifen und Chaos zu stiften. Er sehe sich einem „Krieg“ gegenüber, der geführt werde, um ihn zum Scheitern zu zwingen. Ein Jahr nach seinem Amtsantritt gab der islamistische Machthaber zu, „Fehler“ gemacht zu haben. Er entschuldigte sich bei der Jugend des Landes, dass ihr nie die Chance gegeben worden sei, „in diesem Land eine Rolle zu spielen“. Das werde er ändern, unter anderem durch die Berufung von Beratern unter vierzig Jahren in Ministerien und Provinzregierungen.

Gegner des in der Muslimbruderschaft politisch groß gewordenen Staatschefs riefen für Sonntag zu Massendemonstrationen auf. Sie machen ihn für Arbeitslosigkeit, gestiegene Kriminalität und erhöhte Lebensmittelpreise verantwortlich, ebenso wie für Treibstoffmangel und Stromausfälle. Mursi entschuldigte sich für die anhaltende Krise und kündigte harte Maßnahmen am, um Schmuggler und korrupte Tankstellenbesitzer zur Rechenschaft zu ziehen. Minister und Gouverneure sollten „alle Beamten entlassen, die für die Krisen verantwortlich sind, unter denen die Bürger leiden müssen“.

Proteste im ganzen Land
Bereits seit Tagen protestieren Regierungsgegner im ganzen Land, um Mursis Rücktritt zu erzwingen. Der Präsident bezichtigte sie in seiner Rede, mit „den Feinden der Revolution“ zusammenzuarbeiten. Er versicherte, dass die Armee hinter ihm stehe. Vergangene Woche hatte Armeechef Abdul Fatah al Sisi mit einem Eingreifen der Streitkräfte gedroht, um zu verhindern, dass Ägypten in einen „dunklen Tunnel“ abgleite. Bei gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Muslimbrüdern und Oppositionsanhängern in der nordägyptischen Stadt Al Mansura wurden in der Nacht auf Donnerstag zwei Menschen getötet; landesweit wurden 300 Menschen verletzt.

Mursi forderte die Opposition in seiner zwei Stunden langen Rede auf, sich Wahlen zu stellen, um eine Regierung zu bilden. Es könne nicht sein, dass Ägyptens junge Demokratie „sabotiert“ werde: „Nach einem Jahr in der Verantwortung habe ich erkannt, dass radikale Maßnahmen nötig sind, um die Ziele der Revolution zu verwirklichen.“ Namentlich nannte er Funktionäre des Mubarak-Regimes, die daran arbeiteten, „die Uhr zurückzudrehen“. Er warnte vor weiterer Polarisierung, die dazu führe, dass „das ganze Land in einen Zustand von Lähmung und Chaos” versetze.

Der Präsident schloss vorgezogene Wahlen in seiner Rede aus. Auf dem Tahrir-Platz in Kairo versammelten sich in der Nacht auf Donnerstag Hunderte von Gegnern der regierenden Islamisten. Sie riefen Slogans gegen die Muslimbruderschaft, aus der Mursi und ein Großteil der von ihm ernannten Gouverneure und Minister stammt. Gegner Mursis beklagen eine zunehmende Islamisierung des Landes und wachsende Intoleranz gegenüber Andersdenkenden. Vergangenes Wochenende waren vier Schiiten in einem Vorort Kairos getötet worden, nur kurz, nachdem Mursi auf einer Konferenz sunnitischer Prediger teilgenommen hatte, bei der Schiiten als „Ketzer“ und „Ungläubige“ verunglimpft wurden.