Archiv für Februar 2014

Riots nach der Beisetzung von Jaafar Mohammed Jaafarn in Bahrain

Schon zum zweiten Mal in diesem Jahr ist ein festgenommener Aktivist in Bahrain in Untersuchungshaft gestorben. Jaafar Mohammed Jaafar, der nur 23 Jahre alt wurde, und seit Dezember letzten Jahres wegen angeblichen Waffenschmuggels inhaftiert war, starb nach offiziellen Angaben infolge seiner Erkrankung. Er litt an einer Sichelzellenanämie.

Unklar ist, ob er deswegen überhaupt angemessen behandelt wurde, auch berichtete ein anderer Aktivist, Jaafar Mohammed Jaafar sei während der Inhaftierungszeit gefoltert worden.
Seine Familie berichtet ebenfalls von Folterungen, Jaafar Mohammed Jaafar sei geschlagen und mit Elektroschocks misshandelt worden.

Verschiedene internationale Menschenrechtsorganisationen berichten ebenso wie das bekannte Zentrum für Menschenrechte in Bahrain immer wieder von systematischen Folterungen und sexuellen Misshandlungen in den Knästen und Zentren von Bullen und Geheimdiensten.

Tausende nahmen an der Beisetzung von Jaafar Mohammed Jaafar in der Ortschaft Daih teil, anschliessend kam es zu heftigen Auseinandersetzungen mit den Bullen, die von hunderten wütenden Jugendlichen mit Steinen und Molotows eingedeckt wurden. Die Bullen setzten ihrerseits massiv Reizgas, Blend-und Schockwurfkörper und Gummigeschosse ein. Einem Bericht der Deutschen Welle zufolge ist unter den Lieferanten für das in Bahrain massenhaft eingesetzte Reizgas auch das deutsch-südafrikanische Unternehmen Rheinmetall Denel Munition Pty (RMD).

Gegen die massenhaften Importe von Reizgasgranaten, die von den Bullen häufig auf Kopfhöhe der Demonstranten abgefeuert werden (was schon mehrere Menschenleben gefordert hat) gibt es mittlerweile die Kampagne stoptheshipment.

Videos:

Zusammenstösse nach der Beisetzung:

Angriff mit Molotows als Vergeltungsaktion:

„Algerien: Schwere Ausschreitungen in Bejaia“

Birgit Manzke auf Nordafrika Worldpress

Gestern kam es in der algerischen Hafenstadt Bejaia zu schweren Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Studenten. Der seit Wochen anhaltende Lehrerstreik trieb die Studenten auf die Straße. Sie fürchten um ihren Abschluss, unter anderem sollen Prüfungstermine verschoben werden – so ein algerisches Online-Portal. Landesweit fordern Algeriens Lehrer – verschiedenen Schultyps, höhere Gehälter sowie eine bessere Einstufung. Viele Schulen blieben in den vergangenen Wochen geschlossen. Bildungsminister Abdellatif Baba Ahmed indes drohte streikenden Lehrern mit Entlassungen, sollten sie sich der – Mitte Februar, gerichtlich festgelegten Untersagung der Streiks widersetzen, ein Teil der Gewerkschaften will aber weiter streiken.

Streik Video (al ahram)

„Kauder fordert mehr Unterstützung für Ägypten“

Nach seinem Treffen mit Militärchef Al-Sisi zeigte sich Unionsfraktionschef Kauder zuversichtlich über die Zukunft Ägyptens. Der CDU-Politiker führt derzeit Gespräche mit Vertretern aus Politik und Religion in Kairo.

Khalid El Kaoutit, Kairo auf Deutsche Welle

„Nach einer langen Pause, in der wir Europäer nicht so präsent in Ägypten waren, glaube ich, dass die Zeit gekommen ist, dass wir uns mehr um dieses Land kümmern.“ Zu diesem Schluss kam Volker Kauder, Vorsitzender der Unionsfraktion im Deutschen Bundestag, nach einem Treffen mit dem ägyptischen Verteidigungsminister Abdel Fattah al-Sisi am Donnerstag (27.02.2014) in Kairo. Europa und Deutschland müssten sich stärker in Ägypten engagieren, so Kauder. Sowohl bei der politischen Begleitung des Transformationsprozesses als auch bei Fragen der Ausbildung und der wirtschaftlichen Entwicklung. Dafür möchte Volker Kauder (CDU) nach seiner Rückkehr in die Bundesrepublik werben.

Denn in mancher Hinsicht scheint Ägypten nach dem Sturz von Ex-Präsident Mohammed Mursi im Juli 2013 in den Hintergrund gerückt zu sein. Scharfe Kritik seitens der EU-Politiker erntete in erster Linie der Umgang der Machthaber in Ägypten mit den Muslimbrüdern. Inzwischen gilt die Muslimbruderschaft mit ihren geschätzten sechs Millionen Anhängern als terroristische Organisation, ihre Kader sitzen in Haft oder sind auf der Flucht.

Die politische Instabilität stellt Ägypten vor große Herausforderungen. Die Wirtschaft liegt seit den Umbrüchen vor drei Jahren brach, die Arbeitslosigkeit vor allem unter Jugendlichen ist hoch. Viele Berufsgruppen zeigten ihren Unmut Mitte Februar öffentlich bei Streiks. Das Vertrauen in die Machthaber bröckelt. Die Übergangsregierung von Hasem al-Beblawi trat am 24. Februar zurück.

Trotzdem ist Volker Kauder nach seinen Gesprächen in Kairo der Meinung, dass das Militär das Land voranbringen will. Vertreter der Streitkräfte hätten ihm bei Treffen immer wieder versichert, dass das Militär nicht dauerhaft politische Verantwortung übernehmen wolle. Nach den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen solle das ägyptische Volk selbst über seine Zukunft entscheiden, resümiert Kauder die Gespräche.

Dennoch gilt es auch in der Übergangsphase, eine stabile Sicherheitslage im Land wiederherzustellen. Die Wirtschaft basiert zu einem großen Teil auf Tourismus, der seit den Unruhen von 2011 massiv eingebrochen ist. Nur wenige Badeorte am Roten Meer gelten noch als sicher. Erst am Donnerstag haben deutsche Reiseveranstalter Touristen aus dem südlichen Teil der Sinai-Halbinsel nach Deutschland ausgeflogen, nachdem das Auswärtige Amt die Reisewarnungen für diese Region um eine Stufe erhöht hatte.

Eine zunehmende Verschlechterung der Sicherheitslage in Ägypten könnte auch Auswirkungen auf Europa haben und beispielsweise weitere Flüchtlingswellen in die EU auslösen. „Ägypten liegt vor unserer Haustür“, so Kauder. Europa könne nur hoffen, dass es den Ägyptern gelinge, diese Herausforderung zu bewältigen.

Papst der Kopten: Christen geht es besser

Er sei optimistisch, was die Zukunft Ägyptens angehe, sagte Kauder, der auch das Oberhaupt der Kopten traf. Papst Tawadrus II. und der deutsche Politiker kennen sich bereits. Kauder berichtete: „Ich habe den Papst noch nie so entspannt gesehen wie im heutigen Gespräch.“ Das kirchliche Oberhaupt habe ihm mitgeteilt, dass die Lage der Christen etwas besser geworden sei. Unter der Regierung der Muslimbrüder hatten sich Christen im Land massiv unter Druck gesetzt gefühlt. Die Verbesserungen gegenüber dem vergangenen Jahr sei ein Grund zur Zufriedenheit, sagte Kauder, der sich seit langem mit der Situation der Christen im Nahen Osten beschäftigt. Dennoch sei Ägypten mitten in einem Prozess. „Es ist nicht alles entschieden. Deshalb wird mein Blick nach wie vor auf die Kopten in diesem Land gerichtet bleiben.“

Er sei davon überzeugt, sagte Volker Kauder, dass Ägypten eine offene Gesellschaft bleibe, in der Christen, Muslime und andere Religionsgemeinschaften mit- und nebeneinander leben können. Dies hänge mit der Gesamtentwicklung im Land zusammen. Doch „wenn man die Entwicklungen in anderen afrikanischen Ländern sieht, wie Nigeria, Somalia oder Zentralafrika, dann ist man dankbar für die Hoffnungsstrahlen, die man in Ägypten sieht“.

Bilder aus Yarmouk

„Die himmelschreiende Not der Palästinenser von Yarmouk“

Wie beide Seiten im Syrien-Krieg erbarmungslos die Waffe Hunger gegen die wehrlose Zivilbevölkerung einesetzen

Birgit Cerha auf IFAMO

„Das Lexikon der Inhumanität des Menschen gegenüber seinem Mitmenschen hat ein neues Wort – Yarmouk.“ Damit bezieht sich der zutiefst erschütterte Sprecher der UN-Hilfsorganisation für die Palästinenser, UNWRA, Christopher Gunness“ in einem Beitrag im Londoner „Observer“ auf das Palästinenserlager am Rande von Damaskus.

Fotos, Videos und Berichte, die aus diesem einst pulsierenden Zentrum der palästinensischen Flüchtlingsgemeinde in Syrien dringen, sollten das Weltgewissen endlich aus einer erschreckenden Lethargie angesichts der syrischen Kriegsgräuel aufrütteln. Yarmouk, eine Katastrophe innerhalb des syrischen Desasters, ist eine Schande für die zivilisierte Welt.
Bilder aus den 1970er Jahren drängen sich in Erinnerung, als Tausende palästinensische Flüchtlinge in ihren Elendslagern im Libanon von christlich-libanesischen Milizen, unterstützt von syrischen Besatzungstruppen, zwei Monate lang belagert und bombardiert wurden. Tel Zaatar wurde zum Symbol des Leidens hilfloser palästinensischer Flüchtlinge durch skrupellose Interessen- und Machtpolitik in kriegerischem Chaos.
Wie einst in Tel Zaatar setzt das syrische Regime in Yarmouk seit Monaten, neben massiven Bombardements, die Waffe des Aushungerns ein. Wasser- und Stromzufuhr für 18.000 Menschen wurde abgesperrt, der Zugang zu Nahrungsmitteln und Medikamente selbst für die in heftigen Bombardements und Kämpfen zwischen regierungs-freundlichen und –feindlichen Milizen Verwundeten wurde blockiert.
Mütter starben bei der Geburt, Babies überlebten nur wenige Tage, weil die durch Hunger geschwächten Mütter sie nicht ernähren konnten und es keine Milch gab. Viele essen nur noch von Gras, mit Gewürzen gekochte Kräuter. Das wahre Ausmaß des Hungers, der menschlichen Tragödie in dem nach Aussagen von Eingeschossenen einer „Hölle“ gleichenden Trümmerhaufen lässt sich noch gar nicht erahnen.

Seit 18. Januar konnte UNWRA einige tausend Lebensmittelpakete in Yarmouk verteilen, nicht mehr als ein kleiner Tropfen in diesem Meer des Elends. Ein mühsam dank UN-Vermittlung errungenes Abkommen zwischen syrischen Rebellen und Regierungstruppen, das diese Überlebenshilfe ermöglichen soll, steht auf höchst wackeligen Beinen.
Nach diesem Abkommen sollen alle Rebellengruppen aus dem Lager ausziehen und durch palästinensische Fraktionen ersetzt werden, die mit dem syrischen Regime verbündet sind. Doch die Details der Übereinkunft gilt es erst auszuhandeln und die UNO muss täglich neu die Sicherheitsbedingungen für ihre Hilfslieferungen arrangieren.

Yarmouk, nach dem ersten arabisch-israelischen Krieg 1948 für Flüchtlinge aus Palästina gegründet, ist das größte der insgesamt neun Palästinenserlager in Syrien. Bis zum Ausbruch der Rebellion gegen das Assad-Regime 2011 war Yarmouk, dieser zwei km2 große südliche Vorort von Damaskus, ein geschäftiges Zentrum, in dem rund 160.000 Palästinenser Seite an Seite mit Syrern aller Konfessionen lebten und frei auch ihre Kultur pflegten.
Liebevoll nannten sie es „Klein-Palästina“. Im Gegensatz zu anderen arabischen Ländern – insbesondere Libanon und Jordanien – gewährte Syrien den palästinensischen Flüchtlingen, außer der Staatsbürgerschaft, weitgehende Rechte, Zugang zu Schulen und Universitäten und bis zu hohen öffentlichen Positionen.

Dennoch versuchten mit Ausbruch der Rebellion die meisten der rund 500.000 Palästinenser in Syrien – ausgenommen der mit dem Regime verbündeten „Volksfront für die Befreiung Palästinas-Allgemeines Kommando“ (PFLP-GC) – sich in diesem zunehmend blutigen Konflikt völlig neutral zu verhalten, so auch Yarmouk, das als „Tor zu Damaskus“ für die Rebellen von enormer strategischer Bedeutung ist.
Doch zunehmend geriet Yarmouk für deren Bewohner zur Falle im Krieg zwischen Regime und Rebellen. Während die Regierungstruppen über die PFLP-GC immer massiveren Druck auf die Palästinenser ausübten, sich voll hinter das Regime zu stellen, drängten sie die Rebellen unter Führung der „Freien Syrischen Armee“ (FSA), sich ihrem bewaffneten Kampf anzuschließen. Schließlich gelang es Ende 2012 der FSA und der mit Al-Kaida verbündeten Nusra-Front in Yarmouk einzudringen und die Bevölkerung zu terrorisieren. Um in das Lager einzudringen, setzte die FSA wahllos Sprengstoff ein, der zahllose Zivilisten tötete.

Die Brutalität der Rebellen, anhaltende Kämpfe und massive Bombardements durch die Regierungstruppen trieben Zehntausende Menschen in die Flucht. Doch sobald Assads Streitkräfte den Belagerungsring um Yarmouk enger zogen, konnte niemand mehr die Flucht wagen. Wer dennoch dieser Hölle entrinnen konnte und die Flucht in eines der Nachbarländer versuchte wurde an der jordanischen und oft auch an der libanesischen Grenze erbarmungslos zurückgeschickt. Palästinensische Flüchtlinge finden nirgendwo Schutz, denn nach jahrzehntelanger arabischer Strategie ist die Rückkehr nach Palästina ihre einzige Zukunftsoption, die Israel ihnen unter keinen Bedingungen gewährta.

Durch die Blockade hoffte das Regime, die Bevölkerung und die Rebellen zu zermürben – eine Taktik, die es auch in anderen Landesteilen anwendet.
Die Politik des Aushungers ist eine Strategie, die in diesem menschenverachtenden Krieg beide Seiten einsetzen. Andere, von der Welt weitgehend ignoriertes Beispiele sind Zahraa und Nobl, zwei schiitische Städte westliche von Aleppo mit einer Gesamtbevölkerung von 45.000. Sie werden seit vielen Monaten von sunnitischen Rebellen belagert, die ihnen Unterstützung des Regimes vorwerfen und sich durch Hunger in die Kapitulation zwingen wollen. Die Städte sind, abgesehen von gelegentlichen Hilfslieferungen durch Regierungshelikopter vollends von der Außenwelt abgeschnitten. Das Ausmaß des Leidens der Zivilbevölkerung läßt sich nur erahnen.

„Gescheiterte Nachwahlen in Libyen – Scherbenhaufen in Tripolis“

Die prekäre Sicherheitslage und der Boykott der ethnischen Minderheit der Tebu haben die libyschen Nachwahlen zur Verfassungskommission praktisch unmöglich gemacht. Der Chef der Wahlkommission kritisierte die Sicherheitsorgane scharf.

Astrid Frefel, Kairo in der NZZ

Der Versuch, die 13 bei den Wahlen für eine libysche Verfassungskommission nicht vergebenen Mandate durch Nachwahlen zu besetzen, ist am Mittwoch weitgehend gescheitert. Von den betroffenen 81 Wahllokalen blieben wiederum 59 geschlossen. Die Probleme waren dieselben wie beim ersten Wahlgang am 20. Februar: In der Stadt Derna machte die unsichere Lage den Urnengang unmöglich; im Süden, in der Region von Ubari, verhinderte die afrikanische Minderheit der Tebu, die zu einem Boykott aufgerufen hatte, dass die Abstimmungslokale geöffnet werden konnten. Die Tebu wollten wie die Amazigh schon vor der Ausarbeitung einer neuen Verfassung die offizielle Anerkennung ihrer Sprache vom Parlament garantiert haben. Für sie waren je zwei Sitze in der 60-köpfigen Verfassungskommission reserviert gewesen.

Der Leiter der nationalen Wahlkommission, Nouri al-Abbar, reagierte mit scharfer Kritik an die Adresse des Innen- und des Verteidigungsministeriums. Das Versprechen, die Wahl zu schützen, sei nicht eingehalten worden. Er warf den Sicherheitsorganen Untätigkeit, Feigheit und Unvermögen vor. Jetzt muss der Nationalkongress, das Übergangsparlament, darüber entscheiden, wie die offenen Mandate zugeteilt werden. Bisher hat die Wahlkommission 39 der 60 Mandate offiziell vergeben. In mehreren Wahlkreisen wird wegen extrem knapper Ergebnisse noch nachgezählt. Wenn die Kommission ihr Amt antreten kann, hat sie vier Monate Zeit, die erste demokratische Verfassung nach dem Sturz der Ghadhafi-Diktatur auszuarbeiten.

Am Mittwoch ist die Gewalt in Benghasi erneut eskaliert. Fünf Mitglieder von Sicherheitsdiensten wurden unabhängig voneinander ermordet. Aufgebrachte Bürger sperrten daraufhin Durchgangsstrassen mit brennenden Autoreifen und stürmten das Gebäude des Verteidigungsministeriums. Es blieb bei Sachschaden. Dutzende solcher Exekutionen haben sich in den letzten Monaten in Benghasi ereignet, und noch nie ist jemand zur Verantwortung gezogen worden. Für Freitag wurde deshalb in Benghasi und in Tripolis zu Grossdemonstrationen aufgerufen.

„Die Frau, die Al-Kaida das Fürchten lehrt“

Robar Hossein ist Kommandantin in der kurdischen YPG-Miliz, die im syrischen Bürgerkrieg kämpft. Für Kämpferinnen wie sie ist die Kalaschnikow auch ein Symbol der Freiheit.

Frank Nordhausen in der Frankfurter Rundschau

Die Strapazen und den Schrecken der Schlacht sieht man ihr nicht an, als sie leichtfüßig in den schmalen Raum mit dem kleinen Ölofen tritt. Robar Hossein lehnt ihre Kalaschnikow an die Wand, setzt sich auf den Teppich in dem Haus in der nordsyrischen Großstadt Kamischli zu den vier unrasierten Milizionären und zwei alten kurdischen Männern. Nicht an den Rand, wie es Frauen in Syrien sonst tun. Vielleicht spricht die 22-Jährige deshalb zuerst darüber, dass es im Kampf keinen Unterschied mache, ob jemand Mann oder Frau sei. Dass Frauen genauso tapfer und „nicht das Eigentum der Männer“ seien.

Die Kämpfe der letzten Tage waren extrem, sagt Robar Hossein. Sie ist eine zierliche Frau mit klaren Gesichtszügen, olivfarbener Haut und dunklen, blitzenden Augen, deren Wirkung von einem blauen Kopftuch unterstrichen wird, das sie streng um den Kopf geknüpft hat. Im Nebel, berichtet sie, sei nicht mehr zu erkennen gewesen, wer Freund und wer Feind war.

Es war nicht auszumachen, woher das Gewehrfeuer kam, wo die Granatwerfer der Islamisten standen. Alles verschwamm in einer weißen, milchigen Suppe in der nordsyrischen Ebene. „Schüsse peitschten. Aber wir wussten nicht mehr, wohin wir schießen sollten. Es war total unheimlich.“ Ein kaum feststellbares Lächeln spielt in ihr Gesicht.

Robar Hossein ist eine Kommandantin der kurdischen Volksverteidigungskräfte YPG im kurdischen Teil Syriens, den dessen Bewohner Rojava nennen, „Sonnenaufgang“. Die Kurdenmiliz ist die am wenigsten bekannte, aber größte, disziplinierteste und kampfstärkste Streitmacht unter den Rebellentruppen im syrischen Bürgerkrieg. Von allen anderen Milizen unterscheiden sich die Kurden, indem sie weibliche Bataillone aufstellen – unvorstellbar bei arabischen Kämpfern.

dem Dorf Tall Hamis nahe der irakischen Grenze sind die Kurden an diesem Tag im Januar in eine Falle der Islamisten gelaufen, sie haben 35 Leute verloren, bevor sie sich zurückzogen. Gegenwärtig verläuft die Frontlinie etwa 40 Kilometer entfernt von Kamischli, der inoffiziellen Hauptstadt der syrischen Kurden. Robar Hossein und die Männer haben eine Woche frei, um ihre Familien zu besuchen und nicht an den Krieg zu denken. „Aber das ist eigentlich unmöglich“, sagt sie ernst. Sie wirkt erschöpft.

Die syrischen Kurden haben seit Beginn des syrischen Aufstandes im Frühjahr 2011 eine Schaukelpolitik zwischen dem Assad-Regime und der Rebellion verfolgt. Als das Regime im Juni 2012 überraschend seine Truppen aus fast allen Teilen Rojavas abzog, schlug die Stunde der sozialistischen Demokratischen Unionspartei (PYD), ein Ableger der Kurdenguerilla PKK aus der Türkei. Sie hat die Macht in den drei kurdischen Enklaven übernommen, eine Verwaltung installiert und die regionale Autonomie ausgerufen. Demnächst sollen Wahlen abgehalten werden. So entsteht in Nordsyrien ein zweiter kurdischer Pseudostaat, ähnlich wie im Nordirak.

„Es geht um alles oder nichts“
Nicht alle 2,5 Millionen syrischen Kurden sind wie Robar Hossein davon überzeugt, dass sich die Interessen der PYD mit denen des kurdischen Volkes „absolut decken“. Doch auch erklärte Gegner der Partei räumen ein, dass nur sie in der Lage war, in Rojava eine eigene Armee aufzubauen: die Volksverteidigungseinheiten, die zunächst dazu da waren, die selbst erklärte Neutralität zu schützen. Den „dritten Weg“, wie es ihre Anführer nennen: kein Pakt mit dem Regime, aber auch nicht mit den arabischen Rebellen, solange diese nicht die kurdischen Rechte garantieren wollen. Die Neutralitätspolitik hat dem Kurdenland Ruinenlandschaften erspart. Assads Luftwaffe bombardiert Rojava nicht.

„Natürlich kämpfen wir auch gegen die Armee von Assad, wenn es sein muss“, sagt Robar Hossein. „Aber für uns ist Al-Kaida gefährlicher, denn sie wollen uns auslöschen.“ Anfangs unterstützt von der Türkei, die einen zweiten Kurdenstaat an ihrer Grenze fürchtet, attackieren Dschihadisten aus Al-Kaida-nahen Gruppen wie Al-Nusra und Islamischer Staat im Irak und Syrien (ISIS) die Kurden als „Ungläubige“ und „Kommunisten“. Unter ihnen sind viele Ausländer, die in Syrien einen islamischen Gottesstaat errichten wollen. „Aber wir sind ihnen überlegen“, sagt Robar Hossein. „Weil wir für unsere Heimat kämpfen. Weil wir für die Rechte der Frauen eintreten. Weil es für uns um alles oder nichts geht.“

Aus Solidarität kamen damals mehr als tausend erfahrene Kämpfer der PKK nach Rojava, um die Verteidigung mitzuorganisieren. Inzwischen gehören der YPG genannten Kurdenmiliz nach Angaben ihres Sprechers Redur Xelil rund 45 000 Kämpfer an. Davon sind ein Drittel Frauen.

Robar Hossein meldete sich vor zwei Jahren freiwillig, „um die Heimat zu beschützen“. Damals studierte sie Maschinenbau an der Universität von Latakia am Mittelmeer. Ihre Eltern unterstützten die Entscheidung, denn Robar kommt aus einer Familie, die sich eng mit der PKK verbunden fühlt. Vor zwei Monaten ist ihr 25-jähriger Bruder Riber im Kampf gefallen. Robar Hossein wird kurz von der Trauer überwältigt, als sie von seinem Tod erzählt.

Dann spricht sie von der dreimonatigen militärischen Grundausbildung. Sie lernte den Umgang mit Kalaschnikow- und schweren Duschka-Maschinengewehren, Bomben, Minen, Granatwerfern, Panzerfäusten. Am besten gefiel ihr das Scharfschützengewehr. „Das habe ich bis zum Umfallen trainiert“, sagt sie stolz. „Urteilen Sie nicht nach meinem Äußeren. Als Scharfschützin bin ich perfekt.“ Die Männer nicken beifällig.

Eine ältere Frau kommt in den Raum und serviert heißen Tee. Robar Hossein nimmt einen Schluck. Dann sagt sie stolz: „Ich bin Kommandantin!“

Viele junge Frauen melden sich freiwillig
In nur vier Monaten stieg sie auf zur Chefin einer Kompanie von 20 jungen Frauen, die vor allem Scharfschützinnen sind. „Ich habe auch schon Männer kommandiert. Dagegen dürfen Männer meine Kompanie nicht kommandieren. Bei uns werden Frauen nicht mehr unterdrückt wie Hunde.“ Für die Frauen der YPG ist die Kalaschnikow auch ein Symbol der Freiheit. Viele junge Frauen melden sich freiwillig, weil sie sich so davor schützen können, gegen ihren Willen verheiratet zu werden. Und sie wissen, im Fall, dass die Islamisten gewinnen, haben sie am meisten zu verlieren.

Die Männer im Raum haben sich schweigend angehört, was ihre Kameradin da sagt. Nun mischt sich Ferho Ferho, 32, im Zivilberuf Anwalt und jetzt ebenfalls Kommandant, in das Gespräch ein. Er sagt, dass am Ende immer noch der militärische Rang entscheide. Er berichtet von einem Führungskonflikt während der Nebelschlacht von Tall Hamis. „Ich kommandierte die Männer, Robar die Frauen. Wir waren uns über das weitere Vorgehen uneinig.“ Und was geschah? „Wir haben den Oberkommandierenden angerufen. Er hat entschieden“, sagt Robar Hossein lachend.

Die provozierende Frage, ob Frauen so gut wie Männer kämpfen könnten, ist für sie aber geklärt. Sie war bei fünf großen Gefechten dabei, hat mit der YPG tagelang das Hauptquartier der Nusra-Kämpfer in der Grenzstadt Serekaniye belagert, sturmreif geschossen und schließlich gestürmt. Fast immer hat die kurdische Miliz gesiegt, trotz der überlegenen Ausrüstung der Feinde. „Sie haben moderne elektronische Scharfschützengewehre aus westlicher Produktion und viel mehr Munition. Sie haben schusssichere Westen. So etwas haben wir nicht. Trotzdem kämpfen wir besser und haben viele von ihnen getötet.“

Weil Munition rar ist, erhalten die YPG-Kämpfer nur 150 Patronen pro Person am Tag zugeteilt. Dennoch haben die Kurden den Al-Kaida-Milizen seit Oktober mehr als 40 Dörfer wieder abgenommen. Sie haben sie aus zwei wichtigen Erdölprovinzen und vom Grenzübergang Al-Yaroubia zum Irak vertrieben. Da die gesamte Kurdenregion seit mehr als einem Jahr praktisch von der Außenwelt abgeschnitten und einem Hungerembargo seitens der Türkei und des kurdischen Nordiraks ausgesetzt ist, eröffnet ihnen der Übergang jetzt einen Zugang zum irakischen Markt.

Robar Hossein hat während der Kämpfe viele tote und gefangene Feinde gesehen. „Es sind Leute aus Saudi-Arabien, Pakistan, Tschetschenien, der Türkei, Holland und vielen anderen Ländern, von denen ich noch nie gehört habe“, sagt sie. Jeder Dschihadist trage einen kleinen Schlüssel bei sich, der ihm nach dem Tod das Paradies aufschließen solle, erzählt sie und verzieht das Gesicht. Die blutjungen bärtigen Männer aus dem Ausland täten ihr nicht selten leid, weil sie in einem Krieg verheizt würden, mit dem sie nichts zu tun hätten. „Was wollen die in Syrien? Warum schießen sie auf uns?“

Bei Verhören habe sich herausgestellt, dass die meisten Kämpfer von ISIS oder der Al-Nusra-Front nicht einmal wüssten, dass ihre Gegner ebenfalls Muslime sind. „Sie halten uns für Ungläubige, dabei sind viele von uns religiös wie ich“, sagt die streng gläubige Muslima, die anders als die meisten kurdischen Frauen immer ihr Kopftuch trägt. „Wenn sie die Wahrheit erfahren, sagen sie oft, sie bedauern, was sie getan hätten. Assad hat alle aufgehetzt, so dass jeder gegen jeden kämpft und alle glauben, es geht um Religion. Dabei wissen sie nichts von unserem Land.“

Die junge Soldatin aber weiß, dass sie keine Gnade zu erwarten hätte, sollte sie diesen Feinden je in die Hände fallen. Gefangene Kurden sind mit Schwertern brutal geköpft, ihre Bilder anschließend im Internet verbreitet worden.

Salafistische Imame gaben Fatwas, islamische Rechtsgutachten, heraus, wonach kurdische Frauen in Kriegszeiten vergewaltigt werden dürften, weil sie gottlos seien. Robar Hossein erzählt von vier Kameradinnen, die im vergangenen Herbst von ISIS-Leuten ergriffen wurden. „Wir fanden ihre Leichen. Sie waren furchtbar gefoltert worden, bevor sie erschossen wurden.“ Deshalb hat Robar Befehl, stets fünf Kugeln aufzuheben, um im letzten Moment noch schießen zu können – und sich selbst die Folter zu ersparen.

Im vergangenen August war es fast soweit. Robars Kompanie hatte nicht genug Munition, weil sie mit keinem Angriff gerechnet hatte. „Es war der letzte Tag des Ramadan, wir hatten uns mit Al-Nusra geeinigt, eine Kampfpause zu machen. Doch sie betrogen uns, griffen an und machten elf von uns zu Märtyrern. Als wir uns gerade bereit machten zu sterben, drehten unsere Leute die Schlacht, und wir konnten den Sieg erringen.“

„Früher stand die Frau hinter dem Mann. Das ist vorbei“
Robar Hossein glaubt wie die meisten Kurden in Rojava, dass die Al-Kaida-Milizen mit dem Regime von Assad zusammenarbeiten. „Warum sonst bombardiert er nie ihre Hauptquartiere?“ Dabei seien die Ausländer militärisch gesehen Kanonenfutter. „Wir finden bei ihnen alle möglichen Tabletten. Psychopillen. Manchmal torkeln sie wie Idioten übers Schlachtfeld. Wir töten hundert von ihnen, wenn sie einen von uns erwischen.“ Aber Robar Hossein will eigentlich gar nicht töten. Als ihre männlichen Kameraden damit prahlen, sie hätten Dutzende Feinde umgebracht, sagt sie: „Ich versuche nur, den Feind kampfunfähig zu schießen. Es geht darum, unser Land zu beschützen.“

Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Frauen und Männern, wenn sie „Schulter an Schulter“ kämpfen, wie Robar sagt. Obwohl sie darauf besteht, dass es keinen Unterschied mehr gibt. „Früher stand die Frau hinter dem Mann. Das ist vorbei. Wir stehen jetzt zusammen an der Front.“

So hat es ihr großes Idol, der PKK-Führer Abdullah Öcalan, einst postuliert und mit der Aussicht auf ein Leben jenseits von Kindern und Küche viele kurdische Frauen für den Guerillakampf rekrutiert. Die Kehrseite ist ein Gesetz Öcalans, das weder Sex noch Liebe zwischen Kämpfern erlaubt – eine unvermeidliche Regel in der konservativen Gesellschaft, weil sonst keine kurdische Familie ihre Töchter in den Krieg ziehen lassen würde. „Wenn wir vereidigt werden, schwören wir gemeinsam beim Blut der Shahid, der Märtyrer, uns nur auf den Kampf zu konzentrieren, bis wir gesiegt haben.“

Robar Hossein hat viele Gesetze in der 20-tägigen politischen Schulung der PYD gelernt, die ihrer Militärausbildung folgte. Dort hat sie auch viel über die kurdische Sprache und Geschichte gehört, über Antiimperialismus, Gleichberechtigung der Frauen, autonome Selbstverwaltung und weitere Ideen des in der Türkei inhaftierten „Führers“ Öcalan, die sich um einen föderalen Nahen Osten und die Vereinigung der auf vier Länder verteilten Kurdengebiete drehen. Sie glaubt fest daran. Sie nennt Öcalan ihren „Vater und Gott“.

Die Bilder bleiben, auch in der Nacht
Aber nachts, sagt Robar Hossein nachdenklich, lassen die Bilder des Kriegs sie nicht los. Dann findet sie oft keinen Schlaf, weil Schüsse durch ihren Kopf zischen und die bleichen Gesichter gefallener Kameradinnen erscheinen, wenn sie die Augen schließt. Die Geborgenheit in der Kompanie helfe dann und auch, sagt sie, der Gedanke an ihre Freundin Dicle, die schwer verwundet und sterbend zu ihr sagte: „Geh nicht von deinem Platz weg, bleib, wir müssen kämpfen, bis zum Schluss!“

Manchmal träumt Robar Hossein vom Frieden. Davon, dass der Hass aufhört, der das Leben in Syrien vergiftet. Sie träumt von einem Land der Kurden, in dem sie mit den anderen Minderheiten, den Christen, Jesiden, Alawiten friedlich zusammenleben. Sie glaubt, dass die Kurden im Bürgerkrieg bestehen und eine gerechtere Gesellschaft errichten werden.

„Wir haben etwas, an das wir glauben. Rojava. Die Freiheit“, sagt sie. Aber ist sie wirklich bereit, ihr Leben für das Ideal zu geben, mit gerade 22 Jahren? Natürlich, sagt Robar Hossein mit blitzenden Augen, entrüstet, wild: „Ich habe keine Angst vor dem Tod! Das ist der Beweis meiner Stärke! Meiner Seele als Kämpferin!“

„Massacre in Ceuta 6.02.2014: Protest in Berlin“

„Angehörige der Opposition in Syrien festgenommen“

Auf perfide Weise zeigt Syriens Machthaber Assad, was er von den Genfer Friedensgesprächen hält. Er ordnete die Festnahme von Familienmitgliedern Oppositioneller an, die an den Verhandlungen teilgenommen hatten.

Deutsche Welle

Der syrische Staatschef Baschar al-Assad hat nach Angaben der USA mehrere Verwandte von oppositionellen Delegierten ins Gefängnis gesteckt. Die Delegierten selbst, die auf Seiten der Opposition in Genf verhandelt hatten, wurden von der Führung in Damaskus als Terroristen bezeichnet und ihr Vermögen beschlagnahmt, wie US-Außenamtssprecherin Jen Psaki in Washington weiter mitteilte.

Die US-Regierung zeigte sich empört. Psaki rief Damaskus auf, „unverzüglich und ohne Vorbedingungen alle ungerechterweise“ Festgenommenen wieder freizulassen. Unter ihnen ist auch Mahmud Sabra, der Bruder des Oppositionellen Mohammed Sabra. Politische und willkürliche Inhaftierung, systematische Folter und der Tod Zehntausender ohne Zugang zu fairen Verfahren seien nur einige der dokumentierten Menschenrechtsverletzungen des Regimes, unterstrich sie weiter.

Tomeh bestätigt Festnahmen

Der Premierminister der syrischen Exilregierung, Ahmed Tomeh, bestätigte in Berlin, dass Angehörige von Oppositionellen in Syrien festgenommen worden seien. Jeder, „der auch nur aus der Ferne“ mit Oppositionspolitikern zu tun habe, sei in Gefahr, vom Regime verhaftet oder gar getötet zu werden, sagte er. So sei der Sohn des Oppositionspolitiker Fayez as Sarrah erst vor wenigen Wochen von den Schergen des Regimes hingerichtet worden.

Tomeh steht seit letzten September an der Spitze der syrischen Exilregierung. Der Zahnarzt aus der ostsyrischen Stadt Deir al Zor, wurde von der sogenannten Nationalen Koalition der Syrischen Revolutions- und Oppositionskräfte (SNC) als Nachfolger von Ghassan Hitto gewählt, der im Juli zurückgetreten war.

Zusammen mit weiteren Mitgliedern der Exilregierung führt er derzeit in Berlin Gespräche mit hochrangigen deutschen Politikern. So traf er mit Außenminister Frank-Walter Steinmeier und dem außenpolitischen Berater von Bundeskanzlerin Angela Merkel, Christoph Heusgen zusammen.