„Spanien wirbt für Gas aus Algerien“

Lieferungen aus Afrika könnten Europas Abhängigkeit von Russland verringern, findet die spanische Regierung. Das ist nicht ganz uneigennützig.

Leo Wieland, Madrid in der FAZ

Wenige Tage vor der Präsidentenwahl in Algerien an diesem Donnerstag reiste der spanische Außenminister José Manuel García-Margallo in das nordafrikanische Nachbarland. Bei einer Begegnung mit Präsident Abdelaziz Bouteflika zweifelte er nicht an dem Wahlergebnis, sondern setzte es voraus. Mit Bouteflika, der nach einem Schlaganfall mehrere Monate lang so gut wie „unsichtbar“ war, aber allen Grund hat, nach fünfzehnjähriger Regierungszeit noch einmal im Amt bestätigt zu werden, besprach Margallo ein Thema von „strategischer Bedeutung“: Europas Abhängigkeit von russischem Erdgas und Algeriens Bereitschaft, Ersatz zu liefern.

Der Spanier drückte sich im Anschluss sehr klar aus, als er mit Blick auf die Ukraine-Krise für eine Neuorientierung im Kreis der EU-Verbündeten warb: „Wir sind überzeugt, dass man diese Abhängigkeit reduzieren muss, und dafür muss man zur Versorgung die Lieferung von Gas aus Nordafrika verstärken.“ Die Pläne lägen schon längst „in der Schublade“. Angesichts der russisch-ukrainischen Krise sei es nur aber höchste Zeit, das Projekt zu beschleunigen. Was inzwischen auch die Europäische Union als „Priorität“ anerkenne, sei „gut für Algerien und gut für uns“.

Frankreich als „Engpass“
Mit „uns“ war vor allem Spanien selbst gemeint, das als Vermittler und Transitland auf erhebliche Einnahmen hoffen kann. Das Problem ist der Nachbar Frankreich, der es bislang mit einer Verlängerung der Leitungen aus dem Maghreb auf die iberische Halbinsel nicht eilig hatte. Für den Weg des Gases nach Norden ist die gallische Grenze aus spanischer Sicht der „Engpass“.

Margallo drückte es so aus: „Wir können nicht mehr algerisches Gas kaufen, solange wir nicht bessere Verbindungen in Europa haben. Denn wir haben schon Überkapazitäten.“ Spanien ist der einzige EU-Staat, der schon die Hälfte seines Erdgasbedarfs vorwiegend aus zwei algerischen Pipelines deckt. Der Rest wird aus Schwarzafrika, dem Persischen Golf, Norwegen und der Karibik importiert. Die eine Pipeline, „Medgaz“, führt von dem Erdgasfeld Hassi R‘Mel unter dem Mittelmeer direkt nach Almería. Die andere, „Duran Farell“, nimmt von Algerien den Weg über Marokko und die Straße von Gibraltar auf das spanische Festland. Hinzu kommen in Spanien noch sieben große „regasificadoras“, also Anlagen, die auf Schiffen ankommendes Flüssiggas wieder aufbereiten. Sowohl die Pipelines als auch die Konverteranlagen sind – unter anderem wegen der spanischen Wirtschaftskrise – längst nicht ausgelastet.

Für den Transport nach Norden steht bislang eine Leitung mit bescheidener Kapazität durch die Region Navarra nach Frankreich zur Verfügung. Die spanische Regierung bemüht sich, dass die EU den Bau eines zweiten Gasodukts durch Katalonien, genannt „Midcat“, nun beschleunigt. Midcat wurde im vorigen September prinzipiell gutgeheißen und könnte im günstigen Fall wohl bis zum Jahr 2017 fertiggestellt werden.

Die Konzerne wittern ihre Chance
Nach den spanischen Prognosen könnten Lieferungen aus Algerien einen großen Teil der russischen Importe, die etwa in Deutschland und Österreich besonders hoch sind und im EU-Durchschnitt rund ein Viertel betragen, weitgehend ausgleichen. Von interessierter spanischer Seite meldeten sich dazu schon die beiden wichtigsten Versorgerkonzerne des Landes zu Wort. Der Präsident von Gas Natural Fenosa, Salvador Gabarró, sagte: „Die Krise in der Ukraine bietet eine äußerst wichtige Chance für die spanische Gasindustrie als Tor zu Europa.“ Ähnlich sieht das der Präsident von Iberdrola, Ignacio Galán, der die Regierung von Ministerpräsident Mariano Rajoy in den letzten Monaten vor allem deshalb kritisierte, weil sie den einheimischen Stromsektor insgesamt mit zu hohen Steuern stranguliere.

Bei Gas Natural wird im Übrigen der frühere sozialistische Ministerpräsident Felipe González für ein Jahressalär von knapp 130.000 Euro als „strategischer Berater“ beschäftigt. Er hatte unlängst angekündigt, den Job aufgeben zu wollen, weil er „mich langweilt“. Nun hat González mit neu erwachtem Interesse um ein Jahr verlängert.

Außenminister Margallo und Pensionär González sind nicht die Einzigen, die Spaniens „privilegierte Beziehungen“ mit der arabischen Welt pflegen. Gerade ist auch König Juan Carlos zum ersten von sechs Besuchen am Golf nach Abu Dhabi gereist. Der Monarch, der für die Infrastrukturunternehmen seines Landes schon einen Großauftrag von sieben Milliarden Euro für den Bau eines Hochgeschwindigkeitszuges von Mekka nach Medina besorgte, wirbt nun um ein Acht-Milliarden-Projekt für den Bau einer Metro in Abu Dhabi. Daneben geht es um einen Flughafenausbau in Kuweit und in Qatar um weitere drei Milliarden für den Bau von Schiffen auf Werften in Asturien.

Es fehlt an Stabilität
Was derweil bei den spanischen Empfehlungen einer die Abhängigkeit von Russland verringernden Intensivierung der energetischen Zusammenarbeit mit Nordafrika eher flüchtig behandelt wird, sind die dortigen Risiken und die Fragen der innenpolitischen Stabilität. Das gilt besonders für Fall Algerien, wo islamistische Terroristen im Januar vorigen Jahres die größte Gasraffinerie des Landes überfielen und sowohl einheimische als auch ausländische Angestellte als Geiseln nahmen. Mehr als fünfzig Menschen kamen bei einem Einsatz der Armee ums Leben.

Hinter dem Anschlag auf die Anlage „In Amenas“ nahe der libyschen Grenze, die im Jahr rund neun Milliarden Tonnen Gas fördert und damit etwa ein Fünftel der Exporte deckt, steckte eine dissidente Splittergruppe von Al Qaida im islamischen Maghreb. Die Angreifer unter der Führung des gefürchteten Mokhtar Ben Mokhtak – seine Brigade trägt den Namen „Die mit Blut unterschreiben“ – kamen aus Mali, einer prekären Terroristenhochburg in unmittelbarer Nachbarschaft Algeriens. Nicht nur dort fragt man sich auch, wie es eines Tages ohne Bouteflika weitergehen wird.