„Syrien: 18.000 Menschen droht der Hungertod“

Florian Rötzer auf telepolis, dort mit den Verlinkungen im Artikel

Die Bevölkerung von Yarmouk, eines Stadtviertels von Damaskus, wird wegen Kämpfen mit Aufständischen seit Monaten abgeriegelt, jetzt können seit 12 Tagen keine Lebensmittelpakete der UN mehr geliefert werden
Gestern schrieb der UNRWA-Sprecher Chris Gunness auf seinem Twitter-Account: „UN food has run out in Yarmouk, Damascus. These people need feeding.“ Es sei schon der 11. Tag, an dem den 18.000 Menschen, die noch im weitgehend zerbombten Palästinenserviertel in Yarmouk am Rande von Damaskus leben, keine Lebensmittel mehr geliefert werden konnten.

Schon lange darben die Menschen in dem einst prosperierenden Viertel, das als Vorbild für die Integration der Palästinenser galt. Die Palästinenser wollten sich aus dem 2011 einsetzenden Konflikt heraushalten, im Dezember 2012 wurde das Viertel aber vom Regime bombardiert, wie, sich dort Oppositionelle verschanzt hatten. Die Bewohner des Viertels wurden zum Opfer der Konfliktparteien. Es setzte eine Massenflucht ein. 140.000 Menschen flohen, zurück blieben diejenigen, die die Möglichkeiten nicht hatten, meist Alte, Kinder, Kranke.

Seit Juli 2013 leben die Zurückgebliebenen in einer Falle, das Viertel wurde von der syrischen Armee abgeriegelt und damit auch die Lebensmittelzufuhr und die Versorgung mit Medikamenten blockiert. Amnesty schrieb im März, dass „Regierungstruppen und ihre Verbündeten in Yarmouk wiederholt Angriffe auf zivile Gebäude wie Schulen, Krankenhäuser und eine Moschee durchgeführt haben, unter anderem in Form von Luftangriffen und Bombardements mit schwerem Geschütz. Einige der Angriffsziele dienten Binnenflüchtlingen, die durch den Konflikt vertrieben wurden, als Unterschlupf. Auch Ärzte und medizinisches Personal wurden gezielt angegriffen.“

Die Mehrzahl der Menschen leidet unter Mangelernährung. Obst und Gemüse gibt es kaum, ein Kilo Reis kostet 100 US-Dollar, seit April gibt es auch keinen Strom mehr. Auf Nahrungssuchende, die streunende Tiere, Gras oder alles sammeln, was sich essen lässt, lauern Scharfschützen. Amnesty spricht von einem Kriegsverbrechen, das die syrische Armee begeht, weil sie das Aushungern der Bevölkerung als Waffe einsetzt.

Nach einer Resolution 2139 des UN-Sicherheitsrates vom Februar sind alle Bürgerkriegsparteien aufgefordert, Belagerungen zu beenden und die Versorgung der Menschen zuzulassen. Im Januar kam es zu einer Vereinbarung, nach der UNRWA immer mal wieder Lebensmittelpakete in das Viertel bringen konnte. Vom 11. März bis zum 10. April konnten nur zehn Mal Hilfslieferungen in das Viertel gebracht werden. Aber auch damit ist es jetzt wieder vorbei. Ein Lebensmittelpaket reicht für eine Familie für zehn Tage. Anfang April konnte schon für eine Woche nichts mehr geliefert werden. Am 7. April konnte das Hilfswerk der UN noch einmal Lebensmittel in das Viertel bringen. Seit dem 10. April wegen des Ausbruchs neuer Kämpfe nicht mehr. Schon zuvor waren Menschen verhungert. Menschen werden sterben, schreibt Gunness und appelliert an den Sicherheitsrat. Aber von dem dürfte keine Hilfe zu erwarten sein. Der Ukraine-Konflikt hat ihn vollends handlungsunfähig gemacht.

Die „humanitären Fakten rufen nach einer Reaktion“, sagte Gunness dem Guardian, sonst müsse „die Menschlichkeit von uns allen ernsthaft hinterfragt“ werden: „Es ist ein Angriff auf uns alle, wenn in einer Hauptstadt eines Mitgliedsstaats der Vereinten Nationen Frauen beim Gebären wegen fehlender medizinischer Behandlung, wenn es Mangelernährung bei Kindern gibt und Menschen Tierfutter essen müssen.“

Schon im März schrieb Amnesty:

„Die Belagerung von Yarmouk ist die tödlichste einer ganzen Reihe von bewaffneten Blockaden ziviler Gebiete. Fast eine Viertelmillion Menschen sind von Blockaden sowohl seitens der syrischen Armee als auch der bewaffneten Oppositionsgruppen betroffen. Diese Belagerungen verursachen unvorstellbares menschliches Leiden und müssen sämtlich sofort beendet werden.“