„Boykott der Hymne“

Die auch nach den Präsidentschaftswahlen in Algerien anhaltenden Demonstrationen in der Berberregion Kabylei zeigen, dass der Widerstand gegen das autoritäre Regime wächst.

Zeyneb El Houssem in der jungle world

Die Kabylei hat sich seit dem algerischen Unabhängigkeitskrieg zu einer Region mit stark ausgeprägter Protesttradition entwickelt. Nur 25 Prozent der regionalen Bevölkerung beteiligten sich an den Präsidentschaftswahlen, aus denen Ab­delaziz Bouteflika mit angeblich 81,5 Prozent der Stimmen zum vierten Mal als Präsident hervorging. Zum 34. Jahrestag des »berberischen Frühlings«, dem 20. April, demonstrierten Tausende Kabylinnen und Kabylen in Tizi Ouzou, obwohl das algerische Innenministerium die Demons­tration nicht genehmigt hatte. Auch in den Städten Bejaya und Bouira gingen Tausende Menschen auf die Straße. Sie forderten die offizielle Anerkennung ihrer Sprache Amazight als Amtssprache des Landes neben Arabisch. »Unsere Sprache soll in den 40 Gemeinden der Kabylei gelehrt werden. Außerdem möchten wir einen friedlichen Regimewechsel aufgrund von nicht manipulierten Wahlen und eine unabhängige Justiz«, sagte der in Bouira lebende Menschenrechtler und Vorsitzende der Gewerkschaft algerischer Architekten (SYNAA), Noureddine Ait Yahiatene, der Jungle World.

Der 20. April steht symbolisch für die Forderungen der Berberbewegung. Im Frühjahr 1980 ­riefen Studierende der Universität von Tizi Ouzou einen Generalstreik aus, der nach zwölf ­Tagen gewaltsam von der Polizei beendet wurde. Infolge dieser Gewalt und der Ermordung des Gymnasiasten Massinissa Gherma auf der Polizeiwache von Beni Douala, der bei Demonstra­tionen für die Anerkennung von Amazight festgenommen worden war, fanden am 20. April 1980 Massenkundgebungen statt, die sich bald auf die ganze Region ausweiteten. Im Laufe der Konfrontationen des Frühjahrs 1980 entstand die Bewegung Mouvement Culturel Berbère (MCB).

Am 20. April dieses Jahres wurden die von der MCB organisierten Demonstrationen erneut von der Polizei niedergeschlagen. »Die Demonstration ist manipuliert worden, es haben sich Leute unter die Demonstrierenden gemischt, die nichts mit unserer Bewegung zu tun haben. Sie haben angefangen, mit Steinen zu werfen. Daraufhin schlug die Polizei los«, berichtet Yahiatene. Zahlreiche Personen wurden verletzt und festgenommen, darunter ein Junge, der Polizisten dabei filmte, wie sie einen Jugendlichen halb tot schlugen. Aktivisten, Gewerkschaften sowie Vertreter der in der Kabylei einflussreichen Oppositionsparteien RCD und FFS verurteilten das Vorgehen der Polizei scharf und drängten auf die Freilassung der Inhaftierten.

Eine Woche später, am 27. April, demonstrierten Tausende in Tizi Ouzou gegen die Polizeigewalt. Zu dieser Demonstration hatte jedoch die »Bewegung für die Unabhängigkeit der Kabylei« (MAK) aufgerufen. Sie verfolgt andere Ziele als die MCB. »Die MAK ist vom Geheimdienst DRS geschaffen worden, um unsere Forderungen zu diskreditieren und die Kabylei zu schwächen«, meint Yahiatene. »Wir verstehen unter Autonomie aber etwas anderes, wir wollen keine Abspaltung von Algerien.« Dazu gehöre auch die Solidarität mit den unter Diskriminierung leidenden Chaouis und Mozabiten, Berbern im Nordosten Algeriens und der algerischen Sahara.

Beim Fußballspiel am Samstag in der kabylischen Stadt Blida zwischen der kabylischen Mannschaft JSK und Mouloudia aus Algier trat der Konflikt zwischen Anhängern und Gegnern des algerischen Regimes erneut zutage. Als die Mouloudia-Fans nach ihrem Sieg die algerische Nationalhymne anstimmten, kehrten ihnen die Fans von JSK der kabylischen Nachrichtenagentur SIWEL zufolge den Rücken zu und riefen »Mörder­regime«, den 1998 ermordeten kabylischen Sänger Lounes Matoub zitierend. »Es wird hier keinen arabischen Frühling geben, denn wir Algerier haben die dunklen neunziger Jahre erlebt, in denen mehr als 200 000 Menschen umgekommen sind. Aber gestern im Fußballstadion von Blida habe ich gesehen, dass unsere Jugendlichen sehr politisiert sind«, freute sich Yahiatene.