„Palästinenser aus Syrien fürchten Abschiebung aus dem Libanon“

Mehr als eine Million Syrer sind wegen des Kriegs in den Libanon geflohen. Aber seit Kurzem werden manche von ihnen wieder in die alte Heimat zurückgeschickt – betroffen sind nur Palästinenser aus Syrien.

Björn Blaschke im DLF

Selbstbewusst krabbelt die sieben Monate alte Rita auf einem abgewetzten Teppich herum; guckt neugierig in die Welt – ein spärlich eingerichtetes Wohnzimmer, durch dessen Fenster die Geräusche der engen Gassen draußen dringen. Auf dem Sofa: die Mutter, Farah: Das Kleid: wallend, goldbraun; das Kopftuch in derselben Farbe; unter dem Kinn eng zusammengebunden. Das Tuch rahmt ihr Gesicht ein – und scheint es noch runder zu machen, als es ohnehin ist. Anders als ihre Tochter sitzt Farah still da und blickt eher schüchtern drein.

„Nächsten Monat läuft meine Aufenthaltsgenehmigung ab. Wenn ich dann in eine Polizei-Kontrolle gerate… ich gehe dann nicht mehr auf den Markt.“

Farah hat Angst, von libanesischen Sicherheitskräften aufgegriffen und abgeschoben zu werden – dorthin, woher sie gekommen ist: Aus Syrien. Denn genau das widerfuhr in den vergangenen Wochen mehreren Menschen, die aus Syrien nach Libanon gekommen waren. Abschiebung in ein Kriegsgebiet? Einzelfälle – wie es aus libanesischen Behörden heißt – Einzelfälle von Flüchtlingen, die mit gefälschten Visa für Drittländer erwischt wurden. Es waren alles Palästinenser aus Syrien, wie die Anfang 20-jährige Farah. Sie ist Kindeskind einer Familie, die nach der Staatsgründung Israels ihre Heimat verlassen hatte und sich in der syrischen Hauptstadt niederließ. Die Führung in Damaskus hat die palästinensischen Flüchtlinge und deren Nachkommen stets recht gut behandelt; ihnen zum Beispiel voll und ganz den Zugang zum Sozial- und zum Bildungssystem ermöglicht; eine Staatsangehörigkeit erteilte sie ihnen in der Regel jedoch nicht.

Nur Touristenvisa für Palästinenser
Die Palästinenser in Syrien haben Flüchtlingsdokumente. Als Farah vor drei Jahren aus Yarmouk, einem einstigen Palästinenserlager, das längst zu einem Vorort von Damaskus herangewachsen ist, nach Beirut kam, ließen die libanesischen Behörden sie als „Touristin“ einreisen. Diesen Status haben die Palästinenser, die aus Syrien nach Libanon gekommen sind, grundsätzlich; für seine Verlängerung müssen sie jedes Mal Geld bezahlen, das viele gar nicht haben, weil das etwaige Ersparte irgendwann aufgebraucht ist; sie als „Touristen“ nicht arbeiten dürfen.

Farah, ihr Mann, ihre Eltern, drei jüngere Schwestern und die sieben Monate alte Tochter Rita sind in einem der engen libanesischen Palästinenserlager untergekommen. Sie haben kein fließendes Wasser; Strom fließt ebenfalls selten. Sie krebsen herum, um zu überleben. Farahs Mann ist Tagelöhner; sie selbst ist eine Art Kindergärtnerin für die Nachbarschaft, wofür sie umgerechnet etwa 130 Euro im Monat bekommt. Aber, fragt sie, was kann man in einem teuren Land wie Libanon schon damit anfangen?

Libanon gilt als Land, das grundsätzlich besonders schlecht mit palästinensischen Flüchtlingen umgeht. Die „eigenen“, also die Familien der Palästinenser, die nach der Staatsgründung Israels nach Libanon kamen, leben bis heute zum Teil unter menschenunwürdigen Bedingungen in Lagern – ohne Zugang zum öffentlichen Sektor wie staatliche Schulen. Und mit den palästinensischen Flüchtlingen, die aus Syrien dazugekommen sind, gehen die libanesischen Behörden genauso um. Ein Verhalten, das auch damit zu erklären ist, dass die vielen Palästinenserorganisationen im langen libanesischen Bürgerkrieg eine höchst unrühmliche Rolle spielten. Immerhin – so Marwan Abdulalla‘l von der Volksfront zur Befreiung Palästinas, kurz PFLP – immerhin etwa 55.000 Palästinenser aus Syrien sind in den zurückliegenden drei Jahren in Libanon registriert worden.

Aber: Wenngleich ihre genaue Zahl unbekannt sei – so Marwan Abdulalla‘l weiter – hätten viele dieser Registrierten Libanon längst wieder verlassen: Die meisten seien nach Syrien zurückgekehrt, weil sie sich in Libanon allzu schlechten Lebensbedingungen ausgesetzt fühlten. Lieber Krieg als das. Andere Palästinenser aus Syrien haben sich – so Marwan Abdulalla‘l – gefälschte Visa gekauft. Mafiabanden hätten sich darauf in Beirut spezialisiert. Die falschen Visa für Libyen seien billiger als die für den Westen – und von Libyen aus sei es ja nur mehr ein Katzensprung nach Europa; in einem Boot.

Legale Flucht fast ausgeschlossen
Dass die libanesischen Behörden palästinensische Flüchtlinge aus Syrien nach Syrien zurückschickten, weil sie in Beirut mit falschen Visa für sogenannte Drittländer erwischt worden waren, lässt Unruhe unter den anderen Palästinensern aus Syrien aufkommen. Ein gefälschtes Visum ist eine Straftat, aber dafür Abschiebung in ein Kriegsgebiet? Apropos: Auch auf einer anderen Ebene haben die libanesischen Behörden Unruhe unter den Palästinensern aus Syrien gestiftet: Seit Kurzem müssen palästinensische Flüchtlinge, die aus Damaskus beispielsweise nach Beirut kommen wollen, vor ihrer Einreise Libanon-Visa beantragen – was ihre legale Flucht vor dem Krieg im Prinzip vornherein ausschließt.

Syrer hingegen können nach wie vor ungehindert und ohne Visa nach Libanon kommen. Die einen dürfen dem Krieg entrinnen; die anderen müssen bleiben. Was – fragen Palästinenser – was also lassen sich die libanesischen Behörden als nächstes Einfallen? Werden sie, weil es mittlerweile zu viele Flüchtlinge aus Syrien in Libanon gibt, die syrischen Palästinenser alle rausschmeißen? Diese Unsicherheit lässt die 20-jährige Farah davon träumen, Beirut zu verlassen. Sie wünscht sich und ihrer sieben Monate alten Tochter Rita ein neues Leben.
Eine Rückkehr nach Syrien schließt sie aus: Ihr Zuhause bei Damaskus, ein kleines Häuschen mit Garten auf eigenem Grund, sei wahrscheinlich längst dem Erdboden gleich; sie habe aber keine handfesten Informationen. Das Lager Yarmouk war zeitweilig brutal umkämpft; wurde solange belagert, bis die Menschen sogar Gras und Baumblätter aßen. Nein, sie und ihre Familie haben ein anderes Ziel vor Augen.

„Deutschland, und zwar legal, ohne ein gekauftes Visum. Die Syrer dürfen hierher reisen und manche auch noch weiter. Nur den Palästinensern ist das verboten. warum?“