„Das tödliche Erbe des Diktators Muammar Gaddafi“

In Libyen haben Banden das Sagen. Sie kontrollieren Flughafen und Straßen. Der Staat ist hilflos. Trotzdem machen deutsche Manager hier Geschäfte. Sie arrangieren sich und müssen mit der Angst leben.

Tobias Kaiser, Tripolis in der WELT

Als Houssam Ammar die notdürftig mit Pappe geflickte Haustür sah, wusste er, dass eine böse Überraschung auf ihn wartete. Die Fahrt vom Flughafen aus durch Tripolis hatte ihn bereits deprimiert: bewaffnete Männer in den Straßen, ausgebrannte Autos, Straßensperren und Einschusslöcher in den Hauswänden.

Und jetzt stellte er fest, dass die Folgen der Revolution offenbar bis in das Wohnzimmer seiner Familie reichten.

„Das geht ja noch“, dachte er sich, als er durch die ersten Zimmer gegangen war. Im Haus herrschte Chaos, aber nichts war zerstört. Hier hatten Menschen gewütet, keine Granaten und keine Bomben.

Schränke und Kommoden waren leer geräumt, ihr Inhalt in den Zimmern verstreut: Kleider auf dem Schlafzimmerboden, Kuscheltiere im Kinderzimmer, Akten rund um seinen Schreibtisch. Aber nur zwei Computer und das Bargeld aus dem Safe fehlten.

Eine Woche später kamen drei Männer und brachten ihm Geld und Computer zurück. „Sie waren von der Polizei“, sagt Ammar. Von ihnen erfuhr er, dass einer seiner Partner vor Ort revolutionäre Videos im Internet veröffentlicht hatte.

Mehr Freunde in Libyen als in Deutschland

Damals, kurz vor Weihnachen 2011, war er zurückgekommen, um sich einen Überblick über die Lage zu verschaffen. Zehn Monate zuvor, als die Raketen auch in Tripolis einzuschlagen begannen, hatte Familie Ammar die Koffer gepackt, um wie die meisten Ausländer das Land zu verlassen.

Die Ammars gingen erst mal zurück nach Bremen. Dort war der Sohn libanesischer Bürgerkriegsflüchtlinge zur Schule gegangen, und dort sitzt auch sein Arbeitgeber, die Roland Spedition, deren Büro in Tripolis Ammar seit zwölf Jahren leitet. „Ich habe inzwischen mehr Freunde in Libyen als in Deutschland“, sagt Ammar.

Als er in seinem verwüsteten Wohnzimmer saß und mit seiner Frau in Bremen telefonierte, dämmerte ihm, dass sein Leben in Tripolis künftig ein anderes sein würde als vor der Revolution.

Die Familie war im Frühjahr 2012 zurück in die Hauptstadt gekommen – so wie andere Deutsche, die sich seitdem von der Rechtlosigkeit in dem Land nicht davon abhalten lassen, hier wieder Geschäfte zu machen.

Jede Nacht hört die Familie draußen Schüsse

Sie leben in Tripolis und Misrata, machen Verträge und treiben Geld ein, in einem Land, in dem bewaffnete Banden das Sagen haben, nicht der Staat oder gar die Polizei. Das gehe gut, sagen Deutsche, die zurückgekehrt sind. Auch in einem Land ohne Staatsgewalt sei Alltag möglich.

In der vergangenen Woche eskalierte der Machtkampf zwischen den rivalisierenden Milizen. Die Lage ist so gespannt, dass die USA bereits die Evakuierung der Botschaft vorbereiten. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate haben ihre diplomatischen Vertretungen bereits geschlossen.

Anders als die Diplomaten oder die Angestellten der großen Öl-Multis leben die Ammars nicht in einer der abgeriegelten und schwer bewachten Siedlungen oder einem der großen Hotels, die durch Panzersperren in den Auffahrten und Diplomaten-Polizei vor der Lobby geschützt werden.

Ihr Haus liegt in einem ganz normalen Wohnviertel. Jede Nacht hört die Familie draußen Schüsse. Ob sie nebenan oder ein paar Straßen weiter abgefeuert werden, ist schwer zu sagen. In den ersten Wochen zuckte Ammars Ehefrau bei jedem Knall zusammen, er nahm sie dann zur Beruhigung in den Arm. Wäre es nach ihr gegangen, die Familie wäre nicht zurückgekehrt.

Waffenlager von Diktator Gaddafi

In der Dunkelheit bekämpfen sich Banden untereinander, gelegentlich feuern aber auch Privatleute. Das ist das tödliche Erbe des Diktators Muammar Gaddafi. Seine Waffenlager, die im Bürgerkrieg aufgebrochen und geplündert wurden, galten als die größten des Nahen Ostens.

Nun wird mit den gestohlenen Waffen in den Bürgerkriegen in Mali und Syrien geschossen – und eben auf den Straßen von Tripolis und Bengasi. „Jeder hat inzwischen eine Waffe“, sagt Ammar bitter. Konflikte werden häufig mit Gewalt gelöst.

Wenn die Kämpfe nachts so heftig waren, dass die Fernsehsender darüber berichten, bleiben die Ammars am nächsten Morgen zu Hause. An den meisten Tagen hält Ammar auf dem Weg zur Arbeit an seinem Stammlokal, holt sich einen Kaffee und lässt sich erzählen, wo in der Nacht Kämpfe stattgefunden haben. Diese Viertel meidet er dann auf dem Weg zur Arbeit.

Wer ihn kontrolliert, weiß er nicht

Wenn Ammar länger im Büro war und im Dunkeln nach Hause fährt, muss er auf dem Weg aus der Stadt einige Straßensperren passieren. Wer die jungen Männer sind, die auf den in Tarnfarben gestrichenen Pick-ups sitzen oder hinter den auf den Ladeflächen montierten Schienengewehren stehen, weiß er oft nicht.

Den meisten Libyern geht es genauso. Es könnte die Polizei sein oder das Militär, Mitglieder einer Miliz, Anwohner, die ihr Viertel schützen, oder einfach Kriminelle, die teure Autos stehlen wollen. Wer es vermeiden kann, ist nach 22 Uhr nicht mehr unterwegs.

Holger Mulch* ist vorsichtiger. Der in Berlin geborene Manager leitet von Tripolis aus das Nordafrika-Geschäft einer Firma, die in Libyen Kraftwerke wartet und saniert. Mulch arbeitet seit 2006 hier, zuvor lebten er und seine Familie in Ägypten.

Der Ingenieur bricht jeden Morgen zu einer anderen Uhrzeit von zu Hause auf, und auf dem Weg ins Büro in der Innenstadt wechselt er täglich die Route – falls es tatsächlich jemand darauf abgesehen haben sollte, ihn wegen Lösegeld zu entführen. Folgt ihm für längere Zeit das gleiche Auto, biegt er ein paar Mal ab. „Wie in einem James-Bond-Film“, sagt Mulch.

Bis heute gibt es in Tripolis kein Kino

Dass sich das Privatleben nur noch zu Hause abspielt, empfinden Mulch und seine Kollegen als die größte Einschränkung. Sie fühlen sich nicht in Gefahr oder bedroht, sagt er. Aber das soziale Leben, das fehle sehr.

Bereits vor der Revolution war das Kulturleben des Landes karg wie die Sahara, die 85 Prozent der gesamten Landesfläche ausmacht. Die libyschen Stämme haben kaum Literatur produziert, und die typisch einheimische Musik, gespielt auf einer Sackpfeife, hat international kaum Fans.

Zudem wollte Gaddafi weder Hollywood-Filme noch Theaterstücke in seinem Staat sehen. Bis heute gibt es in Tripolis, einer Stadt mit 1,8 Millionen Einwohnern, kein einziges Kino. Das soziale Leben spielte sich deshalb bereits vor dem Bürgerkrieg in den Privathäusern ab, die traditionell von hohen Mauern umgeben sind.

Auswärts feiert die heimische Bevölkerung meistens nur Hochzeiten. Oder man folgt privaten Einladungen, allerdings streng nach Geschlechtern getrennt.

Ist die Ehefrau zu Besuch, hat er Angst um sie

Die Ausländer hatten früher ihr eigenes Kulturleben organisiert. Die Deutschen feierten vier Tage lang das Aufstellen des Maibaums: Die Männer organisierten einen Telefonmast, bemalten ihn, die Frauen flochten den Kranz, und die Familien tanzten gemeinsam mit Italienern, Franzosen und Briten um den aufgestellten Baum.

Am 4. Juli, zum Independence Day, luden die Amerikaner ein, so ging es reihum. „Es war immer Stimmung“, sagt Mulch. Am Wochenende fuhren er und seine Kinder in die Wüste, sie wanderten im Gebirge oder suchten sich ein einsames Stückchen Sandstrand an den 2000 Kilometern Küste.

Heute trauen sich selbst Libyer nicht mehr an den Strand, und die Ausländer, die wieder im Land sind, haben ihre Familien in der Regel nicht mitgebracht. „Ich weiß von zwei oder drei Ehefrauen, die hier sind“, sagt Mulch. „Die sitzen den ganzen Tag zu Hause oder fahren gemeinsam shoppen. Das Leben hier ist einfach nicht mehr so unbeschwert.“

Seine eigene Frau kommt häufig zu Besuch, dann aber hat er gelegentlich Angst um sie. „Wenn ich zwei oder drei Tage geschäftlich in Bengasi bin, und sie ist allein zu Hause, habe ich schon ein mulmiges Gefühl“, sagt er.

Das Familienleben ging kaputt

Die internationalen Schulen waren vor der Revolution Dreh- und Angelpunkt des gesellschaftlichen Lebens der Ausländer. Heute sind sie geschlossen, nur an der irischen Schule wird wieder unterrichtet. Wolfgang Marschick schickt seine beiden Kinder dorthin, auch seine Frau arbeitet dort.

Er ist einer der ganz wenigen, die ihre Kinder mit zurückgebracht haben – es ging nicht mehr anders: „Zuerst war ich allein hier, und wir waren zwei Jahre lang praktisch getrennt“, sagt er. „Wir sind uns alle fremd geworden, und das hat ganz allmählich unser Familienleben zerstört.“

Marschick leitet in Tripolis die Geschäfte von Ferrostaal, einem Unternehmen, das hier Anlagen für die Ölindustrie baut. Wie profitabel das Geschäft ist, will der Ingenieur nicht verraten. Es ist ein offenes Geheimnis, dass viele ausländische Firmen kaum Gewinn oder sogar Verluste machen. Doch sie bleiben vor Ort, um sich künftige Geschäfte in einem potenziell reichen Land zu sichern.

Denn Libyen mag zwar ein Entwicklungsland sein, es verfügt aber über viel Öl. Im UN-Index der menschlichen Entwicklung, der die Lebenserwartung und die Bildung berücksichtigt, schnitt Libyen zuletzt weniger gut ab als viele arabische Länder – aber besser als jedes andere afrikanische Land.

Die geringe Schuldenlast ist fast Weltspitze

Das Libyen, das Marschick kennenlernte, als ihn seine Firma vor sieben Jahren nach Tripolis schickte, war denn auch ein boomendes Land. Gaddafi hatte gerade versprochen, die Opfer des über dem schottischen Lockerbie abgeschossenen Pan-Am-Linienflugs mit Milliarden Dollar zu entschädigen, und die internationalen Embargos gegen Libyen waren aufgehoben worden.

Das Land konnte sein Öl wieder frei verkaufen und blühte auf. Der libysche Staat war großzügig: Gaddafi schuf eine Art Planwirtschaft, in der Verwaltung und Staatsfirmen große Teile des Wirtschaftslebens dominierten. Vor der Revolution arbeiteten rund eine Million Menschen für den Staat – bei einer Bevölkerung von nur sechs Millionen.

Für praktisch jeden gab es einen Arbeitsplatz, auch wenn viele Staatsangestellte stundenlang im Café saßen und nur selten an ihrem Arbeitsplatz erschienen. In der Regel besitzen libysche Familien ein eigenes Haus, häufig auch noch ein zweites an der Küste oder auf dem Land.

Das Geld für diese Klientelwirtschaft kaum aus dem Ölgeschäft. Im vergangenen Jahr war der libysche Staat nur mit rund fünf Prozent der Wirtschaftsleistung verschuldet. Das war fast Weltspitze: Kleiner waren nur die Schuldenlasten Omans und von Liberia. Deutschland steht dagegen mit 80 Prozent des BIP in der Kreide.

Die Zahl der Verbrechen steigt stark

Unter dem autoritären Gaddafi-Regime gab es kaum Kriminalität. Wenn Wolfgang Marschick sich am Kiosk eine Zeitung geholt hat, ließ er den Zündschlüssel stecken und seine Tasche auf dem Rücksitz stehen. Das ist heute undenkbar. Die Zahl der Verbrechen steigt stark, und die Polizei hilft selten.

„Die Polizisten verdrücken sich lieber, als einzugreifen“, sagt der 57-Jährige. „Die wissen doch auch nicht, ob der Typ, der mir den Rückspiegel abgefahren hat, nicht eine Knarre hat.“

Gaddafi steckte vor der Revolution Milliarden in große Bauprojekte: In gewaltige Kanäle und Pumpen, die Wasser von den Wüstenquellen an die Küste transportieren sollten, in Kraftwerke, Autobahnen und einen neuen internationalen Flughafen. Es war die Zeit, als Ammar, Mulch und Marschick ins Land kamen.

Viele der Projekte wurden wegen des Bürgerkriegs nie abgeschlossen. Ganze Siedlungen halb fertiggestellter Wohnblocks säumen die großen Straßen in der Innenstadt von Tripolis. Autobahnzubringer enden mitten in der Luft, am Flughafen passiert nichts. In vielen Straßen stehen Bauruinen neben kriegszerstörten Gebäuden.

Neue Form der Klientelwirtschaft

Baufirmen und Lieferanten aus der ganzen Welt sitzen jetzt auf unbezahlten Rechnungen, nicht nur für fertiggestellte Arbeiten, sondern auch für Baumaschinen, Computer und Ausrüstung, die im Bürgerkrieg von den Baustellen im ganzen Land gestohlen wurden.

Auf mehrere Milliarden Euro werden die Ausstände geschätzt, aber der libysche Staat weigert sich bisher zu zahlen. Für die Manager vor Ort gehören das Eintreiben von Forderungen und die regelmäßigen Gespräche mit den Regierungsverantwortlichen zum täglichen Geschäft.

Der Staat zahlt aber die Gehälter weiter, deshalb funktioniert auch das öffentliche Leben weitgehend. Strom und Wasser fließen, die Häfen nehmen Lieferungen entgegen, der Zoll und die Verwaltung arbeiten – wenn auch häufig noch langsamer als vor der Revolution.

Wegen des Bürgerkriegs konnte nur wenig Öl gefördert und exportiert werden, zuletzt hatten Milizen mehrere Häfen besetzt und die Ausfuhr für viele Monate blockiert. Der Staat hat den Hafen inzwischen wieder freigekauft und zahlt die Miliz künftig dafür, dass sie den Hafen verwaltet. Die Banden setzen auf diese Weise die Klientelwirtschaft aus der Gaddafi-Zeit auf ihre eigene Art fort.

Eine Bande kontrolliert den Flughafen von Tripolis

Der Flughafen von Tripolis etwa ist völlig in der Hand einer der Banden. Die Bewaffneten hatten das Gebäude besetzt und zwingen die Regierung seitdem, sie für die Verwaltung des Airports zu entlohnen. Jetzt wird das Handgepäck an der Sicherheitskontrolle zwar weiterhin durchleuchtet, aber keiner der Milizionäre macht sich die Arbeit, auch nur einen Blick auf den Bildschirm mit dem Röntgenbild zu werfen.

Lufthansa fliegt den Flughafen nicht mehr an, nachdem eine Bombe auf dem Rollfeld explodiert ist und anfliegende Maschinen beschossen wurden.

In den vergangenen Tagen haben deutsche Unternehmen einen Großteil ihrer Mitarbeiter nach Hause geholt. Auch Houssam Ammars Ehefrau ist inzwischen mit den Kindern wieder nach Bremen gezogen. Er selbst verbringt aber immer noch die Hälfte seiner Arbeitszeit in Tripolis.

Dass die Kämpfe hier in den vergangenen Tagen heftiger geworden sind, schreckt ihn nicht, aber für seine Freunde vor Ort hofft er, dass bald Ruhe einkehrt. „Wir haben das Glück, dass wir deutsche Pässe haben“, sagt Ammar. „Wenn von der Botschaft aus evakuiert wird, sind wir dabei. Unsere libyschen Freunde müssen hierbleiben.“

* Name von der Redaktion geändert