„Libanesen in Syrien: Verschwunden und Vergessen“

Syrische Sicherheitskräfte verschleppten während und nach dem libanesischen Bürgerkrieg zehntausende Menschen aus dem Nachbarland. Die Angehörigen warten seit Jahren auf Lebenszeichen. Viele verlieren irgendwann die Hoffnung.

Björn Blaschke im Deutschlandfunk, hier zum anhören

Die Porträts sind verblichen; Sonne und Regen haben das einst weiße Leinenzelt, an dessen Außenbahnen die Bilder geheftet sind, gräulich und spakig werden lassen. Kein Wunder: Es steht schon seit mehr als neun Jahren auf dem kleinen Khalil Gibran-Platz im Zentrum von Beirut. Jeden Donnerstag kommt an dem Zelt – bei jedem Wetter – eine Handvoll Menschen zur Mahnwache zusammen; sie erinnern an die, die die Porträts zeigen: Libanesen, die in Syrien verschwunden sind. Jeannette Yusef beispielsweise versucht hier allwöchentlich, die Gedanken an ihren Bruder wachzuhalten: „Der schwarze Tag war der 30. August 1983“, sagt Jeannette Yusef, deren grau-grüne Augen deutlich heller sind, als die ihres Bruders Milad – glaubt man dem Schwarz-Weiß-Foto, das sie stets von ihm bei sich trägt.

1983 – es war eine der brutalsten Zeiten des langen libanesischen Bürgerkrieges, in den sich längst auch der große Nachbar Syrien eingemischt hatte. In vielen Regionen Libanons waren syrische Militäreinheiten stationiert – offiziell als Schutzkräfte für die wechselnden libanesischen Verbündeten. Jeannettes Bruder Milad jedenfalls diente seinerzeit in der libanesischen Armee als Wehrpflichtiger. Er war gerade 18 Jahre alt, drei Jahre jünger als seine Schwester. Bei der Flughafenstraße in Beirut schob er Wache; an einem Kontrollposten neben einem Kino. In der Nähe waren an jenem Tag Mitglieder von Milizen unterwegs, deren Chefs bis heute mit Syrien verbündet sind. Milad näherte sich den Bewaffneten – das haben Jeannettes Nachforschungen ergeben – was dann geschah, weiß sie bis heute nicht. Fest steht nur: Seit jenem 30. August 1983 ist Jeannettes Bruder verschwunden. Höchst wahrscheinlich wurde er nach Syrien verschleppt und verschwand dort in einem der zahllosen Gefängnisse.

Die Informationen Jeannettes basieren unter anderem auf Berichten zweier Ex-Häftlinge, denen sich angeblich ihr Bruder als Milad Yusef vorstellte – zuletzt 2008. Rund 17.000 Menschen sollen syrische Sicherheitskräfte während des Bürgerkrieges in Libanon zwischen 1975 und 1990 verschleppt haben – und in der Zeit danach – bis 2005; bis sie als Besatzungsmacht formal abzogen. 17.000! Ghazi Aad hält diese Zahl für übertrieben. Er glaubt das es weniger sind, aber doch mehr als die 600 Fälle, die er sicher dokumentieren kann – als Leiter einer libanesischen Nichtregierungsorganisation, die sich dieses Themas angenommen hat. Es ist hoch aktuell, weil es einmal mehr zeigt, worauf die Herrschaft des syrischen Assad-Clans auch beruht: Angst. Ghazi Aad: „Ziel dieser Politik – der Verschleppung – war, die Libanesen dazu zu zwingen, sich Syrien zu unterwerfen – der syrischen Kontrolle zu unterwerfen.“ „Es gibt aus allen ethnischen, religiösen und politischen Gruppen Menschen, die in Syrien inhaftiert sind.“ Wer Angst um seine Lieben hat, ist gefügiger.

Grenzübergreifende Macht des Assad-Clans

Organisierte Geiselnahme als Instrument, das die Syrer in Libanon willkürlich einsetzten: Gleichgültig, ob die Verschleppten ein Verbrechen an syrischen Soldaten begangen hatten, spionierten, sich politisch gegen die Besatzung einsetzten oder wie der damals 18-jährige Milad Yusef, zumindest nach Aussage seiner Schwester Jeannette, völlig unschuldig war und zufällig Christ. Die ehemaligen libanesischen Milizen-Chefs, die heute überwiegend wichtige politische Posten in ihrem Land bekleiden, haben sich nie sonderlich für ihre verschleppten Landsleute eingesetzt – weil sie alle in der einen oder anderen Weise während des Bürgerkrieges Verbrechen begangen haben. Einige waren sogar an den Verschleppungen nach Syrien beteiligt und kooperieren nach wie vor mit der Führung in Damaskus. Und manche von ihnen sind wahrscheinlich auch in die politischen Entführungen verwickelt, die es heute in Syrien gibt. Menschenrechtsorganisationen vermuten – ohne genaue Zahlen zu kennen –, dass in den vergangenen drei Jahren Zehntausende Syrer in Syrien verschleppt wurden – nach den Mustern, die schon in Libanon galten. „Die Politik des Verschleppens und des Verschwindenlassens, das gibt es heute im syrischen Bürgerkrieg wie einst hier; Syrien sieht aus wie Libanon damals – nur noch schlimmer.“

Die Eltern von Jeannette und Milad Yusef sind in der Zwischenzeit gestorben, ohne dass sie Gewissheit über das Schicksal des Sohnes erlangt hätten. Trotz der Tatenlosigkeit der libanesischen Politiker und trotz der Tatsache, dass nunmehr in Syrien ein Bürgerkrieg tobt. Jeannettes Hoffnung, ihren Bruder, der heute 49 Jahre alt sein müsste, eines Tages wiederzusehen, ist nicht verblichen. „Sicherlich, sicherlich – wenn wir keine Hoffnung mehr haben, geben wir auf. Aber wir wissen eben nicht, was da vor sich geht.“ Manch ein Verwandter von Libanesen, die in Syrien verschwunden sind, hofft sogar, dass der Krieg im großen Nachbarland hilft. Leicht verschämt ist manchmal in Beirut zu hören: „Wenn in Syrien jetzt so viele Menschen verschleppt werden, dann brauchen sie doch Platz – vielleicht kommen dann unsere Leute frei.“

Gleich wie man dazu stehen mag. Ghazi Aad, der Direktor der Nichtregierungsorganisation, die sich für in Syrien verschwundene Libanesen einsetzt, will sich auf Gefühle wie ‚Hoffnung‘ nicht einlassen. „Unser Ziel ist es nicht, mit dem Prinzip Hoffnung zu arbeiten. Unser Ziel ist, dass wir unser Recht erlangen – darauf, dass wir endlich erfahren, wie es um die Verschwundenen steht. Wir wissen, dass die Syrer sie verschleppt haben, dass sie da sind. Wir wissen aber nicht, ob sie noch leben oder ob sie tot sind. Weil die syrischen Behörden sich nicht dazu äußern. Tot oder lebend – wir wollen sie wieder haben.“ Das fordert Ghazi Aad nicht nur im Namen der Angehörigen, sondern im Namen der gesamten Gesellschaft Libanons. Die hat längst noch nicht ihre jüngste Geschichte aufgearbeitet; und werde sich dem Kapitel Verschleppung auch nicht stellen, wenn die Verschleppten in Vergessenheit geraten – so Aad. „Wir können einen gesellschaftlichen Gedächtnisverlust nicht akzeptieren.“ Andere Libanesen sagen hingegen, dass die Gesellschaft nicht allzu tief in der Geschichte graben sollte. Das könnte alte Konflikte neu aufbrechen lassen- und das Land wieder in einen Bürgerkrieg stürzen – wie einst in Libanon und jetzt in Syrien.