„Islamistisch-baathistischer Spuk erschüttert Irak“

Die radikal-sunnitische Kampftruppe Isis stößt bei ihrer Blitzoffensive im Irak kaum auf Gegenwehr. Die Menschen sagen, nicht Isis, sondern Baathisten aus der Saddam-Zeit hätten die Städte übernommen.

Dietrich Alexander in der WELT

Schier endlos schiebt sich der Autokorso durch die Stadt. Jubelnde Kämpfer auf Pick-ups, hin und wieder Lastwagen mit Lafettengeschütz im Schlepptau, Krankenwagen, Polizeifahrzeuge, Truppentransporter. Hunderte Fahrzeuge fahren hupend durch Mossul unter dem Jubel der Bewohner. Die islamistischen Kämpfer zeigen ihre „Eroberungen“, protzen mit ihrer Kraft. Sie gerieren sich als Freunde und Verbündete, verteilen Lebensmittel und Treibstoff und werden gefeiert wie Befreier.

Allerdings nicht von allen: Bis zu 500.000 Menschen haben sich auf den Weg nach Norden in die friedlichen und rechtsstaatlich strukturierten Kurdengebiete gemacht. Es sind vornehmlich Schiiten und Christen, die eine religiös motivierte Gewaltherrschaft der sunnitischen Isis-Demagogen und ihre menschenverachtende Brutalität fürchten.

Es ist bezeichnend für die Lethargie und Hilflosigkeit der irakischen Institutionen, dass sie selbst in allergrößter Not handlungsunfähig sind. Man muss sich das einmal vorstellen: Da erobern die islamischen Extremisten des Al-Qaida-Ablegers „Islamischer Staat im Irak und in Syrien“ (Isis) eine ganze irakische Provinz einschließlich der zweitgrößten irakischen Stadt Mossul, greifen Nachbarprovinzen an und stehen nun nur noch 50 Kilometer vor Bagdad, und der Regierungschef Nuri al-Maliki scheitert mit dem Versuch, vom Parlament den Ausnahmezustand ausrufen zu lassen.

Weil das Haus schlicht nicht beschlussfähig gewesen ist. Nur 128 von 325 Abgeordneten waren anwesend, das erforderliche Quorum konnte damit nicht erlangt werden. Sitzung abgebrochen, Entscheidung vertagt. Und das Land brennt.

Image einer popkulturellen Befreiungsbewegung

Die radikal-sunnitische Kampftruppe Isis stößt bei ihrer Blitzoffensive bisher nur auf geringe Gegenwehr. Mossul, Tikrit (die Geburtsstadt von Ex-Diktator Saddam Hussein), Falludscha – die irakischen Städte fallen nahezu kampflos an die zornigen jungen Männer mit ihren Kalaschnikows und dem Allahu-Akbar-Kampfruf auf den Lippen.

Isis ist zu einem Sammelbecken der unzufriedenen, perspektivlosen, wütenden Fanatiker geworden. Aber mehr und mehr fühlen sich auch die sunnitischen Verlierer im Post-Saddam-Irak zu der radikalen Kampftruppe hingezogen. Isis wird zu einer popkulturellen Befreiungsbewegung hochstilisiert, die mit professionellen YouTube-Videos, intensiver Aktivität in sozialen Netzwerken und frommem Image Anhänger ködert.

Tatsächlich aber hat sie mittels ideologischer Gehirnwäsche und mindestens in Syrien unfassbarer Brutalität einen islamischen Gottesstaat zum Ziel, der den anachronistischen Gesetzen einer Gesellschaft gehorchen soll, die es seit 1400 Jahren nicht mehr gibt.

Im Irak scheint Isis eine andere Taktik zu verfolgen als in Syrien, wo sie auf Abschreckung durch Folter und per Video verbreitete Enthauptungen gesetzt hat. Der Erfolg war begrenzt, weil die selbst ernannten Gotteskrieger sich damit alle anderen Gruppen der Anti-Assad-Koalition einschließlich der Freien Syrischen Armee zum Feind gemacht und sich in einem Zwei-Fronten-Krieg gegen sie und gegen die syrische Armee aufgerieben haben.

Groteske Allianz mit alten Baath-Kadern

Im Nachbarland sucht Isis offenbar die Nähe zu den Kadern, die sich seit Saddam Husseins Sturz von der Bevölkerungsmehrheit der Schiiten unterdrückt und benachteiligt fühlen. Und die alten Saddam-Getreuen, deren Strukturen aus der damals regierenden Baath-Partei sich offenbar weitgehend erhalten haben, finden in Isis nun einen mächtigen Partner, der ihnen zu alter Stärke verhelfen könnte.

Die Menschen in Mossul und Tikrit sind guter Stimmung. Auf Twitter ist ein Foto aufgetaucht, das eine Schokotorte zeigt, um die mehrere Handfeuerwaffen drapiert sind. Mit Sahnecreme wurde ein arabischer Glückwunsch auf den Kuchen geschrieben: Den Soldaten zur „präzisen Befreiung Mossuls“. Die Menschen sagen, nicht Isis, sondern Baathisten hätten die Städte übernommen. Der angebliche Isis-Siegeszug sei Propaganda der schiitisch dominierten Regierung in Bagdad. Tatsächlich hätten alte Kader die Kontrolle. Sie gingen sogar in alten Uniformen aus der Saddam-Zeit auf die Straße.

Ein Bürger aus Mossul bestätigte der „Welt“, er habe Izzat Ibrahim al-Duri auf der Straße gesehen, den Nachfolger Saddam Husseins als Baath-Parteichef. Der ehemalige General hatte als letzter Repräsentant des gestürzten Regimes den Kampf fortgesetzt und eine Art Untergrundregierung geführt. Manche hielten ihn für tot, doch tauchen von ihm immer wieder Videos auf mit Aufrufen zum Widerstand, das letzte im Januar 2013. Auch der neue, von Isis eingesetzte Gouverneur der eroberten Provinz Ninive mit der Hauptstadt Mossul ist offenbar ein ehemaliger General aus der Armee des Diktators: Haschim Almas.

Dabei wäre es ein bizarres, geradezu groteskes Bündnis. Denn die Baath-Partei hat eine säkulare Agenda, bevorzugt Sunniten und Anhänger anderer religiöser Minderheiten wie Christen. Wie passt das zusammen mit einer religiös-fanatischen sunnitischen Gotteskämpfertruppe? Offenbar hat Isis mindestens in Bezug auf den Irak ihre Taktik geändert und bedient sich der Baath-Parteigänger, um schneller an ihr Ziel zu gelangen. Es ist kaum vorstellbar, dass ein solches Zweckbündnis von langer Dauer sein könnte, denn es gibt unüberbrückbare ideologisch-religiöse Differenzen.

Der neue Fürst der Finsternis heißt Bagdadi

Vor allem ein Mann zeichnet für das Chaos verantwortlich, in das der Irak abgleitet: Abu Bakr al-Bagdadi. Dem Isis-Chef wird zugetraut, Osama Bin Ladens Vision eines Scharia-Staates zu vollenden im strukturschwachen und zunehmend anarchischen syrisch-irakischen Wüsten-Grenzgebiet. Bagdadi ist im Begriff, dem Al-Qaida-Chef Aiman al-Sawahiri den Rang als ideologischen Führer aller Dschihadisten von Nigeria bis Indonesien abzulaufen, weil er erfolgreich im operativen Geschäft und ein echter „Qaid“, ein Feldherr sei. Die USA haben zehn Millionen Dollar Kopfgeld auf ihn ausgesetzt, nennen es aber so nicht. „Für Hinweise, die zu seiner Ergreifung führen“ klingt besser.

Die Stärke von Isis hat viel zu tun mit der Schwäche der Regime in Damaskus und Bagdad – und der Unfähigkeit, dem Unwillen al-Malikis, die Sunniten einzubeziehen und sie an der Regierung zu beteiligen. Aber ihr Treiben ruft eine Kraft auf den Plan, die vielleicht als einzige imstande ist, dem islamistisch-baathistischen Spuk ein Ende zu bereiten: die autonomen nordirakischen Kurden.

Kurdische Peschmerga-Kämpfer übernahmen bereits verlassene Stellungen der irakischen Armee in Kirkuk und sicherten vorsorglich einen Luftwaffenstützpunkt ab. Damit ergreifen sie die Gelegenheit beim Schopfe und besetzen ihre „historische Hauptstadt“ mit den riesigen Ölreserven. Ob sie aber auch der um ihr Überleben kämpfenden, ungeliebten Bagdader Zentralregierung beispringen werden, ist längst nicht ausgemacht.

Iran und Türkei involviert in regionale Krise

Auch die Türkei ist involviert – wegen der kurdischen Komponente. Es kann Ankara nicht egal sein, dass die irakischen Kurden sich nicht nur Kirkuk einverleiben, sondern mit der daraus resultierenden wirtschaftlichen und finanziellen Kraft auch einen eigenen Staat ausrufen könnten. Der wiederum hätte große Anziehungskraft auf die türkischen Kurden. Zudem sind 49 Türken aus dem Konsulat in Mossul sowie 28 türkische Lastwagenfahrer in den Händen der Islamisten. Die Regierung in Ankara prüft derzeit die rechtlichen Voraussetzungen für einen Militäreinsatz.

Der Iran sicherte dem Nachbarn seine Unterstützung im Kampf gegen den „Terrorismus“ zu. „Der Iran verurteilt die Ermordung irakischer Bürger und unterstützt den Irak im Kampf gegen den Terrorismus“, sagte Außenminister Mohammed Dschawad Sarif. Der Iran ist ein enger Verbündeter al-Malikis. Ein Isis-Sprecher hatte angekündigt, mit dem Premier abrechnen und auch die schiitischen heiligen Städte Kerbela und Nadschaf angreifen zu wollen. Der Präsident des Iran, Hassan Ruhani, hatte Isis als „barbarisch“ gebrandmarkt. Der „Times“ in London zufolge sind bereits 150 iranische Elitesoldaten im Irak aktiv.

Isis hat mit ihren etwa 10.000 Kämpfern eine regionale Krise ausgelöst, an deren Ende der endgültige Zerfall des Irak und ein weiterer Bürgerkrieg nach dem in Syrien stehen könnten: zwischen Sunniten und Schiiten.