„Türkei- Geisel islamistischer Kämpfer“

Lange Zeit war es der Türkei ganz recht, dass auch radikale Islamisten gegen Assad kämpfen. Nun wird sie selbst zum Opfer – nicht nur durch die Geiselnahme im Irak.

Lenz Jacobsen in der ZEIT

Es steht schlimm, wenn die Ereignisse ausgerechnet Baschar al-Assad recht geben. Im vergangenen Oktober sagte der syrische Diktator im Interview mit einem türkischen Fernsehsender: „Es ist unmöglich, den Terrorismus wie eine Spielkarte auszuspielen, denn er ist wie ein Skorpion, der nicht zögert dir bei der ersten Gelegenheit in den Finger zu beißen.“ Assad warf der türkischen Regierung vor, islamistische Kämpfer in Syrien zu unterstützen. „In der nahen Zukunft werden diese Terroristen auch eine Wirkung auf die Türkei haben, und die Türkei wird einen hohen Preis dafür bezahlen.“

Acht Monate später haben die islamistischen Kämpfer der Isis im irakischen Mossul 49 türkische Geiseln genommen, darunter den Generalkonsul, ehemaliger hoher Berater von Premier Recep Tayyip Erdoğan. Außenminister Davutoğlu brach eine USA-Reise ab, die Regierung kam zu gleich zwei Krisensitzungen zusammen und berief ein Nato-Treffen ein.

Lange Zeit war es der türkischen Regierung ganz recht, dass auch islamistische Kämpfer gegen Assad mobilisierten. Nun aber wird das Land selbst zum Opfer. Der Skorpion hat zugestochen – und die Türkei an einer sehr empfindlichen Stelle getroffen.

74 tote Türken durch Syrien-Konflikt

Die Südgrenze des Landes ist eine Tausende Kilometer lange, offene Wunde. Jeder Zwischenfall und jeder Konflikt dort kann den ganzen Staat infizieren. Assads Truppen, die islamistischen Kämpfer von Isis und Jabhat Al-Nusra, aber auch die bewaffneten Kurden der PKK und KCK – sie ringen dort um Einfluss und sind der Türkei nicht freundlich gesinnt. Immer mal wieder flogen Granaten auf türkisches Gebiet, versehentlich oder absichtlich. 74 Türken starben durch den Konflikt, 337 wurden verletzt, erklärte das Außenministerium im Mai. Nun also eine Geiselnahme türkischer Bürger durch Isis im Irak, der Höhepunkt der Eskalation

Wirklich etwas tun kann die Türkei nicht. Zwar sagen Erdoğan und sein Präsident Gül immer wieder, dass ein Angriff auf türkische Bürger aufs Härteste erwidert würde. Sie haben sich auch schon vor vielen Monaten vom Parlament die Erlaubnis geholt, die eigene Armee jederzeit auch im Ausland einsetzen zu können. Doch dazu dürfte es jetzt im Irak ebenso wenig kommen wie es bisher in Syrien dazu gekommen ist. Nato-Bündnisfall, ein Eingreifen des Irans, Chemiewaffen und Schlimmeres: All das wäre dann gefährlich nah. Eher muss die Türkei darauf hoffen, dass Isis gar kein Interesse daran hat, sich zusätzlich zu den Regierungen in Damaskus und Bagdad auch noch mit der in Ankara anzulegen. In den vergangenen Tagen hatte das Außenministerium noch kurzfristig versucht, seine Bürger aus Mossul zu evakuieren, doch sie waren nicht schnell genug.

Die jüngste Eskalation ist so auch ein Beispiel dafür, wie sehr sich die türkische Außenpolitik übernommen hat. Außenminister Davutoğlu hatte einst davon geträumt, dass sich in der Region „kein Blatt mehr bewegen kann ohne den Willen unseres Volkes“. Nun, so schreibt es ein türkischer Kolumnist, „wüten dort ganze Waldbrände und alles, was Ankara tun kann, ist, zuzuschauen“.

Von Problemen umgeben

Wie konnte es so weit kommen? Im Nachhinein ist unerheblich, ob die türkische Regierung Isis und die anderen islamistischen Kämpfer wirklich steuern und für ihre Zwecke einsetzen wollte, wie Assad behauptet. Wichtig ist nur, dass sie nicht gerade viel getan hat, um sie aufzuhalten. Seit Beginn des Bürgerkriegs in Syrien ist es vor allem die türkische Grenze, über die die meisten ausländischen Kämpfer und Waffen in das Land gelangten, wenn auch nicht auf offiziellem Weg. Manchmal werden sie in Krankenhäusern auf türkischer Seite behandelt und kehren dann zurück in das umkämpfte Gebiet. Immer wieder drängten die USA und andere westliche Staaten darauf, Ankara solle härter gegen die islamistischen Kämpfer vorgehen.

Hoffen auf die Kurden

Die Türkei aber versuchte es mit einer gegenteiligen Strategie. Sie stellte sich so deutlich wie kein anderes Land gegen Assad und auf die Seite seiner Gegner, wer auch immer das war. Dann drängte die türkische Regierung ihrerseits die westlichen Partner, die Anti-Regierungskämpfer entschlossener zu unterstützen. Passiere das nicht, wäre eine Radikalisierung der verschiedenen Gruppen die Folge, warnte Präsident Gül immer wieder. Glaubt man ihm, war die türkische Hoffnung: Assads Gegner so früh wie möglich unterstützen, damit sie Erfolg haben bevor sie selbst zur radikalen Gefahr werden. Die Türkei ist nicht verantwortlich für die wachsende Macht von Isis.

Der wahrscheinlich stärkste Gegner der islamistischen Kämpfer in der Region sind nun die Kurden – ausgerechnet. Im Machtvakuum, dass auch durch die schwachen Zentralregierungen in Damaskus und Bagdad entsteht, gewinnen sie an Einfluss. Ankara muss nun auch darauf hoffen, dass die Kurden, deren Autonomiebestrebungen sie im eigenen Land seit Jahrzehnten auch mit Gewalt abwehren, den Siegeszug von Isis aufhalten.

„Keine Probleme mit den Nachbarn“ war der Slogan der außenpolitischen Doktrin, mit der Davutoğlu vor Jahren antrat. Heute ist die Türkei von Problemen umgeben.