„Irak: erste Gegenoffensiven der Armee gegen ISIL“

Maliki zeigt sich entäuscht von mangelnder US-Unterstützung und ordert Kampfjets aus Russland

Thomas Pany auf telepolis, dort ist der Artikel mit den Quellverlinkungen zu lesen

Die irakische Armee hat in den letzten Tagen mit einer Gegenoffensive gegen ISIL und deren Verbündete begonnen; im Zusatz „Verbündete“ steckt kein geringes Problem, welches das ohnehin schwierige Unterfangen, den Kämpfern der ISIL militärisch beizukommen, politisch heikel gestaltet. So soll die irakische Armee nach jüngsten Informationen in Tikrit und Mosul aus der Luft angriffen haben.

Damit einher geht das Risiko von „Kollateralschäden“ unter der Zivilbevölkerung und eine Bestätigung des Kriegsnarrativs, wonach es der schiitisch geführten Regierung nicht nur darum gehe, die ISIL zu bekämpfen, sondern mit dem militärischen Hammer fortzusetzen, was in den vergangenen Jahren als gegen die irakischen Sunniten geführte repressive Politik mit wachsender Empörung beklagt wurde.

Indessen werden vonseiten des irakischen Militärs erste strategische Erfolge gemeldet: wichtige Verbindungsstraßen sollen in schweren Kämpfen unter Kontrolle gebracht, das hochsensibles schiitisches Heiligtum in Samarra, der Askari-Schrein – 2006 Auslöser einer enormen blutigen Eskalation der konfessionellen Spannungen im Irak (Die Wut der Schiiten) –, rechtzeitig vor Beginn des Ramadan gesichert worden sein.

Inwieweit das militärische Vorgehen mit den USA abgesprochen ist, gehört zu den vielen diffusen Spekulationszonen der augenblicklichen Situation. Man kann davon ausgehen, dass Maliki nicht frei von amerikanischen Einflüssen agiert, doch zeigen sich Abweichungen. Von der US-Regierung heißt es, dass sie Wert darauf legt, einen alten, bewährten Faden wiederaufzunehmen: das Wiederanknüpfen von Verbindungen zu sunnitischen Stammesführern, die sich, wie viele Berichte in US-Medien hinweisen, frustriert von Maliki der ISIL zugewandt haben.

Der herrschende Tenor unter US-Experten ist denn auch, dass in diesem politischen Ansatz der Erfolg im Kampf gegen die ISIL zu suchen sei. Wobei ziemlich unklar ist, wie denn die Loyalitäten bzw. die Verbindungen zwischen ISIl und sunnitischen Gruppen im Irak genau beschaffen sind.

Dass Maliki gegenüber solchen Bestrebungen distanziert bleibt, ist nur eine Kluft zwischen ihm und den USA. Der BBC gegenüber äußerte er noch andere Unzufriedenheiten gegenüber der früheren „Schutzmacht“. Man habe ihn militärisch nicht genügend unterstützt, hätten ihm die USA die angeforderte Luftunterstützung gegebe, hätte ISIL militärisch niemals diese Erfolge gehabt, lässt Mailiki in dem Interview verstehen. Dort gibt er bekannt, dass nun Russland sein favorisierter Partner für eine bessere Luftunterstützung sei, er habe gebrauchte russische Kampfjets geordert. Deren Lieferung sei in ein paar Tagen möglich, die Amerikaner ließen ihn gegen anderslautende Versprechungen dagegen noch immer warten.

Das dürfte von den USA nicht mit großer Freude quittiert werden; zumal sich ein Moment zeigt, der aus ihrer Sicht die Allianzen auf eine verstörende Probe stellt. So hat sich Maliki in den letzten Tagen stolz darüber gezeigt, dass syrische Flugzeuge ISIL auf irakischem Boden angegriffen haben sollen. Maliki hat immer wieder gezeigt, dass er ein anderes Verhältnis zu Baschar al-Assad hat als die USA. Und nun sucht der irakische Premier auch noch Unterstützung aus Russland, das der engste internationale Partner der syrische Regierung ist. Wie sich das Ganze mit der Unterstützung der USA für die „moderate syrische Opposition“ verträgt, ist noch offen.

Kompliziert wird die Situation auch dadurch, dass sich die Berichte häufen, wonach aus dem Kreis der Verbündeten der USA, aus Saudi-Arabien und anderen Golfstatten, erhebliche Geldströme kamen, die an die bewaffneten dschihadistischen Oppositionsgruppen – und auch die ISIL – flossen. Die Information selbst ist grundsätzlich längst bekannt, allerdings kommt sie gerade in einer neuen Welle an die größere Öffentlichkeit, was die gegenwärtige Situation in Syrien und Irak, ausgelöst durch die Eroberungen der ISIL, auf eine Weise beleuchtet, die den USA und ihren arabischen Verbündeten nicht angenehm sein dürfte.

Wie weit die Schockwellen aus dem Irak gehen und wie eng der Irak nicht nur historisch, sondern auch aktuell als hochaufgeladener exemplarischer Schauplatz religiöser Auseinandersetzungen verbunden wird, aus dem sich die Berufung zu Missionen ableitet, kann man auch aus Meldungen aus Indien ablesen. Dort sollen sich zehntausend Schiiten registriert haben, um ihren Glaubensbrüdern im Irak beizustehen; immerhin aber wird darauf hingewiesen, dass sie nicht zum Dschihad kommen, sondern um humanitäre Hilfe zu leisten und um die heiligen Stätten zu schützen.