Interview mit Robert Baer, ehemaliger CIA Mitarbeiter

Die Bücher des ehemaligen CIA-Manns Robert Baer sorgen in den USA regelmäßig für Aufsehen. Der Exagent hat geheime Operationen im Zweistromland durchgeführt – und sieht für den Irak keine Zukunft.

Ramon Schack in Die Presse

Sie kennen den Irak wie Ihre Westentasche, waren dort während Ihrer Zeit als CIA-Agent operativ tätig. Glauben Sie an eine Zukunft des Irak innerhalb der heutigen Grenzen?

Robert Baer: Absolut nicht, das ist vorbei, der Irak zerbricht entlang seiner ethnischen und religiösen Trennlinien, wobei die endgültigen Grenzen noch nicht gezogen sind. Ich wurde Mitte der 1990er-Jahre in den Irak geschickt, um eine Opposition gegen Saddam Hussein zu organisieren, man könnte auch sagen, eine Revolte. Schon damals aber realisierte ich, dass der Irak ohne Saddam, ohne sein nationalarabisches Baath-Regime, nur unter großen Schwierigkeiten erhalten werden könnte.

Sie arbeiteten damals überwiegend mit kurdischen Oppositionsgruppen zusammen.

Nicht nur, ich war damals operativ tätig, was beinhaltete, dass ich mit einem großen Radius potenzieller Kreise in Kontakt trat. Zu meinen Kontakten zählten auch sunnitische Stammesführer, der schiitische Widerstand, aber auch die Opposition innerhalb der herrschenden Baath-Partei. Aber letztendlich schien der kurdische Widerstand der kompetenteste zu sein, weil es dabei auch um die staatliche Unabhängigkeit ging, die nur ohne Saddam in die Wege geleitet werden konnte, wenn überhaupt.

Wie muss man sich so eine operative Tätigkeit in einem Land wie dem Irak vorstellen?

Sie haben sicher Verständnis, dass ich darüber keine Auskunft geben kann. In meinen Büchern habe ich mich ja ansatzweise darüber ausgelassen. Ich kann nur so viel sagen: Es ist nicht immer wie bei James Bond, manchmal aber schon. Spionage ist ein riskantes Unternehmen. Einige Risken führen zu Erfolgen, andere zu Niederlagen.

Halten Sie Spionage heute noch für eine wirksame Waffe?

Ja. Wenn die USA ihre Augen und Ohren im Nahen Osten verlieren, würden wir uns von anderen Mächten einseitig abhängig machen. Das kann keine Alternative sein.

Der kurdische Widerstand im Irak wurde dann ja von der Regierung Clinton links liegen gelassen, obwohl Sie sich leidenschaftlich bei Ihrer Dienststelle dafür einsetzten, diese Bewegung zu unterstützen.

Richtig, deshalb verließ ich ja damals auch die CIA nach über 20 Jahren, weil ich diese Politik nicht mehr mit meinen Vorstellungen vereinbaren konnte.

Sind die Kurden die Gewinner der aktuellen Entwicklung?

Mit Sicherheit, zumindest die Kurden im Irak. Die Kurden in Syrien eher nicht, sie werden wieder unter die Herrschaft Bagdads oder Damaskus‘ streben. Trotzdem bleiben erhebliche Risken auf dem Weg zu einer wirklichen Unabhängigkeit. Allerdings nicht vonseiten des „Islamischen Staats“, aber natürlich wird die Türkei genau beobachten, was sich dort vollzieht.

Gibt es noch ein Land, das von der aktuellen Krise profitiert?

Der Iran gehört natürlich zu den Gewinnern, weil jetzt in Washington endlich realisiert wird, dass es sich um den stabilsten Staat in der Region handelt. Iran ist eine Nation mit gewaltigem Potenzial, das bisher aber nicht ausgeschöpft wird, mit natürlichen Grenzen, kein koloniales Kunstgebilde wie der Irak, mit einem stabilen Staatsaufbau und einer starken Armee. Wenn man in Teheran keine Dummheiten macht, kann es dem Iran gelingen, seine außenpolitische Isolation zu überwinden.

Was aber US-Verbündete wie Saudiarabien sicher nicht so einfach akzeptieren würden.

Saudiarabien und Pakistan sind keine zuverlässigen Partner. Die USA benötigen Verbündete mit Durchsetzungskraft, nicht irgendwelche Stämme, die sich langfristig kaum an der Macht halten dürften.

Betrachten Sie es als einen Fehler, dass Riad vom Westen aufgerüstet wird?

Als einen der größten Fehler überhaupt. Jetzt erleben wir doch, dass die Aufrüstung Saudiarabiens als Frontstaat gegen den Iran eine totale Fehlkalkulation war. Der Westen und Iran haben den gleichen, gemeinsamen Feind, nämlich den militanten sunnitischen Extremismus wahhabitischer Prägung, also das, was man al-Qaida zu nennen pflegt oder heute IS. Eine Kooperation des Westens mit dem Iran ist momentan der einzige Weg, die Region wieder zu stabilisieren. Das gilt auch für Afghanistan, wo wirklich nichts geregelt ist. Saudiarabien ist übrigens einer der großen Verlierer der Entwicklung.
Inwiefern?

Riad wird jetzt die Geister nicht mehr los, die es rief. Jahrzehntelang unterstützten die Saudis den ganzen salafistischen Aufruhr, jetzt beginnen sie, IS zu fürchten, haben aber auch noch mit der schiitischen Minderheit im eigenen Land zu tun.

George W. Bush wollte nach 2003 einen „Leuchtturm der Demokratie“ im Irak errichten. Welche Verantwortung tragen die USA für die aktuelle Krise im Irak?

Die USA sind zu 90 Prozent für die aktuelle Situation im Irak verantwortlich. Ich war absolut gegen Saddam Hussein, aber ich war auch gegen einen einfachen Regimewechsel, frei nach dem Motto: Wenn der böse Diktator weg ist, wird alles gut – ohne Alternativplan. Das waren die naiven Ideen von unbedarften Menschen, die damals in Washington das Sagen hatten, die von der Region aber keine Ahnung hatten. Das Machtvakuum, das dort damals entstanden ist, wurde doch nie mehr gefüllt. Wo ein Vakuum entsteht, da kommt es auch zu einem Sog. Das gilt ebenso für politische Prozesse.

Sie erwähnten, Sie hätten früher auch mit sunnitischen Stammesführern Kontakt gehabt. Heute auch noch?

Allerdings, ich habe immer noch viele Freunde unter den sunnitischen Stammesführern in Anbar. Die junge Generation dort revoltiert jetzt gegen das konservative Establishment und gegen die Maliki-Regierung in Bagdad. Eine nicht unerhebliche Anzahl dieser sunnitischen Stämme hat sich IS angeschlossen, zusammen mit ehemaligen Offizieren der Baath-Partei. Diese Bewegung speist sich auch aus unzufriedenen Sunniten, die von der Regierung angewidert sind, ohne die es für die paar tausend IS-Kämpfer unmöglich wäre, den ganzen Nordirak zu übernehmen. Ich warnte meine Freunde dort, sich mit IS einzulassen, aber sie hören nicht mehr auf mich, es ist dafür zu spät.

Wie kann es eigentlich sein, dass der Anführer des IS, Abu Bakr al-Baghdadi, der sich einst in US-Gefangenschaft befand, fast wie aus dem Nichts auftauchte, um seinen Siegeszug anzutreten?

Das liegt daran, das können Sie mir glauben oder auch nicht, dass die CIA in den vergangenen Jahren keinen einzigen Mitarbeiter mehr in Syrien hatte. In Syrien entstand das Phänomen IS, die Gruppe profitierte von den westlichen Waffenlieferungen gegen Assad.

Robert Baer (*1952 in Los Angeles) ist ein ehemaliger Agent des US-Geheimdienstes CIA. Er war während seiner Dienstzeit unter anderem im Irak operativ tätig.

Seine Bücher, in denen er über seine Arbeit als Agent schreibt, sorgen in den USA regelmäßig für großes Aufsehen.

Baers Werke „See No Evil“ und „Sleeping with the Devil“ lieferten die Vorlage für den 2005 fertiggestellten Film „Syriana“. Die Person des Protagonisten Bob Barnes – gespielt von George Clooney – wurde Robert Baer nachempfunden.