„Ägyptens stille Sympathie für Israel“

Kairos Herrscher Al-Sissi vermittelt im Konflikt mit der Hamas nur halbherzig. Ihm wäre es recht, wenn Israel die Radikalislamisten in die Enge triebe.

Martin Gehlen, Kairo in der ZEIT

Militärisch erinnert in diesen dramatischen Tagen in Nahost vieles an die letzte Gazakrise vor gut anderthalb Jahren: provokantes Raketenfeuer aus dem von der Hamas kontrollierten Küstenstreifen in Richtung Israel; Vergeltungsangriffe der Luftwaffe, Einberufung von Reservisten und Mobilisierung von Panzereinheiten, die drohend rund um die eingezäunte Enklave auffahren.

Der achttägige militärische Schlagabtausch damals im November 2012 allerdings fand in gänzlich anderer politischer Nachbarschaft statt als heute. In Ägypten regierte der frisch gewählte Muslimbruder Mohammed Mursi, dessen Organisation mit der im Gazastreifen herrschenden Hamas ideologisch verbrüdert ist. Und so sandte Mursi mitten im israelischen Geschosshagel seinen damaligen Premierminister Hisham Qandil zum spektakulären Solidaritätsbesuch nach Gaza-Stadt. Wenige Tage später vermittelte der Muslimbruder auf dem Kairoer Präsidentensessel mit amerikanischer Hilfe einen Waffenstillstand. Die damaligen Partner in Washington lobten seine diplomatische Rolle als professionell, zuverlässig und erfrischend geradeheraus.

Inzwischen wird das Land am Nil von Ex-Feldmarschall Abdel Fattah al-Sissi geführt, für den Hamas-Anhänger genauso Terroristen sind wie der von ihm abgesetzte Mohammed Mursi und dessen Muslimbrüder. Schon kurz nach seinem Putsch am 3. Juli 2013 begann der neue starke Mann in Kairo, die Schmuggeltunnel zwischen Ägypten und dem Gazastreifen systematisch zu zerstören. 1.300 eingestampfte unterirdische Röhren meldete die Armee zum Abschluss ihrer monatelangen Kampagne. Fortan hatten die palästinensischen Bewohner kaum noch Strom und Benzin. Der Grenzübergang in Rafah zwischen Gaza und Ägypten, der unter Mursi fast unbeschränkt geöffnet war, wurde unter Al-Sissi wieder ähnlich hermetisch abgeriegelt, wie seit Jahr und Tag sämtlich Ausgänge nach Israel.

Al-Sissi rührt das nicht, der Militärmann betrachtet den Gazastreifen vor allem als chronischen Unruheherd, der auf den eigenen Nordsinai ausstrahlt. Hunderte von Raketen mit größerer Reichweite sowie Zehntausende von Granaten und Gewehren haben nach dem libyschen Bürgerkrieg ihren Schmuggelweg über Ägypten in den Gazastreifen gefunden. Der regierenden Hamas jedoch sind inzwischen die Zügel teilweise entglitten. Bei Attentaten und Raketenangriffen haben längst andere, viel Radikalere das Sagen, die sich zu Al-Kaida zählen. Fast täglich sterben auf dem Sinai Polizisten und Soldaten bei Feuerüberfällen dieser Gotteskrieger, die sich bei Bedarf auch in die Hamas-Enklave zurückziehen, um den ägyptischen Kampfhubschraubern zu entgehen.

Al-Sissi verachtet Hamas und weiß, dass er die Israelis braucht. Für ihn steht das Camp-David-Abkommen nicht zur Debatte. Denn Ägypten hat nicht das Aufklärungsgerät, um die immer gefährlicher werdenden Dschihadisten auf dem Sinai auszuspähen. Zudem braucht Kairo dringend mehr Gas für seine Stromkraftwerke, was demnächst aus dem israelischen Leviathan-Feld vor der Mittelmeerküste in Richtung Niltal fließen könnte. Doch trotz seiner Abneigung gegen die Gaza-Herrscher ist Ägyptens Führung seit letzter Woche wieder dabei, zwischen den Kontrahenten zu vermitteln – eher halbherzig, wie es scheint, und bisher ohne Erfolg. Denn dem neuen Sissi-Kairo käme es durchaus gelegen, wenn Israel die Radikalen von nebenan wieder einmal kräftig ins Visier nähme.