„Libyen: Eine neue Schlacht um Tripolis“

Am Sonntag begannen lang erwartete Auseinandersetzungen mehrerer Milizen um die Macht in der Hauptstadt. Die Gefechte um den Flughafen könnten sich ausweiten.

Wieland Schneider, Tripolis in Die Presse

Sie hatten sich lang darauf vorbereitet. Sonntagmorgen schlugen sie zu. Mit Pick-ups und gepanzerten Fahrzeugen rückten die Milizionäre zum Flughafen von Tripolis vor und starteten ihren Großangriff auf die dortigen Kämpfer aus der Stadt Zintan, mit MGs, Panzerabwehrwaffen, Granatwerfern. Der Lärm riss die Bewohner von Tripolis aus dem Schlaf. Über der Stadt stieg eine dunkle Rauchwolke auf. Vom Flughafen war das Grollen der Detonationen zu hören, dazwischen das Stakkato automatischer Waffen.

Die seit Langem befürchtete Auseinandersetzung um die Kontrolle der libyschen Hauptstadt hat offenbar begonnen. Eine Koalition aus Milizen aus Tripolis und Misrata, darunter die „Zelle revolutionärer Operationen in Libyen“, die als bewaffneter Arm der Islamisten im libyschen Parlament gilt, ist gekommen, um die Kämpfer aus Zintan hinauszuwerfen. „Sie haben die Zintanis vom Flughafen vertrieben und machen jetzt Jagd auf sie“, berichtet Abdel. Das ist, was der junge Libyer von Freunden gehört hat. Nach Angaben aus Flughafenkreisen vom Abend sollen die Zintanis aber weiter den Airport halten, mehr als sechs Kämpfer seien gefallen.

Ein komplexes Netz aus RivalitätenAbdel hegt, wie die meisten Einwohner von Tripolis, zwar keine großen Sympathien für die Leute aus Zintan. Doch dass die Hauptstadt nun Kriegsschauplatz wurde, erfüllt ihn mit Sorge. Der Kampf hatte sich schon lang angekündigt. Zuletzt war die Kluft zwischen Misrata und Zintan, den mächtigsten Spielern im Westen Libyens, immer tiefer geworden. Beide ringen um die Vorherrschaft in Tripolis. Zudem sympathisieren einige der Zintan-Milizen mit den Truppen von Khalifa Haftar, einem Gegner Misratas. Der pensionierte General Haftar geriert sich als neuer starker Mann im Osten des Landes. Er will das Kommando über ganz Libyen übernehmen und einen „Feldzug gegen die Islamisten“ führen – und dazu gehören aus seiner Sicht nicht nur Extremisten wie Ansar al-Sharia, sondern auch die Vertreter der libyschen Muslimbrüder. Misrata aber gilt als eine der Hochburgen der Bruderschaft.

Die Kämpfer aus Zintan, die als bewaffneter Arm der liberalen Kräfte in Libyen gelten, halten seit dem Sturz von Diktator Muammar al-Gaddafi 2011 wichtige Punkte in Tripolis, etwa den Flughafen – sehr zum Unmut lokaler Milizen; diese sehen die Zintanis als Rivalen. Erst vergangene Woche war es zu Schießereien zwischen Zintanis und der Fursan Janzour, der Ritter von Janzour aus dem Westen von Tripolis, gekommen. Jetzt sind auch Einheiten aus Janzour ausgerückt, um die Zintanis anzugreifen.

Bereits in der Nacht davor waren in Janzour eifrig Vorbereitungen getroffen worden: In der Dunkelheit laden Milizionäre Munition auf zwei Pick-ups. Auf den Ladeflächen stehen schwere Maschinengewehre. Die Männer scheinen guter Laune. Sie scherzen miteinander, formen ihre Finger zum Victory-Zeichen, als sie fotografiert werden. Hier mitten in Janzour, auf dem Gelände eines ehemaligen Anwesens der Familie Gaddafis, hat sich eine Schar Kämpfer einer lokalen Miliz versammelt. Sie stammen aus Tripolis und haben während des Aufstands gegen Gaddafi in den Nafusa-Bergen gekämpft. Auch einige Männer der Ritter von Janzour halten sich auf dem Areal auf.

„Wir werden bald die Verräter angreifen“, sagt einer der Kämpfer kryptisch. Wer sind diese „Verräter“, und wann soll der Kampf beginnen? Statt eine Antwort zu geben, lächelt der Milizionär. Nur Stunden später, am frühen Morgen des Sonntags, startet die Offensive gegen die Milizen aus Zintan.

Ministertreffen zu Libyen in Tunesien

Weil das ölreiche Land seit Gaddafis Sturz und Ermordung in bürgerkriegsähnlichen Zuständen versinkt, zuletzt vor allem im Osten, wollten ab Sonntagabend die Außenminister der Nachbarländer in Tunesien über das libysche Problem beraten. An den Beratungen, die mehrere Tage dauern dürften, nehmen die Außenminister Libyens, Tunesiens, Ägyptens, Algeriens, des Tschad und des Nigers sowie Vertreter der Arabischen Liga und der Afrikanischen Union teil.