Ägypten: „Lebenslang für Vergewaltiger“

Sexuelle Belästigung ist eine Landplage in Ägypten. Was ihre Ursache ist, da gehen die Meinungen der Experten und der Bevölkerung auseinander.

Julia Gerlach, Kair in der Frankfurter Rundschau

Ist es die sexuelle Frustration der jungen Männer und ihre Perspektivlosigkeit angesichts der schlechten Wirtschaftslage? Manche Aktivistinnen geben auch den Sicherheitsorganen eine Mitschuld. Ihnen gelingt es nicht, die Frauen zu schützen, und noch dazu ist es keine Seltenheit, dass Frauen in Polizeigewahrsam ebenfalls sexueller Gewalt ausgesetzt sind. Die Staatsvertreter gehen quasi mit schlechtem Beispiel voran.

Ein wichtiger weiterer Grund, weshalb die Anzahl der gemeldeten Übergriffe so rasant gestiegen ist und „Taharush – Belästigung“ als Diskussionsthema in aller Munde ist, liegt im wachsenden Bewusstsein. Immer mehr Frauen trauen sich, darüber zu sprechen und die Täter sogar anzuzeigen.

Immer wieder kommt es auch zu Mob-Angriffen. Die Täter suchen sich dazu große Menschenmengen, etwa Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz und gehen dann in Gruppen von 20 oder mehr Männern auf ihre Opfer los. Besonders viele dieser Angriffe gab es 2012 und im Frühjahr 2013. Die Opfer waren zumeist Frauen, die gegen die Regierung des damaligen Präsidenten Mohammed Mursi auf die Straße gingen. Nach dessen Sturz versprach die neue Regierung Abhilfe und vor drei Monaten wurde ein Gesetz verabschiedet. Belästigern drohen nun Geld- und Gefängnisstrafen. Damit schien das Thema zunächst erledigt und es wäre wohl auch so gegangen, wie es oft bei solchen Themen geschieht: Es gibt zwar ein Gesetz, doch das bedeutet noch lange nicht, dass es auch zu Prozessen oder gar Verurteilungen kommt. Da allerdings kam es ausgerechnet bei der Jubelfeier zur Amtseinführung des neuen Präsidenten Abdelfattah al-Sisi zu gleich mehreren Übergriffen. Mindestens vier Frauen wurden auf dem Tahrir-Platz angegriffen und sogar vergewaltigt oder schwer verletzt. Das konnte Al-Sisi nicht auf sich sitzen lassen. Er machte das Thema zur Chefsache und am Mittwoch fielen die ersten Urteile. Neun Angeklagte bekamen Haftstrafen von 20 Jahren bis zu lebenslänglich.

Frauenrechtlerinnen begrüßen das Urteil, sie melden allerdings Zweifel an, ob es tatsächlich die gewünschte abschreckende Wirkung habe. Erstens sei das Strafmaß weit höher als vom Gesetz gegen sexuelle Belästigung vorgesehen – und wie bei allen extrem harten Urteilen, die in der letzten Zeit am Nil fielen, sei auch bei diesem Richterspruch klar, dass er im Revisionsprozess kassiert werde. Zudem handele es sich um sehr spezielle Fälle.

Zwar ging es in dem Prozess auch um Übergriffe von 2013, im Fokus standen aber die Übergriffe während der Al-Sisi-Feier im Juni. Bis auch normale Alltagsgrabscher, Bus-Belästiger oder Hinterhofvergewaltiger Strafen fürchten müssen, ist es den Aktivistinnen zufolge wohl noch ein langer Weg. Zudem sei der Belästigungsplage wohl eher durch gesellschaftliche Reformen als durch drastische Urteile beizukommen, so die ernüchternde Bilanz einer Gesprächsrunde von Frauenrechtlerinnen nach dem Urteil.