„‚Todesschiff‘ im Mittelmeer“

Auf einem stark überfüllten Flüchtlingsboot ist es offenbar zu einer Mordorgie gekommen. Etwa 60 Personen kamen zu Tode, sie wurden erstochen oder erschlagen, manche erstickten oder ertranken.

Andres Wysling in der NZZ

Ein Holzboot, buchstäblich ein Seelenverkäufer, es droht jeden Moment unterzugehen, am Bug ist eine Planke geborsten. An Bord dicht gedrängt eine Menschenmenge, junge Männer klammern sich ausserhalb des Schiffs an der Reling fest. Mehrere Leute sind ins Wasser gefallen, sie schwimmen und zappeln im Meer. Es ist ein lautes Rufen und Schreien.

Unter Deck eingesperrt

Das Video findet sich auf der Website der italienischen Zeitung «La Repubblica»; nach deren Angaben wurde es von einem geretteten Migranten aufgenommen. Dieser filmte offenbar von einem erhöhten Standpunkt auf einem andern Schiff. Das Video zeigt einen Moment, da die Rettung der Bootsflüchtlinge schon im Gange ist. Die meisten tragen Schwimmwesten; zu vermuten ist, dass diese von den Rettungskräften verteilt wurden. Und viele konnten offenbar schon auf ein anderes Schiff umsteigen. Ursprünglich muss das Holzboot noch viel stärker überfüllt gewesen sein.

Ein dänischer Öltanker hatte das Boot am Samstag in der Strasse von Messina gesichtet und Hilfe herbeigerufen. Die Insassen wurden gerettet und nach Lampedusa gebracht. Schon am Wochenende gab die italienische Polizei bekannt, dass es auf dem Boot Leichen gab, zuerst war von knapp 19 die Rede, dann von 29. Jetzt aber nimmt die Polizei aufgrund von Befragungen der Bootsinsassen an, dass es auf dieser Überfahrt von Afrika nach Italien insgesamt etwa 60 Tote gab.

Zwischen den Insassen auf dem stark überfüllten Schiff kam es offenbar zu einem Kampf um Leben und Tod. Mit Messern und Stöcken hätten die einen die andern im Kampf um den knappen Raum attackiert und ins Meer geworfen, heisst es. Besonders dramatisch wurde es offenbar, als Leute auf dem Deck andere unter Deck einsperrten. Damit gab es im Laderaum keine Luftzufuhr mehr, die dort Eingepferchten erstickten im Abgas des Motors.

Die «Repubblica» zitiert die Aussage eines Überlebenden aus Syrien: «Jeder Zentimeter auf diesem Boot war besetzt, wir waren wie Tiere zusammengepfercht, einer über dem andern, und dann noch die vielen Kinder.» Der Mann war mit seiner Frau und dem einjährigen Kind der beiden unterwegs, dieses fiel während der Rettungsoperation ins Wasser und ertrank. Derselbe Augenzeuge erzählte von einem verzweifelten Befreiungsversuch der im Laderaum Eingeschlossenen: «Viele von denen, die sie im Laderaum fanden, lauter Schwarze, wurden erstochen, umgebracht von andern Schwarzen, die sie nicht herauslassen wollten, weil es auf Deck keinen Platz mehr hatte.» Es gelang ihnen nicht, über die Leiter und durch die Luke aufs Deck zu gelangen.

Fünf Schlepper angeklagt

Die italienischen Untersuchungsbehörden haben nun fünf Männer, die als Schlepper verdächtigt werden, wegen mehrfachen Mordes angeklagt: einen Palästinenser, einen Saudi, einen Syrer und zwei Marokkaner. Die Zahl der Überlebenden wird mit 569 angegeben. Die 29 Leichen im Laderaum des Schiffs wiesen Symptome von Ersticken auf, aber auch Verletzungen von Messern und Stöcken. Eine Person starb im Spital. Die Zahl der ins Meer geworfenen Personen wird auf 30 geschätzt. Zum Teil wurden auch viel höhere Opferzahlen genannt, 750 und mehr Personen seien anfangs an Bord gewesen, hiess es etwa.

Auch wenn die vorliegenden Berichte in manchen Einzelheiten Widersprüche aufweisen, so ergeben sie doch ein übereinstimmendes, schockierendes Gesamtbild. Das Holzboot wird jetzt in italienischen Medien als «Todesschiff» bezeichnet. Sogar von einer «Gaskammer» ist die Rede.