Ankündigung

Wir sehen uns…

(streetart aus Kairo)

Ich bin der Engel der Verzweiflung

Mit meinen Händen teile ich den Rausch aus

die Betäubung, das Vergessen, Lust und Qual der Leiber

Meine Rede ist das Schweigen, mein Gesang der Schrei

Im Schatten meiner Flügel wohnt der Schrecken

Meine Hoffnung ist der letzte Atem

Meine Hoffnung ist die erste Schlacht

Ich bin das Messer mit dem der Tote seinen Sarg aufsprengt

Ich bin der sein wird

Mein Flug ist der Aufstand, mein Himmel der Abgrund von morgen

Heiner Müller

Wir machen Schluss. Nach über drei Jahren, über zweihundert selbstrecherchierten, übersetzten, selbstgeschriebenen Artikeln. Nach um die 5000 gespiegelten Artikeln aus linken und mainstream Medien. Leider viel zu häufig aus mainstream Medien, weil es einfach nichts anderes Brauchbares gab.
Häufig waren wir übermüdet und gestresst, manchmal euphorisch, manchmal haben wir geweint. Wir haben um Homs geweint, wir haben um unsere GefährtInnen in Kairo geweint. Wir haben viel zu selten und doch viel zu viel geweint.

Was als allgemeiner Aufbruch begann, der eine ganze Region erschütterte, ist heute…..
Wir sagen nicht, dass wir wissen, was kommt, wir teilen diese Anmaßung nicht.
Mubarak galt als unstürzbar, dann hiess es Assad sitze felsenfest im Sattel, es gebe praktisch keine Oppposition im Lande…
Vielleicht wird die nächste Preiserhöhung in Ägypten das Regime wegfegen, vielleicht wird der neue Pharao Jahrzehnte herrschen.

Wir haben unglaublich viel gelernt – wir sind dankbar dafür. Der linke Kanon ist zu Ende. Viele wollen das nicht sehen, nicht wahrhaben. Die Geschichte der Klassenkämpfe ist fast so alt wie die Menschheit, sie wird andauern, aber entweder wir lassen uns auf das Wagnis ein, uns unbequemen Wahrheiten und Widersprüchen zu stellen oder wir werden wie bockige Kinder am Rande der Geschichte quengeln, da sich die Welt nicht um uns dreht.

Wir sind überrascht, dass immer noch soviele Leute diesen blog nutzen, obwohl die Entwicklung in der Region sowohl in den mainstream Medien als auch in der Linken kaum noch eine Rolle spielt. Das hat uns lange dazu bewogen, den blog weiter zuführen, obwohl wir dadurch zu etwas geworden sind, was wir nie sein wollten: Spezialisten. So haben wir mehrmals den Versuch unternommen, dieses Projekt zu beenden. Dann passierte etwas und wir haben es nicht ausgehalten, nichts dazu zu schreiben.
Jetzt wagen wir den endgültigen Absprung.

Wir danken allen, die uns unterstützt haben. Wir danken unseren GefährtInnen von Kairo bis Soran, dass sie unser Leben so unglaublich bereichert haben. Wir hoffen, ihr vergesst diese Leute auch nicht.

Wir sind weiterhin über unsere Kontaktadresse erreichbar. Der blog bleibt als Archiv bestehen.

Um outro mundo é possível

recherchegruppe aufstand

INAMO 78 erschienen

Darin u.a. folgende Artikel:

Drittmittelfinanzierte Militärputsche, wer zahlt die Rechnung in Ägypten?

Von Thomas Demmelhuber

Dieser Beitrag soll nach einer groben Skizzierung der innenpolitischen Entwicklung exemplarisch den außenpolitischen „Fallout“ des Regimewechsels von 2013 fokussieren und aufzeigen, wie die wirtschaftliche Notlage Ägyptens das Handeln gegenüber der Region determiniert und unter anderem Raum für eine beschleunigte Etablierung politisch motivierter (Staats-)Unternehmen aus der Golfregion schafft.

Die Arbeiter, der Volksaufstand und die ägyptische Politik nach Mubarak

Von Joel Beinin und Marie Duboc

Anfang 2014 verschärften ägyptische Arbeiter ihre Streiks und Gemeinschaftsaktionen und führten damit einen in den späten 1990ern begonnenen Kampf um ökonomische Verbesserungen fort. Die Bewegung ist in erster Linie eine Reaktion auf den neoliberalen Wandel in der ägyptischen Wirtschaft, wenngleich es größtenteils nicht so formuliert wird. Der Aufstand folgte einer relativ ruhigen sechs Monate langen Phase, nachdem Präsident Muhammad Morsi von der durch die Muslimbrüder gesponserten Partei für Freiheit und Gerechtigkeit gestürzt worden war. Nach nur einem Jahr als Ägyptens erster demokratisch gewählter Präsident wurde Morsi durch verschiedene Großdemonstrationen am 30. Juni 2013 – noch größer als jene, die zweieinhalb Jahre zuvor zum Sturz von Präsident Hosni Mubarak geführt hatten – und durch einen Militärcoup am 3. Juli zu Fall gebracht.

Die Gewaltlosigkeit in Syrien unterstützen!

Von Stephen Zunes

Das Asad-Regime hat seit dem Beginn des Aufstandes schonungslos die Opposition unterdrückt. Trotzdem ist für Stephan Zunes die Frage unvermeidlich, ob dies der Hauptgrund war, warum es der Opposition nicht gelang gegenüber dem Regime zu punkten. Viele lehnen eine Verantwortung der Opposition dafür ab. Trotzdem müssen Fragen gestellt werden, so Zunes, wie: hat die Oppositionsbewegung ihren Widerstand versucht strategisch zu organisieren? Gibt es eine logische Abfolge von Taktiken, die vertraut sind mit der Geschichte und den „Dynamiken von vom Volke ausgehenden unbewaffneten zivilen Erhebungen“? Warum wurde das Regime angegriffen, ausgerechnet da, wo es militärisch am Stärksten und weit überlegen ist? All dies mache klar, so Stephen Zunes, dass der Wechsel zur Gewalt, ein „katastrophaler Fehler“ war.

Omar Dahi über den Rückzug der Rebellen aus Homs

Jadaliyya interviewt Omar S. Dahi

Die Vereinbarung zu Homs zwischen oppositionellen Kämpfern und dem syrischen Regime hat zu einer Reihe von Spekulationen darüber, was sie genau bedeutet, geführt. In Verbindung mit der kürzlichen Amtsaufgabe des UN-Sonderbeauftragten Lakhdar Brahimi wird beides als Signal einer wichtigen Verlagerung im Kräfteverhältnis, politisch und faktisch, zwischen dem Regime und den Oppositionskräften in Syrien interpretiert. Jadaliyya sprach mit Omar Dahi, Wissenschaftler und Dozent für politische Ökonomie und Mitherausgeber der Syrien-Website von Jadaliyya, über die Einordnung dieser beiden jüngsten Entwicklungen.

In Eurem Buch – oder – Infoladen oder hier

„Antifa-Kneipe: ISIS, Islamismus, der Irak und Syrien“ (Freiburg)

Das er­klär­te Ziel der is­la­mis­ti­schen Ter­ror­grup­pe ISIS, wel­che sich 2011 in Sy­ri­en grün­de­te, ist die Er­rich­tung eines Kha­li­fats, wel­ches sich von Bag­dad über Je­ru­sa­lem bis ins heu­ti­ge Sy­ri­en er­stre­cken soll. Nun las­sen sie ihren Wor­ten Taten fol­gen und er­obern weite Teile des ira­ki­schen Staats­ge­bie­tes . Die an­gren­zen­den au­to­no­men kur­di­schen Ge­bie­te sind von der In­va­si­on noch nicht di­rekt be­trof­fen, aber die kur­di­sche Miliz nutz­te das ent­ste­hen­de Macht­va­ku­um und be­setz­te die wich­ti­ge Öl­stadt Kir­kurk.

Als fun­da­men­ta­ler Geg­ner die­ser sun­ni­ti­schen Kämp­fer*innen ge­riert sich das Re­gime im Iran. Wäh­rend in Sy­ri­en des­sen Hand­lan­ger Assad ISIS weit­ge­hend ver­schont, um sich auf den Kampf gegen die Freie Sy­ri­sche Armee zu kon­zen­trie­ren, stre­ben die Mul­lahs aus Te­he­ran im Irak eine Ein­heits­front, be­ste­hend aus der ira­ki­schen Armee, dem Iran und den USA, gegen ISIS an.
Die USA sind die­sem Vor­schlag nicht völ­lig ab­ge­neigt, auch an­de­re west­li­che Staa­ten wie Groß­bri­tan­ni­en nä­hern sich dem ira­ni­schen Re­gime wie­der an. Das Stre­ben nach ato­ma­rer Be­waff­nung und die damit immer wie­der ver­bun­de­nen Aus­lö­schungs­dro­hun­gen gegen Is­ra­el schei­nen ver­ges­sen zu sein.

Der Kon­flikt in Sy­ri­en zieht seine Krei­se.
In Bel­gi­en wur­den bei dem schlimms­ten an­ti­se­mi­ti­schen An­schlag seit Lan­gem in einem jü­di­schen Mu­se­um drei Men­schen er­schos­sen. Der Täter ist der Grup­pe ISIS zu­zu­rech­nen.
Doch was ist die is­la­mis­ti­sche Ideo­lo­gie, wel­che sol­che Grup­pen her­vor­bringt, und warum ist sie ent­stan­den? Was haben wir als ra­di­ka­le Linke ihr ent­ge­gen­zu­set­zen? Wie geht der Kon­flikt in Nahen Osten wei­ter, was wol­len die Ak­teur*innen und wel­che Kon­se­quen­zen hat dies für den Krieg in Sy­ri­en?

Am Mon­tag, den 30.6., um 20 Uhr wird im White Rab­bit un­se­re erste An­ti­faknei­pe statt­fin­den. Auf der Grund­la­ge un­se­rer Stel­lung­nah­me zum Auf­tritt von Pier­re Vogel in Frei­burg wird es von uns ein kur­zes In­put­re­fe­rat über Is­la­mis­mus geben, da­nach spricht Lars Stern vom Netz­werk Sy­ri­an Free­dom zur ak­tu­el­len Si­tua­ti­on.

Bittere Zeiten- Solidarität mit den inhaftierten ägyptischen AktivistInnen

Das Urteil von 15 Jahren Knast für Alaa Abdel Fattah und 24 weiteren Angeklagte, das ein Gericht in Kairo am 11. Juni fällte, markiert den vorläufigen Höhepunkt der Repressionswelle gegen unsere GefährtInnen in Ägypten.

In den letzten Monaten waren bereits etliche AktivistInnen zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Darunter waren auch die Mitbegründer der Bewegung des 6. April, ihre Organisation selber war dann Ende April verboten worden. Die Genossin
Ma­hi­enour El-​Mas­ry, die schon gegen das Mubarak Regime gekämpft hat und als Rechtsanwältin u.a. für MigrantInnen – und -Frauenrechte gekämpft hat, sitzt mittlerweile ebenso im Knast, wie viele andere, nicht prominente GefährtInnen.

In den Knästen und Bullenstationen wird weiterhin systematisch gefoltert, sexuelle Gewalt, vor allem gegen weibliche Gefangene, sind an der Tagesordung. Seit den Tagen des Sturzes Mubaraks sind hunderte Menschen verschwunden, teilweise wurden ihre Leichen in den Vororten der Grossstädte verscharrt gefunden, viele werden seit Jahren ohne Anklage u.a. in Geheimgefängnissen festgehalten.

Die massive Repression durch das ägyptische Militär spiegelt die Angst wieder, die das Regime umtreibt. Entgegen den westlichen medialen Erzählungen von einer „friedlichen Revolution in Ägypten“, einem zivilgesellschaftlichen Erwachen, war der Aufstand gegen Mubarak auch und vor allem eine soziale Revolte. Auch wenn in den internationalen Medien während der Proteste immer wieder die englischsprachigen AktivistInnen Auskunft über das Wesen und den Gehalt der Revolte gaben, waren die organisierten ArbeiterInnen, die Ausgesteuerten und Präkären die Träger des Aufstandes. Als Ende Januar 2011 Hunderttausende über die Nilbrücken in Richtung Tahrir Platz zogen, besiegelten sie das Schicksal Mubaraks und zwangen das Militär zum Handeln.

„Die Strasse“ zwang den Diktator in die Knie, die ausdauernden Kämpfe gegen die Herrschaft der Moslembrüder beendete das durch die US Administration ausgehandelte Agreement zwischen dem Militär und den Islamisten, zwang erstere zum Putsch. Vor dem Hintergrund einer katastrophalen Wirtschaftlage, die nur durch etliche Milliarden aus den Golfstaaten gehandelt werden kann, soll nun jegliche Fundamentalopposition, auf der Strasse und in den Betrieben, platt gemacht werden.

Gesellschaftliche Entwicklungen und Brüche verlaufen immer wellenförmig und voller Widersprüche. Die Absetzung Mursis wurde ebenso von Millionen gefeiert, wie Hundertausende für ihn auf die Strasse gegangen sind. Seit dem Putsch überrollt eine patriotische Inszenierung das Land, in der alle Medien gleichgeschaltet werden und grundsätzliche Kritik immer als von ausländischen Mächten gesteuert diffamiert wird. Die geringe Wahlbeteiligung bei den Präsidentschaftwahlen zeigte aber erstmalig auf, dass dieser patriotische Kitt nicht mehr alle sozialen Widersprüche zukleistern kann.

Die nächsten umfassenden sozialen Revolten werden kommen. Dies ist allen, aber auch allen in Ägypten klar. Bis dahin soll möglichst viel an möglicher opposioneller Struktur zerschlagen werden. Der Kampf um die Freiheit der inhaftierten GefährtInnen ist derzeit in Ägypten der Sammelpunkt der noch aktiven Gruppen und Zusammenhänge. Ende April demonstrierten erstmalig seit Monaten wieder Tausende gemeinsam in Kairo auf der Strasse in Solidarität mit den inhaftierten AktivistInnen.

Für den 21. Juni rufen nun Gruppen aus mehreren Ländern zu Aktionen in Solidarität mit den inhaftierten ägyptischen AktivistInnen auf. Es wird Kundgebungen vor den ägyptischen Botschaften u.a. in Paris, London und Berlin geben. Wir gehören nicht zu den organisierenden Gruppen, möchten Euch jedoch bitten, Euch an Solidaritätsaktionen für die GefährtInnen in Ägypten zu beteiligen.

recherchegruppe aufstand

21.06.2014, 15:00 Uhr

Kundgebung in Berlin vor der Ägyptische Botschaft in Tiergarten

Stauffenbergstrasse 6, 10785 Berlin

links:

egypt solidarity

free alaa – facebook (eng/arab)

Free Mahienour – Facebook (arab/eng)

MENA Solidarity Network

Aleppo: Notes from the Dark

Trailer

Der Film lief erstmalig im März beim Dokumentationsfilm Festival in Prag und wird derzeit bei den Filmfestspielen in Cannes gezeigt. Ob und wann er in deutsche Kinos kommt, ist noch unklar. Ein Interview mit dem Regisseur in der BBC:

Veranstaltung in Berlin: Flucht vor Nazi-Deutschland – Flucht in die Festung Europa

Das Jahrhundert der Flüchtlinge, das mit dem 1. Weltkrieg innerhalb Europas begann, ist nicht zu Ende, sondern setzt sich inzwischen auf globaler Ebene fort. Fast alle großen Fluchtbewegungen, ob durch politische Verfolgung, Vertreibung, Hunger, Krieg oder Gewalt ausgelöst, verlaufen seit jeher und bis heute vor dem Hintergrund drohender Genozide.

Unter der Gesprächsleitung von Max Henninger beleuchten der Historiker Ahlrich Meyer, Koautor des Buches „Verfolgt von Land zu Land. Jüdische Flüchtlinge in Westeuropa“ (erschienen 2013), und der Mitbegründer der Berliner Forschungsgesellschaft „Flucht und Migration“ Helmut Dietrich zwei exemplarische historische Felder: die Flucht von Juden vor der Vernichtungspolitik der Nazis in der Zeit zwischen 1938 und 1944 und die Migration aus Afrika und Asien über das Mittelmeer nach Europa, wobei seit der Jahrtausendwende mindestens 23.000 Menschen zu Tode kamen. Im Mittelpunkt stehen die Rettungsanstrengungen der Flüchtlinge und Migranten selbst. Auch das umstrittene Thema der Fluchthilfe wird zur Sprache kommen.

Veranstaltung im Versammlungsraum des Mehringhofs, Berlin – Kreuzberg

20.Mai 2014, 20:00 Uhr

Ägypten: Proteste vor dem Präsidentenpalast

Seit drei Tagen hält jetzt eine Gruppe von Frauen ein sit in vor dem Präsidentenpalast aus Protest gegen die Inhaftierung zahlreicher Aktivisten und gegen das neue Demonstrationsrecht ab.

Für den heutigen Freitag wurde die Aktion ausgesetzt, da es am Freitag seit dem Militärputsch immer wieder zu blutigen Zusammenstössen zwischen Anhängern der Moslembrüder und den „Sicherheitskräften kommt.

Für den morgigen Samstag ist eine grössere Demo von verschiedenen Gruppen, darunter die Revolutionären Sozialisten, und die Bewegung des 6. April, geplant.

Laufende Aktualisierungen auf englisch zu den Protesten auf dem blog von Zeinobia, zu den aktuellen Protesten siehe auch unseren Bericht vom 12.04. auf linksunten.indymedia.

INAMO 77 erschienen

Schwerpunkt Tunesien, aus dem Inhalt:

-Gastkommentar

Wie steht es um die Chancen einer echten Demokratie in Tunesien?

Von Horst-Wolfram Kerll

-Tunesien im Frühling

Die tunesische Verfassung vom Januar 2014

Von Werner Ruf

Al dustur – die Verfassung – ist in Tunesien schon beinahe ein mythischer Begriff. Das kleine Land hatte sich schon vor der Kolonisation eine an die klassischen Kriterien bürgerlichen Verfassungen angelehnte Konstitution gegeben. Dies spiegelt die neue Verfassung ebenso wie die Erfahrung mit zwei fast sechs Jahrzehnte dauernden Diktaturen. Die Verfassungswirklichkeit wird jedoch entscheidend abhängen von den politischen Kräfteverhältnissen, die sich aus den wohl im Herbst stattfinden zweiten freien Wahlen in Tunesien ergeben.

-Das antihegemoniale Projekt Netzwerk Dusturna

Von Gisela Baumgratz

In den nunmehr drei Jahren seit dem Sturz des tunesischen Diktators Ben Ali haben es die Parteien der demokratischen Linken nicht geschafft, gemeinsam ein glaubwürdiges politisches Programm zu entwickeln, das Problemlösungen für die sozialen und ökonomischen Bedürfnisse der Bevölkerung anbietet. Nur engagierten zivilgesellschaftlichen Organisationen wie dem Netzwerk Dusturna im Verbund mit den Frauen- und Menschenrechtsorganisationen, der Gewerkschaft UGTT, Journalisten und Künstlern ist es zu verdanken, dass Ende 2012 und 2013 zwei „Versammlungen der Zivilgesellschaft“ unter Beteiligung von 250 respektive 300 Organisationen stattfinden konnten, bei denen konkrete Vorstellungen zu den Zukunftsperspektiven des Landes entwickelt und eine Strategie zur besseren Vorbereitung der Bevölkerung auf die anstehenden Wahlen entwickelt wurde.

-Wirtschaftsmodell Tunesien am Scheideweg

Von Said el-Metni

Der Autor Said el-Metni plädiert für eine armutsorientierte Wirtschaftspolitik in Tunesien, ohne die die bestehenden Entwicklungsdefizite, die zur Revolution geführt haben, nicht behoben werden können.

-Gewerkschaft und politischer Mediator – die UGTT nach 2011

Von Richard Probst

„Tunesien steht nach den Umbrüchen von 2011 in der arabischen Welt als leuchtendes Beispiel dar“. Sätze wie diesen konnte man, seit der Verabschiedung der Verfassung durch die tunesische Verfassungsgebende Versammlung am 26. Januar 2014, in zahlreichen Beiträgen internationaler Medien lesen. Auch wenn sich über diesen Satz trefflich streiten lässt, steht Tunesien in anderer Hinsicht in der arabischen Welt als leuchtendes Beispiel dar. Mit dem Gewerkschaftsverband UGTT (Union Générale Tunisienne du Travail) weist Tunesien eine der wenigen genuinen Gewerkschaften der Region auf, die sich durch ihre hohe Repräsentativität und innere demokratische Strukturen auszeichnet.

-Die Frauenbewegung zwischen Vereinnahmung und Opposition

Von Eva Christine Schmidt

Am 13. August 2013, dem tunesischen Frauentag, fanden in Tunis zwei Demonstrationen statt: eine große Demonstration, zu der das säkulare Frauenrechtskollektiv Hrayer Tounes (freie Frauen Tunesiens) aufgerufen hatte und das die Absetzung der Regierung forderte, sowie eine kleinere, von der Regierung organisierte Veranstaltung, die unter dem Motto „die tunesische Frau, Säule der Transition und der nationalen Einheit“ die Legitimität der Regierung beschwor und an der islamische Frauenorganisationen teilnahmen. Der nationale Frauentag ist symptomatisch für die aktuelle Situation der tunesischen Frauenbewegung und ihre Rolle im tunesischen Demokratisierungsprozess, weil er die Spaltung der Bewegung in religiöse und säkulare Aktivistinnen widerspiegelt und die bedeutende Rolle von Frauenrechten, aber auch ihre politische Vereinnahmung, im Konflikt zwischen Opposition und Regierung aufzeigt.

-Der misslungene Versuch der Islamisierung der Hochschulen

Von Khaled Chaabane

Die Schaffung von ausreichend Arbeitsplätzen ist eine Hauptforderung vieler Tunesier. Denn mit ca. 13 % im Jahre 2010 hat die Arbeitslosenquote ein bis dahin unbekanntes Ausmaß erreicht. Sie traf und trifft immer noch auch einen großen Teil der Hochschulabsolventen.

-(Medien-) Öffentlichkeiten: Spaltung oder/und Vielfalt

Von Anna Antonakis-Nashif und Khouloud Mahdhaoui

Journalistinnen und Journalisten aus aller Welt berichten am 28.01.2014 aus der tunesischen Verfassungsgebenden Versammlung (ANC). Die Unterschriften von Präsident Marzouki, Parlamentschef Ben Jaafar und Regierungschef Larayedh markieren eine Zäsur im zweieinhalbjährigen institutionellen Prozess, in dem der Raum, den zivilgesellschaftliche Organisationen als auch Medien von nun an besetzen sollten, neu ausgehandelt werden musste. Dieser politische Prozess nahm zumindest im nationalen Mediensystem eine zentrale Stellung ein: öffentlich wurde über das teilweise zähe Ringen um einzelne Artikel und Paragraphen berichtet. Unabhängig davon entwickelten sich allerdings auch regionale Öffentlichkeiten, die angesichts drängenderer lokaler Problematiken den langatmigen Verhandlungen in der Hauptstadt wenig Bedeutung einräumten.

-Islam und Islamismus

Von Mohamed Turki

In einem Artikel der Zeitung Le Monde vom 19. Januar 2014 schrieb Kamel Jendoubi, der frühere Leiter der Wahlkommission für die verfassungsgebende Versammlung, dass die neue tunesische Verfassung keine Garantie für die Verwirklichung der Demokratie in Tunesien darstelle. Er verweist auf die Gefahren, die den bisherigen Prozess der Demokratisierung seitens der islamistischen Kräfte im Lande bedrohen und ruft zur Wachsamkeit auf, allen voran mit der islamistischen Partei Ennahda, die in der Übergangsphase zur Troika gehörte und die Regierung leitete. Diese Skepsis scheint mehr als berechtigt zu sein, da Jendoubi in den letzten drei Jahren seit dem Aufbruch des ‚Arabischen Frühlings‘ genügend Gelegenheit hatte, sich mit der Führung dieser Partei in der Regierung und der Verfassungsgebenden Versammlung näher zu befassen. Sein Fazit: „Die Erfahrung hat gezeigt, dass man sich vor dem doppelten Diskurs der Islamisten in Acht nimmt. Die Verfassung ist eine wichtige Errungenschaft, aber sie wird selber den Gang der Ereignisse nicht bestimmen.“

Sowie weitere Beiträge, zur website von IFAMO

„Alltag im Umbruch“

Das Arabische Filmfestival Berlin ist mittlerweile eine Institution geworden. Es versteht sich weniger als politische Plattform denn als cineastisches Forum, das den jungen arabischen Independent-Film und das Genrekino fördert.

Claire Horst in der jungle world

Mit Hammer und Meißel klopft Aida Kaabi einen zugemauerten Eingang wieder auf. Sie hofft, in dem leerstehenden Gebäude für sich und ihren behinderten Sohn Faouzi eine Unterkunft zu finden. Von den beiden Wachmännern, die sie beobachten, lässt sie sich nicht aufhalten: Wenn mir sonst niemand hilft, muss ich mir selber helfen, das ist Aidas Credo. Der Dokumentarfilm »It Was Better Tomorrow« der tunesischen Regisseurin Hinde Boujemaa begleitet Aida in der Zeit der Umbrüche nach dem Sturz des Diktators Ben Ali.

Die Situation auf dem Arbeitsmarkt ist katastrophal, ein Sozialsystem existiert nicht. Auch die Vorurteile ihrer Umgebung und sogar der eigenen Familie machen ihr das Leben schwer. Dass ihr ältester Sohn unehelich geboren ist, macht ihn in den Augen der Umgebung zum »Bastard« und seine Mutter zu einer Ausgestoßenen. Zwei weitere Kinder wurden ihr nach der Scheidung weggenommen und leben in einem Heim. Der Film zeigt eine selbstbewusste Frau, die sich nicht einmal von einem Gefängnisaufenthalt einschüchtern lässt und um ihre Kinder und das Recht auf Selbstbestimmung kämpft.

Während die Welt um Aida zusammenbricht und sich neu ordnet, hat sich an ihrer eigenen Situation kaum etwas verändert. Ob unter Ben Ali oder der neuen Interimsregierung, als arbeitslose Frau mit unehelichem Sohn ist in dieser Gesellschaft kein Platz für sie. Vielleicht ist es die Außenseiterrolle, die Aidas offene Kritik an Regierung und Gesellschaft erst möglich macht: Zu verlieren hat sie sowieso nichts.

Die körnigen und verwackelten Bilder des Films sind gewöhnungsbedürftig, passen aber zur Lebenswelt Aidas. Ordentlich ist da gar nichts, und genau das macht »It Was Better Tomorrow« zu etwas Besonderem. Der Film widmet sich einer derjenigen, für die auch im zeitgenössischen Kino kaum Platz ist: Aida hat keine Ausbildung, keinen Job – sie gehört zu den Marginalisierten, die gewöhnlich höchstens als manövrierbare Jubelmasse der einen oder anderen Partei dargestellt werden. Ihr Kampf mit Aufsehern, Straßenwächtern und Hausbesitzern hat mit den Kämpfen zwischen Laizisten und Islamisten wenig zu tun.

Dokumentarfilme wie »It Was Better Tomorrow«, Kurzfilme und Spielfilme aus mehr als zehn verschiedenen Ländern zeigt das »Alfilm«, das Arabische Filmfestival Berlin, vom 19. bis 26. März. Den Veranstaltern zufolge ist es das größte Festival mit diesem Fokus in Deutschland. Und auch wenn einige der gezeigten Filme eine explizit politische Thematik haben, wird der Darstellung alltäglicher Themen viel Raum geschenkt. Wegen des stark gewachsenen Medieninteresses nach den Umbrüchen in der arabischen Welt im Jahr 2011 habe man zwar über eine mögliche Neuausrichtung des Festivalprogramms diskutiert, erzählt Claudia Jubeh, die zu den Organisatoren des Festivals gehört. Dass sie sich dagegen entschieden haben, sei jedoch ein bewusster Schritt gegen die einseitige Wahrnehmung arabischer Länder in Deutschland. Denn meist würden nur Probleme in den Fokus genommen und die immer gleichen Klischees reproduziert.

»Es gibt gute und wichtige Filme, die sich mit Problemlagen beschäftigen, etwa mit Frauenrechten«, so Jubeh. »Diese Filme wollen wir zeigen.« Es sei aber zu einfach, die Probleme der arabischen Welt den wohlsituierten Bürgern im Westen vor die Nase zu halten. Zu den aktuellen Umbrüchen habe es zudem erst wenige hochwertige Filmproduktionen gegeben, so Fadi Abdelnour, der gemeinsam mit Claudia Jubeh das Programm koordiniert. Neben Filmen wie dem ägyptischen Spielfilm »Winter of Discontent« zeigt das Festival Melodramen, Horrorfilme und Action genauso wie politische Dokumentationen. »Wir zeigen Dokumentarfilme, die herausfordernd sind, aber auch nordafrikanische Komödien, die einfach nur unterhalten«, so Jubeh. Damit soll ein breites Publikum angesprochen werden – Cineasten ebenso wie Menschen mit Interesse am arabischen Raum, die arabischsprachige Community ebenso wie ein internationales Publikum.

Dass diese Vielfalt keine Absage an politische Werke bedeutet, zeigt beispielsweise »Winter of Discontent« deutlich. Der ägyptische Regisseur Ibrahim El-Batout erzählt die Geschichte von drei Personen, die in Kairo in die Aufstände gegen Hosni Mubarak verstrickt werden. Dass die einzige Frau unter den Hauptpersonen eine furchtbar naive Nachrichtenmoderatorin ist, die erst spät ihre Rolle als Handlangerin des Regimes reflektiert, ist etwas ärgerlich. Immerhin ist sie aber mutig genug, um eigenständig die Seiten zu wechseln – und zeigt damit beispielhaft, wie uneindeutig die Fronten oft verlaufen. El-Batouts Figuren überstehen brutale Folterszenen und glücklicherweise nur angedeutete »Jungfrauentests« durch das Militär und erleben schließlich den Sturz des Diktators. Dass die Geschichte damit längst nicht beendet ist, konnte der Regisseur nicht ahnen. Aus heutiger Sicht endet der Film dort, wo auch die meisten Hollywood-Schnulzen enden: Die Hochzeit als Happy End – was danach kommt, kann sich jeder selbst ausmalen.

Die Auswahl der Filme kann das Team inzwischen fast komplett aus Einsendungen treffen, das Festival fördert damit aktiv Filme aus der arabischen Welt. Denn auch im arabischen Raum seien einheimische Filme kaum noch zu sehen, stellt Claudia Jubeh fest. Es gebe zwar Initiativen wie die libanesische Metropolis Art Cinema Association, doch in den meisten Ländern würden Produktionen aus Hollywood und Bollywood den Großteil der gezeigten Filme ausmachen. Neben dieser Konkurrenz – und natürlich auch dem Satellitenfernsehen mit etwa 200 arabischsprachigen Kanälen – sei auch die Zerstörung der Infrastruktur an dieser Entwicklung schuld, so Jubeh: »In Ägypten zum Beispiel gibt es wunderschöne Kinos, die aber zum Teil völlig heruntergekommen sind.«

Neben Spielfilmen und Langdokumentationen zeigt das Festival unter dem Titel »Frauen und Arbeit« eine Reihe von Kurzfilmen aus Ägypten, Tunesien und Marokko, die Frauen im Rahmen einer Initiative der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit produziert haben. Unter dem Titel »Aus Fleisch und Licht – der Körper im arabischen Film« fragt zudem die Reihe »Spotlight« nach Repräsentationen des Körpers. Gerade in der Darstellung von Körperlichkeit werden die gesellschaftlichen Brüche und Umbrüche besonders deutlich.

Alfilm. Arabisches Filmfestival Berlin. Vom 19. bis 26. März im Kino Babylon Mitte, im Eiszeit Kino Kreuzberg und in der Galerie B/B Multiples

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Der Film „ART WAR“ in HH