Tag-Archiv für 'afrika'

Wir sehen uns…

(streetart aus Kairo)

Ich bin der Engel der Verzweiflung

Mit meinen Händen teile ich den Rausch aus

die Betäubung, das Vergessen, Lust und Qual der Leiber

Meine Rede ist das Schweigen, mein Gesang der Schrei

Im Schatten meiner Flügel wohnt der Schrecken

Meine Hoffnung ist der letzte Atem

Meine Hoffnung ist die erste Schlacht

Ich bin das Messer mit dem der Tote seinen Sarg aufsprengt

Ich bin der sein wird

Mein Flug ist der Aufstand, mein Himmel der Abgrund von morgen

Heiner Müller

Wir machen Schluss. Nach über drei Jahren, über zweihundert selbstrecherchierten, übersetzten, selbstgeschriebenen Artikeln. Nach um die 5000 gespiegelten Artikeln aus linken und mainstream Medien. Leider viel zu häufig aus mainstream Medien, weil es einfach nichts anderes Brauchbares gab.
Häufig waren wir übermüdet und gestresst, manchmal euphorisch, manchmal haben wir geweint. Wir haben um Homs geweint, wir haben um unsere GefährtInnen in Kairo geweint. Wir haben viel zu selten und doch viel zu viel geweint.

Was als allgemeiner Aufbruch begann, der eine ganze Region erschütterte, ist heute…..
Wir sagen nicht, dass wir wissen, was kommt, wir teilen diese Anmaßung nicht.
Mubarak galt als unstürzbar, dann hiess es Assad sitze felsenfest im Sattel, es gebe praktisch keine Oppposition im Lande…
Vielleicht wird die nächste Preiserhöhung in Ägypten das Regime wegfegen, vielleicht wird der neue Pharao Jahrzehnte herrschen.

Wir haben unglaublich viel gelernt – wir sind dankbar dafür. Der linke Kanon ist zu Ende. Viele wollen das nicht sehen, nicht wahrhaben. Die Geschichte der Klassenkämpfe ist fast so alt wie die Menschheit, sie wird andauern, aber entweder wir lassen uns auf das Wagnis ein, uns unbequemen Wahrheiten und Widersprüchen zu stellen oder wir werden wie bockige Kinder am Rande der Geschichte quengeln, da sich die Welt nicht um uns dreht.

Wir sind überrascht, dass immer noch soviele Leute diesen blog nutzen, obwohl die Entwicklung in der Region sowohl in den mainstream Medien als auch in der Linken kaum noch eine Rolle spielt. Das hat uns lange dazu bewogen, den blog weiter zuführen, obwohl wir dadurch zu etwas geworden sind, was wir nie sein wollten: Spezialisten. So haben wir mehrmals den Versuch unternommen, dieses Projekt zu beenden. Dann passierte etwas und wir haben es nicht ausgehalten, nichts dazu zu schreiben.
Jetzt wagen wir den endgültigen Absprung.

Wir danken allen, die uns unterstützt haben. Wir danken unseren GefährtInnen von Kairo bis Soran, dass sie unser Leben so unglaublich bereichert haben. Wir hoffen, ihr vergesst diese Leute auch nicht.

Wir sind weiterhin über unsere Kontaktadresse erreichbar. Der blog bleibt als Archiv bestehen.

Um outro mundo é possível

recherchegruppe aufstand

„Fluchtpunkt Libyen – Odyssee ohne Heimkehrer“

Zwei Nigerianer schlagen sich nach Libyen durch. Eines Nachts tritt Oscar die Reise nach Europa an, Evans bleibt da – und am Leben.

Mirko Keilberth in der taz

Es war in Badagry, der einstigen Sklavenstadt westlich von Lagos. Im Café eines Freundes hockte Evans. Zwei Monate zuvor hatte er seinen gut bezahlten Job als Fahrer des Bürgermeisters verloren, die Heirat mit seiner Freundin war für den damals 25-Jährigen in weite Ferne gerückt. Mit dem Hilfslehrerjob als Computerfachmann für 50 Euro im Monat konnte er gerade einmal seine Miete in Lagos zahlen.

„Ich war zu jung“, sagt der schmächtige Mann über die Zeit damals. „Zwölf Stunden durch die Provinz fahren und Menschenmengen von meinem Boss fernhalten – dem war ich nicht gewachsen.“ Die Hoffnung auf einen guten Job hatte Evans schon aufgegeben. Da bog sein Schulfreund Oscar um die Ecke. Er war wegen der Hochzeit einer Tante für einen Kurzurlaub aus Libyen in die Heimat gekommen. „Komm mit nach Tripolis, dort gibt es Jobs wie Sand am Meer!“ Ein Satz, der Evans Leben verändern sollte.

Zwei Wochen später und mit geliehenen 500 Dollar in der Tasche saßen die beiden Nigerianer auf der Ladefläche eines Lkw, neben ihnen 40 weitere Arbeitsuchende, vor ihnen die Sahara. Für die Strecke von Lagos bis Agadez in Zentralniger, Umschlagplatz der Menschenschmuggler, hatten sie bereits umgerechnet 30 Euro bezahlt. Von Agadez fahren die Schmugglerkonvois nach festem Zeitplan in die libyschen Sahara-Städte Sebha, Murzuk und Gatrun. Das Geld reichte gerade bis Sebha. Gerüchte von Unruhen in Libyen machten die Runde, damals im Frühjahr 2011.

Arbeit als Autowäscher

Evans berichtet davon im Garten der St.-Franziskus-Gemeinde in Tripolis. Wie an jedem Sonntag suchen hier Hunderte Migranten ein paar Stunden Sicherheit und Ruhe vor dem nachrevolutionären Chaos. Evans arbeitet inzwischen in einer Autowaschanlage. „Ein guter Job“, sagt er. Aber seine Tage in Libyen sind gezählt, wegen der Gesetzlosigkeit und den bewaffneten Jugendbanden auf den Straßen.

„Am Morgen des 20. Februar 2011 kam unser Konvoi mit mehr als hundert Leuten in Sebha an. Überall in den Straßen wurde geschossen“, erinnert sich Evans. Drei Tage zuvor hatte in Bengasi der Aufstand gegen Gaddafi begonnen. Libyen war über Nacht ein anderes Land geworden. Einige Migranten wurden von Gaddafis Soldaten direkt von der Ladefläche gezogen. Sie sollten für Gaddafi kämpfen.

Evans und sein Freund Oscar verbrachten die nächsten Monate in Kellern. „Aus Angst vor den Soldaten und dem Misstrauen der Rebellen machten wir uns nur frühmorgens auf die Suche nach Essen.“ Am Tage patrouillierten plötzlich einige ihrer Bekannten aus dem Konvoi in Militäruniform, Leichen lagen auf den Straßen. Als Gaddafis Einheiten die Lage in Sebha unter Kontrolle gebracht hatten, konnten Evans und Oscar auf einer Baustelle genug Geld verdienen, um sich einen Platz unter der Plane eines gen Norden fahrenden Gemüselasters zu sichern. Doch auch in Tripolis herrschte Ausnahmezustand. Die Rebellen hielten Schwarze pauschal für Gaddafis Spione.

Hilfsbereite Einheimische

Als Tripolis im September 2011 von Regimegegnern eingenommen wurde, versuchten viele Migranten, sich nach Europa zu retten. Evans und Oscar aber schlugen sich nach Osten durch. „Viele Libyer halfen uns. Sie wussten ja, dass wir zum Arbeiten gekommen waren.“ In Khoms landeten sie im Gefängnis, als sie sich wegen noch ausstehenden Lohns für sechs Wochen Arbeit beschwerten.

„Der Bauherr rief seinen Freund bei der örtlichen Polizei an. Wir hatten natürlich kein Geld, um uns freizukaufen.“ Also zwang man sie, das Gefängnis, in dem sie einsaßen, zu renovieren. Nach vier Monaten schafften sie es nach Tripolis. Dort beruhigte sich Mitte 2012 die Lage langsam.
„Der Bauboom bot genügend Jobs. Geschlafen haben wir zwar zu zehnt in einer gemieteten Bauruine, aber das Gemeinschaftsgefühl bot Sicherheit“, erinnert sich Evans. Die meisten Nigerianer, Ghanaer und Kongolesen arbeiten sieben Tage die Woche. Mit 15 Euro Tageslohn sind viele schon zufrieden. Das Geld wird für die Bootsfahrt nach Italien gespart oder nach Hause geschickt.

600 Euro für den Platz auf einem Seelenverkäufer

Evans landete mehrfach vor einem Richter, musste Strafen für eine fehlende Arbeitsgenehmigung zahlen. „Wofür genau, weiß ich nicht. Mein Arabisch ist noch immer schlecht.“ Die zahlreichen Milizen betreiben mittlerweile ein mafiaähnliches Netzwerk, das die Inhaftierten an Baustellen und die Schmugglerboote vermittelt. Ab 600 Euro ist ein Platz auf einem Seelenverkäufer zu haben, für eine Überfahrt mit Rettungsweste und einem erfahrenen Kapitän muss man das Doppelte hinlegen.

Als der Gottesdienst beendet ist, strömen Philippiner und Afrikaner aus unterschiedlichen Ländern aus der St.-Franziskus-Kirche. Vor der Kirche beobachten bärtige Gestalten das Treiben. „Der Geheimdienst stand schon zu Gaddafis Zeiten hier“, murmelt ein pakistanischer Ingenieur. Als Christen fühlen sie sich nicht wohl im neuen Libyen. Schnell verstreut sich die Menge. Pater Dominic Rezau setzt sich zu Evans, den die Erinnerungen sichtlich mitgenommen haben. Der Franzose, ein ernster Mittfünfziger, hat, bevor er die Pfarrstelle in Tripolis antrat, viele Jahre im kongolesischen Bürgerkriegschaos verbracht.

Er schließt den kleinen Behandlungsraum auf, den die Gemeinde mithilfe von Spendengeldern für die Flüchtlinge und Migranten betreibt. „Wir können nur kleine Verletzungen behandeln und Trost spenden“, sagt Rezeau matt, „aber in den staatlichen Krankenhäusern müssen die Migranten seit der Revolution zahlen, und sie riskieren, ihren Reisepass zur verlieren.“ Der Pater lässt durchblicken, dass er sich genauso verunsichert fühle wie seine Schützlinge.

Im Frühjahr, nach den gezielten Morden an sieben ägyptischen Kopten in Bengasi, bekam der benachbarte ägyptisch-orthodoxe Bischof Besuch von libyschen Milizionären. „Du hast 24 Stunden Zeit, das Land zu verlassen, ansonsten bringen wir deine Familie und dich um“, sollen sie gesagt haben. Die EU-Botschafter und die UN-Mission verzichteten darauf, gegen den Rauswurf der Christen zu protestieren. „Wohl um nicht selbst zum Ziel zu werden“, vermutet Pater Rezeau. Er ahnt, dass Evans nun vom schwersten Teil seiner Odyssee erzählen wird.

„Am 27. Mai letzten Jahres bekamen wir mitten in der Nacht einen Anruf von unserem Kontaktmann. Er sagte, das Meer sei nun ruhig und ein Boot stehe am Strand bereit. In drei Stunden müssten wir mit dem Geld dort sein.“ Bis auf Evans packten alle ihre Tasche. „Ich zögerte, weil in den Vortagen ein scharfer Westwind geweht hatte. Ich bin als einziger am Meer groß geworden.“ Wieder ging alles ganz schnell, wie damals, als Oscar in Badagry um die Ecke bog. Diesmal zog Oscar mit sechs anderen Zimmergenossen los, noch vor Morgengrauen. Evans blieb zurück. „Am nächsten Tag ging ich mit zitternden Knien zur Arbeit und dachte, ich hätte mich falsch entschieden. Abends hörte ich dann von Freunden auf Lampedusa, dass alle ertrunken sind. Das Boot war vor der Küste gekentert.“ Dominic Rezeau bestätigt, dass sich bei gutem Wetter jede Nacht Hunderte auf den Weg zum Strand machen. Dieses Jahr mehr als je zuvor. Abends kann man die Boote manchmal von der Innenstadt aus sehen.

Die Freundin nachgeholt

Als Schichtleiter in der Autowaschanlage verdient Evans pro Auto 5 Euro. „Ein guter Lohn“, sagt er. Sogar seine Freundin hat er nach Tripolis geholt, sie putzt in einem Architektenbüro. „Ich könnte zufrieden sein. Aber ich habe meine Freunde verloren, und in Libyen gibt es weder Polizei noch Gesetze. Sobald es geht, wollen wir mit einem Touristenvisum nach Europa fliegen.“

Bei einigen EU-Botschaften müsse man nur genug Geld in den Pass legen, bestätigen viele. An großen Straßenkreuzungen in Tripolis stehen Schwarzafrikaner. Mit Schaufel, Besen oder Elektrokabel in der Hand demonstrieren sie, wofür man sie anheuern kann. Der neue Boom der libyschen Privatwirtschaft lockt immer mehr aus dem Süden hierher, trotz der Gewalt.

Eine Woche nach dem Treffen mit Evans ist Pater Rezeau noch bedrückter. Die junge Kongolesin Marine, auf die er letzten Sonntag vergeblich gewartet hatte, wurde mit ihrer 12-jährigen Tochter Opfer eines Unfalls. Ein Wagen krachte seitlich in das Taxi, mit dem sie auf dem Weg zum Gottesdienst waren. Die Tochter ist tot, Marine selbst schwer verletzt.

„Auf den christlichen Friedhöfen in Tripolis darf ich Marines Tochter zurzeit nicht beerdigen“, berichtet Pater Rezeau bekümmert. „Wir müssen ihren Leichnam nach Misrata fahren.“ Der Mutter wurde der Pass abgenommen und die kongolesische Botschaft weigere sich zu helfen.

Bitter enttäuscht ist der Pater von der millionenschweren Eubam-Mission der EU, die sich um Grenzen und Flüchtlinge kümmern sollte. In Sichtweite ihrer Basis Palm City legen nachts die Boote ab. „Wir helfen aus Nächstenliebe, aber wir haben für mehrere tausend Flüchtlinge doch gar nicht die Mittel“, sagt er. Viele NGOs und die EU hingegen arbeiteten lieber mit den Ministerien zusammen, die in Libyen im Moment aber nur virtuell existierten.

Pater Rezeau singt leise die alte kongolesische Nationalhymne, mit der er Marine und ihrer Tochter ab und zu das Heimweh vertrieb. „In ihrer Schule in Kinshasa hat man sie gezwungen, das Lied zu singen. Hier aber bedeutete es kurze Zeit Heimat und Sicherheit. Nun ist sie staatenlos, und mit ihrer Tochter hat sie alles verloren, was sie hatte.“

„Flüchtlingskatastrophe in Marokko – Finanziert die EU brutales Grenzregime in Nordafrika?“

Die EU zahlt nordafrikanischen Ländern viel Geld dafür, dass sie uns die Flüchtlinge vom Hals halten. Davon ist der Jülicher Superintendenten Jens Sannig überzeugt. Marokko gehe dabei zum Teil extrem brutal gegen Flüchtlinge in den Notlagern vor. Davon weiß angeblich nicht nicht einmal das Europäische Parlament.

Wolfgang Meyer auf WDR 5

Marokko ist, so Sannig, mit den Flüchtlingsströmen überfordert und reagiert rabiat auf die Aufforderung der Europäer, ihnen die afrikanischen Flüchtlinge vom Leibe zu halten. Dafür bekomme Marokko viel Geld von der EU und gehe zum Teil extrem brutal gegen die Menschen in den Notlagern vor. Nach Auffassung des Jülicher Superintendenten werde das weitgehend totgeschwiegen und er vermutet, dass nicht einmal das Europäische Parlament von diesen Vorgängen offiziell etwas erfährt.

Beitrag anhören auf der website des WDR

„Jemen: Migranten sollen gefoltert werden“

Menschenrechtsorganisation: Schlepper halten sie fest, um Lösegeld zu erpressen – Lokale Beamte sollen ihnen helfen

Der Standard

Schlepper halten afrikanische Migranten im Jemen in Internierungslagern fest und foltern sie, um Lösegelder von ihren Familien zu erpressen. Das geschehe mit Unterstützung lokaler Beamter, kritisiert die Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ (HRW) in einem am Sonntag veröffentlichten Bericht. Manchmal ende die Folter tödlich.

Die jemenitische Regierung solle umfassende Ermittlungen gegen die Menschenhändler und Sicherheitskräfte einleiten, die an den Menschenrechtsverletzungen beteiligt seien, fordert HRW in einer Aussendung.

Der 82-seitige Bericht „Yemen’s Torture Camps‘: Abuse of Migrants by Human Traffickers in a Climate of Impunity“ dokumentiert das Leid der Migranten, die überwiegend aus Ländern am Horn von Afrika stammen und Jemen durchreisen, um in Saudi Arabien zu arbeiten. In der Grenzstadt Haradh, in der Dutzende Lager existieren, und an Kontrollpunkten ermöglichen verschiedene jemenitische Sicherheitsbehörden, dass der Menschenhandel ohne größere Eingriffe der Regierung floriert.

„Die Regierung sieht weg“

„Schlepper halten afrikanische Migranten in ‚Folterlagern‘ fest, um ihren in größter Armut lebenden Familien Geld abzupressen“, sagt Eric Goldstein, stellvertretender Leiter der Abteilung Naher Osten von Human Rights Watch. „Wenn man sich ansieht, wie die Schlepper ihre LKWs im Stadtzentrum von Haradh mit Menschen beladen, dann wird deutlich, dass die Regierung wegsieht.“

Die Menschenhändler haben laut HRW die Lager in der vergangenen Jahren errichtet. Sie greifen Migranten auf, wenn diese mit Booten an der Küste landen, oder „kaufen“ sie von Sicherheitsbeamten oder Militärangehörigen an Kontrollpunkten. Sie verlangen Gebühren von den Migranten mit dem Versprechen, sie nach Saudi Arabien oder in andere Golf-Staaten zu bringen, um dort zu arbeiten. In den Lagern foltern die Schlepper die Migranten, um ihre Verwandten zu Hause oder Freunde, die schon im Ausland arbeiten, zu erpressen.

Beamte warnten vor Razzien

Abgesehen von einigen, von der Regierung angeordneten Razzien im Jahr 2013 hätten die Behörden wenig getan, um den Menschenhandel zu verhindern. Stattdessen haben Beamte Schlepper oft vor Razzien gewarnt, sie nicht strafrechtlich verfolgt und diejenigen wieder freigelassen, die verhaftet wurden. In einigen Fällen hätten sie Menschenhändlern aktiv dabei geholfen, Migranten gefangen zu nehmen und einzusperren.

Human Rights Watch hat 18 männliche Migranten aus Äthiopien und zehn Schlepper und Schmuggler befragt, darüber hinaus Regierungsangehörige, Aktivisten, Diplomaten, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, Mediziner und Journalisten im Zeitraum von Juni 2012 bis März 2014.

Die Migranten berichteten von grauenhaften Misshandlungen in den Lagern. Prügel sind an der Tagesordnung. Ein Mann schilderte, wie ein Schlepper ihm mit einer Wasserflasche ein Auge ausgestochen hat. Einen anderen haben die Menschenhändler an Drähten aufgehängt, die um seine Daumen gewickelt waren. Mit einer Schnur hängten sie eine volle Wasserflasche an seinen Penis. Die Zeugen berichteten auch, dass die Schlepper einige Migrantinnen vergewaltigt hätten, die sich in ihrer Gewalt befanden.

Ein Migrant war sieben Tage lang in einem Schleppercamp gefangen. „Sie haben meine Hände hinter meinen Rücken gebunden und mich auf den Boden gelegt. Dann haben sie mich mit Stöcken geschlagen“, erzählte Said und zeigte die Narben auf seinem Rücken. „Ich habe gesehen, wie die Wachmänner einem Mann ins Gesicht getreten haben, der am Boden lag, sie haben ihm die Zähne ausgetreten.“

Haut mit Eisen gebrandmarkt

Mitarbeiter von Hilfsorganisationen haben Zeichen von Misshandlungen an Migranten festgestellt, die zu den Berichten passen, dass Schlepper Fingernägel ausgerissen, Ohrknorpel verbrannt, Haut mit Eisen gebrandmarkt, Augen ausgestochen und Knochen gebrochen haben. Angestellte des Krankenhauses von Haradh bestätigten, dass sie sehr oft Migranten mit Risswunden behandeln, die durch Vergewaltigungen verursacht werden. Zudem trügen die Migranten Verletzungen, die dadurch enstünden, dass die Betroffenen an ihren Daumen aufgehängt und mit Zigaretten oder geschmolzenem Plastik verbrannt wurden.

Die Folter endet manchmal tödlich. Ein Migrant bezeugte, dass er Schlepper dabei beobachtet hat, wie sie den Penis eines Mannes mit einer Schnur abbanden und mit Holzstöcken auf ihn einschlugen, bis er vor seinen Augen starb. Ein anderer sagte, dass die Menschenhändler zwei Männer aus seiner Gruppe mit Äxten töteten. Schwer verletzte Migranten werden manchmal vor einem Einwanderungszentrum in Haradh abgelegt, das von der Internationalen Organisation für Migration betrieben wird.

Mit der Erpressung der Familien der gefangenen Migranten lässt sich gutes Geld im Jemen machen, das eines der ärmsten Länder im Nahen Osten ist. Migranten schilderteten, dass ihre Familienangehörigen und Freunde für ihre Freilassung Lösegelder in Höhe von umgerechnet 150 Euro bis zu mehr als 700 Euro bezahlt haben. Ein Schmuggler, der mit den Familien über die Lösegelder verhandelt, berichtete, dass er häufig 950 Euro pro Migrant erpressen konnte.

„Die Macht der Bruderschaften“

Ellinor Zeino-Mahmalat auf zenith online, aus unser losen Reihe deutsche think tanks

Nach der Krise in Mali engagiert Marokko sich verstärkt in der Sahelzone, das Königreich will dort Schutzmacht eines toleranten Islams werden. Die religiösen Traditionen Westafrikas sollen den Dschihadismus bändigen.

Als Marokkos König Mohammed VI. im September 2013 anlässlich der Amtseinführung des neuen malischen Präsidenten Ibrahim Boubacar Keïta das westafrikanische Land besuchte, werteten die meisten Beobachter das als Ausdruck einer aktiveren marokkanischen Diplomatie in Mali und der westlichen Sahelzone. Während der Visite wurde auf Ersuchen Bamakos unter anderem vereinbart, 500 malische Imame in Marokko ausbilden zu lassen. Hundert von ihnen haben ihre zweijährige Ausbildung in der Hauptstadt Rabat bereits begonnen, weitere 400 sollen über einen Zeitraum von sechs Jahren folgen. Die Ausbildung umfasst neben Dogmatik und Koranexegese auch ein Studium von Geschichte, Geografie, der arabischen Sprache sowie der malischen Institutionen. Ebenso ist nach Angaben des marokkanischen »Ministeriums für Habous und religiöse Angelegenheiten« das Thema Menschenrechte Teil des Unterrichts.

Das Ministerium beschreibt die Imam-Ausbildung als Marokkos Beitrag zum Wiederaufbau Malis sowie zu seiner Stärkung gegenüber religiösem Extremismus und preist die Initiative als Engagement für Frieden, Stabilität und Entwicklung in der Region. Zudem werden die engen religiösen und kulturellen Bindungen zwischen beiden Staaten betont; diese beruhen auf einem gemeinsamen malikitisch sowie vom Sufismus geprägten sunnitischen Islam.

Sicherlich ist die gemeinsame Ausbildungsinitiative auch eine Art »soft policy« Marokkos im Kampf gegen religiösen Extremismus. Das Königreich sieht sich als Vorreiter und Schutzmacht eines toleranten und gemäßigten Islams im Sahel-Sahara-Raum – der zunehmend von strengen bis radikalen wahhabitischen Strömungen herausgefordert wird. Seit bereits 50 Jahren dringen solche Strömungen aus Saudi-Arabien, Pakistan oder Ägypten nach Westafrika ein. Dort herrschte bis dahin eher ein spirituelles Islamverständnis vor.

Der westafrikanische Islam ist stark geprägt von sufisch orientierten Bruderschaften wie der Tidschaniya- oder der Qadiriya-Bruderschaft. Dieser afrikanische »Bruderschaftsislam« – der Begriff ist nicht zu verwechseln mit der islamistischen Muslimbruderschaft – zeichnet sich unter anderem durch die Verehrung islamischer Heiliger oder Gelehrter (Marabouts) aus. Salafistisch-wahhabitische Strömungen im Islam verurteilen den mystischen Zugang zur Religion als häretisch und unislamisch und versuchen ihn zu unterdrücken.

Seit den 1970er und 1980er Jahren ist insbesondere Saudi-Arabien bestrebt, seinen wahhabitischen Glauben verbunden mit – beziehungsweise unter dem Deckmantel von – humanitärer Hilfe zu verbreiten. Für die arabischen Golfstaaten gilt Subsahara-Afrika als das wichtigste Missionierungsterrain nach Südostasien. Die strengen islamistischen Ideen aus dem Nahen und Mittleren Osten drohen weite Teile der lokalen Bevölkerungen zu radikalisieren und könnten gleichzeitig ideologisch-religiöse Spannungen und Trennlinien innerhalb der lokalen Gesellschaften hervorrufen oder verstärken.

Als Mohammed VI. im September nach Mali reiste, empfing er daher auch zahlreiche Repräsentanten der lokalen Bruderschaften. Die Voraussetzungen dafür sind günstig: In Mali folgt die Mehrheit der Muslime den Lehren des Tidschaniya-Ordens, der im marokkanischen Fez sein religiöses Zentrum hat. Der 1737 in Südalgerien geborene Namensgeber der Bruderschaft, Ahmed al-Tidschani, ließ sich später in Fez nieder und gründete mit Unterstützung des marokkanischen Sultans Moulay Soulaiman seine Ordensgemeinschaft. Die Tidschaniya war damit von Beginn an eng mit dem marokkanischem Herrscherhaus verbunden und konnte sich von Marokko aus über die westliche Sahara in ganz Westafrika ausbreiten. Die Grabstätte von Ahmed al-Tidschani in Fez ist bis heute eine bedeutende Pilgerstätte für Tidschaniya-Anhänger, insbesondere für Pilger aus dem Senegal.

Der traditionelle Islam Westafrikas wird immer noch als Schutz gegen eine Radikalisierung der Gesellschaften in der westlichen Sahelzone betrachtet. Das marokkanische Herrscherhaus hat daher ein Interesse, seine religiösen Bindungen zu Vertretern aus dem westafrikanischen Bruderschaftsislam zu pflegen und zu stärken. An der marokkanisch-malischen Ausbildungsoffensive nehmen auch viele Geistliche aus bekannten malischen Familien teil. Sie sollen als religiöse Speerspitzen wieder einen toleranten Islam in dem zuletzt krisengeschüttelten und von dschihadistischer Gewalt geplagten Land verankern.

Im September 2012 hatten sich bereits die Religionsminister der fünf Staaten der »Union des Arabischen Maghrebs« (UAM) zu einer Konferenz in Mauretaniens Hauptstadt Nouakchott versammelt, um über den wachsenden Einfluss von Al-Qaida und Salafisten im Maghreb-Sahel-Raum zu beraten. Erklärtes Ziel der Minister war es, ihre Gesellschaften gegen extremistische, radikale Ideologien zu immunisieren und einen Islam der Toleranz zu fördern.

Fundamentalismus und der Handel mit Menschen, Waffen und Drogen bedrohen auch den Maghreb

Im Zusammenhang mit dieser Herausforderung hat Marokko das Schlagwort der »sécurité culturelle et cultuelle« geprägt: der »Sicherheit der Kultur und der Religionsausübung«. Der neue, königsnahe Außenminister Salaheddine Mezouar kommentierte, diese kulturelle und religiöse Sicherheit in der Sahelzone sei eine wichtige Komponente der regionalen Sicherheit. Marokko, so Mezouar, nehme das Thema sehr ernst.

Das nordafrikanische Königreich hat gleich mehrere Gründe, die Entwicklung in der Sahelzone außenpolitisch zur Priorität zu machen. Zwar ist die eigene nationale Sicherheit nur mittelbar von der dortigen Lage und insbesondere von der jüngsten Krise in Nordmali betroffen. Dennoch kann eine Verschlechterung der Sicherheitslage in Mali und im Sahel den marokkanischen Staat an mehreren empfindlichen Stellen treffen.

Das Erstarken des religiösen Extremismus – insbesondere vertreten durch »Al-Qaida im Islamischen Maghreb« (AQIM) –, der Menschen-, Waffen- und Drogenhandel im Sahel-Sahara-Raum und nicht zuletzt die zunehmenden Migrationsströme aus Subsahara- Afrika sind anhaltende Probleme für Rabat. Poröse und nicht kontrollierbare Landesgrenzen sowie die Gefahr zunehmend fragiler Staatlichkeit drohen aus dem Sahel-Sahara-Gebiet einen sicheren Rückzugsraum für kriminelle Banden und gewaltbereite Extremisten in direkter Nachbarschaft zu machen. Jüngst sorgte die Veröffentlichung eines Al-Qaida-Videos für Aufregung: Darin wurde erstmals das marokkanische Königshaus direkt attackiert.

Nicht erst seit der – von Marokko offiziell unterstützten – französischen Mali Intervention Anfang 2013 lässt sich ein intensiviertes sicherheitspolitisches Interesse Marokkos an der Sahelzone feststellen. Bereits in der neuen marokkanischen Verfassung von 2011 wird das Ziel der verstärkten Zusammenarbeit mit den Ländern des Sahel-Sahara-Raums festgeschrieben. Rabat ist seit längerem bemüht, sein außenpolitisches Profil in der Region zu schärfen und seine politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zu dieser Region auszubauen.

Eine Forcierung des Engagements in der Sahelzone ist zugleich nämlich auch ein politisches Signal hinsichtlich der eingefahrenen marokkanisch-algerischen Rivalität in der Westsahara-Frage: Eine Anerkennung von Marokkos »Sahel-Dimension«, so die Meinung einiger Experten, stärke Marokkos Anspruch auf territoriale Souveränität über die seit 1976 besetzte Westsahara – die in Marokko offiziell als »südliche Provinzen« bezeichnet wird.

Darüber hinaus gilt das Signal aber auch der Gestaltung der regionalen Ordnung: Für Marokkos politische Elite reichen die natürlichen Außengrenzen des Landes in die Sahelzone. Mali sei – so formulieren es marokkanische Sicherheitsexperten – eine »natürliche Einflusszone« und eine »kulturelle Verlängerung Marokkos«. Unter der Herrschaft der Saadier im 16. Jahrhundert, zu Zeiten des Sultans Ahmed al-Mansour, reichte das marokkanische Reich bis in die malischen Städte Timbuktu und Gao. Heute begnügt sich Marokko damit, enge kulturelle und politische Beziehungen zu den Ländern des westlichen Sahels zu unterhalten. Der Kampf gegen religiösen Extremismus ist eine neue Komponente dieser engen Beziehungen.

Ellinor Zeino-Mahmalat ist promovierte Politologin und Projektkoordinatorin der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) in Marokko.

„Kurz vor Europa, nicht willkommen“

Nach Europa schaffen es die wenigsten, viele Migranten stranden in Nordafrika. In Marokko werden sie angefeindet und schikaniert. Ein besseres Leben sieht anders aus.

Susanne Kaiser in der ZEIT

Sie kommen nicht weiter und können nicht zurück: Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa, die in Transitländern wie Marokko an ein unerwartetes Ende ihrer Reise kommen. Das ist nicht zuletzt ein Resultat der neuesten Abkommen zwischen der EU und ihren Nachbarn, die das Problem der nicht endenden Flüchtlingsbewegungen kurzerhand gegen Geld und Privilegien auszulagern versucht. In Fachkreisen spricht man dabei von Externalisierung: Die Grenzlinie Europas wird im Rahmen Europäischer Nachbarschaftspolitik und Privilegierter Partnerschaften kurzerhand gen Süden verschoben, die nördlichen Länder des afrikanischen Kontinents hierfür zu sicheren Drittstaaten erklärt.

Während sich die Meldungen aus Lampedusa überschlagen und von immer größeren Zahlen geretteter Flüchtlinge vor der italienischen Küste berichtet wird, werden die Massen von Migranten, die in Nordafrika zurückbleiben, von der europäischen Presse kaum bemerkt. Dabei machen sie den größten Teil der Flüchtlinge aus, wie Studien des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge zeigen. Vor allem in Marokko landen viele, zumeist siedeln sie in der Peripherie größerer Städte wie Oujda an der Grenze zu Algerien oder Nador in der Nähe der spanischen Enklave Melilla.

Mit den Zuwandererzahlen steigen in den Maghreb-Ländern auch die Spannungen. Denn die subsaharischen Afrikaner werden als Konkurrenz um Arbeit oder als Sicherheitsrisiko wahrgenommen und daher häufig Opfer von Anfeindungen und Übergriffen. Dabei sind die Bedingungen, unter denen sie leben müssen, ohnehin denkbar schlecht: in selbst gebauten Zelten aus Stöcken, Ästen und Plastikplanen unter freiem Himmel, in Wäldern und Parks, ohne Zugang zu Wasser, Strom, medizinischer Versorgung oder gar Bildung. Ihren dürftigen Lebensunterhalt verdienen sie mit Betteln, am besten vor Moscheen nach dem Freitagsgebet.

Gezielte Schikane durch die marokkanische Polizei
Doch die größte Bedrohung geht von der marokkanischen Polizei aus, die Flüchtlinge systematisch und gezielt schikaniert. Human Rights Watch prangerte vor Kurzem in einem umfangreichen Bericht das offenbar der Abschreckung dienende Vorgehen der Polizisten gegen Klandestine – also Migranten ohne Papiere – als Menschenrechtsverletzungen an. Regelmäßig sucht die Polizei demnach die improvisierten Flüchtlingslager auf, oftmals in den frühen Morgenstunden, traktiert die Bewohner mit Schlägen, stiehlt die spärlichen Wertgegenstände – Handys, Geld, Papiere –, brennt die Zelte nieder und verfrachtet die Flüchtlinge kollektiv zurück über die algerische Grenze, von wo sie in der Regel gekommen sind.

Viele Migranten leben unter diesen Bedingungen nicht nur Monate, sondern jahrelang in Marokko, ohne Aussicht auf eine Überfahrt nach Europa, ohne Rückkehrmöglichkeiten, in ständiger Angst vor der Polizei. Wie viele irreguläre Flüchtlinge ohne Dokumente es sind, weiß keiner so genau – die Schätzungen variieren zwischen 4.500 (Ärzte ohne Grenzen) und 25.000 bis 40.000 (marokkanische und spanische Behörden).

Seit September 2013 verfolgt Marokko als Reaktion auf harsche Kritik an Menschenrechtsverletzungen eine neue Flüchtlings- und Asylpolitik, unter anderem soll ein rechtlicher und institutioneller Rahmen für den Umgang mit Migranten geschaffen werden, undokumentierte Flüchtlinge sollen Papiere erhalten. „Seitdem haben die Diskriminierungen auch innerhalb der Bevölkerung eher noch zugenommen“, sagte Youssef Haji, Koordinator des von verschiedenen Flüchtlingsorganisationen gegründeten Komitees Papiers Pour Tous (Papiere für alle), gegenüber Al Jazeera.

Im Interesse der EU-Asylpolitik
Aus diesem Grund hat Papiers Pour Tous vor einigen Wochen eine Kampagne gegen Rassismus begonnen, die in Marokko zu einer kontroversen Diskussion über den gesellschaftlichen Umgang mit subsaharischen Flüchtlingen geführt hat. Bilder von einem schwarzen Afrikaner und dem Slogan auf Französisch und Marokkanisch „Ich heiße nicht Azzi“ (despektierlicher Ausdruck zur Bezeichnung eines dunkelhäutigen Menschen) zirkulieren im Internet und auf Plakaten, Banderolen und T-Shirts. Die Aktion wird begleitet von Tagungen und anderen Veranstaltungen, es ist die allererste ihrer Art überhaupt in Marokko.

Zynische Stimmen vermuten dahinter nur den letzten Versuch, das Transitland im Interesse der EU-Asylpolitik zu einem besseren Ort für die dauerhafte Bleibe von Flüchtlingen zu machen und damit die Pufferzone zwischen Afrika und Europa auszubauen. Tatsächlich weisen die jüngsten bilateralen Abkommen darauf hin, dass die marokkanische Regierung gegen finanzielle Unterstützung und Privilegien bereit ist, den Transfer von Migranten in Richtung Europa noch effektiver zu unterbinden.

Die Migranten haben ihren Ländern im subsaharischen Afrika den Rücken gekehrt, um Armut, familiären und sozialen Schwierigkeiten, politischen Umstürzen und Bürgerkriegen oder politischer Verfolgung zu entkommen. Sie legen dafür Hunderte von Kilometern teils zu Fuß, teils mit Autos und Bussen zurück. Nur um irgendwann festzustellen, dass sie dauerhaft in Marokko gestrandet sind, wo ihnen keinesfalls eine bessere Zukunft winkt.

„Mohammed VI. auf Afrikatour: Rabat wendet den Blick gen Süden“

Marokko profitiert von Algeriens Schwäche, um sich als wichtiger Akteur im Sahel und in Westafrika zu profilieren. Das Land erhofft sich verstärkte Unterstützung für seine Westsahara-Politik und baut wirtschaftliche Kooperationen aus.

Beat Stauffer in der NZZ

Die rund dreiwöchige Tournee, die der marokkanische König samt einem grossen Gefolge von Ministern, hochrangigen Wirtschaftsführern und Beratern unlängst beendet hat, ist weit mehr als eine der zahlreichen Auslandreisen des Monarchen. Sie stellt vielmehr einen Wendepunkt in der Beziehung Marokkos zu seinen Nachbarn südlich der Sahara dar. Noch nie hatte ein marokkanischer Monarch dieser Region eine derartige Bedeutung eingeräumt, noch nie haben marokkanische und afrikanische Medien diese Beziehungen derart euphorisch gefeiert. Afrika sei ein grosser Kontinent mit einem riesigen Potenzial und kein kolonisierter Erdteil, sagte König Mohammed VI. sinngemäss in einer Rede in Côte d‘Ivoire. Aus diesem Grund müssten die afrikanischen Länder sich gegenseitig Vertrauen schenken.

Bisherige Gleichgültigkeit
Die Handelsbeziehungen zwischen Marokko und allen schwarzafrikanischen Ländern machten 2012 nur gerade 2 Prozent des marokkanischen Aussenhandels aus (etwa 1,4 Millionen Euro); ihr Umfang war damit 13-mal geringer als derjenige der Handelsbeziehungen zu Frankreich. Initiativen, die auf eine Verstärkung der wirtschaftlichen und politischen Beziehungen unter afrikanischen Ländern hinauslaufen, sind naheliegend.

Die Zuwendung zu Schwarzafrika ist allerdings neueren Datums. Der Maghreb, obwohl kulturgeschichtlich in vielen Bereichen stark von Ländern südlich der Sahara geprägt, sieht sich traditionell als Region, die in der arabischen Kultur verwurzelt ist und zudem über starke Beziehungen zu Europa verfügt. Entsprechend richtete sich der Blick bis jetzt in erster Linie nach Osten und Norden; Schwarzafrika wurde mit einer Mischung aus Gleichgültigkeit und Verachtung betrachtet. Noch unter König Hassan II. prägte diese Sichtweise auch die offizielle Politik: Der Monarch pflegte zwar enge Kontakte zu einigen Staatschefs, mass aber gleichzeitig den offiziellen Beziehungen zu den entsprechenden Staaten ein geringes Gewicht bei. Diese Haltung wurde durch den im Jahr 1984 erfolgten Austritt Marokkos aus der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU, heute AU) verstärkt. Marokko verliess die Organisation damals aus Protest wegen der Anerkennung der Demokratischen Arabischen Republik Westsahara und blieb ihr seither fern. Erst König Mohammed VI. leitete in den letzten Jahren in seiner Afrika-Politik einen sachten Kurswechsel ein, der jetzt mit der jüngsten Tournee bekräftigt wird.

Wirtschaftliche Interessen
Dieser markante Kurswechsel hat allerdings handfeste Motive, welche die Bekundungen panafrikanischer Solidarität als Begleitmusik erscheinen lassen. Auf wirtschaftlicher Ebene dürften sowohl der in Marokko stark spürbare Rückgang der Handelsbeziehungen zu EU-Ländern wie das weiterhin blockierte Verhältnis zu Algerien eine wichtige Rolle gespielt haben. Aus dieser Optik ergibt es durchaus Sinn, neue Märkte in Ländern südlich der Sahara ins Visier zu nehmen. In einigen Staaten dürften sich zudem Synergieeffekte ergeben. So hat Marokko nun im ölreichen Gabon Verträge zum Bau mehrerer Kunstdüngerfabriken unterzeichnet, in denen marokkanisches Rohphosphat zu Kunstdünger verarbeitet werden soll.

Auch in anderen Bereichen ist eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Marokko und ausgewählten afrikanischen Ländern sinnvoll. Marokko besitzt im Bankwesen, im Dienstleistungssektor, Tourismus sowie Hoch- und Tiefbau Kompetenzen. Schon seit einigen Jahren haben marokkanische Unternehmer begonnen, sich in Sahelländern zu installieren. Diese Expansion soll nun im grossen Stil fortgesetzt werden. Dabei sind auch Firmen, die dem Königshaus gehören, beteiligt. Als grösster Aktionär des Landes ist der Monarch in der marokkanischen Wirtschaft ohnehin auf vielfältige Weise involviert.

Mit der neuen Afrika-Politik treten marokkanische Unternehmen allerdings unweigerlich in Konkurrenz zu französischen Firmen, die bis anhin in vielen westafrikanischen Ländern weitgehend freie Hand gehabt haben. Damit tut sich ein potenzielles Konfliktfeld zwischen Marokko und seiner ehemaligen Protektoratsmacht auf.

Jihadismus und Migration
Hinter dem neuen Interesse Marokkos an seinen Nachbarn im Süden dürfte allerdings ein anderer Aspekt ein mindestens so grosses Gewicht besitzen: Die neue Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen und im engeren Sinn die Bekämpfung radikal-islamistischer Gruppierungen, welche sich in der Sahelzone festgesetzt haben. Dieser Plan war schon mit der «Déclaration de Rabat» im November 2013 eingeläutet worden, einem Projekt zur gemeinsamen Ausbildung von Grenzwächtern in insgesamt 19 Staaten.

Der Sicherheitsaspekt stand auch beim Staatsbesuch des Monarchen in Mali im Vordergrund. Marokko bietet dem Sahelstaat an, jährlich Hunderte von Studenten an marokkanischen Universitäten zu Imamen ausbilden zu lassen. Auf solche Weise soll Mali in Zukunft die Kontrolle über Moscheen zurückgewinnen, in denen extremistische Botschaften verbreitet und gefährdete Jugendliche radikalisiert werden. Dabei setzt Marokko auf die Kraft des gemässigten Islams malikitischer Ausrichtung, aber auch auf die mystisch ausgerichteten islamischen Bruderschaften, die teilweise jahrhundertealte Beziehungen über die Landesgrenzen hinweg pflegen. Obwohl darüber offiziell nichts verlautete, darf davon ausgegangen werden, dass auch eine intensivere Zusammenarbeit zwischen den Geheimdiensten von Marokko und Mali sowie weiterer Länder ins Auge gefasst wird; es ist offensichtlich, dass allein mit präventiven Massnahmen den Jihadisten in der Sahelzone wie auch ihren häufig im Drogen- und Waffenhandel sowie im Entführungsgeschäft tätigen «Geschäftspartnern» nicht beizukommen ist.

Zu dieser Zusammenarbeit im Sicherheitsbereich zählt im weiteren Sinn auch die Bekämpfung der klandestinen Emigration in Richtung Norden, welche für Marokko zunehmend ein Problem darstellt. Massgebend dabei dürfte aber sein, dass sich Marokko damit für Europa als unabdingbarer Partner in einem äusserst wichtigen Bereich positioniert. Analysten sind denn auch davon überzeugt, dass die Afrika-Initiative des Monarchen mit den USA sowie europäischen Ländern abgesprochen worden ist oder dass diese letztlich gar die entscheidenden Akteure hinter den Kulissen waren.

Das vorgängige Treffen von König Mohammed VI. mit Bilal Ag Chérif, dem Chef des Mouvement national pour la libération de l‘Azawad (MNLA), zeigt, wie sehr Marokko auch als Vermittler oder gar Ordnungsmacht in der Region wahrgenommen werden will. Damit ergibt sich unweigerlich ein Konflikt mit Algerien. Das Land betrachtet die Sahelzone seit Jahrzehnten ganz klar als seine Einflusssphäre, in der nichts ohne Einwilligung des dafür zuständigen Département du Renseignement et de la Sécurité (DRS) geschah. Bereits die französische Intervention in Mali, so berichtet Hasni Abidi, Professor für Global Studies an der Universität Genf, wurde von Algerien ungern gesehen und endete aus algerischer Optik mit einem Debakel. Der Umstand, dass sich Marokko nun als gewichtiger Mitspieler in diesen Bereich vorwagt, dürfte in Algier mit grösstem Ungemach registriert worden sein. Das Land, das sich noch vor Jahren als Leuchtturm der Befreiungsbewegungen feierte, so der Lausanner Politikwissenschafter Ahmed Benani, verliere gegenwärtig seine zentrale Rolle auf allen Ebenen.

Das Westsahara-Problem
Die Afrika-Initiative des marokkanischen Monarchen ist, so meinen die beiden Analysten übereinstimmend, eng verknüpft mit der gegenwärtigen Lage Algeriens und mit dem Versuch Marokkos, für seine Westsahara-Politik neue Mehrheiten zu finden. Diese Lage ist geprägt von den Machtkämpfen der verschiedenen algerischen Clans und den damit verbundenen Unsicherheiten im Zusammenhang mit der Präsidentenwahl sowie mit einer angespannten sozialen Lage. Diese Umstände absorbierten Algerien derart stark, dass es aussenpolitisch praktisch handlungsunfähig geworden sei, meint Benani. Marokko nutze jetzt diese momentane Schwäche des im Prinzip viel reicheren und mächtigeren Nachbarn aus, um die regionalen Karten neu zu mischen und für seine Politik einer Autonomie der Westsahara unter marokkanischer Souveränität Unterstützung zu finden. «Für Marokko war es der Moment, um zu handeln», sagt Abidi. Marokko setze auf einen «Schneeball-Effekt», meint Hasni Abidi; gute wirtschaftliche Beziehungen könnten längerfristig zu einem Überdenken der bisherigen Unterstützung vieler afrikanischer Staaten für die Sahraoui-Republik führen.

Die neue Afrika-Politik von Mohammed VI. stösst allerdings in den Staaten südlich der Sahara nicht nur auf Begeisterung. Im Nachbarland Mauretanien, das der Monarch bei seiner Tournee links liegengelassen hatte, löste die Initiative Verärgerung und Angst vor marokkanischen Grossmachtsträumen aus. Anfang März rief Nouakchott seinen Botschafter in Rabat zurück und liess die Botschaft vorübergehend schliessen. Zwar wurden die offensichtlichen Spannungen wenig später durch wolkige Erklärungen abgedämpft. Dennoch ist klar, dass es zwischen den beiden Ländern nicht zum Besten steht.

Ambitiöse Politik umsetzbar?
In Marokko selber ist neben grossem Applaus auch leise Kritik an der neuen Afrika-Politik des Monarchen zu vernehmen. So wird etwa die Frage aufgeworfen, ob die Förderung strukturschwacher und armer Regionen in Marokko nicht Vorrang haben müsste gegenüber solchen grenzüberschreitenden Projekten. Einzelne Kritiker argwöhnen auch, dass Unternehmen im Besitz des Palasts oder von Gefolgsleuten des Königs am meisten von diesen Projekten profitieren würden.

Für den Ökonomen Najib Akesbi, Professor am Institut Agronomique et Vétérinaire Hassan II in Rabat, stehen zwei andere Fragen im Vordergrund. Akesbi zweifelt zum einen daran, dass Marokko tatsächlich über die finanziellen Mittel verfügt, um eine derart ambitiöse Afrika-Politik zu betreiben. Zum andern weist er auf die mangelnde Konkurrenzfähigkeit marokkanischer Exportprodukte und auf praktische Schwierigkeiten hin; etwa auf die schlecht ausgebauten Transportwege zwischen Marokko und afrikanischen Ländern.

Klar ist: Die neue Afrika-Politik von Mohammed VI. bleibt aufs Engste mit seinem Konzept einer «Monarchie entrepreneuriale» verknüpft. Ob damit dem Land längerfristig gedient ist, steht auf einem anderen Blatt. Beachtlich bleibt aber, wie strategisch geschickt der marokkanische König sein Land durch die Stürme der Zeit steuert.

Mohammed VI. in den Fussstapfen Ghadhafis?

Die Reise der marokkanischen Delegation führte nach Mali, Côte d‘Ivoire, Guinea und Gabon. Dabei schloss Mohammed VI. mit seinen afrikanischen Partnern verschiedene Abkommen ab und schlug ihnen eine Zusammenarbeit auf Regierungsebene vor – in Mali etwa in Form der Ausbildung von zukünftigen Imamen. Im Zentrum standen aber geplante Investitionen bedeutender marokkanischer Unternehmen. Das umfangmässig bedeutendste Projekt soll dabei im ölreichen Gabon realisiert werden. Dort ist der Bau von insgesamt fünf Kunstdüngerfabriken mit einem Investitionsvolumen von rund zwei Milliarden Dollar geplant, die bereits in vier Jahren den Betrieb aufnehmen sollen. Entscheidender Akteur auf marokkanischer Seite ist OCP, Weltmarktführer in der Phosphat- und Düngemittel-Produktion. In Guinea sieht der marokkanische Bau- und Immobilienkonzern Addoha den Bau dreier Satellitenstädte mit insgesamt 3000 Wohneinheiten vor. In Côte d‘Ivoire unterzeichnete Mohammed VI. schliesslich 26 bilaterale Abkommen in verschiedenen Bereichen, etwa der Fischerei und dem gegenseitigen Schutz von Investitionen.

Der marokkanische Vorstoss in Richtung Afrika weist auch einen Bezug zu Libyen auf. Bekanntlich hatte der Sturz des Ghadhafi-Regimes nicht nur hinsichtlich der Verschlechterung der Sicherheitslage in der gesamten Sahelzone eine entscheidende Rolle gespielt, sondern auch massive wirtschaftliche Folgen für zahlreiche afrikanische Länder gezeitigt. Ghadhafi, der sich als künftiger «König der Könige Afrikas» sah, ist dort als Grossinvestor, aber auch als Sponsor und Mäzen aufgetreten. In den vier Ländern, die König Mohammed VI. auf seiner Reise besucht hatte, habe nach dem Tod von Ghadhafi eine schmerzliche Lücke geklafft, sagt Hasni Abidi. Libysche Investitionen durch die «Libyan African Investment Company» seien gerade in diesen Ländern sehr bedeutsam gewesen. In diesem Sinn dürfte der marokkanische König dieses Vakuum zumindest ökonomisch ausgefüllt haben. Im Gegensatz zum libyschen Diktator geniesst der marokkanische König in den betreffenden Ländern allerdings einen guten Ruf und steht zudem nicht im Verdacht, via ein solches Engagement andere Länder politisch destabilisieren zu wollen.

„Kampf um das Nilwasser“

Äthiopien plant einen Riesenstaudamm – Ägypten sieht sich dadurch in seiner Existenz bedroht. Die Töne zwischen beiden Ländern werden schriller. Die Menschen in Ägypten sind auf das Wasser angewiesen.

Martin Gehlen im Tagesspiegel

Die Töne werden immer schriller, in Kairo liegen die Nerven blank. Ägypten habe das Recht, seine nationale Sicherheit zu verteidigen, deklamierte Außenminister Nabil Fahmy und kündigte den äthiopischen Machthabern in Addis Abeba eine „entschiedene Antwort“ an, falls die kommenden Verhandlungen keine Garantien für Ägyptens Wasserversorgung bringen sollten. Doch danach sieht es nicht aus. Die technischen Gespräche zwischen Äthiopien, Sudan und Ägypten über den neuen „Großen Äthiopischen Renaissance Damm“ (GERD) am Oberlauf des Blauen Nils sind nach vier Anläufen endgültig zusammengebrochen – alles nur Zeitverschwendung, tobte Kairos Wasserminister Muhammad Abdul Muttalib.

Selbst seine Forderung, Einblick in die Konstruktionspläne sowie Notfallanalysen für einen Dammbruch zu bekommen, wird von äthiopischer Seite beharrlich ignoriert. Denn Addis Abeba hat kein Interesse, sein ehrgeiziges Prestigeprojekt zu reduzieren oder sich gar einen Baustopp für die 4,8-Milliarden-Dollar-Investition aufzwingen zu lassen. „7500 Handwerker arbeiten rund um die Uhr zusammen mit 500 Experten aus 25 Ländern, um alles so schnell wie möglich zu vollenden“, erklärte der Chefingenieur von „Ethiopian Electric Power“ vor Ort. Ein Drittel der gigantischen Konstruktion steht bereits, im Herbst 2017 soll der Damm eingeweiht werden. 75 Milliarden Kubikmeter wird der neue künstliche Hauptsee einmal fassen, die vier geplanten Nebentalsperren mindestens noch einmal das gleiche Volumen – das entspricht fast der dreifachen jährlichen Wassermenge des Nils für Ägypten. Am Ende soll die gigantische, 145 Meter hohen Nil-Barriere gut 6000 Megawatt Strom produzieren.

Blauer und Weißer Nil
Der Blaue Nil steuert 80 bis 90 Prozent zum gesamten Fluss bei, der Rest stammt aus dem Weißen Nil, an dem sämtliche anderen Anrainer liegen. Und so ist die Wasserkrise vor allem ein Konflikt zwischen Äthiopien und Ägypten. Denn ausgerechnet während der Revolution am Nil, als Kairo politisch total gelähmt war, schuf Addis Abeba einseitig Fakten. Am 31. März 2011, sechs Wochen nach dem Sturz von Hosni Mubarak, wurde der Grundstein für den neuen Superdamm nahe der sudanesischen Grenze gelegt. Der Auftrag ging ohne internationale Ausschreibung an das italienische Konsortium „Salini Impregilo“. Die 15 Turbinen zur Stromerzeugung finanziert China. Den Rest der Bausumme will Äthiopien aus eigenen Mitteln und einem national verordneten Gehaltsverzicht für alle Staatsangestellten zusammenkratzen, um mögliche Auflagen internationaler Geldgeber wie der Weltbank für Umwelt und Kooperation mit den übrigen Nilanrainern zu umgehen.

Offene Kriegsdrohung
Als die Führung in Kairo dann 2012 unter Präsident Mohammed Mursi erstmals Alarm schlug, gab es während einer turbulenten Krisensitzung, die ohne Wissen der Teilnehmer live im Fernsehen übertragen wurde, sogar offene Kriegsdrohungen gegen das Horn von Afrika. So weit geht die neue militärgestützte Regierung bisher nicht, auch wenn ihre öffentlichen Botschaften gen Äthiopien zunehmend aggressiv und ultimativ klingen. In einem letzten Versuch wollen die Interims-Machthaber nun ihren neuen Freund im Antiterrorkampf, Saudi-Arabien, als Vermittler einschalten. Riad soll Addis Abeba drängen, einen bindenden Vertrag abzuschließen über Kapazität und Durchlaufmenge des Dammes, der den seit der Kolonialzeit garantierten Wasseranteil Ägyptens von 55 Milliarden Kubikmeter pro Jahr unangetastet lässt. Die Verträge von 1929 und 1959 jedoch hat Äthiopien bereits vor vier Jahren aufgekündigt, zusammen mit anderen Anrainerstaaten des Ober-Nils.

„An die Existenz“
Für die Wasserexperten in Kairo geht das „Ägypten an die Existenz“. Denn um das gigantische Becken zu füllen, muss Äthiopien den Blauen Nil für fünf Jahre erheblich drosseln. Jährlich 15 bis 20 Milliarden Kubikmeter würden Sudan und Ägypten nach Schätzungen von Nil-Experten wie Alaa al Zawahri von der Universität Kairo in diesem Zeitraum fehlen, das sind mehr als ein Drittel des üblichen Volumens. Schon jetzt leidet Ägypten unter einer Trinkwasserkrise, auch weil der Nil wegen seiner zu niedrigen Wasserstände zunehmend verschmutzt.

Immer wieder kommt es zu Massenerkrankungen durch Abwässer und Industriegifte, die ungeklärt in den Strom fließen. Man könne nicht mehr Volumen aus dem eigenen Assuan-Staubecken ablassen, um die Schadstoffe stärker zu verdünnen und ins Mittelmeer auszuspülen, erklärte Wasserminister Muhammad Abdul Muttalib, der weiß, dass sein Land wegen der wachsenden Bevölkerung jeden Liter braucht. 95 Prozent der 85 Millionen Ägypter drängeln sich im Niltal, das lediglich fünf Prozent der Staatsfläche ausmacht. Und so ordnete der neue Ministerpräsident Ibrahim Mahlab kürzlich in einer hilflosen wie symbolischen Aktion an, bei Kabinettssitzungen solle künftig nur noch Leitungswasser serviert werden. Auf diese Weise wolle die Regierung „ihren Lebensstil mit den normalen Leuten teilen“.

„Flüchtlingsansturm in Melilla – Notfalls mit Gewalt über den blutigen Zaun“

Die spanischen Exklaven in Marokko sind für viele Menschen „Europas afrikanische Südgrenze“. Entsprechend groß ist der Ansturm darauf.

Leo Wieland, Melilla in der FAZ

Dieudonné wollte sein Schicksal nicht länger gottergeben tragen. So verließ er seine Heimat Mali, die er einen „hoffnungslosen Fall“ nennt, und begann eine lange Wanderung nach Norden. Weil der junge Grundschullehrer, noch ohne Familie, den teuren Schlepperbanden nichts bezahlen wollte, dauerte es Monate, bis er in Marokko an die „afrikanische Südgrenze Europas“ kam.

Zwischen ihm und dem spanischen Melilla war dann nur noch ein dreifacher, sechs Meter hoher Zaun, mit etwas Scharfem an der Spitze, was in einschlägigen Kreisen „Nato-Draht“ genannt wird. In dieser Woche gehörte Dieudonné nun zu hundert von fünfhundert Schwarzafrikanern, die diesen Zaun mit blutigen Handschuhen und zerrissenen Hosen überwanden, sich dabei nur einige Knochen, aber nicht den Hals brachen und sich im Übrigen mit Steinen und Knüppeln in die spanische Exklave prügelten.

Es war der gewalttätigste Ansturm seit langem, mit 57 Verletzten, die meisten davon spanische und marokkanische Grenzer. Gendarmen von drüben, die sich bei dem Versuch, die Eindringlinge zurückzuhalten, plötzlich zwischen den Zäunen wiederfanden, mussten sogar die Spanier bitten, ihnen in der Not das Tor aufzumachen. So spielen sich im „Niemandsland“, das sonst Anlass zu endlosen Souveränitätsdebatten böte, plötzlich Szenen nie dagewesener Solidarität ab.

Dieudonné hat Glück gehabt. Er sitzt fröhlich mit einem „Willkommenspaket“ und einem neuen, vom Roten Kreuz bereitgestellten, blauen Trainingsanzug in dem schon überfüllten Auffanglager. In der vorigen Woche hatte es eine ähnliche Invasion von Migranten aus Kamerun gegeben. Dieudonné ist ganz zuversichtlich, dass es, wenn es nicht mit Spanien klappen sollte, doch vielleicht in Frankreich, Deutschland oder Großbritannien einen Platz für ihn geben wird. Er kennt auf jeden Fall die Fußball-Ligen all dieser Länder aus seinem Transistorradio auswendig.

30.000 Schwarzafrikaner in den Wäldern
Das Lager, Centro de Estancia Temporal de Inmigrantes, kurz Ceti, genannt, ist für 460 Personen eingerichtet. Inzwischen sind es schon fast dreimal so viele, so dass die spanische Armee immer neue Zelte aufschlagen muss. In ihnen und den daneben liegenden Baracken drängt sich ein Ausschnitt der wandernden Weltbevölkerung von Afrika über Nahost bis Asien. Rund drei Viertel sind Männer, ein Viertel Frauen und Kinder. Im Ceti verliebt und streitet man sich. Es gibt spontane Hochzeiten und Scheidungen. Es werden Kinder gezeugt und geboren. Muslimische Algerier geraten gelegentlich wegen der Religion mit Christen aus Regionen südlich der Sahara aneinander. Aber zumeist betet man friedlich nebeneinander, wenn auch zu unterschiedlichen Zeiten. Und obwohl der Bürgermeister-Präsident von Melilla, Juan José Imbroda, gerade wieder vor einer „Hekatombe“ warnte, falls noch ein paar tausend Eindringlinge hereinkommen sollten, ist es ein kleines Wunder, dass im Ceti nicht mehr passiert.

Ceuta und Melilla sind seit dem 15. Jahrhundert in spanischem Besitz. Der sie umgebende Staat Marokko ist erst seit den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts unabhängig. Ceuta und Melilla sind nun wieder die Nadelöhre für Flüchtlinge aus „gescheiterten Staaten“ vor allem südlich der Sahara, sowie neuerdings auch für einige hundert Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien. Hatte im vorigen Jahr vor allem das italienische Lampedusa, wo mehr als vierzigtausend Afrikaner lebend (und viele nicht mehr) angekommen waren, die meisten Schlagzeilen gemacht, so sind es in diesen Wochen das vormals portugiesische Ceuta, von dem aus man Europa mit bloßem Auge sehen kann, und Melilla, wo man immerhin ahnt, dass auf der anderen Seite des Mittelmeers das lockende Malaga liegt.

In den Wäldern um die beiden „Autonomen Städte“, deren Grenzen von einem arabischen Königreich geschützt werden, welche diese nicht anerkennen, hausen mit Hunden, Ungeziefer und jeder Menge anderer Unannehmlichkeiten nach Schätzungen bis zu 30.000 Schwarzafrikaner. Sie sind jederzeit auf dem Sprung. Die Hunde, mit denen sie die von Hilfsorganisationen und Patres bereitgestellte Paella mit Huhn teilen, sind ihr „Frühwarnsystem“ vor der marokkanischen Polizei. Wenn diese anrückt, stürmen sie aus ihren Zelten und verstecken sich im Wald. Die Sicherheitskräfte machen, wenn sie richtig schlecht gelaunt sind, das Lager dem Erdboden gleich und lassen nur ein paar Hundekadaver zurück.

Im vergangenen Jahr haben sich gut viertausend Migranten gewaltsam Eingang in die spanischen Vorposten verschafft. Das waren doppelte so viele wie im Vorjahr und etwa zwei Drittel aller undokumentierten „sinpapeles“, die in Spanien von den Kanaren bis zu den andalusischen Küsten registriert wurden. Einige wurden abgeschoben. Andere wurden auf das Festland gebracht. Viele sitzen indes jahrelang mit Asylanträgen in den Auffanglagern und verdingen sich tagsüber als Scheibenwäscher und Gelegenheitsarbeiter oder ziehen bettelnd durch die Gassen.

Die spanischen Sicherheitskräfte sind überfordert. Ihnen fehlt es nicht nur an Personal, sondern auch an einem klaren Auftrag, entschlossen einzugreifen. Sie zweifeln inzwischen grundsätzlich an dem Konzept des Grenzschutzes, weil nach jedem Zusammenstoß und jeder Katastrophe – am Strand vor Ceuta ertranken Anfang Februar mindestens fünfzehn Afrikaner, die „zur Abschreckung“ mit Gummikugeln beschossen worden waren – Vertreter der Europäischen Union in Brüssel mögliche Menschenrechtsverletzungen anprangern. Weil die EU-Kommission aber Spanien, wider alle Madrider Forderungen, nicht wirklich materiell unterstützen will und auch die Grenzschutzbehörde Frontex durch Abwesenheit glänzt, wissen die Regierungen der betroffenen Exklaven nicht mehr, wie sie sich verhalten sollen.

Periodisch aggressive Wellen
Zuletzt war es Bürgermeister-Präsident Imbroda, der resignierend sagte, dass wenn er die Guardia Civil nicht mehr zu wirksamer Kontrolle benutzen könne, man doch besser „Stewardessen“ an die Grenze schicken sollte, um gleich jedermann willkommen zu heißen. In der Praxis wird jedoch eine völkerrechtliche Grauzone genutzt, wenn der spanische Innenminister zu bedenken gibt, dass der Strand von Ceuta strenggenommen marokkanisches und nicht spanisches Territorium sei. Und auch in Melilla gibt es Mittel, um unterhalb des puristischen EU-Radarschirms zu bleiben, wenn eilige „Rückführungen“ über Marokko und die algerische Grenze damit begründet werden, dass die Betroffenen nicht rechtzeitig einen schriftlichen Asylantrag gestellt hätten.

Ceuta und Melilla, mit jeweils rund achtzigtausend von Spanien und der EU hoch subventionierten Einwohnern, sind historische Kuriositäten, ähnlich wie das wohlhabende gegenüberliegende britische Gibraltar als Stachel im iberischen Fleisch. Der marokkanische König Mohammed VI. beansprucht beide Enklaven, wie vor ihm schon sein Vater Hassan II. Er tut aber in der Praxis nicht viel dafür, um sie sich tatsächlich einzuverleiben. Denn die Städte sind, mit ihrer wirtschaftlichen Anbindung an Europa, ihrem Potential für Schmuggelgüter aller Art, ihren Arbeitsplätzen und dem kleinen Grenzverkehr, für beide Seiten im Zweifel ganz profitabel.

Dazu haben sie Ventilfunktion, wenn in Marokko die Dinge gerade nicht günstig stehen. Aber die große Migration der vergangenen Jahre in periodisch aggressiven Wellen aus dem afrikanischen Süden überfordert natürlich auch das Transitland. Auf der einen Seite kooperiert es, zur Eindämmung der immer den Ort und die Methoden wechselnden Emigrationsströme und ihrer geschäftstüchtigen Lenker. Vor zwei Jahren waren es noch die „cayucos“ genannten Schiffe, die Kurs auf die Kanaren nahmen. Auf der anderen Seite benutzt Rabat das Thema als Druckmittel, um Konzessionen der Europäer, darunter bei der Fischerei, durchzusetzen.

Die Afrikaner, die mit ihren zerschnittenen Händen und geprellten Gliedmaßen so ziellos wie erwartungsvoll durch diesen seltsamen Mikrokosmos irren und, wenn sie nicht im Lager eine warme Mahlzeit einnehmen, sich in den Parks mit der Polizei absurde Haschmichspiele liefern, sind in den Tourismusprospekten nicht vorgesehen. Dort heißt es, dass sie sich in Melilla, an einem „Ort der vier Kulturen“ aufhielten, die „in vollkommener Harmonie miteinander leben“.

Gemeint sind die spanischen Christen, die marokkanischen Muslime, sowie die Reste indischer und jüdischer Gemeinschaften. Wer darauf achtet, sieht die katholischen Kirchen, die Moscheen, die Synagogen und den Hindu-Tempel, die eine lange Geschichte ziemlich friedlicher Koexistenz repräsentieren. Aber die Gegenwart trägt schon die neuen Züge einer großen Veränderung: Die Demographie sorgt dafür, dass die Stadt arabischer wird und – Stierkampfarena hin oder her – das spanische Erbe mittelfristig Mühe haben wird, sich zu behaupten.

Die Mittel scheinen verbraucht
Es ist ein besonderer Anachronismus, dass Melilla die letzte Stadt Spaniens ist, in der noch unbehelligt ein Denkmal des Diktators Franco zu sehen ist. Mag der Generalissimus anderswo auf dem Festland zum Teil bei Nacht und Nebel von der Stadtreinigung abmontiert worden sein, so steht er hier unverändert wie ein Wächter der Zitadelle vor den festen Mauern Melillas, mit Stock und Fernglas um den Hals, ohne Bauch und mit der Inschrift, dass er von 1921 bis 1977 der Befehlshaber der Legion war. In dieser Funktion hat er in den dreißiger Jahren den Aufstand organisiert, welcher der zweiten spanischen Republik den Garaus machte.

Wie soll es nun weitergehen, an den beiden Nahtstellen, an denen die Migration überquillt und wo die Menschenhändlermafia für eine gefährliche Nachtpassage über die Straße von Gibraltar mehrere tausend Euro pro Kopf verlangt? Die Regierungen von Ceuta und Melilla fühlen sich alleingelassen und empören sich lauthals, wenn die EU-Kommissarin für Inneres, Cecilia Malmström, mal wieder über Twitter Gummikugeln, Rauchgranaten und „heiße Abschiebungen“ moniert. In Spanien versucht die Regierung von Ministerpräsident Mariano Rajoy – in Ceuta und Melilla regiert schließlich seine konservative Volkspartei – dem Grenzschutzgesetz schärfere Zähne zu geben, ohne es mit der EU-Aufsicht zu verderben.

In Brüssel, so sieht man es vom Süden aus, geschieht gar nichts Hilfreiches, weil die Nordländer, wie schon bei den Flüchtlingswellen der vergangenen Jahren der Ansicht sind, dass das große Spanien doch wirklich alleine auf die zwei winzigen afrikanischen Außenposten aufpassen könne. Die Marokkaner sagen derweil: „Verflucht werden wir, wenn wir eingreifen und erst recht, wenn wir es nicht tun.“ Von Melilla bis Madrid verlangen die Regierenden wieder ein „europäisches Gesamtkonzept“ und vor allem mehr Geld für afrikanische Krisenländer, damit die geplagte Bevölkerung doch dort zuhause bleiben möge. Im Fall der „cayucos“, als vor ein paar Jahren Hunderte von Schlepperbooten Tausende Migranten aus der Westsahara und Mauretanien auf die Kanaren brachten, hatten sich die Europäer eine Atempause erkauft. Die Routen wurden strenger überwacht und die Herkunftsländer, wie Mali oder Senegal, bekamen Waffen, Ausrüstung und Entwicklungshilfe, um besser zu kooperieren.

Doch die Mittel scheinen verbraucht, ohne dass sich südlich der Sahara viel stabilisiert hätte. Der Druck auf Ceuta und Melilla, der wie Ebbe und Flut kommt, dürfte daher nicht nachlassen. Die gebrandmarkten und inzwischen auch eingeschüchterten spanischen Behörden haben nun bis auf weiteres den Einsatz von Gummigeschossen untersagt und die Rotkreuzhelfer verstärkt, die tapfer die manchmal in lichter Höhe hängenbleibenden Afrikaner aus dem Grenzdrahtverhau befreien. Sie befürchten nur, dass sich das drüben in den marokkanischen Wäldern sogleich herumsprechen wird.

„Libyen bleibt das bevorzugte Transitland für Flüchtlinge“

Libyen ist das Transitland für Tausende von afrikanischen Flüchtlingen, die pro Jahr nach Europa reisen. Der schwache Staat ist weitgehend machtlos. Milizen und Schlepperbanden verdienen am lukrativen Menschenhandel.

Astrid Frefel, Kairo in der NZZ

Im vergangenen Oktober ertranken vor Lampedusa über 300 Afrikaner. Die grösste Flüchtlingstragödie auf dem Mittelmeer warf auch ein Schlaglicht auf die Rolle Libyens. Das überfüllte, schrottreife Boot hatte seinen Ausgangspunkt in Misrata. Die zentrale Mittelmeer-Route, wie der Seeweg von Nordafrika nach Italien und Malta genannt wird, mit Libyen als Transitland, wird seit langem von Flüchtlingen benutzt. Ein Hauptgrund ist die Geografie. Die libysche Küste – genauer gesagt deren 350 Kilometer im westlichen Landesteil – ist nicht weit von Europa entfernt. Das nordafrikanische Land hatte zudem immer enge Verbindungen zu den afrikanischen Staaten an seiner südlichen Wüstengrenze.

Sogar aus Bangladesh
Der Flüchtlingsstrom über das Mittelmeer Richtung Europa spiegelt die Kriege und politischen Krisen, die Armut und Unterentwicklung in der näheren und weiteren Region. Derzeit stammen besonders viele Bootsflüchtlinge aus dem ostafrikanischen Bürgerkriegsland Somalia und aus der Militärdiktatur Eritrea. Aber auch Tunesier und Ägypter schätzen die Chancen bei einem Umweg über Libyen höher ein als beim direkten Fluchtweg nach Europa. Unter den Toten von Lampedusa befanden sich sogar Migranten aus fernen asiatischen Ländern wie Bangladesh.

Ein relativ neues Phänomen sind syrische Familien, von denen immer mehr den Weg nach Europa auf dieser gefährlichen Route suchen. Davor, ausgelöst durch den arabischen Frühling, waren es vor allem Tunesier, die die Libyen-Route wählten. Der Andrang war allerdings weniger bedingt durch die politischen Veränderungen selbst als durch laxere Grenzkontrollen in den betroffenen Ländern.

Hochsaison sind die Sommermonate, wenn das Meer relativ ruhig ist. Insgesamt hatte die Flüchtlingswelle auf diesem Weg im vergangenen Sommer und Herbst ungefähr die Stärke des Jahres 2011. Frontex, die Agentur, die das Management der EU-Aussengrenzen koordiniert, bezifferte die illegalen Grenzübertritte über die zentrale Mittelmeer-Route bis Ende September 2013 auf 31 000. Im Jahr 2011, dem Jahr des arabischen Frühlings, lag der Wert bei 64 300. Im Jahr 2012 sank die Zahl dann auf 15 900, vor allem bedingt durch die Nachkriegswirren in Libyen. Frontex hat keine Statistiken über Todesfälle und Verletzte.

Todesfälle schrecken nicht ab
Für den Traum von einem neuen Leben in Europa nehmen diese Fluchtwilligen fast jedes Risiko in Kauf. Die Erfolgsgeschichten von jenen, die es geschafft haben, überstrahlen alle Bilder von toten Bootsflüchtlingen. «Wenn ich die Gelegenheit hätte, ich würde es wieder tun», meinte kurz vor der libyschen Revolution ein junger Ägypter in der Oase Fayoum. Er hat drei fehlgeschlagene Versuche, von Libyen mit dem Boot nach Italien überzusetzen, überlebt. 4500 Dollar verlangten die libyschen Menschenhändler von ihm. Er überstand Schläge und Folter im libyschen Gefängnis, bevor er in sein Heimatdorf zurückkehrte. In dieser armen Region Ägyptens gibt es im Dorf Tatun sogar eine Milano-Strasse mit bis zu zehnstöckigen Häusern, erbaut von «Italien-Millionären».

In Libyen blühte dieses Geschäft nach einer kurzen Flaute im Gefolge von Ghadhafis Sturz rasch wieder auf. Fährt man durch die Hauptstadt Tripolis stechen auf grossen Plätzen und an Strassenkreuzungen die wilden, ambulanten «Arbeitsmärkte» ins Auge, die in den Monaten nach dem Krieg gegen das Ghadhafi-Regime im Jahr 2011 verschwunden waren. Jetzt bieten sich wieder Hunderte von Schwarzafrikaner als Taglöhner an, ohne die der gegenwärtige Bauboom nicht möglich wäre. Libyen ist auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen. Es ist daher ein ideales Transitland, da es den Fluchtwilligen auch die Möglichkeit bietet, sich das Geld für die Schlepper zu verdienen – das heisst derzeit etwa 1500 Dollar für die Überfahrt nach Italien. Diese Schleppernetze sind intakt und die Beamten nicht pflichtbewusster und nicht weniger korrupt als unter Ghadhafi.

Die grenzenlose Wüste
Die Behörden vereitelten jeden Tag Hunderte von illegalen Grenzübertritten, erklärte der Regierungschef Ali Zaidan kürzlich. Ebenso viele schlüpfen aber durch die Lücken in der Tausende Kilometer langen Grenze in der Wüste. Viele der Schwarzafrikaner, die geschnappt werden, landen in Gefängnissen. Diese Zentren stehen zum Teil unter der Kontrolle von Milizen und werden von internationalen Organisationen regelmässig wegen Folter und Misshandlungen sowie Zwangsarbeit für Militär und Milizen kritisiert. Eines der berüchtigtsten Lager ist jenes in der Stadt Sebha im Süden des Landes, das ein italienischer Staatsanwalt nach der Lampedusa-Katastrophe als Konzentrationslager bezeichnete.

Amnesty International hat sieben dieser Zentren besucht und die Zustände als unhaltbar bezeichnet. Übergriffe auf Menschen aus dem subsaharischen Afrika seien ein Kennzeichen der Ghadhafi-Herrschaft gewesen und drohten jetzt zu einem Dauerzustand zu werden, schrieb Amnesty in dem Bericht. Forscher der belgischen Tilburg-Universität haben kürzlich Flüchtlinge interviewt, die der Hölle von Sebha entkommen konnten. Sie berichteten, dass in dem Lager libysche Milizen und afrikanische Schlepper zusammengearbeitet hätten. Für 3500 Dollar konnten sich die Flüchtlinge freikaufen, woraufhin sie an die Küste gebracht wurden.

Konzentration auf Kontrollen
Die libyschen Behörden beklagen sich, sie seien von der Situation überfordert. Die unregulierte Migration und die Anwesenheit einer grossen Zahl von Ausländern ohne legalen Aufenthaltsstatus ziehen viele Probleme nach sich für ein Land, dessen staatliche Institutionen fragil oder inexistent sind, dessen Zentralregierung schwach ist und in entlegenen Regionen keine Kontrolle ausübt. Begleiterscheinungen sind etwa Drogen- und Waffenschmuggel.

Libyen unterscheidet nicht zwischen Migranten und Flüchtlingen, die Schutz verdienen. Eine eigentliche Asylgesetzgebung gibt es noch nicht. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) ist derzeit dabei, Tripolis bei der Erarbeitung eines Systems zum Management der Migration zu unterstützen, nachdem die Migrationsfrage bisher auf das Problem der Grenzkontrolle beschränkt gewesen war.

Eine enge Kooperation auf diesem Gebiet gibt es seit Jahren mit Italien. Im Jahr 2009 schloss Ghadhafi mit Rom ein Abkommen, das auch Rückschaffungsaktionen umfasste. Im Sommer 2012 wurde ein neues Memorandum of Understanding unterzeichnet, dessen Text nicht publiziert ist. Es umfasst insbesondere eine Sicherheitszusammenarbeit und technische Hilfe aus Italien bei den Grenzkontrollen. Vor wenigen Tagen erklärte ein Sprecher des libyschen Verteidigungsministeriums, italienische Experten hätten eben damit begonnen, an den südlichen Grenzen modernste Sicherheitstechnik zu installieren. Die Wüste soll auch mit Satelliten überwacht werden.

Ghadhafis afrikanisches Erbe
Frustriert über seine arabischen Brüder hatte sich der libysche Diktator Muammar Ghadhafi in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre dem schwarzen Kontinent zugewandt. Er bezeichnete sein Land als Tor zu Afrika und machte die Grenzen für alle Afrikaner weit auf. An die zwei Millionen kamen, bis sie zu einer Hypothek für das Land wurden und für Probleme mit Europa sorgten. Hunderttausende fanden in dem nordafrikanischen Ölstaat, der auf Fremdarbeiter angewiesen ist, einen Job. Tausende nutzten Libyen aber auch nur als Sprungbrett nach Europa.

Bei vielen Einheimischen machte sich Abneigung gegen die Einwanderer aus dem Süden breit. Sie brächten Krankheiten und Kriminalität ins Land, lauten die stereotypen Vorwürfe. Nach dem Krieg gegen das Regime im Jahr 2011 verschärfte sich diese Feindseligkeit noch, weil Ghadhafi in den Reihen seiner Truppen auch Söldner aus afrikanischen Ländern rekrutiert hatte. Schwarzafrikaner, die jahrelang in Libyen ohne Probleme gearbeitet hatten, mussten fliehen, bevor sie verhaftet und in Lagern interniert wurden.

Ohne grosses Aufheben hatte aber bereits Ghadhafi begonnen, etwas Gegensteuer zu gegeben. Er liess nicht nur die Spruchbänder mit den Lobpreisungen des Schwarzen Kontinents aus den Strassen von Tripolis weitgehend entfernen, sondern versuchte auch, potenzielle Migranten zu entmutigen, nach Libyen zu kommen. Ghadhafi begann sogar damit, illegale Eingewanderte in ihre Heimatländer zurückzuschaffen. «Herumlungern» werde nicht geduldet, nur wer Arbeit habe, könne bleiben, erklärte er in einer seiner Reden markig. Diese Kehrtwende war auch Teil seines Entgegenkommens gegenüber den Europäern, um die Aufhebung der politischen Isolation Libyens zu erreichen. In der Ghadhafi-Ära und unter den Augen seines immensen Sicherheitsapparates entstanden allerdings auch die Schmugglernetze, die heute noch intakt sind.