Tag-Archiv für 'europe'

Wir sehen uns…

(streetart aus Kairo)

Ich bin der Engel der Verzweiflung

Mit meinen Händen teile ich den Rausch aus

die Betäubung, das Vergessen, Lust und Qual der Leiber

Meine Rede ist das Schweigen, mein Gesang der Schrei

Im Schatten meiner Flügel wohnt der Schrecken

Meine Hoffnung ist der letzte Atem

Meine Hoffnung ist die erste Schlacht

Ich bin das Messer mit dem der Tote seinen Sarg aufsprengt

Ich bin der sein wird

Mein Flug ist der Aufstand, mein Himmel der Abgrund von morgen

Heiner Müller

Wir machen Schluss. Nach über drei Jahren, über zweihundert selbstrecherchierten, übersetzten, selbstgeschriebenen Artikeln. Nach um die 5000 gespiegelten Artikeln aus linken und mainstream Medien. Leider viel zu häufig aus mainstream Medien, weil es einfach nichts anderes Brauchbares gab.
Häufig waren wir übermüdet und gestresst, manchmal euphorisch, manchmal haben wir geweint. Wir haben um Homs geweint, wir haben um unsere GefährtInnen in Kairo geweint. Wir haben viel zu selten und doch viel zu viel geweint.

Was als allgemeiner Aufbruch begann, der eine ganze Region erschütterte, ist heute…..
Wir sagen nicht, dass wir wissen, was kommt, wir teilen diese Anmaßung nicht.
Mubarak galt als unstürzbar, dann hiess es Assad sitze felsenfest im Sattel, es gebe praktisch keine Oppposition im Lande…
Vielleicht wird die nächste Preiserhöhung in Ägypten das Regime wegfegen, vielleicht wird der neue Pharao Jahrzehnte herrschen.

Wir haben unglaublich viel gelernt – wir sind dankbar dafür. Der linke Kanon ist zu Ende. Viele wollen das nicht sehen, nicht wahrhaben. Die Geschichte der Klassenkämpfe ist fast so alt wie die Menschheit, sie wird andauern, aber entweder wir lassen uns auf das Wagnis ein, uns unbequemen Wahrheiten und Widersprüchen zu stellen oder wir werden wie bockige Kinder am Rande der Geschichte quengeln, da sich die Welt nicht um uns dreht.

Wir sind überrascht, dass immer noch soviele Leute diesen blog nutzen, obwohl die Entwicklung in der Region sowohl in den mainstream Medien als auch in der Linken kaum noch eine Rolle spielt. Das hat uns lange dazu bewogen, den blog weiter zuführen, obwohl wir dadurch zu etwas geworden sind, was wir nie sein wollten: Spezialisten. So haben wir mehrmals den Versuch unternommen, dieses Projekt zu beenden. Dann passierte etwas und wir haben es nicht ausgehalten, nichts dazu zu schreiben.
Jetzt wagen wir den endgültigen Absprung.

Wir danken allen, die uns unterstützt haben. Wir danken unseren GefährtInnen von Kairo bis Soran, dass sie unser Leben so unglaublich bereichert haben. Wir hoffen, ihr vergesst diese Leute auch nicht.

Wir sind weiterhin über unsere Kontaktadresse erreichbar. Der blog bleibt als Archiv bestehen.

Um outro mundo é possível

recherchegruppe aufstand

„Renzi appelliert nach Flüchtlingsdrama an EU“

Salzburger Volkszeitung

Nach dem erneuten Flüchtlingsdrama vor Lampedusa, bei dem 19 Menschen ums Leben gekommen sind, hat der italienische Premier Matteo Renzi einen weiteren Appell an die EU gerichtet. Europa müsse gemeinsame Strategien entwickeln, um die Flüchtlingsabfahrt aus Libyen zu stoppen. „Das Problem der Flüchtingsströme aus Nordafrika muss an der Wurzel gepackt werden“, erklärte Renzi am Wochenende.

Nach jüngsten Zahlen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) trafen in den vergangenen drei Tagen 5.200 Flüchtlinge ein. Mehr als Hundert Personen könnten dabei nach vorläufigen Angaben ums Leben gekommen sein. 60 Personen werden nach einem Schiffbruch vor der libyschen Küste vermisst. Die Organisation berichtete, dass weitere 240 Personen aus Eritrea gesucht werden, die laut Zeugen und Angehörigen am 27. Juni von Libyen abgefahren und nie in Italien eingetroffen sind.

Der italienische Innenminister ist auf der Suche nach Unterkünften für die Migranten, die seit Monaten ununterbrochen Sizilien erreichen. Auch Kasernen sollen jetzt genutzt werden, um den Flüchtlingen eine Unterkunft zu sichern. Unter den sizilianischen Bürgermeistern wächst jedoch der Unmut wegen des anhaltenden Flüchtlingsstroms.

Rechtsparteien setzen die Regierung Renzi unter Druck. Maurizio Gasparri, Spitzenpolitiker der oppositionellen Forza Italia, der konservativen Partei von Ex-Premier Silvio Berlusconi, bezeichnete den nicht abreißenden Flüchtlingsstrom nach Italien als skandalös. „Die Regierung ist vor diesem Notstand machtlos. Das ist eine kostspielige und endlose Schande“, klagte Gasparri.

Populistische Parteien drängen auf ein Ende der seit Oktober laufenden Mission „Mare Nostrum“ zur Rettung von Flüchtlingen in Seenot. Die Rettungsaktion würde nur den Menschenhandel über das Mittelmeer fördern, argumentiert der Chef der rechtspopulistischen Lega Nord, Matteo Salvini. „19 Tote auf einem Flüchtlingsboot. Das sind weitere Tote auf dem Gewissen derjenigen, die den Einsatz ‚Mare Nostrum‘ verteidigen, darunter unser Premier Renzi“, betonte Salvini.

Italienische Rettungskräfte hatten am Samstag von einem völlig überladenen Flüchtlingsschiff vor der Insel Lampedusa 18 Tote geborgen. Ein weiterer Mann ist beim Transport auf die italienischen Mittelmeerinsel gestorben. Auf dem Schiff befanden sich demnach mehr als 600 Menschen, die Opfer seien offenbar erstickt.

Die Einsatzkräfte wurden von einem Handelsschiff alarmiert, das knapp 150 Kilometer vor Lampedusa im Mittelmeer unterwegs war. Zwei Flüchtlinge seien mit dem Hubschrauber in ein Krankenhaus in Palermo auf Sizilien gebracht worden. Die Leichen wurden von einem Schiff auf Malta geführt.

Wegen des ruhigen Sommerwetters hat zuletzt die Zahl der Bootsflüchtlinge erheblich zugenommen. Die Flüchtlinge stammen meist aus Eritrea, Somalia und Syrien, doch auch Flüchtlinge aus Afghanistan, Pakistan und weiteren asiatischen und afrikanischen Ländern nehmen die gefährliche Überfahrt auf sich. In den vergangenen acht Monaten erreichten nach offiziellen Angaben mehr als 73.000 Flüchtlinge Italien. Die Regierung in Rom rechnet bis Jahresende mit insgesamt 100.000 Flüchtlingen. Die italienische Marine greift nahezu täglich Hunderte von Migranten auf, die mit Schiffen über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen versuchen.

„Das ist keine Flüchtlingswelle, das ist ein regelrechter Exodus“

Das Chaos in Milano Stazione Centrale – dem Hauptbahnhof Mailands – ist schon unter normalen Umständen gewaltig. Tausende von Menschen hetzen zu den Zügen, andere warten ungeduldig vor den Anzeigetafeln. Durch die hohen Hallen dröhnen ständig unverständliche Lautsprecherdurchsagen.

Tages Anzeiger (ch)

Doch in diesen Monaten ist das Chaos noch grösser als gewöhnlich. Auf den Abgängen in der Haupthalle hat die Stadt Mailand einen provisorischen Empfang für Flüchtlinge eingerichtet. «Emergenza Siria» – Notfall Syrien – steht auf weissen Blättern, die notdürftig an die Wand geklebt sind. Freiwillige kümmern sich um die Neuankömmlinge: Auf einer Seite werden die Flüchtlinge registriert, um sie am Abend mithilfe des Zivilschutzes auf die Durchgangszentren zu verteilen, auf der anderen Seite werden Speisen und Getränke abgegeben. Ein Wickeltisch steht neben einer Kiste mit Hygieneartikeln. Kleinkinder werden medizinisch betreut. Helfer geben auch Chips für den Gang zur Toilette ab. Jeder WC-Besuch kostet die Stadt einen Euro. «Da kommt etwas zusammen», sagt ein Helfer der Stiftung Progetto Arca.

Schlafen zwischen Abfall und Gepäck

Allein am Tag des Besuchs in Mailand sind 300 neue Flüchtlinge angekommen – sie erreichen die lombardische Hauptstadt mit Zügen aus Reggio Calabria, Lecce oder Rom, manche auch mit Fernbussen. Die Gemeinschaft der Syrer nimmt ein ganzes Zwischengeschoss im Bahnhof ein. Männer und verschleierte Frauen sitzen auf den Bänken oder auf dem Boden, einige schlafen zwischen Abfall und Gepäck. Dazwischen spielen Kinder. Freiwillige mit roten Westen der Kinderhilfsorganisation Save the Children haben eine Spielecke eingerichtet. Die Zeichnungen lassen keine Zweifel zu, was diese Kinder beschäftigt: Panzer und Feuerwaffen.

Es lässt sich kaum erfassen, was diese Menschen hinter sich haben, auch wenn sie bereitwillig und mit der Hilfe von Übersetzern ihre Geschichten erzählen. «Wir haben Syrien verlassen, weil unsere Stadt zerstört wurde», erzählt ein Mann aus Aleppo. Er ist mit seiner Familie über Ägypten nach Libyen geflohen, von dort ging es auf einem Schiff weiter übers Mittelmeer in Richtung Italien, bis sie von der Küstenwache aufgegriffen wurden. Die Überfahrt kostete 2600 Dollar: der Preis für zwei Erwachsene und zwei Kinder. Das Wichtigste für die Familie war, Europa zu erreichen. Sie wollen nach Schweden, wie die meisten ihrer Landsleute, um ein neues Leben zu beginnen. Von Rückkehr ist keine Rede.

Ein älterer Mann in gelbem Hemd zeigt auf seinem Handy ein Foto: «Das ist mein 30-jähriger Sohn. Er wurde beim Bombenangriff auf unser Camp getötet.» Der Mann zeigt seinen Pass: Er ist Palästinenser und lebt seit 1948 im Flüchtlingslager Jarmuk südlich von Damaskus. Bis zum Bürgerkrieg sei es immer gut gegangen. Jetzt will er nach Deutschland, wo ein weiterer Sohn lebt.

Möglichst keine Fingerabdrücke

Ein 23-jähriger Syrer erzählt, dass er in Neapel von der Polizei geschlagen worden sei. Man habe auch seine Fingerabdrücke genommen. Das ist nun seine Hauptsorge. «Wie kann der Eintrag wieder gelöscht werden?», fragt er. Denn er weiss, dass er nach Italien zurückgeschafft werden kann, wenn er dort erstmals erfasst wurde. Er gehört zu den wenigen Flüchtlingen, die ihr Glück in der Schweiz versuchen wollen. Im Bahnhof erzählt man sich Geschichten von Familien, die an der Schweizer Grenze zurückgewiesen worden seien.

Die überwiegende Mehrheit der syrischen Kriegsflüchtlinge wird von den italienischen Behörden polizeilich gar nicht registriert. Sie gelten als «tempo­rär anwesende Personen». Von den 14′500 Flüchtlingen, die seit Oktober 2013 in Mailand haltgemacht haben, haben laut der Stadt Mailand nur 13 einen Asylantrag in Italien gestellt. Nicht einmal ein Promille.

Politischer Streit

Für Mailand ist die Situation kaum noch kontrollierbar. Als Transitstation steht es vor gewaltigen logistischen Problemen. Zudem gibt es politischen Streit. Die Rechte ist der Meinung, dass Mailand dank seiner grosszügigen Hilfspolitik zu einem Anziehungspunkt für Flüchtlinge geworden sei. Die Stadtregierung unter dem linksdemokratischen Stadtpräsidenten Giuliano Pisapia sieht sich in der Pflicht, humanitäre Hilfe für die Flüchtlinge zu leisten. Die Stimmung ist aufgeladen. Eben hat der Stadtrat für Soziales, Pierfrancesco Majorino, im Stadthaus Palazzo Marino, gleich gegenüber des altehrwürdigen Opernhauses La Scala, der Sozialkommission die neuesten Zahlen des Flüchtlingsstroms präsentiert. Von den 14′500 Flüchtlingen, die seit Oktober im Durchschnitt für fünf Tage in Mailand Station machten, kamen 10′500 allein in den letzten beiden Monaten. 3836 waren Kinder.

Zuletzt sind vermehrt auch Eritreer in der lombardischen Hauptstadt gelandet. Mailand fühlt sich von anderen Institutionen im Stich gelassen. «Wir brauchen einen Krisenstab Tavolo Milano», fordert Majorino mit Blick auf die von der Lega Nord regierte Region Lombardei, die sich bisher nicht in der Flüchtlingsbetreuung engagiert hat.

Ein gewaltiges Engagement leisten hingegen zahlreiche Hilfswerke, NGOs und Freiwillige. Das zeigt sich auch beim Besuch in einem von insgesamt 10 Zentren für durchreisende Flüchtlinge. Unweit der Metro-Station Uruguay hat die zur Caritas gehörende Kooperative Farsi Prossimo ein Durchgangsheim mit 99 Plätzen im Seitenflügel eines Klosters katholischer Ordensfrauen eröffnet. Die Hilfswerke erhalten für die Betreuung pro Flüchtling und Nacht 30 Euro vom italienischen Staat.

Es kommen auch Doktoren

Rubina empfängt uns am Eingang des Zentrums. «Hier finden nur Familien Unterschlupf, keine Alleinreisenden. Die meisten sind gut situiert, sogar Doktoren, denn nur solche können sich die Flucht überhaupt leisten.» Die junge Italienerin hat Arabisch studiert – Sprachkenntnisse, die in dieser Situation gefragt sind. «Im Moment ist alles ein wenig komplizierter, weil wir im Fastenmonat Ramadan sind», sagt sie.

Vor ihrer Tür warten schon ungeduldig einige Syrerinnen, weil heute Kleiderausgabe vorgesehen ist. Durch die hohen Gänge rennen Kinder. Eine junge Frau und Mutter von zwei Kindern erzählt, warum sie mit ihrer Familie aus Aleppo geflohen ist: «Ich hatte Angst, vergewaltigt zu werden.» Nun will auch sie ihr Glück in Nordeuropa versuchen.

Die Mitarbeitenden der Hilfswerke engagieren sich, aber sie wissen, dass ihre Arbeit nur ein Tropfen auf den heis­sen Stein ist. Annamaria Lodi, Präsidentin von Farsi Prossimo, glaubt jedenfalls, dass der Strom an Schutz suchenden Personen anhalten wird: «Das ist keine Flüchtlingswelle, das ist ein regelrechter Exodus.»

„EU baut eigene militär-polizeiliche Zentren für Grenzregime in Sahara auf“

Forschungsgesellschaft Flucht und Migration

In den letzten zwei Jahren hat die EU in mehreren nordafrikanischen und Sahara-Staaten polizeiliche wie militärische Projekte gestartet. Eines der wichtigsten Ziele dieser polizeilich-militärischen Stationierungen ist das Aufhalten der Flüchtlinge und MigrantInnen in der Sahara, insbesondere an den zwischenstaatlichen Grenzen. Die Fluchtrouten sind allerdings Teil der grenzüberschreitenden informellen Ökonomie der lokalen Bevölkerungen, so dass ein neues Grenzregime in der Sahara auf unterschiedlichen sozialen Widerstand stößt. Die Grenzregionen befinden sich zum Teil nicht unter staatlicher Kontrolle. – Alle EU- Vorhaben befinden sich inzwischen in der Krise. Die Polizisten und Militärs aus den EU-Staaten halten sich überwiegend in Nobelhotels auf, beschützt von hochgerüsteten Leibwächtern.

Mit einem gebündelten Vorstoß wird die EU nun versuchen, ihre diversen polizeilich-militärischen Trupps in Nordafrika und in der Sahara miteinander zu vernetzen und zu elektronischen wie praktischen Zentren des neuen Grenzregimes in Nordafrika und in der Sahara auszubauen. Dazu hat der European External Action Service dem EU-Rat am 4. Juli 2014 ein Strategiepapier vorgelegt, das die komplexe Lage und die Vision beschreibt.

Von Menschenrechten in der Region ist an keiner Stelle die Rede. Stattdessen sollen die entstehenden EU-Zentren in Nordafrika und der Sahara die diversen militärischen und polizeilichen Formationen, Milizen und Worlords bündeln, miteinander vernetzen und so dem neuen Grenzregime unter EU-Regie zum allmählichen Durchbruch verhelfen.

Es gehört nicht viel Phantasie dazu, um Parallelen zur Frühzeit des europäischen Kolonialismus in der Region zu erkennen. Auch die Kolonialtruppen versuchten, kontrollierte Verkehrswege quer durch die Sahara anzulegen, gesäumt von hochgerüsteten Forts der Kolonialisten. Diese sind am Ende des 19. Jahrhunderts im Sand stecken geblieben, zurückgeworfen durch den wachsenden Widerstand der Bevölkerung.

Das EU-Dokument trägt im strategischen Ansatz die Handschrift von Frontex und EU-Thinktanks. Es ist zu vermuten, dass das EU Dokument in den vergangenen Tagen auf der internationalen Libyen- und Sahara-Konferenz in Tunis vorgelegt wurde.

DAS EU DOKUMENT IN ENGLISCH

„Ein anderes Meer ist möglich!“

Zur Konferenz „über die Grenzen des Blauen Wachstums und die Zukunft der Meere“ eines breiten zivilgesellschaftlichen Bündnisses vom 15. – 17. Mai 2014 im Konsul-Hackfeld-Haus in Bremen

Helmut Dietrich über Satellitentechnologie gegen Flüchtlinge und deren Selbstorganisation außerhalb der traditionellen NGOs

Schattenblick

Die re­la­ti­ve Ver­sor­gungs­si­cher­heit in Wohl­stands­räu­men wie der Eu­ro­päi­schen Union grün­det sich ganz we­sent­lich auf der Armut in an­de­ren Welt­re­gio­nen. Die Men­schen, die dort am Be­ginn der glo­ba­len Pro­duk­ti­ons­ket­te ste­hen, wer­den nur mit einem Bruch­teil des Mehr­werts, der aus ihrer Ar­beit ge­ne­riert wird, ent­lohnt, ob es sich um Zu­cker­rohr­schnei­der in bra­si­lia­ni­schen Plan­ta­gen, Ar­bei­ter im Kup­fer­berg­bau Sam­bi­as oder Nä­he­rin­nen in Ban­gla­desh han­delt. Viele wei­te­re leben ent­we­der als Re­ser­ve­ar­mee von Ar­beit­su­chen­den oder ge­sell­schaft­li­ches Sub­pro­le­ta­ri­at, dem sich nicht ein­mal per­spek­ti­visch ein Ver­wen­dungs­zweck ab­ge­win­nen läßt, am Rande des Exis­tenz­mi­ni­mums.

Das wach­sen­de Wohl­stands­ge­fäl­le kann nur durch ein um­fas­sen­des Ge­walt­sys­tem auf­recht­er­hal­ten wer­den, das po­li­tisch, wirt­schaft­lich und mi­li­tä­risch zu­gleich die ge­sell­schaft­li­che Rea­li­tät be­herrscht. Der Zuzug aus Län­dern au­ßer­halb Eu­ro­pas in die EU wird nach außen hin streng re­gle­men­tiert und nach innen ge­schickt über die Be­set­zung von Be­grif­fen durch­ge­setzt. So taucht die po­si­tiv kon­no­tier­te Be­zeich­nung „Boat­peop­le“ für Men­schen, die ihrer Hei­mat auf dem See­weg ent­flie­hen – wie bei­spiels­wei­se in den 1970er Jah­ren schät­zungs­wei­se 1,6 Mil­lio­nen Men­schen aus Viet­nam und Kam­bo­dscha –, im of­fi­zi­el­len Sprach­ge­brauch nicht mehr auf. Auch „Re­fu­gee“ oder „Flücht­ling“ wird wenig ver­wen­det, las­sen diese Be­grif­fe doch ahnen, daß die so be­zeich­ne­ten Men­schen ihre Hei­mat ge­zwun­ge­ner­ma­ßen ver­las­sen haben, was wie­der­um Mit­ge­fühl und den Wunsch nach Ent­ge­gen­kom­men sei­tens der hie­si­gen Be­völ­ke­rung we­cken könn­te.

Statt des­sen wird von „il­le­ga­len Im­mi­gran­ten“ ge­spro­chen. Die Be­trof­fe­nen wer­den a prio­ri kri­mi­na­li­siert und stig­ma­ti­siert, was den Wunsch der EU-Be­woh­ner, es be­quem haben zu wol­len, an­spricht, so daß sie es wie ge­wohnt den staat­li­chen Or­ga­nen über­las­sen, wie sie mit den „Il­le­ga­len“ ver­fah­ren. Die wer­den dann – schul­dig, wie sie an­geb­lich sind – in Hand­schel­len ab­ge­führt, er­ken­nungs­dienst­lich be­han­delt und in Haft­zen­tren ge­sperrt. Wür­den die Flücht­lin­ge nicht von vorn­her­ein zu Ge­set­zes­bre­chern erklärt, hätte man wohl eine gänz­lich neue Ka­te­go­rie für sie schaf­fen und bei­spiels­wei­se das Asyl­recht er­wei­tern statt ein­schrän­ken müs­sen.

Es ist dem zi­vil­ge­sell­schaft­li­chen Bünd­nis [1], das das mehr­tä­gi­ge Tref­fen „Ein an­de­res Meer ist mög­lich!“ im Vor­feld des Eu­ro­päi­schen Tag des Mee­res (19./20. Mai 2014) in Bre­men or­ga­ni­siert hat, hoch an­zu­rech­nen, daß es dort nicht al­lein Um­welt­fra­gen auf­ge­wor­fen, son­dern auch As­pek­te wie „Flucht übers Meer“ be­han­delt hat. Zu die­sem Pro­blem­kom­plex spra­chen Silja Klepp von Artec, der For­schungs­stel­le Nach­hal­tig­keit der Uni­ver­si­tät Bre­men, und Hel­mut Diet­rich von der eh­ren­amt­lich be­trie­be­nen For­schungs­stel­le Flucht und Mi­gra­ti­on in Ber­lin.

Silja Klepp wid­me­te sich mit dem Blick der Wis­sen­schaft­le­rin der Flücht­lings­pro­ble­ma­tik und steck­te zu­nächst mit ei­ni­gen Kern­da­ten den Rah­men ab. Die Zahl der Flücht­lin­ge nimmt zu. Im Jahr 2013 sind zwi­schen Li­by­en, Malta und Ita­li­en 42.925 Men­schen über See von Afri­ka nach Eu­ro­pa ge­reist, aber al­lein von Ja­nu­ar bis April die­ses Jah­res kamen schon über 40.000 Men­schen in Lam­pe­du­sa an. 2011 wur­den 1822 Flücht­lin­ge ver­mißt oder tot auf­ge­fun­den, die Dun­kel­zif­fer dürf­te um ei­ni­ges höher lie­gen.

Das Mit­tel­meer ist in „Se­arch and Res­cue Areas“ (SAR) auf­ge­teilt. Das Malta zu­ge­ord­ne­te „Such- und Ret­tungs­ge­biet“ ist mit 250.000 km² sehr groß, doch die Ma­ri­ne des Lan­des be­steht nach An­ga­ben der Re­fe­ren­tin nur aus ca. 300 Per­so­nen. Des­we­gen seien schon mal „Pro­ble­me mit der See­notret­tung“ auf­ge­tre­ten. Un­ver­hoh­len for­mu­liert: Men­schen er­trin­ken, weil die Ret­tung aus­bleibt. Auf Nach­fra­ge, wer die Größe des Ge­bie­tes be­stimmt und wel­che Kri­te­ri­en dem zu­grun­de­lie­gen, ant­wor­te­te Klepp, daß sich die SAR an der „Flight In­for­ma­ti­on Re­gi­on“, jenem Ge­biet, in dem die Staa­ten In­for­ma­tio­nen an die Luft­fahrt sen­den, ori­en­tiert. Ita­li­en und auch an­de­re Län­der hät­ten Malta mehr­mals an­ge­bo­ten, seine SAR zu re­du­zie­ren, weil das Land ei­gent­lich viel zu klein für ein so gro­ßes Ge­biet ist, aber Malta habe ab­ge­lehnt. Als mög­li­chen Grund der Ab­leh­nung nann­te sie, daß Malta für seine SAR acht Mil­lio­nen Dol­lar er­hält und daß es ge­wis­se ter­ri­to­ria­le Sou­ve­rä­ni­täts­an­sprü­che darin sieht.

Der zwei­te Re­fe­rent des Pa­nels, Hel­mut Diet­rich, hat viele Jahre in Ma­rok­ko, Al­ge­ri­en und Tu­ne­si­en ge­lebt. Seit Mitte der 1990er Jahre ar­bei­tet er in Ber­lin eh­ren­amt­lich an der For­schungs­stel­le Flucht und Mi­gra­ti­on (FFM) zur Si­tua­ti­on der Flücht­lin­ge, zu­erst für das Ge­biet Oder/Neiße, jetzt zum Mas­sen­ster­ben im Mit­tel­meer.

Noch in den sech­zi­ger Jah­ren war die Gren­ze zwi­schen Ma­rok­ko und den spa­ni­schen Ex­kla­ven Ceuta und Me­lil­la frei in beide Rich­tun­gen be­geh­bar, be­rich­tet Diet­rich. Vor 1989/90 konn­ten die Men­schen ohne Visum ein­fach nach Spa­ni­en über­set­zen. Die Pläne zum Bau von Zäu­nen um Ceuta und Me­lil­la, an denen in den letz­ten Jah­ren 170 Men­schen um­ge­kom­men sind, wur­den 1993 be­schlos­sen und 1996 um­ge­setzt. Seit­dem wer­den die Grenz­be­fes­ti­gungs­an­la­gen ste­tig wei­ter aus­ge­baut. Sie­ben Meter hoch sind sie in­zwi­schen, und sie be­ste­hen aus drei Rei­hen, die mit Na­to-Sta­chel­draht ge­si­chert sind.

Vor die­ser Zeit habe schon ein Wohl­stands­ge­fäl­le zwi­schen Ma­rok­ko und Spa­ni­en be­stan­den, aber es sei nicht so groß wie heute, wo das Ver­hält­nis 1 zu 13 be­trägt, ge­we­sen, sagte Diet­rich. Durch den Bau des Zauns pas­sie­re etwas: Den Men­schen, die nicht er­wünscht sind, wer­den grund­le­gen­de Rech­te ab­ge­spro­chen. Es sind keine Per­so­nen mehr. Da fände ein „Kampf der Be­grif­fe“ statt. Die Vor­stel­lung, „daß sie kom­men wer­den“ und man gegen die Afri­ka­ner eine Ab­schot­tung bauen müsse, sei schon in­stal­liert wor­den, noch bevor die Grenz­ab­schot­tung ge­baut wurde.

Ein Film aus dem Jahr 1990, „Der Marsch“ von David Wheat­ley, zeige, wie Tau­sen­de von Leu­ten aus Afri­ka ver­su­chen, nach Gi­bral­tar über­zu­set­zen, und von der EU mit mi­li­tä­ri­schen Mit­teln auf­ge­hal­ten wer­den. Das ist in­zwi­schen Rea­li­tät. Wobei der Ein­satz von hoch­mo­der­ner Sa­tel­li­ten­über­wa­chungs­tech­nik, wie sie von Ita­li­en bei der im ver­gan­ge­nen Jahr in­iti­ier­ten Mi­li­tär­ope­ra­ti­on „Mare No­strum“ ein­ge­setzt wird, nicht dazu ge­führt hat, daß die Zahl der Men­schen, die im Mit­tel­meer um­kom­men, ab­nimmt. Warum das so ist, er­klärt der Re­fe­rent, der das Pro­jekt „Watch the Med“ [2] un­ter­stützt, im fol­gen­den In­ter­view mit dem Schat­ten­blick ge­nau­er.

Schat­ten­blick (SB): Sie sag­ten vor­hin in Ihrem Vor­trag, daß, je ent­wi­ckel­ter die Über­wa­chungs­tech­nik für das Mit­tel­meer ist, desto mehr Men­schen dort ster­ben. Könn­ten Sie das noch ge­nau­er aus­füh­ren?

Hel­mut Diet­rich (HD): Die Tech­nik ist eine Kriegs­tech­nik, sie wurde in den Krie­gen in Af­gha­nis­tan und dem Irak ent­wi­ckelt, um Men­schen auf­zu­spü­ren. Wenn das ge­schieht, wird keine Ret­tung ein­ge­lei­tet, son­dern die Men­schen sol­len dann von den nord­afri­ka­ni­schen Küs­ten­wa­chen zu­rück­ge­holt wer­den. Das pas­siert aber nicht. Das heißt, Mare No­strum, jene von Ita­li­en durch­ge­führ­te, große, mi­li­tä­ri­sche Auf­klä­rung, in der enorm viel Tech­nik zum Ein­satz kommt, klappt nicht. Die Tech­nik funk­tio­niert nicht, sie ist nicht so ein­setz­bar, wie es ei­gent­lich ge­plant war.

SB: Woran liegt es, daß die Flücht­lin­ge nicht zu­rück­ge­nom­men wer­den? Haben sich die nord­afri­ka­ni­schen Län­der nicht dazu ver­pflich­tet oder wol­len sie die Men­schen nicht auf­neh­men?

HD: Von den Ver­hand­lun­gen zum Bei­spiel mit Tu­ne­si­en ist durch­ge­si­ckert, daß ganz deut­lich ge­sagt wurde: Warum sol­len wir für die Ab­schot­tung der EU büßen? In dem Mo­ment, wo sie ein Asyl­sys­tem ein­füh­ren, müß­ten sie Lager er­rich­ten, um afri­ka­ni­sche Flücht­lin­ge zu­rück­zu­neh­men, die aus Eu­ro­pa ab­ge­scho­ben wer­den. Die Frage ist be­rech­tigt und zu­gleich ist sie na­tür­lich nicht be­rech­tigt, weil das Pro­blem auf dem Rü­cken der Flücht­lin­ge aus­ge­tra­gen wird. Wenn man sich die Lager in Li­by­en an­sieht – men­schen­un­wür­dig, gräß­lich –, da kann man ganz an­de­re Lö­sungs­vor­schlä­ge ma­chen. Aber, um noch­mal auf die Frage zu­rück­zu­kom­men: Nord­afri­ka macht an­schei­nend des­we­gen im Mo­ment nicht so mit wie ge­dacht, weil das dort ge­sell­schaft­lich nicht durch­setz­bar ist, weil dort Auf­stän­de sind und weil die Küs­ten­wa­chen auch nicht mehr so funk­tio­nie­ren wie zu Zei­ten von Ben Ali und Gad­dha­fi.

SB: Zu der Zeit, als der li­by­sche Re­vo­lu­ti­ons­füh­rer Mu­am­mar Gad­dha­fi noch lebte und an der Macht war, wurde über furcht­ba­re Ver­hält­nis­se in li­by­schen Flücht­lings­la­gern be­rich­tet und davon, daß Flücht­lin­ge in der Wüste aus­ge­setzt wur­den. Hat sich etwas an der Lage die­ser Men­schen ge­än­dert? Hat sie sich ver­schlech­tert, ist sie so ge­blie­ben oder hat sie sich ver­bes­sert?

HD: Das ist sehr schwer zu be­ur­tei­len. Es ist ge­nau­so schlimm wie vor­her, be­zie­hungs­wei­se was sich ver­än­dert hat, ist, daß es noch un­über­sicht­li­cher ge­wor­den ist, weil jetzt Mi­li­zen die Lager füh­ren oder da re­gio­na­le Po­li­zei­chefs rum­kom­man­die­ren.

SB: Oft­mals sind in­ter­na­tio­na­le Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen auf die­sem Ge­biet aktiv. [3] Was be­rich­ten diese von der Si­tua­ti­on in den La­gern?

HD: Es wer­den häu­fig auch in der letz­ten Zeit große an­kla­gen­de Be­rich­te von Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen zur Si­tua­ti­on der Flücht­lin­ge und Mi­gran­ten in Li­by­en ver­öf­fent­licht. Fak­tisch ist es so, daß in den Fäl­len, in denen die li­by­sche Küs­ten­wa­che tat­säch­lich Flücht­lin­ge zu­rück­nimmt, diese in die be­rüch­tig­ten Flücht­lings­la­ger ge­steckt wer­den. Das ge­schieht also auf Kom­man­do der ita­lie­ni­schen Ma­re-no­strum-Füh­rung.

SB: Sie schrie­ben im Ja­nu­ar die­ses Jah­res in „Ana­ly­se & Kri­tik“ einen Auf­satz mit dem Titel „Re­bel­li­on der Flücht­lin­ge“ [4] über eine Art Ver­net­zung der ver­schie­de­nen Un­ter­stüt­zungs­grup­pen und Flücht­lings­in­itia­ti­ven, aber sahen da noch Nach­hol­be­darf hin­sicht­lich um­fas­send ko­or­di­nier­ter Ak­tio­nen. Was stel­len Sie sich vor, was ge­macht wer­den müßte?

HD: Das weiß ich auch nicht, ich sehe nur, daß die ent­schei­den­den Ak­tio­nen und Ver­net­zun­gen von den Flücht­lin­gen selbst vor­an­ge­bracht wer­den und wir bis­her eher un­ter­stüt­zend tätig ge­we­sen sind. Der Vor­teil ist ganz ein­deu­tig der, daß un­ver­ab­re­det an vie­len Stel­len gleich­zei­tig in Eu­ro­pa rund ums Mit­tel­meer etwas auf­bricht, mit Zelt­la­gern, mit Pro­test­la­gern etc. und daß da auch so­fort Ver­net­zun­gen ent­ste­hen. Das macht die Stär­ke aus. Aber tra­di­tio­nel­le Or­ga­ni­sa­tio­nen, so wie wir es frü­her ge­macht haben, ent­ste­hen dabei nicht. Ich weiß nicht genau, was das be­deu­tet. Im Mo­ment scheint das eine Stär­ke zu sein, denn Or­ga­ni­sa­tio­nen alten Typs wür­den schnell kri­mi­na­li­siert wer­den, wären schnell an­greif­bar. Al­ler­dings ist die ge­sell­schaft­li­che Trag­wei­te da­durch noch gar nicht ab­zu­schät­zen.

SB: Vor kur­zem hat Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Maizière einen Ge­setz­ent­wurf zur Asyl­po­li­tik vor­ge­legt, in dem ei­ner­seits Men­schen, die bis­lang ge­dul­det wur­den und denen eine gute In­te­gra­ti­on at­tes­tiert wird, ein Blei­be­recht zu­er­kannt und an­de­rer­seits die In­haf­tie­rung von Asyl­be­wer­bern er­leich­tert wer­den soll. Die Or­ga­ni­sa­ti­on Pro Asyl warnt davor, daß da­durch ein gi­gan­ti­sches In­haf­tie­rungs­pro­gramm ent­ste­hen würde. Wie sehen Sie die Ge­fahr?

HD: Die Ge­fahr ist real, denn in ver­schie­de­nen EU-Staa­ten, vor allem im Süden, exis­tie­ren be­reits ent­spre­chen­de Haft- oder In­ter­nie­rungs­sys­te­me. Das ein­zi­ge, was da­ge­gen hilft, ist, das jetzt schon be­kannt zu ma­chen, nicht nur durch Flücht­lings­or­ga­ni­sa­tio­nen, son­dern auch durch die Flücht­lin­ge selbst, indem sie da­ge­gen mo­bi­li­sie­ren.

SB: Ließe sich noch mehr Un­ter­stüt­zung für die Flücht­lin­ge ge­win­nen, wenn man der hie­si­gen Be­völ­ke­rung deut­lich ma­chen könn­te, daß durch die ge­plan­te In­haf­tie­rungs­mög­lich­keit wo­mög­lich ein Prä­ze­denz­fall ge­schaf­fen und an einer ge­sell­schaft­li­chen Rand­grup­pe vor­ex­er­ziert wird, der bei Be­darf auch auf an­de­re Grup­pen an­ge­wen­det wer­den könn­te?

HD: Hof­fen wir, daß sich das in den Kampf gegen die Iso­lie­rung von Flücht­lin­gen ein­reiht. In der Ge­schich­te war es so und das läßt sich an hun­dert ver­schie­de­nen Bei­spie­len be­le­gen, daß genau das pas­siert: Ganz viele Dinge, die vor­ex­er­ziert wur­den, bei­spiels­wei­se die Aus­ga­be von Es­sens­gut­schei­nen und be­stimm­te Kon­troll­sys­te­me, wur­den da­nach trans­fe­riert und gegen die Schwächs­ten die­ser Ge­sell­schaft und an­de­re Grup­pen an­ge­wen­det. Von daher soll­ten wir auch sehen, daß wir per­spek­ti­visch nicht einen zu schmal­spu­ri­gen Flücht­lings­kampf ent­wer­fen, son­dern stets nach Quer­li­ni­en su­chen, hin zu so­zia­len Kämp­fen an­de­rer Grup­pen in der Ge­sell­schaft, zu an­ti­mi­li­ta­ris­ti­schen Grup­pen, zu trans­na­tio­na­len und auch kul­tu­rel­len Be­we­gun­gen, um diese Iso­lie­rung, auch die Iso­lie­rung von Kämp­fen, auf­zu­bre­chen.

SB: Herr Diet­rich, vie­len Dank für das Ge­spräch.

Fußnoten:

[1] Zu dem Bündnis gehören: bbu – Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz, BeN – Bremer entwicklungspolitisches Netzwerk, Brot für die Welt – Evangelischer Entwicklungsdienst, BUND – Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Deepwave, Deutsche Seemannsmission e.V., Fair Oceans (der Arbeitsschwerpunkt des Vereins für Internationalismus und Kommunikation e.V.), Forum Umwelt und Entwicklung, Greenpeace, itf – International Transport Workers‘ Federation, medico international, NABU – Naturschutzbund Deutschland, Robin Wood, Shipbreaking Platform, Slow Food Deutschland e.V., ver.di, Wasserforum Bremen, Waterkant, WDC – Whale and Dolphin Conservation, WWF – World Wide Fund For Nature

[2] „Watch the Med“ – Ein von europäischen Flüchtlingsorganisationen im Jahr 2011 gegründetes Netzwerk, das ein alternatives Notrufsystem für das Mittelmeer einrichtet und nach Angaben von Helmut Dietrich kurz davor steht, in Betrieb zu gehen. Watch the Med will nicht nur Flüchtlingen helfen, sondern auch die Verantwortlichen für vernachlässigte Hilfeleistung auf See vor Gericht bringen.
http://watchthemed.net/

[3] Rund vier Wochen nach dem Interview veröffentlichte die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch einen Bericht zur Lage in den libyschen Flüchtlingslagern.
http://www.hrw.org/de/news/2014/06/23/libyen-ausgepeitscht-geschlagen-und-baeumen-aufgehaengt

[4] „Rebellion der Flüchtlinge: Von den EU-Außengrenzen bis in die Innenstädte“, von Helmut Dietrich, Analyse & Kritik 590
http://ffm-online.org/

Calais- Reportage von VICE (eng)

„Renzi: ‚Müssen Libyen bei Flüchtlingsproblematik unterstützen‘“

Tiroler Tageszeitung

Die EU muss die libyschen Behörden im Umgang mit der Flüchtlingsproblematik aktiv unterstützen. Dies betonte der italienische Premier Matteo Renzi, der in dieser Woche die EU-Ratspräsidentschaft übernommen hat, nach einem Treffen mit dem scheidenden EU-Kommissionspräsidenten Jose Manuel Durao Barroso am Freitag in Rom.

„Wir wollen die libyschen Behörden dabei unterstützen, die Resultate der Wahlen vom 25. Juni umzusetzen. Sobald die neue Regierung im Amt ist, soll es dem UN-Flüchtlingswerk in Libyen ermöglicht werden, die Flüchtlingsströme zu lenken, indem es zwischen denjenigen unterscheidet, die ein Asylrecht haben und jenen, die keinen Asylantrag einbringen können“, so Renzi.

„96 Prozent der Flüchtlinge, die über das Mittelmeer Italien erreichen, starten von Libyen aus. Die Zahl der in diesem Jahr in Italien eingetroffenen Migranten ist höher als im Zeitraum 2011-2012, als der ‚Arabische Frühling‘ eine Massenflucht nach Europa ausgelöst hatte“, berichtete Renzi.

Der italienische Premier versicherte, dass Italien den im Oktober begonnenen Einsatz „Mare Nostrum“ zur Rettung von Migranten im Mittelmeer fortsetzen werde. „Wenn ein Boot mit Kindern in Seenot gerät, muss es gerettet werden“, meinte Renzi. Er drängte jedoch darauf, dass die EU die Grenzschutzagentur Frontex mit mehr Geldmitteln unterstütze. „Das Mittelmeer ist kein italienisches Meer, es ist die Grenze Europas. Daher muss die Grenzschutzagentur mit dem Projekt Frontex Plus gestärkt werden“, so Renzi.

Barroso dankte den Italienern und der italienischen Marine für ihren Einsatz im Mittelmeer. „Ohne Italiens Einsatz wären viele Menschen gestorben. Italien ist ein gastfreundliches und solidarisches Land. Die Flüchtlingsproblematik muss auf gesamteuropäischer Ebene in Angriff genommen werden“, sagte Barroso.

„Fluchtpunkt Libyen – Odyssee ohne Heimkehrer“

Zwei Nigerianer schlagen sich nach Libyen durch. Eines Nachts tritt Oscar die Reise nach Europa an, Evans bleibt da – und am Leben.

Mirko Keilberth in der taz

Es war in Badagry, der einstigen Sklavenstadt westlich von Lagos. Im Café eines Freundes hockte Evans. Zwei Monate zuvor hatte er seinen gut bezahlten Job als Fahrer des Bürgermeisters verloren, die Heirat mit seiner Freundin war für den damals 25-Jährigen in weite Ferne gerückt. Mit dem Hilfslehrerjob als Computerfachmann für 50 Euro im Monat konnte er gerade einmal seine Miete in Lagos zahlen.

„Ich war zu jung“, sagt der schmächtige Mann über die Zeit damals. „Zwölf Stunden durch die Provinz fahren und Menschenmengen von meinem Boss fernhalten – dem war ich nicht gewachsen.“ Die Hoffnung auf einen guten Job hatte Evans schon aufgegeben. Da bog sein Schulfreund Oscar um die Ecke. Er war wegen der Hochzeit einer Tante für einen Kurzurlaub aus Libyen in die Heimat gekommen. „Komm mit nach Tripolis, dort gibt es Jobs wie Sand am Meer!“ Ein Satz, der Evans Leben verändern sollte.

Zwei Wochen später und mit geliehenen 500 Dollar in der Tasche saßen die beiden Nigerianer auf der Ladefläche eines Lkw, neben ihnen 40 weitere Arbeitsuchende, vor ihnen die Sahara. Für die Strecke von Lagos bis Agadez in Zentralniger, Umschlagplatz der Menschenschmuggler, hatten sie bereits umgerechnet 30 Euro bezahlt. Von Agadez fahren die Schmugglerkonvois nach festem Zeitplan in die libyschen Sahara-Städte Sebha, Murzuk und Gatrun. Das Geld reichte gerade bis Sebha. Gerüchte von Unruhen in Libyen machten die Runde, damals im Frühjahr 2011.

Arbeit als Autowäscher

Evans berichtet davon im Garten der St.-Franziskus-Gemeinde in Tripolis. Wie an jedem Sonntag suchen hier Hunderte Migranten ein paar Stunden Sicherheit und Ruhe vor dem nachrevolutionären Chaos. Evans arbeitet inzwischen in einer Autowaschanlage. „Ein guter Job“, sagt er. Aber seine Tage in Libyen sind gezählt, wegen der Gesetzlosigkeit und den bewaffneten Jugendbanden auf den Straßen.

„Am Morgen des 20. Februar 2011 kam unser Konvoi mit mehr als hundert Leuten in Sebha an. Überall in den Straßen wurde geschossen“, erinnert sich Evans. Drei Tage zuvor hatte in Bengasi der Aufstand gegen Gaddafi begonnen. Libyen war über Nacht ein anderes Land geworden. Einige Migranten wurden von Gaddafis Soldaten direkt von der Ladefläche gezogen. Sie sollten für Gaddafi kämpfen.

Evans und sein Freund Oscar verbrachten die nächsten Monate in Kellern. „Aus Angst vor den Soldaten und dem Misstrauen der Rebellen machten wir uns nur frühmorgens auf die Suche nach Essen.“ Am Tage patrouillierten plötzlich einige ihrer Bekannten aus dem Konvoi in Militäruniform, Leichen lagen auf den Straßen. Als Gaddafis Einheiten die Lage in Sebha unter Kontrolle gebracht hatten, konnten Evans und Oscar auf einer Baustelle genug Geld verdienen, um sich einen Platz unter der Plane eines gen Norden fahrenden Gemüselasters zu sichern. Doch auch in Tripolis herrschte Ausnahmezustand. Die Rebellen hielten Schwarze pauschal für Gaddafis Spione.

Hilfsbereite Einheimische

Als Tripolis im September 2011 von Regimegegnern eingenommen wurde, versuchten viele Migranten, sich nach Europa zu retten. Evans und Oscar aber schlugen sich nach Osten durch. „Viele Libyer halfen uns. Sie wussten ja, dass wir zum Arbeiten gekommen waren.“ In Khoms landeten sie im Gefängnis, als sie sich wegen noch ausstehenden Lohns für sechs Wochen Arbeit beschwerten.

„Der Bauherr rief seinen Freund bei der örtlichen Polizei an. Wir hatten natürlich kein Geld, um uns freizukaufen.“ Also zwang man sie, das Gefängnis, in dem sie einsaßen, zu renovieren. Nach vier Monaten schafften sie es nach Tripolis. Dort beruhigte sich Mitte 2012 die Lage langsam.
„Der Bauboom bot genügend Jobs. Geschlafen haben wir zwar zu zehnt in einer gemieteten Bauruine, aber das Gemeinschaftsgefühl bot Sicherheit“, erinnert sich Evans. Die meisten Nigerianer, Ghanaer und Kongolesen arbeiten sieben Tage die Woche. Mit 15 Euro Tageslohn sind viele schon zufrieden. Das Geld wird für die Bootsfahrt nach Italien gespart oder nach Hause geschickt.

600 Euro für den Platz auf einem Seelenverkäufer

Evans landete mehrfach vor einem Richter, musste Strafen für eine fehlende Arbeitsgenehmigung zahlen. „Wofür genau, weiß ich nicht. Mein Arabisch ist noch immer schlecht.“ Die zahlreichen Milizen betreiben mittlerweile ein mafiaähnliches Netzwerk, das die Inhaftierten an Baustellen und die Schmugglerboote vermittelt. Ab 600 Euro ist ein Platz auf einem Seelenverkäufer zu haben, für eine Überfahrt mit Rettungsweste und einem erfahrenen Kapitän muss man das Doppelte hinlegen.

Als der Gottesdienst beendet ist, strömen Philippiner und Afrikaner aus unterschiedlichen Ländern aus der St.-Franziskus-Kirche. Vor der Kirche beobachten bärtige Gestalten das Treiben. „Der Geheimdienst stand schon zu Gaddafis Zeiten hier“, murmelt ein pakistanischer Ingenieur. Als Christen fühlen sie sich nicht wohl im neuen Libyen. Schnell verstreut sich die Menge. Pater Dominic Rezau setzt sich zu Evans, den die Erinnerungen sichtlich mitgenommen haben. Der Franzose, ein ernster Mittfünfziger, hat, bevor er die Pfarrstelle in Tripolis antrat, viele Jahre im kongolesischen Bürgerkriegschaos verbracht.

Er schließt den kleinen Behandlungsraum auf, den die Gemeinde mithilfe von Spendengeldern für die Flüchtlinge und Migranten betreibt. „Wir können nur kleine Verletzungen behandeln und Trost spenden“, sagt Rezeau matt, „aber in den staatlichen Krankenhäusern müssen die Migranten seit der Revolution zahlen, und sie riskieren, ihren Reisepass zur verlieren.“ Der Pater lässt durchblicken, dass er sich genauso verunsichert fühle wie seine Schützlinge.

Im Frühjahr, nach den gezielten Morden an sieben ägyptischen Kopten in Bengasi, bekam der benachbarte ägyptisch-orthodoxe Bischof Besuch von libyschen Milizionären. „Du hast 24 Stunden Zeit, das Land zu verlassen, ansonsten bringen wir deine Familie und dich um“, sollen sie gesagt haben. Die EU-Botschafter und die UN-Mission verzichteten darauf, gegen den Rauswurf der Christen zu protestieren. „Wohl um nicht selbst zum Ziel zu werden“, vermutet Pater Rezeau. Er ahnt, dass Evans nun vom schwersten Teil seiner Odyssee erzählen wird.

„Am 27. Mai letzten Jahres bekamen wir mitten in der Nacht einen Anruf von unserem Kontaktmann. Er sagte, das Meer sei nun ruhig und ein Boot stehe am Strand bereit. In drei Stunden müssten wir mit dem Geld dort sein.“ Bis auf Evans packten alle ihre Tasche. „Ich zögerte, weil in den Vortagen ein scharfer Westwind geweht hatte. Ich bin als einziger am Meer groß geworden.“ Wieder ging alles ganz schnell, wie damals, als Oscar in Badagry um die Ecke bog. Diesmal zog Oscar mit sechs anderen Zimmergenossen los, noch vor Morgengrauen. Evans blieb zurück. „Am nächsten Tag ging ich mit zitternden Knien zur Arbeit und dachte, ich hätte mich falsch entschieden. Abends hörte ich dann von Freunden auf Lampedusa, dass alle ertrunken sind. Das Boot war vor der Küste gekentert.“ Dominic Rezeau bestätigt, dass sich bei gutem Wetter jede Nacht Hunderte auf den Weg zum Strand machen. Dieses Jahr mehr als je zuvor. Abends kann man die Boote manchmal von der Innenstadt aus sehen.

Die Freundin nachgeholt

Als Schichtleiter in der Autowaschanlage verdient Evans pro Auto 5 Euro. „Ein guter Lohn“, sagt er. Sogar seine Freundin hat er nach Tripolis geholt, sie putzt in einem Architektenbüro. „Ich könnte zufrieden sein. Aber ich habe meine Freunde verloren, und in Libyen gibt es weder Polizei noch Gesetze. Sobald es geht, wollen wir mit einem Touristenvisum nach Europa fliegen.“

Bei einigen EU-Botschaften müsse man nur genug Geld in den Pass legen, bestätigen viele. An großen Straßenkreuzungen in Tripolis stehen Schwarzafrikaner. Mit Schaufel, Besen oder Elektrokabel in der Hand demonstrieren sie, wofür man sie anheuern kann. Der neue Boom der libyschen Privatwirtschaft lockt immer mehr aus dem Süden hierher, trotz der Gewalt.

Eine Woche nach dem Treffen mit Evans ist Pater Rezeau noch bedrückter. Die junge Kongolesin Marine, auf die er letzten Sonntag vergeblich gewartet hatte, wurde mit ihrer 12-jährigen Tochter Opfer eines Unfalls. Ein Wagen krachte seitlich in das Taxi, mit dem sie auf dem Weg zum Gottesdienst waren. Die Tochter ist tot, Marine selbst schwer verletzt.

„Auf den christlichen Friedhöfen in Tripolis darf ich Marines Tochter zurzeit nicht beerdigen“, berichtet Pater Rezeau bekümmert. „Wir müssen ihren Leichnam nach Misrata fahren.“ Der Mutter wurde der Pass abgenommen und die kongolesische Botschaft weigere sich zu helfen.

Bitter enttäuscht ist der Pater von der millionenschweren Eubam-Mission der EU, die sich um Grenzen und Flüchtlinge kümmern sollte. In Sichtweite ihrer Basis Palm City legen nachts die Boote ab. „Wir helfen aus Nächstenliebe, aber wir haben für mehrere tausend Flüchtlinge doch gar nicht die Mittel“, sagt er. Viele NGOs und die EU hingegen arbeiteten lieber mit den Ministerien zusammen, die in Libyen im Moment aber nur virtuell existierten.

Pater Rezeau singt leise die alte kongolesische Nationalhymne, mit der er Marine und ihrer Tochter ab und zu das Heimweh vertrieb. „In ihrer Schule in Kinshasa hat man sie gezwungen, das Lied zu singen. Hier aber bedeutete es kurze Zeit Heimat und Sicherheit. Nun ist sie staatenlos, und mit ihrer Tochter hat sie alles verloren, was sie hatte.“

„Wie es ist, wenn man mit 300 Menschen auf einem maroden Fischerboot über das Mittelmeer flieht“

Sophie Claassen auf VICE

Nachdem sich Joachim Gauck nach seinen Äußerungen zu mehr deutschen Auslandseinsätzen im letzten Monat als „Kriegshetzer“ und „Dschihadist“ beschimpfen lassen musste, punktete unser christlicher Bundespräsident diese Woche mit einer Aufforderung zu mehr Nächstenliebe. Auf dem Berliner Symposium zum Flüchtlingsschutz forderte er am Montag, dass Deutschland mehr Flüchtlinge aufnehmen und den Menschen die Einreise erleichtern solle, damit sich nicht mehr so viele von ihnen auf den gefährlichen Weg über das Mittelmeer machen. Den meisten von ihnen bleibt schlicht nichts Anderes übrig. Erst am Wochenende hat die italienische Marine 30 Leichen auf einem Boot entdeckt, das mit rund 600 Menschen aus Afrika kam. Die Toten waren offensichtlich erstickt.

Gauck ging es in seiner Rede besonders um das Schicksal der syrischen Flüchtlinge, die mit 2,4 Millionen Menschen inzwischen die zweitgrößte Flüchtlingsgruppe weltweit stellen. Zwar hatten Bund und Länder im Juni beschlossen, weitere 10.000 Syrer aufzunehmen, doch im Hinblick darauf, dass 76.000 Anträge eingegangen sind, erscheint diese Zahl nicht sonderlich hoch.

Maya Alkhechen gehört zur großen Mehrheit der 32.000 syrischen Flüchtlingen, die es über das Mittelmeer nach Deutschland geschafft haben. Für Maya war es der Weg nach Hause, denn sie ist seit ihrem sechsten Lebensjahr in Essen aufgewachsen und hat dort Abitur gemacht. Mit 21 ging sie nach Syrien, weil sie als Geduldete in Deutschland weder studieren noch eine Ausbildung anfangen durfte. Nachdem sie sechs Jahre in Damaskus gelebt hatte, brach 2011 der Bürgerkrieg in Syrien aus. Als sich die Lage dort immer weiter verschlimmerte, beschloss sie schließlich, mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Kindern zu fliehen. Erst nach Ägypten, dann weiter auf dem illegalen Weg nach Deutschland. Maya und ihre Familie verbrachten sieben Tage und sechs Nächte zusammen mit über 300 anderen Menschen auf einem maroden Schlepperboot mit kaputtem Motor, bis sie in Italien ankamen. Dabei kam sie sich die ganze Zeit vor wie in einem Actionfilm. Nur das es eben keiner war.

VICE: Wann habt ihr euch dazu entschlossen, Syrien zu verlassen?

Maya Alkhechen: Als der Bürgerkrieg immer schlimmer wurde. Wir haben in Damaskus in der Nähe [eines Stützpunkts der syrischen Armee] gewohnt. Als es losging mit der Revolution—zu Anfang war es ja eine friedliche Revolution—, habe ich gesehen, wie die Demonstranten aus der Moschee rausgekommen und in Richtung unseres Hauses gelaufen sind, dann kamen die Soldaten aus der [Kaserne] und haben auf die Demonstranten geschossen. An dem Tag sind mehrere junge Männer ums Leben gekommen. Zwei, drei gehörten zu der Familie meines Mannes. Deswegen bekam dann auch mein Mann Probleme, obwohl er bei der Demonstration gar nicht dabei gewesen war. Er wurde zweimal verhaftet. Das zweite Mal als er im Knast war, kam es zu Zusammenstößen zwischen den Rebellen und der Armee, und die Kugeln flogen durch unsere Wohnung durch, vom Wohnzimmer bis in die Küche. Da habe ich gemerkt, es geht nicht mehr, und wir müssen hier sofort weg.

War es klar, dass du zurück nach Deutschland gehst?

Ja, meine Eltern und mein Bruder leben ja in Deutschland. Mein Bruder hat alles versucht, um mich auf legalem Weg zurückzuholen, aber das hat nicht geklappt. Wir sind dann erst einmal nach Ägypten. Dort bin ich zur deutschen Botschaft gegangen. Ich wollte mit dem Botschafter persönlich sprechen, aber sie sagten, ich solle besser anrufen. Dann rief ich an, und sie sagten: „Schreiben Sie lieber eine E-Mail.“ Dann habe ich eine Mail geschrieben und ihm meine Situation geschildert, dass ich auf der Flucht bin und dass ich wieder nach Hause will, und bat um ein persönliches Gespräch. Daraufhin kriegte ich eine maschinelle Antwort „Sie dürfen erst Asyl beantragen, wenn Sie auf deutscher Erde sind.“ Das heißt, ich konnte nur illegal einreisen.

In Ägypten zu bleiben, stand für euch nicht zur Debatte?

Ich habe versucht, dort zu leben. Ich habe mich immer wieder beworben und die Gespräche liefen gut, die waren ganz begeistert von meinen Sprachkenntnissen, aber sie durften keine Syrer einstellen. Für meinen Mann waren die Chancen noch schlechter. Dann waren unsere Ersparnisse auch so gut wie aufgebraucht, und ich hatte drei Möglichkeiten: Entweder ich bleibe in Ägypten und dann sitze ich in zwei, drei Monaten mit meinen Kindern auf der Straße oder ich fahre zurück nach Syrien und damit sozusagen in den sicheren Tod oder ich wage den illegalen Weg nach Deutschland. Bei dieser letzten Möglichkeit hatte ich wenigstens ein bisschen Hoffnung.

Wie seid ihr an die Schlepper geraten?

Mein Mann hat zufällig davon erfahren. Dann haben wir das besprochen und uns dazu entschieden. Und sobald man auch nur dahin tendiert, dass man das machen will, geht alles ruckzuck. Wir haben uns am Samstag entschieden und am Montag ging das Schiff. Wir mussten uns beeilen und durften nichts mitnehmen außer den Sachen, die wir anhatten.

Wie viel habt ihr für die Überfahrt gezahlt?

2.500 Dollar pro Person. Weil wir nicht mehr genug Geld hatten und ja auch noch was für die Weiterfahrt nach Deutschland brauchten, hat mein Mann sich von seinem Bruder Geld geliehen. Als ich am Ende in Essen ankam, hatte ich keinen einzigen Euro mehr.

Was war das für ein Boot, mit dem ihr gefahren seid?

So ein kleines [Fischerboot], das vielleicht auf 30 Besatzungsmitglieder ausgelegt war, und wir waren 310. Ungefähr ein Viertel Syrer und drei Viertel syrische Palästinenser. Wie viele wir wirklich waren, haben wir erst in Italien erfahren.

Wie lange wart ihr unterwegs?

Man hat uns gesagt, die Fahrt würde drei Tage dauern, sie hat dann aber sieben Tage und sechs Nächte gedauert. Das Problem war, dass der Motor von diesem Boot kaputt war. Das heißt, man fuhr zwei Stunden und hielt dann zwei, drei Stunden wieder an. Kurz bevor wir auf italienischem Gebiet waren, funktionierte er dann gar nicht mehr, dann haben wir so fünf, sechs Stunden gewartet, bis wir entdeckt wurden und noch mal zwei Stunden, bis ein italienisches Schiff uns schließlich an Bord genommen hat.

Was habt ihr gegessen?

Die Schleuser haben jedem morgens ein kleines Stück Brot mit Schmierkäse gegeben und mittags wurde Reis gekocht mit Kartoffel- oder Karottensuppe oder so, aber es gab für jeden nur zwei Löffel. Ich habe sechs Kilo abgenommen. Mein Mann und meine Kinder haben auch abgenommen, wir waren alle am Ende.

Wie muss man sich das Leben an Bord vorstellen, und wie hast du das ausgehalten?

Du sitzt da und kannst kaum deine Füße bewegen. Ich konnte mich in diesen sieben Tagen nicht ein einziges Mal hinlegen. Du schläfst im Sitzen und du schläfst auf deinem Nachbarn, ob du den kennst oder nicht. Das ist natürlich ungewohnt, aber gleichzeitig hat das etwas Besonderes, denn plötzlich sind die Menschen eins. Leute, die du nicht kennst, stehen dir auf einmal sehr nah. Ich habe auf dieser Fahrt viele Freunde gefunden, zu denen ich auch jetzt noch Kontakt habe. Die Menschen sind dann anders. Man weiß, man ist im gleichen Boot, und dann versucht man, aufeinander aufzupassen.

Ich hatte schon eine Mittelohrentzündung und dazu kam, dass ich seekrank wurde. Ich habe mich die ersten fünf Tage nur übergeben. Alle waren seekrank, und weil wir so eng beieinander saßen, haben wir es fast nie geschafft, über den Rand des Bootes zu kotzen. Meine Kinder saßen auf meinem Schoß und haben sich über mich übergeben. Ich bin froh, dass wir uns keine Krankheit eingefangen haben. Aber es war schlimm. Wirklich sehr, sehr schlimm. Es gab eine Toilette für 310 Personen, die immer besetzt war. Und wenn du da drin warst, hast du dir gewünscht, du hättest lieber in die Hose gemacht, weil es so schrecklich war und du sofort kotzen musstest.

Mein Mann saß leider weiter weg und mein Nachbar, also der junge Mann, der neben mir saß, hat sich die ganze Zeit um mich gekümmert. An eine Nacht kann ich mich sehr gut erinnern. Es war so kalt, und weil ich am Rand saß, sind mir die Wellen in den Nacken geschlagen, und er hat mir seine Jacke gegeben, damit ich nicht erfriere. Wenn ich jetzt im Fernsehen ein Boot oder Schiff oder das Meer oder irgendwas sehe, muss ich immer daran denken. Das sind Dinge, die man wirklich nur im Fernsehen sieht. Wenn ich darüber nachdenke, denke ich, das war ein Film, das war ein Actionfilm. Aber es ist wahr, und ich hab das wirklich erlebt.

„Flüchtlingskatastrophe in Marokko – Finanziert die EU brutales Grenzregime in Nordafrika?“

Die EU zahlt nordafrikanischen Ländern viel Geld dafür, dass sie uns die Flüchtlinge vom Hals halten. Davon ist der Jülicher Superintendenten Jens Sannig überzeugt. Marokko gehe dabei zum Teil extrem brutal gegen Flüchtlinge in den Notlagern vor. Davon weiß angeblich nicht nicht einmal das Europäische Parlament.

Wolfgang Meyer auf WDR 5

Marokko ist, so Sannig, mit den Flüchtlingsströmen überfordert und reagiert rabiat auf die Aufforderung der Europäer, ihnen die afrikanischen Flüchtlinge vom Leibe zu halten. Dafür bekomme Marokko viel Geld von der EU und gehe zum Teil extrem brutal gegen die Menschen in den Notlagern vor. Nach Auffassung des Jülicher Superintendenten werde das weitgehend totgeschwiegen und er vermutet, dass nicht einmal das Europäische Parlament von diesen Vorgängen offiziell etwas erfährt.

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