Tag-Archiv für 'irak'

Wir sehen uns…

(streetart aus Kairo)

Ich bin der Engel der Verzweiflung

Mit meinen Händen teile ich den Rausch aus

die Betäubung, das Vergessen, Lust und Qual der Leiber

Meine Rede ist das Schweigen, mein Gesang der Schrei

Im Schatten meiner Flügel wohnt der Schrecken

Meine Hoffnung ist der letzte Atem

Meine Hoffnung ist die erste Schlacht

Ich bin das Messer mit dem der Tote seinen Sarg aufsprengt

Ich bin der sein wird

Mein Flug ist der Aufstand, mein Himmel der Abgrund von morgen

Heiner Müller

Wir machen Schluss. Nach über drei Jahren, über zweihundert selbstrecherchierten, übersetzten, selbstgeschriebenen Artikeln. Nach um die 5000 gespiegelten Artikeln aus linken und mainstream Medien. Leider viel zu häufig aus mainstream Medien, weil es einfach nichts anderes Brauchbares gab.
Häufig waren wir übermüdet und gestresst, manchmal euphorisch, manchmal haben wir geweint. Wir haben um Homs geweint, wir haben um unsere GefährtInnen in Kairo geweint. Wir haben viel zu selten und doch viel zu viel geweint.

Was als allgemeiner Aufbruch begann, der eine ganze Region erschütterte, ist heute…..
Wir sagen nicht, dass wir wissen, was kommt, wir teilen diese Anmaßung nicht.
Mubarak galt als unstürzbar, dann hiess es Assad sitze felsenfest im Sattel, es gebe praktisch keine Oppposition im Lande…
Vielleicht wird die nächste Preiserhöhung in Ägypten das Regime wegfegen, vielleicht wird der neue Pharao Jahrzehnte herrschen.

Wir haben unglaublich viel gelernt – wir sind dankbar dafür. Der linke Kanon ist zu Ende. Viele wollen das nicht sehen, nicht wahrhaben. Die Geschichte der Klassenkämpfe ist fast so alt wie die Menschheit, sie wird andauern, aber entweder wir lassen uns auf das Wagnis ein, uns unbequemen Wahrheiten und Widersprüchen zu stellen oder wir werden wie bockige Kinder am Rande der Geschichte quengeln, da sich die Welt nicht um uns dreht.

Wir sind überrascht, dass immer noch soviele Leute diesen blog nutzen, obwohl die Entwicklung in der Region sowohl in den mainstream Medien als auch in der Linken kaum noch eine Rolle spielt. Das hat uns lange dazu bewogen, den blog weiter zuführen, obwohl wir dadurch zu etwas geworden sind, was wir nie sein wollten: Spezialisten. So haben wir mehrmals den Versuch unternommen, dieses Projekt zu beenden. Dann passierte etwas und wir haben es nicht ausgehalten, nichts dazu zu schreiben.
Jetzt wagen wir den endgültigen Absprung.

Wir danken allen, die uns unterstützt haben. Wir danken unseren GefährtInnen von Kairo bis Soran, dass sie unser Leben so unglaublich bereichert haben. Wir hoffen, ihr vergesst diese Leute auch nicht.

Wir sind weiterhin über unsere Kontaktadresse erreichbar. Der blog bleibt als Archiv bestehen.

Um outro mundo é possível

recherchegruppe aufstand

„Die freudlosen Stadthalter“

Kurdische Militärs werden erst gegen die Dschihadisten der ISIL vorgehen, wenn sich eine Zerstörung des Zentralstaats anders nicht mehr verhindern lässt

John Dyfed Loesche im Freitag

Der ältere Herr in Tarnuniform mit den goldenen Sternen auf den Schultern steht auf einem frisch aufgeworfenen Erdwall. Er zeigt in die Richtung, in die auch das Kanonenrohr seines betagten Kampfpanzers russischer Bauart weist. Auf der anderen Seite des Kanals, an dem sich die Peschmerga-Einheit verschanzt hat, dort steht der Feind. Die Kämpfer der Organisation Islamischer Staat im Irak und in der Levante (ISIL) liegen dort in Stellung. Und scheinen sich auf einen Angriff vorzubereiten. Doch sicher ist das nicht.

Je unaufhaltsamer der irakische Staat zerfällt, desto mehr geht für die Kurden im Norden ein lang gehegter Traum in Erfüllung: Sie sind nach dem Vormarsch der Dschihadisten und der Einnahme von Mossul ihrerseits in die Ölstadt Kirkuk vorgerückt. Sie fiel den Peschmerga-Einheiten eher kampflos in den Schoß, da sich die Präsenz der Nationalarmee angesichts der anrückenden ISIL-Kämpfer in wenigen Stunden erledigt hatte. Die Soldaten machten sich aus dem Staub – die Peschmerga sicherten Kirkuk und Umgebung.

Zurückgelassene Geländewagen parken vor der Parteizentrale der Patriotischen Union Kurdistans (PUK) im Zentrum der Stadt. Parteiführer Aso Mamand, in olivgrüner Pluderhose und Uniformjacke, sitzt im wohltemperierten Konferenzraum und nippt an einer Wasserflasche. Er habe einen deutschen Pass und eine Zeit lang in Bayern gelebt, teilt er mit. Nun sei er der Regionalchef einer der beiden kurdischen Regierungsparteien und für die Geschicke der Erdölmetropole mitverantwortlich.

Gegenseitiger Respekt

Momentan habe man wenig zu befürchten, es gebe keine Gefechte, zumindest nicht in der Gegend um Kirkuk. „Für mich ist es gar keine Frage, dass die Extremisten der ISIL und ehemalige Gefolgsleute Saddam Husseins gemeinsame Sache machen. Für den Augenblick zumindest. Es gibt klare Hinweise unseres Geheimdiensts.“

Derzeit kontrolliert die kurdische Regionalregierung im Nordirak auch die ertragreichsten Ölfelder des Landes. Wer jedoch erwartet hat, dass die Kurden deshalb in einen großen Freudentaumel verfallen, wird enttäuscht. Auch weist Mamand die Erwartung zurück, dass Kirkuk nun die Hauptstadt von Irakisch-Kurdistan werde. Er sei nicht dafür, die Gunst der Stunde zu nutzen, um Kirkuk permanent kurdischer Autorität zu unterstellen. „Ich bin nicht glücklich mit der Situation.“ Im Gegenteil, er sei in Sorge um den Irak, lautet die etwas unverhoffte Aussage. Andere ranghohe kurdische Politiker wie Masud Barzani, Präsident der Autonomen Region Kurdistan, lassen keinen Zweifel am Willen zum eigenen Staat.

Auf die Frage, ob er davon ausgehe, dass die Tage des irakischen Staats gezählt seien, meint Mamand, der jetzige Konflikt werde zwischen Schiiten und Sunniten ausgetragen. Das klingt fast so, als wären die Kurden unbeteiligte Dritte und würden Kirkuk nur deshalb kontrollieren, weil die Zentralregierung hier vor den anrückenden Extremisten kapitulieren musste. „Kirkuk hört weiter auf die Zentralregierung, auch wenn die gerade wenig von sich hören lässt“, fasst Aso Mamand zusammen. Als Beweis führt er an, dass die reguläre Polizei nicht ausgetauscht worden sei. Sie unterstehe weiter dem Innenminister in Bagdad. Allerdings lässt Mamand die Frage unbeantwortet, ob sich die Kurden wieder zurückzögen, sollte sich die Lage beruhigen.

Auch wenn der Versuch, die Kurden als Partei zu sehen, die wider Willen in einen Konflikt geraten sind, der den Irak zerreißt, eigenartig anmutet, trifft das aus militärischer Sicht durchaus zu. Es gab zwischen den Peschmerga-Kämpfern und ISIL-Verbänden bisher kaum Zusammenstöße. Während Erstere sich auf der rechten Seite des Tigris hinter Erdwällen verschanzt halten, rücken die ISIL-Truppen am linken Flussufer entlang des Highways 1 weiter vor, weiter nach Südosten, weiter in Richtung Bagdad. ISIL-Kommandeure und Saddam-Loyalisten scheinen zu wissen, dass die Peschmerga-Einheiten eine vorzügliche Streitmacht bilden, deren Mitglieder eine hohe Moral auszeichnet. Sie sind nicht so leicht in die Flucht zu schlagen wie die Soldaten der irakischen Armee.

Das kurdische Autonomiegebiet bekommt die Folgen des Waffengangs dennoch zu spüren: Man musste zusätzlich zu den etwa 225.000 Flüchtlingen aus dem benachbarten Syrien noch einmal fast 300.000 Menschen aufnehmen, die sich aus dem von der ISIL besetzten Mossul und der Provinz al-Anbar gerettet haben. Der Nordirak wurde damit zur Zuflucht von mehr als einer halben Million Hilfsbedürftigen. Und das bei einer Gesamtbevölkerungszahl von knapp fünf Millionen.

Aso Mamand hat während des Gesprächs in Kirkuk betont, dass seine Stadt für alle vorübergehenden Bewohner Sicherheit bieten wolle, nicht nur für Kurden, ebenso für Araber und Turkmenen. Es wäre nicht klug, so Mamand, wollten sich die Kurden zu Alleinherrschern aufschwingen und Kirkuk ohne Einverständnis der anderen Bevölkerungsgruppen führen. Auch die hätten im Notfall ihre Milizen.

Unerkannt entkommen

Dank der bisherigen regionalen Stabilität haben die Kurden nördlich des 36. Breitengrades beachtliche Gewinne aus dem Ölgeschäft ziehen können. Es gibt Verträge mit westlichen Unternehmen, die einen sicheren Absatz garantieren. Im Juni sollen trotz der Staatskrise fast 200.000 Barrel durch die Pipeline in Richtung des türkischen Ölterminals Ceyhan am Mittelmeer gepumpt worden sein. Andererseits fehlt den erfolgsverwöhnten, geschäftigen kurdischen Händlern plötzlich das restirakische Hinterland für die Versorgung mit Treibstoff. Rohöl kann man bekanntlich nicht tanken. Es muss raffiniert werden – zu Diesel, Benzin oder Kerosin. Nur stehen in der Raffinerie von Baidschi – etwa 200 Kilometer nördlich von Bagdad – seit Tagen die Anlagen wegen der andauernden Kampfhandlungen still. Die Folge ist Benzinmangel, in Kirkuk ebenso wie in Erbil, der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan. An den Tankstellen beider Städte stauen sich die Autos kilometerlang und in mehreren Reihen nebeneinander. Wartezeiten von einer Nacht und einem Tag sind normal. Flugzeuge der Gesellschaft Iraqi Airways, die in Erbil starten, müssen wegen Treibstoffmangels in Ankara zwischenlanden, damit sie in Richtung Europa weiterfliegen können. Der Unmut in der Bevölkerung wächst. Es kursieren Gerüchte, Benzin werde tonnenweise und illegal in die Millionenstadt Mossul verschoben und komme dort den neuen Herren der ISIL zugute.

An einer Brücke über den Kanal am Highway 19 in Richtung Baidschi steht der für den Frontabschnitt zuständige Offizier und warnt vor der Weiterfahrt. Die irakische Fahne, die hier noch vor wenigen Tagen wehte, haben er und seine Männer eingeholt. Stattdessen weht nun die Flagge der Kurdischen Autonomie über dem Checkpoint, in dessen Umgebung reichlich die Uniformen irakischer Soldaten herumliegen. Offenkundig wurden sie auf der Flucht als Ballast empfunden, dessen man sich entledigen sollte. Wohl auch, um unerkannt entkommen zu können.

Die Kurden befehligen die einzige Streitmacht in der Region, die der Angriffswucht der Islamisten standhalten kann, wenn es darauf ankommt. Wie viele Peschmerga-Kämpfer im Abschnitt südwestlich von Kirkuk stationiert sind, will der Offizier aus Sicherheitsgründen nicht sagen. Nur so viel, von schweren Gefechten sei diese Gegend bislang verschont geblieben. Man warte ab und vermeide eine Offensive. So entsteht der Eindruck, die Kurden wollen der Regierung in Bagdad weder bedingungslos Gefolgschaft leisten, noch haben sie sich komplett abgewandt. Schließlich konnte US-Außenminister John Kerry bei einem Treffen in Erbil Masud Barzani überreden, Sondierungen über eine mögliche neue Zentralregierung nicht nur als interessierter Beobachter zu verfolgen, sondern sich daran direkt zu beteiligen. Doch muss ein gänzlich souveränes Kurdistan deshalb weiter warten?

Aso Mamand meint, trotz des erwirtschafteten Wohlstandes und der erlangten Teilautonomie bleibe die Abhängigkeit vom Rest des Iraks eine Tatsache. Deshalb dürfe der nicht völlig in Chaos und Anarchie versinken. „Wir wollen keinen Bürgerkrieg“, was so viel heißt wie: Wohin das führt, haben wir in Syrien gesehen. Es würden uns Jahrzehnte verloren gehen.

„Jihadisten löschen christliches Erbe aus“

An den Häusern der Christen in Mossul ist jetzt ein arabisches „N“ aufgemalt. „N“ für Nasarani, wie die Christen im Koran bezeichnet werden. 30.000 gab es noch in der Millionen-Metropole. Die Jihadisten hatten ihnen ein Ultimatum von zwei Tagen gestellt, um entweder zum Islam überzutreten, die Jizya (eine Steuer für Nicht-Muslime) zu bezahlen oder zu fliehen.

Astrid Frefel im Standard

Wer konnte, ist geflohen. Viele in Richtung der Kurdengebiete. Ihre Häuser wurden daraufhin vom IS (Islamischer Staat) konfisziert. Damit ist die christliche Minderheit in Mossul, das auch als Rom des Orients bezeichnet wird, praktisch ausgelöscht. Zum ersten Mal in der Geschichte sei Mossul frei von Christen, erklärte Bashar Kiki, ein Mitglied des Lokalrates, der ins 45 Kilometer entfernte Qushahwali umgezogen ist.

Christliches Kernland

Die Region von Mossul ist christliches Kernland. Hier haben über Jahrhunderte Christen und Muslime friedlich zusammengelebt. Viele der historisch wertvollen Kirchen wurden von Jihadisten geplündert und zerstört. Mehr als die Hälfte der einst 800.000 Christen hatte den Irak bereits nach der US-Invasion 2003 verlassen. Ihre Gotteshäuser waren regelmäßig Anschlagsziele.

Was der IS jetzt macht, ist die systematische Vertreibung und Verfolgung aller ethnischen und religiösen Gemeinschaften, die sich nicht ihrer extremistischen Ideologie unterwerfen. Der UN-Sicherheitsrat hat die Verfolgung am Montag einhellig verurteilt und sie als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ bezeichnet.

Von der Zerstörungswut sind nicht nur christliche Einrichtungen, sondern auch schiitische Schreine bedroht. Bilder solcher Aktionen verbreiten die Jihadisten im Internet als Teil ihrer PR-Kampagne.

Bücher und Manuskripte zerstört

In der Stadt Saadiya in der Provinz Diyala haben sie in einer Bibliothek hunderte wertvolle Bücher und Manuskripte zerstört. Aus den Buchhandlungen muss alles verschwinden, was missfällt. Bilder von Künstlern werden zerstört und Folkloredarbietungen verboten. Einwohner sprechen in Anlehnung an die afghanischen Taliban bereits von Saadiya als dem Kandahar von Diyala.

Als Reaktion auf die alarmierenden Berichte über die Zerstörung von Kulturgütern von unschätzbarem historischen Wert hat die Unesco zusammen mit internationalen Experten begonnen, einen Notfallplan zum Schutz zu erstellen.

Auch vor den Schulen macht die rigorose „Säuberungswelle“ der IS nicht halt. Die Geschlechtertrennung wurde eingeführt, und aus den Schulbüchern wurden alle Inhalte entfernt, die den religiösen Leitlinien widersprechen. Der Irak hatte im regionalen Vergleich ein qualitativ hochstehendes Bildungswesen, das allerdings seit der Invasion 2003 erheblich gelitten hat.

Schauplatz Fußballstadion

Bis in die Alltagskultur reicht der IS-Kulturkampf. Die Gotteskrieger haben sämtliche Sportveranstaltungen verboten, darunter auch Fußball. Und nun werden auch die Fußballplätze zu einem Schauplatz um die Kontrolle im Irak. Demonstrativ haben die Behörden im internationalen Stadion von Bagdad das Finaleder Fußballweltmeisterschaft auf großen Bildschirmen übertragen, und der Fußball-Verband hat angekündigt, dass er Fußballspiele im ganzen Land ansetzen werde, als Protest gegen IS-Attacken auf Zuschauer und Spieler.

„Die Heimkehr des Schlichters“

18 Monate Abwesenheit des irakischen Präsidenten hatten eine empfindliche Lücke hinterlassen – Kann Jalal Talabani einen Weg aus der „historischen Krise“ finden?

Birgit Cerha auf IFAMO

Lange erwartet, von vielen ersehnt und von noch vielen mehr kaum mehr erhofft, kehrte Iraks Präsident Jalal Talabani nach 18 Monaten der Rehabilitation in Deutschland am Wochenende in seine irakisch-kurdische Heimat zurück.
Der Zeitpunkt dieser Heimkehr lässt den Schluss zu, dass der von einem schweren Schlaganfall gezeichnete Kurde sein außerordentliches politisches Geschick dem Irak in der vielleicht schwersten Krise seiner Geschichte und auch den Kurden in einer schicksalhaften Stunde nicht vorenthalten will. Der irakische Staat steht nach rasanten Geländegewinnen arabisch-sunnitischer Rebellen unter Führung der radikalen Jihadisten des „Islamischen Staates“ (IS) am Rande des Zusammenbruchs, Konflikte zwischen Premier Maliki und der „Kurdistan Regionalregierung‘“ (KRG) haben sich unlösbar zugespitzt, während die Hoffnung auf eine immer näher rückende Unabhängigkeit die Menschen im autonomen Kurdistan in Hochstimmung versetzt.

Nicht nur in Bagdad, auch in seiner engsten kurdischen Heimat ist der begabte Schlichter dringend gefragt. Die Kurden müssen bei der nächsten Parlamentssitzung einen Kandidaten für Talabanis Nachfolge als Staatspräsidenten nominieren. Nach einem zwischen den Bevölkerungsgruppen geschlossenen Abkommen über die Machtaufteilung im Irak steht den Kurden das Amt des Staatspräsidenten zu und Talabanis „Patriotische Union Kurdistans“ (PUK) ist nach interner Übereinkunft unter den Kurden wieder am Zug. Doch interne Rivalitäten blockieren eine Einigung.
Der sodann vom Parlament gewählte Präsident muss so rasch wie möglich einen Premier bestellen, der Iraks Führung endlich aus ihrer Handlungsunfähigkeit reißen sollte. Doch Maliki will nach dem knappen Wahlsieg seiner Allianz im April ungeachtet massiven Drucks von Innen und Außen nicht auf eine dritte Amtsperiode verzichten. Bleibt der wegen seines autokratischen Stils, massiver Korruption, Nepotismus und gravierender Diskriminierung der arabisch-sunnitischen Minderheit weithin verhasste Maliki im Amt, erscheint eine Spaltung des Landes, ein weiterer Vormarsch von „IS“ und ein blutiges Chaos mit unabsehbaren Folgen schier unvermeidlich.

Was kann in dieser Situation ein Mann selbst von der charismatischen Statur Talabanis überhaupt tun?
Ein Blick zurück in die vergangenen 18 Monate lässt den Schluss zu, dass der 80-Jährige von seinen Anhängern liebevoll „Mam (Onkel) Jalal“ genannt, wahrscheinlich den totalen Bruch zwischen den arabischen Sunniten und der Regierung unter Maliki Regime verhindert hätte. „Wir werden niemals Talabanis Rolle vergessen“, er habe die Einigkeit der Iraker und der politischen Parteien ermöglicht“, betont Alia Nasif Jasim, Parlamentsabgeordnete von Malikis „Rechtsstaats-Allianz“. „Wir haben ihn vermisst“ und bräuchten ihn „zur Versöhnung der rivalisierenden politischen Parteien“.

Der 1933 im ostkurdischen Bergdorf Kalkan geborene Jurist aus einer Familie von Qādirīya-Scheichs hatte fast sein gesamtes Erwachsenenleben dem militärischen und politischen Kampf um Selbstbestimmung der Kurden gewidmet, dabei auch schwere interne Konflikte mit dem legendären Kurdenführer Mulla Mustafa Barzani und später mit dessen Sohn und heutigen Präsidenten des autonomen Kurdistan, Massoud Barzani geführt, bis er 2005 mit großer Mehrheit an die Spitze jenes irakischen Staates gewählt wurde, von dem er seine Heimat Kurdistan so lange loszubrechen gesucht hatte.
Und dann erwies sich der einzige nicht-arabische Staatschef eines arabischen Landes als eindrucksvoller Staatsmann, unverzichtbarer Vermittler und Schlichter. Freunde schreiben seine politischen Erfolge nicht nur seiner langen Erfahrung im militärischen Kampf und im politischen Ränkespiel zwischen den gegensätzlichen regionalen und internationalen Mächten – den Sowjets, den Amerikanern, den Türken, den Iranern, den Arabern und kurdischen Rivalen wie Gegnern – zu, sondern auch seinem Charakter und seiner charismatischen Persönlichkeit. Gesellig, optimistisch und tatkräftig, verfügt er über einen reichen Humor, die Begabung, über sich selbst zu lachen oder durch einen Scherz hochangespannte Situationen zu neutralisieren und seine Umgebung in seinen Bann zu ziehen. Sein lebenslanger Kampf gegen Diktatur gewann ihm weithin Achtung.

Talabani kann, nach Einschätzung des führenden US-Diplomaten Peter Galbraith als vielleicht der einzige Politiker im heutigen Irak „mit allen reden“, gleichgültig welche Bevölkerungsgruppe sie vertreten. Und der in Bagdad stationierte Analyst Hadi Jalo würdigt die unter Politikern der Region seltene Überzeugung des zur nationalen Vaterfigur gemauserten Guerillaführers, dass „Zugeständnisse an andere“ zur Rettung des Landes „keine persönliche Demütigung“ bedeuteten.

Wiewohl laut Verfassung weitgehend nur mit zeremoniellen Befugnisse ausgestattet, nutzte Talabani sein Amt intensiv zur Schlichtung von Konflikten, während er sich unermüdlich, wiewohl mit mäßigem Erfolg, für die Durchsetzung der in der Verfassung garantierten Rechte der Kurden einsetzte. Nach einem die kurdische Gemeinschaft schockierenden Bruderkrieg mit der „Demokratischen Partei Kurdistans“ unter Massoud Barzani in den 1990er Jahren schlossen Talabani und Barzani nach dem Sturz des irakischen Diktators Saddam Hussein 2003 eine enge Arbeitsbeziehung und Machtaufteilung in Kurdistan. Heute ist Talabanis begabter Sohn Qubad stellvertretender KRG-Premierminister .

In den Jahren der politischen Kooperation gewann Talabani Malikis Bewunderung und Achtung und versuchte wiederholt erfolgreich den Weg des Premiers zum neuen Diktator am Tigris zu blockieren. Galbraith identifizierte als eines der größten Probleme der langen Abwesenheit Talabanis, dass damit die „Kontrolle über Maliki“ wegfiel. Maliki habe es in Talabanis Gegenwart nicht gewagt, seinen diktatorischen Ambitionen freien Lauf zu lassen. Er vermittelte im Konflikt zwischen Bagdad und den Kurden, erreichte etwa den Abzug der Peschmerga (kurdischen Truppen) aus der umstrittenen Ölstadt Kirkuk, versuchte aber sogar auch Konflikte innerhalb der schiitischen Gemeinschaft zu schlichten.

Am empfindlichsten spürten Talabanis Abwesenheit die arabischen Sunniten, mit deren Stammesführern er noch vor seinem Amtsantritt versöhnliche Gespräche geführt hatte. Offen zeigte er sich 2005 tief beunruhigt über schiitische Todesschwadrone, die auf arabische Sunniten zielten. 2012 blockierte er allerdings einen Versuch, Maliki im Parlament durch ein Misstrauensvotum zu stürzen. Er versuchte damit nach Einschätzung von Analysten einen potentiell destabilisierenden aber wenig aussichtsreichen Machtkampf zu beenden. Er weigerte sich aus Überzeugung Todesurteile gegen Angehörige des Saddam-Regimes zu unterzeichnen.
Auch in den schwierigen internationalen und regionalpolitischen Beziehungen zeigte Talabani beträchtliches diplomatisches Geschick.

Kritiker werfen ihm Prinzipienlosigkeit und Opportunismus vor. Der amerikanische Nahostexperte und Verfechter eines aggressiven außenpolitischen Kurses, Michael Rubin beschreibt „dunkle Seiten“ Talabanis: Er sei „pro-amerikanisch gegenüber Amerikanern, pro-iranisch gegenüber dem Iran und sogar pro-türkisch gegenüber der Türkei“. Nach dem Sturz Saddams 2003 entdeckten die Amerikaner im Hauptquartier der Baathpartei des Diktators Dokumente, die zeigten, dass Talabani wiederholt mit Saddam kollaborierte und zahlreiche seiner engsten Mitarbeiter auf der Gehaltsliste dieses Massenmörders an den Kurden standen. Während des Bürgerkrieges zwischen Schiiten und arabischen Sunniten (2004-07) hatte Talabani enge Kontakte mit dem Kommandanten der Quds Brigaden der islamischen Revolutionsgarden, Kassim Suleimani, der ihn häufig in seinem Bagdader Compound besuchte.

Doch mit Hilfe dieser Kontakte auf allen Seiten gelang es dem charismatischen Schlichter einen weit größeren Beitrag zum Abflauen des Krieges zu leisten als der für den massiv verstärkten Einsatz von US-Truppen verantwortliche und international gepriesene Oberkommandierende der US-Streitkräfte im Irak, David Petraeus. Talabanim so Gailbroth??, „ist ein unbesungener Held“. Seines Talents und seines Engagements bedarf das gequälte Zweistromland heute mehr denn je.

„Neue Herren in Kirkuk“

Rivalitäten und Bündnisse nach dem Anschluss der Erdölregion an Kurdistan

Allan Kaval in Le Monde Diplomatique

Seit dem 12. Juni wird die Stadt Kirkuk von den Einheiten der Regionalregierung Kurdistans kontrolliert. Nur 50 Kilometer entfernt weht über der sunnitischen Ortschaft Hawija die Fahne der Isis (Islamischer Staat im Irak und in (Groß-)Syrien). Auf der Landstraße wenden mit quietschenden Reifen fünf Jeeps eines kurdischen Militärkonvois. Ohne es zu merken, hatte der Fahrer an der Spitze des Konvois den letzten kurdischen Kontrollpunkt passiert und war geradewegs auf den kaum einen Kilometer entfernt liegenden Isis-Stützpunkt zugefahren. Er hat seinen Irrtum gerade noch rechtzeitig bemerkt.

Diese Grenze ist nämlich noch ganz neu. Die Betonhäuser des ehemaligen Postens der irakischen Sicherheitskräfte haben neue Bewohner bekommen. An einer Wand sind noch die durch Sonne und Staub verblichenen Farben der irakischen Flagge zu erkennen, aber die jungen Peschmergas(1) haben bereits ihre eigene Fahne gehisst, die Fahne Kurdistans. Ein paar hundert Meter weiter führt die Straße unter einer Brücke hindurch, die die Grenzlinie markiert. Auf der anderen Seite warten die Isis-Milizen. Nach zwei Tagen ohne Zusammenstöße muss man das Schicksal nicht herausfordern. Die Soldaten sind nur leicht bewaffnet. Heute wird nicht gekämpft.

„Wir sind hier, um die kurdischen Territorien zu sichern, die von der irakischen Armee verlassen wurden, nicht, um uns in einen Bürgerkrieg einzumischen“, erklärt der kurdische Regionalkommandant, General Sherko Fatih. Seit dem Ende des Zweiten Golfkriegs (1990/1991) hat sich das irakische Kurdistan der Autorität Bagdads faktisch entzogen. Nach dem Sturz von Saddam Hussein wurde die Autonomie in der Verfassung festgeschrieben. Und jetzt, da die Strukturen des von den arabisch-schiitischen Parteien beherrschten Zentralstaats hier im Norden des Landes zusammengebrochen sind, erfüllen sich die historischen Territorialansprüche der Kurden.

Als im Kielwasser der Isis eine zusammengewürfelte Allianz aus Islamisten, Nationalisten und Baath-Anhängern die von Sunniten bewohnten Gebiete und Mossul angriff, traten die irakischen Streitkräfte den Rückzug an. Ihre Stützpunkte und ihre Waffen ließen sie zurück. Das so entstandene Sicherheitsvakuum in den „umstrittenen Gebieten“ wurde schnell von den Peschmergas gefüllt. Die beiden wichtigsten kurdischen Parteien, Demokratische Partei Kurdistans (PDK) und Patriotischen Union Kurdistans (PUK), machen dem Zentralstaat diesen Teil der Provinz bereits seit 2003 streitig.

Die eigentliche Front des neuen Irakkriegs verläuft jedoch woanders, nämlich in den Städten, die von der sunnitischen Isis erobert wurden. Ihr stellen sich Milizen und Freiwillige entgegen, die in Massen dem Aufruf Ajatollah Ali al-Sistanis gefolgt sind, dem geistlichen Oberhaupt der Schiiten im Irak, der seine Anhänger zu den Waffen gerufen hat.(2 )

Kontrollposten, Enklaven und Exklaven
Abseits dieses Glaubenskriegs sichern die Kurden das von ihnen besetzte Territorium. Eine neue, 1 500 Kilometer lange Grenze erstreckt sich von der Stadt Chanaqin nahe der iranischen Grenze bis in die kurdischen Gebiete in Syrien, die auch von den Isis-Kämpfern bedroht werden und seit Juli 2012 unter Kontrolle der Partei der Demokratischen Union (PYD) stehen, des syrischen Zweigs der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK).

Auf einer Diagonale, die den Irak von Nordwesten nach Südosten durchschneidet, reihen sich jetzt Kontrollpunkte aneinander, die die neue Grenzlinie zwischen Kurdistan und den aufständischen Gebieten markieren. Zwar kommt es hier und da zu Scharmützeln, aber von einem offenen Krieg ist man weit entfernt. „Ihr gemeinsamer Gegner, der schiitische Zentralstaat, existiert im Norden des Irak nicht mehr. Kurden und sunnitische Araber haben größtes Interesse daran, ihre guten Nachbarschaftsbeziehungen aufrechtzuerhalten“, sagt ein gut informierter früherer Baath-Funktionär in Kirkuk.

Die übertriebene Konfessionalisierung der irakischen Politik wird so auf die Spitze getrieben. Jedoch betonen arabisch-sunnitische Nationalisten, die einen beträchtlichen Teil der mit Isis verbündeten Gruppen ausmachen, die Notwendigkeit einer gewissen Übereinkunft mit den Kurden. „Es kann zwar zu Kämpfen kommen, und es gibt auch Tote, aber nur weil die sunnitische Bewegung weder einig ist noch ausreichend von ihren Anführern kontrolliert wird. Auf höchster Ebene vermeidet man Auseinandersetzungen“, erklärt ein Aktivist, der den Aufständischen nahesteht.

Durch diese paradoxe Situation konnten sich die Kurden im Irak eine wesentliche Forderung erfüllen: Sie kontrollieren die Provinz und die Stadt Kirkuk, die für die Nationalisten das „Jerusalem der Kurden“ darstellt. Dabei leben in der Provinz auch größere turkmenische und arabische Minderheiten. Seit 2005 hing ihr Schicksal am nie umgesetzten Artikel 140 der irakischen Verfassung, der eine Volkszählung und ein Referendum über den etwaigen Anschluss an das autonome Kurdistan vorsieht.

Seit der US-amerikanischen Invasion von 2003 verfügen die Kurden über die Mehrheit im Provinzrat von Kirkuk, und der Rückzug der irakischen Armee hat ihre Vorherrschaft noch verstärkt. Die Peschmerga besitzen jetzt das Machtmonopol. Sollte sich der Zentralstaat wieder zurückmelden, werden sie es nicht kampflos wieder abgeben.

So schwinden auch die letzten juristischen und institutionellen Fiktionen, mit denen nach Saddam Husseins Sturz die Aufteilung der Macht zwischen Bagdad und Erbil, der Hauptstadt der Regionalregierung Kurdistans, organisiert werden sollte.(3) Die Kurden, die sich 2008 mit Gewalt einen Teil des riesigen Erdölfelds von Kirkuk angeeignet hatten, greifen jetzt nach dem Ganzen. Der kurdische Rohstoffminister Ashti Haurami kündigte gleich nach dem Rückzug der irakischen Armee den Aufbau von Infrastrukturen an, um das offiziell immer noch durch den Zentralstaat kontrollierte Erdöl aus Kirkuk in die kurdische Pipeline Richtung Türkei einzuspeisen. Der Export auf die internationalen Märkte werde dann autonom über die Türkei erfolgen.

Die erste Öllieferung ging nach Israel
Am 21. Juni 2014 kam die erste Lieferung von Rohöl aus dem irakischen Kurdistan an und wurde vom türkischen Hafen Ceyhan nach Aschkelon in Israel verschifft. Aus ihrer gegenwärtigen Position der Stärke könnten die Kurden der Zentralregierung, deren Souveränität über das gesamte irakische Territorium international immer noch anerkannt ist, einen günstigen Vertrag abringen.

Im Namen der kurdischen Regionalregierung hat sich ihr Ministerpräsident Nechirvan Barzani für die Schaffung einer autonomen arabisch-sunnitischen Zone um Mossul ausgesprochen. Es wäre jedoch falsch, daraus zu schließen, dass eine verstärkte Autonomie der Region sie von einer weiteren Teilnahme am irakischen Machtpoker ausschließen würde. Dort sind verschiedene Triebkräfte am Werk, in denen neben Bagdad auch Ankara eine Schlüsselrolle spielt, ebenso wie Teheran, das großen Einfluss auf die schiitische Politik im Irak besitzt. Die kurdische Elite ist darauf aus, auch weiterhin ihren Einfluss innerhalb des irakischen Staats geltend zu machen, selbst wenn die Grenzen verschwimmen und immer mehr Akteure beteiligt sind.

Überdies bilden die irakischen Kurden weder eine kohärente Einheit noch wird ihr Handeln von einer gemeinsamen Agenda bestimmt. PDK und PUK bleiben gewissermaßen Parteienstaaten mit eigenen Territorien und eigenem Militär. Sie verfolgen ihre eigenen Interessen und schließen bisweilen unterschiedliche Allianzen. So beherrscht die PDK den Erdölsektor und orientiert sich an den diplomatischen Positionen Ankaras, weil sie das Öl nur über die Türkei exportieren kann.

Die PUK, die selbst unter internen Spannungen leidet, unterhält hingegen beste Beziehungen zum Iran und indirekt zur PKK. Letztere stemmt sich wiederum gegen den Einfluss der PDK im türkischen und vor allem im syrischen Kurdistan, wo die PKK-nahe Partei der Demokratischen Union (PYD) dominiert.

Die Verantwortlichen auf beiden Seiten bemühen sich zwar, solche Meinungsverschiedenheiten herunterzuspielen, doch die Spannungen werden durch das aktuelle Chaos im Irak eher noch verstärkt. Jabar Jawar, der Generalsekretär im für die Peschmerga zuständigen Ministerium, behauptet, im Südosten des irakischen Kurdengebiets kollaboriere die dominierende PUK in bestem Einvernehmen mit der irakischen Armee, die ein paar Dutzend Kilometer vor der iranischen Grenze steht. Die PDK, die den Nordwesten dominiert, neigt eher dazu, sich mit bestimmten Teilen der sunnitischen Bewegung zu verständigen.

Kirkuk liegt nicht nur an der Grenze zwischen dem arabischen Irak und Kurdistan, sondern auch zwischen den Einflussgebieten von PUK und PDK. Seit dem Sturz des alten Regimes wurde die Stadt von der PUK beherrscht. Nach dem Abzug der irakischen Truppen rückt sie nun wieder ins Zentrum der Rivalität zwischen den beiden wichtigsten kurdischen Gruppierungen.

In den umstrittenen Gebieten wird die Tendenz zur Zersplitterung durch die Heterogenität der Bevölkerung verstärkt. Hier leben nicht nur Kurden, Turkmenen und Araber nebeneinander. Die konfessionelle Trennlinie zwischen Schiiten und Sunniten verläuft auch noch quer durch diese drei Gemeinschaften. Die Sicherheitskontrollen werden von PUK und PDK sowohl gemeinsam als auch getrennt durchgeführt. Doch in den Zwischenräumen treiben diverse Milizen ihr Unwesen, die sich auf eine dieser lokalen Identitäten berufen. All diese bewaffneten Gruppen nehmen je nach Zugehörigkeit auch die früheren Sicherheitskräfte des Staats in ihre Reihen auf. Und sie alle haben Verbündete in der Ferne, von denen sie Unterstützung gegen ihre nahen Feinde erhalten.

Die neue Grenze Kurdistans ist also keine eindeutige Linie, sondern eine zerstückelte und verwüstete Zone aus Kontrollposten, Enklaven und Exklaven, in denen diverse, vor allem an Gewalt gewöhnte Autoritäten kooperieren, konkurrieren, sich ignorieren oder bekämpfen. Während im Stadtzentrum von Kirkuk das Leben trotz der Nähe des Krieges seinen normalen Lauf nimmt, sieht es im zehn Kilometer entfernt liegenden Taza, in dem vorwiegend schiitische Turkmenen leben, bereits ganz anders aus. Das Nachbardorf Bechir, ebenfalls turkmenisch und schiitisch, wurde kürzlich von Angehörigen sunnitischer Clans erobert, die das Saddam-Regime 1986 dort angesiedelt hatte und die 2003 von den ursprünglichen Bewohnern vertrieben worden waren. Durch den Vormarsch der Isis bot sich ihnen nun die Gelegenheit, Land und Besitztümer von ihren Nachbarn zurückzuerobern. Durch die stillen Straßen von Taza gehen junge bewaffnete Männer zur Moschee. Dort ruft der örtliche Vertreter von Ajatollah al-Sistani in Uniform und Turban zum Martyrium für die Rückeroberung von Bechir auf.

Im Hof stehen ergraute Mitglieder der schiitischen Dawa-Partei, die einst im Exil in Iran lebten. Von dort sind sie mit der Kopfbedeckung und dem Bart der Revolutionsgarden zurückgekehrt. Sie sind gekommen, um an einer Versammlung teilzunehmen, die von den Kommandanten der Badr-Brigaden(4) geleitet wird. Das Treffen wurde einberufen, um die Aktionen der Badr-Brigaden mit den schiitischen Milizen abzustimmen, die vor sechs Monaten von der Zentralregierung entsandt wurden. Ein paar Kilometer entfernt haben etwa einhundert kurdische Kämpfer an dem Kanal, der Taza von den sunnitischen Stellungen trennt, mit einem sowjetischen Panzer und ein paar Panzerfahrzeugen, die die Peschmerga 2003 aus den Kasernen des Saddam-Regimes erbeutet hatten, Stellung bezogen. Sie kontrollieren die Brücke ans andere Ufer. Eine Delegation der PKK hat bei ihrem Besuch dort eine Fahne mit dem Porträt ihres Anführers Abdullah Öcalan aufgehängt, der in der Türkei im Gefängnis sitzt.

Etwas weiter am Ufer dieses nur zehn Meter breiten Wasserlaufs steht ein Zelt des Hohen Kommissars für Flüchtlinge der Vereinten Nationen (UNHCR). Drinnen sitzen unter einer Fahne zum Ruhme Alis(5) etwa ein Dutzend bewaffnete Jugendliche, die Schutz vor der sengenden Sonne suchen. Ein junger Mann, der beim Einmarsch der Amerikaner 2003 noch keine zehn Jahre alt war, hat sich eine umgebaute Kalaschnikow umgehängt, die wie ein amerikanisches Sturmgewehr aussehen soll. Unter dem Kampfanzug trägt er ein gefälschtes Trikot von Olympique Lyon. Er lässt sich mit einem desertierten Polizisten fotografieren, der dem Ruf Ajatollah al-Sistanis zu den Waffen gefolgt ist, während in der Ferne ein paar Schüsse abgegeben werden. Auf welches Ziel, bleibt unklar.

Fußnoten:

(1) Wörtlich: „Die dem Tod entgegengehen“. Name der Angehörigen der Streitkräfte des irakischen Kurdistans, der aus den Jahren des Widerstands gegen den irakischen Zentralstaat stammt.

(2 )Später ließ al-Sistani seine Aussagen korrigieren und rief alle Iraker zur Zurückhaltung auf.

(3) Siehe auch Vicken Cheterian, „Wo genau liegt Kurdistan?“, „Le Monde diplomatique, Mai 2013.

(4) Die Badr-Organisation (auch Badr-Brigade) ist eine politische Partei im Irak. Ursprünglich war die Badr-Brigade der bewaffnete Arm der von Exilirakern 1982 im Iran gegründeten Partei „Oberster Rat für die Islamische Revolution im Irak“.

(5) Schwiegersohn des Propheten Mohammed, der von den Schiiten verehrt wird.

Aus dem Französischen von Claudia Steinitz

„Wer sich weigert, dem bleibt nur das Schwert“

Nach einem Ultimatum der Terrorgruppe Islamischer Staat sind Tausende Christen aus der nordirakischen Stadt Mossul geflohen. Die Extremisten kennen keine Gnade mit Andersgläubigen – und töten sofort.

Alfred Hackensberger in der WELT

Die Hiobsbotschaft kam nach dem Freitagsgebet aus den Lautsprechern der Moscheen und löste Panik unter den Christen im irakischen Mossul aus. „Wir bieten euch drei Möglichkeiten“, hieß es im Ultimatum der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS), die die irakische Grenzstadt zu Syrien am 10. Juni erobert hatte. „Entweder nehmt ihr den Islam an oder bezahlt Schutzzölle. Wer sich weigert, dem bleibt nur der Tod durch das Schwert.“ In Taxis und Privatautos versuchten daraufhin die noch rund 200 in der Stadt verbliebenen Christen, in die benachbarten Kurdengebiete zu flüchten. In der autonomen Region Kurdistans stehen sie unter dem Schutz der kurdischen Peschmerga-Truppen.

Auf ihrer abrupten Flucht konnte die christliche Bevölkerung außer den Kleidern am Leib nichts mitnehmen. „An den Checkpoints wurde wir komplett durchsucht“, erzählte ein Familienvater der „Welt“, der aus Sicherheitsgründen seinen Namen nicht nennen wollte. „Die Islamisten haben uns das Geld abgenommen und sogar den Schmuck der Frauen konfisziert.“

In Mossul wurden die Häuser der christlichen Einwohner mit einem N für Nassarah markiert. Dies ist der im Koran verwendete Begriff für Christen. „Es ist eine Desaster und kommt einer ethnischen Säuberung gleich“, sagte der christliche Parlamentsabgeordnete Jonadam Kanna in Bagdad. Das sei vorauszusehen gewesen, fügt der Politiker an. „Ende Juni hatten schon Tausende von Bewohnern der christlichen Stadt Karakusch vor den Terroristen fliehen müssen.“ Karakush liegt 30 Kilometer nördlich von Mossul und war bei Kämpfen zwischen Peschmerga und IS ins Kreuzfeuer gekommen.

Islamisten machen Jagd auf Andersgläubige

Die internationale Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch warnte, der Islamische Staat scheine entschlossen, „alle Spuren von Minderheitsgruppen in den Gebieten im Irak zu tilgen“. Andere Minderheiten wie die Jesiden, Turkomanen und die schiitische Schabak-Gemeinde hätten sogar noch mehr gelitten. Die islamistischen Extremisten machen mit diesen Minderheiten gewöhnlich kurzen Prozess. Sie werden erschossen oder man schneidet ihnen den Kopf ab.

„Christliche Familien sind auf dem Weg nach Dohuk und Erbil“, sagte der christliche Patriarch Louis Sako. „Erstmals in der Geschichte des Irak gibt es keine Christen mehr in Mossul.“ Der überwiegende Teil der 5000 Christen der Stadt war bereits vor der Einnahme durch IS im Juni geflüchtet. Über viele Jahrhunderte war Mossul eines der Zentren der christlichen Gemeinde des Iraks gewesen. Bis zur US-Invasion 2003, die Diktator Saddam Hussein und sein Regime zu Fall brachte, lebten mehr als 200.000 Christen in Mossul. Im gesamten Irak waren es über 1,5 Millionen. Heute sollen es nach Schätzungen nicht einmal mehr als 200.000 sein, von denen der überwiegende Teil in der Hauptstadt Bagdad wohnt.

„Man kann heute keine verlässlichen Zahlen nennen“, sagt Vater Mansur, der der griechisch-katholischen Gemeinde in Bagdad vorsteht. „Jeden Tag wandern Familien aus, die keine Zukunft mehr im Irak sehen.“ Angesichts der Sicherheitslage und der Bedrohung durch den IS könne man es ihnen nicht verdenken, erklärt der aus Belgien stammende Geistliche. Vor dem Vormarsch der islamistischen Extremisten hatte es immer wieder gezielte Angriffe auf christliche Einrichtungen gegeben. Das letzte große Attentat fand an Weihnachten 2013 statt. Drei Autobomben waren im christlichen Viertel explodiert, davon eine unmittelbar nach dem Gottesdienst am Weihnachtsfeiertag. Dabei starben 38 Menschen, und 70 weitere wurden zum großen Teil schwer verletzt. „Es klingt bedrückend“, meint Vater Mansur, der seit über 40 Jahren im Irak ist, „aber man kann hier vom nahenden Ende des Christentums sprechen.“

Schutzgelderpressungen

Bis vor Kurzem konnten geflüchtete Christen noch nach Mossul zurückfahren. „Alles war kein Problem“, versicherte Marwen, der als Übersetzer acht Jahre lang bei der irakischen Armee gearbeitet hatte. „Ich habe mir in Mossul meine Pension abgeholt.“ An den Checkpoints hätten ihn maskierte Männer als Christen besonders willkommen geheißen und aufgefordert, doch mit seiner Familie zurückzukommen. „Bei uns sind alle Christen sicher und werden beschützt“, soll einer der Kommandanten am Kontrollpunkt gesagt haben.

Aber für den Schutz müssen Christen nun bezahlen, falls sie nicht sterben wollen. Das Konzept der Schutzbefohlenen geht auf die islamische Ära im siebten Jahrhundert zurück und wurde erst Mitte des 19. Jahrhunderts durch die Reformen des Osmanischen Reiches abgeschafft. Unter den Status der Schutzbefohlenen waren in der islamischen Geschichte neben Christen auch die jüdische Bevölkerung gefallen.

Das Prinzip der Schutzzölle hat IS erstmals in der syrischen Stadt Rakka eingeführt. Nach der Ausrufung des Kalifats durch Abu Bakr al-Bagdadi, dem Chef der Terrorgruppe, wird das System nun auch auf den Irak angewendet. Auch in Syrien wurden Christen willkommen geheißen, bevor man sie abkassierte. Anfängliche Freundlichkeit und soziales Engagement gehört zur Strategie von IS. Man stellt die Strom- und Wasserversorgung wieder her, garantiert eine medizinische Basisversorgung, unterstützt bedürftige Familien und organisiert Kindernachmittage. Nach zwei, drei Monaten glaubt man, genug für die Herzen der Bevölkerung getan zu haben. Dann beginnt der Terror. Andersdenkende werden verhaftet, gefoltert und ermordet sowie eine brutale Version der Scharia, dem islamischen Recht, praktiziert. Menschen werden öffentlich ausgepeitscht, gekreuzigt oder gesteinigt, wie kürzlich in Rakka geschehen.

In Bagdad fand am Sonntag aus Protest gegen die Extremisten im Irak ein konfessionsübergreifender Gottesdienst in der Kirche von St. Georg statt. „Natürlich habe ich teilgenommen, wie es auch mein sunnitischer Freund getan hat“, erzählt Mustafa. „Wir müssen uns mit den Christen solidarisch zeigen und ein Zeichen setzen, dass der Irak ein Land für alle Glaubensgemeinschaften ist.“ Denn sonst bleibe nur das Chaos eines Bürgerkriegs.

„Dieser Krieg ist anders“

Es wächst ein neues Bündnis, das den Nahen Osten verändern wird. Israel, Saudi-Arabien und Ägypten haben jetzt drei gemeinsame Gegner: Muslimbrüder, Iran, Isis.

Michael Thumann in der ZEIT

Der Krieg zwischen Hamastan und Israel wirkt wie die Aufführung des immer gleichen Theaterstücks. Wieder wird Hamas versuchen, unter dem israelischen Bombenteppich bis zum letzten Tag Raketen auf israelische Städte zu schicken. Wieder wird Israel alles daran setzen, die Infrastruktur der Hamas möglichst nachhaltig zu zerstören. Jetzt hat die israelische Armee eine Bodenoffensive gestartet, in der viele Zivilisten in Gaza sterben dürften. Fast nichts Neues also in Nahost?

Im Gegenteil. Dieser Krieg unterscheidet sich dramatisch von denen in den Jahren 2009 und 2012. Denn diesmal reagieren Ägypten und Saudi-Arabien ganz anders. Während sich die Leitmedien der beiden arabischen Großstaaten früher wenigstens rituell über Israel empörten, ist Zorn – trotz Bodenoffensive – diesmal kaum hörbar. Das ist nicht weniger als eine tiefgreifende Wende. Zwischen Israel und diesen Ländern wächst ein informelles Bündnis, das den Nahen Osten verändern wird.

Hamas ist nicht nur Lieblingsfeind der israelischen Regierung, sondern auch Gegner der ägyptischen und saudischen Herrscher. Präsident Abdul-Fatah al-Sissi stürzte vor einem Jahr den Verbündeten von Hamas in Kairo – die Muslimbrüder. Hamas ist eine palästinensisch-nationale Fortentwicklung der ägyptischen Mutterorganisation. Die brutale Niederschlagung der Muslimbrüder in Ägypten wurde von Saudi-Arabien begrüßt und gesponsert. Die Zentralbank in Kairo füllt sich mit saudischen Petrodollars. Saudi-Arabien selbst jagt Muslimbrüder am Golf und anderswo. Der politische Islam und die Hamas haben eine formidable Allianz gegen sich: Israel, Ägypten und Saudi-Arabien.

Die halbherzige Vermittlung der Ägypter im Krieg spricht Bände. Israel stimmte dem Kairoer Plan sogleich zu, Hamas lehnte ab. Al-Sissis Vorgänger Mohammed Mursi von den Muslimbrüdern hatte 2012 in wenigen Tagen einen Waffenstillstand zuwege gebracht. Er bot Hamas die Öffnung des Grenzübergangs in Rafah an. Für al-Sissi kommt das gar nicht infrage. Er will die Hamasianer nicht in Ägypten sehen. Besser, sie wären gar nicht da – oder eben in Gaza, kleingehalten von Israel. Die Saudis nicken wohlwollend aus der Ferne.

Obwohl Riad und Jerusalem keine offiziellen Beziehungen haben, treffen sich Saudis und Israelis laufend. Ihre Annäherung kehrt die alten nahöstlichen Gewissheiten um. Im Mai besprachen sich die Ex-Geheimdienstchefs beider Länder ausgiebig in Brüssel. Turki al-Faisal steht im Mittelpunkt dieser saudischen Volte. In München lobte der Ex-Geheimdienstchef jüngst die israelische Justizministerin Tzipi Livni. Israelische und saudische Diplomaten treffen sich in Marokko und Indien, in Wien und Genf. Kein Kaffeehaus, das zu eng für sie wäre.

Was sie zusammenbringt, ist dreierlei: Erstens, Ablehnung der Muslimbrüder, zweitens, Feindschaft zum Iran, drittens, Entsetzen über Isis.

Was, wenn USA und Iran sich einigen?

Die Marginalisierung der Muslimbrüder ist schon fast abgeschlossen, die Bomben auf Hamas sind Nachhutgefechte dieses Feldzugs. Aber was Israelis und Saudis tief beunruhigt, ist der Wille der Obama-Regierung, mit den Iranern zu einem Ausgleich zu kommen. Ihre Angst: In einem Kompromiss mit den USA könnte Iran die Sanktionen abschütteln und trotzdem sein ziviles Nuklearprogramm weiterlaufen lassen.

Längst raufen sich israelische und saudische Offizielle gemeinsam die Haare über den „Schwächling“ Obama. Längst planen saudische Geheimdienstler mit Mossad-Agenten, wie sie gegen den Iran auch nach einem möglichen US-iranischen Ausgleich vorgehen können. Längst ist bekannt, dass Riad israelischen Kampfjets im Falle eines Angriffs auf iranische Anlagen die Abkürzung über Saudi-Arabien anbieten könne. Deutsche Leopard-Panzer für Saudi-Arabien werden von Israel ausdrücklich begrüßt. Das kann man sich in Berlin schwer vorstellen, ist aber in der Nahost-Logik völlig einleuchtend. Die Leos sind wichtig gegen Iran.

Die neueste Herausforderung für die informellen Bündnispartner Israel und Saudi-Arabien wächst indes in Syrien und Irak heran: die Terrorgruppe Isis. Ihr selbstgekrönter Kalif hat klargemacht, dass er das Königshaus in Riad als Feind ansieht. Und dass er Jerusalem erobern will, gehört zu einem Kalifen ja sowieso dazu. Isis-Zellen unterwandern die konservative Opposition gegen König Abdullah, sie schicken sich an, die Nachfolge von Hamas in Palästina anzutreten. Noch schweigen sich die Regierungen in Riad und Jerusalem dazu aus. Doch sie werden Isis irgendwann von zwei Seiten angreifen. Schon allein, damit Iran nicht als Retter des Nahen Ostens gegen das Isis-Kalifat erscheint.

„Es gibt keine Christen mehr in Mossul“

Der Standard

Es ist ein beispielloser Exodus einer der ältesten christlichen Gemeinden im Irak: Nach einem Ultimatum der Jihadisten haben am Wochenende tausende Christen das nordirakische Mossul verlassen. In Taxis und Privatautos versuchten sie, in die benachbarten Kurdengebiete zu fliehen. Die Jihadistengruppe IS hatte ihnen mit dem Tod gedroht, sollten sie nicht konvertieren oder die Stadt verlassen.

„Christliche Familien sind auf dem Weg nach Dohuk und Erbil“, sagte der christlich-chaldäische Patriarch Louis Sako. „Erstmals in der Geschichte des Irak gibt es keine Christen mehr in Mossul.“ Augenzeugen sagten, die Christen seien über die Lautsprecher der Moscheen aufgefordert worden, die Stadt bis Samstag zu verlassen. Einwohner berichteten, Flüchtlingen seien an Kontrollposten all ihr Geld und ihr Schmuck abgenommen worden.

Enteignung

Die religiöse Minderheit der Christen war bereits in der vergangenen Woche in einer Erklärung der fundamentalistischen Gruppierung Islamischen Staat (IS), die Mossul und die umliegenden Gebiete seit einem Monat kontrolliert, aufgerufen worden, zum Islam zu konvertieren und eine Sondersteuer zu zahlen. Andernfalls müssten sie ihre Häuser und die Stadt verlassen. Weigerten sie sich, „wird es für sie nichts als das Schwert geben“, hieß es in einem Flugblatt.

Laut der Erklärung sollen die Häuser der fliehenden Christen an den Islamischen Staat fallen. Der Patriarch und Augenzeugen berichteten, Rebellenkämpfer hätten in den vergangenen Tagen die Häuser von Christen mit einem „N“ für Nassarah markiert. Dies ist der im Koran verwendete Begriff für Christen. Die christliche Minderheit, die seit der Frühzeit des Christentums im Irak lebt, war in den vergangenen Jahren immer wieder Bedrohungen und Angriffen ausgesetzt.

Papst betet für Flüchtlinge

Papst Franziskus rief beim sonntäglichen Angelus-Gebet nachdrücklich zu einem Ende der Gewalt auf: „Unsere Brüder werden verfolgt, verjagt, sie müssen ihre Wohnungen verlassen, ohne die Möglichkeit zu haben, etwas mit sich zu bringen“, sagte der Heilige Vater. Er schließe diese Familien und Menschen ständig in seine Gebete ein. Auch alle Christen rief er auf, für das Ende der Konflikte in mehreren Teilen der Welt zu beten, vor allem im Nahost und Ukraine. „Möge der Gott des Friedens in jedem einen echten Wunsch nach Dialog und Versöhnung wecken. Gewalt wird nicht mit Gewalt besiegt, sondern mit Frieden“, versicherte der Papst.

Laut Patriarch Sako lebten bis Donnerstag noch 25.000 Christen in Mossul. Nach dem Ultimatum wagten aber nur wenige zu bleiben. Einer von ihnen ist der 36-jährige Lehrer Fadi. „Ich bleibe. Ich fühle mich bereits tot“, sagte Fadi per Telefon. Er könne sich eine Flucht nicht leisten. Zudem seien die Aussichten für die Flüchtlinge kaum besser. Beim Verlassen der Stadt seien vielen Christen all ihre Habseligkeiten abgenommen worden. Er habe nur noch seine Seele zu verlieren, sagte Fadi.

Außenminister verurteilte Ultimatum

Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) verurteilte am Sonntag in einer Aussendung „das Ultimatum von IS an die in Mossul lebenden Christen und anderen religiösen Minderheiten auf das Schärfste“ und rief zur Bildung einer Regierung der nationalen Einheit aus Schiiten, Sunniten und Kurden auf.

„Islamischer Staat bekennt sich zu tödlicher Anschlagsserie“

NZZ

Die sunnitische Extremistengruppe Islamischer Staat hat nach eigenen Angaben am Wochenende in der irakischen Hauptstadt Bagdad zugeschlagen: Die Organisation übernahm in der Nacht zum Sonntag die Verantwortung für vier Anschläge mit mindestens 27 Toten. In einer Mitteilung im Internet wurden die Namen zweier Selbstmordattentäter genannt, darunter offenbar auch ein Deutscher.

Seit dem Vormarsch der Organisation Islamischer Staat im Juni versucht die irakische Regierung alles, um die Hauptstadt zu schützen. Doch explodierten am Samstag dort drei Bomben binnen zehn Minuten in verschiedenen Stadtteilen und töteten mindestens 15 Personen und verletzten 42 weitere. Später explodierte noch eine Bombe an einer Bushaltestelle im Viertel Chasimija, wo bereits zuvor ein Sprengsatz detoniert war. Drei Personen kamen dabei ums Leben.

Schon vor der Serie hatte sich am Morgen ein Selbstmordattentäter im Süden von Bagdad an einem Polizeiposten in die Luft gesprengt und mindestens neun Personen mit in den Tod gerissen. Der Anschlag traf den schiitischen Stadtteil Abu Daschir, wie die Polizei mitteilte. 19 Personen seien dort verletzt worden, darunter sechs Polizisten. Auch unter den Toten waren den Angaben zufolge vier Polizeibeamte.

In ihrer Mitteilung hiess es, die Gruppe sei verantwortlich für zwei Selbstmordattentate und die Explosion zweier geparkter Autos. Ziel seien irakische Sicherheitskräfte gewesen sowie schiitische Freiwillige, die gegen die sunnitische Miliz kämpfen. Es wurde auch ein zweiter Selbstmordattentäter genannt, offenkundig ein Syrer. Ob die Erklärung echt ist, liess sich nicht überprüfen. Sie erschien aber auf einer Webseite, die häufig von den Extremisten genutzt wird.

Ein Militärsprecher dementierte am Samstag Berichte, wonach Camp Speicher an die Extremisten gefallen sein soll. Regierungstruppen hätten deren Angriff am Freitag zurückgeschlagen, sagte er. Ein Bewohner Tikrits sagte der Nachrichtenagentur AP, dass auch am Samstag noch gekämpft wurde, aber dass die Dschihadisten nicht in den Stützpunkt gelangt seien.

„Kampf gegen IS-Milizen: Iraks Premier will von Deutschland Waffen“

Im Kampf gegen die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ sucht die irakische Regierung Unterstützung – auch aus Deutschland. Premier Nuri al-Maliki fordert von Berlin jetzt Hilfe beim Kauf von Waffen.

spiegel online

Appell des irakischen Regierungschefs: Nuri al-Maliki bittet im Kampf gegen die Extremistengruppe „Islamischer Staat“ (IS) auch Deutschland um militärische Unterstützung. „Wir brauchen keine Soldaten, allerdings brauchen wir Hilfe bei der Bewaffnung und hoffen auf eine schnelle Antwort von Ländern, mit denen wir einen Kauf vereinbaren wollen“, sagte er in einem Interview mit der „Bild“-Zeitung.

Derzeit sei der Irak dabei, leichte und mittlere Waffen von Deutschland zu kaufen. „Hier brauchen wir Hilfe.“ Wie diese konkret aussehen soll, führte der Premier nicht aus.

Außerdem könnten Deutschland und andere Länder seiner Regierung „durch politische und diplomatische Solidarität“ beistehen, indem sie Druck auf die Länder der Region ausüben, „die den Terror unterstützen“, sagte Maliki. Allein könne der Irak den Kampf gegen die Terrorgruppe nicht gewinnen.

Maliki ist innerhalb und außerhalb seines Landes hochumstritten. Dem schiitischen Premier wird vorgeworfen, die Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen geschürt zu haben. Er habe die Sunniten im Irak zu wenig in die politischen Entscheidungsprozesse einbezogen.

Die sunnitische Gruppe „Islamischer Staat“ hat Teile des Irak und Syriens unter ihre Kontrolle gebracht. Der Terrorgruppe werden zwei Anschläge am Donnerstag zugeschrieben, bei denen in der irakischen Hauptstadt Bagdad mindestens zehn Menschen ums Leben kamen. Dutzende Bewohner wurden verletzt.