Tag-Archiv für 'iran'

Wir sehen uns…

(streetart aus Kairo)

Ich bin der Engel der Verzweiflung

Mit meinen Händen teile ich den Rausch aus

die Betäubung, das Vergessen, Lust und Qual der Leiber

Meine Rede ist das Schweigen, mein Gesang der Schrei

Im Schatten meiner Flügel wohnt der Schrecken

Meine Hoffnung ist der letzte Atem

Meine Hoffnung ist die erste Schlacht

Ich bin das Messer mit dem der Tote seinen Sarg aufsprengt

Ich bin der sein wird

Mein Flug ist der Aufstand, mein Himmel der Abgrund von morgen

Heiner Müller

Wir machen Schluss. Nach über drei Jahren, über zweihundert selbstrecherchierten, übersetzten, selbstgeschriebenen Artikeln. Nach um die 5000 gespiegelten Artikeln aus linken und mainstream Medien. Leider viel zu häufig aus mainstream Medien, weil es einfach nichts anderes Brauchbares gab.
Häufig waren wir übermüdet und gestresst, manchmal euphorisch, manchmal haben wir geweint. Wir haben um Homs geweint, wir haben um unsere GefährtInnen in Kairo geweint. Wir haben viel zu selten und doch viel zu viel geweint.

Was als allgemeiner Aufbruch begann, der eine ganze Region erschütterte, ist heute…..
Wir sagen nicht, dass wir wissen, was kommt, wir teilen diese Anmaßung nicht.
Mubarak galt als unstürzbar, dann hiess es Assad sitze felsenfest im Sattel, es gebe praktisch keine Oppposition im Lande…
Vielleicht wird die nächste Preiserhöhung in Ägypten das Regime wegfegen, vielleicht wird der neue Pharao Jahrzehnte herrschen.

Wir haben unglaublich viel gelernt – wir sind dankbar dafür. Der linke Kanon ist zu Ende. Viele wollen das nicht sehen, nicht wahrhaben. Die Geschichte der Klassenkämpfe ist fast so alt wie die Menschheit, sie wird andauern, aber entweder wir lassen uns auf das Wagnis ein, uns unbequemen Wahrheiten und Widersprüchen zu stellen oder wir werden wie bockige Kinder am Rande der Geschichte quengeln, da sich die Welt nicht um uns dreht.

Wir sind überrascht, dass immer noch soviele Leute diesen blog nutzen, obwohl die Entwicklung in der Region sowohl in den mainstream Medien als auch in der Linken kaum noch eine Rolle spielt. Das hat uns lange dazu bewogen, den blog weiter zuführen, obwohl wir dadurch zu etwas geworden sind, was wir nie sein wollten: Spezialisten. So haben wir mehrmals den Versuch unternommen, dieses Projekt zu beenden. Dann passierte etwas und wir haben es nicht ausgehalten, nichts dazu zu schreiben.
Jetzt wagen wir den endgültigen Absprung.

Wir danken allen, die uns unterstützt haben. Wir danken unseren GefährtInnen von Kairo bis Soran, dass sie unser Leben so unglaublich bereichert haben. Wir hoffen, ihr vergesst diese Leute auch nicht.

Wir sind weiterhin über unsere Kontaktadresse erreichbar. Der blog bleibt als Archiv bestehen.

Um outro mundo é possível

recherchegruppe aufstand

„Dieser Krieg ist anders“

Es wächst ein neues Bündnis, das den Nahen Osten verändern wird. Israel, Saudi-Arabien und Ägypten haben jetzt drei gemeinsame Gegner: Muslimbrüder, Iran, Isis.

Michael Thumann in der ZEIT

Der Krieg zwischen Hamastan und Israel wirkt wie die Aufführung des immer gleichen Theaterstücks. Wieder wird Hamas versuchen, unter dem israelischen Bombenteppich bis zum letzten Tag Raketen auf israelische Städte zu schicken. Wieder wird Israel alles daran setzen, die Infrastruktur der Hamas möglichst nachhaltig zu zerstören. Jetzt hat die israelische Armee eine Bodenoffensive gestartet, in der viele Zivilisten in Gaza sterben dürften. Fast nichts Neues also in Nahost?

Im Gegenteil. Dieser Krieg unterscheidet sich dramatisch von denen in den Jahren 2009 und 2012. Denn diesmal reagieren Ägypten und Saudi-Arabien ganz anders. Während sich die Leitmedien der beiden arabischen Großstaaten früher wenigstens rituell über Israel empörten, ist Zorn – trotz Bodenoffensive – diesmal kaum hörbar. Das ist nicht weniger als eine tiefgreifende Wende. Zwischen Israel und diesen Ländern wächst ein informelles Bündnis, das den Nahen Osten verändern wird.

Hamas ist nicht nur Lieblingsfeind der israelischen Regierung, sondern auch Gegner der ägyptischen und saudischen Herrscher. Präsident Abdul-Fatah al-Sissi stürzte vor einem Jahr den Verbündeten von Hamas in Kairo – die Muslimbrüder. Hamas ist eine palästinensisch-nationale Fortentwicklung der ägyptischen Mutterorganisation. Die brutale Niederschlagung der Muslimbrüder in Ägypten wurde von Saudi-Arabien begrüßt und gesponsert. Die Zentralbank in Kairo füllt sich mit saudischen Petrodollars. Saudi-Arabien selbst jagt Muslimbrüder am Golf und anderswo. Der politische Islam und die Hamas haben eine formidable Allianz gegen sich: Israel, Ägypten und Saudi-Arabien.

Die halbherzige Vermittlung der Ägypter im Krieg spricht Bände. Israel stimmte dem Kairoer Plan sogleich zu, Hamas lehnte ab. Al-Sissis Vorgänger Mohammed Mursi von den Muslimbrüdern hatte 2012 in wenigen Tagen einen Waffenstillstand zuwege gebracht. Er bot Hamas die Öffnung des Grenzübergangs in Rafah an. Für al-Sissi kommt das gar nicht infrage. Er will die Hamasianer nicht in Ägypten sehen. Besser, sie wären gar nicht da – oder eben in Gaza, kleingehalten von Israel. Die Saudis nicken wohlwollend aus der Ferne.

Obwohl Riad und Jerusalem keine offiziellen Beziehungen haben, treffen sich Saudis und Israelis laufend. Ihre Annäherung kehrt die alten nahöstlichen Gewissheiten um. Im Mai besprachen sich die Ex-Geheimdienstchefs beider Länder ausgiebig in Brüssel. Turki al-Faisal steht im Mittelpunkt dieser saudischen Volte. In München lobte der Ex-Geheimdienstchef jüngst die israelische Justizministerin Tzipi Livni. Israelische und saudische Diplomaten treffen sich in Marokko und Indien, in Wien und Genf. Kein Kaffeehaus, das zu eng für sie wäre.

Was sie zusammenbringt, ist dreierlei: Erstens, Ablehnung der Muslimbrüder, zweitens, Feindschaft zum Iran, drittens, Entsetzen über Isis.

Was, wenn USA und Iran sich einigen?

Die Marginalisierung der Muslimbrüder ist schon fast abgeschlossen, die Bomben auf Hamas sind Nachhutgefechte dieses Feldzugs. Aber was Israelis und Saudis tief beunruhigt, ist der Wille der Obama-Regierung, mit den Iranern zu einem Ausgleich zu kommen. Ihre Angst: In einem Kompromiss mit den USA könnte Iran die Sanktionen abschütteln und trotzdem sein ziviles Nuklearprogramm weiterlaufen lassen.

Längst raufen sich israelische und saudische Offizielle gemeinsam die Haare über den „Schwächling“ Obama. Längst planen saudische Geheimdienstler mit Mossad-Agenten, wie sie gegen den Iran auch nach einem möglichen US-iranischen Ausgleich vorgehen können. Längst ist bekannt, dass Riad israelischen Kampfjets im Falle eines Angriffs auf iranische Anlagen die Abkürzung über Saudi-Arabien anbieten könne. Deutsche Leopard-Panzer für Saudi-Arabien werden von Israel ausdrücklich begrüßt. Das kann man sich in Berlin schwer vorstellen, ist aber in der Nahost-Logik völlig einleuchtend. Die Leos sind wichtig gegen Iran.

Die neueste Herausforderung für die informellen Bündnispartner Israel und Saudi-Arabien wächst indes in Syrien und Irak heran: die Terrorgruppe Isis. Ihr selbstgekrönter Kalif hat klargemacht, dass er das Königshaus in Riad als Feind ansieht. Und dass er Jerusalem erobern will, gehört zu einem Kalifen ja sowieso dazu. Isis-Zellen unterwandern die konservative Opposition gegen König Abdullah, sie schicken sich an, die Nachfolge von Hamas in Palästina anzutreten. Noch schweigen sich die Regierungen in Riad und Jerusalem dazu aus. Doch sie werden Isis irgendwann von zwei Seiten angreifen. Schon allein, damit Iran nicht als Retter des Nahen Ostens gegen das Isis-Kalifat erscheint.

„Barzani empfängt iranischen Sicherheitschef“

BasNews

Der Präsident der Kurdischen Regionalregierung (KRG) Massoud Barzani sagte gegenüber dem Generalsekretär der nationalen Sicherheitsbehörde des Iran, Dr. Amir Reza: ‚Wir haben Bagdad ein halbes Jahr vor der Einnahme Mosul durch Dschihadistengruppen gewarnt‘.

Am Dienstag empfing der KRG-Präsident Barzani den iranischen Sicherheitschef Dr. Amir Reza in seinem Amtssitz in Erbil. Sie disktutierten über die aktuelle Lage im Irak und die bevorstehende Regierungsbildung.

Der iranische Sicherheitsbeauftragte hob die besondere Rolle Barzanis in diesem Zusammenhang hervor und brachte seinen Wunsch bezüglich der umgehenden Beendigung der Irak-Krise zum Ausdruck.

Barzani erklärte hingegen, die Kurdische Region sei ein Ort des Friedens, in dem Religionsfreiheit herrscht. Um die Kurden vor den Chaoszuständen im Irak zu bewahren, werde man die nötigen Schritte einleiten, so der KRG-Präsident Barzani.

„Sunnitische Rebellen entführen 7 Kampflugzeuge und 150 iranische Soldaten“

Die sunnitischen Rebellen im Irak bekennen sich zur Geiselnahme von 700 irakischen und 150 iranischen Soldaten, sowie die Entführung von 7 Kampflugzeugen der irakischen Luftwaffe.

basnews

Während die Auseinandersetzungen zwischen der irakischen Armee und diverse sunnitische Gruppierungen im Irak in heftigen Gefechten ausarten, wurde der ‚Hauptluftwaffenstützpunkt‘ der irakischen Armee in Tigris von den sunnitischen Rebellen eingenommen.

Im Interview mit dem Rebellensprecher Ebdul Nemi, erklärte der Rebelle der BasNews gegenüber, dass die irakische Armee durch die entstandenen Gefechte sehr labil geworden sei und Sie dadurch den Luftwaffenstützpunkt einnehmen konnten. Ebdul Nemi bestätigte die Geiselnahme der 700 irakischen und 150 iranischen Soldaten sowie die 7 entführten Kampflugzeuge der irakischen Luftwaffe vom Typ „Sixo-35“.

„Iran sendet Drohnen und militärisches Equipment in den Irak“

Iran steuert iranische Aufklärungsdrohnen über dem Irak von einem Flugplatz in Bagdad aus und liefert den irakischen Streitkräften Tonnen von militärischer Ausrüstung und anderen Gütern, gaben US-Beamte, nach einem Artikel in der New York Times vergangene Woche, bekannt.

Online Magazin Pârse&Pârse

Die geheimen iranischen Programme sind ein seltener Fall, in dem Iran und die Vereinigten Staaten sich ein kurzfristiges Ziel teilen, nachdem zuvor die ISIS von den USA, der EU und den sunnitischen arabischen Staaten am Persischen Golf hochgerüstet wurde. Ein Politikwechsel in den USA – denn heute heisst die Devise: Bekämpfung des Islamischen Staates im Irak und in Syrien oder der ISIS, jene sunnitischen Militanten, die Städte und Gemeinden in einem grausamen Blitzkrieg im West-und Nord Irak eingenommen haben. Ein typisches Beispiel, wie sich Dinge in der Außenpolitik verselbstständigen können, wenn man Politik gedankenlos betreibt. Aber auch wenn beide Nationen militärische Unterstützung der angeschlagenen Regierung von Ministerpräsident Nuri Kamal al-Maliki bieten, beobachten die USA und Iran, mit Misstrauen, jede Aktionen des Anderen, weil jeder der beiden nach Einfluss in der Region drängt.

Ältere amerikanische Beamte betonten, dass die parallelen Bemühungen nicht koordiniert wurden und in einem Auftritt im NATO-Hauptquartier hier am vergangenen Mittwoch, betonte Außenminister John Kerry einige der möglichen Risiken.

Kerry betonte: “Aus unserer Sicht haben wir allen in der Region klar gemacht, dass wir nicht alles tun und an allem teilnehmen müssen, um die sektiererischen Spaltungen, die bereits in Form eines erhöhten Maßes an Spannung vorhanden sind, noch zu verschärfen.” Die Irak-Krise mutiert zu einem Gewirr von Allianzen und Feindschaften, sodass der politische Beobachter nur noch den Kopf schütteln kann.

Die wichtigsten Akteure in der Irak- und Syrien-Krise sind beide: USA und Iran – Verbündete und Gegner gleichzeitig, die gemeinsam an einer Front Krieg gegen einen gemeinsamen Feind führen.

Sowohl die Vereinigten Staaten als auch Iran haben eine Anzahl von Militärberatern in Irak. 300 amerikanische Kommandos werden eingesetzt, um die irakischen Streitkräfte und die sich verschlechternde Sicherheitslage zu beurteilen, während etwa ein Dutzend Offiziere der iranischen paramilitärischen Quds gesendet wurden, um irakische Kommandeure zu beraten und zu helfen, mehr als 2000 Schiiten aus dem südlichen Irak zu mobilisieren, sagten amerikanische Beamte.

“Iran will wahrscheinlich gerne eine übergreifende Kommandorolle, innerhalb des zentralen irakischen Militärapparates spielen, mit einem Schwerpunkt auf die Erhaltung des Zusammenhaltes in Bagdad und dem schiitischen Süden und die Verwaltung der Wiederherstellung der schiitischen Milizen”, sagte Charles Lister, vom Brookings Doha Center in Katar.

General Qassim Suleimani, der Kopf der Quds-Truppe, hat mindestens zwei Besuche in Irak gemacht, um irakische Militärberater in Putschstrategien zu schulen, und dabei fliegen iranische Transportflugzeuge zweimal täglich, Flüge nach Bagdad, mit militärischer Ausrüstung und Zubehör von rund 70 Tonnen pro Flug, für die irakischen Streitkräfte.

“Es ist eine erhebliche Menge”, sagte ein hochrangiger amerikanischer Beamter, der unter der Bedingung der Anonymität sprach, berichtete die New York Times. “Es sind nicht unbedingt schwere Waffen, aber es sind auch nicht nur leichte Waffen und Munition.”

Nach Aussagen amerikanischer Beamter, entstand die iranische Beteiligung, als Syrien begann, Luftangriffe im Westen des Irak gegen ISIS-Kämpfer durchzuführen. Sie behaupten wider besseren Wissens, sie könnten keine Berichte über zivile Opfer bestätigen. “Es ist nicht klar, ob Syrien auf eigene Faust beschlossen hat, gegen die ISIS in Irak vorzugehen, oder ob Präsident Bashar al-Assad auf Geheiß des Iran oder des Irak gehandelt hat,” sagte der Beamte. Aber es scheint, dass Syrien, Iran und die Vereinigten Staaten alle gegen einen gemeinsamen Feind kämpfen.

In seiner Pressekonferenz bei der NATO, äußerte Kerry sich besorgt darüber, dass der Krieg in Irak sich ausbreitet.

“Das ist einer der Gründe, warum die Regierungsbildung so dringend ist, dass die Führer des Irak beginnen können, die notwendigen Entscheidungen zu treffen, um den Irak ohne äußere Kräfte, die ein Vakuum füllen, zu schützen,” sagte er.

Die Obama-Regierung hat sich bemüht, einen Dialog mit dem Iran über die Irak-Krise zu eröffnen. William J. Burns, der stellvertretende Außenminister, traf letzte Woche kurz einen iranischen Diplomaten am Rande der Verhandlungen über das iranische Atomprogramm in Wien. Doch die westlichen Beamten sagen, es scheint, dass das iranische Außenministerium gespalten ist, das bis zu einem gewissen Grad zur Zusammenarbeit offen sein kann, selbst General Suleimani, der der Kopf der iranischen Strategie war, als irakische schiitische Milizen durch den Iran trainiert wurden, amerikanische Truppen, mit starken Explosivstoffen die von Teheran geliefert wurden, anzugreifen. Der General ist auch der erfolgreiche Architekt des aktuellen iranischen Militärs in Syrien zur Unterstützung von Bashar Al Assad.

In den Wochen seit die ISIS über den Nordirak fegte, haben die Vereinigten Staaten ihre Überwachungsflüge über dem Irak erhöht und fliegen jetzt etwa 30 bis 35 Missionen pro Tag. Die Flüge sind gesteuerte Flugzeuge, wie zum Beispiel die F-18 und P-3-Überwachungsflugzeuge sowie Drohnen. Iran hat seine eigenen Anstrengungen unternommen und hat einen speziellen Kontrollraum in der Rasheed Air Base in Bagdad errichtet und fliegt dort eine Flotte von Ababil Aufklärungsdrohnen über dem Irak.

„ISIS, der Krieg und das Öl“

Die Dschihadisten von ISIS verkaufen Erdöl aus den von ihnen eroberten Gebieten. Damit heizen sie die Spannungen in der Region weiter an. Kurzfristig könnten ihre Geschäfte die Ölpreise aber sinken lassen.

Kersten Knipp auf Deutsche Welle

Erst Al-Omar und dann Al-Tanak: Die Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und Syrien (ISIS) macht bei der Eroberung wichtiger syrischer Ölfelder große und schnelle Fortschritte. Zusammen mit dem irakischen Ölfeld Adschil, das die Terroristen Ende Juni erobert haben, verfügen sie über weite Fördergebiete auf beiden Seiten der syrisch-irakischen Grenze. Am Donnerstag (03.07.2014) haben die Dschihadisten Medienberichten zufolge damit begonnen, das Öl aus dem Irak zu verkaufen.

Da ISIS das Öl nicht auf dem regulären Markt anbieten kann, verkauft die Organisation es auf dem Schwarzmarkt. Agenturmeldungen zufolge beschuldigte der französische Außenminister Laurent Fabius die Terrororganisation, das Öl an das Regime von Baschar al-Assad zu verkaufen. In erster Linie kommt es ISIS offenbar darauf an, möglichst hohe Einnahmen zu erzielen und sich für kommende Kämpfe zu wappnen. „ISIS-Kämpfer verkaufen das Öl an jeden, der daran Interesse hat“, sagte der Gouverneur der nordirakischen Stadt Tuz Khurmatu der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu: „Sie brauchen das Geld für Waffen und Munition.“

Der Verkauf könnte das Chaos in der kriegsgeplagten Region weiter vergrößern. Das Assad-Regime könnte mit dem Öl seine Panzer füllen und gegen die Aufständischen rollen lassen. Und das Geld, das ISIS für das Öl bekommt, kann die Terrorgruppe für ihren weiteren Eroberungsfeldzug in Syrien und dem Irak einsetzen. Ein hohes Risko für das Regime in Damaskus: Denn im Kampf gegen die säkularen Aufständischen sind die Dschihadisten nur ein (Handels-)Partner auf Zeit. Ihnen geht es nicht um den Verbleib Assads an der Macht. Ihr Ziel ist es, das Gebiet des am vergangenen Wochenende ausgerufenen Kalifats zu vergrößern. Bereits jetzt erstreckt es sich von der irakischen bis zur türkischen Grenze. Im Irak dehnen die Terroristen ihr Herrschaftsgebiet nach Süden aus.

Auswirkungen auf den Ölmarkt

Das Ölfeld Al-Omar befindet sich bereits seit November 2013 in der Hand von Dschihadisten. Damals hatte es die Al-Nusra-Front erobert, die es nun an ISIS abgetreten hat. Seitdem werden dort täglich 10.000 Barrel gefördert.

Die jüngsten Eroberungen heizen nicht nur die Gewalt weiter an. Sie sorgen auch für Unsicherheiten auf dem internationalen Ölmarkt. Noch im Mai hatte die Internationale Energieagentur den Irak als einen der künftig bedeutendsten Ölexporteure bezeichnet. Bis zum Jahr 2035 erwartete die Agentur einen jährlichen Ausstoß von neun Millionen Barrel – das wären mehr als dreimal so viel wie die derzeit geförderten 3,3 Millionen Barrel. Damit wäre der Irak künftig ein noch bedeutender Ölexporteur als Saudi-Arabien. Diese Erwartungen hat nun aber der Siegeszug von ISIS durchkreuzt. Deren Kämpfer können sich derzeit noch über die hohen Einnahmen aus dem Ölgeschäft freuen. Doch unter der Herrschaft von ISIS dürften sich kaum Förderunternehmen finden, die bereit wären, im Irak zu investieren. Bereits jetzt, schreiben die US-Politologen Gal Luft und Robert McFarlane in einem Beitrag für das „Wall Street Journal“, würden nur noch 15 Prozent der Investitionen in neue Fördergebiete im Nahen Osten fließen. „Sinkt der Irak nun tiefer in einen Bürgerkrieg, werden die Investitionen weiter zurückgehen und zu weiteren Kürzungen der Fördermengen führen“, so die Politologen.

Der Iran als Nutznießer

Zwar sind die größten Ölfelder im irakischen Süden und damit im schiitischen Gebiet derzeit noch nicht akut bedroht. Trotzdem könnte das Vorrücken von ISIS noch zu weiteren Verschiebungen auf dem internationalen Ölmarkt führen. Der Kampf gegen ISIS könne nur dann erfolgreich sein, wenn auch der Iran eingebunden werde, erwartet der Politologe Paul Stevens vom britischen Think Tank Chatham House. Zwar hat der Iran auch ein starkes eigenes Interesse daran, die Geburt eines radikal-sunnitischen Kalifats an seiner Nordwestgrenze zu verhindern. Trotzdem dürfte er von der internationalen Staatengemeinschaft für sein Engagement ein gewisses Entgegenkommen erwarten. Die Entwicklung im Irak lasse eine Übereinkunft geradezu zwingend erscheinen, so Paul Stevens. Diese dürfte auch die Aufhebung von Sanktionen umfassen: „Das wird den Iran in die Lage versetzen, seine Förder- und Produktionsanlagen dringend nötigen Investitionen zu öffnen.“

Neue Rolle für Saudi-Arabien

Die neue Hinwendung zum Iran dürfte einen bisherigen Partner des Westens vergraulen: Saudi-Arabien. Falls der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki im Amt bleibt und sich – auch dank iranischer Hilfe – gegen ISIS durchsetzt, müsste sich Saudi-Arabien, die Führungsmacht der sunnitischen Muslime, auf eine starke schiitische Präsenz vor seinen Grenzen einstellen. Den neuen amerikanisch-iranischen Annäherungen habe das Königreich politisch wenig entgegenzusetzen, so Stevens. Eine Möglichkeit wäre aber, die Ölpreise zu senken. Dazu wäre Saudi-Arabien umgehend in der Lage: „Das würde dem Iran und dem Irak schaden, die beide auf sofortige Einkünfte angewiesen sind.“

ISIS trägt Angst und Schrecken in die Region. Nutznießer wären, zumindest kurzfristig, die Käufer am internationalen Ölmarkt.

Interview mit Robert Baer, ehemaliger CIA Mitarbeiter

Die Bücher des ehemaligen CIA-Manns Robert Baer sorgen in den USA regelmäßig für Aufsehen. Der Exagent hat geheime Operationen im Zweistromland durchgeführt – und sieht für den Irak keine Zukunft.

Ramon Schack in Die Presse

Sie kennen den Irak wie Ihre Westentasche, waren dort während Ihrer Zeit als CIA-Agent operativ tätig. Glauben Sie an eine Zukunft des Irak innerhalb der heutigen Grenzen?

Robert Baer: Absolut nicht, das ist vorbei, der Irak zerbricht entlang seiner ethnischen und religiösen Trennlinien, wobei die endgültigen Grenzen noch nicht gezogen sind. Ich wurde Mitte der 1990er-Jahre in den Irak geschickt, um eine Opposition gegen Saddam Hussein zu organisieren, man könnte auch sagen, eine Revolte. Schon damals aber realisierte ich, dass der Irak ohne Saddam, ohne sein nationalarabisches Baath-Regime, nur unter großen Schwierigkeiten erhalten werden könnte.

Sie arbeiteten damals überwiegend mit kurdischen Oppositionsgruppen zusammen.

Nicht nur, ich war damals operativ tätig, was beinhaltete, dass ich mit einem großen Radius potenzieller Kreise in Kontakt trat. Zu meinen Kontakten zählten auch sunnitische Stammesführer, der schiitische Widerstand, aber auch die Opposition innerhalb der herrschenden Baath-Partei. Aber letztendlich schien der kurdische Widerstand der kompetenteste zu sein, weil es dabei auch um die staatliche Unabhängigkeit ging, die nur ohne Saddam in die Wege geleitet werden konnte, wenn überhaupt.

Wie muss man sich so eine operative Tätigkeit in einem Land wie dem Irak vorstellen?

Sie haben sicher Verständnis, dass ich darüber keine Auskunft geben kann. In meinen Büchern habe ich mich ja ansatzweise darüber ausgelassen. Ich kann nur so viel sagen: Es ist nicht immer wie bei James Bond, manchmal aber schon. Spionage ist ein riskantes Unternehmen. Einige Risken führen zu Erfolgen, andere zu Niederlagen.

Halten Sie Spionage heute noch für eine wirksame Waffe?

Ja. Wenn die USA ihre Augen und Ohren im Nahen Osten verlieren, würden wir uns von anderen Mächten einseitig abhängig machen. Das kann keine Alternative sein.

Der kurdische Widerstand im Irak wurde dann ja von der Regierung Clinton links liegen gelassen, obwohl Sie sich leidenschaftlich bei Ihrer Dienststelle dafür einsetzten, diese Bewegung zu unterstützen.

Richtig, deshalb verließ ich ja damals auch die CIA nach über 20 Jahren, weil ich diese Politik nicht mehr mit meinen Vorstellungen vereinbaren konnte.

Sind die Kurden die Gewinner der aktuellen Entwicklung?

Mit Sicherheit, zumindest die Kurden im Irak. Die Kurden in Syrien eher nicht, sie werden wieder unter die Herrschaft Bagdads oder Damaskus‘ streben. Trotzdem bleiben erhebliche Risken auf dem Weg zu einer wirklichen Unabhängigkeit. Allerdings nicht vonseiten des „Islamischen Staats“, aber natürlich wird die Türkei genau beobachten, was sich dort vollzieht.

Gibt es noch ein Land, das von der aktuellen Krise profitiert?

Der Iran gehört natürlich zu den Gewinnern, weil jetzt in Washington endlich realisiert wird, dass es sich um den stabilsten Staat in der Region handelt. Iran ist eine Nation mit gewaltigem Potenzial, das bisher aber nicht ausgeschöpft wird, mit natürlichen Grenzen, kein koloniales Kunstgebilde wie der Irak, mit einem stabilen Staatsaufbau und einer starken Armee. Wenn man in Teheran keine Dummheiten macht, kann es dem Iran gelingen, seine außenpolitische Isolation zu überwinden.

Was aber US-Verbündete wie Saudiarabien sicher nicht so einfach akzeptieren würden.

Saudiarabien und Pakistan sind keine zuverlässigen Partner. Die USA benötigen Verbündete mit Durchsetzungskraft, nicht irgendwelche Stämme, die sich langfristig kaum an der Macht halten dürften.

Betrachten Sie es als einen Fehler, dass Riad vom Westen aufgerüstet wird?

Als einen der größten Fehler überhaupt. Jetzt erleben wir doch, dass die Aufrüstung Saudiarabiens als Frontstaat gegen den Iran eine totale Fehlkalkulation war. Der Westen und Iran haben den gleichen, gemeinsamen Feind, nämlich den militanten sunnitischen Extremismus wahhabitischer Prägung, also das, was man al-Qaida zu nennen pflegt oder heute IS. Eine Kooperation des Westens mit dem Iran ist momentan der einzige Weg, die Region wieder zu stabilisieren. Das gilt auch für Afghanistan, wo wirklich nichts geregelt ist. Saudiarabien ist übrigens einer der großen Verlierer der Entwicklung.
Inwiefern?

Riad wird jetzt die Geister nicht mehr los, die es rief. Jahrzehntelang unterstützten die Saudis den ganzen salafistischen Aufruhr, jetzt beginnen sie, IS zu fürchten, haben aber auch noch mit der schiitischen Minderheit im eigenen Land zu tun.

George W. Bush wollte nach 2003 einen „Leuchtturm der Demokratie“ im Irak errichten. Welche Verantwortung tragen die USA für die aktuelle Krise im Irak?

Die USA sind zu 90 Prozent für die aktuelle Situation im Irak verantwortlich. Ich war absolut gegen Saddam Hussein, aber ich war auch gegen einen einfachen Regimewechsel, frei nach dem Motto: Wenn der böse Diktator weg ist, wird alles gut – ohne Alternativplan. Das waren die naiven Ideen von unbedarften Menschen, die damals in Washington das Sagen hatten, die von der Region aber keine Ahnung hatten. Das Machtvakuum, das dort damals entstanden ist, wurde doch nie mehr gefüllt. Wo ein Vakuum entsteht, da kommt es auch zu einem Sog. Das gilt ebenso für politische Prozesse.

Sie erwähnten, Sie hätten früher auch mit sunnitischen Stammesführern Kontakt gehabt. Heute auch noch?

Allerdings, ich habe immer noch viele Freunde unter den sunnitischen Stammesführern in Anbar. Die junge Generation dort revoltiert jetzt gegen das konservative Establishment und gegen die Maliki-Regierung in Bagdad. Eine nicht unerhebliche Anzahl dieser sunnitischen Stämme hat sich IS angeschlossen, zusammen mit ehemaligen Offizieren der Baath-Partei. Diese Bewegung speist sich auch aus unzufriedenen Sunniten, die von der Regierung angewidert sind, ohne die es für die paar tausend IS-Kämpfer unmöglich wäre, den ganzen Nordirak zu übernehmen. Ich warnte meine Freunde dort, sich mit IS einzulassen, aber sie hören nicht mehr auf mich, es ist dafür zu spät.

Wie kann es eigentlich sein, dass der Anführer des IS, Abu Bakr al-Baghdadi, der sich einst in US-Gefangenschaft befand, fast wie aus dem Nichts auftauchte, um seinen Siegeszug anzutreten?

Das liegt daran, das können Sie mir glauben oder auch nicht, dass die CIA in den vergangenen Jahren keinen einzigen Mitarbeiter mehr in Syrien hatte. In Syrien entstand das Phänomen IS, die Gruppe profitierte von den westlichen Waffenlieferungen gegen Assad.

Robert Baer (*1952 in Los Angeles) ist ein ehemaliger Agent des US-Geheimdienstes CIA. Er war während seiner Dienstzeit unter anderem im Irak operativ tätig.

Seine Bücher, in denen er über seine Arbeit als Agent schreibt, sorgen in den USA regelmäßig für großes Aufsehen.

Baers Werke „See No Evil“ und „Sleeping with the Devil“ lieferten die Vorlage für den 2005 fertiggestellten Film „Syriana“. Die Person des Protagonisten Bob Barnes – gespielt von George Clooney – wurde Robert Baer nachempfunden.

„Irak soll iranische Kampfjets erhalten haben“

Forschungsinstitut analysierte Markierungen an angeblich russischen Maschinen

Der Standard

Mehrere neue irakische Kampfflugzeuge stammen laut Analysten womöglich nicht aus Russland, sondern aus dem Iran. Drei Kampfjets vom Typ Su-25, die auf Aufnahmen des irakischen Verteidigungsministeriums beim Landeanflug zu sehen sind, würden die Bemalung und die Seriennummern iranischer Kampfflugzeuge tragen, erklärte das International Institute of Strategic Studies (IISS) am Mittwoch in London.

Zudem seien die Maschinen auf dem Luftweg im Irak eingetroffen, wohingegen die Flugzeuge aus Russland zerlegt in mehreren Frachtflugzeugen geliefert wurden. Der Irak hatte vor einer Woche mitgeteilt, ein Dutzend Kampfflugzeuge vom Typ Su-25 aus Russland gekauft zu haben.

Iran darf seit 2007 keine Rüstungsgüter exportieren

Nachdem am Sonntag fünf Maschinen geliefert wurden, teilte das Verteidigungsministerium am Dienstag mit, dass fünf weitere Maschinen im Irak eingetroffen seien. Das Video, das die Mitteilung begleitete, lässt jedoch den IISS-Experten zufolge annehmen, dass die drei gezeigten Maschinen aus dem Iran stammen. Gemäß den wegen seines Atomprogramms verhängten UN-Sanktionen darf der Iran seit 2007 keine Rüstungsgüter mehr exportieren.

Die IISS-Experten wiesen darauf hin, dass ein Großteil der iranischen Su-25-Flotte ursprünglich aus dem Irak stammte. Während des Golfkriegs 1991 hätten die Piloten von sieben irakischen Kampfflugzeugen Zuflucht im Nachbarland gesucht, wo sie gegen Bagdads Willen in die iranische Luftwaffe eingegliedert wurden.

Die Suchoi-Flugzeuge sollen die irakische Luftwaffe im Kampf gegen die Jihadisten verstärken. Diese hatten in den vergangenen Wochen die Großstadt Mossul und weite Teile des Nordirak in ihre Gewalt gebracht und dort am Dienstag ein bis nach Syrien reichendes Kalifat ausgerufen.

„Die geheime Macht im Irak“

Irans gefährlichster General rüstet zum Großangriff auf ISIS – Lässt auch Teheran Maliki fallen?

Birgit Cerha auf IFAMO

Während sich in Washington die Anzeichen verstärken, dass Präsident Obama militärische Hilfe im Kampf gegen die sunnitischen Extremisten der ISIS (Islamischer Staat des Iraks und Syriens) an das Ausscheiden des heißumstrittenen irakischen Premiers Maliki knüpft, zeigt sich dieser entschlossen, weder zu resignieren, noch amerikanischem Drängen nachzugeben und den frustrierten arabisch-sunnitischen Mitbürgern die Hand zur Versöhnung entgegen zu strecken.

Ganz im Gegenteil. Maliki kündigt scharfe Maßnahmen gegen sunnitische Politiker und Offiziere an, die er als „Verräter“ brandmarkt und beschuldigt sunnitische Nachbarländer, allen voran Saudi-Arabien, die Gewalt im Land zu schüren.Wiewohl ISIS vor den Toren Bagdads steht, ihr Vormarsch bisher nicht entscheidend gestoppt werden konnte und die dringend benötigte Hilfe aus Washington ausbleibt, lässt sich der schwerbedrängte Premier nicht einschüchtern.

Denn Maliki kann sich auf eine geheime Kraft im Lande stützen, die sich seiit dem Sturz von Diktator Saddam Hussein 2003 als die stärkste erwies: „Al Quds“unter dem Kommando Qasem Suleimanis. Dieser iranische General eilte gleich nach der Eroberung Mosuls und Tikrits durch ISIS in der Vorwoche mit einer Gruppe führender Offiziere der „Al Quds“-Brigaden nach Bagdad, um eine Strategie für den Kampf gegen diese sunnitische Terrororganisation zu erarbeiten.

Er untermauerte damit wiederholte Beteuerungen Präsident Rouhanis, der Iran werde alles tun, um den Vormarsch von ISIS im Irak zu stoppen, wo sich die „Islamische Republik“ so plötzlich auf einer Seite mit ihrem traditionellen Erzfeind USA im Kampf gegen den Terror sunnitischer Fanatiker sieht. Washington und Teheran wiesen unterdessen zwar Spekulationen über eine Kooperation gegen ISIS zurück. Doch eine derartige – geheime – Zusammenarbeit wäre gar nicht so außergewöhnlich. Zuletzt hatten die Iraner Teheran 2001 den USA entscheidende Hilfe beim Krieg zum Sturz der Taliban in Afghanistan geleistet.

Der Irak ist für den Iran aus mehreren Gründen von zentralem Interesse. Jahrzehntelang hatte sich das Land nicht von dem von Saddam Hussein begonnenen, ungeheuer verlustreichen Krieg (1980-88) erholt. Eine erneute Kriegsgefahr aus dem Westen zu bannen, zählte seither zu Teherans wichtigsten strategischen Zielen. Nach dem Sturz Saddams durch eine von den USA geführte Invasion investierte der Iran enorme finanzielle, politische und militärische Ressourcen in den Irak, um sicherzustellen, dass die US-Truppen das Land wieder verlassen, ein von Schiiten geführter Staat Sicherheit als treuer strategischer Partner garantiert und die „Islamische Republik“ zugleich ihren geopolitischen Einfluss ausweitet.

Doch mindestens ebensolche Bedeutung besitzt für Teheran auch der Schutz der heiligsten Stätten der Schiiten, Kerbala und Najaf, wo ISIS die Entscheidungsschlacht gegen Maliki austragen will. Grobe Drohungen der sunnitischen Fanatiker gegen „die Stätte des Unrats“ (gemeint ist Kerbala) und „die Stadt der Vielgötterei“ bestärken Teheran in der Überzeugung, dass es im Irak um eine existentielle Schlacht zwischen den beiden rivalisierenden Richtungen des Islam – Schiismus und Sunnismus –, politisch repräsentiert durch Iran und Saudi-Arabien – geht.

Alle Hoffnung Malikis, wie der Iraner konzentriert sich nun auf den 57-jährigen General Suleimani, der unterdessen weit über Irans Grenzen hinaus den Ruf als der mächtigste und geheimnisvollste Mann des Mittleren Ostens genießt. Dem „Geistlichen Führer“ Khameinei treu ergeben, zeichnete dieser Suleimani mit dem höchsten zu vergebenden Lob eines „lebenden Märtyrers“ aus.

Nachdem er 1998 das Oberkommando der Al-Quds Brigaden übernommen hatte, baute er diese Spezialeinheit der Revolutionsgarden zum mächtigsten und einflussreichsten Instrument der iranischen Außenpolitik auf. Terror, Erpressung, Bestechung und Mord zählen zu seiner Strategie, für die ihm die geheimen Kassen des Staates offen stehen und die Unterstützung Khameneis sicher ist. So gelang es Suleimani, mit den von den Quds-Brigaden trainierten irakischen Schiitenmilizen die US-Besatzungstruppen aus dem Irak zu verjagen und Irans dominierenden Einfluss im Nachbarland zu sichern.

In einer berühmt gewordenen SMS an den Oberkommandierenden der US-Streitkräfte General Petraeus stellte Suleimani während einer Serie von Schlachten zwischen der US-Armee und schiitischen Milizen 2007 klar: „General Petraeus, Sie sollen wissen, dass ich, Qasem Suleimani,die Politik des Irans gegenüber dem Irak, Libanon, Gaza und Afghanistan kontrolliere.“ Petraeus charakterisierte ihn öffentlich als eine „wahrhaft üble Figur“. In zahlreichen Erklärungen bewies Suleimani ein starkes strategisches Engagement für die Erhaltung der Macht der Schiiten und des iranischen Einflusses im Irak und schwor wiederholt uneingeschränkte Unterstützung Malikis.

Offiziell hat sich Teheran bisher nicht vom bedrängten Premier distanziert, nennt allerdings für das Amt des neuen Regierungschef nach Maliki noch drei andere prominente Schiiten, um sich Optionen offen zu lassen, sollte sich die Lage weiter dramatisch zuspitzen.

Suleimani gilt nicht nur als hervorragender Stratege mit langen Erfahrungen im Guerillakrieg, zunächst im iranischen Kurdistan, im Irak und in Syrien, wo er auf der Seite der Truppen Präsident Assads ISIS jüngst empfindliche Verluste zufügte. Er stand Assad erfolgreich in einer ähnlichen Situation bei, die nun Maliki droht. Hunderte seiner kampferprobten Brigaden leisteten einer nach langem Krieg geschwächten und zunehmend demoralisierten Armee entscheidende Hilfe. Der iranische General gilt unter Militärexperten als der Architekt jener Strategie, durch die den Assad-Kämpfern in den vergangenen Monaten die Rückeroberung wichtiger Städte und Regionen und damit eine Wende des Kriegsglücks zu ihren Gunsten gelang.

Im Irak mobilisiert er nun Schiiten zum Kampf an der Seite der demoralisierten staatlichen Streitkräfte und wird versuchen die in Syrien so erfolgreiche Strategie anzuwenden. Dabei hilft ihm die lange offene Grenze zu seiner Heimat, aus der weitgehend unbemerkt Nachschub an Männern und Waffen ins Land geschleust werden kann. Mehr als hundert Al-Quds Brigaden sollen nach nicht bestätigten Berichten bereits in Bagdad als Militärberater fungieren und zwei im Guerillakampf erprobte, hochmotivierte Einheiten aus dem Grenzgebiet hätten laut iranischen Sicherheitskreisen Positionen zur Verteidigung von Kerbala und Najaf bezogen.
Sollte Suleimani ein entscheidender Rückschlag von ISIS im Irak gelingen, würde sich das Gleichgewicht der Kräfte in der Region weiter zugunsten des Irans verschieben.

Dabei wird Teheran der territorialen Integrität des Iraks nur Lippenbekenntnisse abgeben. Ein starker Irak ließe sich weit schwieriger manipulieren als ein in drei Staaten – mit kurdischer, sunnitischer und schiitischer Bevölkerung – zersplitterter, denn die Schiiten hätten aufgrund ihrer Bevölkerungsmehrheit die Oberhand, blieben jedoch gleichzeitig in totaler Abhängigkeit vom Iran.

„Irak: erste Gegenoffensiven der Armee gegen ISIL“

Maliki zeigt sich entäuscht von mangelnder US-Unterstützung und ordert Kampfjets aus Russland

Thomas Pany auf telepolis, dort ist der Artikel mit den Quellverlinkungen zu lesen

Die irakische Armee hat in den letzten Tagen mit einer Gegenoffensive gegen ISIL und deren Verbündete begonnen; im Zusatz „Verbündete“ steckt kein geringes Problem, welches das ohnehin schwierige Unterfangen, den Kämpfern der ISIL militärisch beizukommen, politisch heikel gestaltet. So soll die irakische Armee nach jüngsten Informationen in Tikrit und Mosul aus der Luft angriffen haben.

Damit einher geht das Risiko von „Kollateralschäden“ unter der Zivilbevölkerung und eine Bestätigung des Kriegsnarrativs, wonach es der schiitisch geführten Regierung nicht nur darum gehe, die ISIL zu bekämpfen, sondern mit dem militärischen Hammer fortzusetzen, was in den vergangenen Jahren als gegen die irakischen Sunniten geführte repressive Politik mit wachsender Empörung beklagt wurde.

Indessen werden vonseiten des irakischen Militärs erste strategische Erfolge gemeldet: wichtige Verbindungsstraßen sollen in schweren Kämpfen unter Kontrolle gebracht, das hochsensibles schiitisches Heiligtum in Samarra, der Askari-Schrein – 2006 Auslöser einer enormen blutigen Eskalation der konfessionellen Spannungen im Irak (Die Wut der Schiiten) –, rechtzeitig vor Beginn des Ramadan gesichert worden sein.

Inwieweit das militärische Vorgehen mit den USA abgesprochen ist, gehört zu den vielen diffusen Spekulationszonen der augenblicklichen Situation. Man kann davon ausgehen, dass Maliki nicht frei von amerikanischen Einflüssen agiert, doch zeigen sich Abweichungen. Von der US-Regierung heißt es, dass sie Wert darauf legt, einen alten, bewährten Faden wiederaufzunehmen: das Wiederanknüpfen von Verbindungen zu sunnitischen Stammesführern, die sich, wie viele Berichte in US-Medien hinweisen, frustriert von Maliki der ISIL zugewandt haben.

Der herrschende Tenor unter US-Experten ist denn auch, dass in diesem politischen Ansatz der Erfolg im Kampf gegen die ISIL zu suchen sei. Wobei ziemlich unklar ist, wie denn die Loyalitäten bzw. die Verbindungen zwischen ISIl und sunnitischen Gruppen im Irak genau beschaffen sind.

Dass Maliki gegenüber solchen Bestrebungen distanziert bleibt, ist nur eine Kluft zwischen ihm und den USA. Der BBC gegenüber äußerte er noch andere Unzufriedenheiten gegenüber der früheren „Schutzmacht“. Man habe ihn militärisch nicht genügend unterstützt, hätten ihm die USA die angeforderte Luftunterstützung gegebe, hätte ISIL militärisch niemals diese Erfolge gehabt, lässt Mailiki in dem Interview verstehen. Dort gibt er bekannt, dass nun Russland sein favorisierter Partner für eine bessere Luftunterstützung sei, er habe gebrauchte russische Kampfjets geordert. Deren Lieferung sei in ein paar Tagen möglich, die Amerikaner ließen ihn gegen anderslautende Versprechungen dagegen noch immer warten.

Das dürfte von den USA nicht mit großer Freude quittiert werden; zumal sich ein Moment zeigt, der aus ihrer Sicht die Allianzen auf eine verstörende Probe stellt. So hat sich Maliki in den letzten Tagen stolz darüber gezeigt, dass syrische Flugzeuge ISIL auf irakischem Boden angegriffen haben sollen. Maliki hat immer wieder gezeigt, dass er ein anderes Verhältnis zu Baschar al-Assad hat als die USA. Und nun sucht der irakische Premier auch noch Unterstützung aus Russland, das der engste internationale Partner der syrische Regierung ist. Wie sich das Ganze mit der Unterstützung der USA für die „moderate syrische Opposition“ verträgt, ist noch offen.

Kompliziert wird die Situation auch dadurch, dass sich die Berichte häufen, wonach aus dem Kreis der Verbündeten der USA, aus Saudi-Arabien und anderen Golfstatten, erhebliche Geldströme kamen, die an die bewaffneten dschihadistischen Oppositionsgruppen – und auch die ISIL – flossen. Die Information selbst ist grundsätzlich längst bekannt, allerdings kommt sie gerade in einer neuen Welle an die größere Öffentlichkeit, was die gegenwärtige Situation in Syrien und Irak, ausgelöst durch die Eroberungen der ISIL, auf eine Weise beleuchtet, die den USA und ihren arabischen Verbündeten nicht angenehm sein dürfte.

Wie weit die Schockwellen aus dem Irak gehen und wie eng der Irak nicht nur historisch, sondern auch aktuell als hochaufgeladener exemplarischer Schauplatz religiöser Auseinandersetzungen verbunden wird, aus dem sich die Berufung zu Missionen ableitet, kann man auch aus Meldungen aus Indien ablesen. Dort sollen sich zehntausend Schiiten registriert haben, um ihren Glaubensbrüdern im Irak beizustehen; immerhin aber wird darauf hingewiesen, dass sie nicht zum Dschihad kommen, sondern um humanitäre Hilfe zu leisten und um die heiligen Stätten zu schützen.