Tag-Archiv für 'jemen'

Wir sehen uns…

(streetart aus Kairo)

Ich bin der Engel der Verzweiflung

Mit meinen Händen teile ich den Rausch aus

die Betäubung, das Vergessen, Lust und Qual der Leiber

Meine Rede ist das Schweigen, mein Gesang der Schrei

Im Schatten meiner Flügel wohnt der Schrecken

Meine Hoffnung ist der letzte Atem

Meine Hoffnung ist die erste Schlacht

Ich bin das Messer mit dem der Tote seinen Sarg aufsprengt

Ich bin der sein wird

Mein Flug ist der Aufstand, mein Himmel der Abgrund von morgen

Heiner Müller

Wir machen Schluss. Nach über drei Jahren, über zweihundert selbstrecherchierten, übersetzten, selbstgeschriebenen Artikeln. Nach um die 5000 gespiegelten Artikeln aus linken und mainstream Medien. Leider viel zu häufig aus mainstream Medien, weil es einfach nichts anderes Brauchbares gab.
Häufig waren wir übermüdet und gestresst, manchmal euphorisch, manchmal haben wir geweint. Wir haben um Homs geweint, wir haben um unsere GefährtInnen in Kairo geweint. Wir haben viel zu selten und doch viel zu viel geweint.

Was als allgemeiner Aufbruch begann, der eine ganze Region erschütterte, ist heute…..
Wir sagen nicht, dass wir wissen, was kommt, wir teilen diese Anmaßung nicht.
Mubarak galt als unstürzbar, dann hiess es Assad sitze felsenfest im Sattel, es gebe praktisch keine Oppposition im Lande…
Vielleicht wird die nächste Preiserhöhung in Ägypten das Regime wegfegen, vielleicht wird der neue Pharao Jahrzehnte herrschen.

Wir haben unglaublich viel gelernt – wir sind dankbar dafür. Der linke Kanon ist zu Ende. Viele wollen das nicht sehen, nicht wahrhaben. Die Geschichte der Klassenkämpfe ist fast so alt wie die Menschheit, sie wird andauern, aber entweder wir lassen uns auf das Wagnis ein, uns unbequemen Wahrheiten und Widersprüchen zu stellen oder wir werden wie bockige Kinder am Rande der Geschichte quengeln, da sich die Welt nicht um uns dreht.

Wir sind überrascht, dass immer noch soviele Leute diesen blog nutzen, obwohl die Entwicklung in der Region sowohl in den mainstream Medien als auch in der Linken kaum noch eine Rolle spielt. Das hat uns lange dazu bewogen, den blog weiter zuführen, obwohl wir dadurch zu etwas geworden sind, was wir nie sein wollten: Spezialisten. So haben wir mehrmals den Versuch unternommen, dieses Projekt zu beenden. Dann passierte etwas und wir haben es nicht ausgehalten, nichts dazu zu schreiben.
Jetzt wagen wir den endgültigen Absprung.

Wir danken allen, die uns unterstützt haben. Wir danken unseren GefährtInnen von Kairo bis Soran, dass sie unser Leben so unglaublich bereichert haben. Wir hoffen, ihr vergesst diese Leute auch nicht.

Wir sind weiterhin über unsere Kontaktadresse erreichbar. Der blog bleibt als Archiv bestehen.

Um outro mundo é possível

recherchegruppe aufstand

„Jemen wieder auf Messers Schneide“

Blutiger Terror gegen das Verteidigungsminister trifft das Land in der kritischsten Phase seines politischen Übergangsprozesses

Birgit Cerha auf IFAMO

Eine Serie von Terrorattacken gegen das schwerbewachte Verteidigungsministerium in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa riss Donnerstag mehr fast 30 Menschen in den Tod. Das Selbstmordattentat, dem stundenlange schwere Gefechte folgten, trägt laut Terrorexperten den Stempel der „Al-Kaida in der Arabischen Halbinsel“ (AKAH), die fest in Arabiens ärmsten Land verankert ist.

Wiewohl seit vielen Monaten von jemenitischen Streitkräften, unterstützt durch den US-Geheimdienst und amerikanische Drohnenattacken schwer bekämpft, konnte AKAH ihre Mordkampagnen gegen Vertreter des Regimes entscheidend verstärken. AKAH kämpft für die Errichtung eines islamischen Kalifats auf der Arabischen Halbinsel und verbündete sich dabei auch mit einigen der mächtigen lokalen Stämme.

In Wahrheit freilich könnte die Täterschaft dieses seit langem schwersten Terroranschlags in dem von chronischer Gewalt geschüttelten Jemen vielleicht nie geklärt werden. Denn gewalttätige Gruppen, die das Übergangsregime von Präsident Abdu Rabu Mansour Hadi nicht zu kontrollieren vermag, gibt es im Jemen unzählige. Neben AKAH, die während der Turbulenzen der mehr als einjährigen Demokratie-Revolte gegen Diktator Ali Abdullah Saleh 2011 zwei Städte im Süd-Jemen für einige Zeit unter ihre Kontrolle zu bringen vermochte, übt sich die ihr ideologisch nahestehende Ansar al Sharia in blutiger Gewalt. Zugleich führen Regierungstruppen Gefechte gegen regionale Rebellen im Süden und im Norden, sowie gegen die mächtigen Stämme. Gewalt zählt im Jemen zum Alltag.

Dennoch sticht der Anschlag auf das Verteidigungsministerium nicht nur durch das Ziel und Ausmaß hervor. Er trifft den Jemen in einem besonders kritischen Moment seiner politischen Übergangsphase. Als Millionen von Jemeniten am 27. Januar 2011 ihren „arabischen Frühling“ mit täglichen Protesten gegen die 33-jährige Diktatur, Korruption und den Nepotismus Salehs begannen, lebte die Hoffnung auf Wandel von einem von einer korrupten, von ausländischen Mächten abhängigen Elite beherrschten Land zu einem Staat, der den Wünschen und Zielen seiner Bürger dient auf. Doch nach langem politischen Stillstand, der den Großteil des Landes gegen Saleh vereinte, gelang es den Golfstaaten Anfang 2012, den Diktator zur Machtübergabe zu bewegen. Saleh trat ab, doch seine mächtige Familie, deren Verbündete und Nutznießer bleiben fest im System verankert. Mansour Hadi, zum Leiter einer zweijährigen Übergangsperiode gewählt. Ist kein Revolutionär, wiewohl er sich ernsthaft, doch mit nur mäßigem Erfolg, bemüht, Salehs Einfluss in den staatlichen Institutionen auszumerzen. Salehs Anhänger bleiben immer noch mächtig und die herrschende Schichte schlägt immer kräftiger zurück, um sich die Macht wieder voll zu sichern. Die Ziele der Revolution rücken in immer weitere Ferne.

Hauptziel der Anhänger Salehs, die – so fürchten viele seiner Gegner – die Rückkehr des Diktators vorbereiten – ist die am 18. März einberufene „Konferenz der nationalen Versöhnung“, deren Aufgabe die Erarbeitung einer neuen Verfassung und die Organisation von Präsidentschaftswahlen im Februar 2014 ist. Doch die 565 Mitglieder der verschiedensten Stämme, religiösen, regionalen und politischen Gruppierungen und er Zivilgesellschaft konnten ihre schweren Differenzen nicht überwinden. Die in den vergangenen zwei Jahren wesentlich gestärkte separatistische Bewegung des Südens verließ in Protest die Konferenz, während Salehs Anhänger alles daran setzen den Erfolg dieser Versammlung zu sabotieren. Die schweren internen Konflikte ermöglichen es dem Saleh-Clan und dessen Vertrauten, ihren Einfluss wieder zu stärken und zugleich durch Gewaltakte das Vertrauen zu den neuen Führern zu untergraben. Jüngst klagte sogar der UN-Gesandte für den Jemen, Jamal Benomar, offen, dass diese Elemente „zu einer ständigen Quelle der Instabilität“ geworden seien. Einige Regierungsmitglieder sind überzeugt, dass die Täter des Anschlags auf das Verteidigungsministerium in ihren Reihen zu suchen sind.

„Jemen, das geplünderte Land“

Martin Gehlen im Tagesspiegel

Terror, Korruption, Gewalt: Kaum ein Staat der Welt ist so zerrissen wie der Jemen. Heute beginnt die Großkonferenz „Nationaler Dialog“, die retten soll, was noch zu retten ist.

Aufgedunsen hängt der rechte Arm herunter, über den Rücken ziehen sich schwarze Brandstreifen, ein Ohr ist angekohlt, allein die linke Hand gestikuliert im Takt der Verse. „Revolution des Lebens“ – das Gedicht hat ihn unter den jungen Aufständischen im Jemen berühmt gemacht. „Wir werden nie mehr vor irgendjemandem auf die Knie gehen“, rezitiert Muneef al Zubeiri mit fester Stimme, mühsam aufgerichtet an der Kante seines Krankenbetts. „Denn wir sind stolz, auch wenn wir verhungern, auch wenn wir gegen Feuer und Flammen kämpfen müssen.“ Für einen Moment herrscht Stille in dem engen Dreibettzimmer des Gumhuria-Krankenhauses in Sanaa.

Es riecht süßlich und stickig. Der Mitpatient, dem eine explodierende Kochgasflasche Brust und Beine verschmort hat, hört auf zu stöhnen. Der junge Arzt lässt die Tube mit der Brandsalbe sinken, mustert seinen schwer gezeichneten Dichterpatienten, der sich drei Tage zuvor mit Benzin übergossen und angezündet hatte, mit irritiert-bewunderndem Blick. Von draußen fällt strahlendes Morgenlicht durch das kleine Fenster.

Tagelang habe er mit sich gerungen, sagt Muneef al Zubeiri, einer der populärsten Poeten des Arabischen Frühlings im Jemen. Musiker vertonten seine Verse, im ganzen Land sangen junge Aufständische sie als Hymnen im Kampf gegen Langzeit-Machthaber Ali Abdullah Saleh. Normalerweise wartet der 33-Jährige Panzermotoren bei der Armee. An diesem Februartag aber ging er in der Mittagspause zum Sitz des Ministerpräsidenten auf dem Al-Qaa-Platz, wo seit fast zwei Wochen Schwerverletzte der Revolution im Hungerstreik sind, weil ihnen eine medizinische Behandlung im rettenden Ausland versprochen worden und seit Monaten nichts geschehen war. „Wir wollen eine zweite Revolution“, hörten ihn Augenzeugen plötzlich aus Leibeskräften brüllen, bevor sein Körper in einer Riesenflamme verschwand – genauso wie vor zwei Jahren in Tunesien der Gemüsehändler Mohamed Bouazizi, dessen Verzweiflungstat den Arabischen Frühling auslöste. Auch Muneef al Zubeiri setzte etwas in Gang. Innerhalb von Tagen erhielten zehn von Jemens Härtefällen endlich die Flugtickets zu Krankenhäusern in Deutschland und auf Kuba.

Ansonsten sind die Zelte der Revolutionäre schon lange aus dem Zentrum von Sanaa verschwunden, auf dem sogenannten Platz der Veränderung herrscht wieder geschäftiger Alltag. Ein Jahr lang hatten Jemens Aufständische hier zu Tausenden gelagert, Scharfschützen und Regierungsschlägern genauso getrotzt wie Kälte, Regen und brütender Hitze. Dann endlich gab der seit 33 Jahren herrschende Ali Abdullah Saleh auf, wich zurück vor der Unbeugsamkeit seiner jungen Kontrahenten und dem politischen Druck der benachbarten Golfstaaten, um ein Haar zerrissen durch eine Bombe, die Attentäter in seiner Palastmoschee deponiert hatten. Seitdem verbirgt der Ex-Präsident die verstümmelten Hände in Wollhandschuhen. Seine zerfetzte Hose sowie Devotionalien seiner wunderbaren Errettung lässt er in einem kleinen Pavillon im Stadtzentrum zur Schau stellen. Jeden Vormittag hält der 70-Jährige in seinem Prunkanwesen mit weitläufiger Gartenanlage Hof, nachmittags folgen drei Stunden Krafttraining und Physiotherapie, wie er kürzlich einer saudischen Zeitung verriet.

Ansonsten zieht er nach wie vor die Strippen in Jemens Politik, als wäre nichts geschehen. Unangefochten amtiert er weiter als Chef seiner alten Regimepartei „Nationaler Volkskongress“ und verfügt über „Geld ohne Ende“, wie ein westlicher Diplomat formuliert. Zwischen zehn bis zwanzig Milliarden Dollar soll er als Staatschef auf die Seite geschafft haben, ein dichter Filz aus Macht, Reichtum, Familienbanden und Günstlingswirtschaft, gegen den seine Gegner bisher machtlos sind. Jeden Freitag versammeln sie sich nach wie vor zum Massengebet auf der vierspurigen Schara Sitteen. Eisverkäufer auf China-Fahrrädern kreisen durch die fromme Menge, Händler bieten Kakteenfrüchte feil und rosa Zuckerwatte in länglichen Tüten. „Die ganze Welt soll hören – wir wollen Demokratie“, skandieren die Menschen und: „Endlich Schluss mit der Korruption.“

Fakrir al Asbahi ist schwarz verhüllt bis auf einen schmalen Augenschlitz, trägt eine knallrote Baseball-Kappe. Im Arm hält sie eine Mappe mit dem Foto ihres getöteten Bruders Nasr. Vier Kugeln eines Scharfschützen töteten ihn, als er einen Verwundeten bergen wollte. „Unser großes Ziel haben wir bisher nicht erreicht“, sagt die 37-Jährige, Worte, bei denen ihr die Hände zittern. „Wir wollen einen modernen Staat, Gerechtigkeit und Sicherheit.“

Doch was diese Begriffe im heutigen Jemen bedeuten, weiß niemand. Zu viele Kräfte sind am Werk, zerren in alle Richtungen. „Nationaler Dialog“ heißt jetzt die neue politische Zauberformel: Am heutigen Montag beginnt Jemens Großkonferenz, das historische Projekt von Salehs Nachfolger, dem vor einem Jahr per Volksentscheid ins höchste Staatsamt gekommenen Präsidenten Abdu Rabbu Mansour Hadi. Doch der Neue zaudert und scheut die Öffentlichkeit, versteckt sich meist mit wenigen Getreuen hinter acht Meter hohen Mauern und Sichtblenden. Seine Macht reiche nicht einmal zwei Kilometer über sein Palastareal hinaus, spottet Friedensnobelpreisträgerin Tawakkul Karman, die Hadi ansonsten für eine ehrliche Haut hält. Die Tagesordnung des „Nationalen Dialogs“ ist hoffnungslos überfrachtet – neue Verfassung und neues Wahlgesetz, neue Struktur für die gespaltene Armee, Entrümpelung des öffentlichen Dienstes und Kampf gegen Al Qaida, Sezessionsbewegung im Süden und Houthi-Aufstand im Norden. Alle Beschlüsse brauchen eine 90-Prozent-Mehrheit der 565 Delegierten – ein Veto-Modus, der endlose Palaver und politisches Dauertaktieren verspricht, nur keine tragfähigen Entscheidungen.

Derweil drohen die Zentrifugalkräfte den Jemen zu zerreißen. Im Norden streben die schiitischen Houthis nach mehr Autonomie, unterstützt vom Iran. Zu Zeiten Salehs haben sie sechs Bürgerkriege gegen die sunnitische Zentralregierung in Sanaa geführt. Jetzt lassen sie in ihren Hochburgen demonstrativ uniformierte Marschkolonnen nach Hisbollah-Manier durch die Straßen paradieren. Der Süden will mit solch fanatischer Wucht raus aus dem gemeinsamen Staat, dass dies zu Krieg führen könnte. Mauern und Haustüren in der Südmetropole Aden sind bedeckt von Sezessionsflaggen mit tiefblauem Dreieck. „Aden verblutet“ steht an die Wände gesprüht.

Die Verfehlungen des Nordens

Wichtiger politischer Kopf des Hirak, wie sich die Autonomiebewegung seit 2007 nennt, ist Mohammed Haidara Masdous, Anfang der 90er Jahre war er Vizeregierungschef, später Gouverneur der Provinzen Abjan und Lahj. Er empfängt seine Besucher barfuß und in traditioneller Kleidung. Vor ihm auf dem Sitzkissen liegt ein Smartphone, das sich ständig mit gedämpftem Summen meldet. Kein Tag vergeht ohne Morddrohungen per SMS.

Wie eine Litanei zählt der 66-Jährige, der einst in Moskau Philosophie studierte, die Verfehlungen des Nordens bei der Wiedervereinigung 1990 auf, die vier Jahre später mit einem kurzen blutigen Krieg besiegelt wurde. Die Bodenschätze seien geplündert worden, die Fabriken zerstört, die Währung abgeschafft. Tausende Offiziere der Armee hätten Einkommen und Pensionen verloren, 20 000 Grundstücke seien enteignet worden, Süd-Jemeniten bis heute in der Politik und Verwaltung diskriminiert. „Wir wollen unser gestohlenes Eigentum zurück und einen Dialog auf Augenhöhe“, sagt er – Forderungen, die manche besonnene Politiker aus dem Norden als durchaus berechtigt anerkennen. Trotzdem will Masdous nichts wissen vom „Nationalen Dialog“. Denn der würde die Zwangsvereinigung des Jemen nur nachträglich legitimieren, wie er sagt.

„Keine Stabilität und keine Sicherheit ohne die Wiederherstellung von Südjemen“, brüllen die Demonstranten auf dem Tawahi-Platz im Stadtzentrum. Alle vereint inbrünstiger Hass auf den Norden. „Wir sind zivil, die sind religiös. Wir sind modern, die laufen noch mit Stammeshirn herum“, deklamiert jemand mit sich überschlagender Stimme. Egal ob Armut, schlechte Ernten, Stromausfälle oder Al Qaida, an allem ist in ihren Augen der Norden schuld. Nach Einbruch der Dunkelheit entlädt sich die kollektive Erregung in Gewalt. Sicherheitskräfte eröffnen das Feuer, an diesem Abend sterben zwei Menschen, an anderen Tagen sind es noch viel mehr. Der politische Terror der einstigen prosowjetischen Herrscher, die Schlangen vor den Lebensmittelläden und jahrelangen Bespitzelungen sind dagegen 23 Jahre nach dem Untergang der Republik Südjemen hinter einem rosa Vorhang nostalgischer Erinnerungen verschwunden.

Im entfernten Sanaa dagegen macht sich Dichter Muneef al Zubeiri auf eine ganz eigene Reise in die Vergangenheit. Es geht ihm langsam besser. Die durch seine Selbstverbrennung erzwungene Rettung der Schwerverletzten hat ihn aufgerichtet. Zeit, an sein großes Vorbild Günter Grass zu denken. „Durch ihn habe ich meine Liebe zur Poesie entdeckt“, sagt er. Einmal, 2004 auf einer Lesung in Sanaa, ist er dem deutschen Literaturnobelpreisträger begegnet. Heimlich habe er sich damals aus der Kaserne geschlichen, um rechtzeitig im Kulturzentrum zu sein. Dass er hätte sterben können in seiner Flammenhölle, weiß er. Irgendwann will er ein Gedicht schreiben über seine Beinahe-Selbstzerstörung. Aber noch sind die Wörter in seinem Kopf wie ausradiert – „ich bin einfach zu verwirrt“, murmelt er. So wie seine Heimat Jemen.

AI zur Situation im Südjemen

Krone Zeitung

14 Monate lang war die jemenitische Provinz Abiyan unter der Kontrolle eines Arms der Al- Kaida, nun deckt ein Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International die Gräueltaten der Terrororganisation an der Bevölkerung auf.

Eine „Menschenrechtskatastrophe“ habe sich abgespielt, so Amnesty, es sei zu „entsetzlichem Missbrauch“ wie Kreuzigungen, öffentlichen Exekutionen, Amputationen und Auspeitschungen gekommen.Zwischen Februar 2011 und Juni 2012 war die südliche Provinz des Jemen in der Hand der Ansar al- Sharia, einem Ableger der Al- Kaida. Möglich war das nicht nur aufgrund von Waffengewalt, in einigen Gegenden waren die Kämpfer anfangs gern gesehen. Schließlich konnten sie helfen, wo der überforderte Staat seine Bürger über Jahre allein gelassen hatte: „Sie schafften ihr eigenes Polizeisystem, ihr eigenes Gerichtssystem“, so Jemen- Experte Gregory Johnsen gegenüber CNN . „Sie fingen an, Brunnen zu graben, elektrische Leitungen in Dörfer zu verlegen, wo nie zuvor welche gewesen waren, die im Grunde von der jemenitischen Regierung jahrzehntelang ignoriert worden waren.“

Doch je länger die Al- Kaida- Kämpfer geblieben seien, desto unbeliebter hätten sie sich gemacht, so Johnsen. Vor allem ihre drakonischen Strafen versetzten die Bevölkerung in Angst und Schrecken, wie Amnesty im Bericht „Conflict in Yemen: Abyan’s Darkest Hour“ nun schildert.

Kreuzigungen und öffentliche Exekutionen
Ein Mann, dem Spionage für die USA vorgeworfen wurde, etwa sei getötet und danach gekreuzigt worden. Der verrottende Körper sei als Warnung tagelang im Freien gelassen worden, wie ein Video beweise. Ebenfalls auf Band festgehalten habe man, wie ein gefesselter Mann mit Augenbinde auf einem öffentlichen Platz für die Exekution vorbereitet wurde – er habe für Saudi- Arabien spioniert, so der Vorwurf der Al- Kaida.

Angebliche Hexe geköpft
Aber nicht nur – angebliche oder echte – Spione wurden getötet, eine Frau sei unter dem Vorwurf der Hexerei geköpft worden, so Amnesty. Auf einem Video sei zu sehen, wie ihr abgetrennter Kopf anschließend durch die Straßen getragen wurde. Einem jungen Mann, der des Diebstahls bezichtigt wurde, wiederum hätten die Al- Kaida- Mitglieder öffentlich die Hand amputiert. Zuvor sei er fünf Tage lang eingesperrt und geschlagen worden, so sein Bericht. Ein Video soll zeigen, wie ihm unter Narkose die Hand abgenommen wurde, die anschließend unter „Gott ist groß“– Schreien der Menge präsentiert wurde.

Menschenrechtsverletzungen auch von Armee
Doch die Bevölkerung habe seit der Machtübernahme der Ansar al- Sharia nicht nur unter den Terroristen, sondern auch den Rückgewinnungsmaßnahmen der jemenitischen Regierung gelitten, so Amnesty. Seit dem Mai 2011 gab es immer wieder blutige Kämpfe, bei denen „beide Seiten internationale Menschenrechte verletzten“, berichtet Cilina Nasser von Amnesty. Die Armee habe die Einwohner „rücksichtslos Gefahren ausgesetzt“, zahlreiche Zivilisten – darunter auch Kinder – seien getötet und etwa 250.000 aus ihrer Heimat vertrieben worden.

Die jemenitische Regierung hat nun versprochen, den Amnesty- Bericht genau zu studieren. Sie bemühe sich, Menschenrechte zu fördern und zu schützen, so ein Sprecher der jemenitischen Botschaft in Washington.

Massendemo verlangt Prozess gegen Saleh

Zehntausende fordern in Jemen Prozess gegen Saleh
NZZ

Zehntausende von Menschen haben in Jemen am Freitag bei landesweiten Protesten die Aufhebung der Immunität von Ex-Präsident Ali Abdullah Saleh gefordert. In Sprechchören verlangten sie, Saleh wegen der Todesopfer während des ein Jahr lang dauernden Aufstands vor Gericht zu stellen. Nach 33 Jahren an der Macht trat Saleh im Februar angesichts der Proteste zurück, sein Nachfolger wurde Abed Rabbo Mansur Hadi. Im Gegenzug für den Amtsverzicht liess sich Saleh Immunität zusichern. Allerdings hat er Jemen bis jetzt nicht verlassen, was Beobachter für die andauernden Unruhen im Land verantwortlich machen.