Tag-Archiv für 'jordanien'

Wir sehen uns…

(streetart aus Kairo)

Ich bin der Engel der Verzweiflung

Mit meinen Händen teile ich den Rausch aus

die Betäubung, das Vergessen, Lust und Qual der Leiber

Meine Rede ist das Schweigen, mein Gesang der Schrei

Im Schatten meiner Flügel wohnt der Schrecken

Meine Hoffnung ist der letzte Atem

Meine Hoffnung ist die erste Schlacht

Ich bin das Messer mit dem der Tote seinen Sarg aufsprengt

Ich bin der sein wird

Mein Flug ist der Aufstand, mein Himmel der Abgrund von morgen

Heiner Müller

Wir machen Schluss. Nach über drei Jahren, über zweihundert selbstrecherchierten, übersetzten, selbstgeschriebenen Artikeln. Nach um die 5000 gespiegelten Artikeln aus linken und mainstream Medien. Leider viel zu häufig aus mainstream Medien, weil es einfach nichts anderes Brauchbares gab.
Häufig waren wir übermüdet und gestresst, manchmal euphorisch, manchmal haben wir geweint. Wir haben um Homs geweint, wir haben um unsere GefährtInnen in Kairo geweint. Wir haben viel zu selten und doch viel zu viel geweint.

Was als allgemeiner Aufbruch begann, der eine ganze Region erschütterte, ist heute…..
Wir sagen nicht, dass wir wissen, was kommt, wir teilen diese Anmaßung nicht.
Mubarak galt als unstürzbar, dann hiess es Assad sitze felsenfest im Sattel, es gebe praktisch keine Oppposition im Lande…
Vielleicht wird die nächste Preiserhöhung in Ägypten das Regime wegfegen, vielleicht wird der neue Pharao Jahrzehnte herrschen.

Wir haben unglaublich viel gelernt – wir sind dankbar dafür. Der linke Kanon ist zu Ende. Viele wollen das nicht sehen, nicht wahrhaben. Die Geschichte der Klassenkämpfe ist fast so alt wie die Menschheit, sie wird andauern, aber entweder wir lassen uns auf das Wagnis ein, uns unbequemen Wahrheiten und Widersprüchen zu stellen oder wir werden wie bockige Kinder am Rande der Geschichte quengeln, da sich die Welt nicht um uns dreht.

Wir sind überrascht, dass immer noch soviele Leute diesen blog nutzen, obwohl die Entwicklung in der Region sowohl in den mainstream Medien als auch in der Linken kaum noch eine Rolle spielt. Das hat uns lange dazu bewogen, den blog weiter zuführen, obwohl wir dadurch zu etwas geworden sind, was wir nie sein wollten: Spezialisten. So haben wir mehrmals den Versuch unternommen, dieses Projekt zu beenden. Dann passierte etwas und wir haben es nicht ausgehalten, nichts dazu zu schreiben.
Jetzt wagen wir den endgültigen Absprung.

Wir danken allen, die uns unterstützt haben. Wir danken unseren GefährtInnen von Kairo bis Soran, dass sie unser Leben so unglaublich bereichert haben. Wir hoffen, ihr vergesst diese Leute auch nicht.

Wir sind weiterhin über unsere Kontaktadresse erreichbar. Der blog bleibt als Archiv bestehen.

Um outro mundo é possível

recherchegruppe aufstand

„Zweckbündnisse mit ISIL“

In Jordanien treffen sich sunnitische Stämme aus dem Irak, Milizenführer und ehemalige Baathisten, um den Widerstand gegen Premierminister Maliki und eine „Revolutionäre Nationale Irakische Armee“ auszurufen

Thomas Pany auf telepolis, dort mit den Verlinkungen im Artikel

Die lange Geschichte der oft fragilen Zweckbündnisse im Nahen Osten setzt sich fort. In der jordanischen Hauptstadt Amman trafen sich am Mittwoch – nach Angaben der vom saudischen Königshaus finanzierten Zeitung Asharq Al-Awsat – 250 Personen im Namen einer „Revolution gegen den irakischen Ministerpräsidenten al-Maliki“: Stammesvertreter, Milizenführer und führende Mitglieder der Baathpartei unter Saddam Hussein.

Einigkeit herrschte unter den diversen Gruppierungen im gemeinsamen Ziel der Gegnerschaft zu al-Maliki „und seinen iranischen Unterstützern“; Auswahlkriterium für die eingeladenen sunnitischen Stämme war, dass sie nicht im politischen Prozess der Zeit nach Saddam Hussein involviert waren. Ob das auch für jene sunnitischen Stämme gilt, die mit den USA kooperierten, um gegen al-Qaida zu kämpfen („Sahwa“, siehe Das große „Erwachen“ im Irak), geht aus dem Bericht nicht deutlich hervor. Dass die Führer der Sahwa-Bewegung in ihrer Verärgerung über Malikis Politik gegenüber den Sunniten die neuesten Entwicklungen nicht ohne Sympathie verfolgen, ist hier zu sehen.

Wie fließend dabei die Abgrenzungen verlaufen, zeigt sich allein schon daran, dass im Bericht der saudischen Zeitung einerseits Teilnehmer des Treffens damit zitiert werden, dass man keine Verbindungen zur ISIS (jetzt IS, siehe ISIL erklärt neues Kalifat für alle Muslime) habe, anderseits aber darauf hingewiesen wird, dass einige der Gruppen an der Seite der ISIS gekämpft hätten, auch wenn sie nun betonten, dass sie keine formellen Verbindungen oder Zugehörigkeiten zur ISIS haben.

Laut einem Bericht der Jordan Times über das Treffen hat man zwar noch keinen Namen für die neue Oppositionskoalition gefunden, aber man habe eine Übereinkunft darüber erzielt, alle „Rebellentruppen“ der Leitung von Armeeführern aus der Regentschaft Saddam Husseins zu unterstellen, um eine „Revolutionäre Nationale Irakische Armee“ zu bilden.

Der Bericht stellt fest, dass die Teilnehmer der Konferenz „keine verbindliche, einheitliche Entscheidung“ über die künftigen Beziehungen zur ISIL treffen konnten. Einflussreiche Stammensführer sollen sich dafür ausgesprochen haben, die Verbindungen zur ISIL zu halten, da diese „über mehr Waffen und finanzielle Unterstützung verfüge als die sunnitische Opposition.

Angeblich sollen der neuen oppositionellen Allianz 90 Prozent der Stämme und Rebellengruppen im Irak angehören. Beschlossen wurde ein nächstes Treffen der „nationalen Konferenz“ in Amman im August, zu dem 1.000 Teilnehmer der irakischen Opposition erwartet werden.

Die Lage im Nahen Osten wird damit nicht unbedingt übersichtlicher, nachdem Jordanien von den USA, Saudi-Arabien und anderen Freunden Syriens schon seit längerem als Basis erkoren wurde (USA und Saudi-Arabien: Mehr Unterstützung für die syrischen Rebellen), um von dort aus den bewaffneten Widerstand gegen Syriens Präsidenten Baschar al-Assad zu unterstützen. Ziel war es, von dort aus, als Gegengewicht zu den Dschihadisten im Norden Syriens, eine Süd-Front-Opposition aus „moderaten“ Kräften aufzubauen.

„Israel unterstützt Kurden und Jordanier bei Kampf gegen Isis“

Der Standard

Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu hat Unterstützung seines Landes für die Unabhängigkeitsbestrebungen der Kurden im Irak und für den Kampf Jordaniens gegen „islamischen Extremismus“ zugesagt. „Wir müssen die Anstrengungen der internationalen Gemeinschaft fördern, Jordanien zu stärken, und wir unterstützen das Streben der Kurden nach Unabhängigkeit“, sagte er am Sonntagabend in Tel Aviv.

„Meines Erachtens ist es unser gemeinsames Interesse sicherzustellen, dass ein gemäßigter, stabiler Staat wie Jordanien sich verteidigen kann“, fügte Netanjahu vor einer Expertenrunde des Instituts für Studien zur Nationalen Sicherheit hinzu. „Wir müssen in der Lage sein, den Terrorismus und Fundamentalismus, der uns von Osten bedroht, am Jordanfluss zu stoppen und nicht erst in den Vororten von Tel Aviv“, das an der Mittelmeerküste liegt. Der Ministerpräsident sprach sich zudem für ein unabhängiges Kurdistan im Nordosten des Irak aus, wo kurdische Milizen gegenwärtig für den Kampf gegen die Isis-Kämpfer mobilisiert werden.

Gerüchte um US-amerikanische Unterstützung

In der vergangenen Woche war in Medien Israels und der USA berichtet worden, beide Länder würden der jordanischen Regierung auf deren Anforderung hin militärisch zur Seite stehen, falls Extremisten das Land angreifen sollten. Offizielle Bestätigungen für solche Zusagen gab es nicht.

In Teilen Syriens und des Irak hatte die radikalsunnitische Gruppierung Isis in den vergangenen Wochen ihren Machtbereich stark ausgeweitet und ein „Kalifat“ ausgerufen. Experten erwarten, dass Isis bald versuchen wird, auch Jordanien zu destabilisieren, um dort Fuß zu fassen.

„Flucht: Ohne Aussicht auf ein Ende“

Ein Beitrag von Vera Jeschke in der aktuellen Ausgabe der iz3w, die gerade erscheinen ist und die wir hiermit ausdrücklich bewerben.

Der blutige Konflikt in Syrien hat die größte humanitäre Katastrophe der vergangenen zehn Jahre verursacht: Etwa neun Millionen Menschen sind auf der Flucht, mehr als 160.000 Menschen sind bisher ums Leben gekommen. Hunderttausende sind verletzt, verstümmelt, traumatisiert, heimatlos. All das wirkt auch auf die soziale Realität in den Nachbarländern Jordanien und Libanon.

Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) hat bis dato rund 2,77 Millionen Flüchtlinge aus Syrien in den Nachbarländern registriert, täglich werden es mehr. Der Libanon hat mit 1,09 Millionen Flüchtlingen die meisten Menschen aufgenommen, gefolgt von der Türkei mit rund 770.000, Jordanien mit knapp 600.000 und dem Irak mit 225.000 Personen.

Die meisten dieser geflüchteten Personen leben außerhalb der bekannten, offiziellen Lager, in gemietetem Wohnraum, Garagen, Baracken, Bauruinen, in Sammelunterkünften, Moscheen, kirchlichen Einrichtungen, in informellen Zeltlagern auf gepachtetem Grund ohne jegliche Infrastruktur oder gar auf der Straße. Die Wohlhabenden unter ihnen sind längst in westliche Drittstaaten weitergezogen. Die überwältigende Mehrheit derer, die zurückbleiben, verfügt jedoch über keinerlei Rücklagen mehr. Im Libanon sollen die durchschnittlichen Lebenshaltungskosten für eine Flüchtlingsfamilie bei etwa 775 Dollar pro Monat liegen. Sie sind daher auf Hilfsorganisationen oder Philanthropen angewiesen, versuchen, sich auf einem vor dem Überangebot an billigen Arbeitskräften zusammengebrochenen Arbeitsmarkt wenigstens als TagelöhnerInnen zu verdingen, nehmen jeden noch so würdelosen Job an, verkaufen ihre Kinder oder ihren Körper. Mädchen werden früh verheiratet, nur um eine Esserin weniger durchfüttern zu müssen; schon die kleinen Kinder betteln, verkaufen Taschentücher an Passanten oder wischen Autoscheiben in den von Abgasen verpesteten endlosen Staus zur Rush Hour in Beirut.

Überlastete Schulsysteme

Nur ein kleiner Teil der Flüchtlingskinder in den Nachbarländern Syriens hat das Glück, eine Schule zu besuchen. Das öffentliche Bildungssystem im Libanon und in Jordanien ist doppelt belastet: Vormittags werden die einheimischen Kinder unterrichtet, in Nachmittagsschichten soll es regulären Unterricht für hunderttausende syrische Kinder und Jugendliche anbieten, dazu Nachhilfekurse für diejenigen, die kriegsbedingt noch nie eine Schule besucht oder Jahre ihrer Schulbildung versäumt haben. Gleichzeitig fallen immer mehr einheimische Familien durch steigende Preise, hohe Inflation, sinkende Löhne und die Verdrängung aus dem ersten Arbeitsmarkt in Armut. In manchen Arbeitsbereichen im Libanon sind die Löhne für einfache Tätigkeiten seit Beginn der Syrienkrise um 30 bis 50 Prozent gesunken. Folglich können es sich viele nicht mehr leisten, ihre Kinder in die privaten und halbstaatlichen kostenpflichtigen Bildungseinrichtungen zu schicken, die in den arabischen Ländern die Voraussetzung für eine gute Ausbildung und gesellschaftlichen Aufstieg sind. Auch sie drängen also ins öffentliche Schulsystem.

Ähnlich ist es um das Gesundheitswesen bestellt: Die staatlichen Systeme sind in vielen Bereichen nicht mehr in der Lage, die Grundversorgung sicherzustellen. Selbst einfache Behandlungen und Routineeingriffe wie Kaiserschnitte oder eine regelmäßige Dialyse sind nur bei kostspieligen privaten Einrichtungen zu erhalten. Medikamente, Verbandsmaterial, Prothesen, Gehhilfen und Rollstühle werden zum Luxus. Auch wenn der UNHCR im Libanon entlang definierter Kriterien anteilige Behandlungskosten für syrische Flüchtlinge übernimmt, bleiben doch die meisten Hilfebedürftigen auf ihren Kosten sitzen. Oder sie können sich eine Therapie eben nicht leisten. Viele inkontinente und pflegebedürftige Menschen leben unter katastrophalen hygienischen Bedingungen, schon harmlose Erkrankungen können zum Tod führen.

Die internationalen Hilfswerke tun viel, um das Leid zu lindern und haben im vergangenen Jahr dazu beigetragen, dass Zehntausende syrische Flüchtlinge Schutz und Aufnahme fanden, mit Wasser, Nahrung, Haushaltsutensilien und Hygieneartikeln versorgt wurden und Zugang zu medizinischer und therapeutischer Behandlung erhielten. Dennoch klafft eine gigantische Lücke zwischen der unvorstellbar hohen Zahl an Hilfebedürftigen und den geleisteten Hilfen.

Unsicherheit bleibt

Im Libanon stammt bereits mindestens jeder vierte Mensch aus Syrien, in absehbarer Zeit wird es jeder Dritte sein. Zur einen Million dort offiziell registrierter Flüchtlinge kommen saisonale ArbeitsmigrantInnen hinzu, die bereits in der Vergangenheit in Landwirtschaft, Bauwesen und Tourismus tätig waren und das erwirtschaftete Geld nach Syrien schickten. Sie haben mehrheitlich ihre Familien nachgeholt, können den im Vergleich zu Syrien hohen Lebenshaltungskosten im Libanon und den wegbrechenden Einkünften jedoch nicht standhalten und gleiten in die Armut ab.

Andere Gruppen wie die sogenannten »afraid minorities« lehnen eine offizielle Registrierung beim UNHCR ab. Im Gegensatz zu vielen anderen arabischen Ländern konnten beispielsweise ChristInnen in Syrien ihre Religion in relativer Freiheit ausüben, gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch aufsteigen und höchste Positionen bekleiden. Viele von ihnen gehörten zur Mittelschicht und verfügten über eine überdurchschnittliche Bildung. Das Regime des Assad-Clans gewährte ihnen Stabilität und Sicherheit, sie im Gegenzug öffentliche Regimetreue. Als Flüchtlinge in den Nachbarländern befürchten sie nun, als Kollaborateure, Profiteure oder wenigstens als Steigbügelhalter des Assad-Regimes zu gelten und von AnhängerInnen der Opposition angegriffen zu werden. Wieder andere lassen sich nicht registrieren, da sie als Oppositionelle den langen Arm des syrischen Geheimdienstes fürchten, Angehörige schützen wollen, die nach wie vor in Syrien ausharren oder selbst zurückkehren wollen, sobald sich die Lage beruhigt.

In Jordanien erscheint die Lage weniger prekär: Das Zahlenverhältnis zwischen der einheimischen Bevölkerung und den syrischen Flüchtlingen ist nicht ganz so eklatant wie im Libanon. Jordanien erfreut sich einer relativ guten Infrastruktur, eines im Großen und Ganzen funktionierenden Staatswesens mit Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen, guten Straßen, modernen Supermärkten und hippen Cafés. Selbst IKEA hat dort mittlerweile eine erste Filiale eröffnet.

Die relative Ordnung und Sicherheit fordert jedoch ihren Preis: Militär, Polizei und Geheimdienste überwachen den Staat und seine BewohnerInnen. Kontinuität wird durch das haschemitische Königshaus, nicht durch die jederzeit austauschbaren Regierungen gewährleistet. Und: Jordanien ist eines der wasserärmsten Länder der Welt, die Bevölkerung siedelt vor allem im fruchtbaren Jordantal, im Großraum Amman und den nördlichen, da wasserreicheren Landesteilen. Etwa die Hälfte der Bevölkerung bestand vor Ausbruch der Syrienkrise aus palästinensischen Flüchtlingen. Nach wie vor halten sich auch Hunderttausende IrakerInnen in Jordanien auf. Im Grenzgebiet zu Syrien und dem Irak treibt seit einiger Zeit die ISIS – Islamischer Staat im Irak und in der Levante – ihr Unwesen, eine als extremistisch-terroristisch einzustufende Organisation, die ein islamisches Kalifat errichten will, das die Länder des so genannten »Fruchtbaren Halbmondes« vom Irak über Syrien, den Libanon, Jordanien und wohl auch Israel und Palästina umfassen soll. Seine Kämpfer rekrutiert ISIS primär in den Regionen, die sie dominiert, nimmt aber auch »Legionäre« aus allen möglichen Ländern auf. Die Grenzen zwischen Jordanien, Syrien und dem Irak verlaufen über Hunderte von Kilometern durch unbewohntes, nicht zu kontrollierendes Gebiet. Auch dies bedroht die Stabilität von Jordanien.

Ohne angemessene Worte

Im Libanon und in Jordanien, den beiden Ländern, die den schnellsten Zuwachs an Geflüchteten zu verzeichnen haben, mehren sich die Stimmen, die eine Rückkehr der SyrerInnen in sichere Gebiete in ihrem Heimatland fordern. Die gastgebenden Länder verausgaben sich: Subventionierte Leistungen wie Grundnahrungsmittel, Treibstoff, Strom, Wasser und die wenn auch unzureichende Versorgung mit Bildungs- und Basisgesundheitseinrichtungen treiben die Staatsverschuldung in die Höhe. Die Infrastruktur leidet in einer Weltregion, wo die adäquate Versorgung mit Waren und Dienstleistungen ohnehin eine Frage des Geldbeutels ist. Gelder für Investitionen fehlen, seit Jahren schon herrscht Wirtschaftsflaute in der Region. Die Umwelt wird schwer belastet und verschmutzt: Abwässer aus prekären und informellen Siedlungen versickern ungeklärt in der Landschaft, der Müll türmt sich am Straßenrand.

Dennoch: Enorm sind die Geduld, die im Libanon und in Jordanien bislang im Umgang mit den syrischen Flüchtlingen aufgebracht wurde, die Gastfreundschaft und Freigebigkeit, mit der viele, die selbst nur wenig haben, ihr Haus und ihre Familien öffnen. Manchmal nehmen sie Verwandte auf oder Bekannte, manchmal aber auch fremde Großfamilien, die sich mit einer ungewissen Zukunft vielleicht auf Jahre bei ihnen niederlassen. Die Miete wird über Monate gestundet, in der Gewissheit, dass wahrscheinlich nur ein kleiner Teil jemals beglichen werden wird.

Für die humanitäre Situation innerhalb von Syrien selbst gibt es kaum noch angemessene Worte: Jeder Zweite ist zum Überleben auf humanitäre Hilfe angewiesen, die viele Regionen jedoch nicht erreichen kann. 6,5 Millionen Menschen gelten als Binnenvertriebene. Viele von ihnen haben bereits mehrfach ihren Aufenthaltsort gewechselt – weil die eigene Bleibe zerstört oder unbewohnbar wurde, weil die Front näher kam, kein Wasser, kein Strom, kein Heizmaterial im Winter mehr vorhanden waren, weil die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln zusammengebrochen war, weil Gruppierungen die Vorherrschaft in einer Region übernommen haben, die der eigenen Identität keinen Raum lassen. Die großen Zahlen lenken ab vom Einzelschicksal.

Wer es noch erträgt, kann sich rund um die Uhr mit unmenschlichen Nachrichten von Verstümmelung, Folter, Grausamkeit, Hinrichtungen, Vergewaltigung, Hunger, Krankheit und Tod in Syrien konfrontieren. In vielen Flüchtlingshaushalten flimmern unablässig Berichte aus Syrien über überdimensionierte Bildschirme. Als ob der Krieg seine Opfer auch dann nicht entlässt, wenn sie ihm entronnen scheinen.

Vera Jeschke ist Islamwissenschaftlerin und arbeitet als Referentin bei Caritas international.

„Kerrys Rechnung geht nicht auf“

Grenzen fallen, Fronten bröckeln: Kerrys Plan, in Amman eine Allianz gegen die Isis zu schmieden, hat einen empfindlichen Dämpfer erhalten: Die Aufständischen kontrollieren mittlerweile das Grenzgebiet zu Jordanien.

Markus Bickel in der FAZ

Auch am Dienstagvormittag sind die Gespräche noch nicht beendet gewesen: Lokale sunnitische Stammesführer verhandeln weiter mit Isis-Kämpfern über die Zukunft des einzigen offiziellen Grenzübergangs vom Irak nach Jordanien. Für die Regierung in Bagdad ist die Nachricht von dessen Verlust eine Katastrophe: Mit der Einnahme von Turabil durch die sunnitischen Aufständischen hat sie die Kontrolle über ihre Westgrenzen vollständig verloren. Weder an den drei Kontrollpunkten zu Syrien noch an dem zum haschemitischen Königreich haben staatliche Grenzer nun noch das Sagen.

Und es könnte noch schlimmer kommen: Der Südirak werde bald „den Start eines großen Aufstands gegen die Regierung von Ministerpräsident Nuri Maliki erleben“, sagte ein Führungsmitglied des Rats der Aufständischen der Stämme, Ahmad al Dabbash, der saudi-arabischen Tageszeitung „Al Sharq al Awsat“.

Zur Einnahme Turabils durch bewaffnete Gruppen sunnitischer Stämme, die sich der Offensive der Gruppe Islamischer Staat im Irak und (Groß-)Syrien (Isis) angeschlossen haben, kam es nur Stunden vor der Ankunft John Kerrys in Bagdad am Montagmorgen. Dass die Dschihadisten nun auch noch das Grenzgebiet zu Jordanien kontrollieren, konnte dem amerikanischen Außenminister nicht gefallen – war er doch kurz zuvor in Amman gewesen, um mit Offiziellen dort eine Anti-Isis-Allianz zu schmieden, an der einflussreiche Stammesführer und islamistische Konkurrenz-Milizen von Isis gegebenenfalls einen gewichtigen Anteil hätten.

Bündnis der Frustrierten

Die Rechnung geht bislang nicht auf – im Gegenteil. Das Stammesrats-Mitglied Dabbash sagte, dass die Aufständischen „innerhalb von zwei Tagen die Provinz Anbar kontrollieren“ würden. Kurz vor Beginn des Fastenmonats Ramadan am Wochenende wäre das neben Ninive im Norden die zweite Provinz, in der sich die Regierungseinheiten aus den größeren Städten vollständig zurückgezogen hätten. Bis zur Einnahme des Grenzpostens in Turabil und der auf der strategisch wichtigen Verbindungsstraße zwischen Amman und Bagdad gelegenen Stadt Rutbah hatten die Truppen Malikis wenigstens den Süden Anbars noch in ihrer Hand. Doch wie zuvor im Nordirak hat das Bündnis aus frustrierten Stammesführern, sunnitischen Milizen wie der Islamischen Armee und Profiteuren des alten Regimes Saddam Husseins die Vormacht der staatlichen Armee gebrochen.

Lediglich in der Nähe von Hawidscha beginnt die sunnitische Anti-Maliki-Allianz offenbar zu bröckeln. Fünfzig Kilometer westlich der Provinzhauptstadt Kirkuk lieferten sich am Montag den dritten Tag in Folge Isis-Milizionäre Kämpfe mit Angehörigen der Nakschbandi-Armee. Die Truppe setzt sich zusammen aus entlassenen Offizieren und früheren Kadern der Baath-Partei, die nach der amerikanischen Invasion 2003 entmachtet worden waren. In Hawidscha bilden sie den Kern des Aufstands gegen die Regierungstruppen.

Nach Angaben von Bewohnern stellt Isis nur fünf Prozent der neuen Verwalter des Orts, in dem Sondereinheiten Malikis im April 2013 ein Massaker an 42 Zivilisten verübten, die friedlich gegen die Politik des autoritären Machthabers demonstriert hatten. Danach radikalisierte und bewaffnete sich der Aufstand, dessen politische Ziele zwei Wochen nach Beginn der Isis-Offensive immer klarere Züge annehmen: „Föderalismus ist die Lösung unseres Problems“, sagte Stammesratsführer al Dabbash „Al Sharq al Awsat“ und forderte einen Autonomiestatus statt der Zentralherrschaft aus Bagdad: „Die Sunniten können sich selbst regieren, ebenso wie die Kurden und die Schiiten.“

„Jordanien – Krieg in der Nachbarschaft“

Der Vormarsch der Terrorgruppe Isis beunruhigt die Führung Jordaniens. Während der Arabellion war das Königreich noch ein stabiler Staat, doch nun droht ihm der Zusammenbruch.

Hans-Christian Rößler, Jerusalem in der FAZ

Der Vormarsch der Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und in (Groß-)Syrien (Isis) beunruhigt die Führung des haschemitischen Königreichs, das im Vergleich zu seinen unruhigen arabischen Nachbarländern bisher wie eine Insel der Stabilität wirkte. Die Grenze zum Irak ist nur 180 Kilometer lang. Aber auf der anderen Seite ist in der Provinz Anbar von den irakischen Sicherheitskräften nicht mehr viel übrig geblieben. Auch dort haben die Isis-Dschihadisten schon Fuß gefasst. Wie auch an der Grenze zu Syrien sind jordanische Armee und Grenzpolizei auf sich allein gestellt.

Zu einem Flüchtlingsansturm am einzigen Grenzübergang in Karama kam es bisher nicht. Die meisten Iraker flüchteten vor der jüngsten Isis-Offensive in den kurdischen Norden des Landes. Doch das könnte sich ändern, sollte die Schlacht um Bagdad beginnen. Während des Irak-Kriegs vor gut einem Jahrzehnt waren fast 800.000 Iraker nach Jordanien geflohen, wo sich nach UN-Angaben schon 600.000 syrische Flüchtlinge aufhalten.

Die Bedrohung durch radikale Islamisten ist sehr groß
Um sie aufzunehmen, musste im Mai ein zweites Lager geöffnet werden. Schon der Zustrom aus Syrien überfordert das kleine Land mit seinen gut sechs Millionen Einwohnern. Bislang gelang es den jordanischen Sicherheitskräften, die Grenze weitgehend unter Kontrolle zu halten und zu verhindern, dass radikale Islamisten sie überschreiten. Sollten jedoch auf einmal Tausende Iraker nach Jordanien drängen, könnten die Isis-Extremisten das Chaos nutzen, um eigene Kämpfer einzuschleusen.

Nach eigenen Angaben gründete die Terrororganisation in der vergangenen Woche ihren ersten Ableger in Jordanien. Aufgabe der Gruppe namens „Islamischer Staat in Jordanien“ mit 200 Mitgliedern ist es nach Agenturberichten, die Kämpfer in Syrien und im Irak mit Nachschub zu versorgen – zumindest vorerst. Früher oder später werde auch Jordanien Teil des entstehenden islamischen Kalifats, verkündete ein Isis-Mitglied in einem Internetforum.

In Jordanien nimmt man die Bedrohung durch radikale Islamisten sehr ernst. Es ist die Rede von mittlerweile mehr als tausend Jordaniern, die sich in Syrien dem Islamischen Staat und der dschihadistischen Nusra-Front angeschlossen haben. Viele von ihnen stammen aus der Stadt Zarqa, deren Name im benachbarten Irak bis heute schlimme Erinnerungen weckt. Abu Musab Zarqawi war der Anführer von „Al Qaida im Irak“, bis er 2006 von den Amerikanern getötet wurde. Die jordanischen Anhänger des Islamisten aus Zarqa hatten 2005 mit Selbstmordanschlägen auf mehrere Hotels in Amman vergeblich versucht, den Terror nach Jordanien zu bringen.

In letzter Zeit mehren sich die Anzeichen dafür, dass sich radikale Kräfte für einen neuen Kampf rüsten. Am 17. April musste die jordanische Luftwaffe eingreifen, um einen syrischen Konvoi zu zerstören, der angeblich Waffen nach Jordanien brachte. In Jordanien sei der Preis für ein Kalaschnikow-Schnellfeuergewehr von 2000 auf 500 Dollar gesunken, zitierte der Internetdienst Al Monitor ein Mitglied des jordanischen „Council for foreign relations“. Die Regierung sei beunruhigt über „Fälle von Infiltration“, gibt mittlerweile auch ihr Sprecher zu, ohne weitere Einzelheiten zu nennen.

Seit dem Beginn der Arabellion blieb das Königreich von Terror oder Unruhen verschont. Unter dem Eindruck des Bürgerkriegs in Syrien und des Umsturzes in Ägypten kam es nur vereinzelt zu Protesten und Demonstrationen. Doch die weitverbreitete Armut und eine hohe Arbeitslosenrate tragen offenbar zu einer Radikalisierung bei, die in diesem Frühjahr im strukturschwachen Süden zu beobachten war. Dort kam es in der Provinz von Maan zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten, nachdem ein junger Mann von Polizisten getötet worden war. Mehrere Tage brach die öffentliche Ordnung zusammen.

Früher war Maan, das an Saudi-Arabien grenzt, eine Hochburg der Muslimbrüder. Im Frühjahr wendeten sich jedoch immer mehr Leute dschihadistischen Salafisten zu, die die Unruhen aktiv unterstützten, wie von dort berichtet wurde. Zugleich haben offenbar auch die Sympathien für die Isis-Terroristen zugenommen. Im Internet tauchte ein Video auf, das die Gründung einer bewaffneten Gruppe nach Isis-Vorbild in Maan ankündigte. Neben einer Morddrohung gegen den jordanischen König Abdullah kursierte später in einschlägigen Foren ein Foto, das angeblich die schwarze Isis-Fahne im Zentrum der Stadt Maan zeigte.

„Gewaltlose Kritik am System: Straßentheater in Amman“

Die Riahi Brothers treffen die jordanische Theatergruppe Masrah Al Sharaa, die die Straßen der Hauptstadt als Bühne für kritische Improvisationen nutzt

Arash und Arman T. Riahi im Standard

„Nichts kann die Gesellschaft besser verändern als die Kunst“, sagt der Schauspieler Ahmad Srour, Mitglied der Theatergruppe Masrah Al Sharaa (Theater der Straße), in einem Interview mit der „Jordan Times“. Srour und seine Partner Amjad Hijazin, Ahmad Massad und Ibrahim Al Nawabneh setzen in Jordanien politische und kulturelle Zeichen, indem sie auf Straßen improvisieren und dabei aktuelle Themen mit einem kritischen Auge betrachten. Wir trafen Masrah Al Sharaa während unserer Dreharbeiten in Amman, Jordanien, und verbrachten gemeinsam einige Stunden in den Straßen der Stadt.

Die Riahi Brothers treffen die jordanische Theatergruppe Masrah Al Sharaa, die die Straßen der Hauptstadt als Bühne für kritische Improvisationen nutzt
„Nichts kann die Gesellschaft besser verändern als die Kunst“, sagt der Schauspieler Ahmad Srour, Mitglied der Theatergruppe Masrah Al Sharaa (Theater der Straße), in einem Interview mit der „Jordan Times“. Srour und seine Partner Amjad Hijazin, Ahmad Massad und Ibrahim Al Nawabneh setzen in Jordanien politische und kulturelle Zeichen, indem sie auf Straßen improvisieren und dabei aktuelle Themen mit einem kritischen Auge betrachten. Wir trafen Masrah Al Sharaa während unserer Dreharbeiten in Amman, Jordanien, und verbrachten gemeinsam einige Stunden in den Straßen der Stadt.

Die Bühne der Theatergruppe ist die Straße, doch sie spielen ihre Stücke nicht nur auf den Straßen Ammans, sondern auch auf Events, wie beispielsweise dem „Amman Fi Ramadan Festival on Rainbow Street“. Oft produzieren sie auch Videoszenen, die sie dann online mit ihrem Publikum teilen. Ihre Stücke drehen sich hauptsächlich um Gewalt, Armut, Missbrauch von Waisenkindern, Vetternwirtschaft, Korruption, Lebensmittelsicherheit und andere Themen, die aktuell Schlagzeilen machen. Obwohl die Performance von „Masrah Al Sharaa“ sehr regierungskritisch ist, betont Srour, uns vor Augen halten zu müssen, dass die Regierung nicht alleine schuld an den Gesellschaftsproblemen in Jordanien ist.

„Das Problem in Jordanien liegt am jordanischen Individuum“, meint er. Aber auch Wissen spielt für ihn eine große Rolle: „Um kreativ sein zu wollen, braucht man eine intellektuelle Basis“. Masrah Al Sharaa hat bereits viele Fans, doch nicht jeder unterstützt diese Form von Aktivismus, oft nicht einmal die eigenen Familien der Schauspieler.

Auf der Straße stoßen ihre Aktionen meist auf viel Zuspruch, auch als wir mit ihnen die hier gezeigte Aktion filmten. Im Anschluss entstand eine Diskussion mit dem Publikum, die noch einige Zeit weiterlief. Das ist typisch für ihre Performances, wollen sie doch mit ihren Sketches genau diese Diskussion unter den Menschen auslösen. Srour glaubt, dass Misserfolge nur dann auftreten, wenn Künstler ihre Message falsch kommunizieren. Wenn die Message das Publikum erreicht, egal was jeder einzelne davon denkt, dann war die Arbeit ein Erfolg.

„Syrien und die neue Al-Qaida-Achse“

Björn Blaschke in Blätter für deutsche und internationale Politik

Die blutigen Auseinandersetzungen in Syrien zwischen dem autoritären Regime von Baschar al-Assad und verschiedenen oppositionellen Gruppen dauern nun schon drei Jahre an. Aus dem (zunächst) zivilen Aufstand gegen das repressive Regime ist ein brutaler Bürgerkrieg mit mehr als 100 000 Toten geworden, bei dem schon lange nicht mehr eindeutig zu sagen ist, wer auf wessen Seite kämpft. Von staatlicher Ordnung kann keine Rede mehr sein, vor allem Kinder leiden unter den Folgen: Sie werden nicht medizinisch versorgt, können nicht zur Schule gehen.

Dabei breitet sich der Konflikt zunehmend auf die gesamte Region aus. Mehr als 2,4 Millionen Syrer sind inzwischen in die umliegenden Länder geflohen. Auch die militanten, zumeist islamistischen Kampfgruppen machen nicht an Staatsgrenzen halt: Sie sind regional vernetzt und stützen sich auf Stammesverbindungen, die viele Jahrtausende alt sind und die Gründung der modernen Nationalstaaten Libanon, Syrien und Irak überdauert haben. Die traditionellen, grenzüberschreitenden Stammesstrukturen der Region paaren sich auf diese Weise mit der „internationalistischen“ Ideologie von Al Qaida. Je länger der Konflikt anhält, desto größer wird die Gefahr, dass er einen ethnischen und religiösen Flächenbrand in der gesamten Region entfacht.

Regionales Flüchtlingsdrama

Besonders betroffen ist Libanon, der kleine Nachbar Syriens. Dort ist inzwischen jeder vierte Bewohner Syrer. Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) gibt es bereits mehr als 850 000 registrierte Flüchtlinge oder solche, die den Registrierungsprozess eingeleitet haben. Viele leben in behelfsmäßig errichteten Flüchtlingslagern in den Grenzgebieten unter unmenschlichen Bedingungen – in Wellblechsiedlungen mit Wänden und Dächern aus zusammengezimmerten Holzpaletten und verklebten Plastiktüten und -planen. Offizielle, von den Vereinten Nationen betriebene Flüchtlingslager gibt es in Libanon nicht.

Der gesellschaftliche Zusammenhalt zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften stützt sich in Libanon auf ein sehr labiles Gleichgewicht. Der Staat, der infolge der Zerschlagung des Osmanischen Reichs nach dem Ende des Ersten Weltkrieges entstanden ist, versucht, all diese Gemeinschaften in einem komplizierten politischen System zusammenzuhalten. Unter vielen Libanesen herrscht blanke Angst davor, dass die syrischen Flüchtlinge bleiben – und dieses Gefüge durcheinanderbringen könnten. Auch deshalb gibt es in Libanon keine offiziellen Lager für syrische Flüchtlinge, sondern nur „nicht-dauerhafte Siedlungen“. Der Vorteil dieses Systems ist, dass sich die Flüchtlinge frei im Land bewegen und arbeiten können, wenn die Behörden ihnen eine Aufenthaltsgenehmigung erteilen, was in der Regel geschieht. Solange Libanon die Grenze zu Syrien offen hält, werden die Bürgerkriegsflüchtlinge dort Zuflucht suchen.

Nicht nur Anzahl und Lage der syrischen Flüchtlinge in Libanon werden zunehmend unüberschaubar, sondern auch deren Aktivitäten. Unbestritten ist, dass immer mehr Kämpfer einsickern können, die der militanten Al Qaida anhängen. Allen voran stehen jedoch die Bewaffneten der dschihadistischen Nusra-Front. In Libanon haben die Kämpfer dieser Organisationen leichtes Spiel. Zwar sind Al Qaida und all ihre Verästelungen in Libanon verboten, ihre syrischen Kämpfer können jedoch unter den Flüchtlingen abtauchen – sei es in normalen Privatwohnungen oder Häusern, sei es in nicht-dauerhaften Siedlungen.

In letzter Zeit kamen vermehrt Kämpfer der Nusra-Front ins Land, um dort Attentate zu verüben. Seitdem der Generalsekretär der libanesischen Hisbollah, Hassan Nasrallah, öffentlich erklärt hatte, dass die Hisbollah-Milizionäre in Syrien auf der Seite von Syriens Präsident Assad kämpfen, richten sich die Angriffe der Nusra-Front vor allem gegen deren schiitische Anhängerschaft.

Faktisch teilt sich Libanons Bevölkerung in zwei ideologische Lager: das für Baschar al-Assad und das gegen ihn. Ein Beispiel sind die Ortschaften Hermel und Arsal in den Bergen dicht an der Grenze zu Syrien. Die Assad-nahe Hisbollah kontrolliert Hermel, ihre Milizionäre passieren hier die Grenze nach Syrien. In Arsal hingegen, nur wenige Kilometer von Hermel entfernt, wohnen überwiegend Sunniten. Daher gilt Arsal als sicherer Übergang für nahezu alle Untergrundkämpfer des Anti-Assad-Lagers. Die regulären Sicherheitskräfte halten sich heraus, wenn Kämpfer beider Lager zwischen Libanon und Syrien pendeln; weder Armee noch Polizei machen auch nur den Versuch, sie zu verhaften.

Im Ergebnis greifen staatliche Strukturen in Libanon schon lange nicht mehr, dafür sind in den vergangenen Jahren Zugehörigkeiten zu Familien und Religionsgemeinschaften immer wichtiger geworden. Der Krieg in Syrien macht dieses Phänomen nur offensichtlich: Denn nicht nur Libanon, sondern den Ländern der gesamten Region droht die Entstaatlichung – und die wiederum ist der Humus, in dem Al Qaida vortrefflich gedeiht.

Islamistische Radikalisierung

In Syrien ist diese Entstaatlichung schon längst viel weiter fortgeschritten. Die Nusra-Front ist in Syrien besonders aktiv, wie auch ISIS – die Organisation „Islamischer Staat im Irak und (Groß-)Syrien“ – wobei Groß-Syrien programmatisch zu verstehen ist, nämlich Teile Jordaniens, Palästina, Libanon und eben Syrien meint. Dazu gründen täglich Untergrundkämpfer neue Brigaden. Dabei nimmt die Zahl derer ab, die sich als eher liberal oder säkular verstehen. Die Gründungserklärungen neuer Gruppierungen, ganz gleich ob sie von Kräften in Saudi-Arabien, der Türkei oder Katar unterstützt werden, ähneln häufig dem, was von Al Qaida bekannt ist: Sie kämpfen für ein radikales Islambild und gegen die regulären Einheiten und Milizen Assads. Je länger der Krieg in Syrien andauert – und je weiter damit die Entstaatlichung Syriens fortschreitet –, desto mehr Militante aller Art werden angezogen. US-Geheimdienstbehörden schätzen deren Zahl auf 75 000 bis zu 110 000, die in rund 1600 Gruppen organisiert sind, andere Einschätzungen gehen von weit höheren Zahlen aus. Klar ist, dass militante Islamisten mittlerweile ganze Dörfer und Städte unter ihre Kontrolle gebracht haben, in denen sie der Bevölkerung ihre Interpretation des islamischen Rechts aufzwingen. Zunehmend beherrschen dschihadistische Gruppen auch Öl- und Gasfelder im syrisch-irakischen Grenzgebiet und kontrollieren den Rohstoffhandel in der Grenzregion.

Und jenseits der syrischen Grenze, auf der anderen Seite, im Irak, bietet sich ein ähnliches Bild. Dort nahmen Kämpfer von ISIS Ende 2013 nach heftigen Auseinandersetzungen mit regulären irakischen Einheiten Falludschah und Ramadi ein, zwei strategisch wichtige Städte in der Provinz Anbar im Westen des Irak. Infolgedessen schreitet die Entstaatlichung dort immer mehr voran, zudem haben die bis heute andauernden Kämpfe fast eine halbe Million Menschen in die Flucht getrieben.

Einige Iraker sehen die Ursachen der Entstaatlichung in ihrer eigenen Führung. Viele machen den irakischen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki für die Spaltung zwischen schiitischer Mehrheit, der er selbst angehört, und sunnitischer Minderheit verantwortlich. Maliki schließe die sunnitische Minderheit von politischer Teilhabe aus, heißt es, obwohl er nach den Parlamentswahlen 2009 der sunnitischen Minderheit eine Einbindung in die Regierung zugesagt hatte. Heute ist Maliki nicht nur Regierungschef, sondern gleichzeitig Innen- und Verteidigungsminister, Geheimdienstchef und Oberbefehlshaber der irakischen Streitkräfte. Entsprechend säßen in den irakischen Gefängnissen, ähnlich wie unter Saddam Hussein, mehr Sunniten als Schiiten – so Malikis Kritiker. Während dies nach dem Abzug der Amerikaner Ende 2011 Proteste unter seinen sunnitischen Gegnern hervorrief, brachte es Al Qaida Sympathisanten. Nach ein paar Jahren relativer Ruhe im Irak stieg die Zahl der Anschläge wieder.

Die Radikalisierung islamistischer Gruppen ist in der ganzen Region zu beobachten – wer auf der Landkarte eine Linie zieht, wird feststellen, dass von den Stadttoren Beiruts bis nach Bagdad Al Qaida oder ihr nahestehende Gruppen zu einer echten Größe geworden sind. Dabei spielt es keine Rolle, dass sie sich zwischenzeitlich gegeneinander wenden – und dann wieder miteinander verschmelzen. In manchen Gebieten haben die militanten Islamisten gar die jeweilige Staatsgewalt abgelöst und die Macht übernommen – mit eigener Rechtsprechung, Verwaltung und Kontrolle der Ressourcen. Sie stützen sich auf ebenjene Stammesverbindungen und Familienbande, die ihren Angehörigen im Falle von Krankheit, Hunger, Arbeitslosigkeit oder Alter Sicherheit bieten.

Künstliche Grenzen: Das Sykes-Picot-Abkommen

Eine, wenn nicht die entscheidende Ursache für das Aufleben alter Stammesstrukturen liegt bald 100 Jahre zurück: Fast alle Grenzen im Nahen Osten sind künstlich geschaffen worden – vereinbart im Sykes-Picot-Abkommen von 1916. Der britische Politiker Mark Sykes und der französische Diplomat François-Georges Picot arbeiteten das Geheimdokument während des Ersten Weltkriegs aus, indem sie für die Zeit nach dessen Ende ihre Gebietsansprüche im sich auflösenden Osmanischen Reich aufteilten. Mit dem Lineal zogen sie die Grenzen der heutigen Staaten im Nahen Osten, auf Familienbindungen nahmen sie dabei keine Rücksicht. Deshalb leben bis heute Stämme und Großfamilien verteilt auf die Länder – von Libanon über Syrien bis in den Irak und bis nach Saudi-Arabien. Die Bindungen rissen jedoch nie ab – und sie kommen vor allem immer dann zum Tragen, wenn die Institutionen des jeweiligen Staates nicht mehr funktionieren.

Auch hier taugt Libanon als Exempel: Der libanesische Bürgerkrieg brachte ab 1975 ein solches Maß an Zerstörung mit sich, dass die Menschen automatisch auf ihre jeweiligen Konfessionsgruppen zurückgeworfen wurden. Im Irak setzte der Zerfall des Staates 1991 nach dem Krieg um Kuwait ein: Die Vereinten Nationen verhängten Sanktionen, die die staatlichen Strukturen im Laufe der Jahre zunehmend schwächten. Nach dem Sturz Saddam Husseins, 2003, gab es den Versuch, neue Strukturen zu schaffen. Diese waren jedoch so schwach, dass die Stämme stark blieben, weit stärker als der Staat.

Diese familiären Netzwerke kommen vor allem Al Qaida sehr gelegen, da sie die Verbreitung einer transnationalen islamistischen Ideologie verfolgt – gegen die Nationalstaaten. Ziel ist die Bildung eines religiösen Über-Staates, in der die Gemeinschaft der Gläubigen, die Umma, zusammenkommt. Dazu müssen die bestehenden Nationalstaaten überwunden werden. Je schwächer diese Staaten werden, desto stärker werden die Al-Qaida-Gruppen.

Je länger die syrische Krise währt und je mehr Flüchtlinge Zuflucht in den Nachbarländern suchen, desto größer wird auch in diesen Ländern die Gefahr der Entstaatlichung, da dort staatliche Strukturen zunehmend von traditionellen, grenzüberschreitenden Stammesstrukturen abgelöst werden, die mit der transnationalen Ideologie von Al Qaida zu einer gefährlichen Einheit verschmelzen. Immer größer wird die Gefahr, dass auch die umliegenden Länder zu Brutstätten für Terroristen werden, die auf die Zerstörung des sie „beheimatenden“ Staates abzielen. Durch die Entstaatlichung Libanons, Syriens und des Irak und durch Stärkung militanter islamistischer Gruppen verblassen die willkürlich gezogenen Demarkationen immer mehr.

Die vielen Flüchtlinge stellen eine existenzielle Bedrohung für die Nachbarstaaten Syriens dar. Deren staatliche Strukturen werden geschwächt, was wiederum Al Qaida stärkt. Der wachsende Einfluss des Terrornetzwerkes bedroht aber auch den engsten Verbündeten des Westens in der Region: Israel. Noch nie waren Al-Qaida-Lager Israel so nahe wie heute. Zudem ist die Befreiung der Heiligen Städte und die Vertreibung der „Kreuzzügler“ und der Zionisten ein Kernbestandteil der dschihadistischen Ideologie. Durch die voranschreitende Destabilisierung des Nahen Ostens droht ein Flächenbrand in der gesamten Region – was auf lange Sicht auch eine Gefahr für Europa wäre.

Hoffnungsschimmer Jordanien?

Ein regionaler Hoffnungsschimmer aber bleibt: Anders als in Libanon und im Irak gibt es in Jordanien staatliche Versuche, einer Flüchtlingskatastrophe wie in den Nachbarländern vorzubeugen – in Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen.

In Zaatari, dem größten Lager für syrische Flüchtlinge in der Region, leben zurzeit knapp 90 000 Menschen. Dort hat das Flüchtlingshilfswerk der UN (UNHCR) die Verwaltung übernommen und wird dabei von den jordanischen Behörden unterstützt. Neben Supermärkten gibt es hier auch Restaurants, Frisöre, Teestuben, Cafés, Schulen und Erste-Hilfe-Stationen. Die Hütten von Zaatari sind einigermaßen standfest, können Regen und Wind, aber auch der Sonne trotzen. Es gibt fließendes Wasser, gepflasterte Straßen und Verkehrsschilder.

Dabei sah es dort keineswegs immer so aus. Noch vor etwas mehr als einem Jahr galt Zaatari als ein Zentrum der Kriminalität: Prostitution und Kinderhandel, Waffenschiebereien und Hehlerei waren an der Tagesordnung. Durch die enorme Zunahme der Flüchtlinge konnte das Lager kaum noch mitwachsen, die staatlichen Behörden verloren nach und nach die Kontrolle. Doch seit der Übernahme der Lagerverwaltung durch die UNHCR hat sich die Kriminalität im Flüchtlingslager auf einem Niveau eingependelt, das dem anderer Städte mit mehr als 85 000 Einwohnern entspricht. Doch auch hier mischen sich militante Islamisten unter die Flüchtlinge, jedoch in weitaus geringerem Maße als in anderen Lagern. Darum zeigt Zaatari auch, dass humanitäre Hilfe allein Al Qaidas Einfluss zwar nicht verhindern, aber vielleicht doch zumindest abschwächen kann.

„Die Stadt Maan in Jordanien – Ein Hort des Ungehorsams“

Der strukturschwache Süden Jordaniens gilt als traditionell königstreu. Eine Ausnahme ist die Stadt Maan. Revolte hat hier Tradition.

Christoph Dinkelakern und Lea Frehse in der taz

„Das ist unsere Stadt. Was haben sich König und Geheimdienst hier einzumischen?“, fragt der ehemalige Bürgermeister von Maan, Khaled Schammari. Er empfängt den seltenen Besuch ausländischer Reporter in seinem Wohnzimmer. Regimekritische Sätze wie die seinen hört man selten in Jordanien. Allerorten wird König Abdallah II. als Vater der Nation gepriesen – teils aus Überzeugung, teils aus Angst vor Repression. Maan aber, Schammaris Heimatstadt, gilt als Nest des Ungehorsams.

Auf den ersten Blick unterscheidet sich Maan kaum von anderen Städten in der jordanischen Peripherie: Veraltete Infrastruktur und junge Männer prägen das Straßenbild. Die Kleinstadt mit ihren 50.000 Einwohnern gilt als religiös-konservativ. Aufkleber fordern Frauen auf, sich keusch zu kleiden. Maan ist der letzte Ort vor der Grenze zu Saudi-Arabien.

Die Stadt kämpft mit der Massenarbeitslosigkeit. Die von der Regierung angeordnete Verschlankung des Staatsapparats wirkt sich hier besonders stark aus. Fast zwei Drittel der Bevölkerung sind im öffentlichen Dienst tätig. Die vormals staatliche Phosphatfabrik wurde teilprivatisiert, lokale Angestellte wurden durch billigere Arbeitskräfte aus dem Ausland ersetzt. Gegenwärtig ist jeder fünfte Maani erwerbslos.
„Mit unseren Steinbrüchen, Phosphatvorkommen und dem Touristenmagnet Petra müsste es der Region gutgehen,“ kritisiert Exbürgermeister Schammari. „Doch der Zentralstaat und ausländische Investoren greifen sich die Gelder ab.“ Nur der Schmuggel floriert: Billiges Benzin gelangt von Saudi-Arabien nach Jordanien, dafür werden Drogen und Alkohol ins Königreich der Wahhabiten geschleust.

Strukturschwacher Süden
Maan steht exemplarisch für den strukturschwachen Süden Jordaniens. Während landesweiter Proteste gegen die wirtschaftliche Lage und neoliberale Reformen 2011 und 2012 waren die Städte des Südens Zentren der Proteste, obwohl die ländlichen, tribal geprägten Gebiete traditionell die Machtbasis des haschemitischen Königshauses stellen. Doch die Kluft zwischen dem Königshaus in Amman und dem Hinterland ist spürbar gewachsen. Inspiriert vom arabischen Frühling, wurden auch Forderungen nach politischem Wandel laut.

In Maan wurde mit besonderer Intensität demonstriert. Anwohner lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei. Arbeiter besetzten die Phosphatfabrik und skandierten: „Wir arbeiten oder wir sterben.“ Die Eskalation in Maan wiederum überraschte wenige: Revolte hat hier Tradition. Die Stadt hat seit den 1980er Jahren fünf größere Unruhen erlebt; 1989 fanden hier die Proteste ihren Ausgang, die das Ende der Militärgesetzgebung einläuteten. Jedes Aufbegehren wurde von der Armee gewaltsam niedergeschlagen.
Schon die Anlage der Stadt zeigt, dass das Verhältnis zum Zentralstaat bestenfalls distanziert ist. Staatliche Institutionen wie die Polizeiwache, die Universität oder das Kulturzentrum finden sich allesamt außerhalb des Stadtkerns – Aufsicht aus Amman ist nur bedingt gewünscht. Die Polizei betritt die Innenstadt nur noch in Ausnahmefällen.

Urbaner Norden
„Nachdem sie versucht haben, Maan mit Waffengewalt und schikanösen Methoden zu kontrollieren, sind wir eingeschritten,“ erklärt der amtierende Bürgermeister Madsched Scharari. „Wir lassen der Regierung in Amman wenig Raum und kümmern uns selbst um unsere Belange.“ Die Rechtsprechung erfolgt heute durch Klan-basierte Schiedsgerichte.

Im urbanen Norden Jordaniens genießt Maan den Ruf eines rechtsfreien Raums. „Für kein Geld der Welt würde ich nach Maan fahren, zu gefährlich“, sagt etwa Yarob Nahhas, ein Touristenführer aus Amman. Die negative Außenwahrnehmung verärgert viele Maanis: „Die jordanischen Medien zeichnen von uns das Bild von Fanatikern“, kritisiert Scheich Abu Yasser, Schlichter an einem Schiedsgericht.
Dabei sehen sich viele Maanis als „Wurzel“ Jordaniens: „Wir waren hier, bevor die Haschemiten kamen“, erklärt der Bürgermeister. „Maan sollte eine starke Rolle spielen, doch stattdessen vernachlässigt uns der Staat wirtschaftlich und mischt sich gleichzeitig in innere Belange ein.“ Tatsächlich war Maan bis zur Staatsgründung wichtigste Stadt an der Pilgerroute gen Mekka.

Junge Leute wollen weg
„Heute wollen viele junge Leute mit Uni-Abschluss weg aus Maan“, berichtet der 19-jährige Mohammad. Er ist Vorsitzender des Studierendenrates an der Universität Maan, wo zuletzt 2013 drei Menschen bei einer Schießerei ums Leben kamen. „Die Regierung in Amman vernachlässigt die Region, wir hinken in allem hinterher“, sagt er. „Das macht junge Leute angespannt und führt zu einer Atmosphäre der Gewalt.“
Königshaus und Regierung wissen um die Gefahr, die Ressentiments in Maan für sie bedeuten. Anfang des Jahres zeigte sich erneut, dass die Regierung an Aussöhnung interessiert ist. Der Abdallah schenkte den Maanis 7.000 Hektar Staatsland, ein Stück Wüste für jeden. Bürgermeister Scharari kommentiert die Nachricht lapidar: „Die Regierung sollte besser Arbeitsplätze schaffen.“ Die angespannte wirtschaftliche Lage des Königreiches, das seit 2011 insgesamt 700.000 syrische Flüchtlinge aufgenommen hat, macht solche Investitionen unwahrscheinlich.

Wurde Maan vom Staat abgehängt oder hat sich die Stadt von ihm losgelöst? Die Antwort liegt irgendwo in der Mitte. Der Status quo ist jedenfalls einzigartig: „Wir sind wie die Gallier“, lacht Abu Yasser, „die einzigen, die sich gegen das Regime wirklich wehren.“

„Worte als Waffen: Wie die jordanische Rapper-Szene Widerstand leistet“

In Jordaniens Hauptstadt Amman treffen die Riahi Brothers den Rapper Kazz, der in seinen Texten die Gedanken der arabischen Revolution verbreitet

Arash und Arman T. Riahi im Standard

Der jordanische Rapper Kazz des Rap-Kollektivs Torabyeh verarbeitet in seinen Texten unter anderem Ungerechtigkeiten, die die Palästinenser erleiden, und kommentiert die Volksaufstände in der arabischen Welt. Als „Pionier der Revolution“ fühlt er sich der aufstrebenden und pulsierenden Kunstszene Ammans verpflichtet. Seine Botschaften der Revolte kommuniziert er durch Text, Ton und Bild.

Rap, die Hip-Hop-Kultur und Torabyehs rebellische Lyrics stehen im Kontrast zu traditioneller arabischer Musik und der heimischen Kultur generell. Sie erzeugen eine für die arabische Musikwelt ungewöhnliche neue Musikform. Die Mitglieder des Rap-Kollektivs Torabyeh sind Saed Masannat (DJ Voinic), Spiro Mukurker (MC Rasasah) und Ahmed Shehadeh (Kazz).

Der hier vorgestellte Titel wurde im Zuge der Dreharbeiten unseres Projekts „Everyday Rebellion“ in Amman aufgenommen. Der Rapper ist auch für einige Graffitis, die die Stadtmauern schmücken, mitverantwortlich. Diese Szene war ursprünglich in einer der ersten Schnittfassungen unseres Kinodokumentarfilms enthalten, weil sie sehr poetisch das Thema der weltweiten Revolten behandelt. Kazz rappt in diesem Song über die Volksaufstände der vergangenen Jahre und erzählt seine Geschichte aus der Perspektive des Widerstands. Elegant spannt er dabei einen Bogen von Ägypten über Libyen bis hin zu Occupy Wall Street.

So wie Kazz und viele andere jordanische Rapper kommentiert auch Amer al-Taher das politische Geschehen in seinen Songtexten. Hier ergänzend ein Video, das wir schon länger auf unserer Plattfom haben:

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