Tag-Archiv für 'libyen'

Wir sehen uns…

(streetart aus Kairo)

Ich bin der Engel der Verzweiflung

Mit meinen Händen teile ich den Rausch aus

die Betäubung, das Vergessen, Lust und Qual der Leiber

Meine Rede ist das Schweigen, mein Gesang der Schrei

Im Schatten meiner Flügel wohnt der Schrecken

Meine Hoffnung ist der letzte Atem

Meine Hoffnung ist die erste Schlacht

Ich bin das Messer mit dem der Tote seinen Sarg aufsprengt

Ich bin der sein wird

Mein Flug ist der Aufstand, mein Himmel der Abgrund von morgen

Heiner Müller

Wir machen Schluss. Nach über drei Jahren, über zweihundert selbstrecherchierten, übersetzten, selbstgeschriebenen Artikeln. Nach um die 5000 gespiegelten Artikeln aus linken und mainstream Medien. Leider viel zu häufig aus mainstream Medien, weil es einfach nichts anderes Brauchbares gab.
Häufig waren wir übermüdet und gestresst, manchmal euphorisch, manchmal haben wir geweint. Wir haben um Homs geweint, wir haben um unsere GefährtInnen in Kairo geweint. Wir haben viel zu selten und doch viel zu viel geweint.

Was als allgemeiner Aufbruch begann, der eine ganze Region erschütterte, ist heute…..
Wir sagen nicht, dass wir wissen, was kommt, wir teilen diese Anmaßung nicht.
Mubarak galt als unstürzbar, dann hiess es Assad sitze felsenfest im Sattel, es gebe praktisch keine Oppposition im Lande…
Vielleicht wird die nächste Preiserhöhung in Ägypten das Regime wegfegen, vielleicht wird der neue Pharao Jahrzehnte herrschen.

Wir haben unglaublich viel gelernt – wir sind dankbar dafür. Der linke Kanon ist zu Ende. Viele wollen das nicht sehen, nicht wahrhaben. Die Geschichte der Klassenkämpfe ist fast so alt wie die Menschheit, sie wird andauern, aber entweder wir lassen uns auf das Wagnis ein, uns unbequemen Wahrheiten und Widersprüchen zu stellen oder wir werden wie bockige Kinder am Rande der Geschichte quengeln, da sich die Welt nicht um uns dreht.

Wir sind überrascht, dass immer noch soviele Leute diesen blog nutzen, obwohl die Entwicklung in der Region sowohl in den mainstream Medien als auch in der Linken kaum noch eine Rolle spielt. Das hat uns lange dazu bewogen, den blog weiter zuführen, obwohl wir dadurch zu etwas geworden sind, was wir nie sein wollten: Spezialisten. So haben wir mehrmals den Versuch unternommen, dieses Projekt zu beenden. Dann passierte etwas und wir haben es nicht ausgehalten, nichts dazu zu schreiben.
Jetzt wagen wir den endgültigen Absprung.

Wir danken allen, die uns unterstützt haben. Wir danken unseren GefährtInnen von Kairo bis Soran, dass sie unser Leben so unglaublich bereichert haben. Wir hoffen, ihr vergesst diese Leute auch nicht.

Wir sind weiterhin über unsere Kontaktadresse erreichbar. Der blog bleibt als Archiv bestehen.

Um outro mundo é possível

recherchegruppe aufstand

„Islamisten erobern Militärstützpunkte in Libyen“

ORF

Radikale Islamisten haben im Osten Libyens bei Kämpfen mit Regierungseinheiten mehrere Militärstützpunkte eingenommen. Die Terrorgruppe Ansar al-Scharia habe in der Stadt Bengasi die Kontrolle über drei Armeestandorte übernommen, meldete die libysche Nachrichtenagentur al-Tadhamun gestern unter Berufung auf Militärkreise. Bei den Kämpfen zwischen Soldaten einer Eliteeinheit und den radikalen Islamisten waren zuvor mindestens 16 Menschen ums Leben gekommen.

Eigenständige Milizen

Der abtrünnige libysche Generalmajor Chalifa Haftar geht seit Anfang Juni eigenmächtig gegen die Radikalislamisten vor. Die Eliteeinheiten haben sich der Offensive ohne Befehl aus Tripolis angeschlossen.

Erst in der vergangenen Woche waren Kämpfe zwischen rivalisierenden Milizen um den internationalen Flughafen Tripolis ausgebrochen. Dabei kamen bisher mindestens 47 Menschen ums Leben. Bei den Milizen handelt es sich um ehemalige Revolutionsbrigaden, die nach dem Sturz von Diktator Muammar al-Gaddafi 2011 ihre Waffen behalten haben.

„Bürgerkrieg in Libyen – Dutzende bei Flughafenkampf getötet“

Die Auseinandersetzungen um den Airport von Tripolis dauern an. Seit Bewaffnete ihn vor über einer Woche angriffen, kamen mindestens 47 Menschen ums Leben.

taz

Seit dem Ausbruch von Kämpfen zwischen rivalisierenden Milizen um den Flughafen der libyschen Hauptstadt Tripolis sind mindestens 47 Menschen ums Leben gekommen. Rund 120 Menschen seien verletzt worden, meldete die libysche Nachrichtenagentur Lana am Montag unter Berufung auf das Gesundheitsministerium.

Erst am Sonntag waren nach Angaben libyscher Medien bei schweren Zusammenstößen fünf Menschen gestorben. Gekämpft wurde auch im Umfeld des Flughafens.

Islamistische Bewaffnete aus der Stadt Misrata hatten den Flughafen vor mehr als einer Woche angegriffen. Dieser wird von Brigaden aus der Stadt Al-Sintan kontrolliert.

Bei den Milizen handelt es sich um ehemalige Revolutionsbrigaden, die am Sturz von Langzeitherrscher Muammar al-Gaddafi beteiligt waren. Sie weigern sich bis heute, ihre Waffen abzugeben und kämpfen für eigene Machtinteressen.

Gaddafi war 2011 durch einen Volksaufstand und Luftschläge der Nato entmachtet und schließlich getötet worden. Seither kommt das Land nicht zur Ruhe.

„Ägypten und Libyen vor neuer Konfrontation“

Ägyptens Machthaber Al-Sisi droht Libyen und den 1700 Milizen mit einer „Antwort“. Grund dafür ist der Überfall auf einen Militärposten.

Martin Gehlen in Südwest Presse

Nach dem Terrorüberfall auf einen ägyptischen Wüstenposten mit 21 Toten droht jetzt zwischen Ägypten und Libyen eine militärische Auseinandersetzung. Kurz vor dem Fastenbrechen am Samstagabend hatten offenbar aus Libyen kommende schwer bewaffnete Angreifer ein Militärlager der Ägypter nahe der Oase Farafra mit Raketen und Maschinengewehren attackiert und dabei fast die gesamte Besatzung getötet. Vier Soldaten wurden nach Angaben des Armeesprechers verwundet, zwei der etwa 20 Angreifer erschossen. Präsident Abdel Fattah al-Sisi ließ erklären, „dieses abscheuliche Verbrechen werde nicht ohne Antwort bleiben“. Er hatte bereits im Frühjahr Schmugglerringe und Terrorkommandos auf libyschem Boden als die „größte Gefahr für die Sicherheit Ägyptens“ bezeichnet. Der Nato und den USA warf er damals vor, sie hätten mit ihrer Bombenkampagne 2011 gegen Muammar Gaddafi ein politisches Vakuum erzeugt, das Libyen an „Extremisten, Mörder und Totschläger“ ausgeliefert habe.

Nach Erkenntnissen der ägyptischen Armee existieren auf ostlibyschem Territorium drei Trainingscamps, in denen zwischen 2000 und 4000 Extremisten im Schießen und Bombenlegen ausgebildet werden. Die Kommandos, die sich „Freie Ägyptische Armee“ nennen und überwiegend aus Ägyptern, Libyern, Syrern und Palästinensern bestehen, versuchen mit Al-Kaida-Extremisten auf dem Sinai eine zweite Terrorfront gegen die Machthaber in Kairo aufzubauen. Ägyptens Armeeführung erwägt anscheinend einen Präventivschlag auf libyschem Territorium gegen diese Lager und ihre Insassen.

Die aus Libyen kommenden Kolonnen aus Lastwagen und Allrad-Fahrzeugen operieren in der Regel nachts. Sie transportieren Menschen und Waffen sowie Drogen und Elektronikwaren. Ägypten unterhält entlang der etwa 1300 Kilometer langen Sandgrenze zu Libyen 35 feste Armeeposten, die jeweils rund 40 Kilometer voneinander entfernt sind. In letzter Zeit wurden zusätzlich auch mobile Militärlager errichtet, jeweils ausgerüstet mit einigen Zelten und Fahrzeugen, in denen meist Wehrpflichtige aus dem Niltal ohne Wüstenerfahrung stationiert sind.

„Renzi appelliert nach Flüchtlingsdrama an EU“

Salzburger Volkszeitung

Nach dem erneuten Flüchtlingsdrama vor Lampedusa, bei dem 19 Menschen ums Leben gekommen sind, hat der italienische Premier Matteo Renzi einen weiteren Appell an die EU gerichtet. Europa müsse gemeinsame Strategien entwickeln, um die Flüchtlingsabfahrt aus Libyen zu stoppen. „Das Problem der Flüchtingsströme aus Nordafrika muss an der Wurzel gepackt werden“, erklärte Renzi am Wochenende.

Nach jüngsten Zahlen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) trafen in den vergangenen drei Tagen 5.200 Flüchtlinge ein. Mehr als Hundert Personen könnten dabei nach vorläufigen Angaben ums Leben gekommen sein. 60 Personen werden nach einem Schiffbruch vor der libyschen Küste vermisst. Die Organisation berichtete, dass weitere 240 Personen aus Eritrea gesucht werden, die laut Zeugen und Angehörigen am 27. Juni von Libyen abgefahren und nie in Italien eingetroffen sind.

Der italienische Innenminister ist auf der Suche nach Unterkünften für die Migranten, die seit Monaten ununterbrochen Sizilien erreichen. Auch Kasernen sollen jetzt genutzt werden, um den Flüchtlingen eine Unterkunft zu sichern. Unter den sizilianischen Bürgermeistern wächst jedoch der Unmut wegen des anhaltenden Flüchtlingsstroms.

Rechtsparteien setzen die Regierung Renzi unter Druck. Maurizio Gasparri, Spitzenpolitiker der oppositionellen Forza Italia, der konservativen Partei von Ex-Premier Silvio Berlusconi, bezeichnete den nicht abreißenden Flüchtlingsstrom nach Italien als skandalös. „Die Regierung ist vor diesem Notstand machtlos. Das ist eine kostspielige und endlose Schande“, klagte Gasparri.

Populistische Parteien drängen auf ein Ende der seit Oktober laufenden Mission „Mare Nostrum“ zur Rettung von Flüchtlingen in Seenot. Die Rettungsaktion würde nur den Menschenhandel über das Mittelmeer fördern, argumentiert der Chef der rechtspopulistischen Lega Nord, Matteo Salvini. „19 Tote auf einem Flüchtlingsboot. Das sind weitere Tote auf dem Gewissen derjenigen, die den Einsatz ‚Mare Nostrum‘ verteidigen, darunter unser Premier Renzi“, betonte Salvini.

Italienische Rettungskräfte hatten am Samstag von einem völlig überladenen Flüchtlingsschiff vor der Insel Lampedusa 18 Tote geborgen. Ein weiterer Mann ist beim Transport auf die italienischen Mittelmeerinsel gestorben. Auf dem Schiff befanden sich demnach mehr als 600 Menschen, die Opfer seien offenbar erstickt.

Die Einsatzkräfte wurden von einem Handelsschiff alarmiert, das knapp 150 Kilometer vor Lampedusa im Mittelmeer unterwegs war. Zwei Flüchtlinge seien mit dem Hubschrauber in ein Krankenhaus in Palermo auf Sizilien gebracht worden. Die Leichen wurden von einem Schiff auf Malta geführt.

Wegen des ruhigen Sommerwetters hat zuletzt die Zahl der Bootsflüchtlinge erheblich zugenommen. Die Flüchtlinge stammen meist aus Eritrea, Somalia und Syrien, doch auch Flüchtlinge aus Afghanistan, Pakistan und weiteren asiatischen und afrikanischen Ländern nehmen die gefährliche Überfahrt auf sich. In den vergangenen acht Monaten erreichten nach offiziellen Angaben mehr als 73.000 Flüchtlinge Italien. Die Regierung in Rom rechnet bis Jahresende mit insgesamt 100.000 Flüchtlingen. Die italienische Marine greift nahezu täglich Hunderte von Migranten auf, die mit Schiffen über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen versuchen.

„Libyen versinkt im Bürgerkrieg“

Die Kämpfe in Libyen eskalieren. Der Hauptstadtflughafen in Tripolis ist schwer beschädigt. Die Regierung erwägt, um internationale Truppen zu bitten.

Mirco Keilberth in der taz

In Libyen ist der Machtkampf zwischen säkularen und religiösen bewaffneten Gruppen seit dem Wochenende zu einem regelrechten Krieg eskaliert. Auf dem Flughafen von Tripolis beschoss die Milizenallianz des ehemaligen Abgeordneten Sadi Badri Einheiten aus Sintan, immer wieder tobten heftige Kämpfe um die Kontrolle des riesigen Geländes rund 20 Kilometer südlich der Hauptstadt.

Um tausenden in aller Welt festsitzenden Libyern die Heimreise zu ermöglichen, haben die Behörden einen Militärflugplatz aufgemacht. Der Flughafen von Maitiga in einem östlichen Vorort von Tripolis sei am Dienstag in Betrieb genommen worden, teilten die Behörden am Abend mit. Die religiös-konservative Milizenallianz Badris um die Hafenstadt Misrata und Einheiten der Muslimbrüder haben auf dem Militärflughafen das Sagen.

Den lukrativen internationalen Flughafen in Tripolis kontrollieren Truppen aus der Wüstenstadt Sintan seit dem Ende der Kämpfe gegen Muammar al-Gaddafi 2011. Sie haben sich auf die Seite der politisch liberalen Kräfte geschlagen.

Bei den derzeitigen Kämpfen kamen bis Dienstag mindestens 15 Menschen ums Leben, mindestens 80 wurden nach Angaben von Krankenhäusern verwundet. Der Beschuss mit Kurzstreckenraketen und Artilleriegranaten zerstörte das Zollgebäude des Flughafens und beschädigte auf dem Rollfeld geparkte Flugzeuge, darunter ein neuer Airbus 330 im Wert von 250 Millionen US-Dollar.

Parlament plant Umzug nach Bengasi

Nach Angaben der libyschen Regierung bekam auch der Tower schwere Treffer ab. Regierungschef Abdullah al-Thinni bezeichnete die Angreifer als Kriminelle. Der Flugverkehr über Westlibyen war bereits am Sonntag vorübergehend eingestellt worden.
Hintergrund der Gefechte dürfte das schlechte Abschneiden der Islamisten bei der Parlamentswahl im Juni sein. Die Verlierer fürchten jetzt um ihren Einfluss. In den vergangenen zwei Jahren konnte die Misrata-Allianz Entscheidungen des Übergangsparlaments unter Androhung von Gewalt zu ihren Gunsten beeinflussen.

Das neu gewählte Repräsentantenhaus plant daher den Umzug nach Bengasi, um sich den Milizen zu entziehen. Allerdings halten auch in der östlichen Mittelmeermetropole seit vergangener Woche Kämpfe zwischen Islamisten und der Armee die Bewohner in Atem.
In Bengasi versucht der pensionierte General Khalifa Hafter die mit Islamisten in Syrien verbündeten Milizen Ansar al-Sharia und Rafallah Shati aus der Stadt zu vertreiben. Sintan gilt als Verbündeter Hafters, die Muslimbrüder wollen ihn vor Gericht sehen.

Unterdessen zogen die UN am Montag ihre Libyen-Mission Unsmil ab. Das UN-Gelände war zuletzt von einer Sicherheitsfirma bewacht worden, die sich nach Kämpfen mit dem von Sintan kontrollierten Innenministerium als lokale Stadtteilmiliz herausstellte.

„Es ist mittlerweile schwer zu sagen, mit wem man es tatsächlich zu tun hat“, sagte ein UN-Sicherheitsmitarbeiter gegenüber der taz. Vor dem Hintergrund der jüngsten Kämpfe erwägt die libysche Regierung erstmals, zur Unterstützung der schwachen Armee um internationale Militärhilfe zu bitten.

„Libyen: Die Angst der Nachbarn“

Libyen droht in Chaos und Gewalt zu versinken. Die Anrainer fürchten um ihre eigene Sicherheit und haben ein Krisentreffen vereinbart.

Martin Gehlen im Tagesspiegel

Die Bewohner von Tripolis stehen unter Schock. Auch in der Nacht zu Dienstag wurde um den Flughafen der libyschen Hauptstadt wieder heftig gekämpft. Premier Abdullah al Thinni erwägt nun sogar, von der Staatengemeinschaft eine bewaffnete Eingreiftruppe zu erbitten, um „Chaos und Umsturz abzuwenden“ sowie die Autorität der politischen Führung wiederherzustellen. US-Außenminister John Kerry sprach von einer gefährlichen Eskalation, die gestoppt werden müsse. Libyens Nachbarn riefen die Kontrahenten zum Dialog auf und vereinbarten ein Krisentreffen in Kairo. Denn in Ägypten, Tunesien und Algerien, aber auch in Mali, Tschad und Sudan wächst die Angst, der Post-Gaddafi-Staat könnte ein permanenter Unruheherd werden und die Tumulte bald auf alle angrenzenden Staaten übergreifen.

Millionenschaden an Flugzeugen

Bisher wurden bei den Feuergefechten zwischen rivalisierenden Milizen auf dem Gelände des Flughafens von Tripolis 15 Menschen getötet und über 70 verletzt. Der Tower, das Zollgebäude, Tanklaster und zwölf auf dem Rollfeld geparkte Airbus-Maschinen wurden nach Auskunft eines Regierungssprechers durch Raketen und Salven aus Luftabwehrgeschützen getroffen. Die Flugzeuge, an denen wohl ein dreistelliger Millionenschaden entstand, gehören den libyschen Luftlinien Afriqiyah Airways, Libyan Airlines und Buraq Airlines. Als Folge der Kämpfe musste auch der Flughafen im 200 Kilometer entfernten Misrata geschlossen werden, weil dessen Flugsicherung über Tripolis abgewickelt wird.

Kämpfe weiten sich aus

Wie im Osten des Landes geraten auch im Westen islamistische und anti-islamistische Milizen immer häufiger aneinander. In Tripolis attackieren seit Sonntag islamistische Kämpfer aus Misrata die säkularen Zintan-Brigaden, die aus den Nafusabergen stammen, offiziell dem Kommando des Verteidigungsministeriums unterstehen und den Flughafen der Hauptstadt kontrollieren. Die Zintan-Milizen haben sich mit Einheiten des abtrünnigen Generals Khalifa Haftar in Bengasi verbündet, der angekündigt hat, er werde die Macht der Islamisten brechen.

Terrorcamps in der Wüste

Nach Erkenntnissen der ägyptischen Armee sind in den libyschen Wüstenregionen drei größere Trainingscamps entstanden, wo zwischen 2000 und 4000 Radikale im Schießen und Bombenlegen ausgebildet werden. Die Kommandos versuchen mit Al-Qaida-Extremisten auf dem Sinai eine zweite Terrorfront gegen das Regime von Präsident Abdel Fattah al Sisi in Kairo aufzubauen.

„Libyen: Kopfloser Staat“

Nach der Zerstörung des Flughafens von Tripolis und neuen Kämpfen in Benghasi sind Libyens Nachbarn zusehends beunruhigt. Sie haben sich in Tunesien zu einem Krisengipfel getroffen

Astrid Frefel in der NZZ

Der Regierungschef Abdullah ath-Thini hat die Bewohner von Tripolis aufgefordert, sich vom umkämpften Gebiet des Flughafens fernzuhalten. Mehr konnte er nicht tun. Obwohl ihre Mitglieder vom Budget bezahlt werden, entziehen sich die rivalisierenden Milizen, die um die Kontrolle über den internationalen Flughafen kämpfen, der staatlichen Autorität. Beim Versuch der islamistischen Milizen aus Misrata, die nichtreligiösen Konkurrenten aus Zintan zu verdrängen, sind mindestens 15 Personen getötet und 70 verletzt worden. Bei den Zusammenstössen waren auch Raketen im Einsatz. Laut der libyschen Regierung wurden 90 Prozent aller Flugzeuge sowie der Tower beschädigt. Das Gebäude des Zolls sei vollständig zerstört worden, meldete die libysche Nachrichtenagentur ath-Thadamun. Der Flugverkehr war schon am Sonntag eingestellt worden. Die libysche Regierung prüft, ob sie internationale Militärhilfe erbitten soll, um die eigenen Truppen zu unterstützen.

Uno zieht Mitarbeiter ab

Libyen ist per Flugzeug praktisch nicht mehr zu erreichen, da auch der Flugplatz in Benghasi aus Sicherheitsgründen seit Mitte Mai geschlossen ist. Betroffen von den Flugausfällen war auch Aussenminister Mohammed Abdelaziz, der nicht rechtzeitig in die tunesische Stadt Hammamet gelangen konnte, wo sich die Nachbarn Libyens am Sonntag und Montag trafen. Die Aussenminister von Algerien, Ägypten, Tunesien, Tschad und Niger berieten hinter verschlossenen Türen, wie der Gefahr in der Region – dem Handel mit den im Überfluss vorhandenen libyschen Waffen und dem Einsickern islamistischer Extremisten – begegnet werden kann. Nahe der ägyptischen Grenze gibt es Trainingslager, und in den letzten Tagen wurde bekannt, dass libysche Jihadisten an der Seite des Isis kämpfen.

Die Regierung in Tripolis ist völlig machtlos. Milizen bestimmen zunehmend Politik und Alltag. Mehrere Ministerien sind praktisch lahmgelegt. Auch das Aussenministerium wird seit mehreren Wochen von bewaffneten Revolutionären besetzt, die sich gegen die Versetzung eines Angestellten wehren. Die Zahl der Entführungen ist sprunghaft angestiegen. Die Hintergründe sind in manchen Fällen politisch, oft geht es einfach darum, Geld zu erpressen. Die Polizei in Benghasi, wo auch die Mordserie an Sicherheitsoffizieren nicht abgebrochen ist, berichtete letzte Woche von 64 Entführten. Die Uno hat wegen der prekären Sicherheitslage in den vergangenen Tagen die Zahl ihrer ausländischen Mitarbeiter drastisch reduziert.

Zusammenstösse in Benghasi

Die Schwäche der staatlichen Institutionen hat der ehemalige General Haftar ausgenutzt, um seine eigene Initiative gegen islamistische Extremisten zu lancieren. Am Montag lieferten sich seine Loyalisten in Benghasi erneut schwere Gefechte mit Kämpfern der Kaida-nahen Ansar ash-Sharia. Es gab mindestens fünf Tote. Solche Kämpfe gegen Islamisten brechen regelmässig aus. Klare Konturen hat Haftars Kampagne allerdings nicht. Teil dieses Machtkampfes sind auch die tödlichen Rivalitäten der Milizen in Tripolis. Während die Zintani Haftar unterstützen, halten ihn die Milizen aus Misrata für einen Putschisten.

Die USA und die EU drängen auf den politischen Prozess, um die staatliche Autorität zu stärken. Die Sprecherin des amerikanischen Aussenministeriums hat am Wochenende gefordert, das am 25. Juni neugewählte Parlament müsse möglichst schnell zusammentreten. Auch die EU hat scharfe Kritik geübt. Man wisse nicht, mit wem reden, erklärte Italiens Premierminister Renzi angesichts der Flüchtlingsströme aus Libyen Richtung Europa.

„Flughafen beschossen: Libyen erwägt Bitte um internationale Hilfe“

Miliz schoss Granaten auf Vorfeld ab: 90 Prozent der Flugzeuge zerstört, Tower beschädigt
Tripolis

Der Standard

Bei den schweren Kämpfen zwischen rivalisierenden Milizen am Flughafen der libyschen Hauptstadt Tripolis sind mindestens 15 Menschen getötet worden. 70 weitere seien verwundet worden, meldete das Nachrichtenportal Libya Herald am Dienstag. Bei den Zusammenstößen wurden auch Mehrfach-Raketenwerfer eingesetzt.

Nach Angaben der libyschen Regierung wurden durch Artilleriebeschuss 90 Prozent aller Flugzeuge sowie der Tower beschädigt. Ein neuer Airbus A-330 der Afriqiyah Airways wurde laut libyschen Medien so schwer getroffen, dass eine Reparatur unmöglich sein dürfte.

Die libysche Regierung erwägt, um internationale Militärhilfe zu bitten, weil sie die Milizen nicht unter Kontrolle bekommt.

Flugverkehr landesweit eingestellt

Das Gebäude des Zolls sei vollständig zerstört worden, meldete die libysche Nachrichtenagentur Al-Tadhamun. Der Flugverkehr war schon am Sonntag eingestellt worden.

Tripoli International, Libyens größter Flughafen, soll frühestens am Mittwoch wieder in Betrieb gehen. Der zweitgrößte Airport in Bengasi ist seit zwei Monaten geschlossen, der Flugplatz Misrata, wo noch internationale Flüge landen konnten, stellte am Montag den Betrieb ein.

UNO verlässt Libyen

Die Vereinten Nationen gaben am Dienstag bekannt, dass wegen der verschlechterten Sicherheitslage sämtliches Personal aus Libyen abgezogen wird.

US-Außenminister John Kerry erklärte am Dienstag in Wien, er sei „äußerst besorgt“ über die Gewalt in Libyen. Sondergesandte der US-Regierung seien im Einsatz, um eine Verhaldlungslösung zu erreichen.

Angriff am Wochenende

Die Kämpfe waren am Wochenende ausgebrochen, als die islamistische Brigade „Libya Revolutionaries Operations Room“ aus der Stadt Misrata, die für die Sicherheit der Hauptstadt verantwortlich ist den internationalen Flughafen angriff. Dieser steht unter Kontrolle von Kämpfern aus der Stadt Al-Sintan.

Bei den bewaffneten Gruppen handelt es sich um ehemalige Revolutionsbrigaden, die 2011 am Sturz von Langzeitherrscher Muammar al-Gaddafi beteiligt waren. Sie weigern sich bis heute, ihre Waffen abzugeben und kämpfen inzwischen für eigene Interessen.

„Libyen: Eine neue Schlacht um Tripolis“

Am Sonntag begannen lang erwartete Auseinandersetzungen mehrerer Milizen um die Macht in der Hauptstadt. Die Gefechte um den Flughafen könnten sich ausweiten.

Wieland Schneider, Tripolis in Die Presse

Sie hatten sich lang darauf vorbereitet. Sonntagmorgen schlugen sie zu. Mit Pick-ups und gepanzerten Fahrzeugen rückten die Milizionäre zum Flughafen von Tripolis vor und starteten ihren Großangriff auf die dortigen Kämpfer aus der Stadt Zintan, mit MGs, Panzerabwehrwaffen, Granatwerfern. Der Lärm riss die Bewohner von Tripolis aus dem Schlaf. Über der Stadt stieg eine dunkle Rauchwolke auf. Vom Flughafen war das Grollen der Detonationen zu hören, dazwischen das Stakkato automatischer Waffen.

Die seit Langem befürchtete Auseinandersetzung um die Kontrolle der libyschen Hauptstadt hat offenbar begonnen. Eine Koalition aus Milizen aus Tripolis und Misrata, darunter die „Zelle revolutionärer Operationen in Libyen“, die als bewaffneter Arm der Islamisten im libyschen Parlament gilt, ist gekommen, um die Kämpfer aus Zintan hinauszuwerfen. „Sie haben die Zintanis vom Flughafen vertrieben und machen jetzt Jagd auf sie“, berichtet Abdel. Das ist, was der junge Libyer von Freunden gehört hat. Nach Angaben aus Flughafenkreisen vom Abend sollen die Zintanis aber weiter den Airport halten, mehr als sechs Kämpfer seien gefallen.

Ein komplexes Netz aus RivalitätenAbdel hegt, wie die meisten Einwohner von Tripolis, zwar keine großen Sympathien für die Leute aus Zintan. Doch dass die Hauptstadt nun Kriegsschauplatz wurde, erfüllt ihn mit Sorge. Der Kampf hatte sich schon lang angekündigt. Zuletzt war die Kluft zwischen Misrata und Zintan, den mächtigsten Spielern im Westen Libyens, immer tiefer geworden. Beide ringen um die Vorherrschaft in Tripolis. Zudem sympathisieren einige der Zintan-Milizen mit den Truppen von Khalifa Haftar, einem Gegner Misratas. Der pensionierte General Haftar geriert sich als neuer starker Mann im Osten des Landes. Er will das Kommando über ganz Libyen übernehmen und einen „Feldzug gegen die Islamisten“ führen – und dazu gehören aus seiner Sicht nicht nur Extremisten wie Ansar al-Sharia, sondern auch die Vertreter der libyschen Muslimbrüder. Misrata aber gilt als eine der Hochburgen der Bruderschaft.

Die Kämpfer aus Zintan, die als bewaffneter Arm der liberalen Kräfte in Libyen gelten, halten seit dem Sturz von Diktator Muammar al-Gaddafi 2011 wichtige Punkte in Tripolis, etwa den Flughafen – sehr zum Unmut lokaler Milizen; diese sehen die Zintanis als Rivalen. Erst vergangene Woche war es zu Schießereien zwischen Zintanis und der Fursan Janzour, der Ritter von Janzour aus dem Westen von Tripolis, gekommen. Jetzt sind auch Einheiten aus Janzour ausgerückt, um die Zintanis anzugreifen.

Bereits in der Nacht davor waren in Janzour eifrig Vorbereitungen getroffen worden: In der Dunkelheit laden Milizionäre Munition auf zwei Pick-ups. Auf den Ladeflächen stehen schwere Maschinengewehre. Die Männer scheinen guter Laune. Sie scherzen miteinander, formen ihre Finger zum Victory-Zeichen, als sie fotografiert werden. Hier mitten in Janzour, auf dem Gelände eines ehemaligen Anwesens der Familie Gaddafis, hat sich eine Schar Kämpfer einer lokalen Miliz versammelt. Sie stammen aus Tripolis und haben während des Aufstands gegen Gaddafi in den Nafusa-Bergen gekämpft. Auch einige Männer der Ritter von Janzour halten sich auf dem Areal auf.

„Wir werden bald die Verräter angreifen“, sagt einer der Kämpfer kryptisch. Wer sind diese „Verräter“, und wann soll der Kampf beginnen? Statt eine Antwort zu geben, lächelt der Milizionär. Nur Stunden später, am frühen Morgen des Sonntags, startet die Offensive gegen die Milizen aus Zintan.

Ministertreffen zu Libyen in Tunesien

Weil das ölreiche Land seit Gaddafis Sturz und Ermordung in bürgerkriegsähnlichen Zuständen versinkt, zuletzt vor allem im Osten, wollten ab Sonntagabend die Außenminister der Nachbarländer in Tunesien über das libysche Problem beraten. An den Beratungen, die mehrere Tage dauern dürften, nehmen die Außenminister Libyens, Tunesiens, Ägyptens, Algeriens, des Tschad und des Nigers sowie Vertreter der Arabischen Liga und der Afrikanischen Union teil.