Tag-Archiv für 'marokko'

Wir sehen uns…

(streetart aus Kairo)

Ich bin der Engel der Verzweiflung

Mit meinen Händen teile ich den Rausch aus

die Betäubung, das Vergessen, Lust und Qual der Leiber

Meine Rede ist das Schweigen, mein Gesang der Schrei

Im Schatten meiner Flügel wohnt der Schrecken

Meine Hoffnung ist der letzte Atem

Meine Hoffnung ist die erste Schlacht

Ich bin das Messer mit dem der Tote seinen Sarg aufsprengt

Ich bin der sein wird

Mein Flug ist der Aufstand, mein Himmel der Abgrund von morgen

Heiner Müller

Wir machen Schluss. Nach über drei Jahren, über zweihundert selbstrecherchierten, übersetzten, selbstgeschriebenen Artikeln. Nach um die 5000 gespiegelten Artikeln aus linken und mainstream Medien. Leider viel zu häufig aus mainstream Medien, weil es einfach nichts anderes Brauchbares gab.
Häufig waren wir übermüdet und gestresst, manchmal euphorisch, manchmal haben wir geweint. Wir haben um Homs geweint, wir haben um unsere GefährtInnen in Kairo geweint. Wir haben viel zu selten und doch viel zu viel geweint.

Was als allgemeiner Aufbruch begann, der eine ganze Region erschütterte, ist heute…..
Wir sagen nicht, dass wir wissen, was kommt, wir teilen diese Anmaßung nicht.
Mubarak galt als unstürzbar, dann hiess es Assad sitze felsenfest im Sattel, es gebe praktisch keine Oppposition im Lande…
Vielleicht wird die nächste Preiserhöhung in Ägypten das Regime wegfegen, vielleicht wird der neue Pharao Jahrzehnte herrschen.

Wir haben unglaublich viel gelernt – wir sind dankbar dafür. Der linke Kanon ist zu Ende. Viele wollen das nicht sehen, nicht wahrhaben. Die Geschichte der Klassenkämpfe ist fast so alt wie die Menschheit, sie wird andauern, aber entweder wir lassen uns auf das Wagnis ein, uns unbequemen Wahrheiten und Widersprüchen zu stellen oder wir werden wie bockige Kinder am Rande der Geschichte quengeln, da sich die Welt nicht um uns dreht.

Wir sind überrascht, dass immer noch soviele Leute diesen blog nutzen, obwohl die Entwicklung in der Region sowohl in den mainstream Medien als auch in der Linken kaum noch eine Rolle spielt. Das hat uns lange dazu bewogen, den blog weiter zuführen, obwohl wir dadurch zu etwas geworden sind, was wir nie sein wollten: Spezialisten. So haben wir mehrmals den Versuch unternommen, dieses Projekt zu beenden. Dann passierte etwas und wir haben es nicht ausgehalten, nichts dazu zu schreiben.
Jetzt wagen wir den endgültigen Absprung.

Wir danken allen, die uns unterstützt haben. Wir danken unseren GefährtInnen von Kairo bis Soran, dass sie unser Leben so unglaublich bereichert haben. Wir hoffen, ihr vergesst diese Leute auch nicht.

Wir sind weiterhin über unsere Kontaktadresse erreichbar. Der blog bleibt als Archiv bestehen.

Um outro mundo é possível

recherchegruppe aufstand

„Escaping Moroccan Occupation: The Sahara’s Forgotten War“ (Part 1)

„Flüchtlingskatastrophe in Marokko – Finanziert die EU brutales Grenzregime in Nordafrika?“

Die EU zahlt nordafrikanischen Ländern viel Geld dafür, dass sie uns die Flüchtlinge vom Hals halten. Davon ist der Jülicher Superintendenten Jens Sannig überzeugt. Marokko gehe dabei zum Teil extrem brutal gegen Flüchtlinge in den Notlagern vor. Davon weiß angeblich nicht nicht einmal das Europäische Parlament.

Wolfgang Meyer auf WDR 5

Marokko ist, so Sannig, mit den Flüchtlingsströmen überfordert und reagiert rabiat auf die Aufforderung der Europäer, ihnen die afrikanischen Flüchtlinge vom Leibe zu halten. Dafür bekomme Marokko viel Geld von der EU und gehe zum Teil extrem brutal gegen die Menschen in den Notlagern vor. Nach Auffassung des Jülicher Superintendenten werde das weitgehend totgeschwiegen und er vermutet, dass nicht einmal das Europäische Parlament von diesen Vorgängen offiziell etwas erfährt.

Beitrag anhören auf der website des WDR

„Die Macht der Bruderschaften“

Ellinor Zeino-Mahmalat auf zenith online, aus unser losen Reihe deutsche think tanks

Nach der Krise in Mali engagiert Marokko sich verstärkt in der Sahelzone, das Königreich will dort Schutzmacht eines toleranten Islams werden. Die religiösen Traditionen Westafrikas sollen den Dschihadismus bändigen.

Als Marokkos König Mohammed VI. im September 2013 anlässlich der Amtseinführung des neuen malischen Präsidenten Ibrahim Boubacar Keïta das westafrikanische Land besuchte, werteten die meisten Beobachter das als Ausdruck einer aktiveren marokkanischen Diplomatie in Mali und der westlichen Sahelzone. Während der Visite wurde auf Ersuchen Bamakos unter anderem vereinbart, 500 malische Imame in Marokko ausbilden zu lassen. Hundert von ihnen haben ihre zweijährige Ausbildung in der Hauptstadt Rabat bereits begonnen, weitere 400 sollen über einen Zeitraum von sechs Jahren folgen. Die Ausbildung umfasst neben Dogmatik und Koranexegese auch ein Studium von Geschichte, Geografie, der arabischen Sprache sowie der malischen Institutionen. Ebenso ist nach Angaben des marokkanischen »Ministeriums für Habous und religiöse Angelegenheiten« das Thema Menschenrechte Teil des Unterrichts.

Das Ministerium beschreibt die Imam-Ausbildung als Marokkos Beitrag zum Wiederaufbau Malis sowie zu seiner Stärkung gegenüber religiösem Extremismus und preist die Initiative als Engagement für Frieden, Stabilität und Entwicklung in der Region. Zudem werden die engen religiösen und kulturellen Bindungen zwischen beiden Staaten betont; diese beruhen auf einem gemeinsamen malikitisch sowie vom Sufismus geprägten sunnitischen Islam.

Sicherlich ist die gemeinsame Ausbildungsinitiative auch eine Art »soft policy« Marokkos im Kampf gegen religiösen Extremismus. Das Königreich sieht sich als Vorreiter und Schutzmacht eines toleranten und gemäßigten Islams im Sahel-Sahara-Raum – der zunehmend von strengen bis radikalen wahhabitischen Strömungen herausgefordert wird. Seit bereits 50 Jahren dringen solche Strömungen aus Saudi-Arabien, Pakistan oder Ägypten nach Westafrika ein. Dort herrschte bis dahin eher ein spirituelles Islamverständnis vor.

Der westafrikanische Islam ist stark geprägt von sufisch orientierten Bruderschaften wie der Tidschaniya- oder der Qadiriya-Bruderschaft. Dieser afrikanische »Bruderschaftsislam« – der Begriff ist nicht zu verwechseln mit der islamistischen Muslimbruderschaft – zeichnet sich unter anderem durch die Verehrung islamischer Heiliger oder Gelehrter (Marabouts) aus. Salafistisch-wahhabitische Strömungen im Islam verurteilen den mystischen Zugang zur Religion als häretisch und unislamisch und versuchen ihn zu unterdrücken.

Seit den 1970er und 1980er Jahren ist insbesondere Saudi-Arabien bestrebt, seinen wahhabitischen Glauben verbunden mit – beziehungsweise unter dem Deckmantel von – humanitärer Hilfe zu verbreiten. Für die arabischen Golfstaaten gilt Subsahara-Afrika als das wichtigste Missionierungsterrain nach Südostasien. Die strengen islamistischen Ideen aus dem Nahen und Mittleren Osten drohen weite Teile der lokalen Bevölkerungen zu radikalisieren und könnten gleichzeitig ideologisch-religiöse Spannungen und Trennlinien innerhalb der lokalen Gesellschaften hervorrufen oder verstärken.

Als Mohammed VI. im September nach Mali reiste, empfing er daher auch zahlreiche Repräsentanten der lokalen Bruderschaften. Die Voraussetzungen dafür sind günstig: In Mali folgt die Mehrheit der Muslime den Lehren des Tidschaniya-Ordens, der im marokkanischen Fez sein religiöses Zentrum hat. Der 1737 in Südalgerien geborene Namensgeber der Bruderschaft, Ahmed al-Tidschani, ließ sich später in Fez nieder und gründete mit Unterstützung des marokkanischen Sultans Moulay Soulaiman seine Ordensgemeinschaft. Die Tidschaniya war damit von Beginn an eng mit dem marokkanischem Herrscherhaus verbunden und konnte sich von Marokko aus über die westliche Sahara in ganz Westafrika ausbreiten. Die Grabstätte von Ahmed al-Tidschani in Fez ist bis heute eine bedeutende Pilgerstätte für Tidschaniya-Anhänger, insbesondere für Pilger aus dem Senegal.

Der traditionelle Islam Westafrikas wird immer noch als Schutz gegen eine Radikalisierung der Gesellschaften in der westlichen Sahelzone betrachtet. Das marokkanische Herrscherhaus hat daher ein Interesse, seine religiösen Bindungen zu Vertretern aus dem westafrikanischen Bruderschaftsislam zu pflegen und zu stärken. An der marokkanisch-malischen Ausbildungsoffensive nehmen auch viele Geistliche aus bekannten malischen Familien teil. Sie sollen als religiöse Speerspitzen wieder einen toleranten Islam in dem zuletzt krisengeschüttelten und von dschihadistischer Gewalt geplagten Land verankern.

Im September 2012 hatten sich bereits die Religionsminister der fünf Staaten der »Union des Arabischen Maghrebs« (UAM) zu einer Konferenz in Mauretaniens Hauptstadt Nouakchott versammelt, um über den wachsenden Einfluss von Al-Qaida und Salafisten im Maghreb-Sahel-Raum zu beraten. Erklärtes Ziel der Minister war es, ihre Gesellschaften gegen extremistische, radikale Ideologien zu immunisieren und einen Islam der Toleranz zu fördern.

Fundamentalismus und der Handel mit Menschen, Waffen und Drogen bedrohen auch den Maghreb

Im Zusammenhang mit dieser Herausforderung hat Marokko das Schlagwort der »sécurité culturelle et cultuelle« geprägt: der »Sicherheit der Kultur und der Religionsausübung«. Der neue, königsnahe Außenminister Salaheddine Mezouar kommentierte, diese kulturelle und religiöse Sicherheit in der Sahelzone sei eine wichtige Komponente der regionalen Sicherheit. Marokko, so Mezouar, nehme das Thema sehr ernst.

Das nordafrikanische Königreich hat gleich mehrere Gründe, die Entwicklung in der Sahelzone außenpolitisch zur Priorität zu machen. Zwar ist die eigene nationale Sicherheit nur mittelbar von der dortigen Lage und insbesondere von der jüngsten Krise in Nordmali betroffen. Dennoch kann eine Verschlechterung der Sicherheitslage in Mali und im Sahel den marokkanischen Staat an mehreren empfindlichen Stellen treffen.

Das Erstarken des religiösen Extremismus – insbesondere vertreten durch »Al-Qaida im Islamischen Maghreb« (AQIM) –, der Menschen-, Waffen- und Drogenhandel im Sahel-Sahara-Raum und nicht zuletzt die zunehmenden Migrationsströme aus Subsahara- Afrika sind anhaltende Probleme für Rabat. Poröse und nicht kontrollierbare Landesgrenzen sowie die Gefahr zunehmend fragiler Staatlichkeit drohen aus dem Sahel-Sahara-Gebiet einen sicheren Rückzugsraum für kriminelle Banden und gewaltbereite Extremisten in direkter Nachbarschaft zu machen. Jüngst sorgte die Veröffentlichung eines Al-Qaida-Videos für Aufregung: Darin wurde erstmals das marokkanische Königshaus direkt attackiert.

Nicht erst seit der – von Marokko offiziell unterstützten – französischen Mali Intervention Anfang 2013 lässt sich ein intensiviertes sicherheitspolitisches Interesse Marokkos an der Sahelzone feststellen. Bereits in der neuen marokkanischen Verfassung von 2011 wird das Ziel der verstärkten Zusammenarbeit mit den Ländern des Sahel-Sahara-Raums festgeschrieben. Rabat ist seit längerem bemüht, sein außenpolitisches Profil in der Region zu schärfen und seine politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zu dieser Region auszubauen.

Eine Forcierung des Engagements in der Sahelzone ist zugleich nämlich auch ein politisches Signal hinsichtlich der eingefahrenen marokkanisch-algerischen Rivalität in der Westsahara-Frage: Eine Anerkennung von Marokkos »Sahel-Dimension«, so die Meinung einiger Experten, stärke Marokkos Anspruch auf territoriale Souveränität über die seit 1976 besetzte Westsahara – die in Marokko offiziell als »südliche Provinzen« bezeichnet wird.

Darüber hinaus gilt das Signal aber auch der Gestaltung der regionalen Ordnung: Für Marokkos politische Elite reichen die natürlichen Außengrenzen des Landes in die Sahelzone. Mali sei – so formulieren es marokkanische Sicherheitsexperten – eine »natürliche Einflusszone« und eine »kulturelle Verlängerung Marokkos«. Unter der Herrschaft der Saadier im 16. Jahrhundert, zu Zeiten des Sultans Ahmed al-Mansour, reichte das marokkanische Reich bis in die malischen Städte Timbuktu und Gao. Heute begnügt sich Marokko damit, enge kulturelle und politische Beziehungen zu den Ländern des westlichen Sahels zu unterhalten. Der Kampf gegen religiösen Extremismus ist eine neue Komponente dieser engen Beziehungen.

Ellinor Zeino-Mahmalat ist promovierte Politologin und Projektkoordinatorin der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) in Marokko.

„Kurz vor Europa, nicht willkommen“

Nach Europa schaffen es die wenigsten, viele Migranten stranden in Nordafrika. In Marokko werden sie angefeindet und schikaniert. Ein besseres Leben sieht anders aus.

Susanne Kaiser in der ZEIT

Sie kommen nicht weiter und können nicht zurück: Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa, die in Transitländern wie Marokko an ein unerwartetes Ende ihrer Reise kommen. Das ist nicht zuletzt ein Resultat der neuesten Abkommen zwischen der EU und ihren Nachbarn, die das Problem der nicht endenden Flüchtlingsbewegungen kurzerhand gegen Geld und Privilegien auszulagern versucht. In Fachkreisen spricht man dabei von Externalisierung: Die Grenzlinie Europas wird im Rahmen Europäischer Nachbarschaftspolitik und Privilegierter Partnerschaften kurzerhand gen Süden verschoben, die nördlichen Länder des afrikanischen Kontinents hierfür zu sicheren Drittstaaten erklärt.

Während sich die Meldungen aus Lampedusa überschlagen und von immer größeren Zahlen geretteter Flüchtlinge vor der italienischen Küste berichtet wird, werden die Massen von Migranten, die in Nordafrika zurückbleiben, von der europäischen Presse kaum bemerkt. Dabei machen sie den größten Teil der Flüchtlinge aus, wie Studien des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge zeigen. Vor allem in Marokko landen viele, zumeist siedeln sie in der Peripherie größerer Städte wie Oujda an der Grenze zu Algerien oder Nador in der Nähe der spanischen Enklave Melilla.

Mit den Zuwandererzahlen steigen in den Maghreb-Ländern auch die Spannungen. Denn die subsaharischen Afrikaner werden als Konkurrenz um Arbeit oder als Sicherheitsrisiko wahrgenommen und daher häufig Opfer von Anfeindungen und Übergriffen. Dabei sind die Bedingungen, unter denen sie leben müssen, ohnehin denkbar schlecht: in selbst gebauten Zelten aus Stöcken, Ästen und Plastikplanen unter freiem Himmel, in Wäldern und Parks, ohne Zugang zu Wasser, Strom, medizinischer Versorgung oder gar Bildung. Ihren dürftigen Lebensunterhalt verdienen sie mit Betteln, am besten vor Moscheen nach dem Freitagsgebet.

Gezielte Schikane durch die marokkanische Polizei
Doch die größte Bedrohung geht von der marokkanischen Polizei aus, die Flüchtlinge systematisch und gezielt schikaniert. Human Rights Watch prangerte vor Kurzem in einem umfangreichen Bericht das offenbar der Abschreckung dienende Vorgehen der Polizisten gegen Klandestine – also Migranten ohne Papiere – als Menschenrechtsverletzungen an. Regelmäßig sucht die Polizei demnach die improvisierten Flüchtlingslager auf, oftmals in den frühen Morgenstunden, traktiert die Bewohner mit Schlägen, stiehlt die spärlichen Wertgegenstände – Handys, Geld, Papiere –, brennt die Zelte nieder und verfrachtet die Flüchtlinge kollektiv zurück über die algerische Grenze, von wo sie in der Regel gekommen sind.

Viele Migranten leben unter diesen Bedingungen nicht nur Monate, sondern jahrelang in Marokko, ohne Aussicht auf eine Überfahrt nach Europa, ohne Rückkehrmöglichkeiten, in ständiger Angst vor der Polizei. Wie viele irreguläre Flüchtlinge ohne Dokumente es sind, weiß keiner so genau – die Schätzungen variieren zwischen 4.500 (Ärzte ohne Grenzen) und 25.000 bis 40.000 (marokkanische und spanische Behörden).

Seit September 2013 verfolgt Marokko als Reaktion auf harsche Kritik an Menschenrechtsverletzungen eine neue Flüchtlings- und Asylpolitik, unter anderem soll ein rechtlicher und institutioneller Rahmen für den Umgang mit Migranten geschaffen werden, undokumentierte Flüchtlinge sollen Papiere erhalten. „Seitdem haben die Diskriminierungen auch innerhalb der Bevölkerung eher noch zugenommen“, sagte Youssef Haji, Koordinator des von verschiedenen Flüchtlingsorganisationen gegründeten Komitees Papiers Pour Tous (Papiere für alle), gegenüber Al Jazeera.

Im Interesse der EU-Asylpolitik
Aus diesem Grund hat Papiers Pour Tous vor einigen Wochen eine Kampagne gegen Rassismus begonnen, die in Marokko zu einer kontroversen Diskussion über den gesellschaftlichen Umgang mit subsaharischen Flüchtlingen geführt hat. Bilder von einem schwarzen Afrikaner und dem Slogan auf Französisch und Marokkanisch „Ich heiße nicht Azzi“ (despektierlicher Ausdruck zur Bezeichnung eines dunkelhäutigen Menschen) zirkulieren im Internet und auf Plakaten, Banderolen und T-Shirts. Die Aktion wird begleitet von Tagungen und anderen Veranstaltungen, es ist die allererste ihrer Art überhaupt in Marokko.

Zynische Stimmen vermuten dahinter nur den letzten Versuch, das Transitland im Interesse der EU-Asylpolitik zu einem besseren Ort für die dauerhafte Bleibe von Flüchtlingen zu machen und damit die Pufferzone zwischen Afrika und Europa auszubauen. Tatsächlich weisen die jüngsten bilateralen Abkommen darauf hin, dass die marokkanische Regierung gegen finanzielle Unterstützung und Privilegien bereit ist, den Transfer von Migranten in Richtung Europa noch effektiver zu unterbinden.

Die Migranten haben ihren Ländern im subsaharischen Afrika den Rücken gekehrt, um Armut, familiären und sozialen Schwierigkeiten, politischen Umstürzen und Bürgerkriegen oder politischer Verfolgung zu entkommen. Sie legen dafür Hunderte von Kilometern teils zu Fuß, teils mit Autos und Bussen zurück. Nur um irgendwann festzustellen, dass sie dauerhaft in Marokko gestrandet sind, wo ihnen keinesfalls eine bessere Zukunft winkt.

NO BORDER !

„Mohammed VI. auf Afrikatour: Rabat wendet den Blick gen Süden“

Marokko profitiert von Algeriens Schwäche, um sich als wichtiger Akteur im Sahel und in Westafrika zu profilieren. Das Land erhofft sich verstärkte Unterstützung für seine Westsahara-Politik und baut wirtschaftliche Kooperationen aus.

Beat Stauffer in der NZZ

Die rund dreiwöchige Tournee, die der marokkanische König samt einem grossen Gefolge von Ministern, hochrangigen Wirtschaftsführern und Beratern unlängst beendet hat, ist weit mehr als eine der zahlreichen Auslandreisen des Monarchen. Sie stellt vielmehr einen Wendepunkt in der Beziehung Marokkos zu seinen Nachbarn südlich der Sahara dar. Noch nie hatte ein marokkanischer Monarch dieser Region eine derartige Bedeutung eingeräumt, noch nie haben marokkanische und afrikanische Medien diese Beziehungen derart euphorisch gefeiert. Afrika sei ein grosser Kontinent mit einem riesigen Potenzial und kein kolonisierter Erdteil, sagte König Mohammed VI. sinngemäss in einer Rede in Côte d‘Ivoire. Aus diesem Grund müssten die afrikanischen Länder sich gegenseitig Vertrauen schenken.

Bisherige Gleichgültigkeit
Die Handelsbeziehungen zwischen Marokko und allen schwarzafrikanischen Ländern machten 2012 nur gerade 2 Prozent des marokkanischen Aussenhandels aus (etwa 1,4 Millionen Euro); ihr Umfang war damit 13-mal geringer als derjenige der Handelsbeziehungen zu Frankreich. Initiativen, die auf eine Verstärkung der wirtschaftlichen und politischen Beziehungen unter afrikanischen Ländern hinauslaufen, sind naheliegend.

Die Zuwendung zu Schwarzafrika ist allerdings neueren Datums. Der Maghreb, obwohl kulturgeschichtlich in vielen Bereichen stark von Ländern südlich der Sahara geprägt, sieht sich traditionell als Region, die in der arabischen Kultur verwurzelt ist und zudem über starke Beziehungen zu Europa verfügt. Entsprechend richtete sich der Blick bis jetzt in erster Linie nach Osten und Norden; Schwarzafrika wurde mit einer Mischung aus Gleichgültigkeit und Verachtung betrachtet. Noch unter König Hassan II. prägte diese Sichtweise auch die offizielle Politik: Der Monarch pflegte zwar enge Kontakte zu einigen Staatschefs, mass aber gleichzeitig den offiziellen Beziehungen zu den entsprechenden Staaten ein geringes Gewicht bei. Diese Haltung wurde durch den im Jahr 1984 erfolgten Austritt Marokkos aus der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU, heute AU) verstärkt. Marokko verliess die Organisation damals aus Protest wegen der Anerkennung der Demokratischen Arabischen Republik Westsahara und blieb ihr seither fern. Erst König Mohammed VI. leitete in den letzten Jahren in seiner Afrika-Politik einen sachten Kurswechsel ein, der jetzt mit der jüngsten Tournee bekräftigt wird.

Wirtschaftliche Interessen
Dieser markante Kurswechsel hat allerdings handfeste Motive, welche die Bekundungen panafrikanischer Solidarität als Begleitmusik erscheinen lassen. Auf wirtschaftlicher Ebene dürften sowohl der in Marokko stark spürbare Rückgang der Handelsbeziehungen zu EU-Ländern wie das weiterhin blockierte Verhältnis zu Algerien eine wichtige Rolle gespielt haben. Aus dieser Optik ergibt es durchaus Sinn, neue Märkte in Ländern südlich der Sahara ins Visier zu nehmen. In einigen Staaten dürften sich zudem Synergieeffekte ergeben. So hat Marokko nun im ölreichen Gabon Verträge zum Bau mehrerer Kunstdüngerfabriken unterzeichnet, in denen marokkanisches Rohphosphat zu Kunstdünger verarbeitet werden soll.

Auch in anderen Bereichen ist eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Marokko und ausgewählten afrikanischen Ländern sinnvoll. Marokko besitzt im Bankwesen, im Dienstleistungssektor, Tourismus sowie Hoch- und Tiefbau Kompetenzen. Schon seit einigen Jahren haben marokkanische Unternehmer begonnen, sich in Sahelländern zu installieren. Diese Expansion soll nun im grossen Stil fortgesetzt werden. Dabei sind auch Firmen, die dem Königshaus gehören, beteiligt. Als grösster Aktionär des Landes ist der Monarch in der marokkanischen Wirtschaft ohnehin auf vielfältige Weise involviert.

Mit der neuen Afrika-Politik treten marokkanische Unternehmen allerdings unweigerlich in Konkurrenz zu französischen Firmen, die bis anhin in vielen westafrikanischen Ländern weitgehend freie Hand gehabt haben. Damit tut sich ein potenzielles Konfliktfeld zwischen Marokko und seiner ehemaligen Protektoratsmacht auf.

Jihadismus und Migration
Hinter dem neuen Interesse Marokkos an seinen Nachbarn im Süden dürfte allerdings ein anderer Aspekt ein mindestens so grosses Gewicht besitzen: Die neue Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen und im engeren Sinn die Bekämpfung radikal-islamistischer Gruppierungen, welche sich in der Sahelzone festgesetzt haben. Dieser Plan war schon mit der «Déclaration de Rabat» im November 2013 eingeläutet worden, einem Projekt zur gemeinsamen Ausbildung von Grenzwächtern in insgesamt 19 Staaten.

Der Sicherheitsaspekt stand auch beim Staatsbesuch des Monarchen in Mali im Vordergrund. Marokko bietet dem Sahelstaat an, jährlich Hunderte von Studenten an marokkanischen Universitäten zu Imamen ausbilden zu lassen. Auf solche Weise soll Mali in Zukunft die Kontrolle über Moscheen zurückgewinnen, in denen extremistische Botschaften verbreitet und gefährdete Jugendliche radikalisiert werden. Dabei setzt Marokko auf die Kraft des gemässigten Islams malikitischer Ausrichtung, aber auch auf die mystisch ausgerichteten islamischen Bruderschaften, die teilweise jahrhundertealte Beziehungen über die Landesgrenzen hinweg pflegen. Obwohl darüber offiziell nichts verlautete, darf davon ausgegangen werden, dass auch eine intensivere Zusammenarbeit zwischen den Geheimdiensten von Marokko und Mali sowie weiterer Länder ins Auge gefasst wird; es ist offensichtlich, dass allein mit präventiven Massnahmen den Jihadisten in der Sahelzone wie auch ihren häufig im Drogen- und Waffenhandel sowie im Entführungsgeschäft tätigen «Geschäftspartnern» nicht beizukommen ist.

Zu dieser Zusammenarbeit im Sicherheitsbereich zählt im weiteren Sinn auch die Bekämpfung der klandestinen Emigration in Richtung Norden, welche für Marokko zunehmend ein Problem darstellt. Massgebend dabei dürfte aber sein, dass sich Marokko damit für Europa als unabdingbarer Partner in einem äusserst wichtigen Bereich positioniert. Analysten sind denn auch davon überzeugt, dass die Afrika-Initiative des Monarchen mit den USA sowie europäischen Ländern abgesprochen worden ist oder dass diese letztlich gar die entscheidenden Akteure hinter den Kulissen waren.

Das vorgängige Treffen von König Mohammed VI. mit Bilal Ag Chérif, dem Chef des Mouvement national pour la libération de l‘Azawad (MNLA), zeigt, wie sehr Marokko auch als Vermittler oder gar Ordnungsmacht in der Region wahrgenommen werden will. Damit ergibt sich unweigerlich ein Konflikt mit Algerien. Das Land betrachtet die Sahelzone seit Jahrzehnten ganz klar als seine Einflusssphäre, in der nichts ohne Einwilligung des dafür zuständigen Département du Renseignement et de la Sécurité (DRS) geschah. Bereits die französische Intervention in Mali, so berichtet Hasni Abidi, Professor für Global Studies an der Universität Genf, wurde von Algerien ungern gesehen und endete aus algerischer Optik mit einem Debakel. Der Umstand, dass sich Marokko nun als gewichtiger Mitspieler in diesen Bereich vorwagt, dürfte in Algier mit grösstem Ungemach registriert worden sein. Das Land, das sich noch vor Jahren als Leuchtturm der Befreiungsbewegungen feierte, so der Lausanner Politikwissenschafter Ahmed Benani, verliere gegenwärtig seine zentrale Rolle auf allen Ebenen.

Das Westsahara-Problem
Die Afrika-Initiative des marokkanischen Monarchen ist, so meinen die beiden Analysten übereinstimmend, eng verknüpft mit der gegenwärtigen Lage Algeriens und mit dem Versuch Marokkos, für seine Westsahara-Politik neue Mehrheiten zu finden. Diese Lage ist geprägt von den Machtkämpfen der verschiedenen algerischen Clans und den damit verbundenen Unsicherheiten im Zusammenhang mit der Präsidentenwahl sowie mit einer angespannten sozialen Lage. Diese Umstände absorbierten Algerien derart stark, dass es aussenpolitisch praktisch handlungsunfähig geworden sei, meint Benani. Marokko nutze jetzt diese momentane Schwäche des im Prinzip viel reicheren und mächtigeren Nachbarn aus, um die regionalen Karten neu zu mischen und für seine Politik einer Autonomie der Westsahara unter marokkanischer Souveränität Unterstützung zu finden. «Für Marokko war es der Moment, um zu handeln», sagt Abidi. Marokko setze auf einen «Schneeball-Effekt», meint Hasni Abidi; gute wirtschaftliche Beziehungen könnten längerfristig zu einem Überdenken der bisherigen Unterstützung vieler afrikanischer Staaten für die Sahraoui-Republik führen.

Die neue Afrika-Politik von Mohammed VI. stösst allerdings in den Staaten südlich der Sahara nicht nur auf Begeisterung. Im Nachbarland Mauretanien, das der Monarch bei seiner Tournee links liegengelassen hatte, löste die Initiative Verärgerung und Angst vor marokkanischen Grossmachtsträumen aus. Anfang März rief Nouakchott seinen Botschafter in Rabat zurück und liess die Botschaft vorübergehend schliessen. Zwar wurden die offensichtlichen Spannungen wenig später durch wolkige Erklärungen abgedämpft. Dennoch ist klar, dass es zwischen den beiden Ländern nicht zum Besten steht.

Ambitiöse Politik umsetzbar?
In Marokko selber ist neben grossem Applaus auch leise Kritik an der neuen Afrika-Politik des Monarchen zu vernehmen. So wird etwa die Frage aufgeworfen, ob die Förderung strukturschwacher und armer Regionen in Marokko nicht Vorrang haben müsste gegenüber solchen grenzüberschreitenden Projekten. Einzelne Kritiker argwöhnen auch, dass Unternehmen im Besitz des Palasts oder von Gefolgsleuten des Königs am meisten von diesen Projekten profitieren würden.

Für den Ökonomen Najib Akesbi, Professor am Institut Agronomique et Vétérinaire Hassan II in Rabat, stehen zwei andere Fragen im Vordergrund. Akesbi zweifelt zum einen daran, dass Marokko tatsächlich über die finanziellen Mittel verfügt, um eine derart ambitiöse Afrika-Politik zu betreiben. Zum andern weist er auf die mangelnde Konkurrenzfähigkeit marokkanischer Exportprodukte und auf praktische Schwierigkeiten hin; etwa auf die schlecht ausgebauten Transportwege zwischen Marokko und afrikanischen Ländern.

Klar ist: Die neue Afrika-Politik von Mohammed VI. bleibt aufs Engste mit seinem Konzept einer «Monarchie entrepreneuriale» verknüpft. Ob damit dem Land längerfristig gedient ist, steht auf einem anderen Blatt. Beachtlich bleibt aber, wie strategisch geschickt der marokkanische König sein Land durch die Stürme der Zeit steuert.

Mohammed VI. in den Fussstapfen Ghadhafis?

Die Reise der marokkanischen Delegation führte nach Mali, Côte d‘Ivoire, Guinea und Gabon. Dabei schloss Mohammed VI. mit seinen afrikanischen Partnern verschiedene Abkommen ab und schlug ihnen eine Zusammenarbeit auf Regierungsebene vor – in Mali etwa in Form der Ausbildung von zukünftigen Imamen. Im Zentrum standen aber geplante Investitionen bedeutender marokkanischer Unternehmen. Das umfangmässig bedeutendste Projekt soll dabei im ölreichen Gabon realisiert werden. Dort ist der Bau von insgesamt fünf Kunstdüngerfabriken mit einem Investitionsvolumen von rund zwei Milliarden Dollar geplant, die bereits in vier Jahren den Betrieb aufnehmen sollen. Entscheidender Akteur auf marokkanischer Seite ist OCP, Weltmarktführer in der Phosphat- und Düngemittel-Produktion. In Guinea sieht der marokkanische Bau- und Immobilienkonzern Addoha den Bau dreier Satellitenstädte mit insgesamt 3000 Wohneinheiten vor. In Côte d‘Ivoire unterzeichnete Mohammed VI. schliesslich 26 bilaterale Abkommen in verschiedenen Bereichen, etwa der Fischerei und dem gegenseitigen Schutz von Investitionen.

Der marokkanische Vorstoss in Richtung Afrika weist auch einen Bezug zu Libyen auf. Bekanntlich hatte der Sturz des Ghadhafi-Regimes nicht nur hinsichtlich der Verschlechterung der Sicherheitslage in der gesamten Sahelzone eine entscheidende Rolle gespielt, sondern auch massive wirtschaftliche Folgen für zahlreiche afrikanische Länder gezeitigt. Ghadhafi, der sich als künftiger «König der Könige Afrikas» sah, ist dort als Grossinvestor, aber auch als Sponsor und Mäzen aufgetreten. In den vier Ländern, die König Mohammed VI. auf seiner Reise besucht hatte, habe nach dem Tod von Ghadhafi eine schmerzliche Lücke geklafft, sagt Hasni Abidi. Libysche Investitionen durch die «Libyan African Investment Company» seien gerade in diesen Ländern sehr bedeutsam gewesen. In diesem Sinn dürfte der marokkanische König dieses Vakuum zumindest ökonomisch ausgefüllt haben. Im Gegensatz zum libyschen Diktator geniesst der marokkanische König in den betreffenden Ländern allerdings einen guten Ruf und steht zudem nicht im Verdacht, via ein solches Engagement andere Länder politisch destabilisieren zu wollen.

„Präsidentschaftswahl in Algerien – Abstieg eines Pop-Idols“

Einst verlieh er einer ganzen Generation eine Stimme. Heute singt die Rai-Legende Khaled für die Wiederwahl des algerischen Autokraten Bouteflika.

Daniel Bax in der taz

Unter den 60 prominenten Algeriern, die sich für den Clip zusammen getan haben, ist er mit Abstand der Berühmteste: der Pop-Sänger Khaled. Gemeinsam mit anderen algerischen Stars wie der Sängerin Kenza Farah und dem Ex-Fußball-Nationalspieler Lakhdar Belloumi singt er in dem Musikvideo ein Ständchen für die Wiederwahl des algerischen Präsidenten Abdelaziz Bouteflika.

Ganz im Stil des Charity-Hits „We are the World“, mit dem sich US-Stars vor dreißig Jahren für Hungernde in Afrika engagierten, schmettert die Promi-Riege ihren „Schwur für Algerien“ und macht mit Geigen, Orient-Percussion und Chorgesang kräftig Stimmung für eine schlechte Sache.

Am 17. April wird in Algerien ein neues Staatsoberhaupt gewählt, und der 77-jährige Bouteflika tritt dabei zum vierten Mal an. Schon seine letzte Wiederwahl vor fünf Jahren war umstritten, weil dafür die Verfassung geändert werden musste, inzwischen gilt er als schwer krank. Von einem Schlaganfall geschwächt, mied er in den letzten Jahren die Öffentlichkeit. Doch offenbar haben die Armee und die Oligarchen keinen anderen geeigneten Kandidaten, den sie an seiner Stelle vorschicken können.

Es gab Proteste, die Opposition hat zu einem Boykott der Wahl aufgerufen. Der Pro-Bouteflika-Song ist die direkte Antwort auf die „Barakat“-Kampagne („Es reicht“), die sich gegen die Wahlfarce richtet. Denn die Wiederwahl des Präsidenten gilt als sicher, weil seine Gegenkandidaten keine Chance haben und Dissenz unterdrückt wird.

Khaled hat aus seiner Unterstützung für Bouteflika keinen Hehl gemacht. In Interviews ließ er verlauten, der Präsident habe für Aussöhnung, Frieden und Entwicklung gesorgt, darum sei ihm seine Stimme sicher. Trotzdem ist sein Auftritt in einem unverblümten Wahlwerbesong bemerkenswert. Denn der 1960 in Oran geborene Sänger gab einst einer ganzen Generation eine Stimme, die gegen die verkrusteten Strukturen in ihrem Land aufbegehrte.

Die musikalische Rai-Rebellion der 1980er-Jahre richtete sich auch gegen das System der ehemaligen Staatspartei, der Nationalen Befreiungsfront (FNL), die ihre Macht auf Gas und Öl stützt und deren Kandidaten Khaled nun demonstrativ unterstützt.

Für viele hat er damit die Seiten gewechselt. Kaum war der Videoclip vor zwei Wochen im Netz, hagelte es deshalb Häme und Kritik, und die Zahl der „Dislikes“ auf Facebook überstieg die Zahl der „Likes“ rasch um ein Vielfaches. Einige der Teilnehmer distanzierten sich und behaupteten, sie wären getäuscht worden.

Auch Khaled musste sich rechtfertigen, steigerte mit manchen seiner Aussagen aber nur die Peinlichkeit. Mal lobte er Bouteflika, dieser habe dafür gesorgt, dass man in algerischen Hotelbars heute Whisky finden könne. Dann behauptete er: „Dank Bouteflika haben wir Kartoffeln und Reifen in Algerien“. Und hieß es zuerst, er habe für seine Wahlkampfhilfe kein Geld erhalten, war plötzlich von 40.000 Euro die Rede.

Es ist die vorerst letzte Etappe im Abstieg des einstigen Idols und Sympathieträgers. Als Star der „Rai-Pop“-Bewegung sang Khaled, der damals noch den Rai-Ehrentitel Cheb („Der Junge“) trug, Hunderte von Kassetten ein. Nach 1986 verließ er Algerien, nicht zuletzt, um in Frankreich eine Pop-Karriere zu starten, was ihm auch gelang.
In den Neunzigerjahren landete er, als erster arabischer Sänger überhaupt, mit „Didi“ und „Aicha“ zwei Welthits, die sich von Istanbul bis Buenos Aires verkauften und vielfach gecovert wurden. Frankreich, wo seine Weltkarriere begann, verließ er aber schon im Jahr 2000, um sich in Luxenburg niederzulassen, auch aus Steuergründen.

Seit einiger Zeit lebt er nun mit seiner Familie in Marokko, und im vergangenen Jahr erhielt er dort von König Mohammed persönlich die marokkanische Staatsbürgerschaft verliehen, was vielen Algeriern sauer aufstieß.

Mit seinem letzten Album „C‘est la vie“, das im vergangenen Jahr erschien, konnte er nicht an seine früheren Erfolge anknüpfen, sein nach wie vor markantes Organ wurde darauf unter zu viel Eurotrash-Sound begraben. Jetzt wurde bekannt, dass er mit der libanesischen Sängerin Nancy Ajram die arabische Coca-Cola-Hymne zur Fußball-WM in Brasilien singen wird. In den Augen vieler enttäuschter Fans lässt ihn all das immer mehr als einen käuflichen Opportunisten erscheinen.

„Ansturm auf die‘Festung Europa“‚

Alexander Göbel und Reinhard Spiegelhauer im DLF, hier zum anhören

Die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla sind Ziel vieler afrikanischer Flüchtlinge. Jenseits des Zauns, in Marokko, warten sie in Camps auf ihre Chance, den schwer gesicherten Sperranlagen zu überwinden, um in Europa ihr Glück zu suchen. Auf beiden Seiten der Grenze werde mit ihrem Elend Politik gemacht, kritisieren Menschenrechtler.

Am Waldrand von Oujda, wenige Kilometer vor der marokkanisch-algerischen Grenze, stehen Dutzende Zelte aus grauen Decken und grünen Plastikplanen direkt an der Außenmauer des Universitätsgeländes. Über einer Feuerstelle steigt Rauch auf. Rund 100 Afrikaner leben hier, manche schon seit Jahren – so wie Mohamed, 22, aus Ghana. Er trägt weiße Turnschuhe, eine weite Jeans, eine Baseballmütze und ein großes, hölzernes Afrika-Amulett um den Hals. Als afrikanischer Migrant sei er in Marokko bisher schlechter behandelt worden als ein Hund, erzählt er, vor allem von der Polizei. Mohamed muss tagsüber betteln und von dem leben, was Hilfsorganisationen hier verteilen – so, wie alle anderen Migranten auch. Dennoch will Mohamed bleiben, endlich dazugehören. Vor Kurzem hat er vom Staat eine Carte de séjour bekommen – eine Aufenthaltsgenehmigung.

„Ich danke Gott, ich danke Seiner Majestät, dem König von Marokko und den marokkanischen Behörden. Mit der Aufenthaltsgenehmigung haben sie uns das Leben etwas leichter gemacht. Aber wir haben immer noch keine Arbeit. Und deswegen sind wir immer noch nichts wert in dieser Gesellschaft, obwohl so viele von uns Berufe haben, Mechaniker, Schreiner, manche haben auch studiert. Wir wollen Arbeit, damit wir hier leben können, zusammen mit den Marokkanern.“

König Mohammed VI. persönlich hatte im Herbst 2013 befohlen, der illegalen Migration sei – so wörtlich – mit „einer humanistischen Perspektive“ zu begegnen. Die Flüchtlingsdramen an den Zäunen vor Ceuta und Melilla oder vor Lampedusa mögen ihn dazu bewogen haben, aber vielleicht auch die massive internationale Kritik am Umgang seiner Behörden mit den Migranten an der afrikanischen Südgrenze Europas. Marokkos König erkennt: Seine Monarchie ist längst nicht mehr nur Transitland, sondern braucht eine echte Migrationspolitik. Und die soll sein Migrationsminister Anis Birou umsetzen:

„Marokko wird mit seiner neuen Migrationspolitik Tausende Menschenleben retten. Wir wollen, dass sich Flüchtlingsdramen wie vor Lampedusa nicht wiederholen. Die Migration geht uns alle an. Und wir können sie nur gemeinsam steuern. Marokko will, dass die Menschen, die hierher kommen, nicht länger den Albtraum der Flucht über das Meer oder den Zaun ertragen müssen. Wir wollen, dass diese Menschen hier stattdessen ihren marokkanischen Traum leben können.“

Zu diesem Traum gehören aber weit mehr als warme Worte oder eine Aufenthaltsgenehmigung, betont Mohamed Talbi von der Nichtregierungsorganisation ABCDS in Oujda. Ohne Respekt, ohne ein echtes Integrationskonzept sei das Ganze Augenwischerei – und nicht mehr als teure Imagepflege bei den europäischen Partnern auf Kosten der Migranten.

„Für den Moment ist alles noch sehr unklar. Die Regierung blendet das Problem aus, es fehlt der politische Wille, wirklich etwas zu tun. Die wenigen Migranten, die jetzt eine Aufenthaltsgenehmigung haben, vegetieren hier immer noch im Wald vor sich hin. Das ist nicht zu akzeptieren.“

Aktivisten werden Marokko ein doppeltes Spiel vor

Außerdem sei die Carte de séjour bisher nur an wenige Migranten vergeben worden – unter strengsten Auflagen. 10.000 Migranten sollen sich beworben haben, bislang haben gerade einmal 200 ihre Karte. Und die könnten sie schnell wieder verlieren: Denn wer binnen eines Jahres keinen Arbeitsvertrag vorweisen kann, verliert seinen Status. Marokko spiele ein doppeltes Spiel, heißt es in der marokkanischen Aktivistenszene: Auf der einen Seite würden einige Migranten nun Papiere erhalten, auf der anderen Seite gingen die Behörden weiter brutal gegen diejenigen vor, die nach Europa wollen. Aber eins müsse klar sein: Marokko betreibe diese Politik letztlich unter massivem Druck und im Interesse der Europäischen Union.

„Dieser Wisch hat viele Leute getäuscht, damit kontrollieren sie uns nur noch mehr. Marokko hat doch nicht einmal für seine eigene Bevölkerung genug Arbeit. In manchen Ecken haben fast 40 Prozent der Marokkaner keinen Job. Wir Schwarze werden höchstens ausgebeutet, aber einen Arbeitsvertrag kannst du vergessen.“

Sagt Omega, 20 Jahre alt, aus Kamerun. Er irrt durch Nador, direkt an der Grenze zu Melilla. Gerade ist er der Polizei entwischt, er sollte festgenommen und in die Hauptstadt Rabat verfrachtet werden. Omega weint, er zittert am ganzen Körper, schaut sich ängstlich um – wir werden vom Geheimdienst beobachtet. Zwei Jahre hat Omega in Gurugu verbracht, in den Camps vor dem großen Zaun in Melilla. Viele Male hat er versucht, drüber zu klettern – bisher vergeblich. Die marokkanische Polizei habe Steine auf ihn geworfen, als er im Zaun hing, erzählt er, einer seiner Freunde sei an seinen schweren Verletzungen gestorben.

„Ich würde es gerne wieder probieren. Aber es ist sehr riskant. Wenn die Polizei dich erwischt, wirst du verprügelt. Und das kann böse enden. Ich kann nicht hier bleiben. Aber zurück nach Hause kann ich auch nicht. Ich habe nichts. Gar nichts. Ich könnte meiner Familie nichts bieten. Ich muss raus aus Marokko, rüber nach Europa. Denn das hier ist kein Leben. Jeden Tag wird es hier schlimmer. Und das Leid wird immer größer. Und so wie mir geht es vielen anderen auch.“

Ceuta und Melilla wichtiges Zwischenziel nach Europa

Weit mehr als 1.000 Migranten haben in diesem Jahr schon versucht, in die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla zu kommen. Auf dem afrikanischen Kontinent gelegen, sind sie Hoheitsgebiet der EU – und damit wichtiges Zwischenziel auf dem Weg nach Europa. Allein bei einem einzigen Massenansturm Mitte März schafften es rund 500 Flüchtlinge über den extrem gesicherten, mit Klingendraht versehenen Grenzzaun in Melilla. Er ist sechs Meter hoch und besteht aus drei Reihen. Von Wachtürmen aus und mit ferngesteuerten Kameras überwachen Beamte der Guardia Civil die Grenze, auch auf marokkanischer Seite patrouilliert die Polizei, um Flüchtlinge schon weit vor dem Zaun zu entdecken und zurückzuschicken. Trotz alledem versuchen Flüchtlinge weiterhin, hinüber zu klettern. Manche, so wie Omega, wieder und wieder, bis sie es eines Tages vielleicht schaffen – an einer der unübersichtlichen Stellen, an denen man relativ leicht und unbemerkt bis an den Zaun heran kommen kann, um dann möglichst schnell hinüber zu klettern.

„Wir stehen hier direkt am Grenzzaun, zwischen dem chinesischen Viertel und dem Flughafen. Hier versuchen oft Flüchtlinge, über den Zaun zu kommen. Obwohl die Stadtverwaltung inzwischen Nato-Draht und feinmaschige Gitter hat anbringen lassen, damit es schwieriger ist, darüber zu klettern.“

José Palazon steht neben der Straße, die am Grenzzaun entlang führt. Der Lehrer engagiert sich seit vielen Jahren für die Flüchtlinge, hat die Hilfsorganisation PRODEIN gegründet. Schon vor einem Jahr hat er uns gesagt: Egal, wie hoch der Zaun ist, egal, wie, er aufgerüstet wird, die Flüchtlinge werden weiter kommen. Und er hat recht behalten: Von Januar bis März sind schon mehr Menschen illegal nach Melilla gekommen als im ganzen vergangenen Jahr. Am Tor des Auffanglagers CETI, nur ein paar hundert Meter vom Grenzzaun entfernt, drängen sich Flüchtlinge und Helfer:

„Im Moment sind wir im CETI etwas überfordert, denn hier sind momentan mehr als dreimal so viele Menschen wie vorgesehen. Aber diejenigen, die hier arbeiten, versuchen, so gut wie möglich, zu helfen.“

Laura Aranda ist Rechtsanwältin, sie berät im CETI Flüchtlinge in Asylangelegenheiten. Die wenigsten Migranten haben allerdings eine realistische Chance, anerkannt zu werden:

„Es ist für sie oft sehr schwierig, nachzuweisen, dass sie verfolgt werden. Es kommen viel weniger durch, als wir gerne hätten.“

Für den 21-jährigen Jeremy aus dem Tschad zum Beispiel stehen die Chancen schlecht – auch, wenn seine Heimat nach dem Bürgerkrieg noch immer instabil ist. Mit 18 ist Jeremy in Richtung Europa aufgebrochen, zwei Jahre lang hat er unter Zeltplanen gelebt, auf dem Gurugu-Berg vor den Toren Melillas. Seine Unterarme sind vernarbt von gescheiterten Versuchen, über den dreireihigen Grenzzaun zu klettern. Vor sechs Wochen hat er es dann geschafft:

„Wir sind nach dem Morgengebet um 5 Uhr aufgebrochen in Richtung Zaun. Dann haben wir auf Kommando um 6 Uhr den Zaun gestürmt. Wir mussten rennen, überall war marokkanische Polizei. Und als wir am Zaun waren, hieß es nur noch klettern, so schnell du kannst. Als die ersten meiner Freunde schon spanischen Boden berührt hatten, blieb ich im Zaun stecken. Leute vom Roten Kreuz haben mich heruntergeholt, mit vier anderen. So bin ich nach Europa gekommen.“

Im Auffanglager hat Jeremy jetzt ein festes Dach über dem Kopf, bekommt vernünftiges Essen und Spanisch-Unterricht.

„Jeden Tag haben wir von Gurugu aus beobachtet, wie über Melilla die Sonne aufgeht. Und nachts haben wir das Lichtermeer gesehen. Und jetzt stehe ich tatsächlich hier und blicke hinüber. Ich denke an meine Brüder, die noch in Gurugu sind, auf der anderen Seite.“

Das Auffanglager in Melilla ist für rund 500 Migranten geplant, im März waren zeitweise fast 2.000 Menschen dort. Jede Woche werden Flüchtlinge nach Spanien gebracht, in gefängnisähnliche Internierungslager – bis zur Abschiebung, bis ein Asylverfahren abgeschlossen ist. Wer keine Papiere hat und dessen Herkunft nicht geklärt wird, muss nach spanischem Recht nach 60 Tagen frei gelassen werden – und taucht dann unter. So weit will der junge Jeremy zumindest jetzt noch nicht denken. Erst einmal ist er glücklich, es nach Melilla geschafft zu haben. Und er hat einen Traum:

„Ich will Fußballprofi werden. Ich bete zu Gott, dass er mir Kraft gibt. Wenn ich es schaffe, dann kann ich endlich jemand sein! Vielleicht kann ich ja in Madrid spielen, bei Real, oder bei Bayern München – ganz egal. Wenn Gott es will, werde ich irgendwann dort landen.“

Zahlen sind umstritten

Mohamed, Omega, Jeremy – nur einige Schicksale von vielen. Sehr vielen, wenn man dem spanischen Innenministerium glaubt: Bis zu 40.000 Migranten warten demnach in Marokko auf ihre Chance, illegal nach Spanien zu kommen. Und noch mal 40.000 seien auf dem Weg nach Marokko. Die angeblich drohende „Flüchtlingsschwemme“ sorgte im März für Schlagzeilen in der spanischen Presse. Aber Jordi Évole ist skeptisch. Er ist Moderator eines angesehenen Fernsehmagazins, das Hintergründe von Meldungen recherchiert, Widersprüchen auf den Grund geht und dabei auch immer wieder Missstände aufdeckt.

„Wir wollen herausfinden, ob die Meldungen stimmen oder ob sie interessengesteuert sind. Zum Beispiel, um zusätzliche EU-Hilfen zu bekommen oder um die Bedingungen für Flüchtlinge, die in unser Land kommen wollen, zu erschweren.“

Sie haben es jedenfalls über den Zaun geschafft und sie feiern: Im März gab es den bisher erfolgreichsten Massenansturm von Flüchtlingen auf Melilla: 500 haben an einem einzigen Morgen die Stadt erreicht. Nicht zuletzt, weil sich die Grenzbeamten einmal an Recht und Gesetz gehalten hätten, sagt José Palazon von der Hilfsorganisation PRODEIN:

„Die Guardia Civil hält sich an das Gesetz, tut also nur ihre Pflicht. Wenn ein Migrant über den Zaun klettert, nimmt ihn die Guardia Civil fest und bringt ihn zum Kommissariat der Nationalpolizei. Das ist ihre Aufgabe. Es ist nicht ihre Aufgabe, mit Gummigeschossen zu schießen oder Leute, die zwischen den drei Grenzzäunen aufgegriffen werden, direkt wieder abzuschieben. Schon bemerkenswert: Diese legale Arbeit nimmt man jetzt wahr, als ob sie ein Streik wäre.“

Aktivisten filmen und fotografieren seit Jahren die Einsätze am Grenzzaun. Die Guardia Civil habe in der Vergangenheit Gummigeschosse gegen Migranten eingesetzt, sagen sie. Vor allem aber habe sie Flüchtlinge abgeschoben, obwohl sie bereits spanischen Boden betreten hätten. Jesús Ruiz von der Gewerkschaft der Nationalpolizei in Melilla bestätigt:

Diskussion über Abschiebungspraxis

„Ich kann sagen, dass es Ermittlungen und Anklageerhebungen gegen Verantwortliche in der Politik und bei den Polizeikräften gab, weil es sogenannte heiße Abschiebungen gegeben haben soll. Es geht darum, ob es sie gab und ob sie legal oder illegal sind.“

Jesús Ruiz und seine Kollegen von der Nationalpolizei haben nicht die Aufgabe, die Grenze zu sichern – das ist Sache der Grenzschützer der Guardia Civil. Trotzdem hat Ruiz eine klare Meinung:

„Abschiebungen, ohne die Gesetze anzuwenden, sind illegal.“

Der Streit, sagt Ruiz, entzünde sich an der Frage, ab wo ein Flüchtling eigentlich in Spanien ist und nach dem Gesetz behandelt werden müsse: medizinische Versorgung, erkennungsdienstliche Behandlung, Unterbringung in einem Lager. Die Guardia Civil lehnt zurzeit jedes Interview ab. Vor einem Jahr noch war das anders – Unterleutnant Juan Antonio Martín, Presseoffizier in Melilla, sagte uns damals:

„Der Zaun steht hinter der mit Marokko vertraglich festgelegten Grenzlinie. Aber wir verstehen es so: Ein Immigrant ist in Spanien, wenn er diese Grenzanlage als Ganzes überschritten hat.“

Von oben so verordnet, von den Beamten angewandt. Immer wieder überstellen sie Flüchtlinge, die zwischen den auf spanischem Territorium stehenden Grenzzäunen abgefangen wurden, durch Türen im Zaun den marokkanischen Sicherheitskräften. Hilfsorganisationen wie die von José Palazon versichern jedenfalls, dieses Vorgehen mit Fotos und Videos beweisen zu können. Als auf ihre Anzeige hin gerichtlich ermittelt wurde, wälzte die Polizeiführung die Verantwortung auf die einzelnen Grenzschützer ab. Ein Unding, sagt Nationalpolizist und Gewerkschafter Jesús Ruiz:

„Bei der Guardia Civil gibt es jetzt seit einem Jahr Probleme damit. Die Politik mischt sich ein, vielleicht ja unwissend, aber auf jeden Fall ist es ein Problem, wenn es Wissenslücken oder Rechtsunsicherheit gibt und die Gerichte sich einschalten – das muss man verhindern.“

In den vergangenen Wochen und Monaten hätten sich die spanischen Grenzschützer nun geweigert, weiter illegal abzuschieben, sagt José Palazon und beruft sich auf Kontakte in der Guardia Civil. Nun gebe es sogar eine Verabredung mit Marokko, dass dessen Grenzpolizei Flüchtlinge aus dem Innenraum der Grenzanlage holen und nach Marokko mitnehmen soll – Videos sollen auch das beweisen. Klar ist, dass Spanien – und vielleicht auch die EU – möglichst viele Flüchtlinge mit möglichst wenig Federlesen nach Marokko zurückschicken wollen. Der spanische Innenminister Jorge Fernandez Diaz will dazu mit Marokko eine Vereinbarung treffen – und Melillas Bürgermeister Juan José Imbroda möchte am liebsten gleich das Ausländergesetz ändern:

„Ziel muss es sein, dass Marokko jeden illegalen Migranten zurücknimmt, dass die Polizei und die Guardia Civil jeden Migranten zurückschicken können. Was muss man dafür tun? – Das Gesetz ändern. Im Übrigen: In erster Linie verletzen diejenigen das Gesetz, die illegal über die Grenze kommen – sei es, um zu arbeiten, sei es, um Verbrechen zu begehen oder warum auch immer.“

Natürlich müssten vor allem die Lebensbedingungen in den Herkunftsländern der Migranten verbessert werden, sagt der Bürgermeister, der angesichts des Heeres afrikanischer Zaunstürmer schon einmal mit bitterer Ironie gefordert hat, man könne ja jeden Migranten am Zaun gleich mit Stewardessen und einer Tasse Tee empfangen. Melilla – also Spanien – müsse sich vor der „Flut“ von zigtausenden Flüchtlingen schützen. Die öffentliche Ordnung drohe zusammen zu brechen. Journalist Jordi Évole allerdings ist davon nach seinen bisherigen Recherchen nicht überzeugt:

„Die Migration ist ein komplexes Problem. Aber ich denke, es gibt in Spanien keinen Grund, Alarm zu schlagen, auch, wenn uns die Regierung das glauben machen will.“

Diesseits und Jenseits des Zauns: Die Flüchtlinge würden auf beiden Seiten instrumentalisiert, meint Mohamed Talbi von der Organisation ABCDS im marokkanischen Oujda. Einer Lösung des Migrationsproblems zwischen Afrika und Europa komme man damit keinen Schritt näher. Weiter gehe einzig und allein der Ansturm auf die sogenannte Festung Europa – mit seinen dramatischen Folgen.

„Wir kritisieren schon seit Jahren, dass diese Zahlen der Migranten aufgeblasen werden, aus rein politischem Interesse. Wir glauben nicht, dass es so viele sind. Spanien setzt diese Zahlen in die Welt, um von seiner Wirtschaftskrise abzulenken. Und Marokko tut es, weil es sich davon mehr Finanzhilfen für die Eindämmung der Migration verspricht. Und uns allen soll dann ein Schauer über den Rücken laufen, damit wir auf Linie gebracht werden. Es ist bedauerlich, dass man so mit dem Leben von Menschen spielt.“

„Waghalsige Passage“

Menschenhändler und Schlepper passen ihre Routen nach Europa schnell neuen Bedingungen an. Für viele Flüchtlinge aus Westafrika und aus Syrien führen sie inzwischen über Marokko.

Rainer Hermann, Rabat in der FAZ

Die Menschenhändler passen ihre Routen von Afrika nach Europa rasch den sich ändernden Bedingungen an. Nicht mehr so interessant ist die Passage vom Horn von Afrika über den Sinai und Israel. Denn Israel versperrt den Weg mit einem Zaun, und in Afrika hat sich herumgesprochen, dass viele Migranten auf dem Sinai durch Beduinen zu Tode gefoltert werden. Wichtiger wurden damit zwei andere Landrouten. Die östliche führt über den Niger und den Süden Libyens an die Mittelmeerküste, von wo die meist schwarzafrikanischen Migranten etwa die italienische Insel Lampedusa ansteuern. Die westliche führt aus Mali durch Algerien zur Stadt Ouargla; dort verteilen sich die Migranten. Ein Teil zieht nach Algier weiter, andere nach Osten in die libysche Hauptstadt Tripolis, wieder andere nach Marokko.

„Die Menschenhändler und Schlepper ziehen Regionen vor, in denen Gesetzlosigkeit herrscht und die nur schwer kontrollierbar sind“, sagt Anke Strauss, die in der marokkanischen Hauptstadt Rabat das Büro der „Internationalen Organisation für Migration“ (IOM) leitet. Daher nutzten sie zunehmend die Passage durch den sehr dünn besiedelten Süden Libyens, dessen Grenzen kaum gesichert seien. Da der Menschenschmuggel und die organisierte Kriminalität ihre Passagen flexibel anpassten, könne ihnen nur die Kooperation von Staaten Einhalt gebieten, sagt Strauss.

In Marokko landen Wirtschaftsmigranten aus ganz Westafrika. Entweder suchen sie über die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla einen Weg nach Europa, oder sie lassen sich auf die waghalsige Passage in Gummibooten über die Straße von Gibraltar ein. Um das exponiert liegende Ceuta herum, das von hohen Zäunen umgeben ist, gibt es kaum Möglichkeiten, sich zu verstecken. Daher versuchen manche, schwimmend in den Ort zu gelangen; im Februar sind dabei mindestens 15 Personen ertrunken. Melilla hingegen ist von Wäldern umgeben, in denen mehrere tausend Menschen auf eine Chance warten, in die Exklave zu gelangen. Jeden Tag versuchen Migranten, Melilla zu stürmen. Marokkanische Sicherheitskräfte deportieren sie regelmäßig ins Landesinnere, vor allem nach Rabat, von wo sie sich wieder nach Melilla durchschlagen.

Die Mehrzahl der Menschen, die nach Ceuta und Melilla gelangen, sind Wirtschaftsmigranten. Sie verlassen ihre Heimat, um der Armut zu entrinnen und um Arbeit zu finden. Nur wenige sind Flüchtlinge, die aus politischen, religiösen, ethnischen oder anderen Gründen verfolgt werden. In Marokko kommen vor allem Migranten aus den westafrikanischen Staaten Nigeria, Demokratische Republik Kongo, Kamerun, Mali und Elfenbeinküste an sowie aus Guinea.

Hinzu kommen vermehrt Flüchtlinge aus Syrien, die nicht selten in Marokko Familienangehörige haben. Die syrischen Flüchtlinge reisen in Direktflügen nach Algerien, wo sie kein Visum benötigen. Von dort aus schlagen sie sich, wie die schwarzafrikanischen Migranten, illegal über die Grenze nach Marokko durch. Etwa die Hälfte der Migranten und Flüchtlinge in Marokko gelangen über die marokkanisch-algerische Grenze bei Oujda ins Land. Die Stadt an der Grenze, die Algerien seit 1994 einseitig geschlossen hat, wird damit zu einem der wichtigsten Umschlagsplätze für Flüchtlinge und Migranten.