Tag-Archiv für 'mauretanien'

Wir sehen uns…

(streetart aus Kairo)

Ich bin der Engel der Verzweiflung

Mit meinen Händen teile ich den Rausch aus

die Betäubung, das Vergessen, Lust und Qual der Leiber

Meine Rede ist das Schweigen, mein Gesang der Schrei

Im Schatten meiner Flügel wohnt der Schrecken

Meine Hoffnung ist der letzte Atem

Meine Hoffnung ist die erste Schlacht

Ich bin das Messer mit dem der Tote seinen Sarg aufsprengt

Ich bin der sein wird

Mein Flug ist der Aufstand, mein Himmel der Abgrund von morgen

Heiner Müller

Wir machen Schluss. Nach über drei Jahren, über zweihundert selbstrecherchierten, übersetzten, selbstgeschriebenen Artikeln. Nach um die 5000 gespiegelten Artikeln aus linken und mainstream Medien. Leider viel zu häufig aus mainstream Medien, weil es einfach nichts anderes Brauchbares gab.
Häufig waren wir übermüdet und gestresst, manchmal euphorisch, manchmal haben wir geweint. Wir haben um Homs geweint, wir haben um unsere GefährtInnen in Kairo geweint. Wir haben viel zu selten und doch viel zu viel geweint.

Was als allgemeiner Aufbruch begann, der eine ganze Region erschütterte, ist heute…..
Wir sagen nicht, dass wir wissen, was kommt, wir teilen diese Anmaßung nicht.
Mubarak galt als unstürzbar, dann hiess es Assad sitze felsenfest im Sattel, es gebe praktisch keine Oppposition im Lande…
Vielleicht wird die nächste Preiserhöhung in Ägypten das Regime wegfegen, vielleicht wird der neue Pharao Jahrzehnte herrschen.

Wir haben unglaublich viel gelernt – wir sind dankbar dafür. Der linke Kanon ist zu Ende. Viele wollen das nicht sehen, nicht wahrhaben. Die Geschichte der Klassenkämpfe ist fast so alt wie die Menschheit, sie wird andauern, aber entweder wir lassen uns auf das Wagnis ein, uns unbequemen Wahrheiten und Widersprüchen zu stellen oder wir werden wie bockige Kinder am Rande der Geschichte quengeln, da sich die Welt nicht um uns dreht.

Wir sind überrascht, dass immer noch soviele Leute diesen blog nutzen, obwohl die Entwicklung in der Region sowohl in den mainstream Medien als auch in der Linken kaum noch eine Rolle spielt. Das hat uns lange dazu bewogen, den blog weiter zuführen, obwohl wir dadurch zu etwas geworden sind, was wir nie sein wollten: Spezialisten. So haben wir mehrmals den Versuch unternommen, dieses Projekt zu beenden. Dann passierte etwas und wir haben es nicht ausgehalten, nichts dazu zu schreiben.
Jetzt wagen wir den endgültigen Absprung.

Wir danken allen, die uns unterstützt haben. Wir danken unseren GefährtInnen von Kairo bis Soran, dass sie unser Leben so unglaublich bereichert haben. Wir hoffen, ihr vergesst diese Leute auch nicht.

Wir sind weiterhin über unsere Kontaktadresse erreichbar. Der blog bleibt als Archiv bestehen.

Um outro mundo é possível

recherchegruppe aufstand

„Wettstreit der Wohltäter“

In Mauretanien konkurrieren viele islamistische Gruppen um die verarmte Bevölkerung. Präsident Aziz hält die Zügel noch fest in der Hand, aber in seinem Land gärt es.

Jochen Stahnke, Nouakchott in der FAZ

Der stellvertretende Vorsitzende ist überpünktlich. Salek Ould Sidi Mahmoud eilt die mit einem speckigen Teppich ausgelegte Treppe hinauf. Mit beiden Händen zieht er sein schlichtes weißes Gewand etwas hoch, damit sich die Füße in den ausgelatschten Ledersandalen frei bewegen können. Ein Mann um die 40, klein und schlank, mit einem hübschen Gesicht, kurzen Haaren und sorgfältig gestutztem Vollbart. Die freundliche Begrüßung findet im Flur statt. Sidi Mahmoud bittet in sein Büro. Kein Vorzimmer, keine Formalitäten. Ein schwarzer Diener serviert Tee.

Was ihn eigentlich in die Partei der mauretanischen Islamisten geführt hat? „Revolutionäres Blut.“ Warum er den israelischen Botschafter aus der Hauptstadt Nouakchott verjagte? „Weil wir für die Freiheit sind.“ An der Wand in Sidi Mahmouds Büro hängt ein einziges Bild. Es ist eine Landkarte, die Israel zeigt. Nur, dass das Land hier Palästina heißt. Vor drei Jahren hatte seine Tewassoul-Partei Massendemonstrationen organisiert, auf denen Machthaber Abdel Aziz aufgefordert wurde, die Beziehungen zu Israel zu beenden. Er ging darauf ein. Aziz schloss die eigene Botschaft in Jerusalem und wies den israelischen Botschafter aus.

Der Machthaber der Islamischen Republik Mauretanien ist einerseits ein enger Verbündeter des Westens, der Al Qaida und mit der Organisation verbündete Terroristen wirksam bekämpft. 2008 putschte sich der Armeeoffizier an die Macht; angeblich, weil der Vorgänger schwach gegen Terrorismus anging. Möglicherweise auch, weil die von den arabischstämmigen Mauretaniern dominierte Armeeführung in einer Demokratie die langsame Machtübernahme der schwarzen Bevölkerungsmehrheit fürchtete. Im Innern jedenfalls gibt sich Aziz heute zunehmend als strenggläubiger Muslim. Seit ein paar Monaten sind Verkauf und Konsum von Alkohol verboten. Es gab Verhaftungen.

Als der Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry vor achtzig Jahren Halt machte im Fünfhundert-Seelen-Kaff Nouakchott, sah er nicht mehr als einen kleinen Posten, „so isoliert von allem Leben wie ein im Meer verlorenes Inselchen“. Der französische Kolonialbeamte, dem er die Post mit dem Flugzeug brachte, weinte: Nach sechs Monaten sah er wieder einen Landsmann. Trist ist es noch immer in Nouakchott. Noch immer gibt es in der mauretanischen Hauptstadt weder Kino noch Theater. Dafür ein paar hundert Moscheen mehr. Die französische Botschaft ist inzwischen wie ein Militärlager in Afghanistan gesichert.

Es bedarf bloß noch der Demokratie
Für den Islamisten Sidi Mahmoud ist das Verhalten des Regimes nur Fassade. Machthaber Aziz sei weder an der Bekämpfung des Terrors noch am Islam oder an irgendeiner Form von Entwicklung interessiert. Er beginnt mit einem Vortrag über die schamlose Kleptokratie, in der die staatlichen Milliardeneinnahmen nur dem Clan des Präsidenten zugutekommen. Trotz gigantischer Eisenerzvorkommen herrscht Aziz über ein völlig verarmtes Volk. Parlamentsabgeordnete wie Sidi Mahmoud stehen dem ohnmächtig gegenüber. Die Regierungspartei diene allein dem persönlichen Wohl des Machthabers. „Aziz hat kein Programm.“ Ähnlich verhalte es sich mit den anderen Parteien Mauretaniens. „Im Gegensatz zu uns.“

Die Parteizentrale der Islamisten ist das einzig frisch gestrichene Gebäude in der Straße, grün. Es ist unbewacht. Rechter Hand liegt ein Müllhaufen auf der Sandstraße. Darauf steht eine Ziege, die eine leere Zigarettenschachtel zerkaut. Mittagshitze bedrückt Ilot L, eines der besten Viertel der Stadt. Kein Auto fährt. Tewassoul präsentiert sich als Mittler der Vernunft zwischen Diktatur und Terror. Keine Spur von Aggression. „Wir sind eine Partei moderater Islamisten“, erklärt Sidi Mahmoud. Man verfolge eine andere Politik als Al Qaida: „Islam ist sozialer Friede, Recht und Gerechtigkeit. Islam ist nicht Gewalt und Bestrafung.“ Die Scharia sei bereits als einzige Quelle des Rechts festgelegt. „Wir streben gar nicht mehr an, als die Anwendung des Rechts, wie offiziell in der Verfassung vorgesehen.“ Alles Ideale, die dem Willen des Volkes entsprächen: „Eines Volkes, das zu 100 Prozent aus Muslimen besteht.“ Zur Umsetzung bedürfe es bloß noch der Demokratie. Und wer könne da etwas gegen haben?

In Mauretanien gibt es außer den Islamisten kaum eine organisierte Zivilgesellschaft, auch mangels Gesellschaft. Drei Millionen Menschen leben auf einer Fläche, die mehr als zweimal so groß ist wie Frankreich. Wer konnte, zog weg, aber die meisten mussten nach Nouakchott. Die große Saheldürre der siebziger Jahre trieb sie in die Stadt. Mauretanien wurde schon vor Jahrhunderten islamisiert. Der arabische Einfluss auf die versprengten Berbernomaden blieb gering, aber in der Stadt entstanden alsbald islamische Vereine, finanziert vor allem von der ägyptischen Muslimbruderschaft. Sie prangerten die Korruption der damaligen Regierung an, verurteilten die bis heute praktizierte Sklaverei und forderten soziale Gerechtigkeit. 1979 eröffnete die islamistische Konkurrenz aus Saudi-Arabien einen Ableger der theologischen Universität Imam Muhammad bin Saud aus Riad in Nouakchott. Dort wurden die wahhabitischen Hardliner ausgebildet, bis der damalige Präsident Taya die Institution schloss. Mit den dort ausgebildeten Salafisten hat Mauretanien heute zu kämpfen. In den achtziger und neunziger Jahren siedelten sich zudem Nichtregierungsorganisationen aus Saudi-Arabien und den Golfstaaten an. Es werden immer mehr. Sie drängen sich mit der Masse der Habenichtse in den Armenvierteln von Nouakchott. Vor allem im Quartier Arafat, einer Banlieue am Südrand der Stadt, wo das Mittagessen von heute oft das Essen anderer von gestern ist und überall Müllhaufen liegen, auf denen Ziegen das Mittagessen von vorgestern fressen. Wo Dreck und Wassermangel allen zu schaffen machen.

In Arafat soll auch Al Qaida ihren Nachwuchs rekrutieren. Aber die Konkurrenz unter den Menschenfischern ist groß. An einer Verbindungsstraße steht ein islamisches Kultur- und Ausbildungszentrum. Finanziert von Qatar, ausweislich des Schildes in arabischer und französischer Schrift. Um die Ecke ein weiteres, betrieben von der saudischen „L’Organisation internationale de secours islamique en Mauritanie“. Allein in Arafat stehen Hunderte Moscheen. Meist kleine Lehmhäuschen mit angebautem windschiefem Minarett von wenigen Metern Höhe. Viele davon gehörten zu den Muslimbrüdern, sagt ein Anwohner. An einem Straßengraben wurden zwei schwere Lkw geparkt. Auf der Ladefläche liegen Reissäcke unter lose geschnürten blauen Plastikplanen. Eine Spende der Muslimbrüder. Jeden Abend verteilen die ägyptischen Islamisten hier kostenlos Reis. Dann und wann werden Kassetten mit aufgezeichneten Predigten beigegeben.

„Der Wahhabismus passt nicht hierher“
Bis 2003 wurde Arafat vom heutigen Tewassoul-Parteichef Jemil Ould Mansour regiert. Er war Bezirksbürgermeister, damals offiziell parteilos, denn Islamistenparteien waren verboten. Mansour studierte in Saudi-Arabien. Ebenso der spirituelle Kopf der Partei, der Prediger Mokhtar Ould Dedew, der eine große jugendliche Anhängerschaft hat und sich öffentlich aus der Politik heraushält. Vor zwei Jahren handelte er mit Präsident Aziz eine Amnestie für 35 inhaftierte Salafisten aus, von denen niemand glaubt, dass sie ihrem Streben abgeschworen haben.

Wie groß der Einfluss Saudi-Arabiens auf Mauretanien wirklich ist, zeigt sich zumindest symbolhaft: Die 20 Meter hohe „Mosquée Saoudienne“ mit ihren zwei Minaretten ist die mit Abstand größte Moschee Nouakchotts. Sie ähnelt der größten Moschee des Sahelstaates Tschad, die in N’Djamena ebenfalls von Saudi-Arabien bezahlt wurde. Sidi Mahmoud sagt, der Wahhabismus passe nicht nach Mauretanien. „Die Golfstaaten verhalten sich konträr zu unseren Idealen von Demokratie. Schauen Sie sich die königliche Familie in Saudi-Arabien doch an.“ So sei auch der Imam der „Mosquée Saoudienne“ zwar salafistischer Prediger, spreche aber die Sprache der Aziz-Regierung. „Kontakte mit den Golfstaaten existieren auf Staatsebene“, sagt Sidi Mahmoud.

Seine Tewassoul-Partei hingegen versteht sich als Teil einer breiten panarabischen Bewegung nach gemeinsamer Tradition der ägyptischen Muslimbrüder. Eng verbunden ist man heute mit der tunesischen Islamistenpartei Ennahda. Mit Ennahda-Chef Rachid Ghannouchi sei er seit Jahren persönlich befreundet, erzählt Sidi Mahmoud.

Im Dezember veranstaltete Tewassoul einen Parteikongress, zu dem die Muslimbrüder, die Hamas und Ennahda prominente Vertreter schickten. Westliche Beobachtern in Nouakchott bemerken, wie landesuntypisch gut der Kongress organisiert war. An Geld mangele es der Partei ohnehin nicht. Sidi Mahmoud widerspricht: „Ich versichere, dass Tewassoul keinerlei Geld aus dem Ausland erhält.“ Die Hamas habe ohnehin kein Geld über. Tewassoul hat 80000 Mitglieder, es werden immer mehr. Parteibüros stehen in 49 von 53 Bezirken. „Viele Geschäftsleute unterstützen uns“, sagt Sidi Mahmoud. Auf dem Schreibtisch in seinem Büro steht ein kleiner Computer und ein einziger Stapel Papier. In der Ecke eine kleine Sitzecke aus schwach gepolstertem Leder. Bescheidenheit ist Teil des Programms. Das Geld wird anderswo ausgegeben. Tewassoul besitzt einen eigenen Fernsehsender, hat eine täglich aktualisierte zweisprachige Internetseite und gibt eine eigene Zeitung heraus.

Eine Menschenrechtsaktivistin berichtet später von der Medienmacht der Partei. Kürzlich rief sie im Radio die Frauen Mauretaniens auf, gegen die Islamisten aufzubegehren: „Geht auf die Straße und tanzt und singt und legt euren Schleier ab“, sagte sie. Mit jedem Jahr verhüllten mehr Frauen ihren ganzen Körper, was in Mauretanien eigentlich gar keine Tradition habe. Terroristen hätten auf die Emission nicht reagiert. Tewassoul hingegen strahlte hernach Sondersendungen aus, in denen die Aktivistin als Marionette des Westens verunglimpft wurde, weil sie einst einen Menschenrechtspreis von Hillary Clinton überreicht bekam. Der dient ihr in Nouakchott als fragiles Schutzschild vor tätlichen Übergriffen. Anonyme Morddrohungen erhalte sie seit langer Zeit per SMS. Woher die kommen? „Von den Islamisten.“ Gibt es da nicht Unterschiede? „Nicht in ihren Zielen.“

Die Islamisten von Tewassoul sind pragmatische Opportunisten, die ihre Ziele langfristig zu erreichen suchen. Nur den Einfluss des Westens verdammen sie konsequent. Sidi Mahmoud spricht lieber über den Opportunismus des Machthabers. Das könne man schon an dessen Verhalten im Mali-Konflikt sehen. Bis zu Beginn dieses Jahres hatte Aziz vorgegeben, sich neutral zum Konflikt im Nachbarland zu verhalten; hatte aber vor dem Krieg die Führer säkularer Tuareg-Rebellen bei sich zu Gast. Er sprach sich offiziell gegen französische Angriffe in Mali aus und war sich darin einig mit der Islamistenpartei Tewassoul. Auch ein Eingreifen der mauretanischen Armee, deren von Frankreich und Amerika trainierte Spezialkräfte seit Jahren Jagd auf Terroristen auch in Nordmali machen, lehnte er ab. Trotzdem überfliegen französische Kampfflugzeuge seit Januar mauretanischen Luftraum für Angriffe in Mali.

„Wir glauben an den Sieg der Demokratie“
Für den Islamisten Sidi Mahmoud ist schon das derzeit in Südmauretanien veranstaltete gemeinsame Manöver zur Terrorbekämpfung, an dem mehr als 1000 Soldaten aus Mauretanien, Amerika, Frankreich und weiteren westafrikanischen und europäischen Staaten beteiligt sind, „neokolonialistisch“. Noch ist unwahrscheinlich, dass seine Islamisten politische Macht gewinnen. Im Jahr 2007 hatte der damalige Präsident Sidi Mohammed Abdellahi die Partei legalisiert. Es hatte sich die Ansicht durchgesetzt, dass moderate Islamisten weniger Zulauf erfahren, wenn sie nicht im Gefängnis sitzen. Die eigenen Ideale hinderten Tewassoul nach dem Putsch nicht, 2009 zunächst einer Regierungskoalition beizutreten. Nach dem Ausbruch der Arabellion 2011 ging die Partei wieder in die Opposition.

Doch es gärt im Land. Im Oktober überlebte Machthaber Aziz einen Gewehrschuss in den Bauch, der sich aus der Waffe eines Soldaten an einer Straßensperre in Nouakchott gelöst haben soll, just, als der Präsidentenkonvoi vorbeifuhr. Ein Unfall, hieß es danach in Regierungskreisen. Zehn Tage lag Aziz unansprechbar in einem Pariser Militärhospital. In dieser Zeit passierte in Mauretanien nichts. Weder der damalige Senatspräsident noch der Premierminister unternahmen etwas. Sie äußerten sich nicht einmal öffentlich. Das Militär folgt Aziz, dem früheren Chef der Präsidentengarde. Dass angesichts der Lähmung nicht geputscht wurde, zeigt, wie fest er im Sattel sitzt. Solange das Geld fließt.

Von der anderen Seite fließt es sowieso. Sidi Mahmoud ist optimistisch: „Wir stehen hier vor einer Situation, wie sie in Tunesien und Ägypten bereits stattfindet“, sagt er. Und dann, zum Schluss: „Wir glauben an den Sieg der Demokratie.“

Interview mit Neudeck zur Lage der Flüchtlinge in Mauretanien

Das Gespräch mit Rupert Neudeck führte Christoph Heinemannauf dw

Seit dem Zusammenbruch Libyens suchen Millionen junger Afrikaner einen neuen Weg nach Europa und landen zumeist in Mauretanien an der Westküste. Grünhelm-Chef Rupert Neudeck fordert Hilfen bei der Berufsausbildung und Mikrokredite für diese Menschen, damit sie in ihrem Heimatland eine Existenz aufbauen können.

Christoph Heinemann: Der frühere libysche Geheimdienstchef al-Senussi befindet sich in Mauretanien in Haft. Die mauretanischen Behörden werfen ihm Urkundenfälschung und illegale Einwanderung vor. Al-Senussi zählte zu den engsten Vertrauten des früheren libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi, der im vergangenen Jahr gestürzt und getötet worden war. Al-Senussi ist nicht der Einzige, der wegen des Krieges in Libyen in Mauretanien angekommen ist; viele der zumeist jungen Menschen, die sich von Zentralafrika aus auf den Weg nach Europa machen und die früher über Mali und Algerien nach Libyen gelangten, landen jetzt in Mauretanien. – Wir sind in der mauretanischen Hauptstadt Nouakchott mit Rupert Neudeck verbunden, dem Gründer der Hilfsorganisationen „Cap Anamur“ und „Grünhelme“. Guten Morgen!

Rupert Neudeck: Guten Morgen!

Heinemann: Herr Neudeck, wie ist die Lage der Flüchtlinge in Mauretanien?

Neudeck: Die Lage hat sich hier sehr zugespitzt, weil die Pipeline zum Mittelmeer über Libyen praktisch für die jungen afrikanischen Migranten nicht mehr funktioniert und sie jetzt den Weg nehmen entweder über die westafrikanische, oder die ostafrikanische Küste, also über das Niltal zum Sinai, über Israel und dann in die Türkei, oder auf der westlichen Seite des Atlantiks über Mauretanien, das das Land geworden ist, was am sichersten für die Flüchtlinge ist, für die Migranten, weil sie hier erst mal bleiben können und warten können auf den Moment, dass sie eine Pirogge erreichen, um auf die Kanarischen Inseln zu kommen. Das ist aber jetzt nicht mehr so leicht, weil die Frontex, also die bewaffnete Macht der Europäischen Union, sich hier sehr stark eingenistet hat und auch in der Hafenstadt Nuadibú täglich dabei ist, nur Leute aufzugreifen und an die Grenze nach Mali oder zum Niger zurückzuwerfen.

Heinemann: Herr Neudeck, woher stammen die Menschen überwiegend?

Neudeck: Also man darf es nicht für möglich halten, aber es ist so: aus 17 afrikanischen Ländern, die alle keinen sehr guten Leumund haben in Bezug auf das, was man mit einem vornehmen englischen Wort Good Governance nennt. Die haben also keine guten Regierungen, und deshalb sind dort für diese jungen Leute schlechte Aussichten, die ja meistens die Jugend dieser Länder bilden, 50 Prozent der Bevölkerung. Die haben kaum Arbeitsplätze, die haben kaum Berufsausbildung, die haben kaum richtige Ausbildung, die nehmen also ein Menschenrecht in Anspruch, eine bessere Perspektive für sich und für ihre Familie, ihre Großfamilie und ihr Dorf zu suchen. Und das versuchen sie, indem sie geschätzt zu 18 Millionen gegenwärtig auf dem Wege sind in den gelobten Kontinent Europa.

Heinemann: Kann man diesen jungen Leuten dort in Mauretanien helfen, eine Zukunft in Afrika aufzubauen?

Neudeck: Ja, das ist möglich. Das ist zwar jetzt schon fast ein bisschen spät, weil die Masse derer, die dort auf dem Wege sind und die uns wahrscheinlich auch auf Schiffen demnächst erreichen will, so groß geworden ist. Dennoch muss man es versuchen. Es gibt eine Möglichkeit, die wir hier ausprobieren, und die funktioniert auch. Die jungen Leute haben uns gesagt, sie können nicht mit leeren Händen zurück in ihr Heimatdorf in Kamerun, in Kongo, in Nigeria oder Guinea-Bissau, sie müssen irgendetwas vorweisen. Das, was sie vorweisen müssen und wobei man ihnen helfen kann, ist eine Berufsausbildung. Nach zwei Jahren können sie in der Berufsschule, die wir in Nuadibú, der Hafenstadt von Mauretanien, gebaut haben, ein Zertifikat haben und in ihrem Heimatland beweisen, dass sie ein Unternehmen gründen können als Bautechniker, als Elektrotechniker, als Solartechniker, als Hotelier-Fachmann und so weiter. Das hat bisher in diesen Fällen, die wir gesehen und miterlebt haben, schon geholfen. Dann kann man in dem Lande, in das sie zurückgehen, auch über eine Mikrokredit-Organisation diesen Aufbau eines eigenen Unternehmens erleichtern, und dann hat man schon die Zahl der Arbeitsplätze vervielfältigt. Das scheint mir, im Moment die einzig sinnvolle Lösung zu sein für die Probleme dieser Menschen, die aus eigener Kraft nicht zurückgehen können. Die können nicht in ihr Heimatdorf zurückgehen und sagen, ich habe die Hälfte des Geldes, das ihr für mich gesammelt habt, schon verbraucht und jetzt habe ich gesehen, dass das alles zu gefährlich ist, ich habe Leichen an der Küste angeschwemmt gesehen. Das geht nicht, das können diese Menschen nicht. Man muss ihnen dabei helfen, ihr Gesicht zu wahren und produktiv zu werden.

Heinemann: Wie gehen die mauretanischen Behörden mit den Flüchtlingen um?

Neudeck: Die sind relativ tolerant – in dem Sinne, dass sie sie nicht verfolgen. Verfolgen tut sie einzig zu unserer Schande, muss ich das sagen, die EU, die immer noch nicht begriffen hat, dass sie gegenüber diesen jungen hoffnungsvollen Menschen zumindest auch so etwas machen muss wie eine Politik. Sie kann nicht alleine glauben, dass das Hochziehen einer Mauer und das Einmauern Europas über diese Frontex hilft, militärische Hubschrauber und Polizisten. Das alleine wird nicht gelingen. Mauretanien hat bisher bewiesen, dass es diese Menschen zumindest mal in sein Land hineinlässt und ihnen dabei nichts passiert, weil es sind Afrikaner, die man aufnimmt und die auch dort ein Gewerbe ausüben können. Mauretanien ist ein Land, das eigentlich vorbildlich ist in Bezug auf Toleranz auch gegenüber anderen Religionen und anderen Stämmen.

Heinemann: Wieso unterscheidet sich die Lage in Mauretanien so von anderen, zum Beispiel von Ägypten? Sie sprachen ja die Toleranz an auch gegenüber anderen Religionen, zum Beispiel den Christen.

Neudeck: Das hat Gründe – einmal in der Tradition des Islam hier, der nicht nur tolerant ist, sondern der ausdrücklich auf Zusammenarbeit mit den anderen Religionen setzt. Zum Beispiel gibt es hier in diesem Lande, von dem aus ich mit Ihnen telefoniere, eine anerkannte NGO, also Nicht-Regierungsorganisation, die ausdrücklich als katholische Organisation anerkannt und registriert worden ist, nämlich die Mauretanien, also die mauretanische Karitas. Das andere ist: Mauretanien ist ein riesengroßes Land, sicher so groß wie Frankreich und Deutschland zusammen in der Fläche, hat aber nur bis vier Millionen Einwohner. Das heißt, das trägt auch dazu bei, dass es hier wenig Heißsporne gibt und wenig Platzängste und Produktionsängste, die zwischen den Menschen und den Stämmen ausbrechen, wie im Nachbarland Mali das gegenwärtig der Fall ist.

Heinemann: Stichwort Mali. Dort haben Tuaregs eine Republik Azawad ausgerufen. Auch im Senegal gibt es separatistische Bestrebungen. Ist damit zu rechnen, dass die einst mit dem Lineal gezogenen Grenzen im afrikanischen Nordwesten gerade neu gezogen werden?

Neudeck: Das wird sicher ein Thema werden, obwohl sich die Afrikanische Union dagegen mit Händen und Füßen sträubt. Also die gewählten Regierungen und Präsidenten, die manchmal 30 Jahre und länger im Amt sind, wehren sich gegen jede Diskussion der Änderung von Grenzen auf das Heftigste. Aber es wird irgendwann diese Diskussion sicher kommen. Der Spezialfall Mali ist wohl hier einer, der auch aus der Kraft der Opposition, der Bevölkerung herausgelöst werden wird, so schätzt man das hier ein. Die Tuareg sind nur 15 Prozent der Bevölkerung in Azawad, also im Norden Malis, und deshalb wird es nicht gelingen, diese unabhängige Republik auszurufen. Es gibt großen Widerstand in Bezug auf diese Unabhängigkeit bei den arabischen Stämmen von Nord-Mali.

Heinemann: Rupert Neudeck, Gründer der Hilfsorganisationen „Cap Anamur“ und „Grünhelme“. Danke schön für das Gespräch und auf Wiederhören.

Neudeck: Auf Wiederhören!

„Land am Rand“

Anita Hunt auf zenith

Es scheint, als hätten sich alle Aufrührer Mauretaniens verschworen – es brodelt an allen Fronten gleichzeitig. Doch Proteste sind nicht Neues in einem Land, in dem über Jahrzehnte Putsche Resultat aller Krisen war.

Mohamed Ould Abdel Aziz hatte sich verkalkuliert. Nach seinem Staatsstreich im August 2008 konnte der Oberst und frühere Kommandant der Präsidentengarde nicht zum politischen Tagesgeschäft übergehen, sondern sah sich mit einer Welle von Protesten konfrontiert. Obwohl er sich in Folge Zivilkleidung überstreifte und in den Präsidentschaftswahlen 2009 einen Sieg davontrug, brachen die Demonstrationen seiner Gegner nicht ab. Seitdem ist die Aziz-Administration daran gescheitert, einen landesweiten Zensus durchzuführen, konnte keinen Dialog mit der Opposition aufrecht erhalten und verschob Parlament- wie Regionalwahlen auf unbestimmte Zeit. Die Regierung droht sämtliche Legitimation einzubüßen und insbesondere die, die stets betonten, die Junta gebe nur ein demokratisches Lippenbekenntnis ab, um sich regionale und internationale Anerkennung – und Gelder – zu sichern, fühlen sich bestätigt.

Die Proteste, die vergangenes Jahr ihren Anfang nahmen, finden in den ersten Monaten 2012 nahezu täglich in der Hauptstadt Nouakchott und anderswo statt. Während alldem modifiziert die Regierung stetig weiter die Landesverfassung, ging Verträge mit ausländischen Investoren, Geldgebern und Handelspartnern ein.

Geographisch gesehen, ist Mauretanien eine europäische Erfindung. Der unnatürlich winkelförmige Grenzverlauf im Nordosten des Landes wurde von den damaligen Kolonialmächten in London und Paris festgesetzt. Heute sind die Beziehungen nach Großbritannien äußerst dünn, obwohl mit William Hague im vergangenen Oktober erstmals ein britischer Außenminister das Land besuchte. Mit Frankreich hingegen blieben die Bande bestehen und viele erwarten mit Spannung, wie das Ergebnis der französischen Präsidentschaftswahlen Auswirkungen auf Mauretanien haben wird.

Die afrikanischen Nachbarn blicken sorgenvoll auf die brüchige politische Lage in Mauretanien
Die afrikanischen Nachbarn auf der anderen Seite dieser künstlichen Grenzen blicken ebenfalls sorgenvoll auf die brüchige politische Lage in Mauretanien. Die Westsahara verlor 1979 ihre Südprovinz an Marokko, nachdem Mauretanien – militärisch der POLISARIO-Rebellenarmee unterlegen, die für einen unabhängigen Staat Westsahara kämpft – die Besatzung der Region aufgegeben hatte. In Mali scheint Nouakchott sogar so weit zu gehen, die Souveränität seines Nachbarstaates vollends zu verneinen: Die engen Bande zwischen Mauretanien und der Tuareg-Rebellengruppe MNLA, die eine treibende Kraft hinter den jüngsten Sezessionsbewegungen im Norden Malis darstellt, wie auch wiederholte mauretanische Militäroperationen gegen »al-Qaida im Islamischen Maghreb« (AQIM) auf malischem Gebiet unter Inkaufnahme ziviler Opfer, sprechen eine deutliche Sprache.

Während eines kurzen Konfliktes mit Senegal im Jahr 1989 wurden zwar auf beiden Seiten Tausende vertrieben, inzwischen haben sich die Beziehungen teilweise normalisiert. Gemeinsam mit der Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen (UNHCR) versuchten mauretanische Behörden den Transfer vieler ihrer Bürger zurück in ihre Heimat zu organisieren – ein Prozess, der offiziell im April abgeschlossen wurde. Dass jedoch noch lange keine Freundschaft herrscht, zeigten die Razzien gegen senegalesische Arbeiter in Nouadhibou, der zweitgrößten Stadt Mauretaniens, im gleichen Monat. Tatsächlich ist Mauretanien in diesen Wochen gezwungen, zehntausende malische Bürger aufzunehmen, die sich vor den Kämpfen im Norden retten mussten. Nahezu zynisch, bedenkt man die mauretanische Rolle in diesem Konflikt.

Als Mitglied der Arabischen Liga genoss Mauretanien stets gute Beziehungen zu den Golfstaaten, obwohl sie bei einigen von ihnen, so Saudi-Arabien und Kuwait, wohl enger sind als bei anderen. Einst einer der größten Profiteure von Muammar al-Gaddafis panafrikanischem Patronagenetz, war Mauretanien eine unerwartete Wahl als Vorsitzender des Libyen-Sonderkomitees der Afrikanischen Union im vergangenen Jahr. Mauretanien gehörte zu den letzten Staaten, die den Nationalen Übergangsrat anerkannten, Vertreter beider Seiten wurden den gesamten blutigen Konflikt hindurch in Nouakchott willkommen geheißen. Seit März ist zudem der frühere libysche Geheimdienstchef Abdullah al-Senussi im Land festgesetzt, während Frankreich verkündete, bei der Verhaftung eine nicht unwesentliche Rolle gespielt zu haben. Mauretanien erkennt den Internationalen Strafgerichtshof ICC, der Senoussi mit Haftbefehl sucht, nicht an – über kurz oder lang werde man ihn aber an Libyen ausliefern, so die in den lokalen Medien vorherrschende Ansicht.

Konzessionen ohne Mehrwert und ein überhöhtes Militärbudget
Als eine der vier einzigen Islamischen Republiken mag man es für gegeben halten, dass ein ausgezeichnetes Verhältnis zu Iran, Afghanistan und Pakistan bestünde. Dem ist nicht zwingend so. Der frühere Al-Qaida-Stratege Mahfouz Ould al-Walid wurde von Iran im April 2011 an sein Heimatland Mauretanien ausgeliefert, wo bereits eine Witwe Osama bin Ladens und deren Kinder Zuflucht gefunden haben. Mit Blick darauf, dass der neu gegründete Azawad-Staat in Nordmali bereits von AQIM-Kräften unterwandert wird, ist die Präsenz dieser »Al-Qaida-Royals« in den Augen anderer Staaten beunruhigend.

Da hilft es auch nicht, dass Mauretanien mit harter Hand gegen Terroristen vorgeht und die dominierende Islamströmung frei von Dschihadismus ist. Tatsächlich hat sich die Regierung inzwischen eine lukrative Stellung im globalen Kampf gegen den Terror eingerichtet, mit umfangreicher Militär- und Entwicklungshilfe westlicher Nationen, insbesondere Frankreich und die USA. Beide kämpfen jedoch mit Fiskalkrisen und haben teils bereits angekündigt, Zahlungen zurückzufahren.

In der Sahelzone ist die Wirtschaftslage ebenso klamm. Trotz großer Fläche leben die meisten der 3,2 Millionen Mauretanier in den Städten an der Westküste, insbesondere Nouakchott und Nouadhibou. Vor dieser Küste liegen zwar reiche Fischgründe, doch nicht viel des Wohlstandes erreicht das Festland. Noch im Bauch der Fangflotte verarbeitet, ist der meiste Fisch für den Export vorgesehen. Ein Vertrag mit der Europäischen Union läuft im Juli 2012 aus, schon jetzt wurden alle Boote abgezogen, da die nach EU-Recht vorgeschriebenen Fangquoten erfüllt wurden. Der zwischenzeitlich vereinbarte Vertrag mit chinesischen Unternehmern sorgte für einen öffentlichen Aufschrei in Mauretanien.

Die zahlreich vorhandenen Rohstoffe der Wüste nicht angemessen genutzt zu haben, lautet ein zweiter Vorwurf vieler Oppositioneller. Konzessionen, die an internationale Konzerne, wie den kanadischen Kinross-Konzern, vergeben wurden, brachten dem Staat keinen angemessenen Mehrwert. Gleichermaßen schwillt auch die Kritik an der militärischen Dominanz in der Regierung und am überhöhten Militärbudget an. Als Zeichen des guten Willens kündigte Präsident Aziz nach dem 12 Milliarden US-Dollar teuren Kauf von brasilianischen Super Tucano-Kampfjets an, auch den Außenhandel mit Brasilien ausbauen zu wollen.

Neben sozialen Konflikten kocht auch der latente Rassismus hoch
Doch nach Jahrzehnten der Desertifikation und einer zunehmenden Dürrehäufigkeit sehen sich viele Menschen gezwungen, ihren Lebensstil als Selbstversorger aufzugeben und in die Städte abzuwandern. Doch selbst für Facharbeiter und Universitätsabsolventen sind die Chancen gering – für halbnomadische Hirten und Bauern ist die Lage ungleich desaströser. Auch sind die meisten Städte nicht für diesen Bevölkerungszuwachs ausgelegt, es mangelt an Infrastruktur in allen Bereichen. In diesem Umfeld kochen neben sozialen Konflikten auch Rassismus hoch – unvermeidbar in einem Land, das hell- wie dunkelhäutige Mohren, wie Afrikaner mit Wurzeln südlich der Sahara ihr Zuhause nennen.

Als vor rund einem Jahr die biometrische Erfassung aller Bürger gemeinsam mit einer Volkszählung gestartet wurde, waren die Vorwürfe rassistischer Stigmatisierung dunkelhäutiger Bürger nur schwer aus der Welt zu schaffen. In diesem Jahr ist es eine Sklaverei-Kontroverse, die das Land in Atem hält. Nachdem ein saudischer Kleriker seiner Zuhörerschaft empfohlen hatte, zur Sühne doch mauretanische Sklaven freizukaufen, entgegnete der mauretanische Scheich Muhamad Ould Dedew, der als religiöser Führer der islamistischen Tewassoul-Partei gilt, es gebe keine Sklaverei in seinem Land. Dies rief wiederum Biram Ould Abeid, Präsident der Anti-Sklaverei-Organisation IRA auf den Plan, der in Anschluss an seine Freitagspredigt am 27. April mehrere Werke islamischer Gelehrter, die seiner Ansicht nach Sklaverei duldeten, verbrannte.

Als am kommenden Tag wütende Demonstranten zum Präsidentenpalast zogen, sah sich Aziz gezwungen, in traditioneller Kleidung und nicht in seinem üblichen Maßanzug vor die Menge zu treten und zu versprechen, den Islam zu verteidigen. Noch am gleichen Abend wurden Biram Ould Abeid und vier seiner Gefolgsleute verhaftet. Die Proteste gingen weiter, manche forderten eine Entschuldigung Abeids, andere seine Exekution. Die Geschichte ist für Aziz ein gefundenes Fressen. Sie verschafft ihm Zeit und er kann sich durch die eine Gemeinsamkeit profilieren, die alle Mauretanier gemeinsam haben: Den Islam.

Anita Hunt ist Journalistin und Online-Aktivistin mit Schwerpunkt auf dem Nahen Osten und Nordafrika. Sie betreibt den Blog lissnup.wordpress.com, der als einige von wenigen Seiten regelmäßig und detailliert über die innenpolitische Lage in Mauretanien berichtet.

„Revolution in Zeitlupe“

Seit mehr als einem Jahr gehen Mauretanier gegen ihre Regierung auf die Straße – bisher ohne Erfolg

Stefan Binder im Standard

„Wir sind bereit Aziz zu stürzen“, skandierten aufgebrachte Demonstranten Anfang dieser Woche in Mauretaniens Hauptstadt Nouakchott. Großteils unbeachtet vom Rest der Welt, wächst die Anzahl der Gegner von Präsident Mohamed Ould Abdel Aziz in dem westafrikanischen Staat von Woche zu Woche. Dabei ist die Protestbewegung nicht neu: Ermutigt durch die Volksaufstände in Ägypten und Tunesien, gingen bereits Anfang 2011 Tausende auf die Straße. Auslöser damals war unter anderem der Geschäftsmann Yacoub Ould Dahoud, der sich am 17. Jänner vor dem Präsidentenpalast in Nouakchott aus Protest gegen die Regierung selbst verbrannte. Großdemonstrationen waren die Folge, die ihren ersten Höhepunkt am 25. Februar 2011 hatten – das Datum wurde zum Namen einer neuen Oppositionsbewegung.

Doch der Protest ebbte im Laufe des Jahres ab – einerseits durch geschicktes Taktieren der Regierung, andererseits durch Konflikte innerhalb der Bewegung des 25. Februar, die schließlich zur Spaltung führten.

2012 flammten die Demonstrationen erneut auf und erreichten bei einer Kundgebung mit 40.000 Menschen im März einen neuen Höhepunkt. Hassobjekt ist vor allem Präsident Abdel Aziz. Der Ex-General putschte sich 2008 an die Macht, legte seine Uniform ab und ließ sich ein Jahr später zum Präsidenten wählen. Im Oktober 2011 hätten Parlamentswahlen stattfinden sollen. Diese wurden jedoch bereits dreimal verschoben und auch der geplante Termin im Mai ist alles andere als sicher.

Bürokratisches Chaos

Nicht nur deswegen bekam die Protestbewegung neuen Aufschwung: Die Wirtschaft des Landes liegt am Boden. Die Landbevölkerung beklagt die unzureichende Infrastruktur – Trinkwasser und eine funktionierende Stromversorgung sind in vielen Teilen des Landes Luxus. Nach einer Dürrewelle, Sturzfluten im März und steigenden Lebensmittelpreisen, droht eine Hungerskatastrophe. Das Hilfsprogramm „Hope 2012″ der Regierung versank im bürokratischen Chaos und Korruption.

Für Zorn und Empörung sorgen neben Vetternwirtschaft auch umstrittene Rohstoffabkommen, wie jenes mit der Firma Kinross Gold Corporation. Die Vereinbarung sieht laut Opposition vor, dass Mauretanien nur 4% der Erlöse der nachgewiesenen Goldvorkommen in der Tastiast-Mine erhält.

Trotz zahlreicher Differenzen gelang es neun verschiedenen Oppositionsgruppen eine gemeinsame Koalition bilden. In einer 42-seitigen Erklärung prangern sie Korruption, die systematische Ausbeutung natürlicher Ressourcen, soziale Ungerechtigkeit und die Dominanz des Militärs an. Gefordert wird eine Regierung der nationalen Einheit, die Auflösung des Parlaments und möglichst rasche Neuwahlen.

Auch moderate Islamisten der Partei Tawassoul wittern angesichts des immer größer werdenden Unmuts in der Bevölkerung ihre Chance. Mohamed Fadel, Mit-Organisatoren der jüngsten Proteste, spielt sich gekonnt in den Vordergrund. Weniger moderate Kräfte versuchen ebenfalls auf den Revolutionszug aufzuspringen: So forderte eine kleine Gruppe von Frauen, deren Ehemänner als mutmaßliche al-Kaida-Mitglieder vom Regime festgenommen wurden, bei einer Demonstration Ende März neben der Freilassung ihrer Ehemänner das Ende der Demokratie.

Mauretanien – Das Armenhaus der Arabischen Welt

Die Islamische Republik Mauretanien gilt als eines der obskursten Mitglieder der Arabischen Liga. Diesen Ruf verdankt die ehemalige französische Kolonie unter anderem der Tatsache, dass das Land – gemessen an der Bevölkerung – den weltweit höchsten Anteil an Sklaven hat. Die mehr als 3 Millionen Einwohner leben großteils in Armut. Die einzigen nennenswerten Einkünfte stammen aus der Landwirtschaft, der Fischerei und den Abbau von Bodenschätzen. Seit seiner Unabhängigkeit 1960, macht das Land fast ausschließlich durch Staatsstreiche und zuletzt dem Kampf gegen die al-Kaida im islamischen Maghreb (AQIM) international Schlagzeilen.

Tote in Mauretanien bei Protesten gegen Volkszählung

zenithonline.de

Bei Auseinandersetzungen mit der Polizei in der mauretanischen Hauptstadt Nouakchott wurde laut Menschenrechtsorganisationen ein Mensch getötet. Seit Beginn der Proteste gegen eine laufende Volkszählung sind somit mindestens 16 Menschen bei Konfrontationen in Nouakchott und im Süden Mauretaniens an der senegalesischen Grenze gestorben.

Schon seit Monaten demonstrieren vor allem schwarze Bürger in Mauretanien gegen eine Volkszählung, die seit Mai 2011 läuft. Die Bewegung »Touche pas à ma Nationalité« (Zu Deutsch: Fass meine Nationalität nicht an) bezeichnet die Volkszählung als rassistisch. Sie sorge dafür, dass die schwarze Bevölkerung in Mauretanien weiter systematisch diskriminiert und von staatlichen Stellen ausgegrenzt werde.

Unter den Demonstranten befinden sich laut mauretanischem Innenministerium auch ausländische Staatsbürger, Blogger berichten, dass sich darunter vor allem Senegalesen befänden. Die Behörden kündigten weitere Maßnahmen gegen die Protestbewegung an: »Mit aller Härte werden wir gegen die Unruhestifter und für den Schutz des Eigentums der Bevölkerung vorgehen werden«.

Spannungen zwischen arabischstämmigen und schwarzen Mauretaniern gibt es schon seit der Zeit des Sklavenhandels. Im Zuge der Unabhängigkeit Anfang der 1960er Jahre gab es mehrere Umstürze und rassistische Auseinandersetzungen, die Ende der Achtzigerjahre in der Vertreibung tausender schwarzer Mauren von der weißen Elite endeten.

Übersicht über die Revolten des „Arabischen Frühlings“

gefunden auf Trend Onlinezeitung am 20.07.2011 :

Chronologie der wichtigsten Ereignisse – Januar bis Juli 2011 (Stand: 17. Juli 2011)
von Bernard Schmid

Vorbemerkung 1
In der folgenden Darstellung wird es, in einer geographischen Bewegung von West nach Ost, nacheinander um MarokkoMauretanienAlgerien (- Tunesien)LibyenÄgypten – den SudanJordanien – den LibanonSyrien – den ’IraqSaudi-Arabien – die Golfmonarchien – den Jemen gehen. Nicht unmittelbar auftauchen werden in dieser Aufstellung die (durch Marokko okkupierte und annektierte) Westsahara und die besetzten palästinensischen Gebiete. Nicht, weil dort nichts Nennenswertes passieren würde, sondern weil in der marokkanisch beherrschten Westsahara und im besetzten Palästina die Konflikte um die anhaltende Besatzung derzeit die innergesellschaftlichen Aspekte (Protest gegen politische Unterdrückung, soziale Ungleichverteilung) überlagern. Diese Besatzungskonflikte verdienen eine eigenständige Darstellung und werden an anderer Stelle ausführlich behandelt.

Vorbemerkung 2
In der folgenden Darstellung wurde für arabische Eigenname jene Schreibweise gewählt, die der Aussprache im Original am nächsten kommt (und oftmals im englischen Sprachraum benutzt wird, während im deutschen Sprachraum eine falschere „eingedeutschte“ Schreibweise vorherrschend ist). Das arabische Alphabet weist Laute auf, die es im deutschen Alphabet so nicht gibt. Sie können jedoch durch bestimmte Buchstaben oder Buchstabenkombinationen signalisiert werden. So deutet der Buchstabe „q“ einen Laut an, der ungefähr einem tief hinten in der Kehle ausgesprochenen „k“ entspricht. Es ist besser, ihn nicht mit dem einfachen „k“ – das dem entsprechenden Laut in den europäischen Sprachen vergleichbar ist – zu verwechseln: qalbi bedeutet so viel wie „mein Herz“, kalbi jedoch „mein Hund“. Wer Wert darauf legt, unbedingt richtig Ärger zu bekommen (auch eine Erfahrung!), darf ruhig beide miteinander verwechseln. Alle anderen achten lieber ein bisschen auf die Aussprache…Dieser Buchstabe findet sich etwa im Landesnamen des – eingedeutscht „Irak“ geschriebenen – Staates, der im englischsprachigen Raum korrekterweise Iraq transkribiert wird, in Al-Qaida oder in Qatar. Der vor einem Buchstaben stehende Apostroph signalisiert einen Vokal, der hinten in der Kehle ausgesprochen wird, wie in ’Iraq, ’Arafat oder auch in Ben ’Ali. Die Buchstabenkombination „gh“ steht ungefähr für ein stimmlos ausgesprochenes „r“ (wie in „Paris“). In der eingedeutschten Schreibweise wird es oft fälschlich durch ein „g“ ausgetauscht. Dieser Buchstabe findet sich beispielsweise in Baghdad, Ghaza oder in Ghezali. Die Buchstabenkombination „dh“ steht für einen dunklen, ungefähr einem dumpfen englischen „th“ ähnelnden Laut, wie etwa in El-Nahdha („Wiedergeburt“, Name mehrerer islamistischer Parteien)

Demnächst erscheint von Bernard Schmid ein Buch über die arabischen Revolten.

Übersicht über die Revolten des „Arabischen Frühlings“

gefunden auf Trend Onlinezeitung am 20.07.2011 :

Chronologie der wichtigsten Ereignisse – Januar bis Juli 2011 (Stand: 17. Juli 2011)
von Bernard Schmid

MAURETANIEN

Mauretanien ist ein wüstenhaftes und ziemlich bevölkerungsarmes Land in Nordwestafrika. Der Staat mit rund drei Millionen Einwohner/inne/n ist in einen arabisch geprägten Norden und einen Süden, der von offiziell so genannten Négro-Mauritaniens – Schwarzen, die mit den Bewohnern des Nachbarlands Senegal verwandt sind – geteilt. Diese Spaltung prägt die Innenpolitik in hohem Maße. De facto existiert vor allem im südlichen Teil des Staatsgebiets zum Teil noch die, 1981 rechtlich abgeschaffte, Sklaverei. (mehr…)