Tag-Archiv für 'musik'

Wir sehen uns…

(streetart aus Kairo)

Ich bin der Engel der Verzweiflung

Mit meinen Händen teile ich den Rausch aus

die Betäubung, das Vergessen, Lust und Qual der Leiber

Meine Rede ist das Schweigen, mein Gesang der Schrei

Im Schatten meiner Flügel wohnt der Schrecken

Meine Hoffnung ist der letzte Atem

Meine Hoffnung ist die erste Schlacht

Ich bin das Messer mit dem der Tote seinen Sarg aufsprengt

Ich bin der sein wird

Mein Flug ist der Aufstand, mein Himmel der Abgrund von morgen

Heiner Müller

Wir machen Schluss. Nach über drei Jahren, über zweihundert selbstrecherchierten, übersetzten, selbstgeschriebenen Artikeln. Nach um die 5000 gespiegelten Artikeln aus linken und mainstream Medien. Leider viel zu häufig aus mainstream Medien, weil es einfach nichts anderes Brauchbares gab.
Häufig waren wir übermüdet und gestresst, manchmal euphorisch, manchmal haben wir geweint. Wir haben um Homs geweint, wir haben um unsere GefährtInnen in Kairo geweint. Wir haben viel zu selten und doch viel zu viel geweint.

Was als allgemeiner Aufbruch begann, der eine ganze Region erschütterte, ist heute…..
Wir sagen nicht, dass wir wissen, was kommt, wir teilen diese Anmaßung nicht.
Mubarak galt als unstürzbar, dann hiess es Assad sitze felsenfest im Sattel, es gebe praktisch keine Oppposition im Lande…
Vielleicht wird die nächste Preiserhöhung in Ägypten das Regime wegfegen, vielleicht wird der neue Pharao Jahrzehnte herrschen.

Wir haben unglaublich viel gelernt – wir sind dankbar dafür. Der linke Kanon ist zu Ende. Viele wollen das nicht sehen, nicht wahrhaben. Die Geschichte der Klassenkämpfe ist fast so alt wie die Menschheit, sie wird andauern, aber entweder wir lassen uns auf das Wagnis ein, uns unbequemen Wahrheiten und Widersprüchen zu stellen oder wir werden wie bockige Kinder am Rande der Geschichte quengeln, da sich die Welt nicht um uns dreht.

Wir sind überrascht, dass immer noch soviele Leute diesen blog nutzen, obwohl die Entwicklung in der Region sowohl in den mainstream Medien als auch in der Linken kaum noch eine Rolle spielt. Das hat uns lange dazu bewogen, den blog weiter zuführen, obwohl wir dadurch zu etwas geworden sind, was wir nie sein wollten: Spezialisten. So haben wir mehrmals den Versuch unternommen, dieses Projekt zu beenden. Dann passierte etwas und wir haben es nicht ausgehalten, nichts dazu zu schreiben.
Jetzt wagen wir den endgültigen Absprung.

Wir danken allen, die uns unterstützt haben. Wir danken unseren GefährtInnen von Kairo bis Soran, dass sie unser Leben so unglaublich bereichert haben. Wir hoffen, ihr vergesst diese Leute auch nicht.

Wir sind weiterhin über unsere Kontaktadresse erreichbar. Der blog bleibt als Archiv bestehen.

Um outro mundo é possível

recherchegruppe aufstand

„Worte als Waffen: Wie die jordanische Rapper-Szene Widerstand leistet“

In Jordaniens Hauptstadt Amman treffen die Riahi Brothers den Rapper Kazz, der in seinen Texten die Gedanken der arabischen Revolution verbreitet

Arash und Arman T. Riahi im Standard

Der jordanische Rapper Kazz des Rap-Kollektivs Torabyeh verarbeitet in seinen Texten unter anderem Ungerechtigkeiten, die die Palästinenser erleiden, und kommentiert die Volksaufstände in der arabischen Welt. Als „Pionier der Revolution“ fühlt er sich der aufstrebenden und pulsierenden Kunstszene Ammans verpflichtet. Seine Botschaften der Revolte kommuniziert er durch Text, Ton und Bild.

Rap, die Hip-Hop-Kultur und Torabyehs rebellische Lyrics stehen im Kontrast zu traditioneller arabischer Musik und der heimischen Kultur generell. Sie erzeugen eine für die arabische Musikwelt ungewöhnliche neue Musikform. Die Mitglieder des Rap-Kollektivs Torabyeh sind Saed Masannat (DJ Voinic), Spiro Mukurker (MC Rasasah) und Ahmed Shehadeh (Kazz).

Der hier vorgestellte Titel wurde im Zuge der Dreharbeiten unseres Projekts „Everyday Rebellion“ in Amman aufgenommen. Der Rapper ist auch für einige Graffitis, die die Stadtmauern schmücken, mitverantwortlich. Diese Szene war ursprünglich in einer der ersten Schnittfassungen unseres Kinodokumentarfilms enthalten, weil sie sehr poetisch das Thema der weltweiten Revolten behandelt. Kazz rappt in diesem Song über die Volksaufstände der vergangenen Jahre und erzählt seine Geschichte aus der Perspektive des Widerstands. Elegant spannt er dabei einen Bogen von Ägypten über Libyen bis hin zu Occupy Wall Street.

So wie Kazz und viele andere jordanische Rapper kommentiert auch Amer al-Taher das politische Geschehen in seinen Songtexten. Hier ergänzend ein Video, das wir schon länger auf unserer Plattfom haben:

Links

Everyday Rebellion auf Facebook

Everyday Rebellion Plattform

„Street Music“

„HipHop in Tunesien – Rappen für die Revolution“

Wer von fehlender Freiheit singt, kommt schnell hinter Gitter. Wer kifft, auch. Davon handeln die Songs von Lil’K und Weld el 15, Stars in Tunesien.

Reiner Wandler in der taz

Weld el 15 (25) und Lil’K (23) sind alles andere als zufrieden. Wenn es um ihr Tunesien drei Jahre nach dem Sturz des Diktators Zine el Abidine Ben Ali geht, schimpfen die beiden Rapper nur. „Was mir die Revolution gegeben hat, willst du wissen? Dreimal Knast“, erklärt Weld el 15, mit bürgerlichem Namen Alaedine Yaacoubi. „Du hast hier keine Freiheit als Künstler. Schweigen oder gehen heißt die Alternative“, fügt Lil’K – Khalil Baalouch – hinzu.

Die beiden sind Stars am tunesischen Rapperfirmament. Das gilt vor allem für Weld el 15 mit seinem Song „Polizisten sind Hunde“. Der Clip wurde knapp vier Millionen Mal im Netz angeklickt. Weld el 15 – was so viel heißt wie „Sohn mit 15“, dem Alter, in dem das Rappen begann – verarbeitet darin seine Festnahme und die darauf folgenden acht Monate Haft 2012. Konsum von Haschisch heißt das Verbrechen, dessen er sich damals schuldig gemacht hatte.
„Wir glaubten, dass es in diesem Land eine Revolution gegeben hat, aber in Wirklichkeit haben wir nur eine Regierung zu Fall gebracht. Wir stecken bis zum Hals in der Scheiße“, rappt Weld el 15 und lebt im Song seine Gewaltfantasien gegen die Polizisten aus.

Er träumt davon, sie zu schlagen, sexuell zu erniedrigen, ihre Mütter zum Weinen zu bringen. Er wirft den Beamten vor, selbst dafür zu sorgen, dass die Drogen in die armen Stadtteile kommen, um eine ganze Generation ruhigzustellen und zu zerstören.
„Beamtenbeleidigung, Rufschädigung und Verstoß gegen die guten Sitten“ sahen die Richter darin und verurteilten ihn im Frühsommer 2013 zu zwei Jahren Haft. Die Strafe wurde nach Protesten auf sechs Monate zur Bewährung herabgesetzt. Weld el 15 kam nach 20 Tagen frei.
Beleidigungen und Erniedrigungen geben sie zurück

Als er das Lied erneut aufführte, wurde er Ende des Sommers erneut zu 21 Monaten verurteilt. Er tauchte ab, um sich schließlich Anfang Dezember zu stellen. Wieder kam er für zwei Wochen hinter Gitter, bis beim Berufungsverfahren der Fall eingestellt wurde.
„Die Richter verstehen unsere Kunst nicht. Wir sind keine Politiker, unsere Texte leben von Metaphern. So etwas kann doch nicht gerichtlich verfolgt werden“, beschwert sich Weld el 15. „Wenn du den Text anhörst, merkst du, dass Weld el 15 so mit den Bullen spricht, wie sie mit dir sprechen.

Das ist sein eigentliches Verbrechen. Er beleidigt und erniedrigt die Bullen, wie sie uns beleidigen“, mischt sich Lil’k ein. Sein bekanntester Song fordert die Legalisierung von Cannabis. „Er hat ihn geschrieben, als ich 2012 für acht Monate wegen Kiffen eingesperrt wurde“, sagt Weld el 15 stolz.
Kiffen ist eines der Themen in der nachrevolutionären tunesischen Jugend. Haschisch und Gras kommen aus Marokko ins Land. Doch die Gesetzgebung ist hart. Es genügt, dass bei einer Blutuntersuchung Rückstände des Wirkstoffes THC festgestellt werden, um wegen Konsum hinter Gitter zu wandern.
Die Analysen fallen Wochen nach dem letzten Joint noch positiv aus. Jeder in Tunesien weiß, dass die Polizei gern unliebsame Jugendliche zum Amtsarzt schleppt.

Ohne Plattenfirmen läuft alles über das Internet
Weld el 15 ist Sohn eines Ingenieurs. Wie Lil’K, dessen Vater Polizist ist, kommt er aus der Altstadt von Tunis. Doch in ihrer freien Zeit hängen sie in den schicken Cafés in Cité Nasser ab. Es ist ein Stadtteil der gehobenen Mittelklasse. „Hier haben wir viele Freunde, und unser Studio ist hier“, erklären die beiden. Sie leben – so ihre eigenen Worte – vom „Business“. Worin das besteht? Schweigen.

Von der Musik können sie jedenfalls nicht leben. „Es gibt keine Plattenfirmen hier im Land, und Fernsehen und Radio spielen uns so gut wie nicht“, erklären die beiden. Rappen in Tunesien, das bedeutet, private, kleine Konzerte sowie Songs und Videos ins Netz zu stellen. Viel’ Klicks, viel’ Ehr. Und daran fehlt es dem, der den Geist der Zeit trifft, nicht.

In den Tagen Ende Dezember 2010, als die Jugendproteste, die schließlich am 14. Januar 2011 zum Sturz des Diktators führten, begannen, tönte aus allen PCs „Präsident meines Landes“ von El General, einem Rapper aus der Industriestadt Sfax in Südtunesien.
In einer Art offenem Brief sprach der Pharmazeutikstudent aus, was viele im Land auf die Straße trieb. Er sang von Korruption, fehlender Freiheit, Repression und Armut und kam dafür kurze Zeit hinter Gitter.

Sie träumen vom Erfolg in Frankreich
Vergangenen Sommer war es Weld el 15 mit seinem „Polizisten sind Hunde“, derzeit schlägt Kafon alle Rekorde mit seinem Song „Houmani“ über die sozialen Nöte in seinem Stadtteil. Der Clip wurde bei Youtube über sechs Millionen Mal geklickt. Es ist der Ohrwurm dieser Tage.
Weld el 15 und Lil’K träumen vom Erfolg auf der anderen Seite des Mittelmeers, so wie El General, der nach der Revolution von einem Festival zum nächsten reiste. „Im Frühjahr gehen wir auf Frankreichtour und, wenn alles klappt, gar nach New York“, erklärt Weld el 15.
Für ihn wäre es die erste Auslandsreise. In Frankreich wollen die beiden gegen „das Rassistenpack Le Pen und Sarkozy“ anrappen, „ohne dabei Tunesien zu vergessen“. Gemeinsam, hoffen sie, eine CD in Frankreich aufnehmen zu können. „Louis 15“ soll sie heißen.

„Tunesiens ungeliebte Kinder der Revolution“

Rapper drei Jahre nach dem Umsturz im Konflikt mit der neuen Ordnung

Reiner Wandler aus Tunis im Standard

Weld el 15 (25) und Lil‘K (23) sind alles andere als zufrieden. Wenn es um ihr Tunesien drei Jahre nach dem Sturz des Diktators Zine el Abidine Ben Ali geht, schimpfen die beiden Rapper nur. „Was mir die Revolution gegeben hat, willst du wissen? Dreimal Knast“, erklärt Weld el 15 – mit bürgerlichem Namen Alaedine Yaacoubi. „Du hast hier keine Freiheit als Künstler. Schweigen oder gehen heißt die Alternative“, fügt Lil‘K – Khalil Baalouch – hinzu.

Die beiden sind Stars am tunesischen Rapperfirmament. Das gilt vor allem für Weld el 15 mit seinem Song Polizisten sind Hunde. Der Clip wurde knapp vier Millionen Mal im Netz angeklickt. Weld el 15 – was so viel heißt wie „Sohn mit 15″, dem Alter, in er dem das Rappen begann – verarbeitet darin seine Festnahme und die darauffolgenden acht Monate Haft 2012. Konsum von Haschisch lautet das Verbrechen, dessen er sich damals schuldig gemacht hatte.

„Wir glaubten, dass es in diesem Land eine Revolution gegeben hat, aber in Wirklichkeit haben wir nur eine Regierung zu Fall gebracht. Wir stecken bis zum Hals in der Scheiße“, rappt Weld el 15 und lebt im Song seine Gewaltfantasien gegen die Polizisten aus. Er träumt davon, sie zu schlagen, sexuell zu erniedrigen, ihre Mütter zum Weinen zu bringen. Er wirft den Beamten vor, selbst dafür zu sorgen, dass die Drogen in die armen Stadtteile kommen, um eine ganze Generation ruhigzustellen und zu zerstören.

„Beamtenbeleidigung, Rufschädigung und Verstoß gegen die guten Sitten“ sahen die Richter darin und verurteilten ihn im Frühsommer 2013 zu zwei Jahren Haft. In der Berufung wurde das Verfahren eingestellt.

„Bullen beleidigen“
„Die Richter verstehen unsere Kunst nicht. Wir sind keine Politiker, unsere Texte leben von Metaphern“, beschwert sich Weld el 15. „Wenn du den Text anhörst, merkst du, dass Weld el 15 so mit den Bullen spricht, wie sie mit dir sprechen. Er beleidigt die Bullen, wie sie uns beleidigen“, mischt sich Lil‘k ein. Sein bekanntester Song fordert die Legalisierung von Cannabis. „Er hat ihn geschrieben, als ich damals 2012 für acht Monate wegen Konsums eingesperrt wurde“, sagt Weld el 15 stolz.

Weld el 15 ist Sohn eines Ingenieurs. Wie Lil‘K, dessen Vater Polizist ist, kommt er aus der Altstadt von Tunis. Doch in ihrer freien Zeit hängen sie in den schicken Cafés in Cité Nasser ab. Es ist ein Stadtteil für die gehobene Mittelklasse. „Hier haben wir viele Freunde, und unser Studio ist hier“, erklären die beiden. Sie leben – so die eigenen Worte – vom „Business“. Worin das besteht? Schweigen. (Reiner Wandler

„Syrien und die iranisch-israelische Koalition“

Behrooz Abdolvand und David Ramin Jalilvand in Blätter für deutsche und internationale Politik

In Syrien liefern sich Rebellen und Regierungstruppen weiterhin heftige Kämpfe. Schätzungen zufolge sind dem Konflikt inzwischen mehr als 70 000 Menschen zum Opfer gefallen.[1] Ein Ende der Gewalt ist nicht abzusehen – im Gegenteil: Obwohl wiederholt der Fall des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad vorhergesagt wurde, scheint dieser seine Macht derzeit sogar noch festigen zu können.
Dafür ist auch der geringe internationale Druck auf das Assad-Regime verantwortlich. Besonders die Europäische Union und die Vereinigten Staaten zeigen sich zurückhaltend. Aber mehr noch: Iran, Israel und Russland wollen – aus je unterschiedlichen Motiven, aber dennoch in einer singulären faktischen Allianz – einen Sturz Assads sogar um jeden Preis verhindern. Die einzige Ausnahme im Chor der Umsturzskeptiker oder -gegner bildet die Türkei: Sie unterstützt unverhohlen die syrischen Rebellen. Ein Regimewechsel in Damaskus würde, so die Hoffnung der Regierung Erdogan, die türkische Vorherrschaft im Nahen und Mittleren Osten festigen.

Die Europäische Union hat Syrien mit einer Vielzahl von Sanktionen belegt, unter anderem einem Waffen-Embargo sowie Maßnahmen gegen den syrischen Finanzsektor; einige ihrer Mitgliedstaaten unterstützen die syrische Opposition auch diplomatisch, durch Initiativen im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Eine effektive militärische Unterstützung der Rebellen oder gar ein aktives Eingreifen in den Konflikt kommt für die EU jedoch nicht in Frage.

Ursächlich hierfür ist die mangelnde strategische Bedeutung Syriens für die EU. Hinzu kommt, dass weder Assad noch die Rebellen eine dezidiert antieuropäische Agenda verfolgen. Zweifelsohne ist eine Schwächung Assads in den europäischen Hauptstädten gern gesehen. Die unkalkulierbaren Konsequenzen eines Sturzes dürften jedoch stärker gefürchtet werden, insbesondere mit Blick auf die Sicherheit Israels. Aus diesem Grund schließt sich Europa weitgehend der Politik der USA an.

Für die Vereinigten Staaten ist der Syrien-Konflikt mit Blick auf Washingtons grundsätzliche Interessen im Nahen Osten und am Persischen Golf von Bedeutung: die Gewährleistung der Sicherheit Israels sowie die Kontrolle der regionalen Energie-Transportwege. Zugleich möchten die USA eine Rückkehr zum Status quo ante verhindern. Ein Sturz Assads wird jedoch mit Blick auf die Gefahr einer Machtübernahme durch Muslimbrüder oder Salafisten ebenfalls eher gefürchtet als real forciert.

So fordert die Obama-Regierung zwar offiziell den Sturz des syrischen Präsidenten, die tatsächliche Politik Washingtons deutet jedoch auf eine Fortsetzung der Politik des vergangenen Jahrzehnts hin. Dabei bewirkten die USA im Endeffekt eine Schwächung staatlicher Strukturen in Ländern, die Washington – oder seine Partner – strategisch bedrohten: Afghanistan, Irak, Libanon und Libyen. In Syrien werden die Rebellen weder mit schweren Waffen ausgestattet, noch kommt Washington dem Wunsch nach Errichtung einer Flugverbotszone nach – von einer direkten Intervention ganz abgesehen. Zugleich verhindern die USA eine rasche „Befriedung“ des Landes, indem sie den Rebellen finanzielle Mittel in Höhe von 60 Mio. US-Dollar zusagten.

Daher spricht vieles dafür, dass die Vereinigten Staaten auch in Syrien vor allem auf eine Schwächung staatlicher Strukturen abzielen, da dies den effektivsten Weg darstellt, die Achse Teheran-Bagdad-Damaskus-Beirut zu zerschlagen. Exemplarisch dafür ist die Forderung der USA nach einem Rücktritt Assads als Vorbedingung für Verhandlungen über die Zukunft des Landes. Der langfristige Erfolg dieser Politik ist jedoch überaus fraglich. Denn im Syrien-Konflikt könnten die Partner von heute zu den Gegnern von morgen werden. Anstatt sich als politische Objekte von Washington instrumentalisieren zu lassen, verfolgen die verschiedenen islamistischen Gruppierungen durchaus ihre eigenen Interessen.

Hinzu kommt, dass die Obama-Regierung weiterhin keine kohärente Nahostpolitik verfolgt: Der ungelöste israelisch-palästinensische Konflikt untergräbt nach wie vor das Ansehen Washingtons in der Region; ebenso stellt die Exklusion Irans und seiner schiitischen Partner aus der Sicherheitsarchitektur des Mittleren Ostens eine permanente Quelle der Unsicherheit für die Vereinigten Staaten dar. Am meisten wird die Destabilisierungsstrategie der USA jedoch durch ein anderes Ereignis in Frage gestellt – nämlich durch die jüngste, völlig überraschende strategische „Annäherung“ Irans und Israels im Zuge des Syrien-Konflikts.

Iran, Israel und Russland: Die neue Interessenkoalition
Vermutlich zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte befinden sich Iran, Israel und zudem Russland auf einer Seite eines Konflikts. Obwohl gerade Teheran und Tel Aviv aus offensichtlichen Gründen politische Gemeinsamkeiten öffentlich nie einräumen würden, haben die Regierungen beider Staaten ein Interesse am Verbleib von Präsident Assad im Amt.

Gleiches gilt für Russland: Moskau versteht den syrischen Konflikt als Versuch der Schwächung seines wichtigsten (und, nach dem Ende Gaddafis, fast einzigen) Partners im Mittleren Osten. Seit der Suez-Krise 1956 verbindet beide Länder eine politisch-militärische Zusammenarbeit. Im Herzen der Levante gelegen, stellt Syrien für Russland seither den einzigen zuverlässigen Partner inmitten der Moskau nicht positiv gesinnten und zum Teil sogar prowestlichen Staaten Ägypten, Israel und Türkei.

Neben Russland tritt Iran als enger Verbündeter Assads in Erscheinung. Im Kampf gegen Assad sieht Teheran in erster Linie den Versuch, den iranischen Einfluss im westlichen Teil des Mittleren Ostens zurückzudrängen. Sollte die Verbindung zur Hisbollah über Syrien unterbrochen werden, würde dem Iran ein zentrales Instrument fehlen, um einen etwaigen Angriff auf sein Territorium vergelten zu können. Teheran unterstützt Damaskus daher politisch wie militärisch und sucht darüber hinaus intensiv eine politische Lösung des Konflikts.

Letzteres gilt, zumindest hinter den Kulissen, auch für Israel. Zwar ist auch für Tel Aviv die Schwächung der Verbindung Teherans zur Hisbollah attraktiv, doch schwerer wiegt ein anderer Faktor: Trotz des offiziellen Kriegszustands zwischen Syrien und Israel zeigte sich Assad stets als berechenbar. Seit dem Oktoberkrieg 1973 beteiligte sich das Land nicht mehr an direkten Kampfhandlungen gegen Israel. Zwischen beiden Staaten herrschte eine Art „kalter Frieden“. Offenbar verhandelte Jerusalem vor Beginn des Syrien-Konflikts mit Assad sogar über eine Rückgabe der Golanhöhen.[2]

Die Aussicht auf einen Regimewechsel in Syrien durch islamistische Kräfte stellt dagegen für Israel ein Horrorszenario dar. Muslimbrüder und Salafisten sind dezidiert radikal antiisraelisch eingestellt.

Bereits die neue Regierung in Ägypten macht aus ihrer Ablehnung gegenüber Israel keinen Hehl. Im Rahmen der Ernennung Mohammed Mursis zum Präsidentschaftskandidaten sprach ein führender Kader der Muslimbrüder in der Anwesenheit des heutigen Präsidenten davon, Mursi werde die „Vereinigten Staaten von Arabien mit Jerusalem als Hauptstadt“ realisieren. Der Präsident selbst erwägt eine „Überprüfung“ des Camp-David-Vertrags, während ein führender Kader prophezeit, Israel werde in zehn Jahren nicht mehr existieren.[3]

Israel hat somit schon heute zwei große Sicherheitsprobleme in seiner unmittelbaren Nachbarschaft: die Hisbollah im Norden und die Muslimbrüder im Süden. Würde Syrien in die Hände der Muslimbrüder – oder der noch radikaleren Salafisten – fallen, käme eine weitere Front hinzu, die aufgrund des syrischen Militärpotentials eine große Herausforderung für die Sicherheit Israels darstellen würde.

Verhinderte Regionalmacht Türkei
Trotz der breiten internationalen Zurückhaltung gelingt es den syrischen Rebellen, ihren Aufstand fortzusetzen und den Druck auf das Assad-Regime zu erhöhen. Grund dafür ist in erster Linie ihre Unterstützung durch die Türkei. Diese nutzt den Syrien-Konflikt ganz gezielt aus, um ihre strategische Vorherrschaft im Nahen und Mittleren Osten auszubauen.

Noch vor wenigen Jahren waren die syrisch-türkischen Beziehungen von freundschaftlicher Kooperation geprägt: Mit Libanon, Jordanien und Syrien wurde zudem eine Zusammenarbeit im Finanzsektor angestrebt.[4] Außerdem schaffte die Türkei die Visumspflicht mit diesen drei Staaten und darüber hinaus auch mit dem Irak, dem Iran sowie Libyen ab. Langfristig sollte – so der Plan Ankaras – eine freie Wirtschaftszone im Mittleren Osten entstehen.

Zu diesem Zweck verfolgte die Türkei zu dieser Zeit eine Politik der „null Probleme“. Jene zielte darauf ab, Spannungen in der Region abzubauen und durch die Integration verschiedener Akteure Ankara als politisches Zentrum zu etablieren. Diese Herangehensweise sollte der türkischen Außenpolitik zu mehr „strategischer Tiefe“ verhelfen.

2011 vollzog die Türkei im Zuge des sogenannten Arabischen Frühlings jedoch einen radikalen Kurswechsel. Seither versucht das Land als Patron der Aufstände zur Regionalmacht zu avancieren. Erdogan reiste nach Ägypten, Libyen und Tunesien, vereinbarte mit Kairo und Tripolis eine stärkere militärische Zusammenarbeit und nahm zudem libysche und syrische Oppositionelle auf. Auf diese Weise verfolgte die türkische Regierung das Ziel, AKP-ähnliche und somit Ankara wohlgesinnte Parteien in der arabischen Welt zu etablieren.[5] Um die arabische Straße für sich zu gewinnen, ging sie zudem auf Konfrontationskurs zu Israel. Auch wenn die türkische Regierung es bis heute ablehnt, einen „Neo-Ottomanismus“ zu betreiben, so spricht sie doch von einer „Vereinigung des Mittleren Ostens“. Syrien unter Assad ist vor diesem Anliegen ein Störfaktor. Um Syrien zu schwächen, rief der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu daher die Vereinten Nationen zu einer „protective military operation“ in dem Nachbarland auf – wenn auch vergeblich. Doch auch ohne Mandat der Vereinten Nationen leistet die Türkei militärische Hilfe: Die türkischen Armee trainiert und bewaffnet die Freie Syrische Armee (FSA) und genehmigte ihr, eine Kommandozentrale auf türkischem Boden zu errichten.

Taktisch versuchte die Türkei, mit der Einnahme Aleppos durch die FSA ein zweites Bengasi zu schaffen – eine innersyrische Basis, von der aus ein Regimewechsel vorangetrieben werden kann. Doch dieses Vorhaben ist gescheitert: Der FSA konnte die Bevölkerung nicht für sich gewinnen und musste sich inzwischen aus der zweitgrößten Stadt des Landes zurückziehen.[6] Auch die einstige Rebellenhochburg Homs wird mittlerweile wieder weitgehend von Assads Armee kontrolliert.[7]

Da sich Ankaras Nato-Partner zögerlich zeigen, ist die Türkei durch den Syrien-Konflikt schon jetzt nachhaltig geschwächt worden. Zugleich hat sie ihre Rolle als glaubwürdiger Vermittler verspielt, die Region insgesamt destabilisiert und strategisch erheblich an Einfluss verloren. Dass die Türkei kein arabischer Staat ist und Erinnerungen an das Osmanische Reich omnipräsent sind, dürfte hierbei eine wichtige Rolle gespielt haben. Auch die Kooperation mit arabischen Staaten konnte nichts daran ändern, da es besonders Saudi-Arabien schwerfällt, als selbstloser „ehrlicher Makler“ aufzutreten. Letztlich ging das gesamte Kalkül der Türkei im Arabischen Frühling bisher nicht auf: Anstelle von AKP-ähnlichen Parteien etablierten sich Islamisten in Ägypten und Tunesien, während Libyen derzeit noch immer weit davon entfernt ist, ein stabiler Staat zu sein.

Syrien vor der Balkanisierung
Was die Zukunft Syriens anbelangt, spricht – bei aller gegenwärtigen Ungewissheit – vieles dafür, dass die syrischen Kurden ihre im Laufe des Konflikts gewonnene Autonomie behalten werden. Selbst wenn sich Assad halten kann, wird er weder ausreichend Kraft noch das kriegerische Interesse haben, ihnen ihre neu gewonnene Autonomie wieder zu nehmen. Stürzt der syrische Präsident jedoch, avancieren die Kurden zu einem noch größeren Machtfaktor in dem von religiösen und ethnischen Konflikten ohnehin zerrissenen Land.

Damit deutet sich bereits an, welches Schicksal Syrien letztlich beschieden sein dürfte. Schon jetzt ist die Staatlichkeit in Syrien auf unabsehbare Zeit massiv geschwächt; das Land steht damit vor gewaltigen inneren Zerreißproben. Im schlimmsten Fall droht eine Balkanisierung Syriens – der vollständige Zerfall des Staats, verbunden mit interreligiösen und interethnischen Konflikten. Angesichts dieser Bürgerkriegsperspektive steht damit auch fest, dass sich eines in Zukunft nicht ändern wird: Die Hauptleidtragenden des Syrien-Konflikts werden auch weiterhin die syrischen Zivilisten sein.

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[1] Vgl. Syrien: 6000 Tote allein im März, www.sueddeutsche.de, 2.4.2013.

[2] Isabel Kershner, Secret Israel-Syria Peace Talks Involved Golan Heights Exit, in: „New York Times“, 12.10.2012.

[3] Israel will cease to exist within the decade, adviser to Egyptian president predicts, „The Times of Israel“, 1.1.2013.

[4] Nurdan Bozkurt, Middle Eastern lenders discuss union, in: „Hürriyet Daily News“, 28.3.2011.

[5] Steven Cook, Erdogan’s Middle Eastern Victory Lap, in: „Foreign Affairs“, 15.9.2011.

[6] Natalia Gorzawski, Die Bevölkerung wurde nicht vor die Wahl gestellt, in: „zenith online“, 28.8.2012.

[7] Jonathan Steele, Homs’ displaced residents begin to return after year of sustained bombing, in: „Guardian“, 10.2.2013.

Amer Al-Taher

»Wir dürfen aus Musikern keine Botschafter machen«

Interview mit den Musikern von Checkpoint 303 von Nils Metzger auf zenith

Die Elektro-Musiker von Checkpoint 303 über politischen Aktivismus, Untergrundkultur und Copyright – und das steigende Interesse an Künstlern aus Nahost.

zenith: Sie haben Ihre Band nach dem berüchtigten Checkpoint 300 nahe Bethlehem benannt – ist das ein Ort, mit dem jeder Ihrer Fans etwas verbindet, gleich ich welchem Land der Region er lebt?

Checkpoint 303: Als wir das Projekt starteten, lebte unser »Soundcatcher« SC Yosh in Bethlehem, also musste er besagten Checkpoint nahezu täglich passieren. Für uns war das eine Inspiration, einen virtuellen, künstlerischen Checkpoint zu errichten, hinter dem DJs, VJs oder Videokünstler ihre Kreativität ausleben können. Es ist eine Plattform für Leute mit einer Message. Die ist am Ende sicherlich auch politisch, die Initiative selbst ist es jedoch nicht. Checkpoint 303 geht es vielmehr darum, Leben in einer Diktatur abzubilden und zu reflektieren.

Sollen die Audioschnipsel vom Straßenverkehr oder von Schießereien und die Sprachsamples von Politikern, die Sie verwenden, der Musik einen quasi dokumentarischen Charakter verleihen?

Wir nutzen Alltagsgeräusche, die wir zusammenschneiden und verändern, um einen Soundtrack des täglichen Lebens zu schaffen. Es geht uns dabei nicht um Schockeffekte. Wenn etwas Schlimmes passiert, agieren wir anders als die Medien und müssen nicht auf jede Sensation reagieren. Neben aller Frustration kommen darin auch hoffnungsvolle Momente vor. So schlagen wir eine Brücke auch zu Hörern in Deutschland, die wahrscheinlich die gleichen Träume und Ängste haben: Schaffe ich meine Prüfungen? Finde ich einen Job?

In einem Interview hatten Sie einmal betont, wie wichtig es Ihnen sei, keine Propaganda zu produzieren, gleichzeitig kommen in Ihrer Musik auch politische Reden oder bekannte arabische Gedichte vor. Haben Sie keine Angst davor, dass ein Remix Ihrer Musik in einem europäischen Club landet, bei Menschen, für die es nicht mehr als Party-Musik ist?

Nein, das beunruhigt uns nicht. Wann immer wir Gigs in Clubs oder besetzten Häusern spielen, tanzen Leute zu unserer Musik. Es ist okay, wenn die meisten nicht verstehen, worum es in dem Lied geht. Aber fünf bis zehn Produzent entdecken orientalische Melodien im Song und möchten mehr darüber herausfinden. Verglichen mit den null Prozent, die vorher über Palästina nachdachten, ist das schon ein Fortschritt. In einem Lied haben wir Zitate des palästinensischen Intellektuellen Edward Said mit der berühmten UN-Rede Che Guevaras kombiniert. Das regt zum Nachdenken an.

Checkpoint 303 arbeitet als Kollektiv mit Mitgliedern in vielen Staaten der Region. Wie gestalten sich die Arbeitsprozesse in solch einer Band?

Der Kompositionsprozess wird durch das Internet einfacher, nicht komplizierter. Er ist viel unmittelbarer, man tauscht Dateien aus, arbeitet parallel an diversen Entwürfen. So kann ich Oud-Parts aufnehmen, während die anderen an Klavier-, oder Bassarrangements arbeiten. Anschließend versenden wir E-Mails mit unseren Entwürfen. Alles digital, Nullen und Einsen. Es ist einfach keine Alternative, dass wir uns jedes mal treffen.

Bei all den unterschiedlichen Themen, die Sie behandeln – wie schwer ist es, angesichts so komplexer Vorgänge während des Arabischen Frühlings eine gemeinsame inhaltliche Grundlage zu behalten? Streiten Sie sich mit ihren Bandkollegen oft über Politik?

Die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, diese Mitglieder jugendlicher Subkulturen, sind alle auf einer Wellenlänge und die Vorkommnisse in Ägypten, Tunesien oder Syrien bringen uns noch mehr zusammen. Es ist unbändige Freude, die wir für Ägypten und Tunesien empfinden, obgleich die wahre Revolution in beiden Staaten noch bevorsteht. Das Wirtschaftssystem lässt sich nicht an einem Tag reformieren, aber Optimismus ist angebracht.

Nehmen Künstler in dieser neuen Gesellschaft eine besondere Rolle ein?

Die gleiche Verantwortung wie jeder andere Bürger auch. Nur weil ich elektronische Musik komponiere, kommt mir keine Sonderrolle zu. Jeder muss sicherstellen, dass die Revolution in die richtige Richtung geht.

Finden Künstler gerade die richtigen Antworten auf diese Herausforderung? Wie bewerten Sie die Arbeit der »großen« Intellektuellen?

Die Arbeit aller Künstler gutzuheißen, würde mir schwer fallen. Sie zu kritisieren, steht mir aber nicht zu. Als wir vor einem Monat in Ägypten spielten, ist mir ein Umstand aufgefallen: Musik, die zuvor unbekannt und Teil einer Untergrundkultur war, wurde nun von Radiostationen gespielt. Es gibt ein großes Verlangen nach HipHop- und Rock-Künstlern. Im medialen Mainstream Ägyptens und Tunesiens gibt es jetzt deutlich mehr Raum für diese Musik. Viele der Bands, die jetzt wegen ihrer Kritik am Zensursystem populär sind, haben auch schon vorher Alben produziert – ohne, dass jemand Kenntnis davon genommen hätte. Jetzt ist schlechte Aufnahmequalität kein Ausschlusskriterium mehr, um gespielt zu werden.

»Das digitale Teilen von Musik ist im Nahen Osten deutlich etablierter«
Sie betonten bereits, wie wichtig für Sie die Veröffentlichung aller Musik unter einer Creative Commons-Lizenz ist. Hat das Internet nicht nur für die politischen, sondern bald auch für die kulturellen Revolutionen eine Grundlage gebildet?

Ich würde nicht von einer zweiten Revolution sprechen. Das digitale Teilen von Musik ist im Nahen Osten deutlich etablierter als es vielleicht in Deutschland ist. Copyright-Gesetze sind größtenteils nicht vorhanden und Creative Commons bieten da einen legalen juristischen Rahmen. Dass das Thema in Europa vielleicht für mehr Wirbel sorgt, liegt am harten Kontrast zum etablierten Rechtssystem. Wenn ich heute Menschen im Nahen Osten erkläre, dass ihnen die Creative Commons erlauben, Musik im Internet herunterzuladen, erwidern sie: »Das mach ich doch schon seit zehn Jahren!«

Checkpoint 303 hat bereits 2007 als Vorband der britischen Gruppe Massive Attack gespielt. Andere arabische Künstler brechen jetzt zu Europatourneen auf. Spüren Sie ein steigendes Interesse an Künstlern aus Nahost, oder wird die Nachfrage mit Ende der Revolutionen verebben?

Das ist eine positive wie auch negative Entwicklung. Durch den Arabischen Frühling steigt das Medieninteresse an allen Kunstformen der arabischen Welt. Wenn jemand eine Ausstellung in Berlin organisiert, dann sucht er sich fünf Maler aus Tunesien und die Menschen kommen zu seiner Veranstaltung. Das Thema ist cool. Das kann auch eine gefährliche Entwicklung sein, wenn sich die Leute nämlich nicht für deine Kunst, sondern nur für deine Herkunft interessieren. Es zählt nicht, wie gut der Künstler ist. Auch Podiumsdiskussionen, bei denen Künstler auftreten, haben einen kritischen Aspekt: Der Austausch ist zunächst gut und sollte gefördert werden. Gleichzeitig beschreibt aber jeder Anwesende nur seine persönlichen Erfahrungen – ein anderer Künstler aus dem gleichen Land kann eine völlig andere Wahrnehmung haben. Wir dürfen aus Musikern keine Botschafter machen.

Was können wir von der elektronischen Musik des Nahen Ostens in den nächsten Jahren erwarten?

Kunst, die nur Vorhandenes kopiert, hat keine Wirkung. Detroit Techno ist Detroit Techno, genauso wie New Orleans Blues und Minimal Techno aus Berlin einzigartig sind. Für Checkpoint 303 ging es immer darum, eine gewisse Ästhetik mit unseren Songs und Videos zu verfolgen. Ich bringe meine Vorliebe für Breakbeat, Drum‘n'Bass und teils auch Noise in das Kollektiv ein und das kombinieren wir mit Audiosamples und Tonaufnahmen, deren Klang uns zusagt. Nimmt man dann noch meine Oud-Melodien hinzu, dann bewegen wir uns irgendwo zwischen den Genres. Was die anderen Länder betrifft: Ich habe einiges an spannendem HipHop aus dem Senegal gehört. Da entstehen aus Rap, Darbuka und Kora völlig neue Untergenres. Es ist, als wolle man Jazz mit orientalischer Musik kombinieren. Der hundertste Musiker aber, der Ambient-Klänge mit indischer Sitar unterlegt und zwei Frauen im Hintergrund singen lässt, hat damit vielleicht einen Sommer Erfolg – danach ist er vergessen. Für neue Musik ist Authentizität die Bedingung.

Checkpoint 303 wurde 2004 vom Tunesier SC Mocha und dem Palästinenser SC Yosh ins Leben gerufen und hat sich als Kreativkollektiv für elektronische Musik im Nahen Osten einen Namen gemacht. 2012 erschien ihre dritte EP mit dem Titel »Sidi Bouzid Syndrome«.

Weitere Repressionen gegen El Haqed

Rapper El Haqed ist „der Wütende“

Reiner Wandler auf seinem blog C‘est kif-kif, veröffentlicht im Standard

Der junge Marokkaner Mouad Belghouat rappt im Internet heraus was Sache ist. Jetzt soll er mundtot gemacht werden.
„Das Schweigen ist unser Feind“, heißt es im neuesten Song des marokkanischen Rappers El Haqed. Es ist das Lebensmotto des 24-jährigen Mouad Belghouat, dessen Künstlername so viel wie „der Wütende“ oder „der Empörte“ bedeutet. Seit 2004 rappt er mit Freunden in seinem Geburtsort, einem der vielen armen Vierteln in Marokkos Wirtschaftsmetropole Casablanca. Zu landesweiter Berühmtheit gelangte er im Laufe der Protestbewegung 20. Februar, die seit besagtem Tag im Jahr 2011 – inspiriert von der tunesischen Revolution – den arabischen Frühling ins Königreich von Mohamed VI. trägt.

El Haqed rappt gegen die Korruption, gegen die Polizeigewalt und für Freiheit. Genau diese kostete ihn sein Engagement. Zum ersten Mal wurde er im September vergangenen Jahrs verhaftet. „Körperverletzung“ lautete die Anschuldigung. Der schmächtige Belghouat war von einem Königstreuen angegriffen worden und hatte sich verteidigt. Es kam zu einer breiten Solidaritätsbewegung. Im Januar wurde er schließlich zu vier Monaten Haft verurteilt und freigelassen, da die U-Haft die Strafe aufwog.

El Haqed produzierte neue Songs. Am 28. März kam die Polizei zum zweiten Mal. Einer seiner Songs war im Internet mit Bildern aufgetaucht, die Polizisten beim Einsatz zeigt. Im Zusammenhang mit dem Text, der die Polizeigewalt anklagt, sei dies Beamtenbeleidigung, heißt es jetzt. Das ganze hat nur einen Haken – El Haqed hat zwar die Musik gemacht, doch weiß er nicht, wer das Video dazu geschnitten und gepostet hat. Dennoch droht ihm eine lange Haftstrafe.

„Es sind endlich geradlinige Musik und ehrliche Texte gefragt“

In ihren Songs geht es um die Revolution, die Probleme im eigenen Land und Gerechtigkeit – die Band „Ahwa Sada“ (Schwarzer Kaffee) zählt zu den Newcomer-Bands in Ägypten. Im Interview mit Kristin Jankowski sprechen sie über den 25. Januar 2012, die mutige Musikszene und den Glauben an sich selbst.

aus „Transit“, dem blog des Gothe Instituts

http://blog.goethe.de/transit/

Kristin Jankowski: Ende Januar 2012 veröffentlicht ihr euer erstes Album mit dem Titel „ذكريات عال قهوة“. Im selben Monat jährt sich auch der Beginn der ägyptischen Revolution. Sind das zwei Gründe für euch um zu feiern?

Ja, natürlich sind das zunächst einmal Gründe zum Feiern. Aber so richtig was zu feiern wird es erst geben, wenn die Revolution handfeste Erfolge gebracht hat und man sicher sein kann, dass das ganze Blut, das seit Januar 2011 vergossen wurde, nicht umsonst geflossen ist. Wir werden mit unseren Texten und unserer Musik so lange weiter kämpfen, bis die Ziele der Revolution vollständig erreicht sind, und nicht nur teilweise. (mehr…)