Tag-Archiv für 'sudan'

Wir sehen uns…

(streetart aus Kairo)

Ich bin der Engel der Verzweiflung

Mit meinen Händen teile ich den Rausch aus

die Betäubung, das Vergessen, Lust und Qual der Leiber

Meine Rede ist das Schweigen, mein Gesang der Schrei

Im Schatten meiner Flügel wohnt der Schrecken

Meine Hoffnung ist der letzte Atem

Meine Hoffnung ist die erste Schlacht

Ich bin das Messer mit dem der Tote seinen Sarg aufsprengt

Ich bin der sein wird

Mein Flug ist der Aufstand, mein Himmel der Abgrund von morgen

Heiner Müller

Wir machen Schluss. Nach über drei Jahren, über zweihundert selbstrecherchierten, übersetzten, selbstgeschriebenen Artikeln. Nach um die 5000 gespiegelten Artikeln aus linken und mainstream Medien. Leider viel zu häufig aus mainstream Medien, weil es einfach nichts anderes Brauchbares gab.
Häufig waren wir übermüdet und gestresst, manchmal euphorisch, manchmal haben wir geweint. Wir haben um Homs geweint, wir haben um unsere GefährtInnen in Kairo geweint. Wir haben viel zu selten und doch viel zu viel geweint.

Was als allgemeiner Aufbruch begann, der eine ganze Region erschütterte, ist heute…..
Wir sagen nicht, dass wir wissen, was kommt, wir teilen diese Anmaßung nicht.
Mubarak galt als unstürzbar, dann hiess es Assad sitze felsenfest im Sattel, es gebe praktisch keine Oppposition im Lande…
Vielleicht wird die nächste Preiserhöhung in Ägypten das Regime wegfegen, vielleicht wird der neue Pharao Jahrzehnte herrschen.

Wir haben unglaublich viel gelernt – wir sind dankbar dafür. Der linke Kanon ist zu Ende. Viele wollen das nicht sehen, nicht wahrhaben. Die Geschichte der Klassenkämpfe ist fast so alt wie die Menschheit, sie wird andauern, aber entweder wir lassen uns auf das Wagnis ein, uns unbequemen Wahrheiten und Widersprüchen zu stellen oder wir werden wie bockige Kinder am Rande der Geschichte quengeln, da sich die Welt nicht um uns dreht.

Wir sind überrascht, dass immer noch soviele Leute diesen blog nutzen, obwohl die Entwicklung in der Region sowohl in den mainstream Medien als auch in der Linken kaum noch eine Rolle spielt. Das hat uns lange dazu bewogen, den blog weiter zuführen, obwohl wir dadurch zu etwas geworden sind, was wir nie sein wollten: Spezialisten. So haben wir mehrmals den Versuch unternommen, dieses Projekt zu beenden. Dann passierte etwas und wir haben es nicht ausgehalten, nichts dazu zu schreiben.
Jetzt wagen wir den endgültigen Absprung.

Wir danken allen, die uns unterstützt haben. Wir danken unseren GefährtInnen von Kairo bis Soran, dass sie unser Leben so unglaublich bereichert haben. Wir hoffen, ihr vergesst diese Leute auch nicht.

Wir sind weiterhin über unsere Kontaktadresse erreichbar. Der blog bleibt als Archiv bestehen.

Um outro mundo é possível

recherchegruppe aufstand

„Afrikanische Flüchtlinge auf dem Sinai und in Israel“

Marina Klimchuk auf zenith online

Menschenhändler treiben zwischen Sudan und Ägypten ihr einträgliches Unwesen mit afrikanischen Flüchtlingen. Wer die Folterkammern auf dem Sinai überlebt, den erwartet in Israel ein Leben in Hoffnungslosigkeit.

Mit gesenktem Kopf hält Mebrahtom eine geblümte Plastiktüte in der Hand und rupft hektisch ein Stück nach dem anderen ab, wirft es auf den Boden und starrt mit leerem Blick. Sein Englisch ist gebrochen, doch er bemüht sich zu sprechen. Er gestikuliert wild. Dem unstrukturierten Gestammel kann man wenig entnehmen, und doch versteht man fast alles. Es fallen die Schlagworte, die seit längerem mit Sinai in Verbindung gebracht werden: auf der Haut ausgedrückte Zigarettenstummel, Vergewaltigung, Elektroschocks, Eisenketten, an die Menschen mit verbundenen Augen gefesselt und daran aufgehängt werden. Mebrahtom fragt, ob er seine Narben zeigen soll. Ohne eine Antwort abzuwarten, reißt er sein T-Shirt hoch und offenbart die riesigen Brandnarben auf seinem Rücken.

»37.500 Dollar Lösegeld haben meine Eltern in Eritrea gezahlt. Alles, was sie hatten, haben sie verkauft, und dazu noch tausende Dollar Schulden gemacht. Jetzt muss ich die Schulden zurückzahlen«, sagt er. Nachdem er zehn Monate lang in den Folterkammern auf dem Sinai gefangen war, lebt Mebrahtom nun seit zwei Jahren in Israel. Oder besser: Er überlebt. Gearbeitet hat er bisher nicht. Stattdessen denkt er an die Schulden, Tag und Nacht, auf nichts anderes kann er sich konzentrieren. Mebrahtom ist ein klassischer Fall von Posttraumatischer Belastungsstörung.

»Wir versuchen, diese Menschen zu begleiten bei dem, was sie durchmachen. Wir ›schwimmen‹ mit ihnen in diesem unendlichen Ozean, der droht, sie zu ertränken. Aber es gelingt uns nicht immer, und oft nur für wenige Augenblicke«, erzählt Bracha Shapiro, eine Sozialarbeiterin von ASSAF, einer Hilfsorganisation für Flüchtlinge in Tel Aviv.

Alleine von den etwa 60.000 Flüchtlingen in Israel, die überwiegend aus Eritrea und dem Sudan kommen, wurden nach Schätzungen von NGOs wie »Physicians for Human Rights« und »Hotline for Migrant Workers« seit 2009 7.000 Menschen auf der Sinai-Halbinsel von Mitgliedern des Beduinenstammes Rashida gequält und gefoltert. Um höheres Lösegeld zu erpressen, quälen die Folterer ihre Opfer so lange, bis sie ihnen die Telefonnummern ihrer Familien geben. Dann wird angerufen und die Tortur geht am Telefon weiter, so dass Familienmitglieder die Schreie ihrer Angehoerigen miterleben. Frauen werden vergewaltigt, während ihre Männer am anderen Ende der Leitung zuhören muessen. Dies sei die effektivste Methode, die Familien zum Zahlen zu bringen – so die Logik der Beduinen.

Mebrahtom ist diesem System zum Opfer gefallen. Und hat es überlebt. Die Zahl der Toten liegt im Dunkeln: Es sind Flüchtlinge, deren Familien das horrende Lösegeld nicht auftreiben konnten, solche, die von ihren Peinigern zu Tode gequält wurden, von der Wüste verschluckt oder nach ihrer Freilassung von ägyptischen Grenzsoldaten erschossen wurden, beim Versuch, die Grenze zu Israel zu überqueren.

Nur wenige zieht es nach Israel – dennoch ist das Land für viele die Endstation
Einige haben es nach ihrer Freilassung aus dem Sinai nach Israel geschafft, in die »einzige Demokratie im Nahen Osten«. Andere fristen ihr Dasein in ägyptischen Gefängnissen oder wurden zurück in ihre Heimat abgeschoben. 95 Prozent von ihnen sind Eritreer – Männer, Frauen, einige Kinder. Sie alle versuchten, vor der Militärdiktatur des Präsidenten Isaias Afewerki aus Eritrea zu fliehen. Fast immer ging es zunächst nach Äthiopien oder in den Sudan, wo sie in Flüchtlingslagern nahe Khartum oder Kassala untergekommen sind. Von dort aus wollen die meisten nach Europa – nur wenige zieht es nach Israel. Dass Flüchtlinge dort nicht erwünscht sind, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Dennoch ist Israel für viele die unfreiwillige Endstation ihrer Reise.

Die Menschen werden meist direkt aus den Lagern, bisweilen auch aus Grenzgebieten, entführt und weiterverkauft. Es sind dann mehrere dutzend Geiseln, die in einem Lastwagen versammelt in den Sinai abtransportiert werden. Der Rashida-Stamm, ansässig im Grenzgebiet zwischen Sudan und Eritrea sowie in Südägypten, kooperiert dabei mit dem sudanesischen Militär und lokalen Sicherheitskräften. Viele Flüchtlinge verdursten oder ersticken bereits unterwegs. So hat Mebrahtom seinen Freund verloren, mit dem er während der Arbeit gekidnappt worden war. Später wurde er mit etwa fünfzig anderen im Foltercamp untergebracht, einzelne von ihnen hat er in Tel Aviv wiedergetroffen. Gelegentlich fallen sich in den Räumen von ASSAF zwei Eritreer um den Hals und weinen zusammen aus Freude, sich »seit Sinai« zum ersten Mal wiederzusehen.

Wie ist die systematische Gewalt auf dem Sinai zu erklären? Aufgrund der geringen ägyptischen Militärpräsenz auf der Halbinsel, die das Camp-David Abkommen mit Israel seit 1982 vorsieht, hat sich das Gebiet zu einer praktisch gesetzlosen Zone entwickelt, in der Beduinenstämme eigene Machtstrukturen errichtet haben. Hohe Arbeitslosigkeit und die isolierte soziale Lage der Beduinen in der ägyptischen Gesellschaft schufen einen Nährboden, der den Handel mit Waren, Waffen oder Drogen nach Gaza seit Jahrzehnten florieren lässt. Seit einigen Jahren ist auch der Menschenhandel hinzugekommen, der den Profit vervielfacht. Im Durchschnitt werden pro Kopf 30.000 US-Dollar Lösegeld bezahlt.

»Das einzige, was wir tun können: den Schmerz ein wenig lindern«
Erst jetzt, etwa vier Jahre nach Beginn der Verbrechen, beginnt die Weltöffentlichkeit langsam aufzuhorchen. Am 4. Dezember 2013 wurde im Europäischen Parlament in Brüssel ein Bericht mit dem Titel »The Human Trafficking Cycle: Sinai and Beyond«, vorgestellt, eine der wenigen Veröffentlichungen zu dem Thema, voll detaillierter Zeugenaussagen. Dass der Menschenhandel durch erhöhte Aufmerksamkeit unter Kontrolle zu bekommen ist, ist dagegen unwahrscheinlich.

Das wachsende Interesse lässt jedoch auf größere Unterstützung für die freigelassenen Opfer hoffen. »Solch ein Trauma lässt sich nicht heilen«, berichtet Shapiro von ihren Erfahrungen in der Therapiearbeit mit den Opfern vom Sinai. »Das einzige, was wir tun können, ist, den Schmerz ein wenig zu lindern. Aber weil diese Menschen in Israel keine angemessene Betreuung erhalten, verschlechtert sich ihr Zustand noch. Für viele wurde die physische Gefangenschaft nur abgelöst von einer Versklavung durch die Schulden an ihre Familien. Viele leben in Zelten, weil sie jeglichen Besitz verkauft haben, um das Lösegeld zusammenzubekommen.«

Fast könnte man sagen, Mebrahtom habe noch Glück gehabt. Zumindest theoretisch hat er ein Visum und könnte arbeiten, wäre es um seinen Seelenzustand besser bestellt wäre. Zwar steht auf seinem kleinen, zerfetzten Stückchen Papier in hebräischen Buchstaben geschrieben: »Dies ist keine Arbeitserlaubnis«, doch der Oberste Gerichtshof in Israel hat per Gesetz beschlossen und öffentlich erklärt, dass Flüchtlinge wie Mebrahtom trotzdem legal arbeiten dürfen und dafür nicht bestraft werden dürfen. Die Logik dahinter? Abschreckung, damit nicht noch mehr Afrikaner nach Israel kommen. Und gleichzeitig die Unmöglichkeit, Tausenden Arbeit und jegliche Sozialleistungen zu versagen.

Haft, das bedeutet Abgeschiedenheit von jeglicher Zivilisation
Für andere ist die Situation komplizierter als für Mebrahtom: »Mistanenim« – »Eindringlinge«, wie die Flüchtlinge in vielen israelischen Medien ganz offiziell genannt werden –, die nach der Verabschiedung des sogenannten »Anti-Infiltrations-Gesetzes« im Juni 2012 die Grenze zu Israel überquert haben und damit illegal israelisches Territorium betraten, können laut Gesetz bis zu drei Jahre lang inhaftiert werden. Haft: Das bedeutet Abgeschiedenheit von jeglicher Zivilisation in der Wüste, kein Kontakt zur Außenwelt. Betroffen waren von diesem Gesetz auch diejenigen, die als Geiseln auf dem Sinai gehalten wurden. Nur eine Handvoll von ihnen, die Opfer der extremsten Fälle der Folter wurden, durfte nach monatelanger Haft das Gefängnis im Frühling 2013 endlich entlassen.

Als das Anti-Infiltrations-Gesetz im September 2013 vom Obersten Gericht in Israel für ungültig erklärt wurde, sollten etwa 1.750 Menschen aus dem Gefängnis kommen. Doch nur etwa 700 von ihnen sind nun tatsächlich frei. Kobrom war einer der ersten, die im September entlassen wurden. Seitdem lebt er teils bei Freunden, teils im Park. Vor kurzem wurde er im Schlaf ausgeraubt und besitzt nicht einmal mehr ein Handy, mit dem er seine Anwältin anrufen und ihr davon erzählen könnte. Geblieben ist ihm eine Decke für den israelischen Winter. Über die acht Monate, die er auf dem Sinai festgehalten wurde, will er kaum sprechen. Mehr als ein Jahr lang war er nach seiner Freilassung dort im Gefängnis in Israel, so wie es das Anti-Infiltrations-Gesetz vorsieht. Nach den Qualen auf dem Sinai hat er den Gefängnisaufenthalt beinahe als schöne Erinnerung im Gedächtnis. »Die Israelis waren gut zu mir, ich habe Essen und Pflege bekommen.«

Doch die neu gewonnene »Freiheit« der Flüchtlinge geht der israelischen Regierung gegen den Strich: Am 10. Dezember wurde in der Knesset eilig ein neues Gesetz verabschiedet, das die Haft auf ein Jahr verkürzt und danach den Aufenthalt in einem speziellen Lager vorschreibt, in dem die »Eindringlinge« die Nächte verbringen und dreimal täglich abgezählt werden sollen, um deren Anwesenheit zu überprüfen. Dieses Vorgehen soll verhindern, dass sie sich zu weit entfernen oder sogar Arbeit suchen – denn das sei der eigentliche Grund, warum die Menschen nach Israel kommen.

Ebenso wie die bisherige Gefängnisanlage befindet sich das neue Lager »Holot« in den Tiefen der Wüste, nahe der ägyptischen Grenze. Das neue Gesetz ermöglicht es, willkürlich Flüchtlinge aus ganz Israel aufzugreifen und zwangsweise dort unterzubringen. Die räumliche Kapazität des Lagers bietet Platz für etwa 3.000 Menschen. Mitte Dezember sind 150 der Häftlinge ausgebrochen und in den Hungerstreik getreten, um gegen die neuen Regelungen zu protestieren. Der Ausgang ist ungewiss. NGOs und Menschenrechtsaktivisten schreien auf: »Weder das Anti-Infiltrations-Gesetz noch die neuen Regelungen entsprechen Israels rechtlichem Kodex«, sagt Reut Michaeli, eine Anwältin der NGO »Hotline für Migrant Workers«. Ihre Organisation hat gegen das erste Gesetz von 2012 gekämpft und will auch gegen die jüngsten Entwicklungen rechtlich vorgehen. »Wenn Organisationen, deren Rolle es ist, Israels Demokratie zu bewahren, gegen solche Gesetze gerichtlich nicht mehr vorgehen, wird damit ein bedeutender Aspekt im demokratischen Kampf aufgegeben«, erklärte Michaeli im Interview mit dem Blogportal +972mag.

Die wenigsten werden offiziell als Opfer anerkannt
Viele besonders gefährdeten Flüchtlinge und etwa 200 Opfer von Folter und Menschenhandel, die den Sinai überlebt haben, wurden seit der Ungültigkeitserklärung des Anti-Infiltrationsgesetzes tatsächlich freigelassen. Doch die wenigsten von ihnen sind vom Staat auch offiziell als Opfer anerkannt: Viele haben kein Visum und keine Aussicht, ohne Dokumente einen Job zu finden. Ihre Anwälte kämpfen weiter und die Mitarbeiter von ASSAF vertrösten sie auf ein ungewisses »bald«.

Nun tut Kobrom alles, um sein neues Leben in Tel Aviv zu organisieren. »Bitte handelt, ich brauche ein Visum, nur so kann ich einen Job finden und ein Zimmer mieten«, fleht er. Kobrom hat rechtlichen Anspruch auf psychologische Behandlung und eine Bleibe in der vom Staat finanzierten Zufluchtsstätte, die speziell für Opfer von Menschenhandel und Prostitution eingerichtet wurde. Eigentlich. Praktisch ist der Ort heillos überfüllt. Dutzende Männer und Frauen warten monatelang, viele werden niemals in richtige Behandlung kommen. Es ist eine traurige Realität, die viele, vor allem eritreische, Flüchtlinge in Israel erfahren. Seit Kobrom aus dem Gefängnis entlassen wurde, hat er ein einziges Mal mit seiner Familie in Eritrea telefoniert. Als er davon erzählt, lächelt er zum ersten Mal.

Die NGO »ASSAF«, gegründet 2007 in Tel Aviv, bietet Flüchtlingen in enger Zusammenarbeit mit ihren Gemeinden psychologische und humanitäre Unterstuetzung auf individueller Ebene und setzt sich durch Öffentlichkeitsarbeit für Flüchtlingsrechte in Israel ein. In den vergangenen Monaten hat ASSAF die Arbeit mit Folteropfern intensiviert und versucht verstärkt, auf deren Bedürfnisse und Traumata einzugehen. Damit die Projekte verwirklicht werden können, ist ASSAF auf Unterstützung von privaten Spendern angewiesen.

„Syrien: Der tausendjährige Krieg“

Vom Westen unbemerkt, führt die muslimische Welt einen brutalen Kampf – gegen sich selbst: Gewalttätige Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten haben in den vergangenen Jahren Zehntausende Menschenleben gefordert. Jetzt droht, ausgehend von Syrien, eine weitere Eskalation.

Martin Staudinger in Profil

Vielleicht glaubte Ammar al-Dadikhli sogar noch, einen guten Fang gemacht zu haben – aber in Wahrheit war der syrische Rebellenführer im Begriff, sich massive Probleme einzuhandeln, als er im vergangenen Sommer elf Pilger aus dem Libanon zu Geiseln nahm.

Al-Dadikhli kommandiert die „Nördliche Sturmbrigade“: eine Miliz, die in der Provinz Aleppo gegen das Regime von Diktator Bashar al-Assad kämpft. Und er hatte vor, seine unfreiwilligen Gäste als Faustpfand zu benutzen, um die Hisbollah unter Druck zu setzen: jene radikal-islamische Organisation, die Assad vom Libanon aus unterstützt.

Schon dieser Plan erwies sich als reichlich naiv. Denn die Hisbollah dachte gar nicht daran, auf al-Dadikhlis Forderungen einzugehen, sondern kidnappte stattdessen 20 Syrer und zwei Türken. Noch naiver war nur die Annahme des Rebellen, aus der Sache herauszukommen, indem er ankündigte, seine Geiseln freizulassen.

Das brachte ihn erst so richtig in die Bredouille: Die Pilger sind schiitische Muslime. „Wir bekamen Drohungen von sunnitischen Extremisten im Libanon, Irak und in Syrien“, klagte al-Dadikhli kürzlich in einem Interview. Wenn er die Schiiten nicht töte, sei er selbst ein toter Mann.

Unversehens war al-Dadikhli bei seinem glücklosen taktischen Manöver von einem nationalen Aufstand direkt in einen religiösen Weltkrieg hineingeraten: jenen zwischen Sunniten und Schiiten. Der Kampf der beiden verfeindeten islamischen Glaubensrichtungen hat im Nahen Osten, auf der Arabischen Halbinsel, in Zentralasien und sogar im pazifischen Raum in den vergangenen Jahren bis zu 30.000 Todesopfer gefordert – und relativiert damit die Vorstellung, die muslimische Welt sei hauptsächlich damit beschäftigt, einen Feldzug gegen den Westen zu führen.

Es ist ein uralter Konflikt, der im Lauf der Jahrhunderte öfter bereits glücklich in Vergessenheit geraten zu sein schien. Dass er dennoch immer wieder aufflammen kann, liegt nicht nur an der großen Zahl von Glaubensfanatikern in muslimischen Gesellschaften, sondern auch an der Bereitschaft der jeweiligen Machthaber, diese skrupellos zu instrumentalisieren.

Nun droht, ausgehend von Syrien, eine weitere Eskalation: Zuletzt haben sich die Fronten entlang der konfessionellen Bruchlinien merklich verhärtet. Das lässt befürchten, dass die Auseinandersetzung auf benachbarte Länder wie den Libanon und den Irak übergreift, die beide eine ähnliche Vorgeschichte religiös motivierter Gewalt haben – wenn nicht sogar darüber hinaus.

*

Alles begann mit einem Mord: Im Jahr 661 wurde die Frage, wer der legitime Nachfolger des drei Jahrzehnte zuvor verstorbenen Propheten Mohammed sei, mit einem vergifteten Dolch beantwortet. Das Opfer war Ali, der Schwiegersohn des Religionsgründers. Aus seiner Anhängerschaft gingen die Schiiten hervor, die heute rund 15 Prozent der Muslime ausmachen (siehe Kasten links).

Der Antagonismus zu den Sunniten, die immer eindeutig in der Mehrheit waren, ist seitdem nie mehr verschwunden, trat phasenweise allerdings komplett in den Hintergrund. So etwa während der Blütezeit des arabischen Nationalismus, die auf die Entkolonialisierung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts folgte. Das änderte sich mit der iranischen Revolution, die 1979 das dezidiert schiitische Mullah-Regime hervorbrachte. Sein Führer, Ayatollah Ruhollah Khomeini, wandte sich zudem gegen das sunnitische Saudi-Arabien, dessen Königshaus er als „korrupte Diktatur“ geißelte. Damit war der Grundstein für eine Staatsfeindschaft gelegt, in deren Bann die Region bis heute steht – und die auch im Syrien-Konflikt eine wichtige Rolle spielt. Die gegenseitige Abneigung beruht aber auch darauf, dass die offizielle Islam-Interpretation des saudischen Königreichs auf den Gelehrten Muhammad ibn Abd al-Wahhab zurückgeht, der im 18. Jahrhundert postulierte, die Schiiten seien gar keine Muslime, sondern übelste Häretiker.

Das Pech der Schiiten: Sie sind zum einen bei den mächtigen und finanzkräftigen Wahhabiten verhasst, zum anderen auch im Westen miserabel beleumundet. Dort werden sie spätestens seit der Besetzung der US-Botschaft in Teheran durch radikalislamische Studenten im Jahr 1979 gedanklich mit dem iranischen Mullah-Regime gleichgesetzt.

Dabei waren es meistens die Schiiten, denen übel mitgespielt wurde: 1980 ließ der irakische Diktator Saddam Hussein, ein Sunnit, seine Truppen im Iran einmarschieren, um an die dort liegenden Ölfelder heranzukommen. Als er damit gescheitert war, verstärkte er nicht zuletzt aus Angst vor Vergeltungsmaßnahmen die Repression gegen die schiitische Bevölkerungsmehrheit im Irak.

Nach dem zweiten Golfkrieg 1990 erging es ihnen nicht viel besser: Damals wurden sie von den USA erst zum Aufstand ermutigt, dann aber im Stich gelassen und einer Strafexpedition von Saddams Truppen ausgeliefert. Die Bilanz: bis zu 60.000 Todesopfer.

15 Jahre später nahmen die irakischen Schiiten furchtbare Rache dafür. Mit dem Sturz von Saddam durch die US-Invasion ab 2003 endete im Irak auch die Herrschaft der sunnitischen Stämme. Es folgte ein brutaler Bürgerkrieg, der seinen Höhepunkt in den Jahren 2006 und 2007 erreichte. Damals kamen bei interkonfessionellen Auseinandersetzungen mehr als 20.000 Menschen zu Tode und in der Folge die Schiiten an die Regierung. Sie gebieten heute über ein Land, in dem es kaum mehr Wohngebiete gibt, die nicht konfessionell getrennt sind.

*

Es sind Meldungen, die in der westlichen Welt kaum wahrgenommen werden.

5. Oktober, Pakistan: Zwei Teenager sterben in der Stadt Quetta auf offener Straße durch Schüsse, weil sie irrtümlich für Schiiten gehalten werden.

27. September, Saudi-Arabien: Polizisten erschießen bei einer Razzia zwei Schiiten, die unter Verdacht stehen, Anschläge gegen Sicherheitskräfte zu organisieren.

23. September, Jemen: Schiitische Rebellen beschießen im Norden des Landes eine Moschee mit Granaten. Bei den darauf folgenden Kämpfen mit Sunniten kommen zwölf Menschen ums Leben.

10. September, Pakistan: Zwölf Schiiten sterben bei der Explosion einer Autobombe auf einem Markt in Parachinar in der Region Khurram nahe der afghanischen Grenze. In derselben Stadt hat im Februar bereits ein Selbstmordattentäter 23 Schiiten getötet.

9. September, Irak: Eine Bombenserie fordert mehr als 100 Menschenleben. Die Anschläge sind eine Reaktion auf das Todesurteil gegen den ehemaligen Vizepräsidenten Tarek al-Hashemi. Der Sunnit ist schuldig gesprochen worden, antischiitische Todesschwadronen kommandiert zu haben.

29. August, Bahrain: Bei Demonstrationen Tausender Schiiten gegen ihre Diskriminierung durch das sunnitische Königshaus feuert die Polizei in die Menge und tötet einen 17-Jährigen.

26. August, Indonesien: Bei einem Angriff auf 280 Schiiten werden zwei Menschen mit Macheten getötet und 48 Häuser, 33 Moscheen sowie 28 Kuhställe niedergebrannt.

Die Gewalt führt dazu, dass immer mehr Schiiten aus Pakistan, Afghanistan, Saudi-Arabien, Bahrain und auch dem Irak flüchten, nicht nur nach Europa und in die USA: Im Juni ertranken 90 pakistanische Muslime nahe den Weihnachtsinseln im Indischen Ozean. Sie stammten aus Khurram und hatten versucht, auf einem Seelenverkäufer nach Australien überzusetzen.

Die Flüchtlingswelle führt auch dazu, dass sich die Gegensätze zwischen den Muslimen in der Diaspora verschärfen. In den USA etwa hatten Sunniten und Schiiten bis vor zwei Jahrzehnten gemeinsam in Moscheen gebetet – Letztere waren zu wenig zahlreich und sozial zu unterprivilegiert, um sich eigene Gebetshäuser zu leisten. Inzwischen ist das anders. Laut der Studie „The American Mosque 2011“ gibt es in den USA 2100 Moscheen. Sieben Prozent davon sind schiitisch, die meisten wurden seit Anfang der neunziger Jahre errichtet.

„In London gibt es noch sunnitische Moscheen, in denen auch Schiiten willkommen sind“, erzählt Usama Hasan, ein ehemaliger Islamist, der nun für den ersten Antiextremismus-Thinktank Großbritanniens arbeitet (siehe Interview links). „Doch im Prinzip hat jede Strömung ihre eigenen Gebetshäuser. In den meisten islamischen Ländern ist es noch extremer als hier.“

Es scheint sich auch nicht zu ändern. Laut einer Umfrage des US-Meinungsforschungsinstituts PEW betrachten mehr als die Hälfte der Muslime in Ägypten und Marokko Schiiten als Ungläubige. In Jordanien, Tunesien und den Palästinensergebieten vertreten über 40 Prozent der Bevölkerung diese Meinung.

Und in Indonesien propagierte Religionsminister Suryadharma Ali kürzlich ein ganz einfaches Mittel gegen religiöse Übergriffe, nämlich „die Bekehrung von Schiiten zum sunnitischen Islam, dem die meisten Indonesier folgen“.

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Eigentlich sind sie gar nicht das, was strenggläubige Schiiten als ihresgleichen betrachten: Die Alawiten, denen der innerste Kreis des Assad-Regimes angehört, verehren zwar Ali, den ermordeten Schwiegersohn des Propheten Mohammed. Abgesehen davon folgen sie aber ihren eigenen Regeln als Geheimsekte, deren Ursprünge in die präislamische Zeit des zweiten und dritten Jahrhunderts zurückgehen.

Dennoch ist der Machtkampf um Syrien in den vergangenen Monaten immer mehr zum Stellvertreterkrieg zwischen Schiiten und Sunniten ausgeartet. Das hat weniger religiöse Gründe als vielmehr strategische: Es geht um die Vorherrschaft in der Region. Bevor das Assad-Regime ins Wanken geriet, sah sich der Iran unmittelbar vor der Erfüllung eines lang gehegten Traums: einer geschlossenen Einflusssphäre, die vom Libanon mit seiner schiitischen Hisbollah über Syrien und den ebenfalls schiitisch regierten Irak bis an die Grenzen zu Afghanistan reicht.

Fällt der Diktator von Damaskus, ist es damit vorbei.

Saudi-Arabien wiederum hat genau daran höchstes Interesse – und unterstützt deshalb gemeinsam mit dem ebenfalls sunnitischen Katar die syrischen Rebellen. Auch Ägypten, von der Muslimbruderschaft regiert, hat sich auf die Seite der Aufständischen geschlagen und Position gegen den Iran bezogen. Ähnlich die Türkei, deren Sympathien ebenfalls nicht bei den Schiiten liegen.

Die Vermischung von regionaler Realpolitik mit religiöser Radikalität birgt ein hohes Risiko. James Jeffrey, ehemaliger US-Botschafter im Irak, sieht in einem Beitrag für die „Washington Post“ die Gefahr, dass es „Syrien, dann den Irak und schließlich die ganze Region entlang konfessioneller Linien auseinanderreißt“ und ein grenzübergreifender Religionskrieg ausbricht, gegen den weder diplomatische noch militärische Mittel der internationalen Gemeinschaft helfen. Die unlängst geäußerte Drohung des türkischen Premiers Recep Tayyip Erdogan, sein Land werde bei einem „Bruderkrieg im Irak sicher nicht tatenlos zusehen“, scheint diese Befürchtung zu bestätigen.

Inzwischen beschleicht auch Scheich Hamad bin Khalifa Al Thani, als Emir von Katar verantwortlich für umfangreiche Hilfslieferungen an die syrischen Aufständischen, ein ungutes Gefühl: „Einen sunnitisch-schiitischen Krieg kann niemand gewinnen. Das Feuer wird überall brennen. Und das sollten wir um jeden Preis verhindern.“

Für den Rebellenkommandanten Ammar al-Dadikhli im Norden Syriens kommt diese Warnung allerdings zu spät. Er hat es noch immer nicht gewagt, seine Pilger freizulassen – und ist damit zum sunnitischen Gefangenen seiner schiitischen Geiseln geworden.

Übersicht über die Revolten des „Arabischen Frühlings“

gefunden auf Trend Onlinezeitung am 20.07.2011 :

Chronologie der wichtigsten Ereignisse – Januar bis Juli 2011 (Stand: 17. Juli 2011)
von Bernard Schmid

Vorbemerkung 1
In der folgenden Darstellung wird es, in einer geographischen Bewegung von West nach Ost, nacheinander um MarokkoMauretanienAlgerien (- Tunesien)LibyenÄgypten – den SudanJordanien – den LibanonSyrien – den ’IraqSaudi-Arabien – die Golfmonarchien – den Jemen gehen. Nicht unmittelbar auftauchen werden in dieser Aufstellung die (durch Marokko okkupierte und annektierte) Westsahara und die besetzten palästinensischen Gebiete. Nicht, weil dort nichts Nennenswertes passieren würde, sondern weil in der marokkanisch beherrschten Westsahara und im besetzten Palästina die Konflikte um die anhaltende Besatzung derzeit die innergesellschaftlichen Aspekte (Protest gegen politische Unterdrückung, soziale Ungleichverteilung) überlagern. Diese Besatzungskonflikte verdienen eine eigenständige Darstellung und werden an anderer Stelle ausführlich behandelt.

Vorbemerkung 2
In der folgenden Darstellung wurde für arabische Eigenname jene Schreibweise gewählt, die der Aussprache im Original am nächsten kommt (und oftmals im englischen Sprachraum benutzt wird, während im deutschen Sprachraum eine falschere „eingedeutschte“ Schreibweise vorherrschend ist). Das arabische Alphabet weist Laute auf, die es im deutschen Alphabet so nicht gibt. Sie können jedoch durch bestimmte Buchstaben oder Buchstabenkombinationen signalisiert werden. So deutet der Buchstabe „q“ einen Laut an, der ungefähr einem tief hinten in der Kehle ausgesprochenen „k“ entspricht. Es ist besser, ihn nicht mit dem einfachen „k“ – das dem entsprechenden Laut in den europäischen Sprachen vergleichbar ist – zu verwechseln: qalbi bedeutet so viel wie „mein Herz“, kalbi jedoch „mein Hund“. Wer Wert darauf legt, unbedingt richtig Ärger zu bekommen (auch eine Erfahrung!), darf ruhig beide miteinander verwechseln. Alle anderen achten lieber ein bisschen auf die Aussprache…Dieser Buchstabe findet sich etwa im Landesnamen des – eingedeutscht „Irak“ geschriebenen – Staates, der im englischsprachigen Raum korrekterweise Iraq transkribiert wird, in Al-Qaida oder in Qatar. Der vor einem Buchstaben stehende Apostroph signalisiert einen Vokal, der hinten in der Kehle ausgesprochen wird, wie in ’Iraq, ’Arafat oder auch in Ben ’Ali. Die Buchstabenkombination „gh“ steht ungefähr für ein stimmlos ausgesprochenes „r“ (wie in „Paris“). In der eingedeutschten Schreibweise wird es oft fälschlich durch ein „g“ ausgetauscht. Dieser Buchstabe findet sich beispielsweise in Baghdad, Ghaza oder in Ghezali. Die Buchstabenkombination „dh“ steht für einen dunklen, ungefähr einem dumpfen englischen „th“ ähnelnden Laut, wie etwa in El-Nahdha („Wiedergeburt“, Name mehrerer islamistischer Parteien)

Demnächst erscheint von Bernard Schmid ein Buch über die arabischen Revolten.

Übersicht über die Revolten des „Arabischen Frühlings“

gefunden auf Trend Onlinezeitung am 20.07.2011 :

Chronologie der wichtigsten Ereignisse – Januar bis Juli 2011 (Stand: 17. Juli 2011)
von Bernard Schmid

SUDAN

Die Republik Sudan, mit 1,67 Millionen Quadratkilometern eines der flächenmäßig größten arabischsprachigen Länder, war von den Revolten des „Arabischen Frühlings“ nur in geringem Ausmaß betroffen. Am 30. Januar 2011 fanden allerdings in der Hauptstadt Khartum Zusammenstöße zwischen Studierenden der Universität von Omdurman – in der Nähe von Khartum – und zahlreichen Polizisten von Anti-Aufstands-Einheiten zusammen. Rund 1.000 Studierende demonstrierten unter Rufen wie „Wir wollen Veränderung“, „Nieder mit den hohen Preisen“ und „Revolution gegen die Diktatur!“ Ihr Protest, zu dem zuvor über Facebook aufgerufen worden war, stand sichtlich unter Einfluss der Ereignisse im nördlichen Nachbarstaat Ägypten. Sie wurden jedoch auseinander gejagt, und es kam zu rund 40 Festnahmen. (mehr…)