Tag-Archiv für 'syrien'

Wir sehen uns…

(streetart aus Kairo)

Ich bin der Engel der Verzweiflung

Mit meinen Händen teile ich den Rausch aus

die Betäubung, das Vergessen, Lust und Qual der Leiber

Meine Rede ist das Schweigen, mein Gesang der Schrei

Im Schatten meiner Flügel wohnt der Schrecken

Meine Hoffnung ist der letzte Atem

Meine Hoffnung ist die erste Schlacht

Ich bin das Messer mit dem der Tote seinen Sarg aufsprengt

Ich bin der sein wird

Mein Flug ist der Aufstand, mein Himmel der Abgrund von morgen

Heiner Müller

Wir machen Schluss. Nach über drei Jahren, über zweihundert selbstrecherchierten, übersetzten, selbstgeschriebenen Artikeln. Nach um die 5000 gespiegelten Artikeln aus linken und mainstream Medien. Leider viel zu häufig aus mainstream Medien, weil es einfach nichts anderes Brauchbares gab.
Häufig waren wir übermüdet und gestresst, manchmal euphorisch, manchmal haben wir geweint. Wir haben um Homs geweint, wir haben um unsere GefährtInnen in Kairo geweint. Wir haben viel zu selten und doch viel zu viel geweint.

Was als allgemeiner Aufbruch begann, der eine ganze Region erschütterte, ist heute…..
Wir sagen nicht, dass wir wissen, was kommt, wir teilen diese Anmaßung nicht.
Mubarak galt als unstürzbar, dann hiess es Assad sitze felsenfest im Sattel, es gebe praktisch keine Oppposition im Lande…
Vielleicht wird die nächste Preiserhöhung in Ägypten das Regime wegfegen, vielleicht wird der neue Pharao Jahrzehnte herrschen.

Wir haben unglaublich viel gelernt – wir sind dankbar dafür. Der linke Kanon ist zu Ende. Viele wollen das nicht sehen, nicht wahrhaben. Die Geschichte der Klassenkämpfe ist fast so alt wie die Menschheit, sie wird andauern, aber entweder wir lassen uns auf das Wagnis ein, uns unbequemen Wahrheiten und Widersprüchen zu stellen oder wir werden wie bockige Kinder am Rande der Geschichte quengeln, da sich die Welt nicht um uns dreht.

Wir sind überrascht, dass immer noch soviele Leute diesen blog nutzen, obwohl die Entwicklung in der Region sowohl in den mainstream Medien als auch in der Linken kaum noch eine Rolle spielt. Das hat uns lange dazu bewogen, den blog weiter zuführen, obwohl wir dadurch zu etwas geworden sind, was wir nie sein wollten: Spezialisten. So haben wir mehrmals den Versuch unternommen, dieses Projekt zu beenden. Dann passierte etwas und wir haben es nicht ausgehalten, nichts dazu zu schreiben.
Jetzt wagen wir den endgültigen Absprung.

Wir danken allen, die uns unterstützt haben. Wir danken unseren GefährtInnen von Kairo bis Soran, dass sie unser Leben so unglaublich bereichert haben. Wir hoffen, ihr vergesst diese Leute auch nicht.

Wir sind weiterhin über unsere Kontaktadresse erreichbar. Der blog bleibt als Archiv bestehen.

Um outro mundo é possível

recherchegruppe aufstand

Syrien: „Opposition setzt Übergangsregierung ab“

Die oppositionelle Nationale Syrische Koalition (NSC) hat die ihr unterstellte syrische Interimsregierung abgesetzt. Die Kämpfe in Damaskus dauern derweil an, und die Situation der Flüchtlinge verschlimmert sich immer weiter. Allein in der Türkei haben bislang eine Million Menschen Zuflucht gesucht.

Deutschlandfunk

Die Generalversammlung der oppositionellen Nationalen Syrischen Koalition (NSC) hat dem Kabinett von Interimsregierungschef Ahmed Tome das Vertrauen entzogen. Das teilte die Koalition am Dienstag in Istanbul mit. Hintergrund sind Streitigkeiten zwischen dem von Saudi-Arabien und dem von Katar unterstützen Flügel innerhalb des Bündnisses. Die Nationale Syrische Koalition ist einer der größten Zusammenschlüsse syrischer Oppositioneller. Sie sitzt in Istanbul und wird vom Westen anerkannt. Der neue NSC-Vorsitzende Hadi al-Bahra und auch sein Vorgänger Ahmed al-Dscharba gelten als Gefolgsleute Saudi- Arabiens, während Tome dem von Katar unterstützten Flügel zugerechnet wird.

In Syrien wird weiter gekämpft

Unterdessen gehen die Kämpfe in Syrien weiter. Nach Informationen der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London wurden bei heftigen Kämpfen im Osten der syrischen Hauptstadt Damaskus am Dienstag 18 Menschen verletzt. Das Stadtviertel Dschobar soll laut Informanten im Land besonders stark betroffen sein. Die syrische Luftwaffe griff dort offenbar Rebellenstellungen an, die Aufständischen feuerten Granaten.

Steigende Flüchtlingszahlen

Die Situation der syrischen Bevölkerung wird immer schlimmer. Bereits am Montag legte die Welthungerhilfe einen Bericht zur Lage der Flüchtlinge in Syrien vor. Demnach leben allein in der Türkei inzwischen über eine Million syrische Flüchtlinge, von denen mehr als 250.000 in Zeltlagern untergebracht sind. Es sei damit zur rechnen, dass die Zahl noch deutlich steigen wird, da kein Ende des Krieges absehbar sei, sagte der Landeskoordinator Syrien und Türkei der Deutschen Welthungerhilfe, Ton van Zutphen. Laut dem Bericht sind in Syrien selbst mehr als zehn Millionen Menschen auf Hilfe angewiesen. Etwa 4,5 Millionen lebten aber in Gebieten, die wegen der Gefechte für Hilfsorganisationen unzugänglich seien. Die Arbeit der Helfer werde dadurch erschwert, dass sich unterschiedliche bewaffnete Gruppen bekämpften.

Malaysia Airlines fliegt über Syrien

Trotz der anhaltenden Kämpfe in Syrien hatte eine Passagiermaschine der Malaysia Airlines das Krisengebiet am Sonntag überflogen. Die Route des Flugs MH4 von London nach Kuala Lumpur wurde nach dem Absturz des Flugs MH17 über der Ukraine geändert worden. Da der Luftraum über der Ukraine gesperrt war, wurde der Flug über Syrien umgeleitet, teilte die Airline am Montagabend mit. Die alternative Flugroute sei von der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) genehmigt und der syrische Luftraum auch nicht gesperrt gewesen.

„Kämpfe um syrisches Gasfeld: 60 Soldaten getötet“

Der Standard

Die syrische Regierungsarmee hat bei ihrer Großoffensive zur Rückeroberung eines Gasfelds in der westlichen Provinz Homs Berichten zufolge heftige Verluste erlitten. Die für ihre guten Kontakte zur Staatsspitze bekannte Zeitung „Al-Watan“ berichtete am Sonntag unter Berufung auf Militärkreise, dass 60 Soldaten getötet worden seien.

Die Gefechte dauerten auch am dritten Tag der Offensive an: Die Kämpfe um das Gasfeld Shaar seien nach wie vor im Gange, sagte ein Sicherheitsvertreter. Gleiches berichtete die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte.

Bei der Eroberung des Gasfelds sollen Jihadisten der Gruppe Islamischer Staat (IS) nach Darstellung der Beobachtungsstelle 270 Menschen getötet haben. Demnach handelt es sich bei den Opfern überwiegend um regierungstreue Milizen und zivile Sicherheitskräfte, aber auch um Mitarbeiter der Gasförderanlagen. Die Angaben der im britischen Coventry ansässigen Beobachtungsstelle stützen sich auf ein dichtes Netzwerk syrischer Informanten, sind angesichts der Sicherheitslage von unabhängiger Stelle jedoch kaum überprüfbar.

Nach Einschätzung der Aktivisten handelt es sich bei der Eroberung des Gasfelds um den „größten Anti-Regime-Einsatz“ der IS-Extremisten, seit diese im vergangenen Jahr in den syrischen Bürgerkrieg eingriffen. Die Dschihadisten hatten zuvor bereits die ölreiche Provinz Deir al-Zor zwischen Homs und der Grenze zum Irak unter ihre Kontrolle gebracht. Die syrische Armee startete nach dem Verlust des Gasfelds einen Gegenangriff mit Unterstützung von Kampfflugzeugen, durch den laut der Beobachtungsstelle weite Teile des Gebiets zurückerobert werden konnten.

Die IS-Bewegung hatte nach der Eroberung großer Gebiete im Irak und in Syrien im vergangenen Monat ein „Kalifat“ ausgerufen. Zeugen und Aktivisten berichteten seither von grausamen Verbrechen, mit denen die Islamisten Angst und Schrecken verbreiten.

Demo im Süden von Damaskus gegen IS

„Dschihadisten töten 270 Menschen in Syrien“

Bei der Eroberung eines Gasfelds in Syrien haben Islamisten laut Menschenrechtsaktivisten Hunderte Menschen exekutiert. In Internetvideos posierten die Extremisten vor den Leichen.

FAZ

Bei der Eroberung eines Gasfelds in der westsyrischen Provinz Homs haben Kämpfer der Dschihadistengruppe Islamischer Staat (IS) nach jüngsten Angaben von Menschenrechtsaktivisten etwa 270 Menschen getötet. Die Opfer seien „im Gefecht getötet oder hingerichtet“ worden, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Freitag mit. Ihr Leiter Rami Abdel Rahman hatte den IS-Extremisten bereits zuvor Kriegsverbrechen vorgeworfen.

„Die große Mehrheit der Menschen wurde erschossen, nachdem sie bei der Einnahme des Felds gefangen genommen worden waren“, erklärte de Beobachtungsstelle. Sie hatte die Zahl der Toten nach dem am Donnerstag erfolgten Angriff auf das Schaar-Gasfeld zuvor mit 115 angegeben. Demnach handelte es sich bei den Opfern überwiegend um regierungstreue Milizionäre und zivile Sicherheitskräfte, aber auch um Mitarbeiter der Gasförderanlagen.

Anschließend brachen wieder schwere Kämpfe aus. Spezialkräfte der Armee hätten Teile des Geländes im Osten der Stadt Homs wieder eingenommen, berichtete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Samstag. Dabei seien mindestens 51 Soldaten und 40 Dschihadisten getötet worden. Aktivisten berichteten, die Armee habe die Extremisten auch aus der Luft angegriffen.

Videos zeigen dutzende Leichen

Nach Einschätzung der Aktivisten handelt es sich bei der Eroberung des Gasfelds um den „größten Anti-Regime-Einsatz“ der Isis-Extremisten, seit diese im vergangenen Jahr in den syrischen Bürgerkrieg eingriffen. Die in Großbritannien ansässige Beobachtungsstelle stützt sich auf ein dichtes Netzwerk an Ärzten und Aktivisten in Syrien. Ihre Angaben können kaum unabhängig überprüft werden.

In Videos, die offenbar von den Extremisten aufgenommen und im Onlineportal YouTube eingestellt wurden, waren dutzende Leichen zu sehen. Viele von ihnen waren verstümmelt. Ein Video zeigte einen Islamisten, der vor Leichen posierte und überwiegend auf Deutsch durchmischt mit arabischen Ausdrücken redete. Syrische Regierungsanhänger veröffentlichten Fotos von Opfern und sprachen von einem „Massaker“.

„Die Beobachtungsstelle verurteilt Massenexekutionen als Kriegsverbrechen“, teilte Rahman mit. Dabei spiele es keine Rolle, welche Seite sie verübe und ob die Opfer Zivilisten oder Kämpfer seien: „Es sind Kriegsgefangene, sie dürfen nicht hingerichtet werden.“ Am Donnerstag hatte auch der Gouverneur der Provinz Homs den Angriff auf das Gasfeld bestätigt. Die IS-Extremisten hatten zuvor bereits die ölreiche Provinz Deir Essor zwischen Homs und der Grenze zum Irak unter ihre Kontrolle gebracht. Die radikalislamische IS-Bewegung hatte nach der Eroberung großer Gebiete im Irak und in Syrien im vergangenen Monat ein „Kalifat“ ausgerufen. Zeugen und Aktivisten berichteten seither von grausamen Verbrechen bis hin zu Kreuzigungen, mit denen die Islamisten Angst und Schrecken verbreiten.

„Das ist keine Flüchtlingswelle, das ist ein regelrechter Exodus“

Das Chaos in Milano Stazione Centrale – dem Hauptbahnhof Mailands – ist schon unter normalen Umständen gewaltig. Tausende von Menschen hetzen zu den Zügen, andere warten ungeduldig vor den Anzeigetafeln. Durch die hohen Hallen dröhnen ständig unverständliche Lautsprecherdurchsagen.

Tages Anzeiger (ch)

Doch in diesen Monaten ist das Chaos noch grösser als gewöhnlich. Auf den Abgängen in der Haupthalle hat die Stadt Mailand einen provisorischen Empfang für Flüchtlinge eingerichtet. «Emergenza Siria» – Notfall Syrien – steht auf weissen Blättern, die notdürftig an die Wand geklebt sind. Freiwillige kümmern sich um die Neuankömmlinge: Auf einer Seite werden die Flüchtlinge registriert, um sie am Abend mithilfe des Zivilschutzes auf die Durchgangszentren zu verteilen, auf der anderen Seite werden Speisen und Getränke abgegeben. Ein Wickeltisch steht neben einer Kiste mit Hygieneartikeln. Kleinkinder werden medizinisch betreut. Helfer geben auch Chips für den Gang zur Toilette ab. Jeder WC-Besuch kostet die Stadt einen Euro. «Da kommt etwas zusammen», sagt ein Helfer der Stiftung Progetto Arca.

Schlafen zwischen Abfall und Gepäck

Allein am Tag des Besuchs in Mailand sind 300 neue Flüchtlinge angekommen – sie erreichen die lombardische Hauptstadt mit Zügen aus Reggio Calabria, Lecce oder Rom, manche auch mit Fernbussen. Die Gemeinschaft der Syrer nimmt ein ganzes Zwischengeschoss im Bahnhof ein. Männer und verschleierte Frauen sitzen auf den Bänken oder auf dem Boden, einige schlafen zwischen Abfall und Gepäck. Dazwischen spielen Kinder. Freiwillige mit roten Westen der Kinderhilfsorganisation Save the Children haben eine Spielecke eingerichtet. Die Zeichnungen lassen keine Zweifel zu, was diese Kinder beschäftigt: Panzer und Feuerwaffen.

Es lässt sich kaum erfassen, was diese Menschen hinter sich haben, auch wenn sie bereitwillig und mit der Hilfe von Übersetzern ihre Geschichten erzählen. «Wir haben Syrien verlassen, weil unsere Stadt zerstört wurde», erzählt ein Mann aus Aleppo. Er ist mit seiner Familie über Ägypten nach Libyen geflohen, von dort ging es auf einem Schiff weiter übers Mittelmeer in Richtung Italien, bis sie von der Küstenwache aufgegriffen wurden. Die Überfahrt kostete 2600 Dollar: der Preis für zwei Erwachsene und zwei Kinder. Das Wichtigste für die Familie war, Europa zu erreichen. Sie wollen nach Schweden, wie die meisten ihrer Landsleute, um ein neues Leben zu beginnen. Von Rückkehr ist keine Rede.

Ein älterer Mann in gelbem Hemd zeigt auf seinem Handy ein Foto: «Das ist mein 30-jähriger Sohn. Er wurde beim Bombenangriff auf unser Camp getötet.» Der Mann zeigt seinen Pass: Er ist Palästinenser und lebt seit 1948 im Flüchtlingslager Jarmuk südlich von Damaskus. Bis zum Bürgerkrieg sei es immer gut gegangen. Jetzt will er nach Deutschland, wo ein weiterer Sohn lebt.

Möglichst keine Fingerabdrücke

Ein 23-jähriger Syrer erzählt, dass er in Neapel von der Polizei geschlagen worden sei. Man habe auch seine Fingerabdrücke genommen. Das ist nun seine Hauptsorge. «Wie kann der Eintrag wieder gelöscht werden?», fragt er. Denn er weiss, dass er nach Italien zurückgeschafft werden kann, wenn er dort erstmals erfasst wurde. Er gehört zu den wenigen Flüchtlingen, die ihr Glück in der Schweiz versuchen wollen. Im Bahnhof erzählt man sich Geschichten von Familien, die an der Schweizer Grenze zurückgewiesen worden seien.

Die überwiegende Mehrheit der syrischen Kriegsflüchtlinge wird von den italienischen Behörden polizeilich gar nicht registriert. Sie gelten als «tempo­rär anwesende Personen». Von den 14′500 Flüchtlingen, die seit Oktober 2013 in Mailand haltgemacht haben, haben laut der Stadt Mailand nur 13 einen Asylantrag in Italien gestellt. Nicht einmal ein Promille.

Politischer Streit

Für Mailand ist die Situation kaum noch kontrollierbar. Als Transitstation steht es vor gewaltigen logistischen Problemen. Zudem gibt es politischen Streit. Die Rechte ist der Meinung, dass Mailand dank seiner grosszügigen Hilfspolitik zu einem Anziehungspunkt für Flüchtlinge geworden sei. Die Stadtregierung unter dem linksdemokratischen Stadtpräsidenten Giuliano Pisapia sieht sich in der Pflicht, humanitäre Hilfe für die Flüchtlinge zu leisten. Die Stimmung ist aufgeladen. Eben hat der Stadtrat für Soziales, Pierfrancesco Majorino, im Stadthaus Palazzo Marino, gleich gegenüber des altehrwürdigen Opernhauses La Scala, der Sozialkommission die neuesten Zahlen des Flüchtlingsstroms präsentiert. Von den 14′500 Flüchtlingen, die seit Oktober im Durchschnitt für fünf Tage in Mailand Station machten, kamen 10′500 allein in den letzten beiden Monaten. 3836 waren Kinder.

Zuletzt sind vermehrt auch Eritreer in der lombardischen Hauptstadt gelandet. Mailand fühlt sich von anderen Institutionen im Stich gelassen. «Wir brauchen einen Krisenstab Tavolo Milano», fordert Majorino mit Blick auf die von der Lega Nord regierte Region Lombardei, die sich bisher nicht in der Flüchtlingsbetreuung engagiert hat.

Ein gewaltiges Engagement leisten hingegen zahlreiche Hilfswerke, NGOs und Freiwillige. Das zeigt sich auch beim Besuch in einem von insgesamt 10 Zentren für durchreisende Flüchtlinge. Unweit der Metro-Station Uruguay hat die zur Caritas gehörende Kooperative Farsi Prossimo ein Durchgangsheim mit 99 Plätzen im Seitenflügel eines Klosters katholischer Ordensfrauen eröffnet. Die Hilfswerke erhalten für die Betreuung pro Flüchtling und Nacht 30 Euro vom italienischen Staat.

Es kommen auch Doktoren

Rubina empfängt uns am Eingang des Zentrums. «Hier finden nur Familien Unterschlupf, keine Alleinreisenden. Die meisten sind gut situiert, sogar Doktoren, denn nur solche können sich die Flucht überhaupt leisten.» Die junge Italienerin hat Arabisch studiert – Sprachkenntnisse, die in dieser Situation gefragt sind. «Im Moment ist alles ein wenig komplizierter, weil wir im Fastenmonat Ramadan sind», sagt sie.

Vor ihrer Tür warten schon ungeduldig einige Syrerinnen, weil heute Kleiderausgabe vorgesehen ist. Durch die hohen Gänge rennen Kinder. Eine junge Frau und Mutter von zwei Kindern erzählt, warum sie mit ihrer Familie aus Aleppo geflohen ist: «Ich hatte Angst, vergewaltigt zu werden.» Nun will auch sie ihr Glück in Nordeuropa versuchen.

Die Mitarbeitenden der Hilfswerke engagieren sich, aber sie wissen, dass ihre Arbeit nur ein Tropfen auf den heis­sen Stein ist. Annamaria Lodi, Präsidentin von Farsi Prossimo, glaubt jedenfalls, dass der Strom an Schutz suchenden Personen anhalten wird: «Das ist keine Flüchtlingswelle, das ist ein regelrechter Exodus.»

„Krieg in Syrien: Die Entscheidungsschlacht der Kurden?“

Nach der Großoffensive im Irak wendet sich der »Islamische Staat« (IS) wieder gen Syrien. Hilfe für Einwohner und Zivilisten in den kurdischen Enklaven ist nicht in Sicht. Wie lange kann Kobani den hochgerüsteten Dschihadisten standhalten?

Benjamin Hiller auf zenith online

Die schlimmsten Befürchtungen der syrischen Kurden haben sich bewahrheitet: Der »Islamische Staat« (IS, vormals ISIS) attackiert seit dem 6. Juli die kurdische Enklave Kobani, arabisch Ayn al-Arab, mit allen verfügbaren Kräften.

Nachdem IS im Irak große Gebietsgewinne verzeichnen konnte, wurden moderne Waffensysteme, die die irakische Armee auf ihrer Flucht aus Mossul zurückgelassen hatte, in Richtung Syrien transportiert. Schnell wurde klar, welche Region die Islamisten in den Blick nahmen. In Kobani übten die Kurden 2012 ihren ersten Aufstand – sowohl gegen das syrische Regime wie auch die arabische Opposition. Es ist die Wiege des kurdischen »dritten Weges«. Neben dieser symbolischen Funktion sind aus strategischer Sicht der Grenzübergang zur Türkei wie auch die Landwirtschaft und der Zugang zu Trinkwasser in der fruchtbaren Region wichtige Faktoren.

Ab den Abendstunden des 6. Juli griff IS daher auf breiter Front die Verteidigungslinien der kurdischen Miliz YPG an. Dabei setzen die Islamisten auch die erbeuteten schweren Waffen wie moderne Panzer, schwere Artillerie, Nachtsichtgeräte und gepanzerte Humvees ein. Die YPG konnte den Angriff immer wieder zurückschlagen – unter steigenden Verlusten. In wenigen Tagen kamen nach offiziellen Angaben über 60 kurdische Kämpfer ums Leben – eine Verlustrate, welche bis dato bei den kampferfahrenen Kurden undenkbar war. Die Kämpfe sind seitdem immer wieder aufgeflammt und IS konnte mehrere Dörfer erobern. Der Bewegungsraum der Kurden wird somit Stück für Stück eingeengt – denn die Islamisten haben die Kurden von allen Seiten umzingelt – nur der Grenzübergang zur Türkei ist in kurdischer Hand.

Neben den militärischen Verlusten ist die humanitäre Situation katastrophal. In der Stadt Kobani selber leben neben den 200.000 ursprünglichen Einwohnern auch weitere 200.000 arabische, christliche und kurdische Flüchtlinge aus allen Landesteilen. Das Krankenhaus ist mit der täglichen Flut an Verwundeten – überwiegend Zivilisten, die durch den feindlichen Granatbeschuss verletzt wurden – überfordert. Die Versorgungslage mit frischen Nahrungsmitteln wird zunehmend schwieriger – auch da die Türkei die Grenze nur unregelmäßig und für kurze Zeit öffnet.

Noch einen Rückschlag haben die Kurden durch die internationale Gemeinschaft hinnehmen müssen: Der UN-Sicherheitsrat hat am 14. Juli beschlossen, unabhängig von einem Zugeständnis der syrischen Regierung, Flüchtlinge in Syrien mit Hilfsgütern zu versorgen. Jedoch liegen alle Grenzübergänge, die dafür ausgewählt wurden, in nicht-kurdischen Gebieten – der Grenzübergang Kobani steht nicht auf der Liste.

Das gefährdet auch die aktuellen Verhandlungen zwischen der türkischen Regierung und der PKK: Kurdische Anwohner aus dem türkischen Grenzgebiet haben in den vergangenen Nächten angefangen, die Grenzanlagen zwischen der Türkei und Syrien einzureißen. Hunderte von Freiwilligen sind bereits in Richtung Kobani aufgebrochen, um die YPG zu unterstützen. Bisher haben sich die türkische Polizei und das Militär zurückgehalten – die Frage bleibt, für wie lange.

Die kommenden Tage werden zeigen, wie sich die Situation weiter entwickeln wird und ob sich die Kurden ohne internationale Hilfe weiterhin gegenüber IS behaupten können. Zur Zeit bereiten die Islamisten einen weiteren Großangriff vor – diesmal auf die Stadt Serekanye (Ras al-Ayn), um die kurdischen Kräfte in einem größeren Gebiet zu binden. Ob die YPG, waffentechnisch weit unterlegen, auf die Dauer solche großen Angriffswellen zurückschlagen kann, ist fraglich. Und die kurdischen Bewohner wissen aus Erfahrung, was ihnen im schlimmsten Fall droht: Vertreibung und Hinrichtung wegen Zusammenarbeit mit der YPG und des tödlichen Vorwurfs der Apostasie.

„Syrische Opposition wirft Regierung Einsatz von Chlorgas vor“

Der Standard

Syriens Opposition hat Regierungstruppen vorgeworfen, bei einem Angriff Bomben mit Chlorgas eingesetzt zu haben. Dabei hätten in dem Ort Kafr Zita nördlich der Stadt Hama mehr als 50 Menschen Atemwegserkrankungen erlitten, teilte die Generalkommission für die Syrische Revolution am späten Donnerstagabend mit. Das Chlorgas sei mit Fassbomben abgeworfen worden.

Die oppositionelle Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte konnte die Angaben nicht bestätigen. „Wir haben bisher keine Informationen erhalten, dass in Kafr Zita Chlorgas eingesetzt wurde“, sagte der Leiter der Einrichtung, Rami Abdel Rahman, der Nachrichtenagentur dpa. Ein im Internet verbreitetes Video zeigt, wie Menschen in einem Krankenhaus mit Sauerstoffmasken behandelt werden, unter ihnen auch Kinder.

Syrien hatte im vergangenen Jahr der Vernichtung seiner Chemiewaffen zugestimmt. Derzeit werden die Kampfstoffe außerhalb des Landes zerstört. Oppositionsaktivisten hatten dem Regime von Präsident Bashar al-Assad bereits Anfang Mai vorgeworfen, Kafr Zita mit Chlorgas bombardiert zu haben.

„Zweckbündnisse mit ISIL“

In Jordanien treffen sich sunnitische Stämme aus dem Irak, Milizenführer und ehemalige Baathisten, um den Widerstand gegen Premierminister Maliki und eine „Revolutionäre Nationale Irakische Armee“ auszurufen

Thomas Pany auf telepolis, dort mit den Verlinkungen im Artikel

Die lange Geschichte der oft fragilen Zweckbündnisse im Nahen Osten setzt sich fort. In der jordanischen Hauptstadt Amman trafen sich am Mittwoch – nach Angaben der vom saudischen Königshaus finanzierten Zeitung Asharq Al-Awsat – 250 Personen im Namen einer „Revolution gegen den irakischen Ministerpräsidenten al-Maliki“: Stammesvertreter, Milizenführer und führende Mitglieder der Baathpartei unter Saddam Hussein.

Einigkeit herrschte unter den diversen Gruppierungen im gemeinsamen Ziel der Gegnerschaft zu al-Maliki „und seinen iranischen Unterstützern“; Auswahlkriterium für die eingeladenen sunnitischen Stämme war, dass sie nicht im politischen Prozess der Zeit nach Saddam Hussein involviert waren. Ob das auch für jene sunnitischen Stämme gilt, die mit den USA kooperierten, um gegen al-Qaida zu kämpfen („Sahwa“, siehe Das große „Erwachen“ im Irak), geht aus dem Bericht nicht deutlich hervor. Dass die Führer der Sahwa-Bewegung in ihrer Verärgerung über Malikis Politik gegenüber den Sunniten die neuesten Entwicklungen nicht ohne Sympathie verfolgen, ist hier zu sehen.

Wie fließend dabei die Abgrenzungen verlaufen, zeigt sich allein schon daran, dass im Bericht der saudischen Zeitung einerseits Teilnehmer des Treffens damit zitiert werden, dass man keine Verbindungen zur ISIS (jetzt IS, siehe ISIL erklärt neues Kalifat für alle Muslime) habe, anderseits aber darauf hingewiesen wird, dass einige der Gruppen an der Seite der ISIS gekämpft hätten, auch wenn sie nun betonten, dass sie keine formellen Verbindungen oder Zugehörigkeiten zur ISIS haben.

Laut einem Bericht der Jordan Times über das Treffen hat man zwar noch keinen Namen für die neue Oppositionskoalition gefunden, aber man habe eine Übereinkunft darüber erzielt, alle „Rebellentruppen“ der Leitung von Armeeführern aus der Regentschaft Saddam Husseins zu unterstellen, um eine „Revolutionäre Nationale Irakische Armee“ zu bilden.

Der Bericht stellt fest, dass die Teilnehmer der Konferenz „keine verbindliche, einheitliche Entscheidung“ über die künftigen Beziehungen zur ISIL treffen konnten. Einflussreiche Stammensführer sollen sich dafür ausgesprochen haben, die Verbindungen zur ISIL zu halten, da diese „über mehr Waffen und finanzielle Unterstützung verfüge als die sunnitische Opposition.

Angeblich sollen der neuen oppositionellen Allianz 90 Prozent der Stämme und Rebellengruppen im Irak angehören. Beschlossen wurde ein nächstes Treffen der „nationalen Konferenz“ in Amman im August, zu dem 1.000 Teilnehmer der irakischen Opposition erwartet werden.

Die Lage im Nahen Osten wird damit nicht unbedingt übersichtlicher, nachdem Jordanien von den USA, Saudi-Arabien und anderen Freunden Syriens schon seit längerem als Basis erkoren wurde (USA und Saudi-Arabien: Mehr Unterstützung für die syrischen Rebellen), um von dort aus den bewaffneten Widerstand gegen Syriens Präsidenten Baschar al-Assad zu unterstützen. Ziel war es, von dort aus, als Gegengewicht zu den Dschihadisten im Norden Syriens, eine Süd-Front-Opposition aus „moderaten“ Kräften aufzubauen.

„IS erobert Stadt in Syrien“

Die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) baut auch in Syrien ihre Herrschaft immer weiter aus. Inzwischen nahmen die Dschihadisten große Teile der strategisch wichtigen Stadt Dair as-Saur ein. Gegen ihre Gegner gehen sie äußerst rücksichtlos vor.

Deutschlandfunk

Die sunnitische Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat die ostsyrische Stadt Dair as-Saur zu einem Großteil unter ihre Kontrolle gebracht. Die Dschihadisten hätten die Kämpfer der rivalisierenden radikalislamischen Al-Nusra-Front – ein Al-Kaida-Ableger – aus ihren Gebieten in der Stadt vertrieben, berichteten sowohl das Syrische Beobachtungszentrum für Menschenrechte als auch die oppositionsnahe syrische Nachrichtenagentur MPA.

Die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz im Euphrat-Tal war vor dem Krieg ein wichtiger Ölumschlagplatz. Sie liegt auf der Route zwischen der IS-Hochburg Al-Rakka und der von den sunnitischen Extremisten in weiten Teilen eroberten westirakischen Provinz Al-Anbar.

„Islamisches Kalifat“ ausgerufen

Mit der Eroberung von mehreren Vierteln von Dair as-Saur habe die Terrorgruppe, die sich früher „Islamischer Staat im Irak und in Großsyrien“ (ISIS) nannte, nun rund 95 Prozent der gleichnamigen ölreichen Provinz Dair as-Saur erobert, erklärten die syrischen Menschenrechtler. Anfang des Monats hatte sie dort bereits das wichtige Ölfeld Al-Omar kampflos von der Al-Nusra-Front übernommen.

IS-Kämpfer kontrollieren in Syrien mittlerweile ein Gebiet, das fünfmal so groß ist wie der Nachbarstaat Libanon. Es reicht von der türkischen Grenze bis zur Grenze zum Irak, wo die Extremisten ebenfalls große Teile im Norden und Westen des Landes beherrschen.

Die Terrorgruppe hatte vor zwei Wochen in den beiden Ländern ein „Islamisches Kalifat“ ausgerufen. Ihr erklärtes Ziel ist der Marsch auf die irakische Hauptstadt Bagdad.

AI: Rücksichtslose Gewalt gegen Gegner und Andersgläubige

Die Organisation geht mit rücksichtsloser Gewalt gegen Gegner und Andersgläubige vor. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International sprach von erschütternden Berichten von Flüchtlingen, die eine Spirale von Morden und Entführungen aus Glaubensgründen unter IS-Kontrolle belegten. In jedem Ort, den IS-Kämpfer eingenommen hätten, seien Menschen entführt worden.

Die Menschenrechtsorganisation kritisierte zugleich die wahllosen Angriffe der irakischen Armee mit Artillerie und aus der Luft, denen auch Dutzende Zivilisten zum Opfer gefallen seien. Alle Seiten in dem Konflikt hätten Kriegsverbrechen begangen und massiv gegen die Menschenrechte verstoßen, so Amnesty International.