Tag-Archiv für 'yemen'

Wir sehen uns…

(streetart aus Kairo)

Ich bin der Engel der Verzweiflung

Mit meinen Händen teile ich den Rausch aus

die Betäubung, das Vergessen, Lust und Qual der Leiber

Meine Rede ist das Schweigen, mein Gesang der Schrei

Im Schatten meiner Flügel wohnt der Schrecken

Meine Hoffnung ist der letzte Atem

Meine Hoffnung ist die erste Schlacht

Ich bin das Messer mit dem der Tote seinen Sarg aufsprengt

Ich bin der sein wird

Mein Flug ist der Aufstand, mein Himmel der Abgrund von morgen

Heiner Müller

Wir machen Schluss. Nach über drei Jahren, über zweihundert selbstrecherchierten, übersetzten, selbstgeschriebenen Artikeln. Nach um die 5000 gespiegelten Artikeln aus linken und mainstream Medien. Leider viel zu häufig aus mainstream Medien, weil es einfach nichts anderes Brauchbares gab.
Häufig waren wir übermüdet und gestresst, manchmal euphorisch, manchmal haben wir geweint. Wir haben um Homs geweint, wir haben um unsere GefährtInnen in Kairo geweint. Wir haben viel zu selten und doch viel zu viel geweint.

Was als allgemeiner Aufbruch begann, der eine ganze Region erschütterte, ist heute…..
Wir sagen nicht, dass wir wissen, was kommt, wir teilen diese Anmaßung nicht.
Mubarak galt als unstürzbar, dann hiess es Assad sitze felsenfest im Sattel, es gebe praktisch keine Oppposition im Lande…
Vielleicht wird die nächste Preiserhöhung in Ägypten das Regime wegfegen, vielleicht wird der neue Pharao Jahrzehnte herrschen.

Wir haben unglaublich viel gelernt – wir sind dankbar dafür. Der linke Kanon ist zu Ende. Viele wollen das nicht sehen, nicht wahrhaben. Die Geschichte der Klassenkämpfe ist fast so alt wie die Menschheit, sie wird andauern, aber entweder wir lassen uns auf das Wagnis ein, uns unbequemen Wahrheiten und Widersprüchen zu stellen oder wir werden wie bockige Kinder am Rande der Geschichte quengeln, da sich die Welt nicht um uns dreht.

Wir sind überrascht, dass immer noch soviele Leute diesen blog nutzen, obwohl die Entwicklung in der Region sowohl in den mainstream Medien als auch in der Linken kaum noch eine Rolle spielt. Das hat uns lange dazu bewogen, den blog weiter zuführen, obwohl wir dadurch zu etwas geworden sind, was wir nie sein wollten: Spezialisten. So haben wir mehrmals den Versuch unternommen, dieses Projekt zu beenden. Dann passierte etwas und wir haben es nicht ausgehalten, nichts dazu zu schreiben.
Jetzt wagen wir den endgültigen Absprung.

Wir danken allen, die uns unterstützt haben. Wir danken unseren GefährtInnen von Kairo bis Soran, dass sie unser Leben so unglaublich bereichert haben. Wir hoffen, ihr vergesst diese Leute auch nicht.

Wir sind weiterhin über unsere Kontaktadresse erreichbar. Der blog bleibt als Archiv bestehen.

Um outro mundo é possível

recherchegruppe aufstand

„Huthi-Rebellen erobern Stadt im Norden des Jemen“

Dutzende Tote bei Kämpfen in Amran

Der Standard

Nach schweren Kämpfen haben schiitische Huthi-Rebellen eigenen Angaben zufolge im Jemen die Provinzhauptstadt Amran unter ihre Kontrolle gebracht. Die Kämpfer der sunnitischen Islah-Partei seien aus dem Ort geflohen, sagte ein Sprecher der Aufständischen.

Armeekreise bestätigten, dass Rebellen einen Militärstützpunkt umzingelt hätten und von umliegenden Gebäuden auf die Soldaten feuerten. Amran liegt rund 50 Kilometer nördlich der Hauptstadt Sanaa.

Kampf um unabhängigen Staat im Norden

Die Huthi-Rebellen hatten sich in den vergangenen Tagen mit jemenitischen Soldaten und Kämpfern der Islah-Partei in der Provinz Amran schwere Kämpfe geliefert. Dabei waren allein am vergangenen Wochenende mehr als 100 Menschen ums Leben gekommen. Viele Bewohner seien geflohen, berichteten jemenitische Medien. Die Lage in Amran sei „katastrophal“.

Zwischen schiitischen Huthis und der Armee kommt es immer wieder zu heftigen Kämpfen, seit die Rebellen im Jahr 2004 einen Aufstand begonnen hatten. Sie wollen für ihre Stammesgebiete im Norden des Landes die Unabhängigkeit erreichen.

„Jemen: Migranten sollen gefoltert werden“

Menschenrechtsorganisation: Schlepper halten sie fest, um Lösegeld zu erpressen – Lokale Beamte sollen ihnen helfen

Der Standard

Schlepper halten afrikanische Migranten im Jemen in Internierungslagern fest und foltern sie, um Lösegelder von ihren Familien zu erpressen. Das geschehe mit Unterstützung lokaler Beamter, kritisiert die Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ (HRW) in einem am Sonntag veröffentlichten Bericht. Manchmal ende die Folter tödlich.

Die jemenitische Regierung solle umfassende Ermittlungen gegen die Menschenhändler und Sicherheitskräfte einleiten, die an den Menschenrechtsverletzungen beteiligt seien, fordert HRW in einer Aussendung.

Der 82-seitige Bericht „Yemen’s Torture Camps‘: Abuse of Migrants by Human Traffickers in a Climate of Impunity“ dokumentiert das Leid der Migranten, die überwiegend aus Ländern am Horn von Afrika stammen und Jemen durchreisen, um in Saudi Arabien zu arbeiten. In der Grenzstadt Haradh, in der Dutzende Lager existieren, und an Kontrollpunkten ermöglichen verschiedene jemenitische Sicherheitsbehörden, dass der Menschenhandel ohne größere Eingriffe der Regierung floriert.

„Die Regierung sieht weg“

„Schlepper halten afrikanische Migranten in ‚Folterlagern‘ fest, um ihren in größter Armut lebenden Familien Geld abzupressen“, sagt Eric Goldstein, stellvertretender Leiter der Abteilung Naher Osten von Human Rights Watch. „Wenn man sich ansieht, wie die Schlepper ihre LKWs im Stadtzentrum von Haradh mit Menschen beladen, dann wird deutlich, dass die Regierung wegsieht.“

Die Menschenhändler haben laut HRW die Lager in der vergangenen Jahren errichtet. Sie greifen Migranten auf, wenn diese mit Booten an der Küste landen, oder „kaufen“ sie von Sicherheitsbeamten oder Militärangehörigen an Kontrollpunkten. Sie verlangen Gebühren von den Migranten mit dem Versprechen, sie nach Saudi Arabien oder in andere Golf-Staaten zu bringen, um dort zu arbeiten. In den Lagern foltern die Schlepper die Migranten, um ihre Verwandten zu Hause oder Freunde, die schon im Ausland arbeiten, zu erpressen.

Beamte warnten vor Razzien

Abgesehen von einigen, von der Regierung angeordneten Razzien im Jahr 2013 hätten die Behörden wenig getan, um den Menschenhandel zu verhindern. Stattdessen haben Beamte Schlepper oft vor Razzien gewarnt, sie nicht strafrechtlich verfolgt und diejenigen wieder freigelassen, die verhaftet wurden. In einigen Fällen hätten sie Menschenhändlern aktiv dabei geholfen, Migranten gefangen zu nehmen und einzusperren.

Human Rights Watch hat 18 männliche Migranten aus Äthiopien und zehn Schlepper und Schmuggler befragt, darüber hinaus Regierungsangehörige, Aktivisten, Diplomaten, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, Mediziner und Journalisten im Zeitraum von Juni 2012 bis März 2014.

Die Migranten berichteten von grauenhaften Misshandlungen in den Lagern. Prügel sind an der Tagesordnung. Ein Mann schilderte, wie ein Schlepper ihm mit einer Wasserflasche ein Auge ausgestochen hat. Einen anderen haben die Menschenhändler an Drähten aufgehängt, die um seine Daumen gewickelt waren. Mit einer Schnur hängten sie eine volle Wasserflasche an seinen Penis. Die Zeugen berichteten auch, dass die Schlepper einige Migrantinnen vergewaltigt hätten, die sich in ihrer Gewalt befanden.

Ein Migrant war sieben Tage lang in einem Schleppercamp gefangen. „Sie haben meine Hände hinter meinen Rücken gebunden und mich auf den Boden gelegt. Dann haben sie mich mit Stöcken geschlagen“, erzählte Said und zeigte die Narben auf seinem Rücken. „Ich habe gesehen, wie die Wachmänner einem Mann ins Gesicht getreten haben, der am Boden lag, sie haben ihm die Zähne ausgetreten.“

Haut mit Eisen gebrandmarkt

Mitarbeiter von Hilfsorganisationen haben Zeichen von Misshandlungen an Migranten festgestellt, die zu den Berichten passen, dass Schlepper Fingernägel ausgerissen, Ohrknorpel verbrannt, Haut mit Eisen gebrandmarkt, Augen ausgestochen und Knochen gebrochen haben. Angestellte des Krankenhauses von Haradh bestätigten, dass sie sehr oft Migranten mit Risswunden behandeln, die durch Vergewaltigungen verursacht werden. Zudem trügen die Migranten Verletzungen, die dadurch enstünden, dass die Betroffenen an ihren Daumen aufgehängt und mit Zigaretten oder geschmolzenem Plastik verbrannt wurden.

Die Folter endet manchmal tödlich. Ein Migrant bezeugte, dass er Schlepper dabei beobachtet hat, wie sie den Penis eines Mannes mit einer Schnur abbanden und mit Holzstöcken auf ihn einschlugen, bis er vor seinen Augen starb. Ein anderer sagte, dass die Menschenhändler zwei Männer aus seiner Gruppe mit Äxten töteten. Schwer verletzte Migranten werden manchmal vor einem Einwanderungszentrum in Haradh abgelegt, das von der Internationalen Organisation für Migration betrieben wird.

Mit der Erpressung der Familien der gefangenen Migranten lässt sich gutes Geld im Jemen machen, das eines der ärmsten Länder im Nahen Osten ist. Migranten schilderteten, dass ihre Familienangehörigen und Freunde für ihre Freilassung Lösegelder in Höhe von umgerechnet 150 Euro bis zu mehr als 700 Euro bezahlt haben. Ein Schmuggler, der mit den Familien über die Lösegelder verhandelt, berichtete, dass er häufig 950 Euro pro Migrant erpressen konnte.

„Jemen: Ohne Aufschwung keine Sicherheit“

Anschläge, Entführungen, Drohnenkrieg: Die Sicherheitslage ist ein Symptom des gescheiterten Übergangs im Jemen. Zu lange wurden wirtschaftlicher Neustart und Kampf gegen Korruption aufgeschoben – und damit falsche Prioritäten gesetzt.

Mareike Transfeld auf zenith online

Seit Anfang Mai hat sich der Kampf gegen Al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel auf die jemenitische Hauptstadt ausgeweitet. Immer wieder geraten Sicherheitskräfte und vermeintliche Anhänger der Terrororganisation in Sanaas Straßen gewaltsam aneinander. Am 9. Mai kamen bei einem Angriff auf zwei Militärcheckpoints in der Nähe des Präsidentenpalastes vier Soldaten der Republikanischen Garden ums Leben. Die Lage bleibt angespannt, die Sicherheitskräfte sind in höchster Alarmbereitschaft.

Die Sicherheitslage in der Hauptstadt hatte sich bereits um den 24. April verschärft, als ein gescheiterter Entführungsversuch zweier Ausländer in einem Friseursalon mit dem Tod zweier bewaffneter Jemeniten endete. Erst blieb die Staatsangehörigkeit der Schützen unbekannt. Gerüchten zufolge soll es sich um Russen gehandelt haben, die die jemenitischen Entführer aus Notwehr erschossen haben sollen.

Erst Wochen später stellte sich heraus, dass es sich bei den Ausländern um zwei US-Amerikaner gehandelt hatte, einen CIA-Agenten und einen Offizier des »Joint Special Operations Command«. Beide Institutionen sind maßgeblich für die US-Drohnenangriffe im Jemen verantwortlich. Den Sicherheitsvorkehrungen der US-Botschaft in Sanaa zufolge hätte sich das Personal nicht außerhalb der Botschaft aufhalten dürfen. Ob neben einem Haarschnitt oder einer Rasur der Ausflug beim Frisör noch einen weiteren Hintergrund hatte, bleibt unklar. Nachdem die Ausländer ihre Entführung verhindern konnten, flohen sie rasch vom Tatort und hinterließen lediglich die Leichen der Angreifer. Mit Kenntnis der jemenitischen Regierung wurden die Amerikaner ausgeflogen. Wenige Tage später folgten zwei separate Angriffe auf ein deutsches Diplomatenfahrzeug und französisches Sicherheitspersonal der EU-Delegation. Ein Franzose kam bei den Angriffen ums Leben.

Die Militäroffensive gegen Al-Qaida rückt den politischen Übergang in den Hintergrund
Die Angriffe sind die Speerspitze einer Gegenoffensive Al-Qaidas. Um den 19. April herum töteten amerikanische Drohnen Dutzende Menschen in den südlichen Provinzen des Jemens, dem Hauptschauplatz des Kampfs gegen Al-Qaida. Bei den Toten soll es sich um Mitglieder der Terrororganisation gehandelt haben, doch waren auch Zivilisten unter den Opfern. Auf die Drohnenangriffe folgte eine massive Militäroffensive der jemenitischen Sicherheitskräfte in Gebieten um Sanaa sowie im südlichen Shabwa. Dabei gewannen die Regierungstruppen auch Kontrolle über Azzan zurück, einer Hochburg Al-Qaidas.

Der Kampf gegen Al-Qaida steht nun im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit im Jemen. Spätestens seit dem im Januar 2014 die »Konferenz des Nationalen Dialogs« abgeschlossen wurde, ist der politische Prozess und damit der Übergang zur Nebensache geworden. Der Nationale Dialog, der von dem Übergangsabkommen des Golfkooperationsrats vorgesehen war, um die Konflikte des Landes zu lösen, konnte seine Ziele nicht erreichen. Nachdem die Konferenz beendet wurde, griffen sowohl die Houthi-Bewegung im Norden des Jemens, als auch die Sezessionsbewegung im Süden weiter zu gewaltsamen Mitteln und Protest, um ihre Forderungen gegenüber der Zentralregierung durchzusetzen. Einen wirklichen nationalen Konsens konnte die Konferenz nicht finden.

Die Erwartungen der Bevölkerung an die Konferenz waren hoch. Zu Beginn der Tagung im März 2013 wurde der Dialog als die letzte Hoffnung für das Land angepriesen: »Dialog oder Bürgerkrieg« implizierte damals eine großangelegte Werbekampagne in den Medien und auf den Straßen. Doch insbesondere bei der Frage des Status der südliche Provinzen, in denen Großteil der Bevölkerung eine Abspaltung von der Zentralgewalt fordert, steuerte das Dialogforum in eine Sackgasse. Der Staat soll nun in sechs föderale Regionen geteilt werden. Eine Lösung, die von der »Bewegung des Südens« abgeleht wurde und weite Teile der Bevölkerung nicht überzeugen konnte. Andere Beschlüsse in den Bereichen Wirtschaft, Bildung oder Gesundheit bedürfen weitreichender Reformen und sind angesichts eines verkrusteten Staatsapparats, Korruption und Patronagenetzwerken innerhalb der gegebenen Institutionen schwer umsetzbar. Dennoch gaben Beobachter und Beteiligte des Nationalen Dialogs die Hoffnung nicht auf und hofften, dass die erzielten Ergebnisse umzusetzen seien.

Im März 2014 wurde die konstitutionelle Kommission gegründet, die auf Grundlage der Konferenzergebnisse eine neue Verfassung schreiben soll. Doch schon jetzt ist abzusehen, dass die wichtigsten Beschlüsse des Dialogforums, etwa das föderale System, in der neuen Verfassung kaum Niederschlag finden. Nach langem Warten und wenige Tage vor dem Treffen der internationalen Gebergemeinschaft am 29. April in London wurde die Gründung einer neuen Institution bekanntgegeben, die die Umsetzung der Konferenzergebnisse beobachten soll – kaum mehr als ein symbolischer Akt.

Es ist eine Frage der Zeit, wie lange sich der Staat seine Angestellten noch leisten kann
Der Übergang im Jemen ist ins Stocken geraten. Durch das Scheitern des Nationalen Dialogs hat der Prozess in der Bevölkerung stark an Legitimität verloren. Sie wartet weiter, aber vergeblich auf spürbare Veränderungen. In der Hauptstadt verschärft sich derweil die Treibstoffkrise. Die Warteschlangen an Tankstellen schlängeln sich kilometerlang durch die Straßen Sanaas. Stromausfälle sind an der Tagesordnung und aufgrund der fragilen Sicherheitslage werden Straßen gesperrt, so dass ganze Stadtteile fast lahm gelegt werden. Auch auf dem Arbeitsmarkt hat der Übergangsprozess keine neuen Impulse gebracht. Als Ergebnis des politischen Konflikts der regierenden Parteien, wurden neue Stellen lediglich vereinzelt im Staatsapparat geschaffen. An der Politikpraxis der Vorgängerregierung unter Ex-Präsident Ali Abdullah Saleh änderten die Nachfolger unter Übergangspräsident Abd Rabbo Mansur Hadi kaum etwas, im Kampf gegen Vetternwirtschaft und Korruption sind Erfolge Fehlanzeige.

Die internationale Gebergemeinschaft zögert nicht nur aus diesem Grund, Entwicklungsgelder fließen zu lassen. Bisher sind erst 35 Prozent der versprochenen Gelder auch tatsächlich ausbezahlt worden. Die wirtschaftliche Entwicklung genoss seit Beginn des Übergangsprozesses eigentlich keine Priorität. Während alle Konzentration auf den Nationalen Dialog gerichtet war, blutete die Staatskasse weiter aus. Es ist eine Frage der Zeit, wie lange sich der Staat seine Angestellten noch leisten kann.

Beim Treffen der sogenannten Freunde des Jemens am 29. April in London hat die internationale Gemeinschaft beschlossen, der Wirtschaft mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Trotzdem halten alle wichtigen Akteure eisern an einem Credo fest: ohne Sicherheit keine Entwicklung. Dieser Ansatz verkennt jedoch, dass die schlechte Wirtschaftslage den Extremisten in die Hände spielt. Junge arbeitslose Männer lassen sich unter diesen Bedingungen leicht rekrutieren. Als Al-Qaida-Kämpfer verdienen sie ein Gehalt. Im Todesfall erhält die Familie Blutgeld und der Gefallene ein anständiges Begräbnis. Die sogenannten Volkskomitees, spätestens seit 2011 ein wichtiger Sicherheitsfaktor in den südlichen Provinzen, fordern eine bessere Bezahlung. In Shabwa etwa verdienen sie lediglich umgerechnet 50 Euro pro Person im Monat. Inzwischen haben die Bürgermilizen hier den Dienst ausgesetzt, bis die Regierung ihren Forderungen nachkommt. Ohne sie, wird es schwer sein, auf der lokalen Ebene Sicherheit herzustellen.

Tote(r) bei riot in einem Internierungslager in Saudi Arabien

In der Stadt Jeddah am Roten Meer ist es zu einem Aufstand in einem Internierungslager gekommen. Mehrere tausend jemenitische Staatsbürger werden dort festgehalten und sollen demnächst abgeschoben werden. Nachdem es zu Zusammenstössen mit den Wachbullen gekommen war, eröffneten diese das Feuer aus scharfen Waffen. Während ein offizieller Sprecher von einem toten Insassen des Internierunsglager sprach, berichten jemenitische Quellen von bis zu 10 Toten.

englischsprachiger Bericht auf Gulf News

Hintergrundberichte: Telepolis, wildcat, IFAMO

„Jemen wird ein Bundesstaat“

Jemen soll eine föderalistische Verfassung erhalten. Doch die vorgesehene Einteilung des Landes ruft Widerspruch hervor und könnte neue Konflikte auslösen.

Jürg Bischoff, Beirut in der NZZ

Die künftige Verfassung Jemens soll einen föderalen Staat schaffen, der aus sechs Teilstaaten und dem Hauptstadtbezirk von Sanaa besteht. Diesen Beschluss hat der jemenitische Übergangspräsident Abedrabbu Mansur Hadi, wie kurz berichtet, am Montag bekanntgegeben. Nun, da dieser Punkt geklärt ist, kann Hadi ein Gremium einsetzen, das die Verfassung aufgrund der im eben abgeschlossenen nationalen Dialog beschlossenen Richtlinien ausformuliert. Doch haben separatistische Anführer in Südjemen und die im Norden des Landes dominanten Huthi-Rebellen bereits Widerstand gegen die neue Staatsform angekündigt.

Verfemter Zentralismus
Die korrupte Herrschaft des Anfang 2012 gestürzten Präsidenten Ali Abdallah Saleh hatte im ganzen Land eine starke Ablehnung des Zentralismus hinterlassen. Die Clique des Präsidenten und die Bürokraten in der Hauptstadt erschienen als Parasiten, die sich auf Kosten der Provinzen bereicherten und diesen die wirtschaftliche Entwicklung vorenthielten. Dezentralisierung und grössere Autonomie für die Regionen war deshalb nach Salehs Sturz ein von vielen verfochtenes Postulat.

Doch im nationalen Dialog, der die zukünftige Staatsform Jemens entwerfen sollte, prallten die Meinungen aufeinander. Eine Minderheit lehnte den Föderalismus als Spaltpilz für Jemen ab, während eine Mehrheit darin gerade ein Mittel sah, den drohenden Zerfall des Landes aufzufangen. Um dem südjemenitischen Separatismus den Wind aus den Segeln zu nehmen, wurde etwa die Aufteilung des Landes in zwei gleichberechtigte Regionen im Norden und Süden vorgeschlagen. Viele Südjemeniten boykottierten allerdings den nationalen Dialog, weil sie nicht über einen Kompromiss mit dem Norden, sondern nur über ihre vollständige Unabhängigkeit verhandeln wollten.

Nach dem Sturz Salehs meldete nicht nur Südjemen Autonomieansprüche an. Auch in Hadramaut im Osten und in der Tihama, dem verarmten Küstenstreifen entlang des Roten Meers, ertönten Rufe nach Selbstbestimmung. Im Norden hatte die Erweckungsbewegung der Huthis, Anhänger eines zaiditischen Imams, schon unter Saleh sechs Kriege geführt, um Sanaa zu zwingen, ihre Forderung nach wirtschaftlicher Entwicklung und kulturell-religiöser Selbstbestimmung zu erfüllen. In den letzten Monaten sind die Huthis in einem neuen Feldzug auf die Hauptstadt vorgestossen und befinden sich heute nur noch 40 Kilometer von ihr entfernt.

Kritik aus der Peripherie
Das nun angenommene Modell erscheint insofern als salomonische Lösung, als das Land nicht in zwei Teile aufgespalten wird und bisher marginalisierte Regionen wie Tihama und Hadramaut ein grösseres Mass an Selbständigkeit erhalten. Sanaa als Hauptstadt und Aden – einst britische Kronkolonie und Knotenpunkt der Schifffahrt zwischen Indien, Afrika und Europa – erhalten einen speziellen Status. Andererseits sagt die Einteilung nichts über die Verteilung der Ressourcen unter den Regionen aus.

Diesen wunden Punkt spricht ein Sprecher der Huthi an, der den Widerstand seiner Gruppe damit erklärte, dass die angestrebte Lösung das Land in arme und reiche Regionen unterteile. Dies dürfte auch mit ein Grund für die Ablehnung südjemenitischer Politiker sein, die mit der Abtrennung Hadramauts dessen Ölreichtum aus ihrem erträumten Staat entschwinden sehen. Ein weiterer Vorwurf der Huthis lautet, die vorgesehene Einteilung des Landes zerschneide historische, kulturelle und wirtschaftliche Bande und sei deshalb abzulehnen. Dieses Argument dürfte nicht nur im Norden, sondern auch im Süden und Osten weitere Konflikte hervorrufen und könnte die Gewalt im Lande weiter anheizen.

Demo in Sana‘a

taz

Demo: „Revolution gegen Korruption“

Mehrere tausend Demonstranten haben im Jemen den Rücktritt der Übergangsregierung von Ministerpräsident Mohammed Salim Basindawa gefordert. Sie trugen am Dienstag große jemenitische Fahnen und Plakate mit der Aufschrift „Revolution gegen die Korruption“ durch die Straßen der Hauptstadt Sanaa. Für ihre Protestaktion hatten sie bewusst den 3. Jahrestag des Beginns der Proteste gegen den damaligen Präsidenten Ali Abdullah Salih in der Stadt Tais gewählt. Dieser war 2012 zurückgetrreten

Anmerkung rg: Video von der Demo in Sana‘a

„Verteidigungsministerium in Jemen angegriffen“

NZZ

Bei einem Anschlag von Extremisten auf das jemenitische Verteidigungsministerium sind Dutzende getötet worden. Unter den Opfern sind auch Ärzte und Patienten eines Militärspitals, das auf dem Gelände des Ministeriums liegt.

Al-Kaida-Methode
Ein Selbstmordattentäter drang mit einem mit Sprengstoff beladenen Auto in den Komplex im Zentrum der Hauptstadt Sanaa ein. Die mit Armeeuniformen bekleideten Insassen eines zweiten Wagens hätten dann im Innern des Gebäudekomplexes das Feuer eröffnet, sagte ein Vertreter der Sicherheitskräfte am Donnerstag gegenüber der Nachrichtenagentur AFP.

Wie ein anderer Vertreter der Sicherheitskräfte sagte, gelang es den Angreifern, bis zu einem Militärspital und zu zwei weiteren Gebäuden auf dem Gelände vorzudringen. Über dem Verteidigungsministerium stieg nach der Explosion dichter Rauch auf, der gesamte Komplex wurde abgeriegelt.

Das Vorgehen der Attentäter erinnert an eine häufig vom Terrornetzwerk Kaida eingesetzte Strategie. Das Ministerium erklärte auf seiner Website, die Lage in dem Gebäudekomplex sei wieder unter Kontrolle. Der Verteidigungsminister Mohammed Nasser hält sich derzeit mit einer Delegation in den USA auf.

Gezielt Personal getötet
Zunächst war von mindestens 20 Toten die Rede gewesen. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen erlagen einige der Verwundeten jedoch in einem Spital ihren Verletzungen, so dass die Zahl der Toten auf mindestens 25 stieg. Lokale Medien meldeten unter Berufung auf Spitalärzte, bei dem Angriff seien im al-Awadi-Militärspital gezielt mehrere Ärzte, Krankenschwestern und Patienten getötet worden. Dutzende von Personen seien verletzt worden.

Ein 90-jähriger Bruder von Jemens Staatschef Abedrabbu Mansur al-Hadi, der in der Klinik behandelt wurde, überlebte demnach die Attacke. Nach Angaben des Staatsfernsehens machte sich der Präsident persönlich, gemeinsam mit seinen Sicherheitsberatern, ein Bild vom Tatort. Hadi habe Ermittlungen angeordnet, erste Ergebnisse würden innerhalb von 24 Stunden vorgelegt. Laut dem Bericht machten sich die Attentäter Bauarbeiten an der westlichen Einfahrt zu dem Gelände zunutze.

„Zwischen Dialog und Kampf: Die Huthis im Jemen“

Gudrun Harrer im Standard

Im Jemen stellt der jüngste Gewaltausbruch im Norden des Landes, wo Huthi-Kämpfer die Stadt Dammaj belagern und beschießen, nicht nur frühere Waffenstillstandsabkommen in der Region Saada in Frage, sondern den ganzen Prozess der nationalen Versöhnung: Die National Dialogue Conference (NDC) sollte ja bereits im September nach sechsmonatiger Tagungszeit zum Abschluss kommen. Eines ihrer Resultate muss die Einigung auf die Richtlinien für eine Verfassung sein, in der sich die mit dem Zentralstaat unzufriedenen Gruppen und Regionen wiederfinden. Neben der sezessionistischen Bewegung des Südens sind das eben die Huthis, die 2004 gegen die Hauptstadt Sanaa die Waffen ergriffen – und die nach dem Rücktritt von Langzeitpräsident Ali Abdullah Saleh 2012 gelobten, den Konflikt innerhalb der NDC zu lösen. Die jüngste Eskalation könnte nun, auch wenn sich nicht wie früher Huthis und der jemenitische Staat gegenüberstehen, alles gefährden.

Der „Huthi-Aufstand“ ist nach Hussein Badreddin Huthi benannt, einem zaiditischen religiösen und politischen Führer, der im Juni 2004 seinen Clan und eine erweiterte Anhängerschaft zu Demonstrationen gegen die Saleh-Regierung aufrief. Die brutale Repression der Proteste rief umso heftigere Reaktionen der Huthis hervor, die sich bald zu einem Aufstand auswuchsen. Eines der aktuellen Themen war die Kooperation des Jemen mit den USA im „war on terror“ nach 9/11 und die amerikanische Irak-Invasion 2003, aber die Huthi-Rebellion ist wohl ein klassischer Konflikt zwischen einer marginalisierter, unter Druck geratener Peripherie und einem schwachen Zentralstaat. Hussein Badreddin Huthi wurde im September 2004 von Regierungstruppen getötet, der Aufstand wurde von seinen Brüdern fortgeführt. Eine der vertrauensbildenden Maßnahmen innerhalb des Nationalen Dialoges war übrigens im Juni 2013, dass die Behörden die sterblichen Überreste Hussein Badreddins an die Huthis übergaben.

Da es sich bei den Zaiditen, zu denen die Huthis gehören, um eine schiitische Untergruppe handelt, wurde von Beginn an der Iran beschuldigt, hinter dem Aufstand zu stecken: Mit den Huthis wolle Teheran eine „Hisbollah auf der Arabischen Halbinsel“ gründen, die gegen die Interessen der sunnitischen Mehrheitsbevölkerung arbeite und sich mit anderen Schiiten in der Region kurzschließen werde. Dieser Vorwurf kam nicht nur von der jemenitischen Regierung, sondern vor allem aus Saudi-Arabien, das im November 2009 auch kurzfristig militärisch in den Konflikt eingriff, als es zu grenzübergreifenden Attacken der Huthis kam. 2013 nahm Saudi-Arabien seine Jahre zuvor abgebrochenen Arbeiten an einem Sicherheitszaun entlang der Grenze zum Jemen wieder auf.

Schiiten sind nicht gleich Schiiten
Die Zaiditen sind in der Tat Schiiten, aber so genannte 5er-Schiiten – im Kontrast zu der größten Gruppe, den 12er-Schiiten, mit ihren zwölf Imamen. Die einfache Version der Geschichte geht so: Die ersten vier Imame in der Reihe, die mit Ali, dem Cousin und Schwiegersohn des Propheten, beginnt, haben 5er- und 12er-Schiiten gemeinsam, in der Nachfolge des 4. Imam Ali Zain al-Abidin (der bei den 5ern nicht den gleichen hohen Rang hat wie die ersten drei) gab es jedoch eine Spaltung: Die (späteren) 12er-Schiiten folgen Alis Sohn Mohammed al-Baqir, die 5er dessen Sohn Zaid, der der Richtung ihren Namen gab. Die Zaiditen gründeten mehrere Dynastie, unter anderem im Nordjemen ein Königreich, wo sie bis zur Revolution 1962 an der Macht waren. Dogmatisch stehen sie den Sunniten näher als den 12er-Schiiten, was von ihren Gegnern aber beharrlich ignoriert (oder nicht einmal gewusst) wird.

Nach der Ausrufung der Republik im Nordjemen bekämpften die Zaiditen beziehungsweise die Loyalisten in einem achtjährigen Bürgerkrieg die neue Ordnung (übrigens am Anfang mit Unterstützung Saudi-Arabiens, während Ägypten aufseiten der Republikaner kämpfte). Nach Kriegsende wurde die Provinz Saada von Sanaa vernachlässigt – und noch mehr nach der Wiedervereinigung von Nord- und Südjemen im Jahr 1990, als sich die Zentralregierung bald in einem sezessionistischen Krieg mit dem Süden wiederfand.

Wahhabitischer Druck
Dazu kam aber auch der zunehmende konfessionelle Druck: Durch die massive Ausbreitung des puristischen salafistischen Wahhabismus von Saudi-Arabien aus wurden die Zaiditen plötzlich, was früher nicht so der Fall war, quasi als minderwertige Muslime, wenn überhaupt, betrachtet. Was die Stadt Dammaj, die von den Huthis in den vergangenen Wochen beschossen wird, dabei für eine Rolle spielt, schildert der Journalist Theo Padnos in seinem Buch „Undercover Muslim: A Journey into Yemen“: Dort, in seinem Heimatort, hatte in den 1980er Jahren einer der spirituellen Väter jener Fanatiker Unterschlupf gefunden, die 1979 die Große Moschee in Mekka besetzt hatten. Muqbil al-Wadi gründete in Dammaj eine kleine salafistische Schule, die nach 9/11 so richtig zu boomen begann. Auch viele Islamisten aus dem Westen lassen sich demnach dort ausbilden. So wurde Dammaj mit seinem „Dar al-Hadith“ (Haus der Überlieferung – gemeint sind die überlieferten Sprüche des Propheten Mohammed) zu einer salafistischen Hochburg – und es war nur eine Frage der Zeit, bis die Studenten auch in die Kämpfe gegen die Huthis involviert waren. Die Huthis sind für sie, wie alle Schiiten, „Rafidah“, Ablehner des Islam.

Bei den Salafisten denkt man automatisch an den Export aus Saudi-Arabien, aber die Sache ist weit komplizierter als das: Gerade wegen dieser militanten Gruppen – und dem Waffenhandel zwischen ihnen – hatte Saudi-Arabien ja ursprünglich seinen Grenzzaun zu bauen begonnen. Diese Salafisten gelten sozusagen als Muslimbrüder-infiziert, das heißt mit umstürzlerischem, revolutionärem Potenzial gegen die herrschende Ordnung. Das sieht man weder in Riad noch in Sanaa gerne – was wiederum helfen könnte, den jemenitischen Nationalen Dialog doch noch zu retten, denn, wie gesagt, die Huthis kämpfen diesmal nicht gegen Regierungstruppen, sondern gegen diese Gruppen.

Autonomie für die Zaiditen
Allerdings liegt auch auf der Hand, dass Saudi-Arabien einiges daran liegt, um eine Art autonomes Huthi-Gebiet an seiner Grenze zu verhindern: Für Riad ist das ein von Teheran gesponsertes Komplott, und vor allem könnten auch die saudi-arabischen Schiiten im Osten des Landes auf die Idee kommen, ihnen stünde mehr Autonomie zu. Aber natürlich wären zumindest föderalistische Ansätze für den Jemen nötig, will man die Huthis und den Süden befrieden.

Vielleicht ist die derzeitige Eskalation sogar mit der Hoffnung der Huthis auf einen Durchbruch im Nationalen Dialog verbunden: Die Huthis, die die Provinz Saada weitgehend kontrollieren, wollen den salafistischen Stützpunkt in ihrem Gebiet in Dammaj ein für alle Mal ausmerzen. Auf die Zivilbevölkerung in der Stadt, die wie schon Ende 2011 wieder von jeder Hilfe abgeschnitten unter Belagerung und Beschuss liegt, wird dabei keine Rücksicht genommen. Der Uno-Sondergesandte für den Jemen, Jamal Benomar, konnte zwar vor einer Woche eine Waffenruhe erwirken, um Hilfe nach Dammaj zu bringen und Verletzte zu evakuieren, aber dieser Waffenstillstand bröckelte von der Stunde an, in der er geschlossen wurde. Und die Spillover-Gefahr in andere Gebiete ist groß.

Murad Sobay erinnert an Verschwundene im Yemen

Dana Schülbe in der Rheinischen Post

Er will nicht mit dem britischen Graffiti-Künstler Banksy verglichen werden, und dennoch erinnern seine Werke an ihn: Murad Sobay aus dem Jemen. Der 26-Jährige nutzt Street Art, um Zeichen in seinem Land zu setzen. Sein jüngstes Projekt: Auf Wände gemalte Porträts von verschwunden politischen Gefangenen. Nicht allen im Jemen gefällt das.

Es war im Jahr 2011, als im Zuge des Arabischen Frühlings auch im Jemen Tausende auf die Straße gingen, um gegen das Regime zu protestieren. Immer wieder ging die Polizei mit Gewalt gegen die Demonstranten vor, hunderte Menschen starben. Oppositionelle wurden verhaftet, von manch einem hat man nie wieder etwas gehört. Doch nicht nur während der Proteste 2011 verschwanden politische Gefangene, von einigen haben die Familien 30, 40 Jahre nichts gehört.

Genau das ist Murad Sobay aufgestoßen. Und so hat er sein jüngstes Kunstprojekt jenen seit Jahren Vermissten gewidmet. An einer Mauer an der Universität von Sanaa sind die Gesichter von 16 Menschen aufgemalt, daneben der Name und das Jahr des Verschwindens – in Englisch und Arabisch. „The Wall Remember Faces“ heißt das Projekt, wie der britische „Guardian“ schreibt.

Die Mauer als Ort der Inspiration

Sobay sagte der Zeitung dazu: „Die Bedeutung des Wortes ‚Mauer‘ hat sich geändert. Eine Mauer war ein Gefängnis, eine Barriere – jetzt ist er eine Möglichkeit, sich selbst auszudrücken, eine Mauer der Inspiration.“ Die Mauer, so der Künstler weiter, halte die Erinnerung an die verschwundenen politischen Gefangenen viel besser fest, als es die Menschen könnten.

Auf die Idee zu dem Projekt sei er 2007 gekommen, nachdem er einen Artikel über die Vermissten in einer Zeitung gelesen habe, erzählte er der „Yemen Times“. Es habe ihn erstaunt, dass es die Gruppe der Verschollenen gebe, die im normalen Alltag und seinen Problemen nicht registriert würden. Sein Projekt selbst, so sagte er der Zeitung, sei ein humanitäres, das nichts mit einer politischen Partei zu tun habe.

Und dennoch weiß auch Sobay, dass seine Bilder nicht überall im Jemen gut ankommen. Manche werden einfach übermalt. „Die Menschen, die die Bilder verunstalten, gestehen damit ein, dass sie die Wahrheit verstecken wollen“, sagte er der „Yemen Times“. „Sie können es nicht ertragen, jedesmal auf die Gesichter ihrer Opfer zu schauen, wenn sie daran vorbeigehen.“ Und so überpinselten sie die Bilder lieber, in der Annahme, dahinter die Wahrheit verstecken zu können. Aber damit lägen sie falsch, denn jedes Mal, wenn ein Bild übermalt werde, entstehe es an anderer Stelle neu.

Von Journalisten bis zu Oppositionellen

Von den Familien der Betroffenen habe er allerdings gute Reaktionen bekommen. „Sie kamen in der Zeit, als wir an die Wände malten und gaben uns detaillierte Informationen über die Vermissten. Und so sind jetzt in Sanaa und anderen Städten die Porträts von Aktivisten, Oppositionellen, Journalisten oder Soldaten zu sehen, von denen nie wieder jemand etwas gehört hat.

„The Wall Rember Faces“ ist nicht das erste Street-Art-Projekt, mit dem Sobay im Jemen für Gesprächsstoff sorgt. So hat er bereits eine Kampagne mit dem Namen „Colour the Wall of Your Street“ initiiert, um Gebiete zu verschönern, die durch die Zusammenstöße 2011 zerstört worden waren.

„Street Art“, so fasst es der Künstler selbst zusammen, „hat die beeindruckende Möglichkeit, einen Aspekt für einen Augenblick herauszuheben.“ Er brauche keine stundenlange Lektüre, um Dinge wie das Sektierertum zu erklären, sondern nur den Bruchteil einer Sekunde.